Das Gras

Das Vergangene zurückholen

In „The Great Gatsby“ behandelt F. Scott Fitzgerald eines seiner Kardinalthemen: die Vergänglichkeit und – noch brisanter – die voraussetzungslose Fortführung des Vergangenen. Auf ihre nicht einzulösende Liebe Daisys – seiner Verflossenen – kommt nicht etwa Gatsby, sondern dessen Freund und Nachbar Nick nach einer Party mit Gatsby zu sprechen: „I wouldn’t ask too much of her“, sagt Nick, und: „You can’t repeat the past.“
Gatsbys Reaktion ist so empört wie seit einem beinahen Jahrhundert einzigartig. „Can’t repeat the past?“, ruft er – ungläubig – aus: „Why of course you can.“
Die deutsche Übersetzung dieser einzigartigen Replik ist weniger als dürftig. Sie zeigt keinerlei Interesse an der Verdeutlichung von Gatssys Projekt, die Vergänglichkeit aufzuheben.

Die Eidechsen

Durch den Weinberg steigen die jungen Lesehelfer in ihren Tarnanzügen. Gegenüber der Baustellenkran – höher als der Weinberg – piept markdurchdringend bei jeder Bewegung. Während der Nebel in die Bergwälder fährt. (Vahrn / Varna, Südtirol, 7.6.)

Eine Versammlung von Verzweifelten und Geltungsbedürftigen, von Trinkern, Trinkerinnen, von Clowns und Liebessüchtigen – ein Spiegel ist der Literaturbetrieb, zersplittert, zerdeppert, und du weißt dort so gut wie jeder andere, dass du nirgendwo besser aufgehoben wärst als in dieser leeren Fülle.

Die von Vogelgeneration zu -generation stets aufs Neue vergessene Gier der Sperlinge, die Spatzensucht. Die wir ihnen lachend Jahr für Jahr neu aufhalsen.

OMD – Organisation

Die Lesungen in den Stiftsälen und -bibliotheken werden alle übertönt von den Gesängen der Vögel, die in den Baumkronen und auf den Dächern rings um die Jahrhunderte alten Gebäude sitzen. Oswald von Wolkenstein saß hier in der Sonne, aß Trauben und wunderte sich über die Laute, zu denen Elstern in der Lage sind. Als würden sie ihrerseits lesen, uns vorlesen aus ihren Amsel- und Meisenbüchern, den Schwalbengedichten, den Essays der Tauben über die Kirschenreife, den Reportagen der Rotkehlchen über die Düfte der Apfelbaumreihen im Regen. (Novocella, 9. Juni)

„Hat man erst der Sonne ein Leck geschlagen, kann man sicher sein, daß sie untergeht.“ Christian Saalberg

Wider Erwarten, ein wenig auch wider Willen und allein aufgrund des unerwartet in den Sinn gekommenen Namens – „DA!“ – das Hotel wiederentdeckt, in dem du 1974 ein paar Sommertage verbracht hast – das „Temlhof“ oberhalb von Brixen. Im Hotelgarten stehst du wie in einem überraschend in aller Überdeutlichkeit wiedergekehrten Traum. Du erkennst alles wieder, sodass die Zweifel abplatzen von der Unwirklichkeitsverkapselung. Hier warst du, hier bist du. Nicht: Ich denke, also bin ich. Sondern: Ich war hier, also bin ich. Der Ort kennt dich, und er weiß: Du bist am Leben. Du hast bessere Zeugen als deine Erinnerungen: Kaum dass du sie erwähnst – ihr Fehlen –, tauchen sie auf aus den Mauerritzen der Hotelwand: die Eidechsen, die es seinerzeit ebenso in Hülle und Fülle gab und die ein Wunder waren, wenn ein Schwanz abbrach und zuckend liegenblieb auf deinem Handteller, während das Tier die Zeit deiner Verwunderung nutzte, um zu entkommen. Ja, die Eidechsen. Sie schwören, dass du schon hier warst.

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.

