Verneigung vor umgestürzten Bäumen

Nirgends siehst du sie alle, nur auf dem Jahrmarkt: die Leute. Die High Society bleibt natürlich unsichtbar, aber wiederum auch nicht, denn die Leute imitieren sie ja, die feinen Leute.

Jürgen Becker war und ist in seiner Prosa und seiner Poetik ein genauso erfindungsreicher Analytiker der Vergänglichkeit wie in seiner Poesie. Niemand kann wie Becker verdeutlichen, in welchem Verhältnis zueinander Gedächtnis und Erinnerung stehen und wie sich beide unaufhaltsam verflüchtigen: „Aber was an Ereignissen halbwegs zuverlässig abrufbar erscheint und was der Erinnerungsfilm, einmal zum Laufen gebracht, an Nacherzählbarem reproduziert, es bleibt ein riesiger Rest im dunkeln, im Abgrund des Unbewußten, wovon sich kaum etwas Authentisches vortragen läßt, nämlich über Empfindungslagen und Gefühlszustände, Bewußtseinsvorgänge und Erkenntniswege, über all das Widersprüchliche und Gleichzeitige der Begeisterungen und Ängste, der Anpassungen und Verweigerungen, über die Impulse des Tuns, des Handelns, der Imaginationen. Was im Kopf des Jungen, der ich damals war, alles sich abspielte, wie und was er fühlte, dachte, verdrängte, es ist ja längst übergegangen in alle folgenden Bewußtseinsströme, es ist ja nicht mehr abzutrennen, herauszulösen aus dem sich fortwährend ausdehnenden Zusammenhang der inneren Erfahrungen, die über alle die Jahrzehnte hinweg ein riesiges Repertoire gebildet haben, an das heranzukommen überhaupt nur noch ein archäologisches Unternehmen sein kann, ein Bohren in Schichten hinein, ein ständiges Suchen und Sondieren … der Vorgang beispielsweise beim Gedichteschreiben, das wiederum auch nicht Probleme auflöst, die ich Dir in diesem Brief gerade mal andeuten kann.“ („Für einen Brief an meinen Sohn“, Sinn & Form 1995 / 1, S. 99f.)

Immer müder – nicht nur körperlich, immer müder fast allem. (21.4.)

Die Mädchen sind jetzt 13. Sie beginnen, sich zurückzuziehen. Die Macht der Peinlichkeit – und ihr Strahlen, sobald sie sich versichert fühlen. Aus dem Park haben sie mir einen Strauß Löwenzahn mitgebracht. (23.4.)

Siehst du meine Tränen, wenn ich an der Ampel auf dich zukomme?

Ich hab es mich immer gefragt: Welcher Unterschied besteht eigentlich zwischen mir und ihm, den ich spielte? Wo sollte der Unterschied sein? Irgendwie bin ich er geworden, aber nicht ganz. Was ist da und will, dass ich das nicht bin? (1.5.25)

Die alte Frau mit dem Blumenkohlschopf kauft einen Blumenkohl und einen Bund aus sieben Gladiolen. Für einen Gladiolensalat?

Verneigung vor umgestürzten Bäumen.

Endlich: nach 40 Jahren zum ersten Mal wieder Paternoster gefahren.

Viel zu viel Platz eingenommen haben in den letzten Jahren die Kritiker, auch die innen, die gar keine sind. Ich will mich der Kritik wieder anvertrauen können, denn sie ist lebendiger Teil meines Schreibens. Bin ich eine Marionette? (14.5.)

Du hast immer gewusst, wie weit du gehen kannst, und du bist immer an deine Grenzen gestoßen.

Das sickernde Haus.

Ich wusste gar nicht, dass Modigliani Haschischesser war. Wie ein Assassine ist er mir nie vorgekommen. Aber womöglich hat er deshalb in so klaren Linien, so vermeintlich kühl gemalt, die Augen zumeist abwesend, in kargen Räumen seine Figuren. Jeanne Hébuterne zeigen seine Bilder oft – die viel sinnlicher, tiefer, dunkler erscheint auf den wenigen Fotos, die es von ihr gibt. Amedeo Modigliani hat die Mutter seiner Kinder vermutlich besser gekannt. Sie stürzte sich aus dem fünften Stock, wenige Tage, nach dem Modi, wie sie ihn nannte, an der Schwindsucht starb im Pariser Hôpital de la Charité, zugrunde gerichtet von Drogen beide, zugrunde gerichtet beide von der ihnen eingeimpften Angst. Die Feindseligkeit ist unser Krebs.

