Landgang, der dritte
Vor der Ruine des Mühlenturms von Rastede-Heubült wartet ein Alter mit Atemluftgerät am Gürtel auf dich. Das Gespräch mit ihm dauert keine Minute – zwei Mal verspottet er dich, drei Mal flucht er auf dich mit glühenden Augen. Bevor er zwischen zwei Sekunden hindurch verschwindet.
In Wilhelmshaven mündet der Totenweg in den Stachelbeerenweg.
Hellblau ist das Wasser des Jadebusens, und hellblau wird der Abendhimmel darüber, immer heller und blauer, bis See und Seeluft ineinander übergehen und das Dunkel aufsteigt, um Nacht zu werden.
In der Dunkelheit über dem Jadebusen ein rotes Geflimmer, weit entfernt an den Küsten im Osten – als lägen dort Rotlichtstädte, und Busse würden dort hinfahren zu gekauften Nächten an den Jadebusen der Vorstellung. Windparks sind dort in der vermeintlichen Realität, ausgerüstet mit Warn- und Positionslichtern, damit Flugzeugpiloten unterscheiden zwischen Tod und Leben, die Rotoren von Schweiburg, Seefeld, Stollhamm und Varel.
Maler in Dangast:
Franz Radziwill
Karl Schmidt-Rottluff
Max Pechstein
Erich Heckel
Nach den Krawallen
In Brake war das Weite
In Brake war das Weite zu fühlen. In Brake
hörten die Seemöwen sich so zeitlos an.
In Brake küsste ich dich und es war egal,
wo wir waren. In Brake klingelte unten
am Strom dein Handy und hast du mit der
Welt telefoniert. In Brake war das völlig
okay. Ich liebte dich mehr als alles andere
auf der Welt in Brake. Und es gab vieles
in Brake, was infrage kam. Es gab drüben
Harriersand und gab hier Brake, was hieß,
es gab hier Brake und drüben Harriersand –
Weite und Stille, für die Brake stand. Und
die Weser. Und dazwischen das dünne Land,
zu dem eine Fähre fuhr, wovon der Kapitän
jedoch abriet. Es sei zu still dort. Gehen Sie,
gehen Sie lieber weiter, weiter durch Brake!
In Brake gab es fraglos das Weite, die See
und Georg von der Vring, der sich nicht
sicher gewesen war, wie entscheiden, ob
ein Mensch sein oder einer, dem gleich
ist, was es heißt, Mensch zu sein. Schade,
und selber schuld, aus Ihnen hätte einer
werden können, ein Dichter, Herr von der
Vring aus Brake, der später Dylan Thomas
übersetzte. Immerhin gab es in Brake ja den
Optischen Telegraphen – – Zeichen, telepor-
tiert über Strom und Land. Ja, es gab Brake!
Es gab Brake in der Nähe und im Weiten!
Es gab uns! Dich gab es, mich, die Musik
des Weiten, ja sogar der Weser. In Brake
lernte man als Kind Block- flöte spielen. In
Brake waren alle Block- flöten Seemöwen.
Landgang, der zweite
Der weithin sichtbare Optische Telegraf von Brake an der Unterweser lässt mich durch die Geschichte telegrafieren, und ich lese, dass auf Kirchtürmen oder eigens dazu errichteten Gebäuden im Verlauf der etwa 70 km langen Strecke zwischen Bremerhaven und Bremen kreuzförmige Signalmaste montiert waren, an deren drei freien Armen je ein drehbarer, über Seilzüge zu bedienender Flügel acht verschiedene Positionen einnehmen konnte. Aus den 512 möglichen Stellungen wurden bestimmte für das Alphabet und einige Sonderzeichen festgelegt. Diese Signale wurden von der jeweils nächsten, gut zehn Kilometer entfernten Station mit Fernrohren beobachtet und weitergegeben. Die Stationen auf der Weserlinie waren Bremerhaven, Dedesdorf, Brake, Elsfleth, Rekum, Vorbrock, Vegesack, Oslebshausen und Bremen. Die 1846 eingerichtete Querverbindung Bremerhaven – Elmlohe – Bederkesa – Lamstedt traf bei Hechthausen auf die Elblinie.
Der „Braker Telegraph“, 1846 erbaut und nur etwa sechs Jahre lang in Betrieb, bis er als veraltet galt, meldete mittels seiner Vorrichtung auf der Turmspitze in die Wesermündung einfahrende Schiffe. Die Telegrafisten hatten zu übermitteln, welche Waren das Schiff geladen hatte, wie viele Mann zum Entladen gebraucht wurden oder ob das Schiff unter Quarantäne stand – Informationen, die möglichst vor Anlegen des Schiffs benötigt wurden, vor Einführung der optischen Telegrafie jedoch nur über bedeutend langsamere Botenschiffe überbracht werden konnten.
In seiner posthum 2018 erschienenen poetisch-philosophischen Betrachtung „Der Optische Telegraf“ schreibt der schwedische Dichter und Erzähler Lars Gustafsson: „Der Betrieb optischer Telegrafen basierte auf Signalstationen mit Winkelmasten (Semaphore), mit denen man die Buchstaben des Alphabets wiedergeben konnte. Sie gingen in England schon 1796 in Betrieb. Die Übermittlungszeit zwischen London und Portsmouth betrug nicht mehr als 15 Minuten – die Nachricht hatte sozusagen annähernd die gleiche Geschwindigkeit, die ein Flugzeug mit Hubkolbenmotor für die gleiche Strecke gebraucht hätte.
