Mein verletzter Finger arbeitet unablässig emsig an seiner Rekonstruktion.
Im Amsterdamer Anne-Frank-Haus zeigt ein Sekunden langer Videoclip, die einzige Filmaufnahme, das Mädchen, wie es im ersten oder zweiten Stock aus dem Fenster blickt, den Kopf heraussteckt und die Haare in der lichten Luft schüttelt. Die Zimmerecke, die grün lackierte Täfelung, die Zeitungsausschnitte von Stars der Zeit, von Dichtern und Schauspielerinnen an die Tapete geklebt. Der Zug zurück nach Deutschland fährt durch Amersfoort, wo Anne Frank im ersten Lager interniert war, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde und von dort beinahe dieselbe Strecke zurück nach Bergen-Belsen, wo sie starb, keine 16. Im Dachstuhl ihres Amsterdamer Verstecks im geheimen Hinterhaus zeigt ein Spiegel die Baumwipfel, die sie sah oder hätte sehen können. Es ist mir egal, wie oft das alles beschrieben wurde. Ich selbst bin zum ersten Mal hier und bin es, weil meine Großeltern von den Naziverbrechen zumindest profitierten und meine Eltern dazu nie etwas sagten – so wenig wie meine Brüder. Meine Empfindungen, während ich mit 50 anderen Besuchern aus aller Welt durch die Geschosse und Räume gelotst werde – Scham, Zorn, Trauer, eine Fassungslosigkeit.
Von der Rhone kommen Möwen langsam kreisend zurück in die Stadt. Sie segeln über das Amphitheater und La Roquette, groß wie Kindergartenkinder mit Flügeln. Aus den Parks fliehen die Krähen. Mitte März – die Rhone-Möwen sind da! (Arles, 17.3.)
Auf dem Parkplatz vor der Église Notre-Dame-de-la-Major versammeln sich hundert Leute in Schwarz. Das Kirchenportal steht weit offen. Eine Rathausangestellte ist gestorben, sie war beliebt, Anlaufpunkt in Arles, sie war noch jung, 58.
Die hölzerne Zugbrücke bei Arles, die Van Gogh malte, hat seither drei Namen: Le pont Trinquetaille, Le pont de Langlois, Le pont Van Gogh.
On va tous c/rever – Wandspruch