Das Gras

Hornissensommer

Dem Leichenzug voran fährt der schwarze, mit Blumen beschmückte Wagen, in dem der Sarg steht mit seinem Toten. Ihm folgen zu Fuß die Angehörigen, die Freunde, die Bekannten und Verwandten, dann, in den Autos, die im Schritttempo hinterdreinrollen, die Feinde, die Opfer. Zuletzt die Geliebten. Ihrer aller Ziel liegt am früheren Dorfrand, heute mitten im Dorf, und hat die höchste Mauer. Der Glöckner hat an diesem Morgen alle Hände voll zu tun und löst sich auf in Klänge, die über den Ort schallen.

„Wanna give me a hug?“ – „Yes. A hug with knives.“

Der Geistliche geht durch die Altstadt und trägt Soutane und Strohhut.

Beirut – Lon Gisland
Beirut – Gulag Orkestar

Am Lac d’Esparron bei 42 Grad Augusthitze: Eine junge Frau zeigt einem Freund ihre Hände, die braun sind, an manchen Stellen aber ganz weiß – „ç’bizarre, ’on?“

Nicht eine einzige Wespe diesen Sommer im hellsten Licht auf der Terrasse. Im Feigenbaum tun sich dafür dutzende Hornissen an den Früchten gütlich und vertreiben alle Insekten. „Chabriasses“ nennen die Leute sie im Durance-Tal. (3.8.)

Dem Gewitter voran geht der Wind, der mit einem Mal auffrischt und Stufen auf der Beaufort-Skala für lachhaft versimplifizierend erklärt. Man meint sie sehen zu können, die Böen, die durch das Durance-Tal fegen. Durch sie hindurch zucken die Blitze, fast alle lotrecht, nur selten verästelt, schräg, nervöse Blitze. Der Donner dumpf, uralt, als wäre er seit je derselbe, ja als gäbe es gar keinen anderen.

Linie

Bis die Unwirklichkeit aufhört, bleiben
Uhren, Flaschen, Scheinwerferpaare
unbestimmt und ihre Namen vorläufig.

Während seltsames Licht auf einer nur
deshalb sichtbaren Linie von Fenster
zu Fenster das Zimmer durchmisst

und der warme Wind vorm Haus,
um das Haus und über dem Haus
nicht mehr nachzulassen scheint,

nimmt mein schmales Reservoir
an Atemzügen, an Worten und
erst Küssen fortwährend ab.

Ich hab nur zwei Augen, nicht
vierundzwanzig, und die beiden
sind keine Brandschiffe, sondern

hoffentlich Fähren, leuchtend
fahren sie hin und her
durch das Schwarz.

Einer geht auf der Straße
bis zum Ende, einer tritt vors Haus,
und weiter weg reden zwei und lachen.

Während der Sommerwind laut, ja
lauthals weiter und weiter liest
in der unaufhaltsamen Dunkelheit.

Selfie mit Blässhhn

Deine Augen büßen täglich an Schärfe ein. Wenn du „Blässhuhn“ schreiben willst und glaubst, „Blässhuhn“ geschrieben zu haben, liest du neunmal darüber hinweg und liest immer „Blässhuhn“, erst beim zehnten, elften Mal fällt dir auf, dass da „Blässhhn“ steht.

Was heißt das für die Welt? Was, wenn vor deinen Augen ein Blässhuhn vorbeischwimmt? Erkennst du den Vogel, siehst du ihn weniger, fehlt ihm ein Stück? „Da, ein Tier. Was ist das für eins?“ – „Ist das nicht ein Blässhuhn?“ – „Ein was?“ – „Ein Blässhuhn.“ – „Weil es verblasst?“

Während die Autos vorüberrasen, geht eine Alte am Arm ihrer Tochter – oder Enkelin? – so langsam wie der Atem des Sommers über den Parkplatz der Autobahnraststätte. (Bei Grenoble, 29.7.)

„Je veux du chantilly, je veux du chantilly!“, schreit im Supermarkt das Kind, unaufhörlich. „Ich will Schlagsahne, ich will Schlagsahne!“

„Die Ameisen waren schon immer da“, sagt mein Herz.

Mit bloßen Händen fängt das russische Mädchen ein Blässhuhn – für ein Selfie mit Blässhuhn.

