Erinnerung, Erinnye

Erinnerung: als wollte etwas nicht verbrennen, wenn das Gedächtnismeer
in Flammen steht. Als wäre mein Vater ein Brandschiff, die Decks voll Dynamit, und meine Mutter gießt in jede erste Schenke ihr Benzin. Wohin ich fahre, ist der Hafen immer Schutt und Asche lang, verbrannt im aller-
wundergelbsten Sonnenuntergang. Erinnye.

Erinnerung: ich kaute Fingernägel, dabei aber eigentlich Gedanken. Ich hatte nachts nicht bloß die Angst, ich hatte allen Grund, mir vorzustellen, vor dem Bett, in meinem Rücken, steht ein Mann. Und wenn ich mitten am Tag vor mir wieder den Brennenden sah, wusste ich immer schon lange Zeit vorher, wann es geschah. Erinnye.

Erinnerung: als ginge kurz nach Mitternacht die Sonne auf. Wir fuhren mit dem Käfer langsam auf den Unfall zu. A 7, Wagen brannten, nichts war abgesperrt, und in dem einen sitzt am Steuer einer und verbrennt. Und meine Mutter sagte in dem Hitzeschein: Du siehst da gar nicht hin, du siehst nur mich und was ich bin. Erinnye.

Nach einer Runde um die Sonne. Gedicht

An den offen stehenden Fenstern
  des Hotels Goldener Oktober,
gegenüber Kohlenmonoxidbirken
  und zwischen Schulflachbau,
Fernsehturmspitze und Sternen,
  ist da noch immer dieser Kern
an einem Abend anscheinend
  lebensvoll, nur völlig stumm,
auf dem Weg durch eine Nacht
  nach einer Runde um die Sonne.

Inmitten simulierten Miteinanders
  pulsen da weiter Golgi-Apparat,
endoplasmatisches Retikulum,
  Auffaltung, Instandhaltung
eines Tons und innigen Rests
  beständig vertrauter Stimme
im Birkenblättergerassel und
  blassen bleibenden Funkeln
auf dem Weg durch eine Nacht
  nach einer Runde um die Sonne.

Ob, wann, wo und wie

1
Sie schreibt dir früh, sie habe dich
   lieb. Du wirst davon wach, erkennst
wieder: Bäckerei, das Licht. Rauchend
    stehen Frauen in den Hauseingängen,
reden, lachen, und der Regen friert, es
    schneit, es wächst dir dein Gesicht.
Die Nacht siehst du und verschwimmen
    die Straße, die Lichter, einen Lösch-
zugeinsatz gegen sechs. Brennendes
    Verlangen nach Talk Talk im Morgen-
dröhnen. Nach Zimmerwind. Und dass
    der neue Tag mit ihrer Stimme beginnt.

2
In den Fenstern siehst du Lichter
    oder Leute, vereinzelt, fremd, die
sich fit halten, da unbeirrt glauben
    an Instandhaltung, die Haltbarkeit.
Das Mädchen mit dem Dutt nimmt
    die Brüste in die Hände und hüpft;
mit den beiden Huskys streicht der
    Maharadscha vorbei. Der Schnee,
verharscht. Zum 55. Mal 21. Februar.
    Die Stadt sinkt in die Stille ein, die
Tatenlosigkeit. In Nachtfrost. Warte
    auf kein Wunder mehr. Lass sein.

3
Was der Harsch meint: Da liegen
    Schneereste auf den Lichtungen.
Was die Hand des Nachbarjungen
    in den Schnee schreibt auf deiner
Motorhaube: Thanks Mister Winter.
    Was du wissen solltest: Unlenkbar
alles Glück. Es kommt, es geht vorbei.
    Bei Flockentreiben bleibt innen die
Stimme, die immer schon zu dir sagt:
    Hast du noch Lieder, dann sing sie
wem vor. Horch auf das Ticken im aus-
    kühlenden Motor: Sei Ticken und Ohr.

4
Fern: das Dorf im Luberon, das alte
    Haus mit den blauesten Fenstern,
mitten im Ort, unter dem Kirchlein,
    mit Blick von der Terrasse ins Tal,
mitten im Feigenduften. Manchmal
    scheucht der Mistral das Nichtfest-
genagelte die Straße hinunter. Nah:
    Kinder, Geister, unermüdlich Spiel.
Im Licht versteckt sich die Eidechse,
    der Parkplatzoleander schneit. Näher
als nah: sie und ihr Löwinnenverstehen
    aller Zweifel, ob, wann, wo und wie.

