Das Gras

Erlösung

Wenn Michail Eisenstein nachmittags in die Alberta iela ging, um in der Rigaer Neustadt den Bau eines neuen Jugendstilhauses zu beaufsichtigen, schickte er seinen Sohn währenddessen ins Kino Splendid Palace. Schnell ging Sergei davon und heftete die Augen auf die Erker, die Arkaden, die Gesichter, die Eulen, die Greife, die Sphinxe und die Frauen mit den großen Augen und nackten Brüsten, die sein Vater gezeichnet hatte und die in der Alberta iela zu Stein geworden waren.

„Remember: No one questions a snow-leopard.“ Paddy McAloon

Eine riesige hölzerne Lunge, die pumpt und saugt, klingt und singt – die große Orgel im Dom zu Riga. Lize Reine spielt die Toccata aus Charles-Marie Widors fünfter Sinfonie. Spielt unsichtbar. Hunderte Menschen sind aus dem Schneetreiben in die Kathedrale geströmt und sitzen, viele mit geschlossenen Augen, in den Bankreihen. Die Musik. Als äußerte sie Empfindung. Als spendete sie unmittelbar Trost. Mehr noch, als wäre sie selbst der Glaube, sichtbar auf den Gesichtern, die wieder Antlitze sind. Als nähme sie die Sorgen, schluckte sie, um sie Musik werden zu lassen, so spürbar erlöst bin auch ich. (7.12., Rigas Doms)

Im Restaurans

Während die leeren Straßenbahnen durch den Abend surren, lese ich in einem Restaurans am Zigfrīda Annas Meierovica Bulvāris achtzig Seiten von Bruno Schulz‘ „Zimtläden“: „Die Dämmerung auf dem Marktplatz hatte die Farbe goldenen Rauches angenommen. Einen Moment lang konnte dieser rauchige Honig, dieser milchige Bernstein die allerschönsten Nachmittagsfarben hervorbringen. Doch der glückliche Moment verging, das Amalgam des Morgenlichts war verblüht, das quellende Tagesferment, beinahe schon ganz aufgegangen, fiel wieder in sich zusammen, zurück in kraftloses Grau.“

Feuerländer.

Barack Obama, diese bislang größte Enttäuschung des neuen Jahrhunderts, trauert um Nelson Mandela. Ein unverfrorener Zynismus. Das Einzige, was Obama mit Mandela gemein hat, ist das A am Ende des Nachnamens. Wo Nelson Mandela für die Freiheit in Gefangenschaft war, ist es bei Barack Obama genau umgekehrt: Unter seiner Administration sind Sicherheit und Freiheit einzig Vorwände für Kontrolle und Überwachung. Wo Mandela sagte: Habt keine Angst! – sagt Obama aus eigener Furcht heraus das Gegenteil.

No, you cannot!

Katze mit Mütze

Das Tier ist ein Phänomen. Das Tier ist eindeutig mehr als eine Katze.

Weißer Nebeldunst morgens und abends, dazwischen drei Stunden Licht, sonst Taggrauen. In drei taggrauen Tagen bin ich in Riga, wo es schon schneit, und in vierzehn auf Madeira, wo noch vieles blüht. (2.12.)

Vorgestern noch lief ich an der Kieler Förde entlang durch die kalte Nacht. Ein pechschwarzes Wasser, durchdringende Stille, in der draußen auf See Möwen riefen. Und gehe heute in denselben Stiefeln durch die Altstadt von Riga. In feuchter Dunstkälte ist ein Weihnachtsmarkt vor dem Dom aufgebaut und begeistert keinen Menschen. Bernsteinladen an Bernsteinladen. Mit leeren Blicken die Büste Herders. Niemand wird sich an eines der Souvenirgeschäfte je wieder erinnern. Ihr schönen Pelzmützen, wie wieder lebendig werden? Birkenmoore, Birkenmoore! Und Trabantenstädte mit minoisch-labyrinthischen Einkaufszentren in den Schlamm gebaut. Unter dem riesigen Himmelshellblau. (Riga, 5. Dezember)

Brunnen im Ozean

Seit vier Wochen wandert ein Schmerz durch deine linke Hand. Vor vier Wochen bist du nachts volltrunken über den Basketballkorbständer auf dem Grundstück des Freundes gestürzt. Der Schmerz saß seither im Daumenballen, und so saßt auch du im Dunkeln, im Nieselregen, unter den schwarzen Fenstern von F. Und immer wieder seitdem: Träume von den Sekunden des Sturzes. Der Schmerz in deiner Linken, beweist oder widerlegt er Wittgenstein? Er schrieb, die Dichtung sei wie ein Brunnen im Ozean der Poesie der Erde.

