Das Gras

Fragment eines Kriegstagebuchs

Dieselben Sternbilder am Nachthimmel
wie letzten Winter. Ich bin entsetzt
beim Anblick des Bahnsteigs
voll Tausender, die auf die Gleise,
dann auf der anderen Seite herumströmen
um den viel zu kurzen Zug. Das Foto lässt sich
großzoomen, und da erscheinen vor allem Frauen,
Kinder, Alte, wie auf allen Kriegsdarstellungen,
die ich kenne. Frau mit roter Kapuze,
Kind auf dem Arm. Was hast du,
frage ich mich, von Kriegen
wirklich miterlebt. Jedenfalls Angst.
Drohungen. Bedrohungen. Die Zeit wie
angehalten in diesen Tagen. Was soll da erst
die Frau mit roter Mütze sagen. Freiheit wird siegen.
Du musst dich begnügen. Auf der A5 öfter schweres Militär,
Armeetransporter, und einmal die blaugelbe Fahne
im Seitenfenster eines vorbeiziehenden Horch.
Und die Gespräche Schein. Und die Attacken
unsichtbar. Einen Nachmittag lang hinaufgewandert in
das felsige Bergland, auf dem Schotterpfad weiße Splitter,
vorbei an den Grotten, an Olivengärten, schon gehen
die Augen wieder auf, schon möchte ich überall
am Körper Augen haben. In der Luft zu hören
die Dohlen, seltsam aufgeweckte Raben,
auf dem Smartphone der Einschlag
einer Rakete in Cherson und der Staub
im rasselnden Laub. Ich bin aufgewacht
nach wochenlangem Albtraum im eigenen
Leben, andere schwer vorstellbar, zu schwach
für großstädtische Barmherzigkeit, es tut mir leid.
Wir fahren durch die Nacht. Heim von der Crêperie
in Forcalquier. Die Kids auf den Rücksitzen zählen sie:
die Toten durch die Pest, die Toten durch Corona, die Toten
im Krieg in der Ukraine. Welche Sprache spricht man da?
Die Sternbilder wie immer. Das große W – Kassiopeia.
Orion. Der kleine Bär. Vorm Nachthimmel steht
die Roche amère. Polen bittet die USA,
eigene MIG-21-Düsenjägerbestände
an die Ukraine zu überstellen. Und du
fühlst dich wie? Am vierzehnten Tag nach
dem russischen Angriff auf die Ukraine erklärt
der russische Außenminister Lawrow, Russland
habe die Ukraine gar nicht angegriffen. Was
kann wirklich sein in einer Wirklichkeit,
wo die Lüge sich ins Recht setzt.
Ein Kinderkrankenhaus beschossen.
Mariupol. Wöchnerinnen im Raketenfeuer.
Fünftausend russische Soldaten gefallen, gefallen,
gefallen, gefallen, gefallen, gefallen in nur zwei
Wochen. Ihre schneebedeckten Panzer mit
grillofenähnlichen Gerüsten auf dem Turm,
langsam dahinschepperndes Gerät, abgeladen
irgendwo in Belarus und über die Grenze gerollt, um
die erste nächtliche Kanonade abzufeuern, hinein
ins Vorland von Lwiw. Ich denke an Claude
Simons Schilderungen des Krieges als
das menschliche Nichts, Schlamm,
Matsch, Unrat, Plunder, Müll,
in Fetzen geschossen, das Vieh
halb eingesunken in den Sumpf aus
Stumpfsinn, Angst, Abfall. Simon beschreibt
in „Die Schlacht bei Pharsalos“ die Fassungslosigkeit
der Söldner, erfahren im Kampf Mann gegen Mann,
angesichts der Enge, kaum Raum und kaum Zeit,
auf dem durchstrukturierten Schlachtfeld. Ich
suche auf Google Maps Grodek, scrolle
durch Fotos meines Freundes Farhad
aus Czernowitz vom letzten Sommer, ich
lese, wo Berdytschiw liegt, der Geburtsort
Józef Konrad Korzeniowskis, womit ich Joseph
Conrad meine. Ich war noch nicht in der Ukraine.
Es ist der 11. März. Nächste Nacht erwartet
Odessa die Einkesselung, und ich denke
an meinen Freund Jürgen, der im Mai
mit dem Rad an Kiew vorbei bis
ans Schwarze Meer wollte,
einen Blick werfen auf die Krim,
und denke an meinen Freund Steffen,
den Kosmonauten aus Leipzig, Gagarin2.
Woran erinnere ich mich von seinen Bildern
aus dem Niemandsland um Tschernobyl:
das Grün. Auf der anderen Seite ist
das Gras immer grüner. Tam
choroscho, gde nas njet. „Keiner
hört mich. Ich lalle und meine Hände
sind immerfort in Bewegung, denn
die Liebe ist unsterblich und lebt
weiter in Träumen und Gesichten“,
schreibt Emma Lew in dem Gedicht
„Tschernobyl: Smalltalk“. Krieg heißt
für die, die ihn erleben müssen, die
Unwirklichkeit zeigt ihr zerrissenes
Gesicht. Sie will das Wirkliche sein
und frisst es doch auf. Der Erzähler
Sergei Gerasimow schildert den Luft-
angriff auf Charkiw und beschreibt die
Geräusche erster Raketen und erster
Einschläge, ein nie zuvor gehörtes
Sirren und Gejaul, vermengt mit
ungeheuerlicher Stille, mit der
der Erwartung, mit dem Schweigen
zwischen Einsetzen der Furcht und
Eintreten des Befürchteten. Der Krieg
ist der Riss im Blick, in sieben Sinnen
quer durch dich, aber was weiß davon
ich. „es gibt viele häuser die stehen aber
es gibt keine mitte es gibt viele wege die
führen doch sie führen zu keiner mitte“,
dichtet Tadeusz Różewicz in derselben
Welt. CNN Grodek. Gekappt. Ende
vom Glauben ans Glück, alle elende
Utopie. Heute stand ich auf einer 2025
Jahre alten Brücke und fühlte mich wie?

