Morgen

Am Morgen war die Schneelandschaft zurück,
nicht irgendwie und irgendeine, sondern die
am Ende des Romans und damit auch
das ganze Buch mit seinen Menschen
und ihrem Weiß des neuerlichen Winters.
Noch immer dieser Frost Unwirklichkeit
zwischen den Zeilen der Empfindungen
und den Gedanken von Gespenstern.

Wachs

Exif_JPEG_PICTURE Im Wachsfigurenkabinett blickt eine schmale junge Frau mit roter Strickjacke und Wollrock in einen Schaukasten und kehrt mir den Rücken zu. Erst nach Minuten erkenne ich, dass sie sich nicht bewegt, dass sie Sophie Scholls Abbild ist. Sie scheint uns zuzuhören, als ich meiner Tochter, die aufs Sophie-Scholl-Gymnasium gehen möchte, von der „Weißen Rose“ erzähle. Ein zärtliches Gefühl für die Figur erfasst mich. Ein Schaudern dann. Schließlich die angelernte Reserviertheit und Vernunft – „nimm Vernunft an“: Heißt das, es ist anzunehmen, dass es so etwas wie Vernunft gibt? Und wie seltsam: Wachs und Wachsen (Berlin, Unter den Linden, 13.1.).

Im Schaufenster

Wandspruch im Schneetreiben: „Einst war es im Juli Sommer …“ (Berlin-Kreuzberg, 12.1.)

Zwischen den Geldautomaten schlafen im Schaufenster einer Bank, überm warmen Gebläse, betrunkene Obdachlose, die Beine seltsam verdreht: Kurfürstendamm.

Willkommen, Angst

Im selben Monat, als vor achtzehneinhalb Jahren mein erster Gedichtband erschien, begann ich in der Redaktion zu arbeiten (Geld), deren Aus, mit Frist Ende Juni, heute beschlossen wurde. Eine für den Konzern profitablere Schattenredaktion (Geld), ein effizienteres Listingprogramm (Geld) bilden den Background. In den Hintergrund gerückt werden 39 Mitarbeiter, Frauen, Männer, jüngere, ältere, mit Familie und ohne, entlassen (Geld), wenn möglich, ohne Absicherung (Geld), ohne Abfindung (Geld). Abzufinden hat man sich damit wie mit einem grauen Tag, kalt, mit einer grauen, kalten Angst (11.1.13.).

Post durch die Zeit

Nach 27 Jahren Post von dem Niederländer, mit dem ich damals im Garten der Rauchvilla in Innsbruck-Mühlau saß und hinaufstaunte zu der Loggia, hinter der Trakl seinen „Helian“ geschrieben haben soll. Am selben Tag, heute, die Nachricht, dort, in der Rauchvilla, werde ich im Sommer lesen, aus „Traklpark“.

Wie von allein

Immer öfter kreuzen meinen Weg Leute – in der U-Bahn, beim Einkaufen, auf der Straße –, die beinahe auf der Stelle von Geld reden und beschämt sind, sich fremd fühlen zu müssen: immer zu wenig. Die meisten sind freundlich, wollen wissen, erzählen kleine Geschichten, meist von Ähnlichen, Ähnlichem. Die Frau, die ihren unsicheren Sohn in den Friseursalon begleitet und die zehn Euro nicht übrig hat, um ihm den gewünschten Haarschnitt bezahlen zu können, sie und er sind zwei von denen, die verloren gehen, auch für die Dichtung (Fuhlsbüttel, 9.1.).

Das Mängelexemplar!

Die Stille (auch innen hinter den Augen) nach dem vierten Bürotag, gütige Leere abendlicher Straßen am Domplatz (ohne Dom): Du gehst heim wie von allein, heim von allein, allein.

Wo sind wir jetzt

Im Nebeldunst lauf ich unter den Bäumen durchs Dunkel. Ich rieche die Luft, höre die Stille, spüre unter den Sohlen das Erdreich. Brauch nicht mal Musik, um es zu hören: Lucky Jim. Du Glücklicher.

Im Band „Gedichte 1967 – 1978“ ist es das letzte der Sammlung „Keiner für sich, alle für niemand“, Nicolas Borns in meinen Augen also letztes Gedicht (ein Gedichthaufen) „Ein paar Notizen aus dem Elbholz“, über das ich heute, nach zwanzig Jahren, wieder stolperte:

(…)

Gehend also durch klein-große UNSCHEINBARKEIT
(kann ich nur sagen)
weite Wiesen, das Gras, gefroren und funkelnd
von Reif, quietscht; der alte Wald
ächzt, und Dampf, rosafarben, steigt auf
wie von lagernden Herden

Alles nicht aus Ideen gemacht, schwarzes
nasses Geäst der geschmähten Eichen
rumpelt am Himmel

Falbes Schilf, Basaltmolen, Schauer, wie geträumt
aus weißem Gras

(…)

Ein Tag wie die Abwesenheit aller Tage, grauer Dunst, Sprühregen, drei Stunden Licht (lachhaft, wenn es nicht herzzerreißend wäre). Mit 66 veröffentlichte heute David Bowie für alle Welt (heißt es) überraschend einen neuen Song: „Where are we now“. Hörte Born Bowie?