Novemberreste

Der Winter ist wach. Sternenklare Frostnächte. „Ich möchte ein Eisbär sein. Eisbären müssen nie weinen.“ Grauzone. Selbst Orions Schwertgehänge, selbst sein in der uralten Vorstellung winziges Haupt – er ist ja blind! –, deutlich zu sehen.

Durch den Bienenwabendrahtzaun flieht ein Vogel, wie ein Pfeil so schnell. Erst weit überm weißgefrorenen Garten klappt er die Flügel auf und setzt in seinem Schnellen Segel.

In jedem seiner Bücher taucht es auf: Lars Gustafsson vergleicht das Pupillenschwarz (des Tiers) mit dem Schwarz der Galaxis zwischen den Sternen.

Der November ist die Zeit der Dorsche.

Das Bundesverdienstbrot!

„Es ist eine Art Terminmoos, das mir das Leben überwuchert. Und ich habe keine Messer dafür, bin kein Vertikutierer.“ – „Sei Schaf.“

Nach Benjamin Franklin gibt es drei Arten von Menschen: diejenigen, die unbeweglich sind, diejenigen, die beweglich sind, und diejenigen, die sich bewegen. Vergessen hat der kluge Einsortierer diejenigen, die zusehen: die Beobachter. Sie scheinen unbeweglich, bewegen sich ruckartig, stehen scheinbar erneut still. Sie bewegen sich innerlich, sie erinnern sich! Zum Beispiel an dich, Franklin.

Wovon wir nicht sprechen können, darüber müssen wir reden.

Dein Sternenzelt

Wenn du morgens aufwachst und denkst: Wieso hat mich die Rezeption nicht geweckt? Und wenn du in die Küche kommst und das Frühstücksbüffet nicht findest. Und stehst du dann vorm Haus, im Regen, und kein Taxi wartet. Dann bist du zu Hause.

Käsereklame, aus Frankreich, mit Aufklebern: „Jetzt gratis: Dein Sternenzelt!“

Das Kind beginnt Musik zu hören, wie du sie selber hörst: nicht Lieder, sondern „Stellen“ – „jetzt kommt die schönste Stelle“. Ablösung von den wirklich Musik Hörenden: Sie hören Strukturen, die Musik ganz, das Kind und ich hören Stellen. Und während wir die schönsten Stellen hören: stumme, schweigsame, verschwiegene Blicke ins Leere, in die leeren Stellen im Freien (Winterhude, 23.11.).

Das Uferwäldchen

Der Winter ist erwacht. Déjà l’hiver. Weißgefroren das Gras, die noch nicht kahlen Bäume, die liegen gebliebenen Äpfel. Das beschwichtigende Glitzern des Frosts. Der Winter räumt das Jahr aus, unbarmherzig Inventur haltend lässt er sterben, Meisen, Schnecken, Libellen, damit sie landen kann: die Schneearmee. Drei aneinandergekoppelte Dieselloks rasen führerlos durch den weißen Dunst und verschwinden darin. Bauarbeiter lachen in der gedämpften Stille, weil sie die Kunst der Gleichgültigkeit beherrschen. Die Kate, die sie abreißen, stand 347 Winter lang am Rand des Uferwäldchens (21.11.).

Eine andere Wirklichkeit zieht vorüber: U eines Wildgänseschwarms am wolkenverhangenen Novembernachthimmel.

Die Na-ja-Böschung

Ein britischer Junge erklärt seinem Bruder den Unterschied von Ritter und Nacht: „At nighttime the knight went for a walk.“ Und der kleine Bruder antwortet: „And so the night became knighttime.“ (Hameln, 15.11.)

Ich erinnere mich deutlich an lang zurückliegende Gedanken über die Unwirklichkeit.

