Über dem Gras an der durch das Nieseln brausenden Kinzig die schwirrend rüttelnde Bachstelze, badischer Kolibri – und in einer offenstehenden Garage voller der Größe nach an der Wand aufgehängter Schraubenschlüssel eine Perserkatze schlafend auf dem Estrich, Badenpuma (Hausach, 13. Juli).
Überraschender Halt
Die Bahnhofshalle aus Stahl und Glas stand im Nebel. Rings sah ich nichts als Gras, graugrüne Ebenen, die sich im Dunst verloren und in denen sich ebenso die Gleise verloren. Rief die Lautsprecherstimme „Karlsruhe Hauptbahnhof!”, so klang es verhallend, als riefe sie „Grasruhe glaubt man noch!”, und immer wieder hieß es, für mich irritierend, war ich doch fast der Einzige in dem ganzen Grasbahnhof: „Überraschende Abfahrt nach Stuttgart!”, „Überraschende Umsteigemöglichkeit in Offenburg!” (Karlsruhe, 11. Juli, nach 500 Kilometern Fahrt durch Regen)
Noch ein Paar, und wieder die Ruhe
Beide sind sie über achtzig, sie gleichen einander, mit weißem Haar, dem weißen Hemd, der weißen Bluse, wie Zwillinge sitzen sie neben-, beieinander („beinander”) und blicken stumm, stundenlang in dieselbe Richtung – auf das Selbe? – aus dem einen Zugfenster. Draußen die Felder, die Ränder, die Wälder, die Raine, das Gras, der Nebeldunst und prasselnder Regen. Kein Wort, alles Geste. Alles Antwort, alles Frage (Berlin –> Hamburg, 8. Juli).
Lilith
Da stand ich wieder in dem Kleegras wie der Junge, der ich einmal gewesen sein muss.
Rugedigu … Rugedigu … zwischen zwei gegurrten Taubentonfolgen lagen siebenunddreißig Jahre, siebenunddreißig Inselsommer, ein unendlich gedehnter, endlos sich weiterdehnender Moment. 
Nein … eher, dachte ich da im Gras unter den Bäumen, ist es ein Nu, wie man früher sagte, eine Lidschlaglänge, nur dass sie nicht aufhörte, sondern fortbestand und fort und fort und fort, ein zeitloser Augenblick.
Und so trat ich unter ein großes Holundergesträuch und sah mit einem Mal knapp über mir durch die Zweige leuchtend tatsächlich wie in die Augen der Zeit. 
Da saß eine weißlich-bräunlich gesprenkelte Eule und blickte mich an mit zwei goldenen Augen, eine junge Waldohreule, die nachts mit ihren Geschwistern über dem Inselgarten kreiste und ihr helles Signalrufen hören ließ, „Lilith! … Lilith!”, ehe sie sich in der Dämmerung vor Menschen wie mir in den Holundersträuchern verbarg. Das Gras darunter bot eine Hinhockgelegenheit. Doch die nutzte ich nicht, ließ sie lieber leichten Herzens verstreichen.
© Foto Augen: Ulrich Wasem, www.waldwissen.net
© Foto Eule: Remo Schulze, www.natur-portrait.de
Eine Levitation
Die jubelnde Frau
auf der Ehrentribüne,
in dem grasgrünen Kostüm
die Kanzlerin springt,
schwebt und hebt ab
hoch in die Luft,
ein Ball, Ballon,
ein Kohlkopfluft-
schiff über Toren,
dem Anstosspunkt,
Mittelkreis, Rasen
und dem Stadiondach
ins finstere Nichts
der Nacht und ist
in Sternbildern
und Starwolken
unbezahlbar
nirgendwo funkelnd,
nirgends mehr zu finden.
Ruhe
Unter der größten Birke im Garten sitzt auf einer Bank ein altes Paar und schweigt. In den Wipfeln der größten Birke im Garten sitzt ein Krähenpaar und krächzt. „Ruhe!”, ruft eine Stimme, keine männliche, keine weibliche, weder von unten kommt sie noch von oben. Es ruft wie mitten heraus aus dem Tag, und die Vögel sind ruhig.
Als Belgien furchtbar war
Als es darum ging, etwas
zu sagen. Als wir hineinstarrten
in das Himbeergebüsch. Als keine,
keine Antwort kam. Als die Nacht
nicht aufhören wollte. Als sie
aufhörte ohne Klagen. Als
die Schmerzen nachließen,
als keiner mehr etwas wusste
gegen Schmerz. Als ich wieder nur
dich liebte. Als du mich fast vergaßt.