Die Fortsetzung von 42

Dass ich Mäntel trage, seit ich der Fuchtel meiner Eltern entronnen bin, Mäntel zu allen Jahreszeiten außer in der Hochsommerhitze – alte Regenmäntel früher, Heermäntel früher, Marinemäntel früher, Ledermäntel, Wildledermäntel, Trenchcoats zumeist und sie noch immer – was sagt das aus, sagt es etwas aus? Es war nie bewusste Abgrenzung. Es fiel mir nicht mal auf bis heute, dieses Absonderungsmerkmal. Nur habe ich mich auf Dauer nie zu Jacken bekennen können! Und andere Mantelträger möchte ich bisweilen grüßen, so wie Motorradfahrer sich in der Zeit vor der umfassenden Ichsucht gegrüßt haben, indem sie aufeinander zu und aneinander vorbei brausten, um dann noch länger über die gerade erlebte Begegnung nachzudenken. Bis zur nächsten vielleicht. Schöne Maschine war das! Schöner Mantel war das! (23.5.18)

Ihr Zahnarzt, Ihr Wohlfühlerlebnis!

Mitten auf dem freien Feld im Sonnenschein liegt eine Kuh. Die schläft. Die ist nicht tot.

„Und mit der Sanftheit einer Lyra haucht der Wind / Lachen her aus dem Garten, wo die Kinder sind.“ Victor Hugo

Eine Frau auf der Straße fragt: „Sind Sie für die Fortsetzung von 42?“ Auf mein verdutztes Gesicht hin erläutert sie: „Meinen Sie, es sollte ein Follow-up von 42 geben?“ – „Vielleicht“, antworte ich aus reiner Hilflosigkeit. „Vielleicht 43?“ (Eppendorf, 1.6.)

„Was uns gerettet hat, war der schöne September“, sagt im Radio die Winzerin.

Mann geht vorbei, durchs Licht des frühen Juni. DEATH ÜBER ALLES steht auf seinem Rücken.

Drüben – auf der Straßenseite gegenüber dem Küchenfenster – wird die einzige Bäckerei im Viertel geschlossen, nach 49 Jahren, die es den Laden gab. (Wochenlang bleiben Tag für Tag die Leute vor dem von innen abgeklebten Schaufenster stehen, lugen durch die Spalte ins Dunkel des ausgeweideten Verkaufsraums, rütteln sogar an der Tür.) Die Bäckerei, über dessen Fenster das Wort BÄCKEREI steht, war ebenso lange geöffnet und verkaufte Brot und Kuchen, meist leider faden Kuchen, wie vor meinem Küchenfenster die alte Laterne gestanden hat, die vor einigen Monaten ausgetauscht, noch auf der Straße zersägt und dann abtransportiert wurde wie eine Tote, wie eine gefällte und entastete Tanne. Sollte es eine Verbindung zwischen der Laterne und der Bäckerei gegeben haben? Waren sie ein Paar? (Barmbek, 6.6.)

Alle Orte verschwinden

Der Wind über der Meuse, als ihr durch den Abend heimgeht zu eurem Lütticher Hotel. Du denkst fortwährend an den Schnee, den Schnee im Reim aus Brels Chanson „Il neige sur Liège“, während der Autor, der hier einen Preis überreicht bekommt, beständig „Liesch“ sagt zu der Stadt, die sich modern gibt und aufregend, wo aber dieselben, nein ganz ähnliche, nein genauso gleich gemachte Leute durch die Straßen streifen wie überall sonst. Ein Jammer aus Glas und Stahl und Hochglanz. (Lüttich / Liège, 15.5.)

The Go-Betweens – Tallulah

„Als ihr noch Sterne wart …“, sagt der Vater zu den Kindern, und eines fällt ihm ins Wort: „Als ich noch ein Stern war, lag ich hinten im Auto auf den Sitzen, da hab ich euch vorne im Auto reden gehört, und da hab ich am Himmel tief in der Nacht die Sterne gesehen, wie sie geleuchtet haben.“

Der Nachbar, den du seit Jahren für einen Kretin hältst, sitzt dir gegenüber im Bus und liest in den Memoiren von Tennessee Williams.

Alle Orte verschwinden. Weil das zu einem Ort dazugehört: unterzugehen? Platz zu schaffen für einen anderen, den nächsten Ort?

Entdecken Sie Ihre Gesichtsmaskenmöglichkeiten!

Blick für die Wege

So funktioniert Kochen mit Insekten!

