Wyoming

Wenn wir über die Wäldergrenze hinausgingen,
in die freien Ebenen, an die Flüsse. Wenn wir die Städte
und das Land hinter uns ließen. Wenn wir nicht darauf achteten,
wer mit uns käme. Wenn da ein Licht wäre, und wäre es nur
ein vorgestelltes. Nur? Wenn die Geschichte einfach
endete. Wenn endlich Geschichten anfingen!
Eine Betriebsanleitung, ein Evangelium,
eine Dichtung, eine Scheidungsvereinbarung,
ein Verschweigen, ein Gesetzesentwurf, wenn alles das
eins wäre. Wenn wir Wyoming befreiten. Wenn die Unwirklichkeit
in Wyoming aufhörte. Wenn die Zuneigung zurückkehrte.
Wenn die Zuneigung zurückkehrte mit den Fischen.
Wenn alle die Fragen wohin, wodurch, wonach, welche,
weshalb und wann die Antworten ersetzten. Und wenn alles
mit einem Mal bliebe. Hier, dort. In Wyoming, überall. Ohne Ursache.

Für Wolfgang Denkel

Bojendorf

Das Dreieck Garten,
Bug im knisternden Laub,
ein Erlenschoner vorm Wind.
Halt Kurs, auf die Inselränder!
Dein Schiff, die alte Trübsal,
hat fünfzig Birnenkanonen,
Mauersegler folgen ihr,
Seemöwen melden: Herz!
Land! Schwalben schießen
durch die Scheune aus Bläue,
in der nachts die Fehmarner
die Sonne wegsperren.

Ein blasser Klüver
wächst aus dem Rasen:
die Stockrose. Wer meutert?
Lass die Korsarenerinnerungen.
Wieso will keiner tanzen?
Es gibt Wogen, die
sind tiefer und wilder
als alles zu Beweinende.
Vorm Gartenbug eine Stoppeldünung,
Füchse und einundfünfzig Sommer. Schau,
die Pracht, das Silber, das Schäumen
auf dem himmelgrünen Gras.

Für Hendrik Rost

Oboe

Schließ den Mund über der Oboe,
die weißen Töne strahlen
die Luftröhre hinunter
auf dein nacktes Herz.
Frühmorgens, am Tisch
die Milchjahre, eingetauscht
gegen die Angst der Hand vorm Papier,
Einen im Rücken, nah, dass er jede
Silbe zwischen den Zeilen errät.
Wortmulm, Eroberungen des Maulwurfs.
Wo denn ein Land finden, wie zwei Schritt weit
folgen einem Gedanken, da zurückmündet
in die Schuhspitzen der Meridian.
Schließ sie über der Oboe,
deine Lippen. Milch
fließt durch die Röhre, und
wir bilden einen Gesangkreis. Ich
tausche die Bissstellen
im Tisch gegen eine
geheime Musik ein, und du
komm, du komm einmal um die Welt.

Einhelligkeit der Dohlen

Fast haben wir es gesehen, das Licht,
Flackern, wie es den Blitzen vorausgeht,
fast war es ein leuchtendes Stocken, oben
am Himmel, über den es da so zuckte,
mit seinem magnetischen Laub
fast ein elektrisches Geäst.
Als die Stille und die Ruhe dann
fast wiedergekehrt waren, haben wir sie
gehört, nahezu alle, die Vögel, die Dohlen,
fast glaubte ich, es werden Krähen sein,
nur wenn, dann wie zersprengte, denn
fast wirkten sie einzelgängerisch,
wie sie in Pulks, so als wäre
oben in kühler Luft ihr Schwarm
fast zerrieben worden, herabtrudelten
ins Tal mit dem Gasthof zum grünen Baum,
fast als hofften sie bei uns Zuflucht zu finden,
ja als meinten sie uns! Wir blickten einander
wie Liebende in die Augen. Ergreifend war,
fast zu schön, die Innigkeit mit den Dohlen,
Einhelligkeit mit ihrem schwarzen Blitzen,
das zerplatzt war jenseits der Blicke,
fast aber war es Reden mit uns,
das Licht, die Stille, der lange Tag.
Fast war er zu Ende, und es war gut,
zum Schluss beinahe glücklich,
fast ein glücklicher Tag.

Für Antje Landshoff-Ellermann

Von Norden ins Dorf

Regenprasseln. Das Himmelsgeld!
Kommt wer von Norden ins Dorf,
hört man es: So klingt der Verzicht
auf das Zugrunderichten der Welt.