Die Auswege

Die große, alte Brigitte Kronauer (in ihrer Rede zum 80. Geburtstag von Ror Wolf, „Ein tadellos sprühender Glanz“, vom 4. September 2012): „Unser ursprünglich womöglich halbwegs individuelles Bewußtsein ist bedröhnt von einer jedermann überfordernden, nicht mehr organisierbaren Masse collagierter, montierter Wissens- und Nachrichtenfetzen. Ein nervöser Zustand, den wir in merkwürdiger Süchtigkeit nach Vermengung von Tatsachen und Simulation durch zerstreut gieriges Hin und Her zwischen Tagesschau, Werbung für Salatsauce, Oper, Rasierschaumreklame, Sportschau, Erotikdrama, Terror noch verstärken. Die (westliche) Realität: eine Kolportage der Wirklichkeit, eine Fiktion ohne Anfang und Ende, gleichgültig, grausam, ohne Zusammenhang, dazwischen in Tupfern und Flusen tränenselig gefühlvoll. Und schon wieder vorbei. Zugleich von gußeiserner Beschaulichkeit, maßlos in der Nachfrage nach Katastrophen, die wir (…) letzten Endes biedermännisch als Überlebende und Noch-Entschlüpfte zum Frühstück und abends auf dem Sofa, hin und wieder flüchtig exaltiert, an uns vorüberziehen lassen.“ Für wen hat Brigitte Kronauer das geschrieben, gegen wen? Um der Wahrheit willen, Sprachmacht veranschaulichend? Für sich? Gegen sich selbst? Jedes Wort eine Bankrotterklärung. Ich fühle mich nicht nur nicht gemeint, sondern desavouiert, gemaßregelt, niedergeschmettert und ausgeschlossen. Das „unser“ dieser Sätze ist ein peinigend-angewidertes „euer“, ein sezierendes Ungeheuer. Kein Wort von der Verzweiflung, die (uns) alle umtreibt und an die Bildschirmwand drückt. Wo sind die Auswege, die Unterschiede? Alles blitzt nur so vor lauter Oberfläche (7.1.).

Das grüne, grüne Gras

Ein einziger Schritt: vom Asphalt auf das dick mit Erdreich belegte Wurzelwerk eines alten Baums am Straßenrand – und der Boden federt nach, schwingt leicht, sodass es durch und durch geht. Augenblicklich denke ich an Büchners Woyzeck, die zweite Szene FREIES FELD, DIE STADT IN DER FERNE. Woyzeck und Andres schneiden Stecken im Gebüsch: Während Andres singt, „Saßen dort zwei Hasen, / Fraßen ab das grüne, grüne Gras / Bis auf den Rasen“, peinigt Woyzeck eine Vorstellung, die Unwirklichkeit: „Es geht hinter mir, unter mir“, sagt er und stampft auf den Boden: „Hohl, hörst du? alles hohl da unten! Die Freimaurer!“ Es liegt ein Haus für ihn da unten unter der Erde, falsch herum vielleicht sogar, nach freiem Sinn, ganz unverständlich, so verkehrt herum gemauert von den Freimaurern, wie er sich verkehrt herum fühlt in der Welt der Festmaurer (6.1.).

Das Problem, noch immer

Ein schmales Licht fliegt durch die Nacht – und du: kannst es nicht aufhalten. DAS ist dein Problem: Du kannst es nicht aufhalten, nicht mal sagen, weshalb du es aufhalten zu müssen glaubst (5.1.).

Das Problem

Das „Problem“, sagt Handke immer wieder, heiße übersetzt (aus dem Griechischen) das Vorgebirge. Das Problem zu erkennen, hieße demnach zu erkennen, dass es lediglich Vor-Problem ist? Ein Problem wovor? Vorgebirge vor welchen Bergen?

Nackter Januar, wo hast du deinen Schneeanzug?

Die Rascheljacke!

Eine Antwort

Du musst in den Nischen bleiben
und alles rings im Licht sehen
– zwischen die Zeilen schreiben
und unhörbare Klänge verstehen

Was sucht das Tier hinter dem Glasrahmen? Das Foto darin zeigt ein Hochzeitspaar. Es sitzt, im Sonnenschein, vor einem Strauch, auf einer Bank. Das Tier stellt sich auf die Hinterläufe, scharrt am Rahmen und drückt die Nase gegen das Glas. Sieht es das Paar, das Sonnenlicht, den Strauch oder die Bank? Das Tier will doch nicht hineinspringen in ein Schwarzweißfoto! Sieht das Tier in schwarzweiß? Liebt es, sich zu spiegeln? Das Tier sucht – eine Antwort. Dieselbe wie du, wenn du rätselst, was es da treibt? (4.1.)

