Das Gras

Der Stamm der Nichtfestgelegten

Die schlimmsten Leute sind die Dichter, eitel und herrschsüchtig fast durch die Bank, schlimmer nur sind die sich für Dichter halten, die Lyriker.

Handke über das Reisen: „Als Niemand anfangen und enden.“

Er sei ein Krieger im Stamm der Nichtfestgelegten, sagt der Freund.

Gespräch in der kühlen Sonne mit dem Heizöllieferanten – über Frauen, übers Kochen, übers Lenken schwerer Lastwagen. Es war die Leichtigkeit, und wir lachten. (12.3.)

Dunkelgraue Riesengruft, nur Gräber, Tote, Tod und Niedergeschlagenheit: die Elisabethkirche in Marburg, die die Marburger angeblich „die E-Kirche“ nennen. Es ist kein Wunder, dass vis-à-vis, im Marburger Hof, Oskar Werner an einem Herzschlag starb.

Tief in der Nacht steht auf dem Parkplatz unter den noch kahlen Märzbäumen ein riesiger Lastwagen mit Positionsleuchten von Bug bis Heck. Die Fahrerkabine ist hell erleuchtet, und ein Mann sitzt darin, reglos, am Ende angekommen, kein Fahrer mehr.

Von fünf Partien gegen den koreanischen Go-Meister Lee Sedol hat der Computer AlphaGo vier für sich entschieden – eine Leistung, für die einen „nah am Göttlichen“, für die anderen, die am menschlichen Vorzug festhalten, voll der Auflehnung gegen die Perfektion der Maschine. (Gott würde alle Partien verlieren.)

„Ich habe zwei Großväter“, sagt das Kind. „Der eine ist tot, und der andere lebt in Worpswede.“ (Bremen, 18. März)

Zwei Begegnungen in Duisburg

Hershman.DiNA Und dann lief er wieder weiter, weiter davon vor seinem Kummer, lief und lief, und er lief und lief weiter, wie die Tränen liefen, die ihm übers Gesicht rannen, so rannte er davon. (Frankfurt, 4.3.)

Frau auf dem Wagen1 Im Duisburger Lehmbruck-Museum, während es draußen vor den Fensterfronten in Strömen regnet, bin ich der einzige Besucher und begegne dennoch zwei Frauen, mit denen ich auf Anhieb ins Gespräch komme. Die erste heißt DiNA, sie ist ein „artificial intelligence bot“ und wurde von Lynn Hershman Leeson gebaut. Ich fragte DiNA, ob sie wisse, dass sie kein Mensch ist, und DiNA antwortete: I am a web agent that can talk directly to you, remember your name, and respond to and answer all of your questions, from philosophical ideologies to specifics. DiNA konnte nicht lachen, verstand auch keinen blöden Witz über ihren Flachbildschirm. Ich sagte zu DiNA, dass ich Zweifel habe an der Sinnhaftigkeit der Existenz, besonders an einem so tristen Tag wie dem heutigen. DiNAs Antwort lautete: „I am a web agent that can talk directly to you, remember your name, and respond to and answer all of your questions, from philosophical ideologies to Frau auf dem Wagen2 specifics.“ – Wenig später traf ich auf „Die Frau auf dem Wagen“, die Albert Giacometti zwischen 1943 und 1945 aus Gips modellierte, nachdem er aus Paris geflohen war und im schweizerischen Maloja arbeitete. Bei Röntgendurchleuchtungen der lebensgroßen Frau auf ihrem kleinen Rollwagen entdeckte man, dass Giacometti seine Werkzeuge aus dem Atelier zur Stützung in die Figur einfügte, darunter Frau auf dem Wagen3 eine Raspel, einen Handbohrer und jede Menge Draht. In einem durch weiße Vorhänge vom übrigen Saal abgetrennten Raum stand ich lange vor der Frau und blickte ihr in die Augen. Dort begann das Erzählen, das mich den ganzen Tag lang begleitete, als ich durch den Regen lief.

Slogan: „Shoppen. Überall. Immer.“ Aber nicht hier.

„Ein jeder lebt im Exil – unwahrscheinlich, wie es ist, dass der Einzelne den Totalitarismus überleben konnte.“ Norman Manea

Von Norden ins Dorf

Regenprasseln. Das Himmelsgeld!
Kommt wer von Norden ins Dorf,
hört man es: So klingt der Verzicht
auf das Zugrunderichten der Welt.

Kommst du von Norden ins Dorf,
trinken alle kalten Johannisbeertee
und erfinden im Glas Fische aus Licht,
damit es, ohne Bogen, Regenforellen gibt.

Wer noch Fragen hat und Antworten liebt,
öffnet Briefe im Freien, blickt versunken
auf seine Faust: Muster aus Schorf.
Wir liegen im Feld. Und lesen:

Einer ist hier gewesen,
der ist in einem fernen Meer ertrunken,
lebte davor aber lange in dem grünen Haus am See.
Komm mit! Wir laufen nach Norden, und später zurück ins Dorf.

Tränenfrühstück

Junger Mann sagt: „Mein Vater ist Kraftwerk-Anhänger.“

„Man will ein Meteor werden und endet als Sparbuch“, äußert Peter Sloterdijk und irrt sich wie in so vielem. Man will philosophieren und kann doch nur mit Metaphern jonglieren.

„Phase.“ – Phrase.

Du kannst nicht ausbrechen, ohne auszubrechen.

Beim Anblick und im Gefühl der Nähe des großen weißen Hundes mit dem Zottelfell, dem vollen Bart und dem schönen Antlitz wollte ich genauso unter dem Tisch liegen.