Das deutsche Äquivalent, die Linie Berlin–Koblenz, in Betrieb zwischen 1832 und 1849, bestand aus zweiundsechzig Stationen, von denen eine, Nummer 4, gelegen auf dem Telegrafenhügel in Potsdam, noch heute bewundert werden kann. Die gesamte Strecke Berlin–Koblenz belief sich auf 550 Kilometer, und bei schönem Wetter und guten Lichtverhältnissen dauerte die Synchronisierung der Signale zwischen Berlin und Koblenz hin und zurück nicht länger als 2 Minuten. (…) Das Personal einer optischen Telegrafenstation bestand aus mindestens zwei, häufiger drei Personen: einem Beobachter, der mit einem Fernglas die eine oder andere der nächstgelegenen Stationen ablas, und ein oder zwei Telegrafisten, die die Winkelelemente bedienten. Die Richtung der Nachricht war wichtig, Kollisionen mussten vermieden werden. Und manchen Nachrichten musste Priorität eingeräumt werden. Es ist kaum möglich, sich ein öffentlicheres System der Informationsweiterleitung zwischen zwei Orten vorzustellen. Deshalb wurde Verschlüsselung bald ein wichtiges Verfahren, besonders natürlich im militärischen Kontext.“
Abbildungen: Unterweser bei Brake mit Optischem Telegraphen (1; anonymer Kupferstich, Mitte 19. Jahrhundert); Braker Telegraf (2; 2018) – Zitate: Lars Gustafsson, „Der Optische Telegraf“, aus dem Schwedischen von Barbara M. Karlson, Secession Verlag, Zürich 2018
Union-Pier
Landgang, der erste
Die weiten Felder westlich von Bremen, unterbrochen, vor dem Seewind geschützt durch Waldinseln, geometrisch anmutenden Waldungen. Auch die Kühe, im Widerstand gegen den Wind, rebellisch Rinder, fleckig wie das platte Land.
Der Oldenburger Entomologe erzählt von Libellen, ihrem Schwirrflug, den Häuten, die sie abstreifen, bleistift-, schraubenziehergroß. Er lebt in seinem auf den Hund gekommenen Bungalow am Stadtrand, die Frau hat ihn verlassen, die Töchter sind längst ausgezogen, um in Übersee zu studieren, er ist im Widerstand gegen die geplante Küstenautobahn, die Landschaftsvernichtung ist immens in seinen Augen, und er schwört unverbrüchlich auf Pink Floyd. Er wirkt libellenartig, selbst wenn er im Lichtschein am Schreibtisch über den Laptop gebeugt sitzt. An den Wänden überall Bilder von Teichen, Gräsern, Mooren, Seen. Einmal frage ich ihn, ob er wisse, dass Klaus Störtebekers Schiff angeblich „Die schnelle Libelle“ geheißen habe, und ein andermal erzähle ich ihm von meinem Gedicht „Libellenbrief“ und muss es ihm daraufhin vorlesen. Es sei sehr gelenkig, sagt er. Nichts Gelenkigeres, sagt er, als eine Libelle.
Die Sterne, die Sternbilder, nachts über Oldenburg – Hintergrund ein tiefes Schwarz, schwarze Tiefe. Während es in den Gärten knackt, denn da schurren und scharren versteckte Tiere. Alles schläft. Aber die Natur wacht, als gelte es, sich zu wappnen – wovor? Einem wie mir?
Die Brötchen tragen eine eingebrannte Initiale – als wären sie allein für dich bestimmt.
Im Oldenburger Land, heißt es, werde ab und an noch ein Uhu an ein Tor genagelt, als Abschreckung, als Zeichen gegen den Teufel? Kaum einer dürfte sich das heute noch trauen. Meine Tochter erzählt einen Witz: „Was sitzt auf dem Baum und winkt? – Ein Huhu.“ Der ans Tor genagelte Uhu taucht auch am Schluss von Jan Wagners Gedicht „franz de hamilton: konzert der vögel“ auf. Nachtigallen reimen sich dort auf „nageln“, und dem Uhu eignet etwas Lutherisches: „(…) man hört die saat / im ackerboden bersten, in den kirschen / die süße sich ballen, hört / das blut tief in den eigenen adern rauschen. // elstern, strauße, ziegenmelker, kuckuck, / der adler mit der orgel seiner flügel, / kranich und käuzchen, rebhuhn, kaka- / du, falke, mäusebussard, eisvogel, // störche, sperlinge und nachtigallen. / nur der uhu nicht, den ein paar leute, / die üblichen strolche an die scheune nageln / wie irgendwelche thesen, ein pamphlet.“
Mit Heisenberg im Zooladen
„Lieber“, sagt das Kind, „hätte ich Brandmale im Gesicht.“
Während des Telefonats mit dem im Auto fahrenden Freund immer wieder die Roboterstimme seines anscheinend ferngesteuerten Wagens: „Ich habe beschlossen, an der kommenden Abzweigung die Straße zu verlassen“, „Ich habe beschlossen, jetzt links abzubiegen“ …
Propangasstation für Eigentumsflaschen!
Im Zoofachgeschäft in ein kurzes Gespräch mit einer jungen Frau hineingeraten über Schlammwürmer für ihre Kugelfische. Am Telefon erzählt das Kind von Heisenbergs Unschärfe-Reaktion. (Winterhude, 8.9.)
„Ich möchte wissen, wieso unsere Eltern immer so langweilig sind.“ Oscar Wilde
Bruder Regen, Schwester Schnee.
Hesse übers Angeln, über Fische in „Unterm Rad“: „Hans achtete allmählich weniger streng auf die Angel. Er war ein wenig müde, und sowieso pflegt man gegen Mittag fast nichts zu fangen. Die Weißfische, auch die ältesten und größten, kommen um diese Zeit nach oben, um sich zu sonnen. Sie schwimmen träumerisch in großen dunklen Zügen flußaufwärts, dicht an der Oberfläche, erschrecken zuweilen plötzlich ohne sichtbare Ursache und gehen in diesen Stunden an keine Angel.“
Cello und Biene
Im Speisewagen redet ein bärtiger Silberrücken auf seine Frau ein, gestikulierend, mit den angelernten, abgeguckten, immergleichen, leeren, auf ihn selbst zurückweisenden Gesten. Sie tut das Beste, was sie tun kann, sie schweigt. Sie bezahlt. Er doziert. Er weiß alles, und weiß alles besser. Er weiß, sein Gesicht sagt es tonlos, dass er auf dem Holzweg ist und auch sie verlieren wird wie seine Mama. Schon tut ihm alles leid. Armer Idiot.
