Das Gras

Tod und Teufel

Auf dem Küchenfußboden liegt rücklings, die schillernde Flügelunterseite nach oben gekehrt, eine türbisblaue Libelle. Sie stellt sich tot. Denn vor ihr sitzt das Tier, das sie gefangen und hier hineingetragen hat. Das Tier betrachtet die Libelle, die grünlichen Flügel, die schimmern, sich sonst aber nicht bewegen, und hält den Tod offenbar für unglaubwürdig.

Vergiss nicht: Beim Schreiben, von Sätzen, von Versen, geht es (dir) nicht darum, was am Ende auf dem Papier (diesem Bildschirm) steht. Geht es dir nicht um das Schreiben selbst? Lange dein Irrtum. Wenn es (dich) nicht lebendiger macht, lass es sein. Pull down, I say, pull down. Verhilft es Anderen nicht dazu, sich lebendiger zu fühlen, scher (du) dich mit deiner „Lyrik“, deiner „Literatur“ zum Teufel und unterhalte lieber den (13.11.).

Kaputt

„Die Blumen schlafen, aber nicht das Gras.“ Jean Paul

Der zahnlose Bettler steht von morgens bis abends am Eingang der Fußgängerzone. Am Fuß des Cityweinbergs. Er ist in deinem Alter. Seit zwanzig Jahren prozessiert er. Dreimal, erzählt er, sei er vergiftet worden. Auch in Madras. Entmannt von seiner früheren Frau. Geschieden von sich selbst. Kaputt. Den funkelnden Zorn im Auge. Ganz Zweifel (Freiburg, 9.11.).

Schwan: kennt den Schwankenden.

Die eigene Sinnesdeutung

„Der Verfasser ist von dem Gefühl ausgegangen, daß die tiefsten Gründe einer Biographie, die letzte Form eines Schicksals gar nicht durch die Schilderung eines äüsseren Lebenslaufes, noch durch eine noch so tief geführte psychologische Analyse erschöpft werden könne. Diese letzten Gegebenheiten des menschlichen Lebens lägen vielmehr in ganz anderer geistigen Dimension, nicht in der Kategorie des Faktischen, sondern in der des geistigen Sinnes. Ein Lebenslauf aber, der auf seine eigene Sinnesdeutung hinaus will, der auf seine eigene geistige Bedeutung zugespitzt ist, ist nichts anderes als Mythus. Jene dunkle, ahnungsvolle Atmosphäre, jene Aura, die sich um jede Familiengeschichte zusammendrängt und in der es gleichsam mythisch wetterleuchtet, als ob in ihr das letzte Geheimnis des Blutes und des Geschlechtes enthalten wäre – erschliesst dem Dichter den Zugang zu diesem zweiten Gesicht, zu dieser Alternative, dieser tieferen Version der Geschichte.“ (Bruno Schulz, Exposé zu seinen Erzählungen „Die Zimtläden“, 1937)

Zum Mut, zur Seelengröße

„In all diesen Narrativen werden das Zukünftige und das Vergangene bewusst nicht mehr als Phantasiereservoire von der Gegenwart abgetrennt, sondern kontextualisierend auf sie bezogen“, schreibt Dietmar Dath in einer Buchbesprechung. Auf diese Weise ließen sich Antikörper erfinden gegen die Kolonisierung durch Bilder und Metaphern utopischer Spekulation in technokapitalistischen Lösungsversprechen für soziale Großprojekte. Ich lese Daths güterzugartige Rechthabergerattere in der Frankfurter S-Bahn. Am Darmstädter Hauptbahnhof steht ein Satz von Georg Büchner über dem Portal, der ebenso von dem spricht, was war und was sein könnte, vor allem aber spricht er vom Erleben des Einzelnen als einem Mangel, den ein jeder teilt: „Wir alle haben etwas Mut und Seelengröße nötig.“ (Im Darmstädter Herrengarten, 7.11.)

Überall Federn

Die Verfassungsschutzlosigkeit!