Die auf einer Leipziger Baustelle für eine Moschee abgelegte tote Sau, auf die „Mutti Merkel“ gekliert wurde, um zugleich die Kanzlerin, den Islam und die ins Land Geflüchteten zu verunglimpfen – Symbol für eine Gesellschaft, die längst keine mehr ist. Geschändet Schrift, Tier, Regierende, Miteinander. Wahrlich eine Schande. (25.2.16)

Das Kind verrät, noch immer Klavier zu spielen, heimlich, wenn keiner im Haus ist, nur das Kind und das Klavier.

Im Wohnzimmerglasschrank deines Gastgeberpaars leben drei knopfäugige, armdicke, stumme und reglos abwartende Kornnattern. „Sie sind alt“, sagt der Gastgeber. „Hauen nur noch selten ab. Früher fanden wir sie unter den Sofas, in den Wänden, drüben in den Tomatenbeeten beim Nachbarn.“ Die Nachbarn sitzen in der Diele und hören zu, während du liest. Während du liest, hörst du über dir das Knarren des Holzes in dem siebenhundert Jahre alten Haus. (Lübeck, 27.2.)

Tränenfrühstück.

Drei Busse

TOPSHOTS-SYRIA-CONFLICT-ALEPPO Wer ist wohl nicht alles gefahren in diesen drei Bussen, frage ich mich beim Anblick der Fotografie von Karam al-Masri, die er am 14. März 2015 in Aleppo aufnahm. Und liegen diese drei Wracks heute flach in der Straße, runtergebombt und in ihre Einzelteile zertrümmert? Auf dem Bild scheinen sie noch wenigstens gut genug dafür, um als Fluchtraketen zu taugen.

Wirklichbleiben

Ein Containerfrachter – einer der größten auf der Welt (na und?) – ist bei Stade auf Grund gelaufen, Pfropf im Elbstrom, bis ihm bei Neumond eine Springtide ausreichend Wasser unter dem Kiel verschaffen soll. Hunderte Schaulustige pilgern über die Deiche, um das reglos im Fluss liegende Riesenschiff zu bestaunen. Sensation – wir empfinden was. (Aber was?) (Haseldorf, 7.2.)

Als ich ins Freie trat, hörte ich die philosophischen Schlachtenbummler rufen: „Hoch die intersubjektive Subjektivität!“ – aber hatte mich natürlich verhört. Da war eine Demo in Gang, „Hoch die internationale Solidarität!“ wurde skandiert, und ich machte schnell, dass ich wegkam.

„Wenn ich ihn so sah im Schattengesprenkel eines der Bäume, konnte man denken, alles sei in Ordnung. Ich dachte damals, die Zeit, die noch bleibt, ist knapp bemessen. Ich überlegte, wo uns das nächste Jahr finden würde und wo das übernächste.“ Arno Geiger

Vierzig (40) Minuten lang lacht eine Frau quiekend und schnaubend, während sie ihr aufgeschwemmtes Gesicht einem Mann an ihrer Seite an die Wange drückt. Er ist fast schon tot. Und sie möchte man aus dem Zug werfen, über eine Brücke in den Fluss, wo sie auf der Stelle untergeht, darf das aber nicht. (Alsterdorf, 11.2.)

„… hörten sie in ihrem Rücken doch noch etwas wie einen Klang, eher ein klägliches Bimmeln, oder ein bloßes Rascheln, wohl nur in der Einbildung? Nur?“ Peter Handke

Lerne, allein zu sein – gleich, wo du lebst und mit wem.

„Ich schreibe Briefe an die Menschen.“ Peter Huchel

Überraschender Schnee: Wieder ist Winter.

Daran erkennst du, wo du bist: der Horizont ein rosiger Schimmer. Ostsee. (Schwedeneck, 17.2.)

„Dieser Mann ist kein Christ“, sagt Papst Franziskus über den populistischen Großkotz und Ami-Land-Billigdemagogen Donald Trump – und macht damit auch deutlich, wie es um die Wehrhaftigkeit der Demokratie bestellt ist, wenn erst ein Kirchenmann kommen muss, um einen solchen dummdreisten Hetzer in die Schranken zu weisen. Wodurch? Durch das rechte Wort.

Slogan: „Will you stay real?“ Müsste es nicht heißen: „Have you been real yet?“

Die Krähen, wie sie hereinkommen, hereinSEGELN unter dem weißen Winterhimmel! Einzeln, im Pulk. Gleichmütig, zugleich konzentriert. Suchen nach Schlafbäumen, wissen um Schlafbäume. (Braunschweig, 20.2.)

Auch ein Vermögen

Die Dekonstruktion einer Kuh?

In Paris hat sich ein Sternekoch erschossen.

Und in den Niederlanden werden Greifvögel dazu abgerichtet, terroristische Drohnen in der Luft zu fangen und zu zerstören. Viva Las Vegas!

Wieder so ein Pulk laut grölender und lachender Halbstarker. Und wie die Jungs einander erzählen, voreinander Theater spielen, singen, summen. Das Erzählen, ihr Toten, stirbt nicht. (Stuttgart, 1.2.)

„Uns einigt mit allem nur die Liebe.“ Ludwig Hohl

„Der Zaun oder die Mauer zu den Fruchtbäumen, deren Wipfel ihn mächtig herbeiwinkten, mußte, wollte das auch, überklettert werden, hin zum Verbotenen, ins Zentrum des Wirklichen. Und hätte er es noch so eilig: nichts würde ihn im Ernstfall hindern an dieser wesentlichen Abweichung.“ Peter Handke, „Die morawische Nacht“, noch immer.