Warum, Tier, hast du keine Angst vor dem Wind?

Zweiter Januar, und du bist schon
mitten im Jahr, nur verwundert,
wie dunkel der Nachmittag war.
Kein Wunder, wenn du staunst,
wie plötzlich etwas loslegt und
abrupt abbricht, zu Ende, kaum
dass es so unmerklich begann.
Sitz da, bleib stehen. Blick
dich um: Kein Wunder außer
dem langen Weg hierher, den
alles von Anfang auf sich nahm.
Der Baumreihe im Dunkel, Rehen,
dem Weg um den Teich, Kindern,
die nach Böllern suchen im Gras
und mit Glück etwas anderes finden,
allem sind sie eingeschrieben, auch
dir: neuer Neubeginn erster Januar,
erste Januarnacht und Tag danach.

2013

Keine bisherige Jahreszahl kam mir derart unwirklich vor: 2013 (sodass ich kürzlich schon 1913 schrieb). Liegt es an einer Art Zeitverankerung, und falls ja, wo wäre die meine? Ich denke (begann eigenständig zu denken), Ende der Siebziger. Könnte ich nach 35 Jahren demnach die Grenze meiner Wirklichkeitsvorstellung überschritten haben? Und: Ist sie kreisförmig? Denn ähnlich verhält es sich ja rückwärts in der Zeit: Gerade noch vorstellbar sind mir die späten Vierziger, davor ist nur grauenhaft offenes Meer (1. Januar 13).

Blind (noch immer)

Kinski in LondonWerbeslogan: Wir erschaffen Sichtbarkeit (Creating Visibility) – das Gegenteil stimmt. Würden sie doch wenigstens für Unsichtbarkeit sorgen: Creating Invisibility! Stattdessen zerstören sie das Sichtbare: Destroying Visibility. (Vor keinem Film hatte mein Sohn früher größere Angst als vor den „Toten Augen von London“ – zu recht.)

Die Chrysanthemenfontäne!

Bild: Klaus Kinski als Edgar Strauss in „Die toten Augen von London“, Rialto Film, 1961

Der Zug durchquert die Halle

Ein zeitloses Erlebnis: Durch den sonntäglich ruhigen Hauptbahnhof rattert ohne anzuhalten ein schmutziger Personenzug. Aus zahlreichen offen stehenden Waggonfenstern gröhlen junge Männer, johlen Schlachtgesänge, zünden Böller und werfen sie auf den leeren Bahnsteig. Der Zug durchquert die Halle. Staunen, Beklemmung, Unverständnis stehen auf den Gesichtern der Wartenden, aber auch Amüsiertheit, Freude, Stolz auf den absurden Augenblick (30.12.).

Zehn Tiere unter dem Bett

Traum, in der Nacht, ich sollte unter dem Bett zehn Tiere freilassen. Acht bewegten sich nicht, eins erst in der Dämmerung (meine Hand als große Spinne), erst das letzte kroch auf das Bett, wälzte sich dort hin und her und war schließlich ich (28.12.).

Nachtangst

Nachts, im Traum, war ich ein Haustier. Wessen?

Taniguchi.Nacht Eine halbe Nacht lang läuft Jouji Uenohara durch die Vorstadt von Okinawa, lauscht und schaut, stellt sich Leute vor, wie sie schlafen, träumen, schlafen. Jiro Taniguchis Zeichnungen heben in „Goya mitten in der Nacht“ die Lebendigkeit aus der Nacht, die Ruhe des Dunkels im Dunkel wird (nach-)fühlbar. – Wie furchtbar, die Nachtangst! Heute Nachmittag abgeschlossen: „Nie mehr Nacht“ (27. Dezember 2012).

Bild aus: Masayuki Kusumi (Text), Jiro Taniguchi (Zeichnungen), „Der geheime Garten vom Nakano Broadway“, © Carlsen Comics, Hamburg 2012. Mit Dank von Herzen an Gerald Koll

Ende des Spiels

Auffällig, ja ärgerlich, wie oft George Steiner irrt, nein Unsinn verzapft, weil er sich hinreißen lässt von grammatikalischen Pointen, elliptischen Aperçus, dem Stakkato seines Gedankenhammerklaviers: Kant! Leibniz! Rimbaud! Sartre! Frege! Die Ideen verhärtet, werden aus Menschen(-empfindungen) (Sprach-)Figuren. Ende des Spiels – das Beispiel: „Nichts übertrifft, ,eines Freundes Freund zu sein‘ (Schillers jauchzende Wendung). Der Tod ist fast ein Privileg, wenn er einen Freund rettet. Umgekehrt ist der Verlust eines Freundes irreparabel (man kann wieder heiraten, ein Kind adoptieren).“

Blick voraus

„Ich hab Mathematik in den Fingern“ – lächelnd zählt er an seinen Handknöcheln die Monate ab, ganz so, als gehöre das kommende Jahr ihm (25.12.).