Der Unbehaustheit des Schriftstellers auf Lesereisen, dem Hotel Ich, setz die Ordnung des Staunens entgegen! Da steht am Dorfrand, dreimal so hoch wie die Kirche, ein Wohnturm. Im Vormittagslicht klingt vom Schulhof Kindergeschrei herüber und macht dich ruhig. Die Freundlichkeit des lachenden Gesichts im grau-in-grauen Regenwind auf der Domplatte. Vorüberwirbelnde. Ein jeder. Mit seinen unverwechselbaren Augen (Köln, 5.11.).

„Forgotten anything?“ Alles.

„Wer Engel sucht“ … sieht überall Federn.

Das schweigende Auge

Ein wiederkehrendes Bild: Du öffnest am Morgen die Vorhänge, und draußen vorm Fenster liegt ein Park mit einem Weiher, darauf Enten und auf dem Rasen Krähen. Es ist grau, es regnet, und du bist hier nie gewesen. Was erkennst du daran also wieder? Den Park, die Tristesse, das Nieselwetter? Die Vorhänge? Das Öffnen? Die letzten Vorbereitungen, ehe du gehst? (Braunschweig, 2.11.)

Werbeslogan: UNS DOCH EGAL

Aus dem Krimi des Sitznachbarn: „Das Auge blinzelte, sagte aber nichts.“

Fünf Stimmen

„It’s never over (Hey Orpheus)“ Arcade Fire

„In welcher Welt lebst du eigentlich?“ – „Ich?“ – „Ja. Wer denn sonst?“ – „In der Ich-ich-ich-Welt?“

Jeder Text, den du geschrieben hast, und zum Glück noch jeder, den du schreibst, hat eine eigene Stimme. Jeder ein Lied, unverwechselbar, das zuerst (zunächst!) nur du hörst. Du lauschst ihm nach. Versuchst, es hörbar werden zu lassen auch für andere. Und in der Entscheidung, ob das gelingt, ob es ankommt, liegt schon eine Begegnung, denn der Text, sein Lied und du, ihr entscheidet gemeinsam (31.10.).

„Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.“ Lars Gustafsson

Eine Hineinforderung

Herbstorkan, ein merkwürdig warmer Sturm. Oben im Dorf hat eine umgestürzte große Pappel einen Opel unter sich begraben. Rasselndes Licht auf dem quer über die Straße gebreiteten Laub, ein rotierendes Blinken, als nähme der sterbende Baum das Blaulicht vorweg. Teenager fotografieren das Unglück mit ihren Smartphones. Hin und her peitschende Rispen im Lichtgeflirr. Und auf dem Balkon setzt das Tier den riesigen braunen und gelben Faltern nach, die von den Bäumen stürzen und so flink sind, dass sie nie und nimmer Blätter sein können (28.10.).

Eine Herausforderung: Heißt das, mich fordert etwas heraus, oder fordere ich etwas heraus? Woraus denn? Fordert etwas mich nicht viel eher hinaus? Eine Hinausforderung. Komm raus und stell dich! Stell dich, wenn du kannst, mir entgegen. „Fodern“, wie Schiller unbeirrbar schreibt, als hätte er einen blinden r-Fleck. Bleib, wo du bist. Wo du bist, dort bleib. Eine Hineinforderung.

Wo sind alle hin?

Im Herbstlicht liegt die geleckte Industriestadt am Mittellandkanal verlassen da. Die vier Schlote, ratlos ragen sie in den blauen Himmel. Wo sind alle hin? Leere Straßen Hitlers. Leere Bahnsteige. Leeres Museum. Alle in der Schule, alle in der Fabrik, Autobau lernen, Autos bauen. Eine gelbe Ahornbaumkrone rauscht im Wind, und ich scheine der Einzige, der ihr zuhört und sich wundert (Wolfsburg, 24.10.).

Das hübsche Mädchen, das vorbeigeht und nicht sieht, was rings geschieht (ich) – denn sie liest im Gehen, ja im Gehen (ein Buch), das Gehen ist nämlich ein Buch.

Der Bienenzüchter und sein Blindenhund

„Ehe, Berufsleben, ach Gott! All das versinkt, als wäre es eine Lappalie, eine kurze Episode, alles, was eben noch die ganze Welt erfüllte und mich in den Nächten manchmal mit Grübeleien wachhielt. All das wird nur zu einer Episode in einer viel wichtigeren Erzählung, in der die Kindheit bisher das einzig wirklich starke Kapitel ist.“ (Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters)

Der Blindenhund, der während der Chorprobe von Tasche zu Tasche und Rucksack zu Rucksack tappt, um alles Essbare daraus verschwinden zu lassen: einen Apfel, eine Karotte, Kekse. Der Blindenhund, der alles wehrlos Essbare unsichtbar werden lässt.