Einhundertfünf Jahre alt wird meine Großmutter Käte heute. Es ist ohne jede Bedeutung, dass sie vor siebenundzwanzig Jahren gestorben ist. Zuletzt sagte sie, es sei unsinnig, weiterleben zu wollen, und sie wusste, es gab diesen Weg: Sie starb und lebte zugleich in mir weiter.

Var

Wieder brennt das Hügelland
Löschhelikopter tragen in Säcken
Mittelmeerwasser über die Hänge
in einem Schwall rauscht es
hunderte Meter tief auf
qualmende Anhöhen

Ich bin der Beifahrer
Beobachter der Manöver
Main Mix on Radio Paradise
Wasserfälle in der Luft
die Täler voller Dunst
verkohlt Pappelwipfel

Schreib es auf frag dich
wohin führt dich das Leben
was hat das mit Poesie zu tun
Berghänge Pappelwälder
alles nur mit dir nichts
bittergelb der Rauch

Mantis Mantisse

Auf Augenhöhe sitzt sie an der Hauswand
reglos seit Tagen hinterm Fensterladen

außerirdisch infernalisch rostbraun
eine in dünne Streifen geschnittene

Kartoffelschale mit Beinen angelegten
Flügeln und am Kugelkopf zwei Fühlern

die Scherenarme zusammengeklappt
wartet sie worauf zum Glück unersichtlich

ein Gewitter ein auffressbereites Männchen
versprengt eine Waldameisenkohorte

womöglich erhofft sie sich Rettung wie ich
und weiß doch genauso es gibt keine

sie wendet ihr Gesicht mit einem Ruck
und blickt mich an wer bin ich was

fiele mir nur mein Gedicht wieder ein
das ich 1983 im Matheunterricht schrieb

Gottesanbeterin erbeutet Logarhitmus
Mantis Mantisse ja ich glaube so hieß es

One For the Vine

Unter dem Blauglockenbaum
sitzen wir vielleicht an der Mauer.
Und durch den Hof jagen Schwalben,
mit weißem Mönchsbauch, nacht
-blau Rückenfedern. Sie warten,
Frau Feuer. Komm zu uns.

In Zimmern Erinnerungen
nachformende Schatten, hinter
Sommerregengittern, einem Wall
gegen Tanklastwagen. Wie still
trotten durch die Hügelzeilen
Weinbergpferde. Komm …

Frau Feuer, komm zu uns!
Verbrennen, verbrennen. Dunst,
den grauen Tag! Im vergessenen Glas
steht noch der blaue Wein, eine Flamme
im Nieseln. Und da, die zwei Fackeln.
So lachen Füchse aus der Nacht.

Für Hans Thill

Der Wind akzeptiert kein Hindernis

Der Wind akzeptiert kein Hindernis. Aber der Wind bleibt unsichtbar ohne Hindernisse. Und für den Wind ist ein Tag vor 137 Jahren so vergangen wie der Augenblick vor zwei Sekunden. (Marseille, 29.3.)

Die US-amerikanische Pianistin, die dich an van Goghs gelbem Haus anspricht, wurde vor 40 Jahren nach Arles eingeladen, um hier ein Konzert zu geben – das nie stattfand. Sie blieb hier und verlor mit der Zeit alles, auch ihr Klavier. Vincents gelbes Haus wurde abgerissen, es existiert nur noch auf seinen Bildern davon und in der Vorstellung von Leuten wie dir und der Pianistin in Arles.

Nach sechs Monaten Winter wird es Frühling. Zuerst bemerken es die Bäume, die ihre Knospenaugen aufschlagen, dann die Kinder, die tschilpen und rufen wie Vogelmelder, wie Meldevögel. Ein Mädchen geht vorbei und hat ihre rote Sportjacke um die Hüfte gebunden. (2.4.)