Eine überdachte Brücke

Als sich lärmend und pfeifend der Demonstrationszug nähert, packt der Straßenclown seine lustigen bunten Sachen ein und hinkt langsam nach Haus. (Manosque, 7.8.)

Im Schoß der Frau die große blassrote Nektarine.

Auf dem abendlichen Friedhof taucht zwischen Mauer und Grabstein eine Katze auf, mit langen Gliedern streicht sie hervor und legt sich auf die kühle Grababdeckung aus überwittertem Marmor. Sie spielt mit den Kindern, hält Distanz, schnürt dann weiter und scheint zu wissen, dass wir sie für die Seele der vermissten Mutter und Großmutter halten, die uns besucht, weil wir sie besuchen. (Volx, 8.8.)

Verwunschen – die überdachte Holzbrücke über den Largue zwischen Volx und Villeneuve. In all den Jahren, vielleicht Jahrzehnten (so sie eine Vorläuferin hatte), hat niemand aus der Familie die im Schatten zwischen den Uferbäumen stehende Brücke bemerkt. Du warst es, der sie entdeckt hat! Oben auf dem Gipfel auf der Roche amère hast du über die Abbruchkante der Schlossruine in die Tiefe geblickt, hinunter zu dem Flüsschen, das im Winter das ganze Tal überschwemmt hatte. Unten zwischen den Bäumen, die den Largue säumen, hast du die Brücke gesehen, ihr helles Holz, ihr schwarzes Dach, ihre Beine aus Stein. Es ist deine. Dir gehört eine verwunschene überdachte Holzbrücke über den zur Durance hin plätschernden Largue.

Beim Angelusläuten der großen Glocke kurz nach 12 Uhr – man kann sie oben im Turm hin- und herschwingen sehen – ist zwischen den Schlägen kurz immer auch das Seil zu hören, das den Glockenrand entlangschabt und sich sirrend strafft, sobald es freikommt.

Der mächtige Baum – die Fassade der kleinen Waldkapelle zeigt in seiner ganzen Höhe und Breite sein Schattenabbild. (Notre-Dame de Lure, 11.8.)

In der Abendhitze (ja, -hitze!) steigt der Gecko nur wenig schneller als eine Schnecke die Fassade empor in den Schatten der Dachtraufe, und rasend schnell (wie aus Widerstand gegen diese Verlangsamtheit) erinnere ich mich an das Eichhörnchen, das einmal in Barmbek die Hauswand im Innenhof hochwetzte, die nackte, glatte Mauer hinauf und wieder hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, fünfzehn, achtzehn Meter in die Höhe in einem Affenzahn (der Sieg des Erfindungsreichtums über die Schwerkraft), bestaunt von den Leuten, die an die Fenster kamen, um dem flammendbraunen Spektakel mit buschigem Schweif Bewunderung zu bekunden.

Ein erstaunlicher Vers taucht zu Beginn von Jannis Ritsos’ Gedicht „Blockade“ auf, datiert 28.5.68, geschrieben im Gefängnis für politische Häftlinge auf der Verbannungsinsel Leros: „Sich nicht erinnern, / nicht vergessen.“ Ritsos schreibt weiter – aber da ist das Gedicht bereits erneut Narration: „Die Gegenwart – sagt er – welche Gegenwart?“ So die Übertragung (durch Armin Kerker) den Sinngehalt des Griechischen erfasst: Wo, worin sieht Ritsos den Spielraum an der Grenze zwischen Nichterinnern und Vergessen? Eine rein zeitliche Auflösung und Ineinanderführung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Künftigem in dem Vers zu lesen, scheint mir zu kurz zu greifen, und auch Ritsos selbst hat die Tragweite der Passage womöglich unterschätzt. (13.8.)

Schreib ein Gedicht, in dem sich an jeden Vers anschließt: „– das ist nicht wahr.“

Die Lyrikerin erzählt, auf Lyrikreisen habe sie stets einen Tauchsieder und eine Tütensuppe im Gepäck. Genau so liest sich, genau so liest sie ihre Lürick. Instantverse. Tauchsieder und Tütensuppe.