Von Plauen nach Nauen, von Guben nach Nuben

Wie oft fahre ich diese Strecke, im Schreckenszug von Hamburg nach Berlin und retour, dreißig, vierzig Mal im Jahr? Und das zwangsweise. Die öde Weite Mecklenburgs, darin die halb weggerissenen braungrauen Ortschaften, nicht Orte, alle mit erfundenen Namen, Plauen, Nauen, Guben, Nuben, Dassow, Sassow. Und immer wieder sehe ich aus dem Fenster wie hinein in einen rasend ablaufenden Traum und rauscht das Ungeheuer der Bahn mit seinen darin herumspukenden Mitarbeitern soeben durch einen zur Hälfte abgetragenen Weiler, wo Wracks von Wartburgs und Ladas in Vorgärten verrotten, die ich noch nie gesehen habe. Ganze Felderebenen unter Wasser. Oder, was hier dasselbe ist, voller Mais. Und das Ich dreht sich verschämt ins Man. Man denkt, man kennt hier jeden Busch, jedes vom Ostfrost halbblinde Schaf. Nichts da. Paulinenaue. War das gestern noch Plauen? Und plötzlich bricht der Zug durchs gläserne Schrebergärtenportal von Spandau, und wieder sind zwei absurde Stunden Leben dahingebracht.

1056

Es gibt die Zone gleicher Jahre,
Dort ist nie Sonnenwende –
Den Immermittag baut ihr Licht,
Kein Herbst macht sie zuschanden –

In den Jahrhunderten des Juni
Folgt Sommer Sommern, bis
Nach den Jahrhunderten August
Bewusstsein – Mittag ist –

Emily Dickinson

Warme Schlange

Fleetwood Mac in concert. Lindsey Buckingham allein auf der Bühne spielt auf der Akkustikgitarre „Looking out for love“, als wäre er nicht 60, sondern 20, und ist nicht 60, sondern 20. Und Stevie Nicks braucht lange, bis ihre Stimme zu ihr findet, warme Schlange, dann aber ist sie jung und alt zugleich, mitten ins Leben gezaubert als Musik, zeitloses, atmendes Instrument (Berlin, 16.10.13).

Mit der Stiftlampe

Nach dem wochenlangen Rummel: plötzlich der Eingang, und ihn genutzt und verschwunden ins Schreiben einer Erzählung. Wie wunderbar, das ruhige Hinwachsen der Sätze, das langsame Gestaltannehmen des Ziels, das Gespräch der Figuren, die aus dem vermeintlichen Nichts auftauchen – wie aus dem Schneetreiben (15.10.).

Das Mädchen in der U-Bahn mit der am Kopfhörer befestigten Stiftlampe: Möchte es ein Roboter sein? Hat so schöne Augen.

Bar unterm Meer

Christoph W. Bauers ganz heutige Figuren in seinen so rasanten wie profunden Erzählungen „In einer Bar unter dem Meer“ sind allesamt aus der Lebensmitte Versprengte. Von Unwirklichkeit umgeben, fühlen und denken sie wie unter Wasser. Ihr Ahnherr ist Nemo, der Kapitän von Jules Vernes Unterseeboot Nautilus, und in diesem submarinen Gefährt entdeckt Bauer ein durch Zeit und Raum gleitendes Symbol für ein mögliches Überleben durch Widerständigkeit und Fantastik. Ob jung oder alt, Frau oder Mann, jeder in diesen Geschichten ist ein Nemo, ein Niemand, der sich erinnert an das Leben außerhalb der Nautilus-Bar. In wassergleichen, mal wuchtigen, mal sanften Sätzen, die ab und an von herrlicher Süße und doch immer salzig wie geweint sind, gelingt Bauer die transparente Darstellung komplexester Wahrnehmungen unserer so fatal lieblosen Schnelllebigkeit. Nicht nur als Dichter und Chronist, auch als Erzähler erweist sich CW Bauer als eine der eigenwilligsten und markantesten Stimmen der jüngeren deutschsprachigen Literatur.