Die Na-ja-Böschung. Zwei Mädchen kommen mir auf Fahrrädern entgegen, Ranzen auf dem Rücken, das Zippelhaar flatternd im Regendunst, vertieft in ein Gespräch über … die Zeit … den Körper … Bedeutungen … Erzählen. An einer schlammigen Grasböschung trennen sie sich, ein Mädchen biegt ab, eines fährt weiter: „Na ja, bis morgen!“ Diese Böschung im Regen, das graue Gras und den Morastgeruch erkenne ich wieder: Das Gespräch pausiert an der Na-ja-Böschung, es regnet weiter, und morgen der Tag wird ein neuer sein (19.11.).

Warten auf die Welt

Scheinbar vertieft in eine Botschaft, vielleicht bloß eine Neuigkeit, stehen oder sitzen die jungen Leute da und blicken auf den Bildschirm in ihrer Hand. Und nicht selten entlarvt ein heimliches Aufblicken das vermeintliche Vertieftsein als vorgegeben oder gespielt. Das Handy in der Hand, es schirmt wohl ab, es zerstreut, auch die Angst, und scheint zu schützen. Wie war das früher? Als Junge oder junger Mann hatte ich nichts in der Hand, erst später das tarnende Buch als Schutz, als Schirm. So stand ich am Busbahnhof, saß im Bus und in den Wartezimmern der Welt. Ich muss gezwungen gewesen sein, in die Welt hineinzusehen, und habe nichts tun können als zu warten. Worauf? Warten sie auch, die Handygucker? Das Warten also ist gleich geblieben? Ich habe auf die Welt gewartet, und ich warte noch immer.

Tod und Teufel

Auf dem Küchenfußboden liegt rücklings, die schillernde Flügelunterseite nach oben gekehrt, eine türbisblaue Libelle. Sie stellt sich tot. Denn vor ihr sitzt das Tier, das sie gefangen und hier hineingetragen hat. Das Tier betrachtet die Libelle, die grünlichen Flügel, die schimmern, sich sonst aber nicht bewegen, und hält den Tod offenbar für unglaubwürdig.

Vergiss nicht: Beim Schreiben, von Sätzen, von Versen, geht es (dir) nicht darum, was am Ende auf dem Papier (diesem Bildschirm) steht. Geht es dir nicht um das Schreiben selbst? Lange dein Irrtum. Wenn es (dich) nicht lebendiger macht, lass es sein. Pull down, I say, pull down. Verhilft es Anderen nicht dazu, sich lebendiger zu fühlen, scher (du) dich mit deiner „Lyrik“, deiner „Literatur“ zum Teufel und unterhalte lieber den (13.11.).

Kaputt

„Die Blumen schlafen, aber nicht das Gras.“ Jean Paul

Der zahnlose Bettler steht von morgens bis abends am Eingang der Fußgängerzone. Am Fuß des Cityweinbergs. Er ist in deinem Alter. Seit zwanzig Jahren prozessiert er. Dreimal, erzählt er, sei er vergiftet worden. Auch in Madras. Entmannt von seiner früheren Frau. Geschieden von sich selbst. Kaputt. Den funkelnden Zorn im Auge. Ganz Zweifel (Freiburg, 9.11.).

Schwan: kennt den Schwankenden.

Die eigene Sinnesdeutung

„Der Verfasser ist von dem Gefühl ausgegangen, daß die tiefsten Gründe einer Biographie, die letzte Form eines Schicksals gar nicht durch die Schilderung eines äüsseren Lebenslaufes, noch durch eine noch so tief geführte psychologische Analyse erschöpft werden könne. Diese letzten Gegebenheiten des menschlichen Lebens lägen vielmehr in ganz anderer geistigen Dimension, nicht in der Kategorie des Faktischen, sondern in der des geistigen Sinnes. Ein Lebenslauf aber, der auf seine eigene Sinnesdeutung hinaus will, der auf seine eigene geistige Bedeutung zugespitzt ist, ist nichts anderes als Mythus. Jene dunkle, ahnungsvolle Atmosphäre, jene Aura, die sich um jede Familiengeschichte zusammendrängt und in der es gleichsam mythisch wetterleuchtet, als ob in ihr das letzte Geheimnis des Blutes und des Geschlechtes enthalten wäre – erschliesst dem Dichter den Zugang zu diesem zweiten Gesicht, zu dieser Alternative, dieser tieferen Version der Geschichte.“ (Bruno Schulz, Exposé zu seinen Erzählungen „Die Zimtläden“, 1937)