The Sea and Cake – The Fawn
Einer kommt dir zu nah, fast kannst du ihn riechen, die Empörung wächst, du übst dich schon still im Zurückweisen, da blickst du ihm endlich offen und frei ins Gesicht – und erkennst die freundliche Arglosigkeit. (22.8.)
Wie traurig das Kind auf einmal sein kann.
Du stößt den Fensterladen auf, und aus der augenblickslang noch dunklen Nische zwischen Fensterrahmen und hellem Tag stürzt ein Nachtfalter hinaus unter einen rettenden Busch. (Berlin-Schöneberg, 23.8.)
Die Wespe stößt die Biene in den Honigtopf, aus dem ich das Opfer rette. Die Biene scheint auf Anhieb zu wissen, wie wenig Zeit ihr bleibt, um den Angriff zu überleben: Ihre Hinterbeine sind honigverklebt wie ihre Flügel. Das ist die ihr vorgegebene Reihenfolge der Säuberung, ehe die Wespen sie entdecken oder die Straßencafébedienung sie wegwischt.
„Überall die kranken Lagerhallen am Start, boy“, sagt im Zug der über und überall tätowierte Jüngling zu seinem „Bro“. Einen winzigen schwarzen Chihuahua haben die beiden Rosenheimer Jungs dabei, ihre „süße kleine Fledermaus“. (Erfurt, 26.8.)
Autos gibt es wie Sand am Meer.
Drei offenbar noch junge Elstern machen sich über den Kadaver eines Vogels her – einer Elster? Innenhofmassaker.
Das Fallobst unter den Apfelbäumen bildet den Umriss der Baumkronen nach. Das Fallobst ist die Erinnerung der Obstbäume.
Mit einem Mal – nein seit Tagen immer deutlicher – unbändige Lust, Proust zu lesen. Der ich widerstehe!
Schlagzeile: IST ES MÖGLICH, DASS ES UNSER UNIVERSUM GAR NICHT GIBT?
Die Ähnlichkeit eines Cellos mit einer Biene.
Der Gebrauchtwagenhändler, der um den zu Verkauf stehenden Wagen herumgeht und mit den Fersen seiner Absätze (den Versen seiner Absätze?) kräftig gegen jeden der vier Reifen tritt – ein zweckloses Unterfangen (zwecklos wie alle Kunst, sagt Oscar Wilde zwecklos). US-amerikanischer Ausdruck für Großtuer und Nichtsnutze: tire-kicker.
Neue Tiefe
Wie die Bäuerin es vorhergesagt hat – Erfahrung, Überlieferung –, dauert der Todeskampf der Hornissen nach der Ausräucherung ihres Nests exakt 24 Stunden. Unten im sonnenbeschienenen Gras stand der Mann mit der Teleskopstange, an dem die Spraydose voll Gift befestigt war, etwa drei Minuten lang, hielt sich fest an der Leiter, betätigte den Spraymechanismus, die Wolke drang in den Bau, die Tiere verstanden die Welt nicht mehr. Wir hören den Zorn, die Empörung, den Stress, die Todesangst, das Sterben, die Rettungsversuche. Im Gesicht der Bäuerin der Widerstreit von weltgewandter Moral und lokalem, tradiertem Pragmatismus – gegen den kein Kraut gewachsen ist.
Eine Stunde lang mit einem Pferd im Kreis gegangen.
Über den Nachthimmel zieht ein Satellit, milchweiß, voller Botschaft und zugleich lautlos.
Dein Sohn, 22 geworden, spricht zum ersten Mal furchtsam vom Alter. (15. August)
The Sea and Cake – The Moonlight Butterfly
Name einer neuen, leider unmöglich gemachten, poetischen Bewegung: Neue Tiefe.
Mein Pferd hat Nasenbluten.
Vor dem Bett des Kindes ein Sandhaufen. In seinen Schuhen Dünen. Wie läuft das Kind damit, seit Tagen, Wochen?
Die Erinnerungen der Mutter sind nicht maßgebend, nur ein Teil sind sie deiner (und ihrer) Verwirklichung. Zeugin ist die Mutter, aber nicht Kronzeuge, denn der bist du allein, keiner sonst. (Burg auf Fehmarn, 17.8.)
Die weiche Wasserverdrängung der fetten Kinder.
Neunundzwanzig Gänse
„Drei Mal diesen Sommer sind mir die Tagetes verbrannt“, sagt die Bäuerin.
Von früh bis spät hört man das Knispeln der Hornissen in der Wand, wo die Großwespen die Holzbalken abnagen. Jede halbe Minute fliegt eine, das Maul voller Holzbrei, davon und kommt eine andere herzu, um die Fracht für den Nestbau neu aufzunehmen. Das Haus wird abgetragen, wird in ein Hornissenhaus verwandelt und an anderer Stelle – wo? – wiedererrichtet. (Hinrichsdorf auf Fehmarn, 11.8.)
Jede Ordnung ist Illusion – auch diese, dieser Satz.
29 Gänse. Bei Böen spreizen sie alle simultan die Schwingen und rennen in dieselbe Richtung, um aufzusteigen und davonzufliegen – aber sind schon längst zu schwer. Das Fliegen aber ist in ihnen, nicht mal als Erinnerung zwar, und dennoch. Fliegen sie in ihrer Vorstellung? Mit dir und dem Lieben muss es ganz ähnlich sein. Wie viele Jahre und Jahre warst du zu schwer, obwohl du leicht warst wie eine Feder. Du warst zu bekümmert, um noch zu lieben.