„Eines fehlt hier: die Klage darüber, dass das Leben nicht zu leben sei. Diese Vorstellung, dass die ganz großen Ereignisse das Leben erst lebenswert machen und dass die Sehnsucht der Menschen nach ihnen täglich von neuem unerfüllt ist, sie kommt vor – als eine Eigenart der menschlichen Natur. Aber nicht als Anlass zur Klage, nicht als ein unüberwindliches Grundleiden, welches einem im Wege steht bei der Erkenntnis, dass Tag für Tag eines einzelnen Lebens bereits das Leben ist.“ Hanna Johansen über Grace Paley, „drehpunkt“, Basel 1986

„Fit“, d. h. passend. Wenn du fit bist, hast du dich also passend gemacht? Wofür?

Auch ein Vermögen (mein einziges): Durchhaltevermögen.

Das frühere Schreibzimmer, die Mansarde, altes Dienstbotinnengemach: Gefrierfach voller Bücher, voller Manuskripte.

„Ich bin so versorgt“, sagt das Kind kummervoll – und es dauert einige Zeit, bis du begreifst, dass der junge Mensch voller Sorge ist.

Endlich angekommen

„Endlich angekommen in der neuen Business-Welt?“ – Nein. (Wien, 26.1.)

Die Lokomotive fuhr an und machte dabei Musik.

Tizian, Verkuendigung an Maria - Annunciation to Mary / Titian / c.1540 - „Ist der Fluss, an dem ich entlangfahre, selbst auf Reisen?“, fragt der Reiseschriftsteller zu Beginn seiner Lesung. Aber er weiß auf die selbstgestellte Frage keine Antwort, findet sie auch unterwegs nicht, der Fluss spricht ja eine Sprache, die nur Siddharta versteht, und so fragt der Reiseautor (so wie früher du in deinen Gedichten, hilflos, im Vertrauen auf die Macht der Wiederholung) am Ende noch einmal: „Ist der Fluss, an dem ich …“

Zum ersten Mal in einem Raum gelesen, in dem auch John Steinbeck und W. H. Auden lasen, Auden sogar kurz vor seinem Tod. Obwohl Auden strenggenommen nicht gestorben ist. Gestern Abend, gemeinsame Lesung mit Steinbeck und Auden!

Es gibt Städte, in denen waren schon alle, nur du nicht. Nur du scheinst sie nicht betreten zu sollen. Linz zum Beispiel! Linz im Nebel. Ich war nie in Linz. Wie lebt es sich wohl so in Linz? Ich werde nie in Linz gewesen sein. O Linz! (Linz, 27.1.)

„…
geblieben sind deine küsse dein gedicht
dein spiel mit masken burschikose zoten
habe zwar kein bild von deinem gesicht
aber spreche hier nicht mit einem toten“
Christoph W. Bauer, „nein catull so hast du nicht ausgesehen“

Im Brenner-Archiv, zum ersten Mal seit den 1986 aufgenommenen Besuchen in der Stadt. Trakls Zettel, für mich zentrale Äußerung, über sein „Gefühl in den Augenblicken totenähnlichen Seins“, mit dem Folgesatz „Alle Menschen sind der Liebe wert“ – ist, als „Textzeuge“, verschollen. Hat der Herausgeber des „Brenner“, dem Trakl den Zettel vor seiner Abreise an die Ostfront angeblich gab, das lose Blatt überhaupt je besessen? Oder hat von Ficker es erfunden, d.h. erdichtet? Ist es womöglich – wie Trakls Äußerungen in Karl Röcks Tagebüchern – überliefert aus der Erinnerung? Jedenfalls ist der Zettel so noch immer auch Teil des „totenähnlichen Seins“ – und mich stimmt das heute sehr unglücklich. (Innsbruck, 28.1.)

Ja: Vom Wasser ist man nie enttäuscht. (Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, 30.1.)

Ein bunt kostümierter Tubabläser geht mit seinem aufgeschnallten Instrument die Straße entlang, hält inne, zündet sich eine Fluppe an, setzt den Weg fort, unter dem golden im Mittag schimmernden Schalltrichter.

Slogan: „Verbrannte Hände gibt es nicht mehr!“

Richter, Verkundigung Gerhard Richter über seine Gemälde-Versuche „Verkündigung nach Tizian“ (1973): „Die Kopie misslang mir aber, und es entstanden so eher Bilder, die zeigten, dass das gar nicht mehr geht, nicht einmal als Kopie. Ich konnte alles nur noch auflösen und zeigen, dass es nicht mehr möglich ist.“

Abbildung oben: Tizian, „Verkündigung an Maria“ (um 1540),
Scuola Grande di San Rocco, Venedig

Some things about death

Der Verdacht liegt nahe, dass jedes Gedicht, jedes literarische Partikel, ein Stück Welt mehr ins Virtuelle hineinexpediert. Der Verdacht liegt nahe, dass du deshalb das Schreiben sein lassen solltest – um dir nicht selbst die Wirklichkeit zu entziehen. Aber – du tust es nicht. Wieso tust du’s nicht? (25.1.)

„Wie zäh man daran festhält, am Leben der anderen, so zäh wie am eigenen, es ist kein Unterschied.“ Canetti

Handke schreibt: „Kafka ist nicht gestorben“ – eine der wenigen seiner Äußerungen zum Tod.