Japan – Oil on canvas
David Sylvian – Blemish
David Sylvian – Dead bees on a cake
David Sylvian – Everything and nothing

Aus den Übersetzungen

Emily Dickinson

471

Die Nacht – dazwischen Tage lagen –
Der Tag der Gestern war –
War Eins – mit einem Tag von Morgen –
Und jetzt – war Nacht – war’s hier –

Blick sie hinweg – Nacht – wird nicht müde –
Ist wie der Sand am Meer –
Zu unscheinbar die Unterschiede –
Bis nie mehr – Nacht sein wird –

*
Dickinson schrieb das Gedicht um 1862, es erschien erstmals 1945, 59 Jahre nach ihrem Tod, im Band „Bolts of Melody“. Die Bezifferung folgt der Chronologie durch Thomas H. Johnson (1955). Ich übersetzte das Gedicht als Motto meines Romans „Nie mehr Nacht“ (2013), der seinen Titel nach dem Abschlussvers meiner Übertragung erhielt.

Nachtluft, hier und da

Unter der Hochbahnbrücke fährt einer mit einem Rad vorbei, das sich anhört wie ein Schwalbennest. (Hoheluft, 26.7.21)

Fährt nachts die U-Bahn vorbei, fällt sechs Sekunden lang ein Flackern ins dunkle Schreibzimmer – der Baum vor dem Fenster sagt so „ich“.

Death Cab for Cutie – The Photo Album
Death Cab for Cutie – Transatlanticism

Und nachts wetzt auch der Marder von einem geparkten Wagen zum nächsten und sucht darunter Schutz auch vor dir – wie du bei den Büchern. Sofort zu erkennen, dass er keine Katze ist, so schnürt er und trabt, er klettert über den Boden dahin, als wäre er erstaunt, dass das Erdreich nicht senkrecht ist – wie du anders. Fremdling. Marder. Marodeur.

Lana Del Rey – Born to die

Idee zu DIE GEZÄHLTEN TAGE. Nicht die Handlung, der plot, der Schrott standen am Anfang, sondern der Ton, der Geist (das Gespenst) und der wit – an die sich nun lebendige Begebenheiten genauso knüpfen wie das warme Schwelen der Lektüren. Der späte Frisch, der späte Born, der frühe Handke und der frühe Genazino. Der alte Brückenkommissar. Ich hab ihn sofort erkannt.

Schreib ein Gedicht: „Cache-cœur“

Der gelbgolden erleuchtete Lokaleingang gegenüber, wo in Tür und Fenstern die Stühle auf den Tischen stehen und die Kellner mit den knöchellangen Schürzen noch eine rauchen, ehe es nach Hause in die Nacht geht.

Im geraden Winkel zwischen Hauswand und angrenzendem Dach steht am Nachthimmel der Große Wagen, fünf Sterne, die dort funkeln. Glück der Koinzidenz. Der schöne Zufall, hat er etwas zu bedeuten, etwas abgesehen davon, dass er dir auffällt? (Muss er denn mehr bedeuten?)

