Sie haben die schönsten Pferde gemalt,
die Nazarener! Wer erinnert sich an sie?
Jedes Mal, wenn ich im Städel war, allein,
geh ich verstört von ihrem ganzen Zauber
am Main zurück in irgendein Hotel, wach
noch stundenlang. Ihr Blick verfolgt einen,
bilde ich mir ein, und schon frage ich mich,
warum? Sie scheinen ja etwas zu erleben,
das mit den Menschen vor sich geht, etwa
Begegnungen? Als wüssten sie das nicht
einzuschätzen. Ihre wundervollen Hunde
leben im Frankfurter Hauptbahnhofviertel.
(…)
merkwürdig sind die Pferde, die es nie gab,
aber geben muss, sie haben sie ja gemalt.
(…)
Überall blicken die Menschen sich um,
wie hinaus aus ihren Bildern, ins Land
oder über eine Piazza vor 220 Jahren,
als hätte da irgendwer etwas geschrien,
oder als weinte irgendwo ein Mädchen.
Ein Mönch mit Tonsur, Pferdeknechte.
Oder ein Hoffräulein wendet den Kopf,
es horcht. Auf jedem Bild ist alles wach.
Das Ministerium für Zauberei
Die Musik von Death Cab for Cutie passt auch in diese neue Zeit gut, in der die Bekloppten nach der Macht greifen. Ich erinnere mich an das Konzert der Band in der Großen Freiheit, das einzige, das ich sah, in dem auf der Bühne eine Gitarre zertrümmert wurde. Seine Freundin bestand darauf, dass mein Freund zu ihr nach hinten kam, wo es weniger laut und ungefährlich war. Wenig später gingen sie.
Death Cab for Cutie – Plans
Death Cab for Cutie – You can play these songs with cords
Das Knacken, Knistern und Knispeln der Platane vor meinem Fenster in diesem lichten, hellblauen Februar – auch eine Sprache, die kein Mensch versteht. Wovon redet der Baum? Vom Frühling, nehme ich an. Bäume sind Pragmatiker.
Death Cab for Cutie – The Photo album
Ohne eigenes Zutun besitze ich inzwischen 13.426 Bergbau-Bitcoins. Und jetzt?
Mit Halskrause und bandagiertem Bein humpelt ein Chow-Chow durch den Schnee. Ich weiß nicht, warum mich der Anblick so rührt. Der Hund, und ich hier. Oder bin ich er, oder bin ich der Schnee? (13.2., Hoheluft)
Das Ministerium für Zauberei.
Im Namen der Esel: danke!
Nur ihr Team, sagten sich die Fans, trainiert ein junger Zauberer.
Die Nazarener
Sie haben die schönsten Pferde gemalt,
die Nazarener! Wer erinnert sich an sie?
Jedes Mal, wenn ich im Städel bin, dann
gehe ich wie verstört von ihrem Zauber
am Main zurück und über den grauen Fluss
in irgendein Hotel. Ihr Blick verfolgt mich,
bilde ich mir ein, schon frage ich mich,
warum? Sie scheinen etwas zu erleben,
das mit den Menschen vor sich geht, etwa
Begegnungen? Als wüssten sie das nicht
einzuschätzen. An ihre Pferde denke ich
immer im Frankfurter Hautbahnhofsviertel.
(…)
darauf sind Pferde zu sehen, die es nie gab,
aber die es gibt, sie haben sie ja gemalt.
(…)
Überall blicken die Menschen sich um
auf ihren Bildern, blicken ins Land
oder über einen Platz vor 200 Jahren,
als hätte da irgendwer etwas geschrien
oder als weinte da irgendwo ein Mädchen.
Ein Mönch mit Tonsur, ein Pferdeknecht
oder Hoffräulein verdreht den Kopf und
lauscht. Auf jedem Bild ist alles wach.
„Eine Krähe sucht die Nähe einer Krähe“, heißt es in Nadja Küchenmeisters neuem Gedichtband „Der Große Wagen“, und der Vers erinnert mich sogleich an den Krähenmann. Er taucht auf im Park und wirft zwei Handvoll Brotfetzen ins Gras, woraufhin sechs, sieben Krähen herbeisegeln und jede sich einen Klumpen fischt und flieht – jede in eine möglichst andere, eigene Richtung. (Hoheluft, 28.2.)