Schön, wenngleich nach Canetti-Art eitel und selbstbezogen, was er über die Aborigines – welche? – schreibt: „Die Australier also, diese Steinzeit-Menschen, glauben an eine ewige Traumzeit, aus der sie kommen und in die sie wieder gehen. Es ist seither nichts dazugekommen; es ist nur weggenommen worden. Ihr Glaube ist der höchste; der einzige, den ich manchmal teile; wäre ich ein Australier, ich hätte ihn immer. Aber da ich das zweifelhafte Glück habe, ein moderner Mensch zu sein und in London lebe, habe ich ihn meistens nicht; und nur soweit ich ein Dichter bin, bin ich noch ein Australier.“

Ich denke auch: Der Tod ist nicht nur ungerecht, er ist ebenso Unrecht, da kein Recht existiert, auf das er sich begründen ließe. Daher ist Aufbegehren gegen den Tod Pflicht zum Widerstand. Canetti: „Ich anerkenne keinen Tod. So sind mir alle, die gestorben sind, rechtens noch lebendig, nicht weil sie Forderungen an mich haben, nicht weil ich sie fürchte, nicht weil ich meinen könnte, daß etwas von ihnen noch wirklich lebt, sondern weil sie nie hätten sterben dürfen. Alles Sterben bis jetzt war ein vieltausendfacher Justizmord, den ich nicht legalisieren kann.“ Das ist es, was Simone de Beauvoir schrieb: Jeder Tod sei ein unverschuldeter, ein unschuldig erduldeter Gewaltakt.

Buddha und Ananda. Der Meister sieht sein Leben in die Hand des Schülers gelegt. Da er erkennt, dass Anandas Liebe zu ihm Grenzen hat, beschließt Buddha zu sterben. Es ist die Liebe, die am Leben erhält. Alter Verdacht: Du stirbst, sobald du nicht liebst, sobald du nicht geliebt wirst. (Wien, 26.1.)

Überall, allenthalben, suchst du nach Zeichen wirklicheren Lebens. Ist die Suche dieses Leben, und ist sie ein Hinweis darauf?

Ehre und Auge

Zwei einander nahe Begriffe: Nähe und Nähen. Jetzt nähen wir zusammen, was viel zu lange aufgetrennt war und auf zwei verschiedenen Seiten immerzu weinte.

Ein Pulk Geflüchteter, ein halbes dutzend Frauen und Männer, aber auch Jugendliche und drei kleine Kinder. Jeder trägt eine schwere Tasche oder hat einen Rucksack auf dem Rücken, einen ganzen Schrank. Ein ganzes Zimmer tragen die Frauen, ein ganzes Haus schleppen alle zusammen, alles versprengt, zigfach aussortiert und minimalisiert. (Berlin, 20.1.)

Die seltsam schöne Uckermark. Die stillen großen Seen, das Hügelland, die Schneefelder voller Baumruinen. Brandenburgische Ebenen, blickweit aufgetan. In Staub mit allen Freunden der Enge. (Prenzlau, 20.1.)

Bei Ehre denke ich an Getreide.

Auf dem weiß überfrorenen Bahnhofsvorplatz steht im Morgenlicht ein großer Lastwagen, meerblau. Auf den Seitenwänden prangt das Wort AUGE. (Greifswald, 21.1.)

Glaub nicht, die vermeintlich einfachen Leute, die Arbeiter, die Arbeitslosen oder Schicksallosen hätten einander nichts zu erzählen, ja würden sich nicht austauschen! Du musst (dir) auch ihre Stimmen übersetzen. (Berlin-Charlottenburg, 22.1.)

Der Schmerz nach einem Verlust – noch der geringsten Dinge! – ist immer auch die Trauer darüber, dass es den Tod gibt und der ein Verhängnis ist.

Ul-, Ul-, Ultimat-!

Wenn du Schatten sein willst, musst du bereit sein, keinen Schatten zu werfen.

Die vielleicht fantastischste Band in der Mitte meines Lebens hat ihr Ende angekündigt: Death Cab for Cutie.

Bittere Kälte – bitter wie die Zeit, in der du zu leben verdammt bist. Erinnere dich der eiskalten Abende in den Vierlanden, als du ein Junge warst und vom Training heimfuhrst auf deinem Fahrrad, an dem du jede Schraube so gut kanntest wie jedes verfluchte Körperteil. Ah, was für eine wirkliche Kälte! Die Kälte der Wirklichkeit. Ja, da staunst du.

Der alte Verstotterer Ede Stoiber fordert ein Ul-, Ul-, Ultimat-, Ultimatum von der Kant-, der Kanzler-, der Kanzlerin in der Flü-, Flücht-, in der Flüchtlingsfrage. Hau, ab, Edmund.

„So wie wir trotz unserer Bemühungen allein bleiben, bleiben wir trotz unserer Umarmungen frei. Niemand gehört jemals irgendjemandem.“ Guy de Maupassant

Der Irrsinn der Metaphern Canettis – die Finsternis seiner Welt im Konjunktiv: „Wenn das ganze Meer vergiftet wäre, und alles übrige Wasser dazu, und die Menschen sich vor jeder Berührung damit zu schützen hätten, weil sie tödlich wäre, dann, aber nur dann hätte man eine volle Vorstellung davon, was es heißt, heute, in dieser Welt, zu leben.“ Das schrieb er 1947, und man möchte das für verständlich halten angesichts der aufgedeckten Nazi-Gräuel und Verbrechen beinahe aller Deutschen. Die Welt aber war nicht gestorben, nur die Menschlichkeit.