Der Grund, in einen See zu springen

Auf dem kalten Bahnsteig steht abseits ein einzelner Mann, bärtig, Moslem anscheinend, und brüllt zum Himmel. Unmöglich zu entscheiden, ob er krank ist, verzweifelt oder bei sich, „sane enough“, wie Pound es nennt. Warum das überhaupt entscheiden wollen (Düren, 13.10.).

„Ich weiß nicht, wo ich morgen bin“, sagt die Nachbarin ins Telefon, und ich frage mich, ob ich weiß, wo ich morgen bin.

„Der Grund, in einen See zu springen, ist nicht, dass man so schnell wie möglich ans andere Ufer gelangen will“, sagt John Keats. Man möchte schwimmen. In einem See schwimmen möchte man.

Schatten und Kostüm

„Luftschatten“ gehören Ende der 1930er Jahre zu Ernst Ludwig Kirchners letzten Entdeckungen: Die Bewegungsräume der dargestellten Figuren setzen sich fort in der Luft. Doch die Luft wird zugleich, wie vorausgeahnt, dunkel. Das Schweizer Exil, das Leben in der Fremde als Schatten.

Die Besuchertage der Messe: Hunderte Jugendliche strömen in Manga-Kostümen auf das Gelände und lichten einander ab in den Posen ihrer Lieblingsfiguren, die sie selber darstellen – lebendig gewordene Fantasie, Ich-Gestalten (Frankfurt am Main, 12.10.).

Gravity

Wie weltfern, wie schwerelos: die literarische Gesellschaft im Römer. Ich bin dort ein Fremder, ein Randfreund, Bewohner schwerer, hartnäckiger, nicht aufzulösender katachretischer Zweifel. Nicht der einzige! Zweifler erkennen einander, zweifeln auch aneinander. Am folgenden Nachmittag: Einkauf in einem „Netto“-Supermarkt in der Taunusstraße. Gravity. An der Kasse verlangt ein Abgerissener in meinem Alter einen höheren Pfanderlös für seine eingesammelten Mehrwegflaschen. Mit respektvollen Flüchen schlägt ihn die Kassiererin in die Flucht. Alte in Hauseingängen. Mädchen mit Plateauturnschuhstiefeln hocken auf Stufen. Die verzweifelten Polizistinnenaugen. Schwere Welt, aus der ich komme, aus der ich fliehe, in die ich immer lieber zurückkehr (Frankfurt am Main, 8.10.).

SOS, SMS

„Seltsam, dass an den Straßen die Bäume in gerader Linie wachsen“, sagt das Kind. Und als die Anderen lachen, sagt das Kind weiter: „Seltsam, dass der Wind, der die Baumsamen trägt, am Straßenrand anhält.“

Um aus dem zerknitterten Wintermantel die Falten zu entfernen, lässt sie ein heißes Vollbad ein, hängt den Mantel an die Kacheln über der Wanne und wartet ab. Nach einer Stunde: keine Falte mehr da.

„S.O.S.“, sagt das Kind, „wenn das Save Our Souls heißt, dann heißt also SMS Save My Soul?“ Ja, mein Kind!

Jeden Morgen bringt mir der Apportierhund ein anderes Sofakissen … (Lemkenhafen, 5.10.).

Woran

Der Freund am Telefon … ringt um jedes Wort Poesie: Schnee bis in die Niederungen … Immer weiter … Vertrau dem Text … vertrau auf ihn: den einzelnen Satz … vertrau den Sätzen, nicht nur ihrer elenden Struktur.

„Woran bin ich mit mir?“ und „Woran sind wir mit uns?“, fragt, in einem Nebensatz, im Radio der Philosoph Martin Seel – und stellt damit die entscheidenden, notwendig aufeinander folgenden zwei Fragen, endlich!

Voll roter Beeren: die Ebereschenallee. Sommer für Sommer wachsender Windpark. Ein Pulk aus hundert Wildgänsen, der sich sammelt an der Südküste, um den Flug nach Süden einzuüben. Die volle Pracht der Sternbilder, wie Beeren am Baum des Himmels über Fehmarn (3. Oktober).