Als die Kirchen einstürzten. Als er starb,
der Elefant, der Angst hatte vor der Umsiedlung
nach Belgien. Als wir endlich verstanden,
warum. Als einer das Gras mähte.
Als das Gras weiterwuchs.
Among the Leaves
Ein freundlicher Zeitgenosse, nein, ist er nicht.

Als Mark Kozeleks Band noch Red House Painters hieß, sah ich ihn im inzwischen längst abgerissenen und zu Staub zerfallenen Hamburger KIR. Im Publikum klingelte ein damals noch riesiges Handy, weshalb Kozelek das Konzert unwirsch unterbrach: „This is no fun. Stop it you fool“, sagte er.
Mit Sun Kil Moon ist er über die Jahre milder geworden, auch gegen sich selbst, selbstironischer, dabei unverändert in den Kampf mit dem Wehmutsengel verstrickt, und ich erschrak heute, als ich las, Mark Kozelek ist anderthalb Jahre jünger, als ich es bin.
Im Januar 1967 wurde er in Massillon, Ohio, geboren. Seine Stimme begleitet mich seit zwanzig Jahren, nein, Mitte, Ende zwanzig kann er im KIR nicht gewesen sein, demzufolge auch ich es nicht mehr gewesen bin, und doch fand ich schon damals vor siebzehn, achtzehn Jahren, dass falls es eine Band gibt, die immer weiter an dem einen einzigen Album, vielleicht sogar dem einen einzigen Lied schreibt, so ist es wohl Mark Kozeleks Band, ganz gleich, wie sie heißt, ganz gleich, was sie einspielt.
Kozelek sang Rockschlager von AC/DC zurück in die Stille und Niedergeschlagenheit, aus der sie kommen. „Tiny Cities“, Sun Kil Moons Album von 2005, versammelt Cover-Versionen von Modest Mouse-Songs.
Hier lässt sich für mit Glück etwa zehn Tage „Among the Leaves“ hören, das neue Album von Sun Kil Moon: http://3voor12.vpro.nl/luisterpaal/albums/Sun-Kil-Moon.html
© Foto: rockcellarmagazine.com
Wachsende Notizen
„Und fragst du nach der Heimat,
so sagen alle, die blieben:
Das Gras ist gewachsen.”
Ilse Aichinger
Das grüne Haar der Welt?
Wächst durch die Gedichte.
Die Welt aus grünem Haar,
dichtet seitenlang Bewuchs.
Und frag nach der Ferne,
was sagen, die gingen?
Ich weiß noch das Gras,
das lebendige Glas.
Schilder
Lass uns langsam die Tage zählen,
die zu zählen bleiben.
Du deine bei den Tieren,
den Schildern,
die du ihren Namen gemalt hast,
Glanzstare, ich
zähle die Tage der Namen,
von allen Robinien herausgerufen
und flüsternd im Gras.
Die Bücher und ich,
wir haben sie übersetzt
für dich bei deinen Schildern.
Folegandros
Komm mit mir nach Folegandros,
am Strand dort in den ewigen Wind.
Ich will deine Haut rot werden sehen
unterm billigen alten Himmelsblau.
Die Griechen und Geld, von mir aus.
Geld wird überbewertet. Wir mieten
ein einfaches Zimmer im Zweifel,
wir trösten uns mit Kargem, komm.
Von Milos geht ein Fährschiff.
Brandseeschwalben – ihnen nach.
Und haben wir abgelegt, dann
ist der Ägäis das völlig egal.
Lass uns nach Folegandros fahren,
an den warmen Steiß von Europa.
Ich übersetze Keats‘ Endymion,
du liest in den Augen der Esel.
*
Veröffentlicht in der heutigen Ausgabe der ZEIT
im Rahmen der poetischen Aktion „Dichten für die Griechen”
Das Glas
„Bitte keine Sachen kaputtmachen.” (Jonathan Meese)
Wachsende Notizen
„ … und mit einem Mal ist da
Gras auf dem Feld vor dem Fenster …”
– zwanzig Jahre alter Vers.
Stare, die Funken, die aus dem Gras sprühn.
Brinkmann schrieb Gras.
Claude Simon Das Gras.
Paul Celan „Gras, auseinandergeschrieben”, wobei ich an „Sarg” denke, Gras rückwärtsgelesen.
Lass Gras über die Sache wachsen!
Welche Sache?
Das schönste Gras wächst in England, und John Keats hat seine Pracht so beschrieben, dass es damit leben kann.
Lass Gras über den Toaster wachsen!
Für Grass ein s zu wenig.