Chronik einer Zerrüttung.
Die Ordner auf meiner Bildschirmoberfläche, würde ich sie sternbildartig anordnen – wer bemerkt es? Muss es jemandem auffallen, du Kepler?
Mails mit Texas, Mähren und Münster im Stundentakt. Meine Diabetologin erzählt, dass unweit der Schule ihrer Kinder ein Kind überfahren wurde. Ich lese Storm und Meckel. (Hoheluft, 4.3.)
Doppelbildnis
Was ich an Courbet so wundersam finde,
die Momente, die er festhält, sind gestellte,
und genau so lebe ich, in großer Dringlichkeit.
Zu aufdringlich vielleicht, das ganze Dingliche,
denke ich immer wieder, aber dann sehe ich,
Courbets Selbstporträts sind Doppelbildnisse.
Nicht nur sich selbst malt er alle paar Jahre neu,
links nah dem Herzen ist sein junger Cocker und
wird genauso älter. Der schwarze Hund blickt nie
zum Betrachter, nur der Maler. Es gibt anderes.
Keine Könige mehr
Keine Könige mehr,
Männer haben abgedankt.
Wenn sie das erst begreifen,
fängt die neue Zeit an.
Endlich unbekannt.
Warum weiter Terzinen?
Jede Gewalt wird wiedererkannt.
Und alle die sich ändern, blühen auf.
Heute sprach ich mit einem Bettler
über die Kälte in der Stadt.
Heute ist lange her, aber
ich hab da Teltower Rübchen gekauft.
Heute gab es Nachtfrost.
Das Laub rings um den schwarzen Park.
Frances Brawne Lindo
Es schüttet im Park,
durchs Zimmer gehen
Kerzengeflacker und
das Prasseln. Fenster
sind keine Wände. Sie
will noch einen Schluck
von dem dunklen Tinto,
da lächelt Señor Lindo.
Meine Liebe, flüstert er,
unvernünftiger Schatz.
Der Diener schenkt ein.
Aber sie will ja gar nicht
trinken, nur denken, sie
hört ihre Mutter und John,
weil beide wieder leben.
Mom ist nicht verbrannt
nach dem Gartenfest, ihr
Taftkleid fing nicht Feuer,
denn es goss in Strömen,
der Regen war ein Engel.
In den letzten römischen
Briefen, todkrank schon,
ertrug es Mr Keats nicht,
ihren Namen zu nennen,
deshalb schrieb er XXX.
Aber las die Mutter ihr vor,
so sagte sie immer Fanny
an den Stellen mit Kreuzen.
Sie taucht den Zeigefinger
in das Glas Wein und spürt
das Leben und seine Fülle,
sie zeichnet mit der Finger
-spitze drei schwarze, rote
X aufs Tischtuch. Wandern
Tote durch unser Herz, Lindo,
oder sind sie der Kerzenwind.
Vogelbeeren in Reillanne
Noch immer blinkt das Blätteraluminium
der Pappeln im Wind, immer noch kommt
grasgrün das Gras zurück. Die kleine blaue
Feder schwebt in den Müll, und ein Schwarm
Stare stiebt auf und ist einen Atemzug später
der Punkteschatten über der sonnenbefluteten
Straße. Weil wir befreundet sind, erklettern wir
Krater gemeinsam. Und oben, lachen wir es aus,
das Feuer, mein Lieber, ehe wir zurückschlendern
ins Tal, um im nächsten Dorf ein, zwei kühle Glas
Empedokles zu zischen. Es gibt nur ein einziges
Leben, und das ist endlos. In der Augusthitze,
in den Gewittern und der alles überdauernden
Kargheit, verrückt sich der Alltagsballast und
verliert an Gewicht. Hörst du, Tschaikowskis
Melodie klingt durch die Violinen der Zikaden.
Mit dem guten Recht der Dörfer erklär dich
zum Mittelpunkt deiner Welt. In den Städten
gibt es keine Unterschiede mehr. Hölle gleich
Himmel, beide nur Zellophan. Aber weiter blinkt
im heißen Wind das Pappellaub. Grillenbratschen.