„Und zwischen zwei Blicken die Kluft, die so tief ist / daß selbst ein Lächeln sie nicht überbrücken kann / Oder eine Träne“ Christian Saalberg
Beirut – The Rip Tide
Zugleich machtvoll und friedvoll: Rauschen der Bäume.
Über einen Hund (am Bojendorfer Strand), der dich an einen Fuchs erinnert, sagt das Kind: „Er sieht aus wie ein Fuchs, der sich als Hund verkleidet hat.“
Johannisbeeren
Am Ende der Wiese, bei der kleinen Wasserstation,
stehen Männer im Blaumann, frühmorgens schon.
Sie haben einen Auftrag, wie Bauarbeiter immer.
Ein leichter Holzkohlegeruch weht in dein Zimmer.
Du stehst am Fenster, blickst verwundert hinaus.
Vor der Weite der Felder das letzte ist euer Haus …
So kannst du gut sehen, dass dort noch einer steht.
Er ist groß und trägt Schwarz, hat so ein Atemgerät
am Gürtel, aus dem Wasserdampf steigt, hat Flügel,
drei Paar, sechs dunkle Schwingen, fast wie Bügel,
die zittern und kurz schlagen, sobald jemand spricht.
Welches Gesicht er dabei macht, erkennt man nicht.
Da sind in den überall roten Johannisbeerbüschen
Kinder, die Fangen spielen, nur ständig entwischen.
Keiner fängt jemanden, und niemand wird gefangen.
Schon kommen sie gekrochen, die kleinen Schlangen.
Und die Bauarbeiter lachen hell am Ende der Wiese,
weil jede schwierigere Aufgabe sein sollte wie diese.
Einer isst von den Beeren. Er wirft den anderen zu.
Gleich folgt die Pointe, die gute Moral. Meinst du?
Nichts da. Die am Leben sind – alle Gespenster –,
müssen warten, wie du, versteckt dort am Fenster.
Sie graben die Büsche aus, sie löschen alles Rot.
Und aus dem Gras zu dir hinauf blinzelt der Tod.
Das verlassene Hippodrom von Oraison
Die Regentropfen, die „Tropfen des Regens“, wie Volker Sielaff schreibt, nicht selten blüten-, faustgroß beinahe. Und stets kommt ein Regenvorbote und stürzt vom Himmel – ein Miniaturregen, wenige hundert Tropfen, Tropfen des Regens, des Bewegens, ein Regen, der (und das) da die Montagne herab seewärts rollt. (4.8.)
Die Libelle über dem See, schwirrt herab zur Wasseroberfläche und trinkt tunkend, das Glitzern punktierend, ein Ball mit vier Flügeln. Abflug. L’envol. Im hohen Bogen davon, aufgetankt. (Les Vannades, 5.8.)
Arcade Fire – Neon Bible
In der Hochsommerhitze das verlassene Hippodrom von Oraison am Ufer des Durance-Kanals, des „elektrischen Flusses“, wie das Kind sagt, weil es von den Turbinen hat reden hören. Das Gras in dem Oval ist ausgeblichen, fast hüfthoch. Unsichtbares Publikum auf den niedrigen Tribünen, unsichtbare Jockeys auf unsichtbaren Pferden, die hinunter zum Kanal schreiten, so unsichtbar wie seit tausenden Jahren die Zentauren. Am Kanal saufen die Tiere noch einmal aus ihren unsichtbaren Gesichtern, ehe das Spektakel der Phantome von Oraison beginnt.
Wolke über Volx
Hornissensommer
Dem Leichenzug voran fährt der schwarze, mit Blumen beschmückte Wagen, in dem der Sarg steht mit seinem Toten. Ihm folgen zu Fuß die Angehörigen, die Freunde, die Bekannten und Verwandten, dann, in den Autos, die im Schritttempo hinterdreinrollen, die Feinde, die Opfer. Zuletzt die Geliebten. Ihrer aller Ziel liegt am früheren Dorfrand, heute mitten im Dorf, und hat die höchste Mauer. Der Glöckner hat an diesem Morgen alle Hände voll zu tun und löst sich auf in Klänge, die über den Ort schallen.
„Wanna give me a hug?“ – „Yes. A hug with knives.“
Der Geistliche geht durch die Altstadt und trägt Soutane und Strohhut.
Beirut – Lon Gisland
Beirut – Gulag Orkestar
Am Lac d’Esparron bei 42 Grad Augusthitze: Eine junge Frau zeigt einem Freund ihre Hände, die braun sind, an manchen Stellen aber ganz weiß – „ç’bizarre, ’on?“
Nicht eine einzige Wespe diesen Sommer im hellsten Licht auf der Terrasse. Im Feigenbaum tun sich dafür dutzende Hornissen an den Früchten gütlich und vertreiben alle Insekten. „Chabriasses“ nennen die Leute sie im Durance-Tal. (3.8.)
Dem Gewitter voran geht der Wind, der mit einem Mal auffrischt
und Stufen auf der Beaufort-Skala für lachhaft versimplifizierend erklärt. Man meint sie sehen zu können, die Böen, die durch das Durance-Tal fegen. Durch sie hindurch zucken die Blitze, fast alle lotrecht, nur selten verästelt, schräg, nervöse Blitze. Der Donner dumpf, uralt, als wäre er seit je derselbe, ja als gäbe es gar keinen anderen.
