Elizabeth Street

Es ist schwer, wenn die Abschiede beginnen,
denn alles sagt es, Verschwindenmüssen,
Wiederkehr möglich, doch nie mehr so.
Darum dräng ihn zurück, den nächtlichen
Himmel, in den du hineinfliegen wirst. Geh,
zwischen herbstlichen Wohntürmen, und
in Gedanken nimm die Tram zur Bucht.
Red dir ruhig ein, dass es gut war, besser,
du sagst dir, es ist gut. Behalt keinen Kiesel.
Du vergisst bloß, wo er mal lag, auf dem Dach
eines dunklen Hotels, die Nacht, wie sie roch,
und im Regen die Ufer der Elizabeth Street.
Es wird Zeit. Bye bye pride! Es ist gut.
Nimm sie mit – jetzt ist es soweit –,
das große Licht, die Freundlichkeit.

Crow

Warum nur noch Asche sein,
sagt die Krähe zu den Kränen,
wenn ihr im Licht steht, warum
ist mein Lied Krächzen. Waa!

Wolkenkratzer, Straßenbahnen,
ich hatte ein Gefieder, so bunt
wie die Wolken Waa! im eisigen
Wind. Hatte Flüsse als Federn,

Krallen, die ritzten Geräusche
der Bäume in den Boden, damit
Waa! ein Weg war zur Wärme der
Sommerstraße. Sie war ein Feuer.

Ein Flammen und rötliches Lodern,
gespenstisch Waa! ein lohendes
Fenster. Ich flog durch es durch,
und es war der Adler, war Waa!

der Gott, der mich schwärzen,
stumm sein ließ und verbrennen.
Lied und Landkarte und Mantel,
in Krähenträumen Waa! sind sie

eins. Ich kam in einen Morgen,
und Wipfel war das große Licht.

Für Tony Birch

Aufwachen in Melbourne

Das ist also Melbourne: am Morgen
   getaucht in ein Hellblau, das herab-,
auf die Dächer heruntergefallen scheint.
   Kräne, Blätter hochwirbelnde Straßen-
bahnen. Vorbeirauschen kahle Platanen.
   Und Gottes Atemwolken ziehen nord-
wärts nach Wagga Wagga.
                                             Die längsten
   denkbaren Finger öffnen das Schließ-
fach des Himmels, bis es taghell wird,
   so schnell, dass du erschrickst Ecke-
Swanston-und-Franklin. Rede nicht nur,
   bloß um dich umzudrehen und wegzu-
gehen. Sprich mit ihr.
                                    Sie ist ein Regen,
   die Welt, und liebt die fünf Sinne. Über-
schwemmt dich. Ist zartfühlend, ist schroff
   oder Buschfeuer. Sie kommt durch die-
ses Fenster, in deine Augen, mit allem
   Licht erwartet sie dich an deinem aller-
ersten Aprilherbstmorgen in Melbourne.

Für Emma Lew

Schwarze Fische

Die Welt löst sich ab, und die Leute
verschwinden. Was sie umgab, findet statt
genauso ohne sie. Dafür such du dir ein Bild.
Meer schwarz, Rumpf schwarz, aus dem Hellen
stürzen entsetzt in die Sitzreihen geschnallt
Schatten in die Schatten, Wälder, Wellen.

Und du lebst. Da, das getigerte Tier,
blasser Katzenscherenschnitt zwischen
Vorhang und Fenster, durch das Licht fällt.
Der warme Märznachmittag auf den Tischen,
alle Worte auf und davon auf einem Wind
und du dir selber ferner als Malaysia.

Verbinde die Bilder. Verbind sie innig.
Keine Angst umgibt dich wie ein Stein,
nichts schließt dich ein. Nur du dich aus.
Halt fest. Halt fester, heiter. Solche Schwärze,
die gibt es noch nicht mal bei den Fischen.
Sie staunen, stehen still. Und entwischen.

Escheburg

Jahre lang, Sommer, Frühling,
Winter, Herbst, lief ich ihm nach,
dem Hund über die Gleisschwellen.
Und ich glaube, so fanden sie mich,
Verse: Ich schoss Schottersteine
und lief bis wo sie liegenblieben,
um sie weiterzukicken, Jahre,
Wochen, Stunden verspielt.