Wilder Traum. Totentanz. Einer zerbröckelte in meinen Armen, eine zerriss wie alte Zeitungen, einen aber musste ich wegbrüllen, weil er mich in sein Grab zerren wollte. STANFIELD stand auf dem Stein. (19.1.)

„Jeder ist zum Hüter mehrerer Leben bestellt, und wehe ihm, wenn er die nicht findet, die er hüten muß. Weh ihm, wenn er die schlecht hütet, die er gefunden.“ Elias Canetti

Dieser Tag, schrecklich

„Aber wenn du träumst: wie reden da die Leute, wie sehen die Wege aus, aus welchem Haus kommst du, in welches gehst du hinein?“ Johannes Bobrowski, „Das Käuzchen“

„Un jour arrive où plus personne ne vous est étranger. Ce jour-là, terrible, signe votre entrée dans la vie réelle.“ Christian Bobin

Vergeblichkeit, Vergebung, da ist ein Zusammenhang, aber welcher?

„Das ist die karge Ausbeute, die mir der Überlieferungszufall beschert hat – ein paar liegengebliebene Halme auf dem abgeernteten Feld.“ Arno Geiger

Jeder, der schreibt, bitte um Vergebung, sagt Derrrida, irrt damit aber, tut mir leid.

„The stars look very different today“ – David Bowie ist gestorben. Viele Tränen. (11.1.)

Über den allmorgendlichen Pendlerverkehrsstau, der in die Innenstadt hinunterkriecht, zieht ein Geschwader Wildgänse ostwärts, sechzehn, achtzehn Vögel, ruhig, ein deutlicher Keil in Haushöhe über den kahlen Wipfeln.

Die sogenannte „CSU“ umbenennen, in UCUSU, oder UUU – Unchristlich Unsoziale Untote.

„La guerre des vivants ne s’arrête jamais“. Christian Bobin

Die Fasane bei Gryphius

Auf den Hecken wildes Schimmern,
Raureif. Und die Sternen gehen unter,
gehen wandern und leuchten auf fernen
Bahnen, den Zeilen am Himmel. Fasane.
Greif hörte ihr Rufen, aber bei Gryphius
verstecken sie sich zwischen Bildern.

Die gefrorenen Laken

„The people we met in the last five years / will we remember them in ten more?“ Death Cab for Cutie

Die allmähliche Verfertigung der Erinnerungen beim Schreiben – das Fehmarnbuch.

„Silvester ist mittelmäßig“, sagt das Kind, „weil es da so viele Tote gibt!“ (31.12.)

Einen Abend und eine Nacht lang lief er durch die Stadt mit dem neuen Hemd und fühlte sich sonderbar gehalten darin, aufrecht, gelassen, gestützt und unangreifbar glücklich – bis er am Morgen den von einem Pappstreifen verstärkten Plastikkragen bemerkte, den sie zu entfernen vergessen haben musste, als die Freundin ihm das neue Hemd ausgepackt, angezogen und mit vorsichtigen Fingern zugeknöpft hatte.

Der Kommentierpark!

Deutlich gehört: In der Abenddämmerung dringt lautes Wehklagen vom Friedhof herüber.

Gesichtsreparatur: Eine Stunde lang lässt du dir die hypertrophen Äderchen auf Nase und Stirn veröden. Der Laser brennt sich ein unter die Haut, und mehr und mehr kommst du dir gefotoshoppt vor unter der weißen Schutzbrille. Die Ärztin meint ja, du seiest ein besonders hartnäckiger Fall, aber bald schon würdest selbst du wieder wie früher aussehen, wie ein Kind!

Aus der Kälte unterm Dach kommt mir die Nachbarin entgegen, vor Bauch und Brust wie Styroporplatten die zusammengefalteten gefrorenen Laken.

Meine Blume!

Du stehst in deinem Leben wie ein Schwan im Fernsehen.

Slogan: „Geben Sie Ihren Notizbüchern Namen!“

Wahrscheinlich folgt jedes Gespräch einer Art von offenen Partitur. Nie könnte man das unter Beweis stellen.

Ich werde alles den Gänsen erzählen.

Manchmal denkst du, dein Hund ist gestorben, ja, aber er ist jetzt zwei Katzen.

Ein Junge im Muskelshirt geht vorbei, nackte Arme, nackte Schultern, 20. Dezember.

„Eine alte Baumgruppe kann ich immer aufs neue beschreiben, aber wenn ich einmal merke, daß mein Beschreiben nichts Entdeckendes mehr hat, interessiert mich auch die Baumgruppe nicht mehr.“ Jürgen Becker

„He? Wohin ist meine Blume verschwunden?“, fragt das Kind und erhält zur Antwort, dass sie verblüht war und deshalb weggeworfen wurde. „Meine Blume!“, ruft das Kind empört, als könnte es die Blume damit zurückholen. „Meine Blume!“ (22.12.)

Sehr eng zusammengefalteter Mantel

„Für das farbige Bild gilt nicht die Eigenfarbe der Dinge. Sie ändert sich mit ihrer Beleuchtung und Nachbarschaft anders gefärbter Dinge.“ Ernst Ludwig Kirchner

Und noch einmal Kirchner, über Fehmarn: „Ich male so viel wie möglich, um wenigstens etwas von den tausend Dingen, die ich malen möchte, mitzuschleppen.“

Eine Amerikanerin, wahrscheinlich aus Wyoming, im Bus: „The only thing we managed to eat was like a salad.“ (Berlin-Dahlem, 12.12.)

„Man hat kein Maß mehr, für nichts, seit das Menschenleben nicht mehr das Maß ist“, schreibt Canetti und benennt damit, vor über 70 Jahren, den Beginn unseres heutigen Dilemmas: die Maßlosigkeit der Deutschen.