So tief der Schmerz auch sitzt, so schmerzhaft es ist – egal. Gleich gültig ist im selben Moment schon der Augenblick danach, wenn der Schmerz nachlässt. Der Schmerznachlass – weit mehr als bloß Schmerzlosigkeit.

„Blick zurück im Zorn“ (vor lauter Angst) – blick voraus mit Gleichmut („Hab keine Angst“).

Ein warmes Omen

Ein Heiigabend mit lindem Frühlingswind, fünfzehn Grad warm, sodass der Schnee der letzten Tage nicht schmolz, sondern in Nebeln verdunstete. In älteren Zeiten ein Omen (fürs Zweite Kommen des Erlösers), heute nur beängstigende Bestätigung für den (Klima-)Wandel (24.12.).

Keine Gäste, keine Lieder

Ja, das bin ich: ein Bestattungswesen (schon immer gewesen).

An kein einziges Weihnachtsfest ihrer Kindheit kann meine Mutter sich erinnern – an keine Gäste, keine Tafel, keine Lieder, keinen Baum, keine Geschenke: 1946 bis 1957. Mir geht es genauso (obwohl es zig Fotografien von diesen elf Heiligen Abenden gibt): 1965 bis 1975.

Die Fallkonferenz!

Lesbarkeit

George Steiner über die Lesbarkeit des Blitzes („Wenn der Blitz spricht, sagt er Dunkelheit“):Blitz „Alle Formen und Codes, organische oder konstruierte, können Information vermitteln, können Emotion auslösen. Unsere bloße Existenz ist ein kontinuierliches Lesen der Welt, eine Entzifferungs-, eine Interpretationsübung in einer Echokammer, deren Volumen an Botschaften, an semiotischem Input unvergleichlich ist. Doch dies ist nicht unbedingt mit Verständlichkeit verbunden. Es gewährleistet mit seinem Potential und Ertrag nicht unbedingt Sinn.“ Vergleiche damit Coleridge über Wordsworth (mal runterscrollen: „An Inexhaustible Treasure“), aber auch Celans „Sprachgitter“, wo das Auge nicht einfach liest, sondern, zweifach, zudem gelesen wird: „Am Lichtsinn / errätst du die Seele“.

Aus: George Steiner, „Fragmente (leicht verkohlt)“
Sinn und Form 6/2012. Aus dem Englischen von Heide Lipecky

Sternbild

Der in der hohlen Faust die Zigarette entzündet, blickt in sein erleuchtetes Herz, der sieht das Blut davonwirbeln als Rauch.

„Konstellation“ – das Sternbild, an der Schädeldecke.

An Inexhaustible Treasure

Die Stärke von Wordsworths Poesie liegt nach Coleridge in der Kraft, mit der sie „die Aufmerksamkeit aufweckt aus der Lethargie der Gewohnheit und hinlenkt zur Schönheit und den Wundern der Welt vor uns – ein unerschöpflicher Schatz, für den wir infolge des Films von allzu Vertrautem und selbstsüchtiger Bekümmerung zwar Augen haben, die aber nicht sehen, Ohren, die nicht hören, und Herzen, die weder fühlen noch verstehen.“

Wie das geht

Während der anderthalbstündigen Anamnese immer wieder das Gefühl und daraus der Gedanke: Das bin doch gar nicht ich! Einmal mehr deutlich die Unmöglichkeit sich mitzuteilen – sich zu übermitteln. Zurückgeworfen aufs Vergessen, wie das geht, wie das alles zusammenpasst: Amnesie bei Anamnese (Hoheluft, 21.12.).

Flamme

Ein Teppich aus Plastik, groß wie Mitteleuropa, treibt auf dem Atlantik. Der Müllkontinent.

Adveniat – endlich wird es auch für mich Weihnachten. Flamme, die die Angst verbrennt. Ich höre Rubinstein Mozart spielen. Ich blicke meinen Freunden ins mit jedem Schmerz gleichmütigere Gesicht (20.12.).

Die Gedächtnisambulanz!

Die Taube

„Da tanzt er! Und zu mir sagte er, er wäre tot.“

In der Bäckerei am Fleet ist die Verkäuferin außer sich: Eine große graue Taube sitzt zwischen den Broten in dem menschenleeren Geschäft – menschenleer, weil auch die junge Frau lange nicht mehr weiß, was sie ist. Und die Taube? (19.12.)

Das Blumengymnasium!