Selfie mit Blässhhn
Deine Augen büßen täglich an Schärfe ein. Wenn du „Blässhuhn“ schreiben willst und glaubst, „Blässhuhn“ geschrieben zu haben, liest du neunmal darüber hinweg und liest immer „Blässhuhn“, erst beim zehnten, elften Mal fällt dir auf, dass da „Blässhhn“ steht.
Was heißt das für die Welt? Was, wenn vor deinen Augen ein Blässhuhn vorbeischwimmt? Erkennst du den Vogel, siehst du ihn weniger, fehlt ihm ein Stück? „Da, ein Tier. Was ist das für eins?“ – „Ist das nicht ein Blässhuhn?“ – „Ein was?“ – „Ein Blässhuhn.“ – „Weil es verblasst?“
Während die Autos vorüberrasen, geht eine Alte am Arm ihrer Tochter – oder Enkelin? – so langsam wie der Atem des Sommers über den Parkplatz der Autobahnraststätte. (Bei Grenoble, 29.7.)
„Je veux du chantilly, je veux du chantilly!“, schreit im Supermarkt das Kind, unaufhörlich. „Ich will Schlagsahne, ich will Schlagsahne!“
„Die Ameisen waren schon immer da“, sagt mein Herz.
Mit bloßen Händen fängt das russische Mädchen ein Blässhuhn – für ein Selfie mit Blässhuhn.
Wie der Oleander, der von früh bis spät in der Hitze am Rand des bekieselten Parkplatzes steht – und der dabei rosig bis tief rot blüht –, so musst du versuchen, das Leben zu meistern. Die Unbilden durchblühen. (Volx, 1.8.)
Die Hunte bei Oldenburg
Schlafende Mitbewohner
Im Treppenhaus ein roter, klebriger Fleck auf dem Linoleum, und ich sage zu dem Kind: „Guck, da ist eine Marmelade gestorben.“ Das Kind hält inne, besieht sich lange den Fleck und findet kaum heraus aus seiner Verwunderung. Erst ein Stockwerk tiefer lachen wir, boxen und boxen uns.
Die Mitbewohner sind zurück, nach dreißig Jahren Schlaf.
Es hält nicht, nicht einmal das, was es verspricht, das morsche Gebälk der Erinnerung.
Depeche Mode – Ultra
„Dein Hemd hat dasselbe Muster, dasselbe Hellblau wie der Grund meines Lieblingsschwimmbades.“ (22.7.)
An einem der heißesten Tage des Sommers am Nachmittag im Kino, um noch einmal – zum letzten Mal – „2001 – A Space Odyssey“ zu sehen. 25 Leute in dem raumschiffartigen Saal. Hinter mir ein alter Kerl vom Planeten Schnarch Alpha keucht und keucht und schläft ein. Nach drei Stunden müder Applaus. Ich hatte längere, aufwühlendere Diskussionen mit dem rebellischen Bordcomputer HAL in Erinnerung. Unverändert bombastisch, unpassend und geschmacklos die Musik von Strauß und Strauss. (27.7.)
Nachtigallen-Petition vor dem Roten Rathaus übergeben!
In der kleinen Nische der Reinigung und Änderungsschneiderei des Supermarktneubaus hat der persische Schneider eine Decke unter die elektrische Kleiderbügelstange voller daran aufgehängter Hemden, Mäntel und Hosen gebreitet und schläft dort, im kühlen Schatten auf dem weißen Kachelfußboden.
Rebellion gegen die Würdelosigkeit
Immer mehr meiner Artgenossen und Mitmenschen gleichen Indianern: tätowierten, trunkenen und traurigen Schoschonen oder Komantschen, denen alles geraubt wurde, die dir im Handumdrehen den Skalp rasieren und die verzweifeln an ihrer resignierten Rebellion gegen die Würdelosigkeit. (Essen, 15.7.)
In einer Wolke aus Insekten gegessen. Alle scheinen sie in den Aachener Hitzesommer abgewandert zu sein. Kein Regen seit drei Wochen. (Aachen, 15.7.)
In jedem Garten, an den ich mich erinnere, wuchsen Johannisbeersträucher. Es muss eine Verbindung geben zwischen Erinnerungen und Johannisbeeren.
Gläser gibt es, die sind erst wirklich (auf der Welt), wenn du sie nicht oder nur um ein Haar hast fallen lassen. Dann hältst du sie in der Hand, und sie erwachen. Gewinnt ihre Wirklichkeit Gestalt.
„Grausamer als der April ist die Natter der Zeit.“ Thomas Wolfe
Eine Zumutung
„Ein voller Geschmack vom Ende geht dem Gedicht voran. Anfang.“ Jannis Ritsos
Die Supermarkthilfe weiß nicht, was Popcorn ist. „Poppkorn?“ Jemand sagt: „Kino, Essen.“ Da nickt sie, und ihr Gesicht hellt sich auf. (7.7.)
Ich bin eine Zumutung, und ich will auch eine sein. Das ist mein Posten: eine Zumutung.
Die Morgengeräusche im Viertel, Tag für Tag neu, als würde der Tag in dieser nicht blauen, in einer Blaumann-Stunde fertiggestellt, zu Wasser gelassen, als würde in der Frühe die Takelung des Tages aufgezogen und geprüft werden, ob es losgehen kann. (12. Juli)
Sei Baum. Freu dir einen Ast.
Eine Schwalbensilhouette
„Ich träume nicht so viel, wenn ich die Augen zuhabe“, sagt das Kind. „Am meisten träume ich, wenn ich die Augen aufhabe und rumlaufe.“ (30.6.)