Was ist daran so unvergesslich.
Immer gleich lange Schritte, Hund,
Gras, Schotter. Und ich glaube, ich
versank in mir, aber teilte ja genauso
alles, oder fast: Gesänge der Grillen
Ende August, die Bisse des Frosts,
den Bus, der aus dem Nebel bog,
Wind, die Fasane bei Gryphius.

1056

Es gibt die Zone gleicher Jahre,
Dort ist nie Sonnenwende –
Den Immermittag baut ihr Licht,
Kein Herbst macht sie zuschanden –

In den Jahrhunderten des Juni
Folgt Sommer Sommern, bis
Nach den Jahrhunderten August
Bewusstsein – Mittag ist –

Emily Dickinson

Old Grand Dad

Die zwei gefleckten Köter, die im Gras mit ihm lagen,
waren gar keine Hunde, sie waren als Terrier getarnte
Wiesel. Da – wie ertappt sprangen sie auf und fingen
zu spielen an. Sie jagten einander in die Lichtflecken.
Faulkner trank einen Schluck. Er sah den Wieseln zu,
er trank, er reckte sich auf dem gemähten Rasen und
spähte in die Wipfel. Bäume. Eschen wie an dem See,
wo er als Junge am liebsten schwamm. Bäume waren
das gar nicht, eher Häuser, die es satt hatten, Bäume,
Eschen zu sein, immer bloß wachsen, grünen, gilben,
mit dem Sonnenlauf rot und kahl werden zu müssen.
Vögel wohnten darin. Kannten keine Fenster, zahlten
nichts, landeten, flogen auf und im September weiter.
Glückselige Biester. Aus einer unsichtbaren Schüssel
aß er etwas mit unsichtbaren Fingern: unsichtbares
Essen. Er trank. Die Terrierwiesel, die bei Gewittern
das Laub ausstreckenden Häuser. Und ich. Er trank,
er nahm zwei große Schluck. Ich bin nicht Faulkner.
Eher bin ich Faulkner, der vorgibt, Faulkner zu sein.
Er trank. Der Faulkner spielende Faulkner hob einen.
Lag im Gras herum. Mit Wieselfreunden. Den Silber-
schnauzbart dir rotlackieren und dann rumspringen
wäre gut. Oder reinkriechen in die goldene Flasche,
rufen: Oh Kentucky! Mal wieder schwimmen gehen.

Mail aus Scheusal

„Im Niemandsland zwischen Prag und Żmigród
brach die Lokomotive zusammen“, schreibst du,
„und wie bei der Teufelsaustreibung der Dämon,
so verreckte auch die herbeigekarrte Ersatzlok.“
Es war am Tag des Hitzerekords, und das Nest,
wo ihr festsaßt, hieß Scheusal. „Am Bahndamm
Eisenbahnergärten. In der Mittagsglut kescherten
Kinder dort verlangsamte Falter. Sie lachten uns
mit großen Augen aus, wie wir da in den Waggons
japsten, bis zischend endlich die Türen aufgingen.“

Du schreibst, aus Angst, es könnte weitergehen,
bliebst du für drei Stunden an den Gleisen sitzen,
hocktest an einem Baum, trankst ein Tyskie-Bier,
heiß wie ein Geysir, und sahst den Schweißern zu,
„braungebrannten, rußbeschmierten Schränken, die
in Flammen badeten und sich mit Feuer bespritzten.
Ein deutsches, lange totes Wort fiel mir ein – Glast,
als Leute aus dem Zug die Böschung runterkamen.
Sie keuchten, so wie das verbrannte Gras keuchte,
und da wusste ich: der Gespenster Traglast – wir.“

In Scheusal gab es keinen Schatten. Du schreibst,
„sogar im Keller der Schule, wo ich ein Klosett fand
und die Flasche füllte, war es stickig. Flirrende Luft.
Das Gelächter der Wasserspeier auf dem Hradschin
ging mir nicht aus dem Sinn.“ Laufen, so wie Wasser
laufen, dachtest du. „Ich muss laufen“, schreibst du,
und so endet deine Mail aus Scheusal. „Ich lauf los.“
Bei Jary in einem Hohlweg. Auf einem Erdbeerfeld,
wo Selbstpflücker standen. Und in der Dämmerung,
mit Hund, behörntem Helm. So sah man dich noch.

Für Katarzyna Fetlińska

Durch das leere Sommerhaus

Die grüne Spinne,
seilt sich ab vom Baum,
sie scheint mir eine
grüne Beere,
die schwebt.
Sie sendet
aus dem Grün,
schickt Fäden aus
durch das stille
Sommerhaus
und webt.
Grüne Spinne,
steht in einem Traum,
in dieser grünen
heißen Leere,
und lebt.