Kommst du von Norden ins Dorf,
trinken alle kalten Johannisbeertee
und erfinden im Glas Fische aus Licht,
damit es, ohne Bogen, Regenforellen gibt.

Wer noch Fragen hat und Antworten liebt,
öffnet Briefe im Freien, blickt versunken
auf seine Faust: Muster aus Schorf.
Wir liegen im Feld. Und lesen:

Einer ist hier gewesen,
der ist in einem fernen Meer ertrunken,
lebte davor aber lange in dem grünen Haus am See.
Komm mit! Wir laufen nach Norden, und später zurück ins Dorf.

Die Fasane bei Gryphius

Auf den Hecken wildes Schimmern,
Raureif. Und die Sternen gehen unter,
gehen wandern und leuchten auf fernen
Bahnen, den Zeilen am Himmel. Fasane.
Greif hörte ihr Rufen, aber bei Gryphius
verstecken sie sich zwischen Bildern.

Der Klippengarten

Ein junger Arzt sagt achtlos
deiner Tochter, die erschrickt:
„Der Tod seiner Frau, laut Akte
ist das kein halbes Jahr her.
Ein Glück, er erinnert sich
an nichts, weiß davon nichts.“
Aber wer weiß schon, hm,
was du spürst, was du
verstehst und welche
Bilder dir als wilde
Möwen um die Augen
segeln? Der Augensommer,
die Kirschbäume, die Wolken,
so weiß wie Krankenschwestern
im Klippengarten bei La grève blanche.
Natürlich, alle müssen wir sterben, solange
keiner den Tod in Frage stellt. Jede Liebe
ist ein Anker, und dein Körper, Claude,
weit oben auf der Oberfläche
der schwarze Rumpf,
treibt dort und dreht sich,
als wäre Wind aufgekommen.
Aber sieh doch das Erschrecken.
Diese Frau, die weiterlebt, weißt du,
das ist nicht deine, sie ist zur Hälfte
aber aus dir, deine Tochter ist sie,
und sobald du davontreibst,
hält sie alle davon ab,
dich aufzuhalten.

Venceremos

Auf dem Parkplatz drüben, der Mitte
des grauen Morgens, lehnt eine Frau
mit Wintersonnenbrille an ihrem Auto.
Sie raucht hastig. Sie scheint zu warten.

Nur kommt keiner. Und es wird nicht hell.
Leichter Sprühregen, in dem sie ausharrt,
in die kahlen Wipfel zu den Krähen blickt,
auf ihre Uhr aus Gekrächz und Gekrächz.

Der Augenblick, vorbei. Der Paketdienst
liefert Pakete. Aus einem roten Reisebus
mit spanischem Schlachtruf an der Flanke
steigt ein Blasorchester. Worauf warten?

Such keinen Ausgang, such den Eingang.
Jeden erwartet viel Besseres als Träume!

Mittagsschlaf

Zeit war es, dass es Zeit war?
Nie war’s Zeit gewesen, nie
würde es Zeit werden. Es war
die Zeit der Spinne, der Schlange.
Sie waren Mauereidechsensekunden,
diese Minuten des Hundertfüßlers, und
wurden endlich zur Heuschreckenstunde,
zu den Zikadentagen. Im Jahr der Agave
lehnten wir schlafend in der Macchia
an einem entzweigegangenen Boot.

Dub

Dub? Dahin geht es
bergan, bergauf, bergan,
so kommst du nach Dub.
Nur was anfangen da?
Da endet bloß alles.
Dort gibt es ja nichts,
es ist alles aus in Dub,
Dub ist selber nichts.
Es ist nicht Žrnovo.
Es ist auch nicht Brno.
Dub war noch nie Dubrovnik.
Wer nach Dub kommt, fragt sich:
Das hier also soll Dub sein,
dieses durchsichtige
dubiose Dunkel?
Duplizier Dub,
und du bekommst
nichts, du kriegst
nur Dub. Aber gut, los,
geh nach Dub! Dub wird dir
zeigen, wie es ist: Dub!
Dub ist, wie du bist.
Also bist du Dub?
Du musst Dub sein.

Vela Luka

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.