Aus den Übersetzungen

Ghérasim Luca

Reime unter Anfangsverdacht

animismus
atomismus
dynamismus
euphemismus
islamismus
konformismus
legitimismus
non-konformismus
optimismus
pessimismus
thomismus
transformismus
inanimismus
albinismus
anachronismus
anglikanismus
antagonismus
arianismus
baconismus
brahmanismus
calvinismus
kartesianismus
scharlatanismus
chauvinismus
christianismus
kommunismus
kretinismus
zynismus
daltonismus
darwinismus
determinismus
donjuanismus
evolutionismus
feminismus
gaskonismus
germanismus
hegelianismus
hispanismus
humanismus
illuminismus
indianismus
jakobinismus
jansenismus
japanismus
lakonismus
latinismus
lutheranismus
maschinismus
mohammedismus
mandarinismus
mechanismus
modernismus
monismus
mormonismus
opportunismus
paganismus
pangermanismus
platonismus
presbyterianismus
protektionismus
puritanismus
rabbinismus
republikanismus
egoismus
heroismus
papismus
priapismus
antisemitismus
anthropomorphismus
orphismus
polymorphismus
sophismus
theosophismus
aphorismus
barbarismus
karbonarismus
cäsarismus
empirismus
epikurismus
figurismus
formalismus
funktionarismus
gigantismus
gongorismus
humorismus
lyrismus
masochismus
mesmerismus
manierismus
meteorismus
militarismus
naturismus
naturalismus
parlamentarismus
partikularismus
pauperismus
purismus
pythagorismus
quäkerismus
rigorismus
terrorismus
unitarismus
utilitarismus
neurologismus
spinozismus
absolutismus
athletismus
asketismus
automatismus
surrealismus
dadaismus
banditismus
bigottismus
klosterismus
kosmopolitismus
kubismus
futurismus
nostalgismus
despotismus
dilletantismus
dogmatismus
eklektizismus
fanatismus
favoritismus
hugenottismus
hypnotismus
idiotismus
ignorantismus
jesuitismus
kantismus
magnetismus
moderatismus
autismus
nepotismus
obskurantismus
parasitismus
patriotismus
pedantismus
peripatetismus
phonetismus
pietismus
presbytismus
proselytismus
protestantismus
proxenitismus
quietismus
organismus
rheumatismus
romantismus
sadismus
semitismus
skitourismus
spiritismus
synkretismus
altruismus
truismus
arrivismus
atavismus
zivilismus
kollektivismus
exklusivismus
inzivilismus
panslawismus
positivismus
relativismus
archaismus
judaismus
lamaismus
arabismus
pharisäismus
snobismus
strabismus
anglizismus
katholizismus
kritizismus
exorzismus
gnostizismus
gräzismus
mystizismus
ostrazismus
jotazismus
rhotazismus
solözismus
skeptizismus
stoizismus
katechismus
fetischismus
monismus
monarchismus
schintoismus
buddhismus
druidismus
hermaphroditismus
methodismus
monadismus
atheismus
deismus
epikureismus
manichäismus
monotheismus
polytheismus
pantheismus
analogismus
dialogismus
magismus
neologismus
paralogismus
syllogismus
alkoholismus
animalismus
aristotelismus
automobilismus
kannibalismus
kasernismus
kapitalismus
kommunalismus
konzeptualismus
dualismus
duellismus
evangelismus
fatalismus
föderalismus
idealismus
imperialismus
industrialismus
journalismus
liberalismus
loyalismus
machiavellismus
materialismus
merkantilismus
mongolismus
nationalismus
nihilismus
noctambulismus
nominalismus
orientalismus
pantagruelismus
parallelismus
personalismus
probabilismus
provinzialismus
radikalismus
realismus
royalismus
sensualismus
sentimentalismus
sozialismus
somnambulismus
spiritualismus
symbolismus
traditionalismus
vandalismus
verbalismus
vitalismus
vokalismus
kataklysmus
dandyismus
paroxysmus
lauter synonyme
synonyme laute
homonyme laute
homographe
homoklaste
homolaterale
homophage
homophile
homophobe
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone

*
„Crimes sans initiale“, in: „La proie s’ombre“, José Corti, Paris 1998
Unveröffentlichte Übersetzung

Zerlegung des Zerberus

Entsorgen wollen sie mich, meine Lieben,
wie ihre Mutter unseren Hund – nein, das
weiß nur noch ich. Ein gelber Collie-Mix,
der so treu war, dass er mir des Öfteren
zu weinen schien. Jetzt verstehe ich ihn.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Natürlich, seinen Vater soll man zerstören.
Meiner, der schlug einmal meinem Hund
fluchend mit der flachen Hand aufs Maul,
weswegen ich nie wieder ein Wort mit ihm
sprach. Er ist tot, und ich gebe nicht nach.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Innigkeit fällt uns nicht zu, sie hat triftige
Gründe, aber einen Anspruch auf Liebe
niemand. Doch ist jeder ihrer wert, jeder
Hund, der treu war, nicht bissig, nur nicht
beliebt. Gut, wenn es ihn nicht mehr gibt.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Aus den Übersetzungen

Samuel Beckett

was tät ich ohne diese welt ohne gesicht und ohne fragen
wo zu sein nur einen augenblick währt jeder augenblick
verströmt ins leere ins vergessen gewesen zu sein
ohne diese welle wo am ende
körper und schatten einander verschlingen
was tät ich ohne dieses schweigen schlund des murmelns
der rasend um hilfe keucht um liebe
ohne diesen himmel der sich erhebt
über dem staub seines ballasts

was täte ich ich tät wie gestern auch wie heute auch
blickte durch meine luke ob ich nicht allein bin
beim irren und beim kreisen fern von allem leben
in einem hampelmannraum
ohne stimme unter den stimmen
eingesperrt mit mir

(„que ferais-je sans ce monde“; aus: „Six poèmes“ (1947–1949))
*
Aus: Samuel Beckett, „Sechs Gedichte / Six poèmes“
Aus dem Französischen von Mirko Bonné
In: „Halbe Sachen“ Wolfenbütteler Übersetzergespräche IV–VI
Wolfenbütteler Akademietexte 24, Wolfenbüttel 2006

Traumamatura

Auf dem Gelände des abgerissenen Krankenhauses, in dem ich zur Welt kam, entsteht ein Neubau – Luxusappartements mit Seeblick –, und das Schwimmbad, in dem ich schwimmen lernte, war jahrelang Ruine, ehe es ebenfalls verschwand. Tegernsee, Bad Tölz. Am Mauerwerk einer heutigen Boutique die vermoosten Schatten des alten Schriftzugs HIRSCHWIRT. Die Gebäude der auf drei Ortschaften verteilten VOLKSSCHULE, die ich als „Bub“ besuchte, stehen noch, wirken klein wie miniaturisiert, entfremdet, modernisiert, aus dem Vergangenen herausgehoben. Die Dinge helfen, die Zeit entschwinden zu sehen, helfen gegen den Groll und die Bitternis. Die Luft, die Gerüche, die Vogelstimmen unverändert. Das warme Abendlicht. Die die Bergkämme einhüllenden Wolken. Die Singvogeldichte und das ewige Gekrächz der Dohlen und Krähen. In einigen Gesichtern erkenne ich Schulkameraden wieder. Der liebliche Verfall. Die schöne Enge. (Rottach-Egern, 14.7.)

