Das Gras

Der Roboter

Die Gewässerverockerung!

Die beiden mutmaßlichen Bombenleger beim Bostoner Marathonlauf, ein junges Brüderpaar, tschetschenische Exilanten, sind „ausgeschaltet“: Der ältere Bruder wurde erschossen, der jüngere schwer verwundet. Schwer bewaffnet, in einem Vorortgarten versteckt, wurde er in einem Boot entdeckt. Ein Roboter, heißt es, habe die Abdeckung entfernt (20.4.).

„Nachts, drunten fuhr ein Wagen vorbei am Ignaz-Rieder-Kai; ihr war, als fahre er durch sie hindurch.“ (Walter Kappacher, „Rosina“)

Die Lösung

Der junge Zimmermann auf dem Balkon – bückt sich, streicht über die Bodenhölzer und sagt zärtlich: „Sibirische Lärche.“ Auf dem Rücken seines Kapuzenshirts lese ich die Wahrheit, sein Herz: „Be a part of the solution.“

Durch das Licht

Durch das Licht fährt eine Frau auf einem kleinen blauen Roller, ihr nach wetzt ein Hund, ein Hündchen, gefolgt von einem kaum größeren Kind auf einem noch kleineren Roller. Im Baum sitzt ein erster Specht. Ein Mann bohrt Zaunlatten an. Barfuß rennen die Pfadfindermädchen über den Parkplatz. In Boston töten zwei mit Schießpulver und Nägeln befüllte Schnellkochtopf-Bomben drei Zuschauer eines Marathonlaufs und verwunden und verstümmeln Dutzende, Hunderte (17.4.).

Ein Anruf

Im Traum lief ich über einen verlassenen Platz im Sonnenschein, als mein Telefon klingelte. Ein Arzt rief an und sagte, ich müsse stark sein, denn er habe mir mitzuteilen, dass mir noch drei Tage zu leben blieben. Der Arzt weinte. Dann legte er auf. Und ich ging weiter durch die Sonne und entschied, niemandem von dem Anruf zu erzählen. Der Platz war noch derselbe, wie ausgestorben so leer.

Mit jedem Halm

In den Parks tollen die Kinder, als wäre nichts geschehen, und so ist es ja. Die Spatzen in den kahlen Büschen singen von Geheimnissen, die keiner versteht und niemand wissen will. Warum ähneln die beiden zueinander schwimmenden und sich wieder trennenden Goldfischschwärme den unter Wasser flatternden Flügeln eines großen goldenen Falters? Die allerletzten Schneereste liegen herum wie erschossen. Und das Gras wächst über sie hin, weil es nichts besser kann und mit jedem Halm die Welt grasgrün will (Volkspark Wilmersdorf, 14. April).

Die Türstörung!

Gotta get away

Stiff.1980 Aufgegangen in der wogenden, wippenden, taumelnd tanzenden Menge aus schütteren Haarkränzen vor der Bühne, auf der vier ebenso alt gewordene Punks aus Belfast gegen das Sterben anspielen. Du spürst dein Alter und wie es sich ablöst von dir: stiff.2013Sekundenlang, inselgleich, bin ich wieder so jung wie mein Sohn, bin mein eigener Junge. Du siehst ein Inbild der verfliegenden Zeit vor dir, dort, ganz nah, da tanzt im pulsierenden Gegenlicht mit schleierndem Blondschopf ein Mädchen Pogo. Musik des Lärms, Musik, die den Riss offen hält, die nichts aufhalten kann, aber sich sträubt, laut aufbegehrt gegen das Verhängnis aus Vergessenwollen und Erinnernmüssen (Neuer Pferdemarkt, 12.4.).

Fotos: Stiff Little Fingers, 1980 und 2013

Duhu

In den Abgasschwaden am Mühlteichufer liegt eine große tote Möwe auf der mit weißen, violetten und orangegelben Krokussen gesprenkelten Böschung. Eine Frau mit verquollenem Gesicht kommt mir entgegen, schwer bepackt, in sich gekehrt, mit leerem Blick – der Frühling. Und vom Friedhof herüber ruft ein Uhu, der die fünf Monate Winter überlebt hat: „Duhu, duhu, duhu!“

Ein Wischen

Nicht von der Hand zu weisen, alle die neu erlernten Bewegungen, mit denen sie ihre Smartphones bedienen (Diener und Apparatur, gegeneinander verkehrt): ein Wischen, um das Ding zu entsperren, ein Auseinanderspreizen von Daumen- und Zeigefingerkuppe, um ein Bildchen auf dem Display zu vergrößern. Bewegungen, die schon jene andeuten und einüben, die sie an ihren iGlasses oder iWatches ausführen werden, ehe der Apparat hineinwächst in den Körper und – paradox – der Körper verschwindet.