Dem Kind ist in der Schule verboten, Kaffee zu trinken, deshalb wünscht es sich einen nachfüllbaren Becher, aus dem sich heimlich trinken lässt. Sobald das Kind unterwegs zur Schule ist, hechte ich aus dem Haus und kaufe so ein Geheimhaltungsgefäß.

„Meine Erziehungsambitionen …“, sagt am Nebentisch eine junge Mutter und verstummt, als ich ungezogen lache.

Neuheit – die Einhornenten!

Vor dem Altglascontainer: Einer holt lauter leere Weinflaschen aus einem Rollkoffer und versenkt sie mit einer Hand, während die andere das Handy hält, in das er erzählt. Ich wünschte, ich wäre ein praktischer Mensch.

Franz Fühmann – 22 Tage oder Hälfte des Lebens
Hermann Lenz – Freunde

Zwei Fahrräder kommen unter dem Balkon vorbei. Sie zu ihm: „Ist vielleicht die Dichtung nicht auch Dokument?“ Er schweigt.

„Kaffee, eine magische, dunkle Substanz, hilfreich dabei, die Leute energischer zu hassen“ steht auf dem T-Shirt des Ziehsohns.

Warum redet immer nur einer oder eine auf den beiden Fahrrädern, wenn sie nachts vorbeifahren?

On va tous c/rever

Mein verletzter Finger arbeitet unablässig emsig an seiner Rekonstruktion.

Im Amsterdamer Anne-Frank-Haus zeigt ein Sekunden langer Videoclip, die einzige Filmaufnahme, das Mädchen, wie es im ersten oder zweiten Stock aus dem Fenster blickt, den Kopf heraussteckt und die Haare in der lichten Luft schüttelt. Die Zimmerecke, die grün lackierte Täfelung, die Zeitungsausschnitte von Stars der Zeit, von Dichtern und Schauspielerinnen an die Tapete geklebt. Der Zug zurück nach Deutschland fährt durch Amersfoort, wo Anne Frank im ersten Lager interniert war, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde und von dort beinahe dieselbe Strecke zurück nach Bergen-Belsen, wo sie starb, keine 16. Im Dachstuhl ihres Amsterdamer Verstecks im geheimen Hinterhaus zeigt ein Spiegel die Baumwipfel, die sie sah oder hätte sehen können. Es ist mir egal, wie oft das alles beschrieben wurde. Ich selbst bin zum ersten Mal hier und bin es, weil meine Großeltern von den Naziverbrechen zumindest profitierten und meine Eltern dazu nie etwas sagten – so wenig wie meine Brüder. Meine Empfindungen, während ich mit 50 anderen Besuchern aus aller Welt durch die Geschosse und Räume gelotst werde – Scham, Zorn, Trauer, eine Fassungslosigkeit.

Von der Rhone kommen Möwen langsam kreisend zurück in die Stadt. Sie segeln über das Amphitheater und La Roquette, groß wie Kindergartenkinder mit Flügeln. Aus den Parks fliehen die Krähen. Mitte März – die Rhone-Möwen sind da! (Arles, 17.3.)

Auf dem Parkplatz vor der Église Notre-Dame-de-la-Major versammeln sich hundert Leute in Schwarz. Das Kirchenportal steht weit offen. Eine Rathausangestellte ist gestorben, sie war beliebt, Anlaufpunkt in Arles, sie war noch jung, 58.

Die hölzerne Zugbrücke bei Arles, die Van Gogh malte, hat seither drei Namen: Le pont Trinquetaille, Le pont de Langlois, Le pont Van Gogh.

On va tous c/rever – Wandspruch

Der Tegernsee im Herbst

Erstaunlich waren die Bäume, ihr Rot.
Gelb, Grün und Braun an den Hängen,
wenn der Nebel morgens abzog. Dann
plötzlich in dem Grau endlich mein See.

Wir fuhren zu den alten Orten und neuen.
Regen, Tracy Chapman, und wir versuchten
das Grau abzuhalten mit drei versunkenen
Franzosenkids hinten online am Spielen.

Einmal jede Stunde wachten sie auf,
ruckartig ansprechbar. Die Displays
flimmerten weiter, aber sie blickten
in die Berge, die Schneise der Seilbahn!