Schreib ein Gedicht: „Traumamatura“

In der Dämmerung der Garten des Hauses, in dem mein Großvater starb. Da steht der Schuppen noch, dicht an der Hecke, wo es so dunkel roch. Habe ich damals schon gewusst, dass ich als Mann mit Kindern einmal hier stehen würde, um mich wiederzusehen?

Aus dem Nebel tauchen die Bergkühe auf wie Geister mit Glocken und haben zarte Wimpern.

Wenn die Erinnerungen sich überlagern, die Rekonstruktionsversuche einander widersprechen, ist die Zeit des Abschieds gekommen. Da ist niemand mehr, anhand dessen Erinnern du dich deines eigenen versichern könntest, und das Interesse an deinen Erzählungen ist schmal, begrenzt, verflüchtigt sich rasch, es zeigt nur, wie dringend du abschließen solltest mit deinem Gestern, um noch einmal im Heute anzukommen.

Schreib ein Gedicht: „Petersburger Hängung“

Alle, alle geliebten Dinge aus deinen Kindertagen tauchen in unwesentlich veränderter Gestalt später in deinem Leben wieder auf – nichts kann verschwinden, es ändert nur den Ort, wie Proust sagt: „alles, was wir in uns haben, verlagert sich anderswohin, ohne zu verschwinden.“ Wohin aber „verlagert“ es sich? Auf dem Vorplatz des früheren Gasthofs deiner Großeltern ergreift dich angesichts der Kleinheit der Dinge und des unverändert wiedererkennbaren Rauschens der hinter dem Haus vorbeifließenden Mangfall die alte schwermütige Beklemmung. Diese Orte sind ihre Wurzelgründe. Diese Orte – die Gasthoftür, den Schuppen im Garten, den Sportplatz im Schaftlacher Forst, das o-förmige Wäldchen – habe ich überall in Ähnlichem wiederzufinden versucht. Er ist eine Sucht, dieser bittersüße unweigerliche Schmerz. (Elmau, 16.7.)

Gondeln im Nebel. Schwimmen in den Wipfeln.

Das Kind legt mir die Tarotkarten und scheint alles von mir zu wissen.

Tegernsee. Reprise

Die einzige Hostie deines Lebens schmolz
    auf deiner Zunge in dieser Bauernkirche.
Deine Jüngste bestaunt die Einritzungen
    im Geländer der Empore: Gleichaltrige
schickten ihr Nachrichten, vom Juli 1759.
    Tölz, Isarhochwasser, und das Spaßbad,
du hast da schwimmen gelernt, abgerissen.

Regenfälle, als versuchten die Berghänge
    flüssig zu werden. Es schwemmt sie weg,
deine Wurzeln, und: Du hast eh nichts mehr
    zu suchen hier, du Spross einer Gegend.
Hirschwirtkind. Du Umbruchsohn. Du Leser
    leerer Schatten, von singbarem Schwund.
Und jedes Und ein Grund zur Versöhnung.

Leere

Die Leere in den Bibliotheken, in den Gärten, in Schulen: die Leere
   an der See, im silbernen Licht, die leeren Straßen, Märkte. Die Leere
in den Gesichtern, in den Sätzen, den Bergen, die Leere der Sainte-
   Victoire in den Zügen, im Schnee. Die Leere in den Träumen: Leere.
In den Liebesbekundungen, in den Klubs, Mails, Wolken, Stadien: die
    Leere. Am Himmel die Leere, auf den Wegen, in den Innenstädten,
den Schwimmbädern: Leere, wo ich stehe, wohin ich gehe, woher
    du kommst. Aus deiner Leere in meine. Die leeren Versprechungen,
Erinnerungen, die Leere im Wind, in den kahlen Bäumen, Lokalen,
    Perspektiven, Phrasen, Grünflächen: die Leere der hohlen Gesten.
Die Leere des Blicks da im Spiegel, in den Spielen der Kids und in
       den Kirchen, im Bus: die Leere, die leer ist, nichts weiter, nur leer.

Letzte Vorbeifahrten

Zwei kleine Mädchen auf ihren rosa Rädern fahren langsam vorbei, und beide pfeifen, und beide pfeifen dieselbe erfundene Melodie, und in einer Kastanie pfeift eine Amsel das Lied der beiden einige Augenblicke lang nach. (Barmbek, 28.5.)