Shanghai Express

Dottergelber Hügel aus Metall,
mit weißen Masten auf der Spitze,
einem eingeschneiten Städtchen,
so schiebt sich der Autotransporter
flussabwärts wieder vorbei Richtung
Atlantik. Es ist ein blauer Herbsttag.
Ein weites Licht. Und der würzige
Duft von verlöschendem Sommer.
Du hast Vorahnungen. Auf dich zu
stürzt das Alter, und herfliegen Bilder
des ganzen Lebens, die bleiben wollen.
Die Shanghai Express, die viel zu schnell
hinausfuhr vor ein paar Wochen und
verblüffte Väter und kleine Kinder
auf schwarze Molensteine warf:
Verletzt von zu hoher Bugwelle.
Es ist warm. Jetzt wär noch Zeit,
in der Elbe schwimmen zu gehen.
So ein lichter heller Spätnachmittag.
Das gelbe Schiff kommt, das Wasser
ist eiskalt, es ist tief, und du bist allein.

Stadthausbrücke

Unter dem Krähenhimmel,
durch den Regen so stürzt,
die Kreuzung, die Ampeln,
der Wind in den rasselnden
Wipfeln, und wie eisig Luft
durch das Fensterglas will,
zu dir, weil du noch lebst,
nicht mal frieren musst du,
du in deinem Zimmerchen
zum Schreiben und Schlafen.

21 Jahre später noch immer dasselbe

W. H. Auden

Zwölf Lieder

IX

Haltet die Uhren an und kappt das Telefon,
Dem Kläffer nehmt den fetten Knochenlohn,
Schließt die Pianos, und bei gedämpftem Trommeln
Nehmt jetzt den Sarg, die Trauergäste sollen kommen.

Lasst Flieger Kreise ziehen ins Abendrot,
Raunend in den Himmel schreiben ER IST TOT,
Aus Krepp macht weißen Taubenhälsen Kragen,
Lasst Schutzmänner schwarze Handschuhe tragen.

Er war mein Nord, mein Süd, mein Ost und West,
Mein Werktag, Wochenende und mein Fest,
War Mittag, Mitternacht, mein Reden, mein Gesang.
Geirrt hab ich mich: Liebe währt nicht endlos lang.

Die Sterne, jetzt sind sie unerwünscht: Holt sie herab.
Verpackt den Mond und wrackt die Sonne ab.
Fegt den Wald weg und streicht dem Meer die Flut.
Denn nichts mehr wird nun jemals wieder gut.

*
(Übersetzt am 19./ 20. Mai 1994 und 21./22. April 2015)

An einem grauen Stuttgarter Mittag

endlos die Treppen vom Olgaeck
hinauf zur Zimmermannstraße.

Bestimmt war das früher mal ein
Weinberg, und Weinbergpferde

trotteten hier so wie jetzt wir.
Es ist Liebe hatte jemand dünn

an eine Betonwand gesprüht. Da,
ein weißer Engel, der beugte sich

über einen Brunnen ohne Wasser.
Asia-Imbiss und Nagelstudio. Felder

mit wilden Birnbäumen voller Disteln
lagen hier mal. Schiller im Gras. Und

der junge Hölderlin mit blonder Mähne
bis sonstwo. Diese silbernen Sommer.

Aber wohl kaum schöner, wie auch.
Das Gras war dasselbe. Das Grau

oben am Himmel. Die Zärtlichkeit,
die fehlt, bis du sie spürst, bis du

spürst, du lebst, sie war dieselbe,
die Abgestorbenheit ist nur Gerede.

Pferd

Durch den Abend getrabt
als mein eigenes Pferd.
Lief am Fluss entlang,
ging auf die Suche
nach dir und fand dich
nirgends als in Gedanken.
Und zwischen Bäumen, da
standen überall Kinder,
die riefen: Pferd!
Pferd! Wir sind
die Schatten
der Wildgänse.

Ja, der Schnee

Ja, in schwarzer Nacht
hat es endlos geschneit!
Und am Morgen da kam
schön wie du ein Licht.

Ja, golden leuchteten
als Sterne alle nackten
Wipfel drüben zwischen
Flussufer und Fenster!

Ja, der Schnee überall!
Ist aus dem Himmel, ist
eine Zusammenzeit, ja
ist das weiße Wunder.