Haec scripsi

Der schreckliche Begriff Erfahrung: Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit verschlägt es mir die Sprache. Aber auch das, selbst das – ist ein Erlebnis (1.10.).

„Haec scripsi non otii abundantia,
sed amoris erga te.“
Dies schrieb ich nicht aus zuviel Muße,
sondern aus Liebe zu dir.
(Cicero an seine Tochter Tullia)

So weit entfernt von deiner Sprache – dem Gedicht, den Sätzen, allen Figuren – warst du zuletzt, ehe der Ernst begann. Sieh dir zu! Und das wolltest du aufgeben?

„Im Zweifel für den Zweifel.“ (Tocotronic)

Gelenkige Geschöpfe

Die alte Gutskapelle. Durch die Stille dringt Klaviermusik heraus. Durch den Türspalt sehe ich ein Mädchen mit langen blonden Haaren am Flügel sitzen und ins hereinfallende Licht blicken. Musik und Licht, Wind und Muße: Schon steht die Zeit still. Und wirklich ist das Mädchen, das uns lachend durch die Kapelle führt, die Nichte des Gutsherrn, geboren vielleicht 1995, sechshundert Jahre jünger als ihre Kapelle und zugleich ebenso alt (Barnstedt, 23.9.).

Was du an den Bäumen liebst: ihre grüne, bewegliche Vielgestaltigkeit? Und doch verwurzelt sein. Jeder ein gelenkiges Geschöpf.

Irgendwann muss ich es aufgegeben haben, von einem Ort, wo ich gern war (gern bei mir), einen Stein mitzubringen. Immer den Ort vergessen. Und selbst die Erinnerungsstütze, den Ortsnamen, den Tag, an dem ich dort war, hat der Stein ausradiert: unleserlich verblasste Schrift. Als würde der Stein helfen, den Ort vergessen zu machen. Gedächtnisversteinerung. Lebendig bleibt die Erinnerung nur in der Schwebe, unbeschwert, angereichert mit Erfindungen (26. September).

Die Gruppe

Als vor den Hotelfenstern die elektrischen Jalousien hinunterfahren — automatisch, es war Punkt 17 Uhr –, erlosch im Zimmer das Herbstlicht, die goldene Sonne, und kam nicht wieder (Frankfurt am Main, 21.9.).

Wie Giorgio Manganelli den italienischen „Gruppo 63“ charakterisierte: „Die Gruppe hat kein Manifest, keine Theorie, keine Orthodoxie, sie ist ein Club verärgerter Personen“, die obendrein unehrlich seien, was aber von großem Vorzug sei – genau so eine Gruppe bin ich.

In der Lüneburger Altstadt: Auf dem Dach eines geparkten Wagens sitzt eine rote Katze, und im Innern des Autos rätselt ein großer, verstört um sich blickender Hund, wohin sie verschwunden ist.

Der Junge, der Kritiker, der Alte

Der Junge ruft über die Straße einem anderen etwas zu, der aber fährt ungerührt mit dem Rad weiter. „Er hat dasselbe Rad, denselben Helm, dieselben Schuhe“, sagt der rufende Junge zu einem Freund, „und trotzdem ist er es nicht.“

Der Kritiker neben mir auf dem Podium hat die Frisur und Haarfarbe meines Großvaters. Ich kann ihm gar nicht zuhören, ohne ihm ins Haar greifen und es streicheln zu wollen, wie ich es zuletzt vor 39 Jahren, im Sommer 1974, als ich neun war, bei meinem Opa gemacht habe.

Der Alte öffnet mit einer Münze die Zentralverriegelung der viergeteilten Müllbehälterbox und entnimmt ihr so viermal schneller (ohne aufgegriffen, ohne des Bahnsteigs und des Hauptbahnhofs verwiesen zu werden) die gesuchten Pfandflaschen.

The entertainment of tears

Gegen den Kummer verwahren wir uns, wehren uns mit Händen und Füßen – richtig so! Mit Händen und Füßen, das heißt treten, boxen, aufspringen, rennen, zetern, Schreie. Weiterleben! Doch mich verschließen vor der Traurigkeit will ich nicht. „Welcome joy, and welcome sorrow“, sagt Keats. Der Kummer ist die Kehrseite. Die Traurigkeit lässt uns ausruhen: im Ernst. Unterhaltsame Tränen? Vergnügliche Verzweiflung? Der Tag ist nur die halbe Wahrheit (Neustadt in Holstein, 18.9.).