Tränenturm

Am Uferweg die Kiesel,
da dampften und rauchten
sie zwischen Weidenbäumen,
und unter tausend Fenstern
in den Traubenbergen
mit Blick zum feurigen Neckar
brannte innen und brannte außen
der Turm. Dach und Kähne schmolzen,
Brücke, Häuser, Wiesen brannten,
der Fluss, die Insel, die Fenster,
Klavier und Musik brannten,
Pult, Tisch, die wasserlose Karte
von der rückwärtsgehenden Garonne.
Plochingen, Wendlingen, Nürtingen,
Metzingen, Reutlingen, Tübingen
standen in Flammen, und auch
die unscheinbare Universität
aus Steinchen war hell Feuer,
die rußbeblümte leere Unterwelt,
die Höll’, der lieh nie einer irgendwas,
kein Gold, kein Mitgefühl, kein Wasserglas.
Herbst und Winter endlos Hitzesommer,
und Schloss, und Burse, Cottahaus,
am Holzmarkt brannten Stift und
Kirche. Gott brannte. Alle
Götter und Wolken,
Blumen, alle verbrannten,
und verglühende Zitronenfalter.
Spatzen in den Lüften lodernd, Luft
sank brennend, verbrennend
in den Kieseldampf
unter den Wein.
Die lebendigen Birken
brannten. Die Augen brannten,
die Tränen. Die nie etwas
löschenden Tränen.

Einer im Weinberg

Unter dem Blauglockenbaum
sitzen wir vielleicht an der Mauer.
Und da blieb im Hof eine Schwalbe,
mit weißem Mönchsbauch, nacht-
blau Rückenfedern. Sie wartet,
Frau Feuer. Komm zu mir.

In Zimmern Erinnerungen
nachformende Schatten, hinter
Sommerregengittern, einem Wall
gegen Tanklastwagen. Wie still
trotten durch die Hügelzeilen
Weinbergpferde. Komm.

Frau Feuer, komm zu mir!
Verbrennen, verbrennen, Dunst,
den grauen Tag. Im vergessenen Glas,
da steht noch blauer Wein, eine Flamme
im Nieseln. Und da, die zwei Fackeln,
so lachen Füchse aus der Nacht.

Feuer, 1979

Den Komposthaufen abzufackeln, kam er mittags aus dem Haus.
Er schritt mir quer durchs Spielfeld der bepflasterten Terrasse
mit geballter Faust und in der Linken einer grünen Flasche:
Traumtanz-Endspiel. Kick du mir noch einmal eine Scheibe ein!
Mein Vater stapfte übers Gras davon, auf dem im Schattenkäfig
wie verkohlt starr mein Kaninchen saß. Es war sein letzter Sommer,
ehe es verschwunden blieb, ein stummes schwarzes Bussardopfer.

Aus diesem Garten trat ich einmal einen Elfer rüber in das Treibhaus
und hör immer noch das Glas zersplittern. Aus der Küche wie von weit
Musik. Und Klirren. Mitte Juni. Meine Mutter wusch da ab, Libellengläser
von dem Gartenfest am Tag zuvor, als Vater jetzt vorm Kompost stand
und Spiritus darübergoss und aus der Hand die Schachtel nahm und
lange in der Faust das Streichholz ansah, Schlüssel eines Höllentors.
Ich dribbelte. Ich sah ihn dastehn, überlegen, ob er werfen sollte.

Ich sah ein Feuer, einen Drachen, Schwall aus Licht und gleißend
Tier, das ihn verschluckte. Es war windstill. Aber in dem Lodern
schien der Wind zu leben, heiße Flagge, gelb, rot, bläulich grüner
Krieg, ein ungeheuer böses Glück, das sich an meinen Vater lehnte,
Pferd aus Flammen, das ihn mit sich riss, obwohl er stehenblieb, so
reglos war wie ich. Wir standen beide da, er brannte lichterloh,
ich brannte innerlich. Und aus der Küche wie von weit Musik.