Zum Mut, zur Seelengröße

„In all diesen Narrativen werden das Zukünftige und das Vergangene bewusst nicht mehr als Phantasiereservoire von der Gegenwart abgetrennt, sondern kontextualisierend auf sie bezogen“, schreibt Dietmar Dath in einer Buchbesprechung. Auf diese Weise ließen sich Antikörper erfinden gegen die Kolonisierung durch Bilder und Metaphern utopischer Spekulation in technokapitalistischen Lösungsversprechen für soziale Großprojekte. Ich lese Daths güterzugartige Rechthabergerattere in der Frankfurter S-Bahn. Am Darmstädter Hauptbahnhof steht ein Satz von Georg Büchner über dem Portal, der ebenso von dem spricht, was war und was sein könnte, vor allem aber spricht er vom Erleben des Einzelnen als einem Mangel, den ein jeder teilt: „Wir alle haben etwas Mut und Seelengröße nötig.“ (Im Darmstädter Herrengarten, 7.11.)

Überall Federn

Die Verfassungsschutzlosigkeit!

Der Unbehaustheit des Schriftstellers auf Lesereisen, dem Hotel Ich, setz die Ordnung des Staunens entgegen! Da steht am Dorfrand, dreimal so hoch wie die Kirche, ein Wohnturm. Im Vormittagslicht klingt vom Schulhof Kindergeschrei herüber und macht dich ruhig. Die Freundlichkeit des lachenden Gesichts im grau-in-grauen Regenwind auf der Domplatte. Vorüberwirbelnde. Ein jeder. Mit seinen unverwechselbaren Augen (Köln, 5.11.).

„Forgotten anything?“ Alles.

„Wer Engel sucht“ … sieht überall Federn.

Das schweigende Auge

Ein wiederkehrendes Bild: Du öffnest am Morgen die Vorhänge, und draußen vorm Fenster liegt ein Park mit einem Weiher, darauf Enten und auf dem Rasen Krähen. Es ist grau, es regnet, und du bist hier nie gewesen. Was erkennst du daran also wieder? Den Park, die Tristesse, das Nieselwetter? Die Vorhänge? Das Öffnen? Die letzten Vorbereitungen, ehe du gehst? (Braunschweig, 2.11.)

Werbeslogan: UNS DOCH EGAL

Aus dem Krimi des Sitznachbarn: „Das Auge blinzelte, sagte aber nichts.“

Fünf Stimmen

„It’s never over (Hey Orpheus)“ Arcade Fire

„In welcher Welt lebst du eigentlich?“ – „Ich?“ – „Ja. Wer denn sonst?“ – „In der Ich-ich-ich-Welt?“

Jeder Text, den du geschrieben hast, und zum Glück noch jeder, den du schreibst, hat eine eigene Stimme. Jeder ein Lied, unverwechselbar, das zuerst (zunächst!) nur du hörst. Du lauschst ihm nach. Versuchst, es hörbar werden zu lassen auch für andere. Und in der Entscheidung, ob das gelingt, ob es ankommt, liegt schon eine Begegnung, denn der Text, sein Lied und du, ihr entscheidet gemeinsam (31.10.).

„Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.“ Lars Gustafsson

Eine Hineinforderung

Herbstorkan, ein merkwürdig warmer Sturm. Oben im Dorf hat eine umgestürzte große Pappel einen Opel unter sich begraben. Rasselndes Licht auf dem quer über die Straße gebreiteten Laub, ein rotierendes Blinken, als nähme der sterbende Baum das Blaulicht vorweg. Teenager fotografieren das Unglück mit ihren Smartphones. Hin und her peitschende Rispen im Lichtgeflirr. Und auf dem Balkon setzt das Tier den riesigen braunen und gelben Faltern nach, die von den Bäumen stürzen und so flink sind, dass sie nie und nimmer Blätter sein können (28.10.).

Eine Herausforderung: Heißt das, mich fordert etwas heraus, oder fordere ich etwas heraus? Woraus denn? Fordert etwas mich nicht viel eher hinaus? Eine Hinausforderung. Komm raus und stell dich! Stell dich, wenn du kannst, mir entgegen. „Fodern“, wie Schiller unbeirrbar schreibt, als hätte er einen blinden r-Fleck. Bleib, wo du bist. Wo du bist, dort bleib. Eine Hineinforderung.

Wo sind alle hin?