Wie der Oleander, der von früh bis spät in der Hitze am Rand des bekieselten Parkplatzes steht – und der dabei rosig bis tief rot blüht –, so musst du versuchen, das Leben zu meistern. Die Unbilden durchblühen. (Volx, 1.8.)

Schlafende Mitbewohner

Im Treppenhaus ein roter, klebriger Fleck auf dem Linoleum, und ich sage zu dem Kind: „Guck, da ist eine Marmelade gestorben.“ Das Kind hält inne, besieht sich lange den Fleck und findet kaum heraus aus seiner Verwunderung. Erst ein Stockwerk tiefer lachen wir, boxen und boxen uns.

Die Mitbewohner sind zurück, nach dreißig Jahren Schlaf.

Es hält nicht, nicht einmal das, was es verspricht, das morsche Gebälk der Erinnerung.

Depeche Mode – Ultra

„Dein Hemd hat dasselbe Muster, dasselbe Hellblau wie der Grund meines Lieblingsschwimmbades.“ (22.7.)

An einem der heißesten Tage des Sommers am Nachmittag im Kino, um noch einmal – zum letzten Mal – „2001 – A Space Odyssey“ zu sehen. 25 Leute in dem raumschiffartigen Saal. Hinter mir ein alter Kerl vom Planeten Schnarch Alpha keucht und keucht und schläft ein. Nach drei Stunden müder Applaus. Ich hatte längere, aufwühlendere Diskussionen mit dem rebellischen Bordcomputer HAL in Erinnerung. Unverändert bombastisch, unpassend und geschmacklos die Musik von Strauß und Strauss. (27.7.)

Nachtigallen-Petition vor dem Roten Rathaus übergeben!

In der kleinen Nische der Reinigung und Änderungsschneiderei des Supermarktneubaus hat der persische Schneider eine Decke unter die elektrische Kleiderbügelstange voller daran aufgehängter Hemden, Mäntel und Hosen gebreitet und schläft dort, im kühlen Schatten auf dem weißen Kachelfußboden.

Brinkmann in Westerstede

Den Opel eines Mitschülers hatte er
in Ocholt gegen einen Poller gesetzt,
keinen Muckser mehr tat der Rekord,
und ein Dichter kannte sich nicht gut
mit Autos aus, so wenig wie in Ocholt,
aber am Bahnhof sah er, die Schmal-
spurbahn fuhr zu der Stadt, wo Hardy
Frerichs wohnte, Westerstede, Brink-
mann war dort die ganzen Jahre nie
gewesen, jetzt sah er auch, weshalb,
die Gleise, die Lok, die Waggons, so
grotesk, am besten wegrennen, weg,
aber das hätte Hardys Kutsche kaum
heilgemacht, außerdem hatte er Kohl-
dampf, zuletzt ja am Morgen in Vechta
ein Schinkenbrot auf die Hand gehabt,
er dachte an die Küche, das Licht und
den Güllegeruch seiner Jugend, Gülle
for ever, o Jesus, zum Glück bald over
and out, er würde Essener sein, dachte
Rolf Dieter Brinkmann, als der lachhafte
Zug ihn durch Westerstede gondelte und
er dieselben stillen Straßen an dem Sonn-
tagmittag sah und dieselben paar people
wie im Schweinezüchterparadies Vechta.
Standen im Nieseln da und sahen ihn an.
Gespenst aus dem Dampf enger Träume.

Rebellion gegen die Würdelosigkeit

Immer mehr meiner Artgenossen und Mitmenschen gleichen Indianern: tätowierten, trunkenen und traurigen Schoschonen oder Komantschen, denen alles geraubt wurde, die dir im Handumdrehen den Skalp rasieren und die verzweifeln an ihrer resignierten Rebellion gegen die Würdelosigkeit. (Essen, 15.7.)

In einer Wolke aus Insekten gegessen. Alle scheinen sie in den Aachener Hitzesommer abgewandert zu sein. Kein Regen seit drei Wochen. (Aachen, 15.7.)

In jedem Garten, an den ich mich erinnere, wuchsen Johannisbeersträucher. Es muss eine Verbindung geben zwischen Erinnerungen und Johannisbeeren.