Um ein Buch zu lieben, benötigt es darin keine Handlung, nur die Musik der Gedankenfügung, seine, wie man sagt, „Sprache“, die etwas anderes ist als sein „Ton“. Alles Beschriebene wird dargestellter Klang, klingende Darstellung. Das Gegenteil meint Hölderlin mit dem „Klanglosen.“ Und du weißt sehr oft schon, bevor du ein solches Buch zu lesen beginnst, dass es ein solches klingendes Buch ist. Ich wusste es, als ich mit einem Mal unbedingt Prousts „Jean Santeuil“ lesen wollte, ja sollte, wenn nicht gar musste.

Würde ich alle Regenschirme, die ich in meinem Leben verloren habe, noch einmal und gleichzeitig aufspannen können, es entstünde ein Schirm von der Größe einer ausgewachsenen Rotbuche.

In der Mitte zwischen deinem Zorn und deinem Kummer, da ist eine Freifläche für dich, da halt dich auf, weil du dort noch wachsen kannst.

Crosby, Stills & Nash – Demos

Schreib ein Gedicht: „Heym auf dem Eis“

Drei letzte Vorbeifahrten: Die zwei kleinen Mädchen auf ihren rosa Rädern fahren wieder vorbei. Alle beide pfeifen sie – erst die eine, dann die andere. Es ist nicht dieselbe Melodie, doch ihr Pfeifen ist das gleiche. Ein Kahlköpfiger fährt vorbei und zitiert in sein Handy aus seinem Scheidungsvertrag. Vielleicht derselbe Glatzkopf fährt vorbei und spricht in seine Uhr – oder spricht mit ihr?

„Ich hörte ihre Tränen.“ Dante Gabriel Rossetti

Bombay Bicycle Club – I had the blues but I shook them loose – Live at Brixton

Schreib ein Gedicht: „Rilke in Elmau“

Die gleichen Bleistiftkreuze (X), die ich in die leeren Regalschränke zeichne, um die Position der Bretter zu markieren, mache ich in die Ausgabe mit Oscar Wildes Briefen aus dem Gefängnis, um daraus auszuwählen. (Barmbek, 30. Juni 2021)

Aus den Übersetzungen

Rutger Kopland

Auszug von Töchtern

Sie mussten tatsächlich gehen, ich hatte es gesehen
an ihren Gesichtern, die sich langsam wandelten
von denen von Kindern in die von Freunden,
von denen von früher in die von jetzt.

Und gespürt und gerochen, als sie mich küssten,
ihre Haut und ihr Haar, die nicht mehr für mich
bestimmt waren, nicht so wie früher,
als wir noch Zeit hatten.

Es war in unserem Haus eine Welt des Sehnens,
Glücks, Schmerzes und Kummers gewachsen, in ihren
Zimmern, wo sie ansammelten, was sie
mitnehmen sollten, ihre Erinnerungen.

Jetzt da sie weg sind, schau ich aus ihren Fenstern und seh
genau die gleiche Aussicht, genau die
gleiche Welt von vor zwanzig Jahren,
als ich herkam, um hier zu wohnen.

(„Vertrek van dochters“; aus: „Dit uitzicht“, 1982)

*
Aus: „Dank sei den Dingen“ Ausgewählte Gedichte 1966 – 2006
Aus dem Niederländischen gemeinsam mit Hendrik Rost
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2008

Marie

Zur Erinnerung an Marie T. Martin (1982 – 2021). Mein Foto zeigt Marie im Januar 2015 am Nord-Ostsee-Kanal in Rendsburg gemeinsam mit Tom Schulz.

Vorbeifahrten

Binnen einer Woche meldet die Forschung, es sei ein Lebewesen aus menschlichem und vom Affen stammenden Erbgut gezüchtet worden – und man habe die Musik der Spinnennetze entziffert. Letztere ermögliche vielleicht die Kommunikation mit den Tieren über die Stabilität ihrer Netze.

Die Augen der Puppe, die seit Jahren nicht mehr offen stehen bleiben wollen, hat sie fixiert – mit Superkleber die Wimpern an den Augenhöhlen festgeklebt, wodurch die Puppe mit einem Mal wieder in die Welt blickt … „… mit hellblauen Augen!“, ruft das Kind.

Cock Robin – Cock Robin
Cock Robin – After here through Midland

Lieferwagen fährt vorbei: „Abfallservice – Depotservice – Friedhofservice“

Totem Butterfly.

Ein Junge war ich noch, viel unterwegs,
stieg in die Bäume, um zu lesen, als
ich eines Nachmittags von einem Wipfel aus
mich selbst da unten stehen sah
inmitten meines Zorns und Kummers.

„Kann ich etwas begreifen, das so lange zurückliegt?“ Kann ich denn etwas begreifen, das noch nicht so lange zurückliegt?

Ein alter amerikanischer Straßenkreuzer fährt vorbei, und das Kind sagt: „Da ist ein Auto aus dem Mittelalter!“

Spiegelungen: die Baumwipfel auf dem Smartphone-Display, als liefe dort ein Baumwipfel-Clip.