Kein Lied

Wohin unterwegs du warst
– unbekannt. Ich kenne
deinen Tagesbefehl
nicht, nur den Tag,
kein Lied, das
du gesungen hast,
vielleicht sogar gegrölt
aus vollem Hals und vor
lauter Heldenshit. Ich weiß
von keinem Schimmer Licht,
in dem du lagst. Froh? War da
ein Duft? Stiller Augenblick. So.
Licht. Ferne Geräusche, fremd.
Hat dich wer liebgehabt? Wer
war das? Eh die Geschosse
kamen, und immer näher,
bevor es die Granate
zerriss, die Stille
zersplitterte
und du
mit.

Zerlegung des Zerberus

Entsorgen wollen sie mich, meine Lieben,
wie ihre Mutter unseren Hund – nein, das
weiß nur noch ich. Ein gelber Collie-Mix,
der so treu war, dass er mir des Öfteren
zu weinen schien. Jetzt verstehe ich ihn.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Natürlich, seinen Vater soll man zerstören.
Meiner, der schlug einmal meinem Hund
fluchend mit der flachen Hand aufs Maul,
weswegen ich nie wieder ein Wort mit ihm
sprach. Er ist tot, und ich gebe nicht nach.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Innigkeit fällt uns nicht zu, sie hat triftige
Gründe, aber einen Anspruch auf Liebe
niemand. Doch ist jeder ihrer wert, jeder
Hund, der treu war, nicht bissig, nur nicht
beliebt. Gut, wenn es ihn nicht mehr gibt.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Tegernsee. Reprise

Die einzige Hostie deines Lebens schmolz
    auf deiner Zunge in dieser Bauernkirche.
Deine Jüngste bestaunt die Einritzungen
    im Geländer der Empore: Gleichaltrige
schickten ihr Nachrichten, vom Juli 1759.
    Tölz, Isarhochwasser, und das Spaßbad,
du hast da schwimmen gelernt, abgerissen.

Regenfälle, als versuchten die Berghänge
    flüssig zu werden. Es schwemmt sie weg,
deine Wurzeln, und: Du hast eh nichts mehr
    zu suchen hier, du Spross einer Gegend.
Hirschwirtkind. Du Umbruchsohn. Du Leser
    leerer Schatten, von singbarem Schwund.
Und jedes Und ein Grund zur Versöhnung.

Leere

Die Leere in den Bibliotheken, in den Gärten, in Schulen: die Leere
   an der See, im silbernen Licht, die leeren Straßen, Märkte. Die Leere
in den Gesichtern, in den Sätzen, den Bergen, die Leere der Sainte-
   Victoire in den Zügen, im Schnee. Die Leere in den Träumen: Leere.
In den Liebesbekundungen, in den Klubs, Mails, Wolken, Stadien: die
    Leere. Am Himmel die Leere, auf den Wegen, in den Innenstädten,
den Schwimmbädern: Leere, wo ich stehe, wohin ich gehe, woher
    du kommst. Aus deiner Leere in meine. Die leeren Versprechungen,
Erinnerungen, die Leere im Wind, in den kahlen Bäumen, Lokalen,
    Perspektiven, Phrasen, Grünflächen: die Leere der hohlen Gesten.
Die Leere des Blicks da im Spiegel, in den Spielen der Kids und in
       den Kirchen, im Bus: die Leere, die leer ist, nichts weiter, nur leer.

Louisenthal

Es war bestimmt in diesem einen Sommer,
als nicht sehr weit entfernt die Olympiade
in München stattfand, die nur Spiele hieß
und deren Frohsinn auseinanderbrach
in Schrecken, Starre, einen Schock bis heute,
ja, Sommer 1972
wird es gewesen sein, als Josef Spagl
mir, ich war sieben, eines Abends zeigte,
wie man sich seine Schuhe band: zwei Schleifen,
zwei spitze Finger und – er sagte „Obacht!
Jetzt kummt, worauf’s fei akummt, schau guat hi!“ –
den einen, mir stets Wunderblitzmoment,
in dem der Daumen beide Senkelschlingen
nicht mehr bloß festdrückt, sondern tätig wird
zusammen mit dem Zeigefinger und
sie durchzieht, straffzieht und den Knoten knüpft
wie aus dem Nichts materialisiert,
ganz wie der Spaglsepp noch zu mir meinte:
„Dood is ned fester, klaaner Mo!“ – nein, denn
der Tod bringt alles, nur sich selbst nicht um.