Gläser gibt es, die sind erst wirklich (auf der Welt), wenn du sie nicht oder nur um ein Haar hast fallen lassen. Dann hältst du sie in der Hand, und sie erwachen. Gewinnt ihre Wirklichkeit Gestalt.

„Grausamer als der April ist die Natter der Zeit.“ Thomas Wolfe

Der Goldstuhl

Wie eine Hand mit acht Fingern
sitzt die Spinne an der Zimmerdecke,
reglos, kopfunter, mit lachendem Scheitel.

Das Kind steigt auf seinen Goldstuhl,
es greift sie, steckt sie sich in die Tasche
und läuft damit in den Garten, den Regen.
Dort erfindet es mit der Spinne Spiele.

Warum hat es so gar keine Angst?
Doch, sagt das Kind, schreckliche.
Ich habe Angst vor nichts, das es gibt,
bloß Angst vor allem, das unsichtbar ist,

dem Wind, dem Herzen und den Gedanken.

Eine Zumutung

„Ein voller Geschmack vom Ende geht dem Gedicht voran. Anfang.“ Jannis Ritsos

Die Supermarkthilfe weiß nicht, was Popcorn ist. „Poppkorn?“ Jemand sagt: „Kino, Essen.“ Da nickt sie, und ihr Gesicht hellt sich auf. (7.7.)

Ich bin eine Zumutung, und ich will auch eine sein. Das ist mein Posten: eine Zumutung.

Die Morgengeräusche im Viertel, Tag für Tag neu, als würde der Tag in dieser nicht blauen, in einer Blaumann-Stunde fertiggestellt, zu Wasser gelassen, als würde in der Frühe die Takelung des Tages aufgezogen und geprüft werden, ob es losgehen kann. (12. Juli)

Sei Baum. Freu dir einen Ast.

Gefühlte Weite

Zum letzten Mal
die Zähne abgetastet
mit deiner Zunge,

das letzte Mal
bestaunt den Baum,
der die Straße baut,

zuletzt noch einmal
die Küste besucht,
Küsse im Dunkeln.

Zur Erinnerung an Günter Herburger

Eine Schwalbensilhouette

„Ich träume nicht so viel, wenn ich die Augen zuhabe“, sagt das Kind. „Am meisten träume ich, wenn ich die Augen aufhabe und rumlaufe.“ (30.6.)

„Ja: Es ist eine Zeit, in der so viel möglich war wie vielleicht noch nie, im Bösen und im Guten, und vor allem im Unerhörten; geheimnisvolle Zeit, in der jetzt etwa lang vor dem Morgen der Tauregen aus einem Baum klatscht.“ Peter Handke, „Kali“

„Urban Sketching“, heißt es, sei zurzeit schwer angesagt. Man strichele, mit Bleistift, auf Papier, was man im Alltagsleben, im Freien, so sehe. Alles sei möglich. – Ich wusste es immer: Die Wende kommt, es ist nur eine Frage der Zeit. Bald zertrümmern wir unsere Smartphones. Oder lassen sie einfach irgendwo liegen, wie eine durchlöcherte Mütze, die zu nichts mehr taugt.

„Wenn ein Tier stirbt, kann keiner das reparieren“, sagt das Kind. „Und genauso kaputt ist ein Herz.“

Die in die Lesung einführende Universitätsprofessorin spricht über die Kunst des lückenhaften Erzählens in Daniel Kehlmanns Eulenspiegelroman „Tyll“. Eine Lesung im Freien, im Garten des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin. Linder Abend. Tiefstehende Sonne. Der herrliche Wind mit seinem glücklichen Rasseln in den Uferbäumen. Die Professorin setzt alles daran, dem Buch, das vor ihr auf dem Lesepult liegt, ihr Wissen zu entlocken, magierinnenartig wischt und zieht und zaubert ihre Hand darüber hin, und tatsächlich: Im Gegenlicht deutlich zu erkennen als Schatten, wischt eine Schwalbensilhouette aus den Seiten, entwischt dem Roman und entkommt über den See. (Berlin-Wannsee, 5.7.)

Fünf Müllmänner zu Gast auf Erden

Die Geizigen halten sich für freigiebig, denn sie geizen sogar mit ihrer Habsucht.