Hör dein Herz, du brauchst dazu kein Stethoskop.
Es hat eine Melodie. Sei hier, bei dir, in Reillanne.
Sieh sie dir an, hör hin. Die Vogelbeeren sind rot.
Kastanien
Was soll das?
frage ich die
Kastanien, da
sie knospen.
In Kastanien
hineinblicken,
immer wieder
neues Dach.
Wir feiern den
Wiederaufstieg,
ruft eine voller
Blüten zurück.
Carla May
Die einzige Erinnerung
an meine Urgroßmutter
Carla May aus Radebeul
zeigt mir sie, da bin ich
vier, mit dem Marsriegel,
den sie mir gekauft hat,
in ihrer uralten Faust.
Wir überqueren 1969
einen unbeschrankten
Bahnübergang irgendwo
in der Stadt Schriesheim.
Warum habe ich diesen
Moment nie vergessen.
Wann aß ich das Mars.
Mitin Badege
Als im Gewitterunlicht
halb Arles davonfloss,
da flüchtete ich mich
über die Place de la
République in die alte
Sankt-Annen-Kapelle.
Dort sah ich mir in den
durchblitzten Nischen
die Fotoausstellung an.
Ich sah sie lang an, alle
Gesichter aus Äthiopien,
Frauen, Männer, Kinder,
am längsten aber in dem
Gleißen ein Doppelprofil.
Vor der tiefen Schwärze
der Nacht trug Mitin ihren
kleinen Enkel Kalemwork
auf dem Rücken wohin?
Antoinette Flegenheim
Es ist mir unmöglich,
Ihnen mitzuteilen, wie
plötzlich das alles war,
wie unerwartet, erwiderte
die Titanic-Überlebende
Antoinette Flegenheimer,
die sich Flegenheim nannte,
als werde alles immer kürzer,
noch bis zuletzt auf Fragen
zu ihrem Leben und Alltag
nach der Tragödie 1912,
jedes einzelne Begebnis
sei wie ein Blitzeinschlag
an einem helllichten Tag
an der Bockenheimer Warte
oder in Tutbury, Staffordshire.
Madame Tanguy
Die alte Amerikanerin,
die mich ansprach vor
dem Monoprix in Arles,
bat mich um ein pièce,
also gab ich ihr 2 Euro
und fragte sie, woher sie
kam, Drummond, lautete
ihre Antwort, Wisconsin.
Hinter uns, an dem Kreisel,
wo es vom Regionalbahnhof
zwischen zwei Wehrtürmen
hinauf zur Altstadt geht, stand
früher das gelbe Haus, in dem
1888 Vincent van Gogh lebte,
kurz auch mit Gauguin, bevor
der ihn zum Idioten erklärte.
Aber das Haus zerfiel, man
riss es ab und baute es nicht
wieder neu, alle Welt kennt ja
Vincents Zimmer darin, Bett,
Stuhl, Waschtisch, Fenster,
weil er alles malte, denn so
wurde für ihn alles lebendig.
So steht das gelbe Haus da,
wie sie einmal Pianistin war,
die Amerikanerin im grünen
Kleid, mit Silberblick, sie sei
beglückt von unserem kleinen
Gespräch. Nie stattgefunden
habe es, ihr Konzert in Arles.
Aber sie sei geblieben, denn
sie warte. Worauf, fragte ich,
und ob sie immer noch spiele.
Und ob, rief sie, ein Nachbar,
der habe manchmal ein Piano.
Danke Ihnen für den Moment.
Jeden Tag wanderte ich darauf
zu dem Monoprix, aber fand sie
nicht, den Silberblick, das Kleid,
erst in einem Van Gogh-Katalog,
und immer nachts träumte mir,
ich sehe ein Ohr schwimmen
in einem Fläschchen voller
gelbem Pinselterpertin.