Und mein Erinnern nicht. Dass nichts verschwindet,
bloß sich verlagert – nur wohin? –, wie kommt
Proust auf so etwas? Josef Spagl, da
schon, schien mir, 90, war der liebste Gast
im Wirtshaus meiner Großeltern in Gmund,
nein in Louisenthal am Tegernsee,
aus dem, vorbei an Gmund, die Mangfall fließt,
an deren Ufer unser Gasthof stand
in jenem schwarzen Sommer ’72.
War er in der Papierfabrik beschäftigt?
Ich seh den Sepp noch vor mir unverändert
groß, hager, traurig, freundlich, und besonders
entsinn ich mich des Goggos, seines Autos,
mit dem er kam, um so darauszuklettern,
dass gar nicht vorstellbar schien, wie ein Mensch
von seiner Länge darin Platz hat finden,
ja um den See dies Ding hat finden können
bis nach Louisenthal, zu mir und Opi.
Der liebte ihn. Und spielte oft ein Stück
auf dem Akkordeon für den Sepp, bloß ihn.

Das Lied hieß Allwei bist mei längsta Freind.
Was zu verschwinden heißt, was Wiederfinden,
erklärte mir der Spaglsepp mit zwei
Fetzchen Papier, geklebt mit Spucke auf
zwei Fingernägel – Hänselchen und Gretl –,
erklärte mir den Leonidenregen
und wann ihn das Akkordeon weinen ließ.
Im Sommer, als wir alle endlich weinten –
vielleicht im Wissen, welche Zeit begann –,
starb in derselben Woche wie in München
die elf Athleten eine Schülerin
aus meiner Klasse, die in Point
ein Laster überfuhr. Vergessen, wie
sie hieß, besuchte ich vor ein paar Jahren
in Gmund den St. Ägidius-Kirchhof und,
als ich schon wieder gehen wollte, sah
auf einmal Josef Spagls Grabstein dort
an einer Mauer lehnen, hinter der
ich in die Schule ging. Der Tod ist nichts,
das je zu trennen uns vermag, mein Freund.

Edenkoben

Phänomenale Simulationsentlarvung
durch die Grünfinken. Es gibt sie noch,
die helle Pracht im Bronzenen und im
Silbernen und im Goldenen Oktober.
Im Garten Edenkoben ja. Die Äpfel
rollen ins Gras, das sie davon abhält,
weiter zu stürzen, weiter zur Erdmitte.
Ich gehe in der Fliegenmansarde unter
dem Dach umher, Stubenfliegenrettung,
damit nicht alles sterben muss im Licht
der ausgesperrten Sonne.
                                                Die Fenster
sind verschließbare Öffnungen in Tag
und Tod. Nachts leuchtet der Regen.
Nichts leuchtet nachts wie Regen
aus dem Weinberg herauf, Regen,
der nach Riesling duftet. Die Bläue
ist groß, das Gras aber grüner, weil
ich es so will. Ich werde umziehen
ins Grünfinkenzimmer. Ich werde
die Unwirklichkeit abschütteln mit
einem Bussard als bestem Freund.

Für Ernest Wichner

Skorpion

Er trägt auf dem Rücken als Zeichnung
  ein einzelnes, blinzelndes, bewimpertes
Auge. Was es eräugt, fliegende, fliehende
  Beute, frisst er nicht. Er kann warten,
    wie Hitze, Gott warten. Er lähmt, zerrt
  alles Wände hoch in Staubwinkel. Im Stillen,
für dich, in deiner Stachelsprache, nenn ihn
  Mensch. Nur sprich das Wort nicht aus.

Für Andreas Altmann

Haus für Ritsos

Den uralten Pfad hinauf. Nur Schotter.
Und entlang dann, dann hindurch unter
Strauchwerk, scharf, stachlig, immergrün.
Alles war bewaffnet, Jannis, wie wir da
kampflustig so zur Kapelle hinanstiegen.
Thymian, Lavendel. Salbei. Phönizischer
Wacholder im Sommerradau der Zikaden.
Unbeugsam der Widerstand, unerbittlich
wie die Sonne die Schattenbemühungen
verhärteter Früchte und was der Ilex lehrt,
wenn das Licht ihn malträtiert: Wahr werden
alle Färbungen von allem, das aufbegehrt
und dabei doch gerechtbleibt wie die Grille,
die Eule. „Nichts“, so du da oben, „ist härter.“

Weißt du noch? Drei Tage lang hatten wir
bei Dauerregen alles alte Holz vom Keller
ins Haus geschleppt, zerkloppt und im Kamin
verfeuert. Unser Qualm, Jannis, quoll fabelhaft
über das Dach. Wolken wurden das Laufgitter
meiner Liebsten, Stühle, Rahmen, ein Sessel
und die alte, halbe Gute Frau von Forcalquier.
Vorbei an der Kapelle, in deren glaslose Fenster
Kinder mit dem Mistral riefen – drei Gespenster –,
stiegen wir zum Schloss hinauf. Weißt du noch,
der Trümmergipfel seit fast tausend Jahren?
„Ich bin zu lang schon tot. Und Griechenland,
mein Hellas ist verbrannt“, so da oben du.
Das Laufgitter meiner Liebsten, Stühle, Rahmen …

alles sah ich unter Kiefern, wie neu, da oben stehen.