Wie gesagt: Mein Outdoor-Textilmanagement lässt zu wünschen übrig, da muss ich mich um Optimierung bemühen!

Auf einer Parkbank (einer) sitzen fünf Müllmänner in der Sonne unter den Bäumen und lachen. (Barmbek, 13.6.)

Jeder frei gewordene Fleck in der Stadt wird sogleich eingenommen von jemandem, der ihn zu benötigen scheint oder meint – als Abstellplatz, als Räumfläche, Erholungsort, als bloßes Eigentum, egal wofür. Ist das ein Zeichen für Enge?

OMD – Orchestral Manoeuvres in the Dark

„Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet: / ,Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.’“ Tomas Tranströmer

Wieder die fünf Müllmänner gesehen, aber diesmal in einem Viertel drüben im Westen. Auch da saßen sie auf einer Bank herum und waren bester Stimmung.

Im Innenhof arbeiten zwei Handwerker den ganzen Tag lang schon an der Erneuerung des meist verwaisten Kinderspielplatzes. Eine mühsame Arbeit offenbar! Denn oft setzen sie sich und rasten – wie die Müllmännerriege – auf einer Bank im Schatten.

Etwa achtzig Wörter brauchst du, bis deine Handschrift nach den ganzen Tagen über der Computertastatur wieder flüssig und leserlich wird.

Brixen zum Beispiel

You can’t repeat the past.
F. Scott Fitzgerald

Am Morgen, wenn das Fensterlid aufgeht,
stürzen zwei Elstern durch die Weinbergzeilen,
wie verfolgt von dem Sturmwind des Bösen oder
einem Trauma. Was hat das Flüchten überall
mit deinem Leben zu tun?
            Brot der Erinnerung,
heillos zerbröselt, oft einfach nur vom Tisch gewischt,
und unaufwärmbar das Mutterherz, das alles besser
weiß – Kinderspiel, weil ja für dich nichts sicher
ist.
   Vielleicht darum möchtest du immer –
Flüchten auch das – zurückreisen nach zerdehnten
Jahrzehnten an Orte, wo du als Junge, ein Bub, z. B.
schwimmen warst im Garten eines Sommerhotels
hoch über dem Eisacktal.
             Eidechsen sind verlässlicher
Zeugen als die Erinnerungen und verschwinden auch
behänder. Grün summt am Abend das Gras immer
noch die Lieder, die verloren gingen, ohne dass ihr
Brüder sie gesungen hättet. Süße Verlorenheit
Vanillegeruch in der Bäckergasse.
                  Was vergangen ist,
das lässt sich nicht wiederholen, schreibt Fitzgerald, und
Gatsbys Empörung darüber mag Wahn sein, Selbstsucht,
genauso ist sie Ausdruck einer unwandelbaren Liebe.

Das Vergangene zurückholen

In „The Great Gatsby“ behandelt F. Scott Fitzgerald eines seiner Kardinalthemen: die Vergänglichkeit und – noch brisanter – die voraussetzungslose Fortführung des Vergangenen. So kommt auf die unwiederbringlich verloren scheinende Liebe Daisys – seiner inzwischen verheirateten Verflossenen – nicht Gatsby zu sprechen, sondern dessen Freund und Nachbar Nick, der nach einem rauschenden Fest auf Gatsby Anwesen zu ihm sagt: „I wouldn’t ask too much of her“, und: „You can’t repeat the past.“
Gatsbys Reaktion ist so empört wie seit einem beinahen Jahrhundert einzigartig.
„Can’t repeat the past?“, ruft er – ungläubig – aus: „Why of course you can.“
Die deutsche Übersetzung dieser einzigartigen Replik ist weniger als dürftig. Sie zeigt keinerlei Interesse an der Verdeutlichung von Gatsbys Projekt, die Vergänglichkeit – und damit die Vergangenheit – aufzuheben.

Die Eidechsen

Durch den Weinberg steigen die jungen Lesehelfer in ihren Tarnanzügen. Gegenüber der Baustellenkran – höher als der Weinberg – piept markdurchdringend bei jeder Bewegung. Während der Nebel in die Bergwälder fährt. (Vahrn / Varna, Südtirol, 7.6.)