Plätze

Im Verlauf der jährlichen Augenhintergrunduntersuchung (AHU?) mahnt der Arzt, Rat.Haus.Platzich solle fortan häufiger zum Check kommen, „denn irgendwann dann wird es sehr schnell schlechter“. Immer auf einem freien Platz mit diesen schmerzhaft weit gestellten Pupillen: Alles dazu angetan, dich zu verunsichern, jede Taube, jeder Pfosten. Du verstehst, was ein Platz ist – das Licht hat dort Platz, und es stürzt dir in die Augen und zeigt dir die schöne Absurdität deiner Verbindung zur Welt (8.4.).

Plötzlich (etwas schafft sich Platz, in dir) die Erinnerung an einen (25 Jahre) alten Vers – und ist so körperlich wie sprachlich: „Sieben Finger finden Platz in deinem Mund.“

Der kleine Zimmerbaum

Der kleine Baum im Zimmer knospt. Zahllose winzige grüne Hände recken sich ans Licht und holen das Licht ins Innere des kleinen Baums. Was will der kleine Zimmerbaum damit? Wachsen? Oder überleben? Will er leben oder etwas erleben? Will er Teil des Zimmers sein? Ist das helle grüne Knospen überhaupt Zeichen eines Willens? So scheint es, so scheint es.

Den halben Tag lang Papiere sortiert, Unterlagen, Formulare, Bescheide, Urteile, Auszüge, Tabellen. In deinen Händen fliegen die Jahre und Jahrzehnte vorbei. Du kleiner Zimmerbaum. Während vor dem Fenster in den kahlen Wipfeln die Meisen umherhüpfen und davonschwirren, lebendige Pfeile, abgefeuert von wem? (7.4.)

Lift

Die vierzehn Jahre der chronischen Erkrankung, die tausend verzuckerten Morgen am Büroschreibtisch, die zahllosen grauen Stunden vor dem Schirm und in den Langeweilekonferenzen. Die acht Minuten der Anhörung zur Aufhebung des Kündigungsschutzes. Die halbe Minute Fahrt im Lift hinunter auf den Boden der Tatsachen (3.4.13, Hamburger Straße).

Nach Hause

Der Drogensee!

Je einfacher die Zahlen, umso tiefer verliere ich mich im Wald der geregelten Staffelung.

Die Drogensee!

Langsames Vortasten in die Sonne des finnischen Eisfrühlings über Hamburg – auf den Müll mit stinkendem, schwarz vermodertem, immer noch gefrorenem, Gewächs gewesenem Knochenholz! Zuschauer: ein Häher, ein Überlebender.

Das Statusgehampel!

Am Bischofsee: die unzähligen kahlen Stämme des Schwarzerlenwaldes am Ufer – gegen den weiß überfrorenen See wie die lesbare Zeit, ein Zaun aus Jahren (Bosau bei Plön, 1.4.).

Die fünf Buchstaben am Eingangstor zum Seefriedhof: „Na Hus“. Nach Hause.

Bewegungen

Die Erinnerungsvernichtung!

Das Bewegungsmodul!

Ein kleiner Schwarm Meisen und anderer zu Federbällen aufgeplusterten Vögel hüpft flatternd im Garten über die eisfreien grünen Flächen, die wie Küsten einer Miniaturantarktis anmuten. Und eine Horde Jungs und Mädchen spielt über der Straße mit denselben Bewegungen, hüpfend und flatternd, im Schnee Fußball. Franziskus, der neue Papst, hat zu Ostern fünf jugendlichen Sträflingen die Füße gewaschen, darunter verbotenerweise auch zwei Mädchen. „Wir müssen“, sagt er, „einander nicht die Füße waschen, doch wir sollten füreinander da sein und einander helfen.“ (30.3.)

Dazwischen die Nacht

Lese ich ein Gedicht von Emanuel Geibel, Geibels Garageegal welches, oder lese nur den Namen Geibel, dann denke ich, als würde ein Hebel umgelegt, der Geibelhebel, an den Garagenhof am Ende der Lüneburger Geibelstraße, die Stahltore, von denen der Lack abplatzte, die alten Backsteinhäuser, das ganze platt und tot gewalzte Grün in der Nachbarschaft der Theodor-Körner-Kaserne. Der arme Geibel. Der manirierte, gefühlige, vaterländische Geibel. Seit dem Garagenhof, den ich seinerzeit als Taxifahrer erstaunlich oft anzufahren hatte, mag ich Geibel, aber Geibel kann nichts dafür. Für mich ist Geibel seither ein Ausweg, ein Eingang war er nie.

