Nirgends siehst du sie alle, nur auf dem Jahrmarkt: die Leute. Die High Society bleibt natürlich unsichtbar, aber wiederum auch nicht, denn die Leute imitieren sie ja, die feinen Leute.
Jürgen Becker war und ist in seiner Prosa und seiner Poetik ein genauso erfindungsreicher Analytiker der Vergänglichkeit wie in seiner Poesie. Niemand kann wie Becker verdeutlichen, in welchem Verhältnis zueinander Gedächtnis und Erinnerung stehen und wie sich beide unaufhaltsam verflüchtigen: „Aber was an Ereignissen halbwegs zuverlässig abrufbar erscheint und was der Erinnerungsfilm, einmal zum Laufen gebracht, an Nacherzählbarem reproduziert, es bleibt ein riesiger Rest im dunkeln, im Abgrund des Unbewußten, wovon sich kaum etwas Authentisches vortragen läßt, nämlich über Empfindungslagen und Gefühlszustände, Bewußtseinsvorgänge und Erkenntniswege, über all das Widersprüchliche und Gleichzeitige der Begeisterungen und Ängste, der Anpassungen und Verweigerungen, über die Impulse des Tuns, des Handelns, der Imaginationen. Was im Kopf des Jungen, der ich damals war, alles sich abspielte, wie und was er fühlte, dachte, verdrängte, es ist ja längst übergegangen in alle folgenden Bewußtseinsströme, es ist ja nicht mehr abzutrennen, herauszulösen aus dem sich fortwährend ausdehnenden Zusammenhang der inneren Erfahrungen, die über alle die Jahrzehnte hinweg ein riesiges Repertoire gebildet haben, an das heranzukommen überhaupt nur noch ein archäologisches Unternehmen sein kann, ein Bohren in Schichten hinein, ein ständiges Suchen und Sondieren … der Vorgang beispielsweise beim Gedichteschreiben, das wiederum auch nicht Probleme auflöst, die ich Dir in diesem Brief gerade mal andeuten kann.“ („Für einen Brief an meinen Sohn“, Sinn & Form 1995 / 1, S. 99f.)
Immer müder – nicht nur körperlich, immer müder fast allem. (21.4.)
Die Mädchen sind jetzt 13. Sie beginnen, sich zurückzuziehen. Die Macht der Peinlichkeit – und ihr Strahlen, sobald sie sich versichert fühlen. Aus dem Park haben sie mir einen Strauß Löwenzahn mitgebracht. (23.4.)
Siehst du meine Tränen, wenn ich an der Ampel auf dich zukomme?
Ich hab es mich immer gefragt: Welcher Unterschied besteht eigentlich zwischen mir und ihm, den ich spielte? Wo sollte der Unterschied sein? Irgendwie bin ich er geworden, aber nicht ganz. Was ist da und will, dass ich das nicht bin? (1.5.25)
Die alte Frau mit dem Blumenkohlschopf kauft einen Blumenkohl und einen Bund aus sieben Gladiolen. Für einen Gladiolensalat?
Verneigung vor umgestürzten Bäumen.
Endlich: nach 40 Jahren zum ersten Mal wieder Paternoster gefahren.
Viel zu viel Platz eingenommen haben in den letzten Jahren die Kritiker, auch die innen, die gar keine sind. Ich will mich der Kritik wieder anvertrauen können, denn sie ist lebendiger Teil meines Schreibens. Bin ich eine Marionette? (14.5.)
Du hast immer gewusst, wie weit du gehen kannst, und du bist immer an deine Grenzen gestoßen.
Das sickernde Haus.
Ich wusste gar nicht, dass Modigliani Haschischesser war. Wie ein Assassine ist er mir nie vorgekommen. Aber womöglich hat er deshalb in so klaren Linien, so vermeintlich kühl gemalt, die Augen zumeist abwesend, in kargen Räumen seine Figuren. Jeanne Hébuterne zeigen seine Bilder oft – die viel sinnlicher, tiefer, dunkler erscheint auf den wenigen Fotos, die es von ihr gibt. Amedeo Modigliani hat die Mutter seiner Kinder vermutlich besser gekannt. Sie stürzte sich aus dem fünften Stock, wenige Tage, nach dem Modi, wie sie ihn nannte, an der Schwindsucht starb im Pariser Hôpital de la Charité, zugrunde gerichtet von Drogen beide, zugrunde gerichtet beide von der ihnen eingeimpften Angst. Die Feindseligkeit ist unser Krebs.
Einhundertfünf Jahre alt wird meine Großmutter Käte heute. Es ist ohne jede Bedeutung, dass sie vor siebenundzwanzig Jahren gestorben ist. Zuletzt sagte sie, es sei unsinnig, weiterleben zu wollen, und sie wusste, es gab diesen Weg: Sie starb und lebte zugleich in mir weiter.