Was kann nicht alles passieren. Johido,
come on. Hier kam ich vielleicht zur Welt,
nur ging es weiter. Versuche, Irrwege, und
wovon ich noch weiß, hat alles dies Türkis.

Das Ministerium für Zauberei

Die Musik von Death Cab for Cutie passt auch in diese neue Zeit gut, in der die Bekloppten nach der Macht greifen. Ich erinnere mich an das Konzert der Band in der Großen Freiheit, das einzige, das ich sah, in dem auf der Bühne eine Gitarre zertrümmert wurde. Seine Freundin bestand darauf, dass mein Freund zu ihr nach hinten kam, wo es weniger laut und ungefährlich war. Wenig später gingen sie.

Death Cab for Cutie – Plans
Death Cab for Cutie – You can play these songs with cords

Das Knacken, Knistern und Knispeln der Platane vor meinem Fenster in diesem lichten, hellblauen Februar – auch eine Sprache, die kein Mensch versteht. Wovon redet der Baum? Vom Frühling, nehme ich an. Bäume sind Pragmatiker.

Death Cab for Cutie – The Photo album

Ohne eigenes Zutun besitze ich inzwischen 13.426 Bergbau-Bitcoins. Und jetzt?

Mit Halskrause und bandagiertem Bein humpelt ein Chow-Chow durch den Schnee. Ich weiß nicht, warum mich der Anblick so rührt. Der Hund, und ich hier. Oder bin ich er, oder bin ich der Schnee? (13.2., Hoheluft)

Das Ministerium für Zauberei.

Im Namen der Esel: danke!

Nur ihr Team, sagten sich die Fans, trainiert ein junger Zauberer.

Die Nazarener

Sie haben die schönsten Pferde gemalt,
die Nazarener! Wer erinnert sich an sie?
Jedes Mal, wenn ich im Städel bin, dann
gehe ich wie verstört von ihrem Zauber
am Main zurück und über den grauen Fluss
in irgendein Hotel. Ihr Blick verfolgt mich,
bilde ich mir ein, schon frage ich mich,
warum? Sie scheinen etwas zu erleben,
das mit den Menschen vor sich geht, etwa
Begegnungen? Als wüssten sie das nicht
einzuschätzen. An ihre Pferde denke ich
immer im Frankfurter Hautbahnhofsviertel.
(…)
darauf sind Pferde zu sehen, die es nie gab,
aber die es gibt, sie haben sie ja gemalt.
(…)
Überall blicken die Menschen sich um
auf ihren Bildern, blicken ins Land
oder über einen Platz vor 200 Jahren,
als hätte da irgendwer etwas geschrien
oder als weinte da irgendwo ein Mädchen.
Ein Mönch mit Tonsur, ein Pferdeknecht
oder Hoffräulein verdreht den Kopf und
lauscht. Auf jedem Bild ist alles wach.

„Eine Krähe sucht die Nähe einer Krähe“, heißt es in Nadja Küchenmeisters neuem Gedichtband „Der Große Wagen“, und der Vers erinnert mich sogleich an den Krähenmann. Er taucht auf im Park und wirft zwei Handvoll Brotfetzen ins Gras, woraufhin sechs, sieben Krähen herbeisegeln und jede sich einen Klumpen fischt und flieht – jede in eine möglichst andere, eigene Richtung. (Hoheluft, 28.2.)

Chronik einer Zerrüttung.

Die Ordner auf meiner Bildschirmoberfläche, würde ich sie sternbildartig anordnen – wer bemerkt es? Muss es jemandem auffallen, du Kepler?

Mails mit Texas, Mähren und Münster im Stundentakt. Meine Diabetologin erzählt, dass unweit der Schule ihrer Kinder ein Kind überfahren wurde. Ich lese Storm und Meckel. (Hoheluft, 4.3.)

Doppelbildnis

Was ich an Courbet so wundersam finde,
die Momente, die er festhält, sind gestellte,

und genau so lebe ich, in großer Dringlichkeit.
Zu aufdringlich vielleicht, das ganze Dingliche,

denke ich immer wieder, aber dann sehe ich,
Courbets Selbstporträts sind Doppelbildnisse.