Wir unterhielten uns miteinander hinter der Glasfassade, und auf einmal stand draußen im abendlichen Nieselregen ein Reh, so nah, als gehöre es zu uns. (Rendsburg, 6.5.)

Ajgis poetisches Diktum, das mich so lange schon beschäftigt – der Schnee sei das, was man nicht anhalten könne –, finde ich wieder (fand es auch Ajgi dort?) bei Proust. In „Jean Santeuil“ fügt er dem Bild jedoch eine Nuance hinzu – die Ajgi nicht gesehen hat, womöglich gar nicht sehen wollte? Proust (in Eva Rechel-Mertens’ Übersetzung): „Vom Himmel aber rieselte es ständig weiter herab, ohne daß Jean etwas dagegen tun, die Flocken am Niederfallen hindern, sie wieder zum Himmel zurückschicken konnte.“

Wenn dein Verleger dir in Kursfragen nicht mehr antwortet, weißt du nicht mehr recht, wo du stehst und musst den neuen Kurs selbst finden, was auch der Zweck und Sinn des Schweigens scheint. Nur weißt du dann auch, und solltest es wissen, dass dein Verleger kein Ohr mehr hat für dein künftiges Werk – was womöglich viel mehr an seinem Gehör liegt. Frag dich, wozu die Stimme von außen notwendig ist. Ist sie denn eine von außen?

Die Schnellstraße entlang fährt eine junge Frau Fahrrad, an einem Strick hinter sich her zieht sie ein schwarzes Fohlen.

Der junge Freund ruft plötzlich: „Da kämpft ein Falke gegen einen Rotmilan!“

Zwei Tage Regen bei Wärme, und die Blätterdächer entstehen. Die Geschwindigkeit der Bäume.

Edenkoben

Phänomenale Simulationsentlarvung
durch die Grünfinken. Es gibt sie noch,
die helle Pracht im Bronzenen und im
Silbernen und im Goldenen Oktober.
Im Garten Edenkoben ja. Die Äpfel
rollen ins Gras, das sie davon abhält,
weiter zu stürzen, weiter zur Erdmitte.
Ich gehe in der Fliegenmansarde unter
dem Dach umher, Stubenfliegenrettung,
damit nicht alles sterben muss im Licht
der ausgesperrten Sonne.
                                                Die Fenster
sind verschließbare Öffnungen in Tag
und Tod. Nachts leuchtet der Regen.
Nichts leuchtet nachts wie Regen
aus dem Weinberg herauf, Regen,
der nach Riesling duftet. Die Bläue
ist groß, das Gras aber grüner, weil
ich es so will. Ich werde umziehen
ins Grünfinkenzimmer. Ich werde
die Unwirklichkeit abschütteln mit
einem Bussard als bestem Freund.

Für Ernest Wichner

Die zärtlichste Hand

Der kleine Junge fährt auf seinem Rad um den verwaisten Sportplatz, über dem ich stehe und in die Ferne blicke. Wir sind grundverschieden und doch dieselben. Der Kleine fährt in sein Leben und versucht die Einsamkeit. Ich blicke zurück auf meines und verwerfe das Alleinsein als Trugschluss. Ich war er, und er wird ich sein. Er ist mein Vater, und ich bin seiner. Er ist mein Sohn, und ich bin seiner. (Forcalquier, 1.3.)

Der Friedhof von Forcalquier ist ein Irrgarten aus fünf Meter hohen, gestutzten Formwacholderbüschen. In den Innenflächen die Gräber, auch in den Wacholderbuschbögen der Rundgänge, Seitenwege und Arkaden. Und ist der Tod nicht ein Irrgarten? Irrweg, Irrtum, Verirrung ist er allemal.

Der Wald der Gontards – früher mal lediglich Besitzer einer Doppelölmühle – wurde zerrissen von einer Erdölpumpstation. Schneisen und abgezäunte Brachflächen zertrennen die Waldungen. Lastwagenzufahrten und -rampen. Die Verheerung erstreckt sich ins Hügelland, in die colline. Der Traum von einer Schöpfung als maßgebendem Gegenüber prallt im Wald der Gontards auf den Albtraum der Ausfunktionalisierung, und dazwischen verläuft als Brandschneise die Unwirklichkeit. (Manosque – Dauphin, 7.3.)

Die Regenwahrscheinlichkeit.

Hat, was du aufschreibst, etwas mit deinem Schreibwerkzeug zu tun? Ist das eine vom anderen abhängig? Frag dich das. Und schreib die Antwort auf. Und sieh dir an, wie sie ausfällt. Und frag dich, wie sie ausgefallen wäre, hättest du mit etwas anderem geschrieben.

Schreib von Herzen. Nicht am Herzen entlang. Von Herzen – was heißt das?