Den Wolken

Bei scharfen Böen,
zwölf frühere Herzogtümer
im Innern des Festlands,
duftet der Schulbus,
wenn er in den Ort taucht,
immer noch nach Meer.
Die in dem Wind tanzende
Wäsche ähnelt Leuten,
die einen Zirkus eröffnen wollen
für das junge Jahrhundert,
in dem alles Zirkus ist,
und die Gänse in den Gattern
spreizen die Schwingen,
schnattern: O blauer Raum
früh morgens über den Dächern!
Da hineinzusteigen schwebt ihnen vor
in der Wölbung unter dem Gefieder
zwischen den schmalen Augen,
kein Anfall, bloß ein Anflug,
Tagträumen vergleichbar,
und jeder kennt sie, die Unruhe,
die ihre Schnäbel dabei schmecken
und zu tun haben muss mit Zitterpappeln,
Rauschen und Rasseln, mit trabendem
Gras und den wilden Muttertieren.
Den weißen Wolken.

Lima

Die Überschwemmung von Passau,
da sie unabwendbar ist, was bringt sie
auf dem Weltklimagipfel, was trägt
sie ein? Schneller als die Alpen-
gletscher schmelzen, werden Dürren
in Australien, kalifornische Buschbrände,
Bangladeshs Überflutungen und der Untergang
des Inselreiches Tuvalu verschachert
und zu Profitmasse. Klimawandel,
Klimahandel. Ein grüner Himmel
steht über Lima am Abschlusstag
der Konferenz, so leuchtet das Meer,
und Wolken aus Staren durchrauschen
den Hafen Ancon, bei deren Anblick einer
wie Auden dächte, ein jeder sollte gleichgültig
wen lieben, oder wir alle sterben, was allerdings
Auden etwas drastisch erschien, weshalb er schrieb:
Lieben müssen wir einander und dann sterben.

Für Uli Schreiber

Die Nandus in Törpt

Sie wissen, alles Ferne hat Augen.
Stumm folgen ihnen große Wagen, und
da sind immer Hunde in den Schatten, die
hinter Hagebuttenhecken flach im Gras liegen
und nach Sterben und roten Tränen riechen.
Sie sind Muldenvögel, lieben Laubkrater,
sind schlehenbeerenversessen, einer
auf einem Bein ist gleich Baum.

Nachts weite Pampa. Träume, blau.
Keiner wird je vergessen, was war, nur
die dreizehn Alten, die an dem Tag
durch den Zaun brachen, runter
zum Ufer rannten und hinüber
über die Wakenitz kamen,
sehen das Leuchten nicht mehr,
das ihnen da hell vor Augen stand.

Die Nandus sammeln im Maiswald
Beiträge zur Geschichte der Freude,
ein unerklärlich langsames Schreiten.
Goldene Sterne funkeln den Jüngeren
in den Augen, die im Dunkeln in Törpt
an die Maurine laufen zum Saufen
und erschöpft zitternd ausruhen
unter zwei verrosteten Tankwagen.

Sie rupfen sich Gras, das Nachtgras
im Knickschatten, und sie wärmen
einander, beinahe hundert, auch
wenn keiner von ihnen noch ein Bild
für den Nanduweg weiß, namenloses
freies Hinfliegen knapp über dem Laub,
hinter der Stirn nur die Wärme der Liebe
zum Rennen durchs dunkelgrüne Licht.

Für Tom Schulz

In Abwesenheit

Einer, der allein über ein Feld geht, weiß,
solang in der Luft der Schnee liegen bleibt,
gibt es die Schwarzpappeln dort, er meint,
im Innern genauso zu schneien und dass
es daher auch Innenpappeln gibt, immerzu,
in jedem Moment ab jetzt ist er vorbereitet.
Und genauso weiß auch ich mit einem Mal:
Pappelreihe! Das ist ein Ufer aus Bäumen,
und weiß auf einmal auch: mein Notizbuch!
Das sind Momente wie Jacken im Schrank,
im fremden Mundwinkel ein Funkeln, oder
jemand im Bus, der ihn in eine Geschichte
davonfährt. Während die Eisblumen blühen
an den Fenstern und immer was in Händen
zu halten ist, nimmt das Aufhören ein Ende.
Es schneit, als wartete der Morgen darauf,
nach einer so endlos erscheinenden Nacht
das Verlorengegangene sich wiederzuholen.
Schnee ist das, was ich nicht anhalten kann,
so als wäre jeder hier, auch in Abwesenheit.

Alter Landweg bei Bergedorf

In Schlaglöchern gefunden:
Löffel von einem Pommerntreck.
Ich kann das Vergessen erkunden
in lauter schlammigem Dreck,

und die Scherben aus klarem Glas
sind Kristalle, die ich in Taschen trage.
Betrunkene warfen Flaschen ins Gras,
Birnenbrand erster Nachkriegstage.