Nicht nur sich selbst malt er alle paar Jahre neu,
links nah dem Herzen ist sein junger Cocker und

wird genauso älter. Der schwarze Hund blickt nie
zum Betrachter, nur der Maler. Es gibt anderes.

Vier Jahreszeiten

Vier Jahreszeiten

Nach der Verleihung des Hannelore-Greve-Literaturpreises 2025, mit u. a. Eva-Maria Greve und Wolfgang Peter Greve, Sabine Witt, Tilman Krause, Juliette Affholder-Bonné, Annemarie Stoltenberg, Philipp Werner, Nicole Christiansen, Arno Surminski, Brigitte Große, Jürgen Abel, Steffen Baraniak, Sven Meyer und Klaus Peter.

Die Liebesbriefe meines Vaters

Freitags machte er sich eine Dose Jax auf,
Wenn er nach Hause kam von der Mühle,
& bat mich, meiner Mutter zu schreiben,
Die Postkarten schickte mit Wüstenblumen,
Größer als Menschen. Er flehte,
Versprach, nie wieder würde er sie
Schlagen. Irgendwie war ich froh,
Dass sie weg war, & manchmal wollte ich
Die Erinnerung einfügen, dass ja Mary Lou
Williams’ „Polka Dots & Moonbeams“
Die Schwellung nie zurückgehen ließ.
Seine Tischlerschürze war immer ausgebeult
Mit alten Nägeln, ein Klauenhammer
Hing an seiner Seite & Verlängerungskabel
Wickelten sich ihm um die Füße.
Wörter kullerten heraus, wenn ich
Auf meinen Kuli drückte: Liebes,
Baby, Honey, bitte.
Wir saßen da in der schweigsamen Brutalität
Von Spannungsmessern & Rohrgewindeschneidern,
Verlorengegangen zwischen den Sätzen …
Der Schimmer eines Fünf-Pfund-Keils
Auf dem Betonboden
Zog einen Sonnenuntergang
Durch die Tür in seinen Geräteschuppen.
Ich fragte mich, ob sie lachte
& sie über einen Gasbrenner hielt.
Mein Vater konnte nur unterschreiben,
Mehr nicht, aber sah er sich Baupläne an,
Dann wusste er, aus wie vielen Ziegeln
Jede Wand bestand. Dieser Mann,
Der Rosen & Hyazinthen stahl
Für seinen Hof, stand da,
Augen geschlossen & Fäuste geballt,
Rackerte sich ab mit einem einfachen Wort, fast
Erlöst von dem, was er zu sagen versuchte.

Yusef Komunyakaa

„My Father’s Love Letters“, aus: „Magic City“, Wesleyan University Press, Middletown, Connecticut 1988. (Aus dem Englischen von Mirko Bonné)

Keine Könige mehr

Keine Könige mehr,
Männer haben abgedankt.

Wenn sie das erst begreifen,
fängt die neue Zeit an.

Endlich unbekannt.
Warum weiter Terzinen?

Jede Gewalt wird wiedererkannt.
Und alle die sich ändern, blühen auf.

Heute sprach ich mit einem Bettler
über die Kälte in der Stadt.

Heute ist lange her, aber
ich hab da Teltower Rübchen gekauft.

Heute gab es Nachtfrost.
Das Laub rings um den schwarzen Park.

Heute fragt mich das schreiende Kind

„Warten auf Wasser, sagt die junge Griechin, die mir die Haare schneidet – so sei das Warten auf die Kinder.

Was das Kind schreit, klingt nach Vernunft – und es ist Vernunft, nur ist sie verzerrt, noch unartikulierbar, Vernunft, die sich im Wind dreht wie nachts ein hellblaues Windrad.

Portishead – Three

Underworld – Second toughest of the infants

Underworld – One hundred days off

Die Musik nimmt überhand:
Underworld – Beaucoup fish

Heute fragt mich das schreiende Kind: „Halloo, wie geht’s dir?“

Und hätte ich nicht antworten oder eigentlich erwidern sollen: „Gut! Wenn du nicht von morgens bis abends schreien würdest!“?