Das Kommende
Allein in dem Palast, aber über den See kommen die Lichter und scheinen nach einer Bleibe zu suchen. Dunkel wie die Täfelung ist das Wasser, eine Stille unterbrochen nur von Kühlaggregaten. Wenn ich hinunter zum Seeufer gehe, muss ich in Schlangenlinien gehen. Und weiß schon auf den Serpentinen, dass unten niemand sein wird. Dann blick, sag ich mir, über den schwarzen Spiegel, schon schimmert darin das Künftige auf – wohin ich mich auch wende, die Nacht, die Widerspiegelungen, alles Zukunft. Ich möchte sofort ein Gespräch mit einem Freund führen. Ich bin ohne Töchter angekommen und ohne Hast, mein Zimmer hat Sarggröße, aber über dem See liegt weiter das versöhnliche Dunkel. Berliner weltverengendes Gespräch ohne Vorstellung, wie es irgendwem geht. Häppchen Chicoréeschiffchen.
Ein Freund sagt dir endlich ernste Worte, bevor er aufbricht zur U-Bahn, weil es keine Betten gibt. Jenseits der moosigen Bahnsteige das Seeuferdunkel. Licht leuchtet, wo geschlafen werden muss. In diesem Palast habe ich mit dem Mondgesicht getanzt, hier war die Vergangenheit jedes Mal zu Ende und hängen immer noch Trugschlüsse an den Wänden. Und auch darin schimmert das Kommende auf.
Crow
Why be only cinder,
says the crow to the cranes,
when you stand in light, why
is my song a caw. Waa!
skyscrapers, trams.
I had feathers as motley
as clouds Waa! in the icy
wind. Had rivers as plumage,
claws that etched the sounds
of the trees into the ground, so
Waa! was a path to the warmth
of the summer street. It was a fire.
Was flames, a red blaze,
ghostly Waa! a burning
window. I flew through it,
and it was the eagle, was Waa!
the god who blackened me,
left me mute and searing.
Song and map and mantle,
in crow dreams Waa! they
are one. I came to a morning.
And treetop was the great light.
For Tony Birch
(Translated by Mirko Bonné)
Laugharne
And the gates / Of the town closed as the town awoke.
Dylan Thomas
Die Wellen, die draußen ertrinken wollen,
laufen zum Schlafen alle in die Dünen.
Und du bleibst? Meinetwegen. Gut, bleib.
Die Strände lang versinken grauenvolle
Schätze im Schlamm, und zwischen ihnen
führt deine Spur, als wär sie selber Welle.
Kennst du am Ortsende die Engeltankstelle?
Der Küstensaum ist Küstenwall. Alles treibt
gut oder übel sonst her. Schon ist es weg.
Binnenland so ein Backsteinort, der träumt
von krummem Regen. Such ein Versteck
am Sonnenheizofen, und du findest keins.
An den Himmelsfäden runter hängt eins.
Vorm Ortsende kommt die Engeltankstelle.
Jeder Schuppen ein Käfer, die Beine Pfähle
mit Muschelpocken, wo Jungs hämmern.
An Leinen knallen blau Röcke. Die räumt
der Wind in die Luft, wenn es dämmert.
Die See kommt nicht zu Besuch, fast nie.
Sie kennt ja alles, nur keine Diplomatie.
Aber am Ortsausgang die Engeltankstelle.
Und in den Zimmern aus Zwieback und Ale
Häher-Gourmets, Möwen-Versteherinnen.
Kinder-Krähen. Mit Glück knospt ein Kahn
in einer Bö. Alles was zählt, ist drinnen,
draußen ist zu. Nimm dich jemandes an,
und bist’s nur du. War’s das? Dann geh.
Am Ortsende siehst du die Engeltankstelle.
Für Jan Wagner
Testudo
Seit Juli vermisst: Schildkröte.
Der Zettel mit Zeichnung, gepinnt
an die nachtwarme Hauswand,
erzählt von ihr, aber nicht viel.
Man erfährt nicht, wie groß sie ist,
noch steht da etwa ihr Name – du
heißt womöglich genau wie sie.
Gleich, wie lang es sie schon gibt,
40 Jahre (dann hätte sie die Größe
eines Kindersoldatenhelms) oder
70 (mit einem verirrten Mähroboter
würde man sie verwechseln) oder
auch 120 (sie gliche dann einem
der friedfertigen Provencewarane) –
dein Alter bemisst du an ihrem.