Julita

Hinter den Johannisbeeren
mbauten alle Jungs ein Haus,
hinein in einen Birnenbaum
mdas blaue Bretterhaus.
Julita kam durchs Gras
mim unsichtbaren Kleid,
aus Licht und birnengrün
mweggeträumtes Kleid.
Julita, jubelten wir alle!
mHier gibt’s Topinambur!
Du bist unsichtbar, Julita,
miss unsere Topinambur!
Julita geisterte vorüber,
mund die Abendkühle kam.
Alle riefen, bloß ich sang,
mweil die Nacht schon kam.
Dunkel geh ich in die Beeren,
mälter, selten, immer jung.
Und ich hör uns immer noch.
mAlles bleibt für immer jung.

Aus den Notizen zu einem Selbstbildnis

Haare aufsammeln, schimmernde, rotbraun und silbern
aus Ordnungswut, einer Liebe, einer Angst
um alles was von dir stirbt zu bewahren
vorm Hygienewahn der Hinfälligkeit

Romantik pur Novalis pur Bekümmerung na klar
Bahndammschotter und Wacholderdrossel
Gras Tod Nein Ja, wennschon, dennschon pur
Zweifel Verlorenheit Aufbegehren ganz und gar

Zu Tränen gerührt von rauschenden Eschen
knospenden Hecken an Eisenbahnergärten
ich mit meinen Besserwisserallüren
und innigen Wünschen für jeden Dreck

Die Toten gaukeln, die Lebenden träumen
tags also bin ich gestorben und lebe nachts
oder träume mich gaukelnd durch die Jahre
wie Wochen, ein Sommer, Sommernachmittag

Schnee im Mirabell

Im Garten knackt das Eis. Die Nacht
legt sich zu einem Tuch aus Frost
um alles, was sie spiegelt, und
der Himmel wandert. Jemand lacht

im Wind der weggebeizten Sterne,
vielleicht weil oben, heller Blick,
so groß der Mond steht. Dunkelblau
zieht es zwei Fahnen in die Ferne,

und in den Lichthof stürzt der Schnee,
als könnte er sich damit retten.
Sechs Uhr. Die Glocken. Eine Frau
am Ufer bettelt noch. Ich geh

und sink zu ihr durch stumme Zeit –
zu Felsen und Musik der Toten,
dick Eingemummten in den Bussen,
dem Schmerz in der Genügsamkeit.

Für Hans Weichselbaum

Ich lief wie eine Wolke einsam hin

Ich lief wie eine Wolke einsam hin,
Die langtreibt über Hügelland und Tal,
Als ich auf einmal eine Schar im Wind,
Ein Heer aus goldenen Narzissen sah;
Am See, unter den Bäumen auf der Wiese,
Tanzten und flatterten sie in der Brise.

So unaufhörlich, wie das Licht der Sterne
Sich funkelnd auf der Milchstraße erstreckt,
War eine Bucht am Rand bis in die Ferne
Von ihrem endlos langen Band bedeckt:
Zehntausend sah ich auf den ersten Blick
Im Tanz die Köpfe schwenken irr vor Glück.

Die Wellen tanzten so wie sie; allein,
Das Wellenglitzern, nirgends war’s so heiter.
Ein Dichter musste einfach fröhlich sein,
Umgeben von so lachenden Begleitern.
Ich staunte – staunte –, wenn ich auch kaum dachte,
Was einen Reichtum mir der Anblick brachte.

Denn oft, wenn ich bloß dalieg auf der Couch
Und Leere oder Grübeln an mir frisst,
Blitzen sie auf vor jenem innern Aug,
Das in der Einsamkeit die Wonne ist,
Und keine Freude muss mein Herz mehr missen,
Weil es dann Tänze tanzt mit den Narzissen.

William Wordsworth

*

Nachdem ich in den letzten Tagen Wordsworths „I wandered lonely as a cloud“ übersetzte, ein seit über zwanzig Jahren gehegter Wunsch, erfuhr ich heute von einem lieben Freund, dass Wolfgang Schlüter schon seit mehreren Jahren an einer ersten umfassenderen deutschsprachigen Wordsworth-Ausgabe arbeitet. Der Plan, gemeinsam mit Norbert Hummelt, Jan Wagner, Alissa Walser und anderen Wordsworth zu übersetzen, ist damit vom Tisch – denn so muss es sein. Wolfgang Schlüters Übertragungen sind profund, und sie klingen. Ich wünsche ihm, auch für Wordsworths „Prelude“, dem „Vorspiel“, alles Glück und alles Gute.