Die Siedlungswiese, im Herbst vermoort, im Winter überfroren, in diesem Mai ist sie übersät mit Butterblumen und Dotterblumen. Eine einzige Brennnesselschwemme. (Lokstedt, 14.5.)

Der Widerstand gegen die Sowjet-Doktrin begann in Estland Mitte der Achtzigerjahre, als der Kreml beschloss, den baltischen Vasallenstaat zur Phosphor-Abräumhalde umzufunktionieren. Die Liebe vieler Esten zu den so besonderen Landschaften ihres Landes – flache, lichte Weiten voller Gelb und hellem Grund, die Nähe zum Meer, die Seen, das blaue Geflimmer, die Stille der Ufer, der Uferwälder – sie tut sich auf eigentümliche Weise im Belassen kund, auch im Wieder-Instandsetzen. Dieser Widerstand gegen das Zerstörtwerden ist allenthalben so sichtbar wie spürbar.

An einem Flussufer, einem Knick, einem Zaun entlang, durch die Hecken, mit endlos leichtem Schwung um einen leeren Schulhof … Bewahre dir den Blick, bewahre deinen Blick für die Wege.

Der Inder mit den beiden Huskys, der jeden Vormittag unter dem Fenster vorbeigeht. Immer blickt einer der Hunde zu mir herein – was sieht er? Was sieht er hier bei mir nicht mehr? (Barmbek, 18.5.)

Ein Mitarbeiter bitte an die Spargelschälmaschine!

Tere!

Günter Herburger und seine Frau Rosemarie sind auf tragische Weise umgekommen. Sehr traurig. Einige Jahre lang war mir Herburger sehr nah, kamen häufig seine Briefe, lachten wir miteinander das Lachen der Rebellen, die ihren Überzeugungen selbst nicht ganz über den Weg trauen. Am Ende hatte Günter Herburger keinen Verlag mehr, obwohl seine Gedichtbände viel gelobt und besprochen wurden. Man hat ihn zum alten Eisen geworfen, auch wenn er nie eisern war, immer nur, auch im Extremmarathon, sich und der Welt etwas beweisen musste. Mit Günter Herburger ist einer der letzten feinsinnig-bösen Stilisten gestorben. Die Welt ohne ihn ist eine eklatant ärmere. Berlin wird ihn nicht vermissen. Aber ins Allgäu reißt sein Tod einen Krater von der Größe Berlins. Leben Sie wohl, lieber Günter Herburger, bleiben Sie unterwegs! (3.5.)

Woran es so vielen Jungen von heute zu mangeln scheint, ist nicht Mut, Klugheit, Liebe – es ist die Sorgfalt gegenüber den Gegenständen, das Achtsamsein angesichts der Dinge.

„Es ist sehr modern, Unkraut zu essen“, sagt die Estin.

Über den Emajögi fliegen in hellen und dunklen Scharen Vögel, Wolken, Pulks, Formationen. Gänse, Möwen, Krähen, Dohlen, Sperlinge, Tauben über Tauben. Ein Wind aus Flügeln. Sie sitzen auf den Uferböschungen, als würden sie warten. Worauf wartet ihr? (Tartu, 8.5.)

Die Esten, sagt man mir hinter vorgehaltener Hand, küssen einander nicht zur Begrüßung, berühren einander nicht mal, sagen lediglich: „Tere!“

Die großen, seltsam schlanken Uferbäume, die auch halb im Wasser stehen, umgeben von Dutzenden aus dem Fluss ragenden, kniehohen Abkömmlingen. Luftalgen. Moosgehölz. Die Bäume kommen. Die Bäume als Botschafter.

Abends finden rund um das Sadamateater – das Theater im Hafen – und zwischen den alten Marktständen und der Fischauktionshalle Militärübungen statt. Plakate: „Wir sind stolz auf unsere Grenztruppen …“

Tere!

Das Gequake, das du hörst, ist kein Klingelton-Gimmick irgendeines Smartphones. Es stammt von Enten. Da sind Enten auf dem Fluss mitten in der Stadt und quaken.

Ich habe alle meine Grenzsoldaten entlassen.