Wilde Schildkröte, kriech weiter
durchs Hochsommerdunkel, setz
einen Fuß vor den anderen und sei
nicht die Ruine einer Orangenhälfte.
Die Trompete des Donners. Summen
müder Grillen. Oben in die Stille gekippt
Geglitzer in den Sternwipfeln. Oleander
ist ein schleppendes Feuer, ein Rosa,
so tief, dass der Tag darin ertrinkt.
Der Nachtduft atmet. Lauwarm ist er
wie die Hand des Mädchens, dem
sie gehört und dessen Pulsschlag sie
noch durch ihren Panzer gespürt hat.
Komm schon, flüsterte es, zeig mal
den Kopf. Manchmal spielt sie noch
Römische Formation. Oder sie fängt
aus der Luft ein Knisterblatt. Schon
bündelt sie alle Bewegung, jedes
glücklose Eilen, zu dieser Stille,
die sie ganz so enthält, wie sie
alle Schildkröten enthält. Außen
erlischt sie, innen kriecht sie weiter
hinaus aus dem Tod, und dir zeigt sie,
der hier sterben muss, das bist du.
Der Buëch
Er kommt dir
in der Finsternis
aus dem Schädel
gestürzt, der Fluss,
du hast die Alpen
hinter den Augen,
ihr Schiefergrauen
ein Totholzbrausen.
Die Burg von Serres
geopfert Brückenbau,
Brücken weggerissen,
Hindernis, Hindernis,
hinter deinen Augen
rauscht in dir talwärts
der gestürzte Fluss.
Das Schotterwasser.
Ryan O’Neal
Es gab Kostüme und Kulissen,
die stärker als er selber waren.
Verloren hatte er sich aber nie.
Er fühlte nichts verschwinden.
Er liebte. Schnee seit Love Story.
Am Meer bei Malibu erfand er sich.
Er war der Driver, der verstummte,
und blieb doch immer Barry Lyndon.
Was war da, fragte er sich über drei
Jahrzehnte, 17 Filme lang, wer trug
Duelle aus mit Kindern, seinem Blut,
um sich danach nicht mehr zu finden.
Er mit gepuderter Perücke in Berlin.
Zum Flackern einer Kerze abgefilmt
im Zimmer eines Rokokogemäldes
– als wäre Welt nicht schon zu viel.
Vielleicht war Zeit für Kubrick Speed.
Das sollten Klügere als er ergründen.
Er fühlte nichts. Seit 1775 gab es kein
Entrinnen, keine Tür für Ryan O’Neal.
*
Zum Tod von Ryan O’Neal (1941–2023)
Erschienen in Traklpark
Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2012
Die Ameisen
Sie begrüßen jede Pore
im Beton, und sie wissen,
die Süße der Feigen hängt
vom Wind ab, davon, wie
heiß er weht ab Mitte Juli.
Sie durchqueren Wand und
Haus, lesen sich durch die
Dachzimmer und deine und
meine Erinnerungen, deren
Königinnen sie gut kennen.
Rennende Buchstaben und
schwarze Küsse wie Bisse,
rieseln sie über den Horizont
der Brüstung, Mischung aus
Regen, Ast, Lakritz und Blitz.
Sie schreiben Gottes Namen
in die Krone der Zieraprikose,
und wenn sie schlafen, schläft
der Tag. Sie haben kein Ziel
und erträumen, was sie sind.
Michelle
Wenn wir im Souterrainhalblicht des Ladens standen und
die Finger blätterten durch leicht gekippte Klarsichthüllen
alphabetisch einsortierter Platten, blieb für sieben Songs
die Schwerkraft aus. Wir fühlten alles, hörten jede kleine
Atempause, sahen einander auf den Händen balancieren
Alben und in allen Blicken die Musik entstehen zum Bild,
zur Zeile auf dem Cover. Und vorm Fenster war die Pest,
Gertrudenkirchhof, Tote taumelten lebendig auf den Platz,
Staub tanzte in der Luft, die fade, dumpf und unecht roch,
und alles das erwarteten wir und erkannten wir neu jedes
Mal, als hätten wir an Tagen, die wir nicht im Laden waren,
den Geruch an uns gehabt, herumgeschleppt durch träge
Tage, bis die Schwerkraft wieder ausfiel. Kein Gedächtnis
schöpfte unsere Tiefe aus. Und alle Kindheit war verflogen.