Im Herbstlicht liegt die geleckte Industriestadt am Mittellandkanal verlassen da. Die vier Schlote, ratlos ragen sie in den blauen Himmel. Wo sind alle hin? Leere Straßen Hitlers. Leere Bahnsteige. Leeres Museum. Alle in der Schule, alle in der Fabrik, Autobau lernen, Autos bauen. Eine gelbe Ahornbaumkrone rauscht im Wind, und ich scheine der Einzige, der ihr zuhört und sich wundert (Wolfsburg, 24.10.).

Das hübsche Mädchen, das vorbeigeht und nicht sieht, was rings geschieht (ich) – denn sie liest im Gehen, ja im Gehen (ein Buch), das Gehen ist nämlich ein Buch.

Der Bienenzüchter und sein Blindenhund

„Ehe, Berufsleben, ach Gott! All das versinkt, als wäre es eine Lappalie, eine kurze Episode, alles, was eben noch die ganze Welt erfüllte und mich in den Nächten manchmal mit Grübeleien wachhielt. All das wird nur zu einer Episode in einer viel wichtigeren Erzählung, in der die Kindheit bisher das einzig wirklich starke Kapitel ist.“ (Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters)

Der Blindenhund, der während der Chorprobe von Tasche zu Tasche und Rucksack zu Rucksack tappt, um alles Essbare daraus verschwinden zu lassen: einen Apfel, eine Karotte, Kekse. Der Blindenhund, der alles wehrlos Essbare unsichtbar werden lässt.

Von Plauen nach Nauen, von Guben nach Nuben

Wie oft fahre ich diese Strecke, im Schreckenszug von Hamburg nach Berlin und retour, dreißig, vierzig Mal im Jahr? Und das zwangsweise. Die öde Weite Mecklenburgs, darin die halb weggerissenen braungrauen Ortschaften, nicht Orte, alle mit erfundenen Namen, Plauen, Nauen, Guben, Nuben, Dassow, Sassow. Und immer wieder sehe ich aus dem Fenster wie hinein in einen rasend ablaufenden Traum und rauscht das Ungeheuer der Bahn mit seinen darin herumspukenden Mitarbeitern soeben durch einen zur Hälfte abgetragenen Weiler, wo Wracks von Wartburgs und Ladas in Vorgärten verrotten, die ich noch nie gesehen habe. Ganze Felderebenen unter Wasser. Oder, was hier dasselbe ist, voller Mais. Und das Ich dreht sich verschämt ins Man. Man denkt, man kennt hier jeden Busch, jedes vom Ostfrost halbblinde Schaf. Nichts da. Paulinenaue. War das gestern noch Plauen? Und plötzlich bricht der Zug durchs gläserne Schrebergärtenportal von Spandau, und wieder sind zwei absurde Stunden Leben dahingebracht.

1056

Es gibt die Zone gleicher Jahre,
Dort ist nie Sonnenwende –
Den Immermittag baut ihr Licht,
Kein Herbst macht sie zuschanden –

In den Jahrhunderten des Juni
Folgt Sommer Sommern, bis
Nach den Jahrhunderten August
Bewusstsein – Mittag ist –

Emily Dickinson

Warme Schlange

Fleetwood Mac in concert. Lindsey Buckingham allein auf der Bühne spielt auf der Akkustikgitarre „Looking out for love“, als wäre er nicht 60, sondern 20, und ist nicht 60, sondern 20. Und Stevie Nicks braucht lange, bis ihre Stimme zu ihr findet, warme Schlange, dann aber ist sie jung und alt zugleich, mitten ins Leben gezaubert als Musik, zeitloses, atmendes Instrument (Berlin, 16.10.13).

Mit der Stiftlampe

Nach dem wochenlangen Rummel: plötzlich der Eingang, und ihn genutzt und verschwunden ins Schreiben einer Erzählung. Wie wunderbar, das ruhige Hinwachsen der Sätze, das langsame Gestaltannehmen des Ziels, das Gespräch der Figuren, die aus dem vermeintlichen Nichts auftauchen – wie aus dem Schneetreiben (15.10.).

Das Mädchen in der U-Bahn mit der am Kopfhörer befestigten Stiftlampe: Möchte es ein Roboter sein? Hat so schöne Augen.