Anfang April. Vor den Fenstern ein Schnee wie den ganzen Winter nicht, nur minutenlang – ein Minutenblizzard. Aber weißt du noch: auf der Antarktischen Halbinsel, der Schneefall, das Schneetreiben aus heiterem Himmel? Und wie mit einem Mal die Angst herbeigewirbelt kam, du könntest darin verlorengehen, ja schon verlorengegangen sein – wie herrlich das war?

Die zärtlichste Hand, die dir ins Gesicht streicht, ist immer deine.

Skorpion

Er trägt auf dem Rücken als Zeichnung
  ein einzelnes, blinzelndes, bewimpertes
Auge. Was es eräugt, fliegende, fliehende
  Beute, frisst er nicht. Er kann warten,
    wie Hitze, Gott warten. Er lähmt, zerrt
  alles Wände hoch in Staubwinkel. Im Stillen,
für dich, in deiner Stachelsprache, nenn ihn
  Mensch. Nur sprich das Wort nicht aus.

Für Andreas Altmann

An die, die mich retten

Diejenigen, die uns retten
vor unserem Leben, wissen
nicht, dass sie uns retten.
Christian Bobin

Praktikum im Atlantik.

Bei der Schlittenreparatur fällt dir auf, dass die abgeplatzte, zerbrochene Kufe schon des Öfteren ausgebessert wurde – am Holz fixiert mit Nägeln, goldfarbenen, silberfarbenen, mit zahlreichen unterschiedlichen Schrauben, Schlitz, Kreuzschlitz. Wann? Wie alt ist dieser Schlitten denn? Von wem und woher stammt er? Wer fuhr darauf? Ist das von Bedeutung? Die Kinder jagen den Hang hinab nicht nur wie die im Schnee der Zeit Verschwundenen, sondern gemeinsam mit allen schlitten fahrenden Toten der Menschenfamilie. (10.2.)

Die Landschaftsbilder Pissaros – die einfachen Leute in der sie umgebenden Schönheit, der Pracht des Lichts, der Farben und Formen. Wussten, wissen sie darum? Oder sah sich Pissaro als ihre Brücke? Vielleicht war er einer der letzten Zeugen davon, dass es keiner Brücke bedurfte.

In der verharschten Schneedecke die Spuren der Katze. Ich weiß, welcher. Ich kenne sie. Nur sie streicht hier vorbei. Sie hat Augen!

Schrecklich, Sylvia Plaths Tagebücher zu lesen. Der zerstörte Mensch. Die junge Frau, die junge Mutter ohne Möglichkeit, ihr Glück zu verwirklichen. Eine Schande.

Die Frauen im Park lehnen an Bäumen, sonnen sich. Die Männer: Sport. Umher tollen die Kinder. Und du – gehst mitten hindurch. (Eppendorf, 14.2.)

Ich habe ein Sorgenkind – ein Gedicht, dem muss ich unbedingt noch heute unter die Arme greifen.

Der Hund mit dem Maulkorb ähnelt mir mit meiner Maske. Der Hund hat meine Augen.

Wolfgang Borcherts Betitelung der drei Teile seines Romans, zu dem er keine Kraft mehr hatte: 1. Buch: Die Nacht; 2. Buch: Nacht um uns, Nacht; 3. Buch: Nacht Nacht Nacht.

Stephen Stills – 2

Ein 80 Jahre alter Stuhl verbrennt in 20 Minuten.

Haus für Ritsos

Den uralten Pfad hinauf. Nur Schotter.
Und entlang dann, dann hindurch unter
Strauchwerk, scharf, stachlig, immergrün.
Alles war bewaffnet, Jannis, wie wir da
kampflustig so zur Kapelle hinanstiegen.
Thymian, Lavendel. Salbei. Phönizischer
Wacholder im Sommerradau der Zikaden.
Unbeugsam der Widerstand, unerbittlich
wie die Sonne die Schattenbemühungen
verhärteter Früchte und was der Ilex lehrt,
wenn das Licht ihn malträtiert: Wahr werden
alle Färbungen von allem, das aufbegehrt
und dabei doch gerechtbleibt wie die Grille,
die Eule. „Nichts“, so du da oben, „ist härter.“

Weißt du noch? Drei Tage lang hatten wir
bei Dauerregen alles alte Holz vom Keller
ins Haus geschleppt, zerkloppt und im Kamin
verfeuert. Unser Qualm, Jannis, quoll fabelhaft
über das Dach. Wolken wurden das Laufgitter
meiner Liebsten, Stühle, Rahmen, ein Sessel
und die alte, halbe Gute Frau von Forcalquier.
Vorbei an der Kapelle, in deren glaslose Fenster
Kinder mit dem Mistral riefen – drei Gespenster –,
stiegen wir zum Schloss hinauf. Weißt du noch,
der Trümmergipfel seit fast tausend Jahren?
„Ich bin zu lang schon tot. Und Griechenland,
mein Hellas ist verbrannt“, so da oben du.
Das Laufgitter meiner Liebsten, Stühle, Rahmen …

alles sah ich unter Kiefern, wie neu, da oben stehen.

Es war dein Haus. Nur die Tür und alle Fenster fehlten.