„Ja: Es ist eine Zeit, in der so viel möglich war wie vielleicht noch nie, im Bösen und im Guten, und vor allem im Unerhörten; geheimnisvolle Zeit, in der jetzt etwa lang vor dem Morgen der Tauregen aus einem Baum klatscht.“ Peter Handke, „Kali“
„Urban Sketching“, heißt es, sei zurzeit schwer angesagt. Man strichele, mit Bleistift, auf Papier, was man im Alltagsleben, im Freien, so sehe. Alles sei möglich. – Ich wusste es immer: Die Wende kommt, es ist nur eine Frage der Zeit. Bald zertrümmern wir unsere Smartphones. Oder lassen sie einfach irgendwo liegen, wie eine durchlöcherte Mütze, die zu nichts mehr taugt.
„Wenn ein Tier stirbt, kann keiner das reparieren“, sagt das Kind. „Und genauso kaputt ist ein Herz.“
Die in die Lesung einführende Universitätsprofessorin spricht über die Kunst des lückenhaften Erzählens in Daniel Kehlmanns Eulenspiegelroman „Tyll“. Eine Lesung im Freien, im Garten des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin. Linder Abend. Tiefstehende Sonne. Der herrliche Wind mit seinem glücklichen Rasseln in den Uferbäumen. Die Professorin setzt alles daran, dem Buch, das vor ihr auf dem Lesepult liegt, ihr Wissen zu entlocken, magierinnenartig wischt und zieht und zaubert ihre Hand darüber hin, und tatsächlich: Im Gegenlicht deutlich zu erkennen als Schatten, wischt eine Schwalbensilhouette aus den Seiten, entwischt dem Roman und entkommt über den See. (Berlin-Wannsee, 5.7.)
Fünf Müllmänner zu Gast auf Erden
Die Geizigen halten sich für freigiebig, denn sie geizen sogar mit ihrer Habsucht.
Wie gesagt: Mein Outdoor-Textilmanagement lässt zu wünschen übrig, da muss ich mich um Optimierung bemühen!
Auf einer Parkbank (einer) sitzen fünf Müllmänner in der Sonne unter den Bäumen und lachen. (Barmbek, 13.6.)
Jeder frei gewordene Fleck in der Stadt wird sogleich eingenommen von jemandem, der ihn zu benötigen scheint oder meint – als Abstellplatz, als Räumfläche, Erholungsort, als bloßes Eigentum, egal wofür. Ist das ein Zeichen für Enge?
OMD – Orchestral Manoeuvres in the Dark
„Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet: / ,Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.’“ Tomas Tranströmer
Wieder die fünf Müllmänner gesehen, aber diesmal in einem Viertel drüben im Westen. Auch da saßen sie auf einer Bank herum und waren bester Stimmung.
Im Innenhof arbeiten zwei Handwerker den ganzen Tag lang schon an der Erneuerung des meist verwaisten Kinderspielplatzes. Eine mühsame Arbeit offenbar! Denn oft setzen sie sich und rasten – wie die Müllmännerriege – auf einer Bank im Schatten.
Etwa achtzig Wörter brauchst du, bis deine Handschrift nach den ganzen Tagen über der Computertastatur wieder flüssig und leserlich wird.
Brixen zum Beispiel
You can’t repeat the past.
F. Scott Fitzgerald
Am Morgen, wenn das Fensterlid aufgeht,
stürzen zwei Elstern durch die Weinbergzeilen,
wie verfolgt von dem Sturmwind des Bösen oder
einem Trauma. Was hat das Flüchten überall
mit deinem Leben zu tun?
Brot der Erinnerung,
heillos zerbröselt, oft einfach nur vom Tisch gewischt,
und unaufwärmbar das Mutterherz, das alles besser
weiß – Kinderspiel, weil ja für dich nichts sicher
ist.
Vielleicht darum möchtest du immer –
Flüchten auch das – zurückreisen nach zerdehnten
Jahrzehnten an Orte, wo du als Junge, ein Bub, z. B.
schwimmen warst im Garten eines Sommerhotels
hoch über dem Eisacktal.
Eidechsen sind verlässlicher
Zeugen als die Erinnerungen und verschwinden auch
behänder. Grün summt am Abend das Gras immer
noch die Lieder, die verloren gingen, ohne dass ihr
Brüder sie gesungen hättet. Süße Verlorenheit
Vanillegeruch in der Bäckergasse.
Was vergangen ist,
das lässt sich nicht wiederholen, schreibt Fitzgerald, und
Gatsbys Empörung darüber mag Wahn sein, Selbstsucht,
genauso ist sie Ausdruck einer unwandelbaren Liebe.
Das Vergangene zurückholen
In „The Great Gatsby“ behandelt F. Scott Fitzgerald eines seiner Kardinalthemen: die Vergänglichkeit und – noch brisanter – die voraussetzungslose Fortführung des Vergangenen. So kommt auf die unwiederbringlich verloren scheinende Liebe Daisys – seiner inzwischen verheirateten Verflossenen – nicht Gatsby zu sprechen, sondern dessen Freund und Nachbar Nick, der nach einem rauschenden Fest auf Gatsby Anwesen zu ihm sagt: „I wouldn’t ask too much of her“, und: „You can’t repeat the past.“
Gatsbys Reaktion ist so empört wie seit einem beinahen Jahrhundert einzigartig.
„Can’t repeat the past?“, ruft er – ungläubig – aus: „Why of course you can.“
Die deutsche Übersetzung dieser einzigartigen Replik ist weniger als dürftig. Sie zeigt keinerlei Interesse an der Verdeutlichung von Gatsbys Projekt, die Vergänglichkeit – und damit die Vergangenheit – aufzuheben.
Die Eidechsen
Durch den Weinberg steigen die jungen Lesehelfer in ihren Tarnanzügen. Gegenüber der Baustellenkran – höher als der Weinberg – piept markdurchdringend bei jeder Bewegung. Während der Nebel in die Bergwälder fährt. (Vahrn / Varna, Südtirol, 7.6.)