Morgen

Am Morgen war die Schneelandschaft zurück,
nicht irgendwie und irgendeine, sondern die
am Ende des Romans und damit auch
das ganze Buch mit seinen Menschen
und ihrem Weiß des neuerlichen Winters.
Noch immer dieser Frost Unwirklichkeit
zwischen den Zeilen der Empfindungen
und den Gedanken von Gespenstern.

Warum, Tier, hast du keine Angst vor dem Wind?

Zweiter Januar, und du bist schon
mitten im Jahr, nur verwundert,
wie dunkel der Nachmittag war.
Kein Wunder, wenn du staunst,
wie plötzlich etwas loslegt und
abrupt abbricht, zu Ende, kaum
dass es so unmerklich begann.
Sitz da, bleib stehen. Blick
dich um: Kein Wunder außer
dem langen Weg hierher, den
alles von Anfang auf sich nahm.
Der Baumreihe im Dunkel, Rehen,
dem Weg um den Teich, Kindern,
die nach Böllern suchen im Gras
und mit Glück etwas anderes finden,
allem sind sie eingeschrieben, auch
dir: neuer Neubeginn erster Januar,
erste Januarnacht und Tag danach.

254

Die „Hoffnung“, sie hat Federn –
Und nistet in der Seele –
Nie endet ihre Melodie –
Auch wenn ihr Worte – fehlen –

Und klingt – bei Böen – besonders süß –
So sehr der Sturm auch lärmt –
Der so ein Luftding fast verdrießt
Weil es so viele wärmt –

Ich lauschte ihm im kältsten Land –
Und auf dem fernsten Meer –
Doch, selbst in größter Not, wollt es
Kein Krümelchen – von Mir.

Emily Dickinson

Juni

Wieder in den Wicken erwacht,
am Morgen, auf der blauen
Bank im Gras. Schlaf,
Jelängerjelieber.
Immer noch war
der Bienenmonat,
in dem ich zur Welt kam,
am längsten der mir liebste.
Siebenundvierzig Sommeranfänge,
und zu erinnern nicht einer,
Juniwärme, Juniaugen,
Blicke, ich, allein,
und überall du
du, der Duft.

Obstgarten

Wörter wissen von sich selbst nicht, wozu sie
gemacht sind – und so ist es mit allem auf der Welt
nichts weiß, wozu es da ist
und auch wir wissen es nicht

ich schau aus dem Fenster in den Obstgarten und seh, wie
Wörter für Vögel, Bäume, Gras, für das, was dort ist
dort nichts bedeuten und auch der Obstgarten selbst
hat keine Bedeutung

in meinem Kopf sucht jemand nach Wörtern für
etwas, das noch kein Gefühl ist und noch kein Gedanke

und langsam beginn ich zu fühlen und zu denken
dass auch der Obstgarten danach sucht – dass wir
dasselbe suchen, der Obstgarten und ich

Rutger Kopland

Changning/长宁

1/一
Wenn die Vögel anfangen zu sprechen, sprechen sie Mandarin.
当鸟儿开口说话时,它们说普通话。

Sie werden sich beklagen, dass sie uns gleichgültig sind,
您会抱怨,它们对我们漠不关心,
wir ihre Küken in Karamell tauchen und essen am Stiel.
就像雏鸟潜身太妃奶糖并在枝桠上啄食一样。

Achtet auf ihr Schweigen! Klingt es nicht vorwurfsvoll?
小心它们的缄默!听起来难道不是充满了谴责?
Zehntausend Dynastien alt, das Sperlingsgedächtnis.
千朝万代般古老,那麻雀的记忆。

2/二
Der Lärm aus den Platanen scheint eine Aufgabe zu haben.
梧桐发出的噪音好像带着一个任务。

Durch das Knarren der Zikaden fällt als künstliche Nacht
拨浪鼓般的蝉鸣让人工之夜的静藹
die Stille auf den Zhongshan-Park, und wir unter Bäumen,
悄然降落到中山公园,我们站在树下,
stumme, hektische Falter, müssen lesen im Schattenbuch,
无语、紧张地皱眉,要在树影之书中阅读,

in Gesichtern der für alle Besinnung Verlorengegangenen.
读出那些已在脸上悄然失踪的念想。

3/三
Tanzen wir! Wie schwarze Falter, für die Zeit Musik ist,
起舞吧!如黑暗中的皱眉,当乐声响起时,
taumeln wir übers Pflaster, brechen durch die Masken,
让我们在石子路上踉跄吧,撕下那些面具,
fliegen als schlafende Kiesel durch verlassene Pavillons.
像沉睡的卵石一样飞越被遗忘的凉亭。