Eine Versammlung von Verzweifelten und Geltungsbedürftigen, von Trinkern, Trinkerinnen, von Clowns und Liebessüchtigen – ein Spiegel ist der Literaturbetrieb, zersplittert, zerdeppert, und du weißt dort so gut wie jeder andere, dass du nirgendwo besser aufgehoben wärst als in dieser leeren Fülle.

Die von Vogelgeneration zu -generation stets aufs Neue vergessene Gier der Sperlinge, die Spatzensucht. Die wir ihnen lachend Jahr für Jahr neu aufhalsen.

OMD – Organisation

Die Lesungen in den Stiftsälen und -bibliotheken werden alle übertönt von den Gesängen der Vögel, die in den Baumkronen und auf den Dächern rings um die Jahrhunderte alten Gebäude sitzen. Oswald von Wolkenstein saß hier in der Sonne, aß Trauben und wunderte sich über die Laute, zu denen Elstern in der Lage sind. Als würden sie ihrerseits lesen, uns vorlesen aus ihren Amsel- und Meisenbüchern, den Schwalbengedichten, den Essays der Tauben über die Kirschenreife, den Reportagen der Rotkehlchen über die Düfte der Apfelbaumreihen im Regen. (Novocella, 9. Juni)

„Hat man erst der Sonne ein Leck geschlagen, kann man sicher sein, daß sie untergeht.“ Christian Saalberg

Wider Erwarten, ein wenig auch wider Willen und allein aufgrund des unerwartet in den Sinn gekommenen Namens – „DA!“ – das Hotel wiederentdeckt, in dem du 1974 ein paar Sommertage verbracht hast – das „Temlhof“ oberhalb von Brixen. Im Hotelgarten stehst du wie in einem überraschend in aller Überdeutlichkeit wiedergekehrten Traum. Du erkennst alles wieder, sodass die Zweifel abplatzen von der Unwirklichkeitsverkapselung. Hier warst du, hier bist du. Nicht: Ich denke, also bin ich. Sondern: Ich war hier, also bin ich. Der Ort kennt dich, und er weiß: Du bist am Leben. Du hast bessere Zeugen als deine Erinnerungen: Kaum dass du sie erwähnst – ihr Fehlen –, tauchen sie auf aus den Mauerritzen der Hotelwand: die Eidechsen, die es seinerzeit ebenso in Hülle und Fülle gab und die ein Wunder waren, wenn ein Schwanz abbrach und zuckend liegenblieb auf deinem Handteller, während das Tier die Zeit deiner Verwunderung nutzte, um zu entkommen. Ja, die Eidechsen. Sie schwören, dass du schon hier warst.

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.

Die Fortsetzung von 42

Dass ich Mäntel trage, seit ich der Fuchtel meiner Eltern entronnen bin, Mäntel zu allen Jahreszeiten außer in der Hochsommerhitze – alte Regenmäntel früher, Heermäntel früher, Marinemäntel früher, Ledermäntel, Wildledermäntel, Trenchcoats zumeist und sie noch immer – was sagt das aus, sagt es etwas aus? Es war nie bewusste Abgrenzung. Es fiel mir nicht mal auf bis heute, dieses Absonderungsmerkmal. Nur habe ich mich auf Dauer nie zu Jacken bekennen können! Und andere Mantelträger möchte ich bisweilen grüßen, so wie Motorradfahrer sich in der Zeit vor der umfassenden Ichsucht gegrüßt haben, indem sie aufeinander zu und aneinander vorbei brausten, um dann noch länger über die gerade erlebte Begegnung nachzudenken. Bis zur nächsten vielleicht. Schöne Maschine war das! Schöner Mantel war das! (23.5.18)

Ihr Zahnarzt, Ihr Wohlfühlerlebnis!

Mitten auf dem freien Feld im Sonnenschein liegt eine Kuh. Die schläft. Die ist nicht tot.

„Und mit der Sanftheit einer Lyra haucht der Wind / Lachen her aus dem Garten, wo die Kinder sind.“ Victor Hugo

Eine Frau auf der Straße fragt: „Sind Sie für die Fortsetzung von 42?“ Auf mein verdutztes Gesicht hin erläutert sie: „Meinen Sie, es sollte ein Follow-up von 42 geben?“ – „Vielleicht“, antworte ich aus reiner Hilflosigkeit. „Vielleicht 43?“ (Eppendorf, 1.6.)