Der Schädel am Weg ist nicht so alt.
Da sind von vorsichtigen Tieren Fährten.
Wird es Ende Mai über Nacht wieder kalt,
suchen sich Füchse die wilden Gärten.

Elizabeth Street

Es ist schwer, wenn die Abschiede beginnen,
denn alles sagt es, Verschwindenmüssen,
Wiederkehr möglich, doch nie mehr so.
Darum dräng ihn zurück, den nächtlichen
Himmel, in den du hineinfliegen wirst. Geh,
zwischen herbstlichen Wohntürmen, und
in Gedanken nimm die Tram zur Bucht.
Red dir ruhig ein, dass es gut war, besser,
du sagst dir, es ist gut. Behalt keinen Kiesel.
Du vergisst bloß, wo er mal lag, auf dem Dach
eines dunklen Hotels, die Nacht, wie sie roch,
und im Regen die Ufer der Elizabeth Street.
Es wird Zeit. Bye bye pride! Es ist gut.
Nimm sie mit – jetzt ist es soweit –,
das große Licht, die Freundlichkeit.

Crow

Warum nur noch Asche sein,
sagt die Krähe zu den Kränen,
wenn ihr im Licht steht, warum
ist mein Lied Krächzen. Waa!

Wolkenkratzer, Straßenbahnen,
ich hatte ein Gefieder, so bunt
wie die Wolken Waa! im eisigen
Wind. Hatte Flüsse als Federn,

Krallen, die ritzten Geräusche
der Bäume in den Boden, damit
Waa! ein Weg war zur Wärme der
Sommerstraße. Sie war ein Feuer.

Ein Flammen und rötliches Lodern,
gespenstisch Waa! ein lohendes
Fenster. Ich flog durch es durch,
und es war der Adler, war Waa!

der Gott, der mich schwärzen,
stumm sein ließ und verbrennen.
Lied und Landkarte und Mantel,
in Krähenträumen Waa! sind sie

eins. Ich kam in einen Morgen,
und Wipfel war das große Licht.

Für Tony Birch

Aufwachen in Melbourne

Das ist also Melbourne: am Morgen
   getaucht in ein Hellblau, das herab-,
auf die Dächer heruntergefallen scheint.
   Kräne, Blätter hochwirbelnde Straßen-
bahnen. Vorbeirauschen kahle Platanen.
   Und Gottes Atemwolken ziehen nord-
wärts nach Wagga Wagga.
                                             Die längsten
   denkbaren Finger öffnen das Schließ-
fach des Himmels, bis es taghell wird,
   so schnell, dass du erschrickst Ecke-
Swanston-und-Franklin. Rede nicht nur,
   bloß um dich umzudrehen und wegzu-
gehen. Sprich mit ihr.
                                    Sie ist ein Regen,
   die Welt, und liebt die fünf Sinne. Über-
schwemmt dich. Ist zartfühlend, ist schroff
   oder Buschfeuer. Sie kommt durch die-
ses Fenster, in deine Augen, mit allem
   Licht erwartet sie dich an deinem aller-
ersten Aprilherbstmorgen in Melbourne.

Für Emma Lew

Schwarze Fische

Die Welt löst sich ab, und die Leute
verschwinden. Was sie umgab, findet statt
genauso ohne sie. Dafür such du dir ein Bild.
Meer schwarz, Rumpf schwarz, aus dem Hellen
stürzen entsetzt in die Sitzreihen geschnallt
Schatten in die Schatten, Wälder, Wellen.

Und du lebst. Da, das getigerte Tier,
blasser Katzenscherenschnitt zwischen
Vorhang und Fenster, durch das Licht fällt.
Der warme Märznachmittag auf den Tischen,
alle Worte auf und davon auf einem Wind
und du dir selber ferner als Malaysia.

Verbinde die Bilder. Verbind sie innig.
Keine Angst umgibt dich wie ein Stein,
nichts schließt dich ein. Nur du dich aus.
Halt fest. Halt fester, heiter. Solche Schwärze,
die gibt es noch nicht mal bei den Fischen.
Sie staunen, stehen still. Und entwischen.

Escheburg

Jahre lang, Sommer, Frühling,
Winter, Herbst, lief ich ihm nach,
dem Hund über die Gleisschwellen.
Und ich glaube, so fanden sie mich,
Verse: Ich schoss Schottersteine
und lief bis wo sie liegenblieben,
um sie weiterzukicken, Jahre,
Wochen, Stunden verspielt.