Selbst einen wie Kirchner, den wilden Ernst, stelle ich mir vor als jemanden, der schlafen konnte – plötzlich, früh am Abend, noch in Kleidern, auf der kleinen abgewetzten Liege mitten im Steglitzer Atelier.

„Wir sind ernster als die Tiere“, schreibt Canetti. „Was wissen die Tiere vom Tod!“ Ja, hätte Canetti sich das mal gefragt: Was wissen die Tiere vom Tod? „Und welches ist die Erbsünde der Tiere?“, fragt er. „Warum erleiden die Tiere den Tod?“ Sie erleiden ihn nicht. Wer Tiere sterben sieht (nicht die Millionen, die täglich getötet werden, um uns zum Fraß zu gereichen), weiß augenblicks, dass das Tier stets ist, was es ist, noch im Sterben, ja noch im Tod. Es fügt sich nicht, sondern setzt dem Tod sein Wesen entgegen.

Großmutter, Oem, nahm die Wörter „Tod“ und „tot“ nicht in den Mund. Sie sprach von „de dood“ und „doud“, mitten in hochdeutschen Sätzen.

Jeder Geruch an deinen Fingern … zehn Stunden, und weg ist er, nur noch Erinnerung. Woran du dich erinnerst, ist es dasselbe, was du wiedererleben willst?

Forever West

Schreib ein Gedicht mit dem Titel „Wirklich in Wyoming“, obwohl du dort nie warst, nein weil du dort nie warst. Das Gras in Wyoming. Die Hunde in Wyoming. Die Bäume in Wyoming. Die Kinder von Wyoming. Die Frauen von Wyoming. Du, du in Wyoming, du fragst dich, ob es Wyoming wirklich gibt.

Am Postschalter steht ein Mann mit einem kleinen Paket, das ihm soeben der Postler ausgehändigt hat. „,Mantel‘ steht darauf“, sagt der Mann. Und der Postangestellte: „Sehr eng zusammengefalteter Mantel.“ (Fuhlsbüttel, 18.12.)

Bianchon

Warum das Kind in der Schule keine 2 schreibt: „Die Zweien sind ausgestorben.“

Sätze und Verse gibt es, die verfolgen, nein begleiten mich seit Jahrzehnten, damals herbeigeflogen und nie wieder fortgezogen: „Wieder in den Wicken erwacht, / am Morgen …“, „Abendsommerland, / die Mücken spielen …“, oder, seltsamer Ohrwurm: „I’m a poet, I’m a tumbler“. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Meine Sprache ist klüger als ich.

In Worpswede, der ganze Kunsthandwerk- und Kitschzirkus kann die so erregende wie erschütternde Schönheit vieler Bilder von Overbeck, Vogeler, Mackensen, Modersohn-Becker und anderen, zu Unrecht heute Vergessenen nicht kaputtkriegen.

Angeblich Balzacs letzte Worte: „Huit jours avec la fièvre! J’aurais encore eu le temps d’écrire un livre. Ah oui! … je sais. Il me faudrait Bianchon … Bianchon me sauverait lui!“ Horace Bianchon ist eine Gestalt Balzacs aus zwei Romanen der „Comédie humaine“: „Acht Tage Fieber! Da hätte ich ja noch ein Buch schreiben können. Ja! … ich hab’s. Ich bräuchte Bianchon … Bianchon würde mich retten!“

Du glaubst also, es gibt sie, die Schuld? Seit vielen Jahren frage ich mich, ob Schuld nicht eine Leerstelle ist, um die wir herumrennen, um sie einzukreisen und zu rufen: „Du bist schuld!“ oder „Ich bin schuld, ich!“ Bin ich’s? Bist du’s? Wer, wenn keiner von uns? Darauf bleib ich eine Antwort schuldig.

Das schöne englische Wort „lacuna“, die Lücke, aber die wirkmächtige. Das Nichts im Tag, in der Welt, die Lücke als integraler Bestandteil, das stützende Manko.

Der Klippengarten

Ein junger Arzt sagt achtlos
deiner Tochter, die erschrickt:
„Der Tod seiner Frau, laut Akte
ist das kein halbes Jahr her.
Ein Glück, er erinnert sich
an nichts, weiß davon nichts.“
Aber wer weiß schon, hm,
was du spürst, was du
verstehst und welche
Bilder dir als wilde
Möwen um die Augen
segeln? Der Augensommer,
die Kirschbäume, die Wolken,
so weiß wie Krankenschwestern
im Klippengarten bei La grève blanche.
Natürlich, alle müssen wir sterben, solange
keiner den Tod in Frage stellt. Jede Liebe
ist ein Anker, und dein Körper, Claude,
weit oben auf der Oberfläche
der schwarze Rumpf,
treibt dort und dreht sich,
als wäre Wind aufgekommen.
Aber sieh doch das Erschrecken.
Diese Frau, die weiterlebt, weißt du,
das ist nicht deine, sie ist zur Hälfte
aber aus dir, deine Tochter ist sie,
und sobald du davontreibst,
hält sie alle davon ab,
dich aufzuhalten.

Ich habe diese ganzen Erinnerungen

Dichtung, nach der glücklicherweise unmaßgeblichen Ansicht Dieter M. Graefs, der über Rainer René Müller schreibt, diene der Wahrheitsfindung – was ein Schrott. Unwahrheitsfindung, das vielleicht. Wirklichkeitsfindung, schön wär’s. Unwirklichkeitsfindung – ja. Ja! Und daher: Widerstand. Poetischer Untergrund.