Es war dein Haus. Nur die Tür und alle Fenster fehlten.

Elligersweg

Auszug

(…)

Bücher an die Straße gepackt,
auf die violette Backsteinmauer,
die in wärmeren Nächten immer
dieser junge Igel langtigert: Marx,
Manifest, Uhland, Gedichte, 1984
mit den Anstreichungen von 1984.
Ottmar Elliger d. Ä., Die Stillleben.
Ottmar Elliger d. J., Die Stillleben.

Irgendwann findet jemand heraus,
nicht nur alle Gemälde der beiden
malte der Sohn, er erfand einfach
den Vater, er wurde sein eigener!
Oscar Wilde liegt keine Minute da.
Der Gärtner hat einen dottergelben
laubbläserartig röhrenden Rollator,
an Don Quijote aber kein Interesse.

Auf Mascha Kaléko sitzt ein Sperling.
Während sich die Zimmer leeren und
in Kisten wandert ausnahmslos alles.
Ensemble schließt das alte Kapitel.
Das zitierte ist das wahre Leben,
die letzte unleserliche Schrift
Staub aus vier Sommern,
vier Sommer lang Staub.

(…)

Der Sommer mit Strindberg

Als ich Strindberg las, waren alle Bäume
anders. Umschlossen von glasigem Licht,
wirkte jeder beschützt. Er verwahrte sich.
Nachmittage lang lief ich mit den Hunden
über die Felder und an Waldrändern hin,
Hohlwege, durch die ich träumend ging,
und immer Überraschung: Wolkenbruch;
offene Scheune; verschwundenes Moos.
Die Hunde waren beide schwarz, liebten
einander, rangelten, lösten jedes Rätsel
verschieden. Sie kannten alle stärkeren
Äste auswendig, und was sie rochen, ja
war ein Zeichen: Minutenlang sahen sie
gedankenversunken in die Baumkronen.
Strindberg rief einmal einem Kritiker zu:
„Warten Sie, bis ich mit Ihnen abrechne
in meinem nächsten Stück!“ Das hab ich
nicht vergessen können. Die Kastanien,
dachte ich, sie sind Strindbergkastanien,
aus einem glasigen Licht, das dir etwas
zu sagen hat. Nur was? Dieselbe Frage
stand oft den zwei Rumtreibern im Blick.
Einmal, es war ein schwüler Mittag Mitte
August, jagte uns ein Schwarm Bremsen
die Felderraine entlang, und da segelten
aus dem abgestorbenen Zaubergezweig
einer Eiche dunkel wie drei Pfeilschatten
drei Schwalben, und sie fingen alle weg.
Alles kann geschehen, alles ist möglich
und wahrscheinlich, schreibt Strindberg,
Personen spalten sich, verdoppeln sich,
vertreten einander, sie gehen in Luft auf,
verdichten sich, zerfließen und fügen sich
erneut zusammen. In Ein Traumspiel ruft
Indras Tochter wieder und wieder, es sei
schade um die Menschen, und das ist es,
was ich seit dem Sommer mit Strindberg
glaube: Es ist um uns Menschen schade.

Neueste Maßnahmen

Erneut nach Erich Fried

Die Faulen werden wiederbelebt.
Fleißig genug ist die Welt!

Die Hässlichen werden wiederbelebt.
Die Welt ist schön genug!

Die Narren werden wiederbelebt.
Weise genug ist die Welt!

Die Kranken werden wiederbelebt.
Die Welt ist gesund genug!

Die Traurigen werden wiederbelebt.
Lustig genug ist die Welt!

Die Alten werden wiederbelebt.
Die Welt ist jung genug!

Die Feinde werden wiederbelebt.
Freundlich genug ist die Welt!

Die Bösen werden wiederbelebt.
Die Welt ist gut genug!

*

Letzter Ausflug

An einem ganz weißen Tag, sechs Monate
   nach Kriegsende, fuhr er mit dem Frühzug
noch mal nach Lüneburg zu einem Mädchen.
   Die Leber tat jetzt weh. Er fühlte sich gelb.
Sie spazierten vom Bahnhof zum Kalkberg,
   rasteten, beäugten sich, lachten, mochten
einander. Ewig langsam hinauf, von oben
   zeigte Fritzi ihm Bachs Kirche, den Alten
        Kran, die Ilmenau, er ihr sein Theater.