Und Alter zählte nicht. Und Seele war uns nahe Gegenwart,
und Welt immer dieselbe und die Einsamkeit neu jedes Mal.
Wegweiser
Die Wörter Freundschaft, Frau und Liebe, die Wörter
Verzeihen und Betrügen, fast hätte ich mich darüber
vergessen. Eine kleine Veränderung reicht aus, und
ich verschwinde in Träume, in Bücher, ja Kochtöpfe.
Meine Zunge wird mich verraten, der eigene Atem
mich umbringen, leider bittere Wahrheit. Ich werde
in Tau verwandelt und Asche, in Qualm, Schatten
an den Wänden, in Zündholzzischen und Flamme,
in die zerknüllte Stelle im Laken, in das Getropfe
des Wassers im Bad. Eine Epoche hinter mir und
kein Funkeln mehr im Blick, ist die Zeit ja wohl reif,
um alles hinzuwerfen. Ich zerfalle wie ein Konzern.
Ich breche zusammen ähnlich einem Imperium und
werde verhaftet wie ein Fußballgott. Zum Teufel mit
allem Gras. Ich werde jeden Anschluss verpassen,
ihr werdet’s erleben, meine Welt endet, das war’s.
Keine peinliche Begegnung mehr im Treppenhaus,
endgültig Vergangenheit die ganzen Zufallstreffen
am Brotstand im Supermarkt. Bleibt nur, ich gehe.
Schluss mit Verabredungen unter der großen Uhr,
die steht, oder stehen geblieben sein muss, egal,
so elendig langsam vergehen darauf die Minuten.
Nach Tomasz Różycki
Clapham Junction
Bewaffnet sind die Toten aus dem Grab gestiegen
Und flattern da in Wahrheit auch bloß Londoner Tauben
Die Zunge erkundet die Mundhöhle und weiß auf einmal
Die Jahreszeit des Kummers ist ein Vorstadtbahnhof
Und flattern da in Wahrheit auch bloß Londoner Tauben
Über Waggons voller Stahlschrott, Spänen und Schotter
Die Jahreszeit des Kummers ist ein Vorstadtbahnhof
In der so seltsam simplen Ökonomie der Welt
Über Waggons voller Stahlschrott, Spänen und Schotter
Die Lavendelhügel, die Lavendelfelder
In der so seltsam simplen Ökonomie der Welt
Spucken sie auf dich, Oscar, Ausgeburt allen Übels du
Die Lavendelhügel, die Lavendelfelder
Es war das reinste Gelage mit Panthern
Spucken sie auf dich, Oscar, Ausgeburt allen Übels du
Nimm es hin wie den ewigen Nebel und den Nieselregen
Es war das reinste Gelage mit Panthern
Die Zunge erkundet die Mundhöhle und weiß auf einmal
Nimm es hin wie den ewigen Nebel und den Nieselregen
Bewaffnet sind die Toten aus dem Grab gestiegen
Eisenbach
Wach auf, mein Herz, und weise wisse
Wir haben bei Weitem noch nicht alles geliebt
Denk nur an den Baum, der neben uns stand wie ein Lauschender
Der Sommer ein Jahr und die Glaswand nicht Glas
Wir haben bei Weitem noch nicht alles geliebt
Vergiss nicht, jede Uhr ist erfunden
Der Sommer ein Jahr und die Glaswand nicht Glas
1975 entdeckt man in China die Zärtlichkeit
Vergiss nicht, jede Uhr ist erfunden
Wie eine böse Knospe, in der eine furchtbare Blüte wartet
1975 entdeckt man in China die Zärtlichkeit
Als wäre es gestern gewesen, heute, jetzt
Wie eine böse Knospe, in der eine furchtbare Blüte wartet
Der Wind von den Sternen, die alle Sonnen sind
Als wäre es gestern gewesen, heute, jetzt
Scheuchen nachts Böen das Laternengelichter aus dem Kanal
Der Wind von den Sternen, die alle Sonnen sind
Denk nur an den Baum, der neben uns stand wie ein Lauschender
Scheuchen nachts Böen das Laternengelichter aus dem Kanal