Im Schlepp

Hafen, Herbstsonne. Auf der Elbe stromabwärts stampft die „MT Rob“, ein in Valetta auf Malta beheimateter Schlepper, feuerrot, bullig, ein Ungetüm an Kraft und Sorglosigkeit. Und der „Rob“ hinterdrein stürzen hunderte Möwen, angelockt vom aus der Tiefe aufgewirbelten Wasser. Fisch! Krabben! Muscheln! Alles hat die „Rob“ im Schlepp, und, wie herrlich, mein Hamburch, deshalb ist sie ja ein Schlepper (Övelgönne, 16.9.).

„Dark Folk“ – düstere Folklore. Als wäre nicht alle Folklore düster. „Bright Folk“!

In der vergangenen Nacht wurde das Wrack der vor Giglio gekenterten „Costa Concordia“ aufgerichtet. 600 Tage lang lag die Steuerbordseite dutzende Meter tief unter Wasser. Verheert, farblos, schlicküberzogen ragt sie in den blauen Morgen. Hunderte zerstörte Kabinen. Die irgendwo im Kolossinnern verschollenen Toten. Das Wrack soll wintersturmfest gemacht werden, ehe man es im kommenden Frühjahr zur Verschrottung schleppt. Abringen dem hässlichen Tod sollte man die „Costa Concordia“, wirklich eine Küste, eine wirkliche Küste erobern. Aufmöbeln würde ich sie, koste es, was es wolle.

Zähl sie weg

Du mit deiner Shortlist-Nominierung. Und das heißt? What of that? Ecke Bundesallee / Augsburger Straße die Gestalten auf den Betonpollern, mit Bier, mit dem trüben Funkeln im Blick – bleib bei ihnen. Mit dem, was du kannst. Zähl sie weg, und du zählst dich weg. Lass dich ruhig auslachen von zwei im Kaufhauseingang sitzenden Mädchen, wenn du in deinem Trenchcoat vorbeieilst, irgendwo hin – sie haben recht (Berlin, 13.9.).

„Lächeln Sie“, sagt der Fotograf, „nicht mit dem Mund, den Lippen – lächeln Sie nur mit den Augen.“

Die Leserin erzählt von ihrem Vater, der im Sommer 1944 in Frankreich von Partisanen festgenommen wurde und mit drei Wehrmachtkameraden am Straßenrand erschossen werden sollte, zwischen einem Kübelwagen und seinem Motorrad. Er war Motorradmechaniker. Einer der jungen Partisanen aber weigerte sich, die Hinrichtung durchzuführen – und überzeugte seine Mitstreiter, die Deutschen stattdessen zu verhaften. Zwei Jahre lang, erzählt die Leserin, lebte ihr Vater daraufhin als Mechaniker in dem Dorf. Er starb vor zehn Jahren. Vor zwei Jahren habe sie einen Brief von dem früheren Partisanen bekommen. Der alte Mann schrieb, er wolle vor seinem Tod noch einmal bekräftigen, es sei die einzig richtige Entscheidung gewesen.

Zwei Tauben aus Sibirien

Déjà l’automne. Schon wieder Herbst. Gelbe Zweigspitzen an plötzlich ratlosen Bäumen. Werft die Äpfel ins Gras. Unter dem Wolkenmeer. Im strömenden Regen geht ein kleiner Junge vorbei, im Arm einen Geigenkasten, um den er seine Sommerjacke gewickelt hat. Die Liebe. Die sprechenden Bilder. Abschied. Von einem prächtigen Sommer.

In dem tropfnassen Baum vorm Fenster sitzen keine zwei Meter entfernt zwei aufgeplusterte Tauben und lassen sich nicht stören, weder durch die Nähe von mir Menschen noch meinen Zigarettenrauch. Sie blicken mich an, als hätten sie mich erwartet und würden mir erzählen wollen von einer langen Reise, und mir kommt es vor, als wäre ich zwei Stunden lang durch den Regen gefahren, nur um sie hier vorzufinden, zwei Tauben, vielleicht aus Sibirien, in einem Baum, im Regen, im Baum des Regens (Versmold, 10.9.).