Im Zug zurück ein Spuk vergessener Bilder.
   Er sah sich, stand zugleich auf der Bühne,
wollte das Land, Äcker und Krater, das Grau
   von Bardowick bis Winsen gar nicht sehen.
Dann über die Elbe, und da war Hamburg,
   und alle alten Zeilen fielen ihm wieder ein.
Die Schmerzen. Er kam sich rühreigelb vor,
   zusammengesackt wie ein Luftschiff oder
        die in Brand geschossene Linde einmal.

Er schlich durch kaputte Straßen, die Linie 9
   fuhr bloß zweimal am Tag. Die Uhlenhorst,
wie vor den braunen Hunden. Winterhude,
   ein Hungerfeld. Der Stadtpark abgeholzt,
und Alsterdorf halb eingeäschert. Gärten,
   weggeweht vom Wind. Dann lehnte er da,
im finsteren Treppenhaus und war nicht, der
   er hatte werden wollen, noch der er wurde.
        Hörte Schiffe. Leuchtete, so gelb war er.

Für Wolfgang Borchert zum Hundertsten

Der Glastisch

Er steht heute im Dunkel in meinem Keller,
   der Glastisch, um den mein Vater und ich
herumstrichen, als es um alles ging, mein
   Aufbegehren, seine Gewalt, letztendlich
um Worte, um Selbstbestimmung, was ich
   und was er war und was er da spürbar
nicht länger hat zusammenballen können.

Mein Onkel will einmal seine Verlobte O.
   derart gereizt haben, dass sie ihn hilflos
auf den Glastisch schleuderte, worauf der
   zerbrach. Die gläserne Platte erneuert,
schoss mein Onkel die Frau zum Mond,
   wollte sie nicht mehr, gab den Glastisch
mir und will seither nichts von ihm wissen.

Ich saß an dem Glastisch, hatte Stapel von
   Steuerunterlagen vor mir, im Raum tobte
die Rasselbande, und es liefen Erik Saties
   Descriptions automatiques. Für die Frau
meines Lebens seinerzeit sei das, sagt sie,
   der eine Moment, in dem alles zerplatzte,
unser Leben, die Familie und ihre Zukunft.

Ein Junge war ich noch, immer unterwegs,
   ich stieg in die Bäume, um alles zu lesen,
und einmal, durstig, sah ich durchs Fenster,
   wie der Freund meiner Mutter geklammert
an den Glastisch zusammenbrach und starb.
   Tot lag er auf der Couch neben dem Tisch,
ums Kinn ein Geschirrtuch, das ich kannte.

Ich kenne das Möbelgeschäft am Isarufer
   von Tölz, aus dem der Glastisch stammt.
Ich weiß um seine Noblesse, weiß, er blitzt
   in einem Zimmer, das ewig leblos scheint.
Chrombeine hat er, immer kalt, absolut glatt.
   Er ist wie ein Fabeltier, das ausgerechnet
von meinem Leben alles mitangesehen hat.

Für Klaus Johannes Thies

Keine Schonung

Umzug, Umzug, Karneval im leeren Regal.
Diebisch lachen die Freunde diese Nacht,
komische Vögel. Ich trage das Faxgerät,
Geschenk einer Giraffe von Galeristin,
bei der ich zwischen lauter Kartons las,
für die Trödeljäger auf die Straße. Zack,
und weg. Im neuen Garten der Goldregen,
soll giftig sein. Werde ich, irgendwie, testen.
Keine Schonung, ein verwildertes Wäldchen
liegt hinterm Haus für die Zeit unter Kindern.

Voile

Dein Segel fährt durch das Exil,
wie eine Sonne über Kiesel zieht.
Sie geht unter, und das Segel sinkt.

Schon Nacht. Schwarzes Segel sinkt
durch das Exil, fällt bis auf den Grund,
flatternd weht es durch die Dunkelheit.

Und jeder Fisch, ein jeder dunkelgrün
Neun-, Acht- oder Siebenauge, blinkt,
leuchtet dein Segel unter den Sand.

Dieser Weg, wohin

Dieser Weg, wohin es auch
geht, er führt dich nicht zu
dir. Sondern mit sich, mit
davon, weg, hin zu etwas
Neuem. Weg. Weder zurück
in dein o-förmiges Kindheits-
wäldchen noch zurück auf
die Schwalbenspur. Nicht
auf die Hunderunde und nicht
an den Regenstadtrand. Schluss
mit der lieblosen Tristesse, vorbei,
Trauer um das bisschen Zartgefühl.
Orte lieber Orte, unerforscht außer-
halb deiner, ungeahnt innen. Sei
zeitfern du, bleib unterwegs,
unbändig ansprechbar.
Der Weg führt dich zu den
Anderen, in eine neue Weite,
wer weiß, wohin es geht, wenn
du dich weder finden musst
noch dich verlieren.