Bar unterm Meer

Christoph W. Bauers ganz heutige Figuren in seinen so rasanten wie profunden Erzählungen „In einer Bar unter dem Meer“ sind allesamt aus der Lebensmitte Versprengte. Von Unwirklichkeit umgeben, fühlen und denken sie wie unter Wasser. Ihr Ahnherr ist Nemo, der Kapitän von Jules Vernes Unterseeboot Nautilus, und in diesem submarinen Gefährt entdeckt Bauer ein durch Zeit und Raum gleitendes Symbol für ein mögliches Überleben durch Widerständigkeit und Fantastik. Ob jung oder alt, Frau oder Mann, jeder in diesen Geschichten ist ein Nemo, ein Niemand, der sich erinnert an das Leben außerhalb der Nautilus-Bar. In wassergleichen, mal wuchtigen, mal sanften Sätzen, die ab und an von herrlicher Süße und doch immer salzig wie geweint sind, gelingt Bauer die transparente Darstellung komplexester Wahrnehmungen unserer so fatal lieblosen Schnelllebigkeit. Nicht nur als Dichter und Chronist, auch als Erzähler erweist sich CW Bauer als eine der eigenwilligsten und markantesten Stimmen der jüngeren deutschsprachigen Literatur.

Der Grund, in einen See zu springen

Auf dem kalten Bahnsteig steht abseits ein einzelner Mann, bärtig, Moslem anscheinend, und brüllt zum Himmel. Unmöglich zu entscheiden, ob er krank ist, verzweifelt oder bei sich, „sane enough“, wie Pound es nennt. Warum das überhaupt entscheiden wollen (Düren, 13.10.).

„Ich weiß nicht, wo ich morgen bin“, sagt die Nachbarin ins Telefon, und ich frage mich, ob ich weiß, wo ich morgen bin.

„Der Grund, in einen See zu springen, ist nicht, dass man so schnell wie möglich ans andere Ufer gelangen will“, sagt John Keats. Man möchte schwimmen. In einem See schwimmen möchte man.

Schatten und Kostüm

„Luftschatten“ gehören Ende der 1930er Jahre zu Ernst Ludwig Kirchners letzten Entdeckungen: Die Bewegungsräume der dargestellten Figuren setzen sich fort in der Luft. Doch die Luft wird zugleich, wie vorausgeahnt, dunkel. Das Schweizer Exil, das Leben in der Fremde als Schatten.

Die Besuchertage der Messe: Hunderte Jugendliche strömen in Manga-Kostümen auf das Gelände und lichten einander ab in den Posen ihrer Lieblingsfiguren, die sie selber darstellen – lebendig gewordene Fantasie, Ich-Gestalten (Frankfurt am Main, 12.10.).

Gravity

Wie weltfern, wie schwerelos: die literarische Gesellschaft im Römer. Ich bin dort ein Fremder, ein Randfreund, Bewohner schwerer, hartnäckiger, nicht aufzulösender katachretischer Zweifel. Nicht der einzige! Zweifler erkennen einander, zweifeln auch aneinander. Am folgenden Nachmittag: Einkauf in einem „Netto“-Supermarkt in der Taunusstraße. Gravity. An der Kasse verlangt ein Abgerissener in meinem Alter einen höheren Pfanderlös für seine eingesammelten Mehrwegflaschen. Mit respektvollen Flüchen schlägt ihn die Kassiererin in die Flucht. Alte in Hauseingängen. Mädchen mit Plateauturnschuhstiefeln hocken auf Stufen. Die verzweifelten Polizistinnenaugen. Schwere Welt, aus der ich komme, aus der ich fliehe, in die ich immer lieber zurückkehr (Frankfurt am Main, 8.10.).

SOS, SMS

„Seltsam, dass an den Straßen die Bäume in gerader Linie wachsen“, sagt das Kind. Und als die Anderen lachen, sagt das Kind weiter: „Seltsam, dass der Wind, der die Baumsamen trägt, am Straßenrand anhält.“

Um aus dem zerknitterten Wintermantel die Falten zu entfernen, lässt sie ein heißes Vollbad ein, hängt den Mantel an die Kacheln über der Wanne und wartet ab. Nach einer Stunde: keine Falte mehr da.

„S.O.S.“, sagt das Kind, „wenn das Save Our Souls heißt, dann heißt also SMS Save My Soul?“ Ja, mein Kind!

Jeden Morgen bringt mir der Apportierhund ein anderes Sofakissen … (Lemkenhafen, 5.10.).