Eine Versammlung von Verzweifelten und Geltungsbedürftigen, von Trinkern, Trinkerinnen, von Clowns und Liebessüchtigen – ein Spiegel ist der Literaturbetrieb, zersplittert, zerdeppert, und du weißt dort so gut wie jeder andere, dass du nirgendwo besser aufgehoben wärst als in dieser leeren Fülle.
Die von Vogelgeneration zu -generation stets aufs Neue vergessene Gier der Sperlinge, die Spatzensucht. Die wir ihnen lachend Jahr für Jahr neu aufhalsen.
OMD – Organisation
Die Lesungen in den Stiftsälen und -bibliotheken werden alle übertönt von den Gesängen der Vögel, die in den Baumkronen und auf den Dächern rings um die Jahrhunderte alten Gebäude sitzen. Oswald von Wolkenstein saß hier in der Sonne, aß Trauben und wunderte sich über die Laute, zu denen Elstern in der Lage sind. Als würden sie ihrerseits lesen, uns vorlesen aus ihren Amsel- und Meisenbüchern, den Schwalbengedichten, den Essays der Tauben über die Kirschenreife, den Reportagen der Rotkehlchen über die Düfte der Apfelbaumreihen im Regen. (Novocella, 9. Juni)
„Hat man erst der Sonne ein Leck geschlagen, kann man sicher sein, daß sie untergeht.“ Christian Saalberg
Wider Erwarten, ein wenig auch wider Willen und allein aufgrund des unerwartet in den Sinn gekommenen Namens – „DA!“ – das Hotel wiederentdeckt, in dem du 1974 ein paar Sommertage verbracht hast – das „Temlhof“ oberhalb von Brixen. Im Hotelgarten stehst du wie in einem überraschend in aller Überdeutlichkeit wiedergekehrten Traum. Du erkennst alles wieder, sodass die Zweifel abplatzen von der Unwirklichkeitsverkapselung. Hier warst du, hier bist du. Nicht: Ich denke, also bin ich. Sondern: Ich war hier, also bin ich. Der Ort kennt dich, und er weiß: Du bist am Leben. Du hast bessere Zeugen als deine Erinnerungen: Kaum dass du sie erwähnst – ihr Fehlen –, tauchen sie auf aus den Mauerritzen der Hotelwand: die Eidechsen, die es seinerzeit ebenso in Hülle und Fülle gab und die ein Wunder waren, wenn ein Schwanz abbrach und zuckend liegenblieb auf deinem Handteller, während das Tier die Zeit deiner Verwunderung nutzte, um zu entkommen. Ja, die Eidechsen. Sie schwören, dass du schon hier warst.
Saalberg in Aachen
Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte
und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich
einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.
Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder
winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,
so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht
in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen
am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.
Die Fortsetzung von 42
Dass ich Mäntel trage, seit ich der Fuchtel meiner Eltern entronnen bin, Mäntel zu allen Jahreszeiten außer in der Hochsommerhitze – alte Regenmäntel früher, Heermäntel früher, Marinemäntel früher, Ledermäntel, Wildledermäntel, Trenchcoats zumeist und sie noch immer – was sagt das aus, sagt es etwas aus? Es war nie bewusste Abgrenzung. Es fiel mir nicht mal auf bis heute, dieses Absonderungsmerkmal. Nur habe ich mich auf Dauer nie zu Jacken bekennen können! Und andere Mantelträger möchte ich bisweilen grüßen, so wie Motorradfahrer sich in der Zeit vor der umfassenden Ichsucht gegrüßt haben, indem sie aufeinander zu und aneinander vorbei brausten, um dann noch länger über die gerade erlebte Begegnung nachzudenken. Bis zur nächsten vielleicht. Schöne Maschine war das! Schöner Mantel war das! (23.5.18)
Ihr Zahnarzt, Ihr Wohlfühlerlebnis!
Mitten auf dem freien Feld im Sonnenschein liegt eine Kuh. Die schläft. Die ist nicht tot.
„Und mit der Sanftheit einer Lyra haucht der Wind / Lachen her aus dem Garten, wo die Kinder sind.“ Victor Hugo
Eine Frau auf der Straße fragt: „Sind Sie für die Fortsetzung von 42?“ Auf mein verdutztes Gesicht hin erläutert sie: „Meinen Sie, es sollte ein Follow-up von 42 geben?“ – „Vielleicht“, antworte ich aus reiner Hilflosigkeit. „Vielleicht 43?“ (Eppendorf, 1.6.)
„Was uns gerettet hat, war der schöne September“, sagt im Radio die Winzerin.
Mann geht vorbei, durchs Licht des frühen Juni. DEATH ÜBER ALLES steht auf seinem Rücken.
Drüben – auf der Straßenseite gegenüber dem Küchenfenster – wird die einzige Bäckerei im Viertel geschlossen, nach 49 Jahren, die es den Laden gab. (Wochenlang bleiben Tag für Tag die Leute vor dem von innen abgeklebten Schaufenster stehen, lugen durch die Spalte ins Dunkel des ausgeweideten Verkaufsraums, rütteln sogar an der Tür.) Die Bäckerei, über dessen Fenster das Wort BÄCKEREI steht, war ebenso lange geöffnet und verkaufte Brot und Kuchen, meist leider faden Kuchen, wie vor meinem Küchenfenster die alte Laterne gestanden hat, die vor einigen Monaten ausgetauscht, noch auf der Straße zersägt und dann abtransportiert wurde wie eine Tote, wie eine gefällte und entastete Tanne. Sollte es eine Verbindung zwischen der Laterne und der Bäckerei gegeben haben? Waren sie ein Paar? (Barmbek, 6.6.)