Ihr letzter Tag, Herr Präsident

Ihr letzter Tag, Herr Präsident, bricht an.
Bitte verlassen Sie das Weiße Haus,
Sie blinder, irrer, mieser alter Mann,
Und schaffen Sie ihr dummes Zeug hinaus
Und weg in Ihre Sonne. Nehmen Sie
Die Paladine mit, mit die Claqueure,
Die scheinbar wahre Scheindemokratie.
Ich höre Stimmen und die Tiere, höre
Die Sie so lange stützten, so elendig
Gekaufte Meute. Bäume twittern Tweets:
Schluss! Ende der Verelendung! Lebendig
Entgehen wir seiner Verbalmiliz.
Von Ihnen, fetter Clown des Fakes,
Lernt die kaputte Welt: Bleib unterwegs.

Für Lucile

Halt du die fürchterlich schwarzen
Flecken zwischen den Knospen
der Fensterorchidee nicht für
Nacht, oder für das Dunkel
in deinen Gedanken. Hör
die weißen Tasten. Und
denk an das Kind, das
da im Zimmerhalblicht
des Dezembervormittags
Klavier spielt. Es spielt weiter,
auch wenn du die Vorhänge schließt.

Salamanca

Ist sie erregt, spreizt sie
das Stirngefieder ab. Sie fliegt
durch ein Fenster, das zersplittert,
aber spürt nichts. Harpyie! Harpyie!
rufe ich. Du sollst nicht nur zerstören.
Sie hört nicht. Als letzter Punkt an ihr
wird auch ihr Auge wild. Sie fängt sich
einen Terrier, eine Balkontempelkatze,
zerhackt, zerpflückt und verdrückt sie
in ihrem Lieblingsforsythiengebüsch
an der Norweger Straße. Einmal,
da jagte sie einer feindlichen
S-Bahn nach. Sie schreit
nur an Nachmittagen. Sie trinkt
wie Kinder auch mit den Augen. Sie lacht
Harpyie! Harpyie! Aber sie hört nicht. Krallen-
füße voran, stürzt sie in Platanen. Krähen
flüchten stumm verstört. Sie kann sehr
sanft sein. Es gibt z. B. ein Foto,
da sitzt sie auf meiner Schulter
und legt mir lächelnd das Schnabel-
haupt auf den Scheitel. Aus Klanggründen
unterstützt sie die Wolverhampton Wanderers.
Salamanca, sage ich, Salamanca, beruhige dich,
keiner außer mir weiß ja, dass du unsterblich bist.
Ihre Hosen sind spätmittelalterliches Trikot. Feinde
ihrer Freiheit überleben zwei Minuten. Ich streichle sie,
ich füttere sie, ich flüstere ihr Keats’ Oden ins Ohr.
Sie kennt keine Ruhe, weder Schlaf noch Traum
und keine Liebe, nur die wildeste Erregung.

Barmbek

Es gibt sie
Barmherzigkeit
Im siebenten Bezirk
erbarmst du dich
der Toten

Da fahren
die Busse
der Linie 7
Die nehmen
bloß Tote

Da stehen
in dunklen Höfen
je sieben Pappeln
In jeder Krone
ein Toter

Da klingelt
dein Telefon
täglich sieben Mal
Und dann reden
wir Toten

*

Aus: Różewicz-Lieder

Ganagobie

Wir müssen den Blaudisteln folgen.
Falls Blaudisteln ihr richtiger Name ist.
Immer die sonnenverbrannte Mauer lang.
In das Wäldchen hinein dann. Von dort
ist der Blick ins Tal ein Traum. Nein,
kein Traum. Wirklich, ein Tal-
see ohne einen See.

Hier pfiff mal der Wind
meinen Namen. Hier lagen sie,
meine Eltern, als sie noch studierten,
Licht, die Pinien, die Linien. Hier bin ich
bei dir. Hier können wir zusammen
hinuntersehen auf den Sommer,
hören Zikaden, ihre Rhapsodie.

Hier diese Rillen in den Steinen,
meine Mutter erzählte, hier
fuhr ein Klostereselgespann. Hier
schoss mein Vater Fotos von Bussarden,
meinem ausflippenden Bruder, mir als ich schlief.

Alles erzählte sie mir von dem wundersamen Ort.
Wäldchen, Vogelbrunnen, Blick in die Weite.
Und alles fand ich wieder in Ganagobie.
Falls das sein richtiger Name ist.