Wach auf, mein Herz, und weise wisse
Calw
Da legt eine Prau an, im scheinbaren Wind aus nichts Segel
So klingt der süße Singsang von den allerschwersten Dingen
Piet gießt vor dem Laden um Mitternacht noch die Narzissen
Unverkäufliche Blumen schwimmen eine Woche im Brunnen
So klingt der süße Singsang von den allerschwersten Dingen
Fast schmeckt der Regen nach dem Wein in meinen Händen
Unverkäufliche Blumen schwimmen eine Woche im Brunnen
Zwei Absätze weiter unten in der Geschichte der Zerrüttung
Fast schmeckt der Regen nach dem Wein in meinen Händen
Wie Sparbücher voll Ziffern morgens die Fachwerkfassaden
Zwei Absätze weiter unten in der Geschichte der Zerrüttung
Ich wusste überhaupt nicht, dass ich vollkommen nackt bin
Wie Sparbücher voll Ziffern morgens die Fachwerkfassaden
Und der Marder im Dachstuhl entkommt durch die Träume
Ich wusste überhaupt nicht, dass ich vollkommen nackt bin
Während David Crosby auf dem Markt Wooden Ships singt
Und der Marder im Dachstuhl entkommt durch die Träume
Piet gießt vor dem Laden um Mitternacht noch die Narzissen
Während David Crosby auf dem Markt Wooden Ships singt
Da legt eine Prau an, im scheinbaren Wind aus nichts Segel
Nizza
Schon verlässt das Gedicht das Bleistiftstadium
Kaum dass ein Baum dort in der blauen Dünung treibt
Kein Kletterer im Berg kennt den Berg, aber du
Wie eine alte Seemöwe nachts bei Mistral
Kaum dass ein Baum dort in der blauen Dünung treibt
Klirren die Sternbilder, bis du dich in Bewegung setzt
Wie eine alte Seemöwe nachts bei Mistral
Nur ein Häufchen Kiesel und Zigarettenkippen
Klirren die Sternbilder, bis du dich in Bewegung setzt
Dann schreckt manchmal sogar ein Schatten zurück
Nur ein Häufchen Kiesel und Zigarettenkippen
Freude zu finden bleibt trotzdem der Sinn einer Passeggiata
Dann schreckt manchmal sogar ein Schatten zurück
Und sei er aus den verschwundenen Wäldern des Libanon
Freude zu finden bleibt trotzdem der Sinn einer Passeggiata
Bis die Wellenbrecher alles achtlos zertrümmern
Und sei er aus den verschwundenen Wäldern des Libanon
Kein Kletterer im Berg kennt den Berg, aber du
Bis die Wellenbrecher alles achtlos zertrümmern
Schon verlässt das Gedicht das Bleistiftstadium
Ein Glas Tränen
Trink das Glas, trink es und
Sommerwolken spiegeln sich.
Das Wasser fließt, ein Fließen
geht durch alle deine Jahre.
Grün der See, grün Seele.
Also fürchte dich nicht mehr,
die Sommerwolken spiegeln sich
auf Fluss und See. Im grünen Licht
trink aus dein Glas, trink es ganz leer.
2. Fassung
In der Schneedecke Fährten
Auch wir waren das mal, so Ge fährten, nur ist es lange vorbei.
Was kann es sein, das mich nicht mehr loslässt an so einem, dem
ich schreibe, entschuldigend und zornig, zärtlich, verständnisinnig,
und der doch nur lauter verstummt. Beharren? Er ist ja wie verblichen.
Und der Geist, der in mir wiedergeht, scheint grausam damit zu spielen.
So gefriert der verharschte Schnee auf aller gemeinsamen Zeit, denn
allem Zartgefühl habe ich selbst lang abgeschworen. Da sind Fährten,
das Leben bis hier, nirgends seine, unsichtbar, ungeworden. Fühlbar
trag nur ich unsere alte Geschichte noch. Und dennoch – was ist es?