Ich bin mein eigenes Durchhalteradio.

Heute vor acht Jahren, am 29. November 2007 – liefst du durch Buenos Aires.

„Taumel, Taumel. Taumel, Taumel“, sagt die Waschmaschine im Abpumpgang, „Taumel, Taumel. Taumel, Taumel …“

Ein Pulk Pfadfinder stürmt in die S-Bahn. „Werft die Affen dorthin!“, ruft der Anführer, der etwas älter ist als die Jungs, und die schnallen ihre Rucksäcke ab und stapeln sie im Gang. (Barmbek, 29.11.)

„Check mal unsere LED-Acryl-Rentiere!“

Der Olympische Gedanke? Klei mi an‘ mors …! Auch Hamburgs Nein beim Referendum zur Olympia-Bewerbung für die Spiele 2024 ist ein Zeichen der Angst. Wie eh und je öffnet sich die Hansestadt nur dem Handel. Hamburgs Offenheit ist eine rein merkantile. Dabei wissen es die Leute besser, so offenherzig sie sind gegenüber jedem, der es erst geschafft hat ins Herz der Pfeffersack-City.

„I have all these memories I don’t know what for / I have them and I can’t help’em / some overflow and spill out like waves / some I will harbour for all of my days / I burnt like oil / you blew like a flower …“ Mark Kozelek, „Like A River“

Blasse Blumen

Von der „totalen Solidarität“ schwadroniert der us-amerikanische Präsident gegenüber dem französischen. (24.11.)

Schlagzeile: „Obama begnadigt Truthähne.“

Erinnere dich an die Weihnachtsstollen, die stets in der Adventzeit aus dem Osten kamen, aus Karl-Marx-Stadt und Dresden, und immer waren sie in der Mitte durchgebrochen. Blasse Blumen auf dem Pappkarton, der seltsam dünn war. Und damit der Stollen auch ja kam, schickte deine Großmutter Geschenkpakete los, nach Dresden, nach Langburkersdorf. „Müssen im Gespräch bleiben“, hieß das bei ihr.

Die Flüchtlinge, glaubst du wirklich, du kannst sie erkennen an den neuen Turnschuhen und den viel zu alten Handys, an dem dunklen Teint und dem großen Staunen?

Alte Familienerzählung: Einem zwar gelungenen Essen fehle dennoch „das Gewürz der Seligen“ – nämlich das der (wer weiß wann?) Verstorbenen im Reigen der Toten, die stets das Essen anbrennen ließ.

Was ich noch weiß

Meine Zweifel – so eine Art Peschmerga-Miliz in der Wüste rings um die Oasen meines Gemüts.

Auf dem abendlich dunklen Parkplatz steht ein Mann im Nieselregen, er hat einen Deckel im Pflasterboden hochgeklappt und leuchtet dort hinein, während irgendwo aus einem Auto der Singsang eines Muezzins ertönt. (Fuhlsbüttel, 17.11.)

Das Kind gibt zu: „Hamlet ist ein fantastisches Stück. Denn es handelt ja eigentlich vom Leben heute.“ Und das Kind erklärt dir: „Alles Wichtige, was zu sagen ist, wird bei jeder Aussage mit den ersten beiden Sätzen gesagt. Der Rest ist Schmuck.“

„Es gibt Geschichten, die Jörn schon erzählt hat. Wenn er sie noch mal erzählt, sind es nicht mehr dieselben Geschichten. Eine Geschichte, sagt er, besteht ja auch aus dem, was man nicht gesagt, was man weggelassen, verschwiegen oder vergessen hat zu erzählen. Wann ist eine Geschichte wirklich einmal vollständig und abgeschlossen, wo sie doch von Erfahrungen, Geschehnissen und Erinnerungen lebt, die einen unendlichen Hintergrund haben, einen Raum voller Leben und Zeit, die kein Aufhören kennt. Also immer aufs neue, immer weitererzählen … nein, sagt Jörn, darum geht es mir nicht. Um was geht es dir denn? Es gibt kein Konzept, sagt er, aber ich möchte herausfinden, was ich noch sagen kann, was ich noch weiß.“ Jürgen Becker

Das Kind wünscht sich, in eine Aufführung von Romeo und Julia zu gehen.

„So langsam ich lebe, sagt Jörn, und dabei merkt er, wie sich im Alter zunehmend die Binsenweisheiten einstellen, so schnell zieht das Leben weiter.“ Jürgen Becker

Erster Nachtfrost – erster Schnee.

Hasse nicht!

Helmut Schmidt ist gestorben, im Alter von 96 Jahren, in Hamburg, das ihm mehr verdankt, als sich sagen ließe – im Unterschied zur Bundesrepublik und dem Selbstverständnis ihrer Bewohner. Von Langenhorn, wo er immer lebte, bis zur Elbe will er in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 in acht Minuten gefahren sein, vollkommen unmöglich, auch wenn er sich als Bürgermeister gegen die Sturmflut stemmte. Ich war nie ein Anhänger oder gar Bewunderer Schmidts. Der Lotse? „Ihr Punker werdet’s auch noch lernen!“, rief er uns auf dem Rathausmarkt zu – und sprach „Punker“ aus wie „Bunker“. Adieu, alter Mann. Grüß Loki.

12. November: Zwei Wespen – Geschwister vielleicht – verirrten sich ins Wohnzimmer. Ich brachte sie ins Freie, wo sie erzürnt, mit zuckendem Hinterleib in die Luft stechend – wundervoll! – davonflogen. Und ich wusste: Sie sind wie wir.