In Wirklichkeit halten zwei ältere Frauen jede ein 1000-Teilepuzzle unterm Arm, wenn sie in den Park einbiegen. Sie unterhalten sich über die Zeugnisse ihrer Enkelinnen. (12.1.25)

Joy Division – Unknown pleasures
Joy Division – Closer

20. Januar 2025, die zweite Inauguration des Irren von Washington. Inzwischen hat er viel irrere Paladine. Die Gegner der Hoffnung sterben zuletzt – also leb weiter!

Mit einem Mal gerät das dünne Eis auf dem Kanal in Bewegung, wölbt sich auf hier und da und zerbricht in Scherben. Keine Minute später ist das Eis wieder einheitlich graue Fläche.

Jede Dichterin und jeder Dichter steht einzeln gegen die Welt. (Wer das nicht glaubt, tu’s.) Das ist keine Vermessenheit, sondern Fakt. Die Sprache der Sprache sprechen nur wenige.

The Postal Service – Give up

Margarethe Trakl

Deine Handschrift,
Grete, schrieb er,
weil er spürte, die
schwarzen Augen

der Engel blicken
aus ihren Briefen.
Sah er sie im Bett,
ihre Rage Gottes,

sah sie aus wie er.
Sie war der Regen,
wenn es ihr kam,
war er und er sie.

Jeanne Hébuterne

Es gibt nur Balkonrosen.
Weiße, rote und violette.
Es gibt nur Balkonrosen,
wo sie zwei vorbeifliegen,

es gibt nur Balkonrosen,
Amedeo mio, mon trésor,
es gibt nur Balkonrosen,
hörst du, was ich dir sag,

es gibt nur Balkonrosen.
Wohin fliegen wir, Modi,
es gibt nur Balkonrosen,
warum bist du nicht hier.

Hunderte leere Pappverpackungen

Jürgen Becker ist gestorben. Nach ihm ist das Gedächtnis, zumal das poetische, das anders tickt, einem Aquarium vergleichbar, in dem ich keschere – was ich fange, nenne ich Erinnerung. Die Kindheit und ein Garten. Das Und als wichtiges Bindeglied. Und der Hörfunk, die Schnitte. Der John Cheever aus der Kölner Bucht, zieht man von Cheever die Trunksucht ab und das Herummachenmüssen mit anderen Männern. Aber die Geheimnisse sind bei Becker ähnlich Alles bestimmende. Er war zudem ein wundervoller Fotograf! Die Leitern immer wieder, die Apfelernte, die Vogelbeschreibungen, die Ehebeschreibungen. Die mir liebste Strophe von ihm stammt aus dem Gedicht „Reiseland“ in „Journal der Wiederholungen“ von 1999 und lautet: „Schau hinaus. Die Nähe der Landschaft, die du / wiedergewinnen kannst. Eine Chance, die im Stundentakt / sich wiederholt. Hongkong geht langsam verloren.“ Seine Beschreibungen der Gleichzeitigkeit von Erinnerung und unwirklich realem Geschehen werden mich immer begleiten. (7.11.2024)

Freunde.
Schuldzuweisung, Schuldsicherung – der frühere Freund ist durch Enttäuschung und Vergleichzwang zum Schnüffler und zur Petze geworden, zu einem sneak, der sich selbst nur erhöhen kann, indem er andere ins schlechtere Licht rückt. Die Schuld trägt er sogar im Namen.

Die Nazarener.
Jedes Porträt sucht sich die Gedichtform selbst. Overbeck, Pforr, Ludwig und Julius Schnorr von Carolsfeld, Fohr, Cornelius, von Schadow und – Catel? Beide Schnorrs als Brüder in einem Gedicht? Auf jeden Fall Fohrs unvergesslicher Hund Grimsel, der tagelang am Tiber auf den Ertrunkenen wartete.

Vorbei fährt ein Möbellaster mit der Abschrift „Mars Umzüge“. Läufst du ihm nach? Lauf weg!

Wenn ich Keats’ Briefe an Fanny Brawne lese, sehe ich sie vor mir – nicht die Briefe, sie: Fanny.