Nichts kann zugleich Rätsel und Geheimnis sein. Ein Rätsel – das zu Erratende. Ein Geheimnis – das Verheimlichte. Wie zwischen der Dämmerung am Abend und der am Morgen gibt es nur eine scheinbare Verbindung zwischen Geheimnis und Rätsel. Dazwischen liegt die Nacht.

Petunien

„Kill your darlings“ – weshalb eigentlich, WHY? Tu alles, damit deine Lieblinge überleben!

Kleiner flatternder Schatten über dem Eispanzer: Ende März ist der erste Schmetterling in der Spätwintersonne noch ganz schwarz (27.3.).

Beim Klang des Wortes „Petunien“ denke ich an meinen Freund F., denke daran, wie er „Petunien“ sagt, höre die Petunien und sehe den Glanz in seinen Augen.

Das Nichts

Unterm abschmelzenden, wegbrechenden, davongewehten Harschschnee, sch, sch, kommen die schwarzen Wilderdbeerblätter zum Vorschein (24.3.).

Unterwegs zum Rabatzz!, ihrem geliebten Indoor-Spielplatz, geraten die beiden jungen Mädchen ins Philosophieren: „Das Nichts!“

Die Anarchoästhetik!

Vier Herren

Da saßen sie, vier Herren mit grau gewordenem, schütteren Haar, nicht alt, nicht jung, ein bisschen aufgedunsen, am lebendigsten noch die Augen, sogar ihr Lachen knapp und verhalten. Saßen am selben Tisch am selben Tischtuch des Ristorante auf dem Kiez wie vor Jahrzehnten und schämten sich für die Toten und ihre eigene Gleichgültigkeit. Schale Euphorie, Anekdoten aus dem Hamburger Kulturbetrieb von vor zweiundzwanzig Jahren. Vier Winde, Stürme gewesen, einer von ihnen du (St. Pauli, vorgestern).

Fragen und Gemurmel

Müllland „Wo würdest du lieber wohnen“, fragt das Kind, „in einem weiten grünen Land, wo an einem Fluss lauter Obstbäume stehen, oder auf einer Müllhalde voller Gold?“

Die Tauben unter dem Hauptbahnhofgewölbe: murmeln.

Die Dummen sterben nicht aus. Warum sollten sie auch.

Die Unverborgenheit

Beim Wiederlesen von Camus‘ Essays „L’Été“ kommt mir der Gedanke, dass der Titel nicht nur „Sommer“ bedeutet, sondern auch genau wie „Léthé“ klingt, die „Lethe“, der Fluss des Vergessens in der Unterwelt. „alétheia“, das griechische Wort für Wahrheit, leitet sich von derselben Wurzel her wie „lethe“, das Vergessen, die Vergessenheit, die Verborgenheit. Die Wahrheit ist „die Unverborgenheit“.

Die Sonne in der Hand

Im Traum stand ich mit einer älteren Frau in einem Schmuckgeschäft. Sie hielt die Sonne in der Hand, und von der Decke schneite es. Ich war wieder jung, und die Dame war meine Tochter (21.3.).

Ein Satz, so schön wie von Fitzgerald: „Ruth legte den Kopf in den Nacken, lachte, war ganz weit weg, war sehr jung, sehr fröhlich und unbesiegbar.“ (Veronika Peters)

Der Ereignisbankrott!

Weiße Töne

Durch den Schneeregen kommt mir ein junges Mädchen entgegen, auf dem Rücken einen weißlackierten Cellokasten. „Spiel! Weiße Töne!“, denke ich. Und komme an einer Bande Jungs vorbei, die über die Straße hinweg eine Schneeballschlacht veranstalten. „Zerpflückt den Winter! Klatscht ihn an die Wand!“ (Klein Borstel, 19. März)

Am Fluss entlang

Das Beste heute: du, krank, vergrätzt, im alten schwarzen Mantel, im Schnee, der ewig scheint (und es ist), am träge vor Kälte elbwärts fließenden Fluss entlang: stapfend.

Wenn die Liebe zu den befreundeten Gegenständen zurückkommt, weißt du: Die Krankheit ist vorbei.

Draußen vor den Fenstern: Finnland.