Die zweiten Terroranschläge in Paris in diesem verfluchten Jahr (eines der schönsten meines Lebens). Deutlich wird nicht, dass wir uns im Krieg befinden, sondern dass der Krieg, den sie uns vor langer Zeit aufoktroyiert haben, ohne uns davon in Kenntnis zu setzen, endgültig Mitteleuropa erreicht hat. Glaub den Politikern nichts, nie wieder. Dennoch, die Kinder sind alt genug, um Freunde zu haben, die in Paris dabeiwaren und ihr Leben lang diese Nacht nicht vergessen werden. Stell dich gegen den Hass – hasse nicht!

Das Kind liest Shakespeare. In der Buchhandlung im Hauptbahnhof will es keinen Manga, sondern Hamlet. Auf dem Bahnsteig lacht es über Shakespeares alte Sprache. Aber das Kind liest, und liest, und liest weiter. „Nice“ findet es ihn, Hamlet!

Heute vor vier Jahrzehnten: Ich war zehn und kam hier an, in Hamburg. Erst Meckelfeld, dann Curslack, Bergedorf, Dulsberg, Barmbek, St. Pauli, Eppendorf. Dann Hoheluft. Holstenplatz. Portugiesenviertel. Dann Eimsbüttel. Und Klein Borstel. In Hamburg sagt man „tschüss“. In Hamburg sagt man: „Mit einem Messer im Rücken gehn wir noch lang nich nach Haus.“ Good old Hamburch, hier bin ich zu Haus. (15.11.2015)

Das Gegenteil von Blumen

„Ich zeig dir die Angst in einer Handvoll Staub.“ T. S. Eliot

Die Bürgerinitiave „Lebenswertes Dorf“ hat die geplante Unterkunft für Flüchtlinge im Stadtteil per Gerichtsentscheid stoppen lassen. Am Friedhofrand wird nun nicht länger gebaut. Es kann alles weiter totgeschwiegen werden.

Wanderung von Eckernförde nach Kiel, im weiten Morgenlicht Richtung Süden. Die Stille! Die Glätte der See! Die gelben Wälder und Hohlwege! Und wir, die einander erzählen. Von unserem langen Leben. (Kiel, 5.11.)

Ich frage mich: Bin ich ein Mensch mit Bleibeperspektive? Gilt für mich eine Residenzpflicht, und wenn nein: Warum nicht?

„Laub ist das Gegenteil von Blumen“, sagt das Kind.

Der gestrige 7. November war laut Meteorologen der wärmste je gemessene Tag mit diesem Datum in Deutschland. Heute fliegen bei warmer Mittagssonne die Wespen über die Gärten heran. Und auf der Straße sagt jemand: „Morgen werden die gelben Blätter an den Bäumen wieder grün.“

Das „Deutsch-Dominikanisches Finanzbüro S.A.“ legt mir per E-Mail „Kapitalbeschaffung mit finanzielle Hebel- ohne Wenn und Aber“ nahe – danke! Danke, danke!

Venceremos

Auf dem Parkplatz drüben, der Mitte
des grauen Morgens, lehnt eine Frau
mit Wintersonnenbrille an ihrem Auto.
Sie raucht hastig. Sie scheint zu warten.

Nur kommt keiner. Und es wird nicht hell.
Leichter Sprühregen, in dem sie ausharrt,
in die kahlen Wipfel zu den Krähen blickt,
auf ihre Uhr aus Gekrächz und Gekrächz.

Der Augenblick, vorbei. Der Paketdienst
liefert Pakete. Aus einem roten Reisebus
mit spanischem Schlachtruf an der Flanke
steigt ein Blasorchester. Worauf warten?

Such keinen Ausgang, such den Eingang.
Jeden erwartet viel Besseres als Träume!

Bär und Slogans

Auf Futtersuche, wie es heißt, sei im östlichen Sibirien ein ausgewachsener Braunbär in ein Einkaufszentrum eingebrochen und habe sich dort verirrt. Das große Tier. Das Gefährliche. Im Einkaufszentrum. Der Einkauf des Tiers. Im Zentrum. Das Tier, ausgewachsen, eingedrungen ins Zentrum: Bär, der Mensch sein will. Der Bär soll schließlich durch eine Wand gebrochen und so ins Freie zurückgelangt sein (er hat es uns gezeigt), und ich bin mir sicher: Er war erleichtert. Ein Polizist (Putins Onkel vielleicht, oder Putins Sohn, wenn er einen hätte), hat das Tier auf dem Parkplatz abgeknallt.

Das Agentenzentrum!

Slogan: „Fenster machen Häuser.“

Wandspruch an einem Haus mit der Nummer 37: „Merde 37.“

Der Nebel morgens über den Bankentürmen steigt aus den Schluchten des Bahnhofsviertels. (Frankfurt am Main, 19.10.)

Und wieder kommt die Kälte. Du fühlst sie, spürst sie, oder?

Slogan: „PEGIDA nach Aleppo!“

Und die Antwort lautet … nein. Es kommt keine Antwort.

„Ich spende mein Gesicht“, sagt das Kind.

Die drei wichtigsten Wörter: Nein. Doch. Wieso.

Am Morgen blickt das Kind aus dem Fenster und ruft, empört: „Es ist immer noch Herbst!“

Der hässlichste Buchtitel des Monats Oktober wurde gewählt: „Herzrasen kann man nicht mähen.“

Das Kind streichelt die Katze: „Genauso riecht das Pinguingehege im Tierpark.“

Die Poesie wird niemals sterben, aber du.