Alle Orte verschwinden
Der Wind über der Meuse, als ihr durch den Abend heimgeht zu eurem Lütticher Hotel. Du denkst fortwährend an den Schnee, den Schnee im Reim aus Brels Chanson „Il neige sur Liège“, während der Autor, der hier einen Preis überreicht bekommt, beständig „Liesch“ sagt zu der Stadt, die sich modern gibt und aufregend, wo aber dieselben, nein ganz ähnliche, nein genauso gleich gemachte Leute durch die Straßen streifen wie überall sonst. Ein Jammer aus Glas und Stahl und Hochglanz. (Lüttich / Liège, 15.5.)
The Go-Betweens – Tallulah
„Als ihr noch Sterne wart …“, sagt der Vater zu den Kindern, und eines fällt ihm ins Wort: „Als ich noch ein Stern war, lag ich hinten im Auto auf den Sitzen, da hab ich euch vorne im Auto reden gehört, und da hab ich am Himmel tief in der Nacht die Sterne gesehen, wie sie geleuchtet haben.“
Der Nachbar, den du seit Jahren für einen Kretin hältst, sitzt dir gegenüber im Bus und liest in den Memoiren von Tennessee Williams.
Alle Orte verschwinden. Weil das zu einem Ort dazugehört: unterzugehen? Platz zu schaffen für einen anderen, den nächsten Ort?
Entdecken Sie Ihre Gesichtsmaskenmöglichkeiten!
Blick für die Wege
So funktioniert Kochen mit Insekten!
Die Siedlungswiese, im Herbst vermoort, im Winter überfroren, in diesem Mai ist sie übersät mit Butterblumen und Dotterblumen. Eine einzige Brennnesselschwemme. (Lokstedt, 14.5.)
Der Widerstand gegen die Sowjet-Doktrin begann in Estland Mitte der Achtzigerjahre, als der Kreml beschloss, den baltischen Vasallenstaat zur Phosphor-Abräumhalde umzufunktionieren. Die Liebe vieler Esten zu den so besonderen Landschaften ihres Landes – flache, lichte Weiten voller Gelb und hellem Grund, die Nähe zum Meer, die Seen, das blaue Geflimmer, die Stille der Ufer, der Uferwälder – sie tut sich auf eigentümliche Weise im Belassen kund, auch im Wieder-Instandsetzen. Dieser Widerstand gegen das Zerstörtwerden ist allenthalben so sichtbar wie spürbar.
An einem Flussufer, einem Knick, einem Zaun entlang, durch die Hecken, mit endlos leichtem Schwung um einen leeren Schulhof … Bewahre dir den Blick, bewahre deinen Blick für die Wege.
Der Inder mit den beiden Huskys, der jeden Vormittag unter dem Fenster vorbeigeht. Immer blickt einer der Hunde zu mir herein – was sieht er? Was sieht er hier bei mir nicht mehr? (Barmbek, 18.5.)
Ein Mitarbeiter bitte an die Spargelschälmaschine!
Tere!
Günter Herburger und seine Frau Rosemarie sind auf tragische Weise umgekommen. Sehr traurig. Einige Jahre lang war mir Herburger sehr nah, kamen häufig seine Briefe, lachten wir miteinander das Lachen der Rebellen, die ihren Überzeugungen selbst nicht ganz über den Weg trauen. Am Ende hatte Günter Herburger keinen Verlag mehr, obwohl seine Gedichtbände viel gelobt und besprochen wurden. Man hat ihn zum alten Eisen geworfen, auch wenn er nie eisern war, immer nur, auch im Extremmarathon, sich und der Welt etwas beweisen musste. Mit Günter Herburger ist einer der letzten feinsinnig-bösen Stilisten gestorben. Die Welt ohne ihn ist eine eklatant ärmere. Berlin wird ihn nicht vermissen. Aber ins Allgäu reißt sein Tod einen Krater von der Größe Berlins. Leben Sie wohl, lieber Günter Herburger, bleiben Sie unterwegs! (3.5.)
Woran es so vielen Jungen von heute zu mangeln scheint, ist nicht Mut, Klugheit, Liebe – es ist die Sorgfalt gegenüber den Gegenständen, das Achtsamsein angesichts der Dinge.
„Es ist sehr modern, Unkraut zu essen“, sagt die Estin.
Über den Emajögi fliegen in hellen und dunklen Scharen Vögel, Wolken, Pulks, Formationen. Gänse, Möwen, Krähen, Dohlen, Sperlinge, Tauben über Tauben. Ein Wind aus Flügeln. Sie sitzen auf den Uferböschungen, als würden sie warten. Worauf wartet ihr? (Tartu, 8.5.)
Die Esten, sagt man mir hinter vorgehaltener Hand, küssen einander nicht zur Begrüßung, berühren einander nicht mal, sagen lediglich: „Tere!“
Die großen, seltsam schlanken Uferbäume, die auch halb im Wasser stehen, umgeben von Dutzenden aus dem Fluss ragenden, kniehohen Abkömmlingen. Luftalgen. Moosgehölz. Die Bäume kommen. Die Bäume als Botschafter.
Abends finden rund um das Sadamateater – das Theater im Hafen – und zwischen den alten Marktständen und der Fischauktionshalle Militärübungen statt. Plakate: „Wir sind stolz auf unsere Grenztruppen …“
Tere!
Das Gequake, das du hörst, ist kein Klingelton-Gimmick irgendeines Smartphones. Es stammt von Enten. Da sind Enten auf dem Fluss mitten in der Stadt und quaken.
Ich habe alle meine Grenzsoldaten entlassen.
Der neue Zentrale Omnibusbahnhof, der „Bussijamma“, bloß ein kleiner Kasten im Vergleich mit dem früheren in der Sowjetzeit, sagt die Estin, die uns durch die Stadt führt, als wäre die ein Freilichtmuseum im Frühling. An den großen Kreuzungen die Einkaufszentren und Malls, äußerlich postkommunistisch, im Innern der Flitter, mit dem sie alle hier so wie ich in leere Träume sinken.