Wir werfen unsere Kinder, werfen sie hoch in die Luft!
我们把孩子们抛出去,高高地抛向空中!
Türme aus Erinnerungen bauen sie, wenn sie fallen,
当他们落下,他们建起的是记忆之塔,

doch wir fangen nur den Sockel, den schwarzen Stiel.
但我们只抓到那个底座,那黑色的枝桠。

Für Wang Anyi
献给王安忆

Ins Mandarin-Chinesische übertragen von Gan Wei

471

Die Nacht – dazwischen Tage lagen –
Der Tag der Gestern war –
War Eins – mit einem Tag von Morgen –
Und jetzt – war Nacht – war’s hier –

Blick sie hinweg – Nacht – wird nicht müde –
Ist wie der Sand am Meer –
Zu unscheinbar die Unterschiede –
Bis nie mehr – Nacht sein wird –

Emily Dickinson

Wenn du mit deinem Duft

Wenn du mit deinem Duft zu mir kommst,
seh ich deine jungen Augen, seh in die Zeit
und fühle dich, wenn du mit deinem Duft
dich zu mir legst. Ich atme ihn und dich,
ein Glück, ich atme. Es kommt eine Zeit
ohne dich, und eine Zeit wird es geben
ohne mich für dich. Jetzt bist du da.

Ground Zero

Ein Früher, ein Nachher
scheint jetzt ein öder Ort,
als könnte dort bloß mehr,

bloß weniger von allem sein,
gelebt ein Leben, weil es ja
ein Leben ist, wenn schon nicht mehr.

Und vor der Tür Verkehr
genauso wie vorher.
Wenn ich schon Jahre nicht mehr bin,

stellt sich ein Anderer hier hin
und öffnet sie vielleicht,
sieht nach, was draußen ist –

selbst wenn da gar nichts ist,
nie etwas war,
nur alles irgendwie verlorenging.

Bleibt stur, macht weiter, glaubt.
Und wenn uns bloß zu träumen bleibt,
ganz gleich, was einer glaubt

von Welten, ganz gleich, wo –
es warten Leute da,
erkennen uns, die kommen,

wenn aller Streit vorüber ist,
trist aller Kampf verlorn oder gewonnen
und alles Staub.

Robert Creeley

Die Bienen von Fuhlsbüttel

Über Nacht, so scheint es, über Nacht
sind alle Blüten gekommen. Die Bienen
schwärmen aus, sie fliegen, beschwingt
vom ersten dünnen Aprillicht über den
silbernen Rollbahnen. Wissen Bienen,
dass die schöne Saumseligkeit eine
vorgetäuschte ist?
mmmm mmmmmFlughafenbienen!
Erhöhte Schadstoffbelastung der Luft
lässt sie in ihren Kästen bleiben, Licht,
Duft weitgereister Flugbegleiterinnen,
den Margeriten in Kübeln zum Trotz.
Fliegen die Bienen, fliegen Maschinen.
Über Nacht, so scheint es, über Nacht.

O Sommer, o Chateaus!

O Sommer, o Chateaus!
Welch Seele wäre makellos?

Kenn ich doch die Zauberschrift
Dieses Glücks, das jeden trifft.

Lebwohl ihm, gleich, wie spät
Der Gockel Galliens kräht.

Bah! was ist das Leben leer:
Keinen Neid verspür ich mehr.

Reiz auf Reiz packt Leib und Seele,
Bloß damit das Kleinste quäle.

O Sommer, o Chateaus!

Tag seiner Flucht, hurra!
Und der Todestag ist da.

O Sommer, o Chateaus!

Arthur Rimbaud

Down Time’s quaint stream

1656

Stromab die fremde Zeit
Ohne ein Steuer
Heißt man uns segeln
Geheim der Hafen
Einzig Böen Regeln
Was für ein Käpt’n
Riskierte das
Welcher Korsar sucht Breiten
Ganz ohne Sicherheit des Winds
Und Plan von den Gezeiten –

Emily Dickinson

Phlox und Kamille

Immer bleibt da eine Stelle,
die niemand kennt – der Phlox.
Ein Feuer, und dann dieses helle
Leuchten, das dort brennt –
Kamille.

Die Stelle lieb ich fast wie dich,
weil du das weißt – du, die Kamille.
Du linderst, und du lässt uns sein,
wenn er mich mit sich reißt –
der Phlox.