Andrey Kurkov erzählt im Radiogespräch, seit der russischen Invasion gebe es 13 neue Buchhandlungen in Kiew. Die Leute würden weniger Romane lesen, dafür Bücher über die ukrainische Geschichte und – Gedichte. (26.11.24)

Hunderte leere Pappverpackungen für Armbanduhren wirft der junge Mann nacheinander in den Altpapiercontainer, und in jede der Schachteln sieht er zuvor hinein.

Caribou – Our love
Genesis – Trespass

„Ich wusste immer, dass mein Vater nicht gestorben war.“ Christian Bobin

Weit überschätzt und eine ziemliche Kulissenschieberei aus Buchstaben, Conrads „Heart of Darkness“.

Als würde ein Stern seinem Sternbild entfliehen – so passiert der Satellit die Konstellation und fliegt weiter. Mein Auge kann diese Entfernungen nicht abschätzen, aber mein Herz: Flieg, Satellit, flieh!

Beginnen Sie mit dem Bergbau!

Freischwinger mit Wiener Geflecht.

„Ich weiß nicht, ob die anderen Menschen so sind wie ich.“ Somerset Maugham

Was wäre wenn

Den wilden Garten gibt es nicht mehr. An der Grenze zwischen Feldmark und Moränenwald hat ein Landwirt eine Schonung zu pflanzen versucht – vergebens. In einem letzten Winkel ist noch der Zauber zu spüren – die Weite der Felder, die Waldgeborgenheit. Aber das Verwilderte gibt es nicht mehr – obwohl das Wilde unbesiegbar ist. (15.9.24)

Peter Gabriel – 1
Peter Gabriel – 3
Peter Gabriel – 2
Peter Gabriel – 4
Peter Gabriel – So

Jeden Menschen, der dir begegnet, sieh dir nicht nur an, blick ihm in die Augen oder blick ihm wenigstens nach.

Genesis – Autumn Storms (Demo Tapes 1976 / 1977)
Genesis – Cynthia’s Dream (Demo Tapes 1971)

Erinnere dich – ja! – an dein Gedicht „Ladida“ – La di da – von 1983?

La Di Da

The Shins – Oh, inverted world

Warten im Distributionszentrum.

Nicht vergessen, Herr Dichter: „Die Nazarener“. Sieben Porträts.

Im Supermarkt erklingt „Supergirl“ von Reamonn aus den Lautsprechern. Eine gebückte Seniorin tippelt mit ihrem Rollator vorbei und summt „I got lost on the way, but I’m a supergirl, and supergirls don’t cry.“ (Hoheluft, 21.10.)

Die von den Simsen der Bahnhofsfassade stürzenden Tauben, aufgescheucht von immer derselben Krähe, die kreischt: „Mein Bahnhof! Meine Mauer! Mein Dach!“ – und die Schatten der Vögel auf dem sonnenbeschienenen Sandstein, die darauf in die Tiefe stürzen und dann wieder hinauf, beide: Schatten und Vögel, Vögel und Schatten. (Dresden-Neustadt, 24.10.)

„Soll ich dir meine neueste Erfindung zeigen?“, fragt das kleine Mädchen seine Großmutter, die daraufhin nickt – bevor ihr das Kind einen Handspiegel vors Gesicht hält: „Du!“

Die ganzen Leute, wie sie ab vormittags den ganzen Tag lang in den namenlosen „Dat backhuus“- und „Der Junge-Bäcker“-Backcafés sitzen, zumeist einzeln und schweigend blätternd in ihren Handys oder einem Wochenblatt, überall an den Ausfallstraßen, den Stadträndern, in den Gewerbemischgebieten, die seit einiger Zeit „die Zwischenstädte“ heißen – sie machen genau denselben Eindruck wie die Krähen in den allmählich entlaubten Baumkronen entlang der vielbefahrenen Straßen, die nirgendwohin führen als in täuschend ähnliche Siedlungen aus Doppelhaushälften, Nagelstudios, Apotheken, die noch überlebt haben, und Backcafés, Gebrauchtwagenhändlern und Backcafés. (Sagasfeld, 29.10.)

Wie hinausgefegt, dematerialisiert – in keinem Raum oder Saal ist schneller niemand mehr, kein Mensch mehr zu hören als in einem Hörsaal Sekunden nach dem Ende des Wortschwalls. (München, LMU, 7.11.)