In der Schneedecke Fährten. Lass gut sein. Jedem auf seine Weise,
ihm, mir, gestern, heute, morgen, und allen Spuren eine gute Reise.
Schneeinvestment
Der verharschte Schnee und
die Spuren darin. Was oder
wer lief da, wohin, woher.
Alles Weite soll sich zeigen,
das ist die Schneeinvestition.
Alles wird Flocke, das Treiben
nimmt kein Ende, der Schnee ist
das beschlossene Aus alles Engen.
Was werden die Kinder behaupten
von dir, falls sie sich überhaupt
deiner erinnern. Du da, der du
früher vielleicht einmal warst,
bist du im Schneegestöber wieder.
Deine Hellseherkräfte haben reichlich
Rost an den Kufen, aber wer weiß schon,
wer hat von Weisheit einen Schimmer. Einer
der Jungs auf den Schlitten bleibst du für immer.
Roma Termini
Der dunkelblaue Ventilator
eines Septembergewitters
rotiert über Trastevere.
Ohne Schirm, nur im Hemd
unterm alten Maulwurfkostüm,
läuft er im Regen zum Fluss,
vorbei an einem Zentaur: Junge,
junges Ding auf den Schultern.
Gioletti. Letzte Pferdetram.
Schwitzend, mit Stützstrümpfen
eine abgetakelte Schwuchtel,
so sitzt man nicht im Greco.
Und mitten auf der Piazza Cavour
ein zahnloser Mensch, genäht
in Sacktuchfetzen, genau
da auf dem nachtdunklen Pflaster
lümmelte Bosie am Cafeteriatisch
in der Sonne, Weste, Hut weiß,
grinsende Muttergotteserscheinung.
Auch der Lebensbogen hat sein
Gedächtnis. Darum ist man ja
niemals allein, selbst der nicht,
der für sich sein will, wenigstens
in den schlimmsten letzten Momenten.
Erinnerung, Erinnye
Erinnerung: als wollte etwas nicht verbrennen, wenn das Gedächtnismeer
in Flammen steht. Als wäre mein Vater ein Brandschiff, die Decks voll Dynamit, und meine Mutter gießt in jede erste Schenke ihr Benzin. Wohin ich fahre, ist der Hafen immer Schutt und Asche lang, verbrannt im aller-
wundergelbsten Sonnenuntergang. Erinnye.
Erinnerung: ich kaute Fingernägel, dabei aber eigentlich Gedanken. Ich hatte nachts nicht bloß die Angst, ich hatte allen Grund, mir vorzustellen, vor dem Bett, in meinem Rücken, steht ein Mann. Und wenn ich mitten am Tag vor mir wieder den Brennenden sah, wusste ich immer schon lange Zeit vorher, wann es geschah. Erinnye.
Erinnerung: als ginge kurz nach Mitternacht die Sonne auf. Wir fuhren mit dem Käfer langsam auf den Unfall zu. A 7, Wagen brannten, nichts war abgesperrt, und in dem einen sitzt am Steuer einer und verbrennt. Und meine Mutter sagte in dem Hitzeschein: Du siehst da gar nicht hin, du siehst nur mich und was ich bin. Erinnye.
Nach einer Runde um die Sonne. Gedicht
An den offen stehenden Fenstern
des Hotels Goldener Oktober,
gegenüber Kohlenmonoxidbirken
und zwischen Schulflachbau,
Fernsehturmspitze und Sternen,
ist da noch immer dieser Kern
an einem Abend anscheinend
lebensvoll, nur völlig stumm,
auf dem Weg durch eine Nacht
nach einer Runde um die Sonne.
Inmitten simulierten Miteinanders
pulsen da weiter Golgi-Apparat,
endoplasmatisches Retikulum,
Auffaltung, Instandhaltung
eines Tons und innigen Rests
beständig vertrauter Stimme
im Birkenblättergerassel und
blassen bleibenden Funkeln
auf dem Weg durch eine Nacht
nach einer Runde um die Sonne.