„Was uns gerettet hat, war der schöne September“, sagt im Radio die Winzerin.

Mann geht vorbei, durchs Licht des frühen Juni. DEATH ÜBER ALLES steht auf seinem Rücken.

Drüben – auf der Straßenseite gegenüber dem Küchenfenster – wird die einzige Bäckerei im Viertel geschlossen, nach 49 Jahren, die es den Laden gab. (Wochenlang bleiben Tag für Tag die Leute vor dem von innen abgeklebten Schaufenster stehen, lugen durch die Spalte ins Dunkel des ausgeweideten Verkaufsraums, rütteln sogar an der Tür.) Die Bäckerei, über dessen Fenster das Wort BÄCKEREI steht, war ebenso lange geöffnet und verkaufte Brot und Kuchen, meist leider faden Kuchen, wie vor meinem Küchenfenster die alte Laterne gestanden hat, die vor einigen Monaten ausgetauscht, noch auf der Straße zersägt und dann abtransportiert wurde wie eine Tote, wie eine gefällte und entastete Tanne. Sollte es eine Verbindung zwischen der Laterne und der Bäckerei gegeben haben? Waren sie ein Paar? (Barmbek, 6.6.)

Alle Orte verschwinden

Der Wind über der Meuse, als ihr durch den Abend heimgeht zu eurem Lütticher Hotel. Du denkst fortwährend an den Schnee, den Schnee im Reim aus Brels Chanson „Il neige sur Liège“, während der Autor, der hier einen Preis überreicht bekommt, beständig „Liesch“ sagt zu der Stadt, die sich modern gibt und aufregend, wo aber dieselben, nein ganz ähnliche, nein genauso gleich gemachte Leute durch die Straßen streifen wie überall sonst. Ein Jammer aus Glas und Stahl und Hochglanz. (Lüttich / Liège, 15.5.)

The Go-Betweens – Tallulah

„Als ihr noch Sterne wart …“, sagt der Vater zu den Kindern, und eines fällt ihm ins Wort: „Als ich noch ein Stern war, lag ich hinten im Auto auf den Sitzen, da hab ich euch vorne im Auto reden gehört, und da hab ich am Himmel tief in der Nacht die Sterne gesehen, wie sie geleuchtet haben.“

Der Nachbar, den du seit Jahren für einen Kretin hältst, sitzt dir gegenüber im Bus und liest in den Memoiren von Tennessee Williams.

Alle Orte verschwinden. Weil das zu einem Ort dazugehört: unterzugehen? Platz zu schaffen für einen anderen, den nächsten Ort?

Entdecken Sie Ihre Gesichtsmaskenmöglichkeiten!

Blick für die Wege

So funktioniert Kochen mit Insekten!

Die Siedlungswiese, im Herbst vermoort, im Winter überfroren, in diesem Mai ist sie übersät mit Butterblumen und Dotterblumen. Eine einzige Brennnesselschwemme. (Lokstedt, 14.5.)

Der Widerstand gegen die Sowjet-Doktrin begann in Estland Mitte der Achtzigerjahre, als der Kreml beschloss, den baltischen Vasallenstaat zur Phosphor-Abräumhalde umzufunktionieren. Die Liebe vieler Esten zu den so besonderen Landschaften ihres Landes – flache, lichte Weiten voller Gelb und hellem Grund, die Nähe zum Meer, die Seen, das blaue Geflimmer, die Stille der Ufer, der Uferwälder – sie tut sich auf eigentümliche Weise im Belassen kund, auch im Wieder-Instandsetzen. Dieser Widerstand gegen das Zerstörtwerden ist allenthalben so sichtbar wie spürbar.

An einem Flussufer, einem Knick, einem Zaun entlang, durch die Hecken, mit endlos leichtem Schwung um einen leeren Schulhof … Bewahre dir den Blick, bewahre deinen Blick für die Wege.

Der Inder mit den beiden Huskys, der jeden Vormittag unter dem Fenster vorbeigeht. Immer blickt einer der Hunde zu mir herein – was sieht er? Was sieht er hier bei mir nicht mehr? (Barmbek, 18.5.)

Ein Mitarbeiter bitte an die Spargelschälmaschine!