Krise

Im Innenhof blüht in der Krise
um Ansteckung, Atemabstände,
Hustentod, Ausgangssperren
Passierscheine und Liefer-
engpässe rosig, rot bis
lila abends bei Dämmern,
luftig aufgefächert ein Baum,
darin scharen sich wild umeinander
die jungen Stare zusammen und erfinden
bis tief in die Nacht hinein ihre unverstanden
wunderherrlichen Lieder. Es ist Zeit. Zeit ist es.
Zeit, Zeit, singen sie grün funkelnd und achten
weder des Lärms von den Balkonen noch
der Stille. Baum. Blüht. Ist Blütenkleid.
Traum. Zeit. Traum immer wieder.

Für Konstantin Ames

Gespenst

In den Büchern von dir
Unruhe und Gesicht

immer noch die Lese
-zeichen in Streifen

zertrennte Matrizen
der Geschäftsbücher

meiner Großeltern
in Litzmannstadt

dem umbenannten
überrannten Łódź

Beide sind sie tot
so wie du Tadeusz

Und ich lebe Lese
Zahlen und Ziffern

Tara Saldo Skonto
Zahlen 1941 1943

In ihren Ordnern
für Außenstände

Mahnungen uner
-ledigte Transfers

sind abgeheftet
meine Gedichte

Entwürfe datiert
Juni 91 Mai 93

Ihre Hochzeit
1940 in Łódź

ihre Gesichter
die Heiterkeit

meine Unruhe
Haben und Soll

Soll und Haben
das Gespenst

das ich erbte
Gespenst des

Nichts Nichts

*

Aus: Różewicz-Lieder

Konzertina

I will walk and talk in gardens all wet with rain
Van Morrison

In der Nacht
auf einmal
der Regen,
Rauschen, der
Geruch. Kein Vogel
mehr sang, dafür jetzt
er, Regen spielte rasselnd
auf seiner Konzertina,
ich bringe Wasser,
sang er, schon komisch!
Er sang: Dann hast du es nasser.
Gib du mir dafür Augen,
ich bin ja so blind
wie der Wind!
Ich trat auf
den Balkon, wusste
auf der Stelle, was er meinte,
jemanden wie mich wollte er sehen,
in meiner ganzen unwahrscheinlichen
Pracht mich, durchnässt bis
aufs Geäst oder besser
die Knochen, gut,
um die ging es
weniger, weil Knochen
braucht er anscheinend keine.
Hat der Regen etwa Beine?
Nein. Ich fragte ihn, ob
er festhält an uns.
An euch, sang er, was!
Euch, weshalb denn das!
An euch Verwüstern, euren
vertrockneten Flüssen und
Trockenfutterbetrieben?
Halten? Hab ich Hände?
Von wegen! Ende Gelände!
Ihr solltet alles lieben, oder
verdunstet, Himmel eins.
Haut ab! Festhalten!
Vorbei, sang der Regen
und tanzte zu seinem Lied
auf der finsteren Konzertina.
Nur ich würde ihm fehlen,
rief er. An dir, ja an dir
halte ich fest, bis der Tag
es wieder Tag sein lässt –
und er klimperte weiter,
Tropfen für Tropfen,
heiter das Regenlied,
glücklich und lebendig
mit unsichtbaren Fingern
auf seiner dunklen Konzertina.

Der Hirschberg

Es war der Hirschberg, nein ich weiß nicht mehr,
ob es der Hirschberg war, auf den ich so
hinaufgezwungen worden bin, da war
ich acht, neun, älter keinesfalls, der Stock,
den ich mir irgendwo am Weg hinauf
vom Boden aufhob, überragte mich
und ging, als ihn ein Mann mir wegriss, doch
dem Mann nur bis zur Brust.
                         Das weiß ich noch.
Sonst aber sind mir nur erinnerlich
ein seltsam tiefes Glücksgefühl und dumpf
der Trotz, aus dem sie aufgestiegen war,
die Wonne, nicht bloß Eigentum zu sein,
nein sondern einer, der es selbst bestimmt,
wohin er geht, wieso, mit wem, wem nicht
und wann.

          Es war ein grauer Nachmittag.
Vom Hirschberg – so es denn der Hirschberg war –
sah man ins Tegernseer Tal und sah,
dort unten, Wunder, lag der Tegernsee.
Der Hirschberg – „Hirsch?“ – war nur ein Schwarzes Loch
aus Koniferen, Fichten, Tannen, Kiefern, die
den Nebel zu erzeugen schienen, Dunst
und mich und Nieseln absorbierten. Was
ein Junge, so wie ich es war – ein „Hemd“,
ein „Mädchen“ – fühlte, dachte, glaubte, wo
die Unterschiede waren – schnuppe, schnurz.
Warum so viele Leute hier mit ihm,
mit seiner Mutter und mit ihrer so
den Berg hinaufmarschierten – schleierhaft.