Die Eule des Königs

Das Beste heute, an diesem 287. kalten Tag in Folge – krank, erkältet wie erkaltet durch die Wohnung schlurfend – war, ein Gedicht von Günter Bruno Fuchs zu lesen, „Ein alter König schaut ins Familienalbum“. Darin erinnert sich ein alt gewordener und abgesetzter Monarch beim Betrachten eines Thronfotos an seine Eule: „Auch sie / hat Glück in den Augen. Sie lebt / nicht mehr. Die Krone hängt am Garderobenständer, / das hätte ihr Freude gemacht.“ Mit dem schönsten Vers beginnt das Gedicht: „Dieses Foto / zeigt meine Eule und mich.“ (17.3.)

Die Vernunft, das Vernünfteln

„Wegrationalisieren“ – im Grunde ein schöner, sprechender Ausdruck. Er verrät die Angst, als irrational dazustehen, weshalb man sich als einzig vernünftig ausgibt. Zu Anmaßung und Unmäßigkeit der Vernunft schreibt Albert Camus: „Das griechische Denken wurde immer durch die Vorstellung der Grenze aufgehalten. Nichts wurde bis zum Ende fortgetrieben, weder das Heilige noch die Vernunft, weil es nie etwas leugnete, weder das Heilige noch die Vernunft. Den Schatten durch das Licht ins Gleichgewicht bringend, hat es vielmehr alles einbezogen. In die Eroberung der Totalität geschleudert, ist unser Europa dagegen die Tochter der Unmäßigkeit. Es leugnet die Schönheit, wie es alles leugnet, was es nicht anbetet. Und sei es auch auf verschiedene Weise, betet es nur das eine an, nämlich den künftigen Sieg der Vernunft. In seinem Wahn versetzt es die ewigen Grenzen, und düstere Erinnerungen stürzen sich in diesem Augenblick darauf und zerreißen es. Nemesis, die Göttin des Maßes, nicht der Rache, wacht. Wer immer die Grenzen überschreitet, wird unerbittlich von ihr gestraft.“ – Camus zeichnet in „Helenas Exil“ (1948) eigentlich nicht den Missgriff der Vernunft nach, sondern vielmehr die Maskierung der Unvernunft mit dem Flitter der Ratio. Unterm Deckmantel der Vernunft mogeln sich Angst und Abscheu eine Welt hin, die das Alte und das Schöne verdammt, indem es das eine wegrationalisiert und das andere zu Tode bagatellisiert.

Zwei Geräusche

„Da sind wir also“ – der neue Papst auf dem Balkon: scherzt.

Das den lieben langen Sonnentag die vom Frost gesprengte Abflussrinne hinablaufende Schmelzwasser: flüstert.

On the Air

Seit Jahren und Jahren dasselbe: die weißen, leeren Flure mit hunderten Türen, von denen ab und an eine aufgeht und ins Schloss fällt. Eine graue Gestalt in verwaschenen Jeans erscheint, schlurft vorbei und verschwindet. Über einem Eingang brennt ein rotes Licht – Ruhe. Es riecht nach Wischmopp, und vor den Fenstern ist keine Jahreszeit, nur der leere Raum, durch den die Radiowellen schwirren. Es gibt mich nicht. Es gibt nichts und niemanden, aber alles ist auf Sendung (NDR, Rothenbaumchaussee).

Harsch

Der Schnee auf dem Balkongeländer (dem Schneegeländer) – so hoch, dass du (dir) einen Kopf kleiner erscheinst.

Harsch – du schönes Wort. Du schönes Wort für alten Schnee, das kaum noch jemand sagt. „Harsch“ – sagt der krustenüberzogene Schnee, wenn Einer auf ihn tritt, „Harsch“, das Eis, das weiß, wie spät es ist, und „harsch!“ die Vögel, frierend in den Bäumen, wo sie warten und zu Recht (12.3.).

In die Höfe

Das Quecksilberthermometer in der Frostnacht: tickt.

Zeichen im Schnee In die Höfe stürzt der Schnee. An den Schneestraßen, in den Schneeeingängen hocken in den Büropausen die Raucher und blicken ins Gestöber – die Schneeausstellung, die Schneezeitschrift, der Schneekatalog. In die Höfe wirbeln die Flocken, in die Augen stürzt der Schnee (11.3.)

Foto: „Albrecht-Schachten“ © Ralf Müller

Alles wartet

„Alles muss warten.“ – „Worauf?“ – „Alles wartet auf dich.“ – „Auf mich … was soll ich denn?“ – „Komm!“ – „Wohin. Wohin denn?“ – „Sei da!“ (10.3., im Schneetreiben über den Hügeln von Fehrbellin)