Tere!

Günter Herburger und seine Frau Rosemarie sind auf tragische Weise umgekommen. Sehr traurig. Einige Jahre lang war mir Herburger sehr nah, kamen häufig seine Briefe, lachten wir miteinander das Lachen der Rebellen, die ihren Überzeugungen selbst nicht ganz über den Weg trauen. Am Ende hatte Günter Herburger keinen Verlag mehr, obwohl seine Gedichtbände viel gelobt und besprochen wurden. Man hat ihn zum alten Eisen geworfen, auch wenn er nie eisern war, immer nur, auch im Extremmarathon, sich und der Welt etwas beweisen musste. Mit Günter Herburger ist einer der letzten feinsinnig-bösen Stilisten gestorben. Die Welt ohne ihn ist eine eklatant ärmere. Berlin wird ihn nicht vermissen. Aber ins Allgäu reißt sein Tod einen Krater von der Größe Berlins. Leben Sie wohl, lieber Günter Herburger, bleiben Sie unterwegs! (3.5.)

Woran es so vielen Jungen von heute zu mangeln scheint, ist nicht Mut, Klugheit, Liebe – es ist die Sorgfalt gegenüber den Gegenständen, das Achtsamsein angesichts der Dinge.

„Es ist sehr modern, Unkraut zu essen“, sagt die Estin.

Über den Emajögi fliegen in hellen und dunklen Scharen Vögel, Wolken, Pulks, Formationen. Gänse, Möwen, Krähen, Dohlen, Sperlinge, Tauben über Tauben. Ein Wind aus Flügeln. Sie sitzen auf den Uferböschungen, als würden sie warten. Worauf wartet ihr? (Tartu, 8.5.)

Die Esten, sagt man mir hinter vorgehaltener Hand, küssen einander nicht zur Begrüßung, berühren einander nicht mal, sagen lediglich: „Tere!“

Die großen, seltsam schlanken Uferbäume, die auch halb im Wasser stehen, umgeben von Dutzenden aus dem Fluss ragenden, kniehohen Abkömmlingen. Luftalgen. Moosgehölz. Die Bäume kommen. Die Bäume als Botschafter.

Abends finden rund um das Sadamateater – das Theater im Hafen – und zwischen den alten Marktständen und der Fischauktionshalle Militärübungen statt. Plakate: „Wir sind stolz auf unsere Grenztruppen …“

Tere!

Das Gequake, das du hörst, ist kein Klingelton-Gimmick irgendeines Smartphones. Es stammt von Enten. Da sind Enten auf dem Fluss mitten in der Stadt und quaken.

Ich habe alle meine Grenzsoldaten entlassen.

Der neue Zentrale Omnibusbahnhof, der „Bussijamma“, bloß ein kleiner Kasten im Vergleich mit dem früheren in der Sowjetzeit, sagt die Estin, die uns durch die Stadt führt, als wäre die ein Freilichtmuseum im Frühling. An den großen Kreuzungen die Einkaufszentren und Malls, äußerlich postkommunistisch, im Innern der Flitter, mit der sie alle hier so wie ich in leere Träume sinken.

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen

The Twilight Sad – No One Can Ever Know

Hamburger Frühlingswind, ein Westwind, der die Meeresfeuchte mit sich führt und anreichert mit den Gerüchen des Erdbodens. Algen und Tulpen. Durch die aufgewühlten Lüfte wirbeln rosa die fingernagelgroßen Kirschblüten. Es gibt in diesen wenigen Tagen des Jahres eine staunende Stille auf den Gesichtern, ein Einverständnis mit dem aufs Neue Verheißenem. (30.4.)

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen. Der Herdecker Harkortsee. Das satte Grün, das ich immer schon geliebt habe an Bochum.

Am Vormittag, im hellen Licht, die Verkehrsinseln übersät von gelb aufgeblühtem Löwenzahn. Am Abend die letzten Blütenblätter der Wintergerbera auf den Intarsien. Flaum im Handteller. Zweiter Mai. Pusteblume.

Das Kind hat an diesem Tag seine Leidenschaft für Atome entdeckt.

„Halte gegenüber den Anderen, was du allein dir versprochen hast. Da liegt dein Vertrag.“ René Char