Die Vögel stürzten durch den Tag, die Luft
war wie aus Wasser und ein Ende nicht
in Sicht. Da fing ich an, ich weiß nicht mehr –
da ist ein Loch in der Erinnerung –,
wie ich drauf kam, das Tempo anzuziehen.
Es muss der Trotz gewesen sein, der Zorn
darauf, hier mitgeschleift zu werden, doch
bestimmt lag aller Grund verwurzelt, bah!
in meiner frühen Kindheit, meinem Reich,
in dem ich mit den Dingen sprach, sie nicht
verstand, die Vögel dolmetschten und mir
kein Kauz mehr und kein Specht verständlich blieb.

Ich wurde schneller, schneller, schneller und
war bald schon außer Sicht, weg, hörte nicht
auf Rufe, Pfeifen, weder meiner Mutter noch
auf das Geflüster ihrer Mutter, das,
war ich mit ihr allein, nur sachte war,
Quatsch, es war warm und wirklich, liebevoll.
Ich lief aus Leibeskräften, das, nur das
ist die lebendigste Erinnerung
an diesen grauen Hirschbergnachmittag,
der, würde meine Mutter sagen, gar
nicht stattfand auf dem dummen Hirschberg, Gott,
was ist mein Sohn für ein Idiot.
                            Ich lief.
Ich hatte endlos lange Beine, und
ein Mann mit weißem Bart und Hut, auf dem
ein Vogel war, nein ein, zwei Federn nur,
ein Vogel aus zwei Federn, dieser Mann
riss mir den Stock weg, doch selbst das war gut.
Worüber Mutter sprach mit Mutter, mir
war das doch gleich. Ich wusste nicht, was Sinn,
Bedeutung, Zweck und Name waren, ob
der Hirschberg Hirschberg hieß, weil er mal Berg
voll Hirschen war. Ich wusste nicht mal, ob
die Sonne morgen aufging oder nicht,
ob es mich wirklich gab. Ich lief.
                             Ich lief.
An manchen Biegungen des Wegs ins Tal
sah ich den Hirsch, den Hirsch des Hirschbergs, nur
war der vielleicht bloß Lichtstreif, Nebel, Dampf,
an ein paar Stellen Spinnen im Gezweig,
ihr Spinnenantlitz warten und das Netz
voll Tropfenperlen hängend, während ich
der Mutter, ihrer Mutter und mir selbst
voraus ins Tal lief, mutterseelenfremd
voraus, des Stocks und aller Bindung an
den Regenschlamm des Wegs hinab beraubt.
Der Regen hämmerte sein Metrum ein
ins Holz der Bäume, die noch wuchsen und
die schon gestorben waren. Alles war
so durstig, hatte Durst wie ich, war froh,
dass es den Regen gab, der endlos schien,
er klopfte bloß und sagte ich – sie – ich –
bis er zu Ende war.

                 Ich wartete
am Parkplatz auf die beiden Frauen, und
ich wusste, was passieren würde, nur
passierte nichts davon. Sie schwiegen bloß.
Wir stiegen ein in unseren VW.
Wir fuhren heim. Bad Wiessee, Tegernsee,
dann Gmund und Finsterwald, fast bis nach Tölz.
Der Hirschberg blieb zurück und war vielleicht
in Wirklichkeit ein anderer, wie ich,
als ich in mir den Berg hinunterlief,
ein Jüngling oder Hirsch, ein junger Hirsch.

Unmöglich in Orplid

Wie kommt es, dass du an Tagen,
wenn Zeit ist, weiterzuschreiben
an dem Roman um ein im Schnee
versinkendes Schiff voller Leuten,
Auswanderern, stattdessen lange
gedankenversunken hinausblickst
in den Hof auf Nieselregen, das
Grau, und dich dann unvermittelt
an den Tisch setzt, loszulegen,
halsbrecherisch, mit Gedichten
wie diesem? Wovor flieht einer
wie du? Was gäbst du hin, noch
immer den Uhrzeigersinn für eine

Stunde wirklicher Ergriffenheit?

Ich weiß gut, ich lebe ja nicht
in Orplid, nur … unter Schloten,
in den Einkaufsmalls, Schrott-
vororten, bei den Glücksvisagen
der Behämmerten, im ganzen Ruin
lebe ich ebenso wenig, deswegen
entschiede ich mich, stünde es
zur Wahl, fürs Wundersame, die
Beschwörung, Märchen, Magie.
Ich sprenge es, jage es in die Luft,
das Unmögliche. Vergesse Sparta,
Berlin, Moskau und New York, bin
Unmöglicher, ich wohne in Orplid.