Was ist daran so unvergesslich.
Immer gleich lange Schritte, Hund,
Gras, Schotter. Und ich glaube, ich
versank in mir, aber teilte ja genauso
alles, oder fast: Gesänge der Grillen
Ende August, die Bisse des Frosts,
den Bus, der aus dem Nebel bog,
Wind, die Fasane bei Gryphius.

1056

Es gibt die Zone gleicher Jahre,
Dort ist nie Sonnenwende –
Den Immermittag baut ihr Licht,
Kein Herbst macht sie zuschanden –

In den Jahrhunderten des Juni
Folgt Sommer Sommern, bis
Nach den Jahrhunderten August
Bewusstsein – Mittag ist –

Emily Dickinson

Old Grand Dad

Die zwei gefleckten Köter, die im Gras mit ihm lagen,
waren gar keine Hunde, sie waren als Terrier getarnte
Wiesel. Da – wie ertappt sprangen sie auf und fingen
zu spielen an. Sie jagten einander in die Lichtflecken.
Faulkner trank einen Schluck. Er sah den Wieseln zu,
er trank, er reckte sich auf dem gemähten Rasen und
spähte in die Wipfel. Bäume. Eschen wie an dem See,
wo er als Junge am liebsten schwamm. Bäume waren
das gar nicht, eher Häuser, die es satt hatten, Bäume,
Eschen zu sein, immer bloß wachsen, grünen, gilben,
mit dem Sonnenlauf rot und kahl werden zu müssen.
Vögel wohnten darin. Kannten keine Fenster, zahlten
nichts, landeten, flogen auf und im September weiter.
Glückselige Biester. Aus einer unsichtbaren Schüssel
aß er etwas mit unsichtbaren Fingern: unsichtbares
Essen. Er trank. Die Terrierwiesel, die bei Gewittern
das Laub ausstreckenden Häuser. Und ich. Er trank,
er nahm zwei große Schluck. Ich bin nicht Faulkner.
Eher bin ich Faulkner, der vorgibt, Faulkner zu sein.
Er trank. Der Faulkner spielende Faulkner hob einen.
Lag im Gras herum. Mit Wieselfreunden. Den Silber-
schnauzbart dir rotlackieren und dann rumspringen
wäre gut. Oder reinkriechen in die goldene Flasche,
rufen: Oh Kentucky! Mal wieder schwimmen gehen.

Mail aus Scheusal

„Im Niemandsland zwischen Prag und Żmigród
brach die Lokomotive zusammen“, schreibst du,
„und wie bei der Teufelsaustreibung der Dämon,
so verreckte auch die herbeigekarrte Ersatzlok.“
Es war am Tag des Hitzerekords, und das Nest,
wo ihr festsaßt, hieß Scheusal. „Am Bahndamm
Eisenbahnergärten. In der Mittagsglut kescherten
Kinder dort verlangsamte Falter. Sie lachten uns
mit großen Augen aus, wie wir da in den Waggons
japsten, bis zischend endlich die Türen aufgingen.“

Du schreibst, aus Angst, es könnte weitergehen,
bliebst du für drei Stunden an den Gleisen sitzen,
hocktest an einem Baum, trankst ein Tyskie-Bier,
heiß wie ein Geysir, und sahst den Schweißern zu,
„braungebrannten, rußbeschmierten Schränken, die
in Flammen badeten und sich mit Feuer bespritzten.
Ein deutsches, lange totes Wort fiel mir ein – Glast,
als Leute aus dem Zug die Böschung runterkamen.
Sie keuchten, so wie das verbrannte Gras keuchte,
und da wusste ich: der Gespenster Traglast – wir.“

In Scheusal gab es keinen Schatten. Du schreibst,
„sogar im Keller der Schule, wo ich ein Klosett fand
und die Flasche füllte, war es stickig. Flirrende Luft.
Das Gelächter der Wasserspeier auf dem Hradschin
ging mir nicht aus dem Sinn.“ Laufen, so wie Wasser
laufen, dachtest du. „Ich muss laufen“, schreibst du,
und so endet deine Mail aus Scheusal. „Ich lauf los.“
Bei Jary in einem Hohlweg. Auf einem Erdbeerfeld,
wo Selbstpflücker standen. Und in der Dämmerung,
mit Hund, behörntem Helm. So sah man dich noch.

Für Katarzyna Fetlińska