Der neue Zentrale Omnibusbahnhof, der „Bussijamma“, bloß ein kleiner Kasten im Vergleich mit dem früheren in der Sowjetzeit, sagt die Estin, die uns durch die Stadt führt, als wäre die ein Freilichtmuseum im Frühling. An den großen Kreuzungen die Einkaufszentren und Malls, äußerlich postkommunistisch, im Innern der Flitter, mit der sie alle hier so wie ich in leere Träume sinken.

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen

The Twilight Sad – No One Can Ever Know

Hamburger Frühlingswind, ein Westwind, der die Meeresfeuchte mit sich führt und anreichert mit den Gerüchen des Erdbodens. Algen und Tulpen. Durch die aufgewühlten Lüfte wirbeln rosa die fingernagelgroßen Kirschblüten. Es gibt in diesen wenigen Tagen des Jahres eine staunende Stille auf den Gesichtern, ein Einverständnis mit dem aufs Neue Verheißenem. (30.4.)

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen. Der Herdecker Harkortsee. Das satte Grün, das ich immer schon geliebt habe an Bochum.

Am Vormittag, im hellen Licht, die Verkehrsinseln übersät von gelb aufgeblühtem Löwenzahn. Am Abend die letzten Blütenblätter der Wintergerbera auf den Intarsien. Flaum im Handteller. Zweiter Mai. Pusteblume.

Das Kind hat an diesem Tag seine Leidenschaft für Atome entdeckt.

„Halte gegenüber den Anderen, was du allein dir versprochen hast. Da liegt dein Vertrag.“ René Char

Behaustheiten

Lauter als der lauteste Punk, der lärmigste Death Metal, der sich aus der Nachbarwohnung durch die Wände drillt: das Singen der Vögel im Innenhof.

Bau ein Haus, aber lass die Haustür offen.

Das Kind hat einen Ast im Park gefunden und mitgenommen nach Haus, in sein Zimmer, wo es den Ast, an dem ein paar letzte Zweige sind und sogar halb vertrocknete Blätter, neben das Bett legt. Dort liegt der Ast in der Nacht. Fragt man das Kind, was der Ast soll, bekommt man zur Antwort: „Nichts, der Ast soll nichts. Außerdem ist er kein Ast.“

OMD – Dazzle Ships

Vor dem Haus wird eine grün bemooste, fast braune Straßenlaterne ausgetauscht gegen eine neue, noch ganz blanke, beinahe wie verchromte. Frag den Baustellenleiter, ob er weiß, wie lange die Laterne hier gestanden hat, an ihrem Laternenlichtort, und er, der dickbäuchige Mensch in dem Unterhemd und der Latzhose, antwortet ohne zu zögern – doch, er zögert, aber unmerklich oder kaum merklich, denn er ist auch bloß ein Mensch – bloß? –: „49 Jahre, seit 1969, deshalb wechseln wir sie, Laternenvorschrift. Laternen 49, Ampeln 29 Jahre, die sind schwerer.“ Frag ihn, ob er weiß, wieviele Ausfälle diese eine, diese besondere, weil deine, vor deinem Fenster stehende, nein nicht mehr stehende Laterne gehabt hat in 49 Jahren, und er antwortet nach einem Blick in seine Laternenliste: „Keine. Hat anscheinend immer gebrannt. Geschienen. Zuverlässig, die alte Herzogin.“ 9,50 m sei sie hoch, sagt der Baustellenleiter, desgleichen die baugleiche neue. Der Austausch ist nach anderthalb Stunden erledigt und vollendet. Die Laterne, die keine mehr ist, wird auf der kurzfristig abgesperrten Wohnstraße zersägt und verladen. Licht aus, Frau Herzogin. (Barmbek, 19. April)

Umspannwerk im grünen Gras voller Butterblumen. (Ulm, 20.4.)

Erinnere dich an Wittfeitzen, Wendland 1979, das kirchliche Feriencamp, die stillen, sonnendurchpulsten Wälder rings um den weitläufigen Zeltplatz. Es war kein Idyll, mit Romantik – Nullbegriff – hatten die Wochen nichts zu tun. Alles brach auf und wurde Neues, Ungeahntes. Abscheu und Abenteuer waren beinahe eins. Auf einmal liefst du allein durch die Welt, ungesehen, unbeobachtet, bereit, verloren zu gehen und wurdest ich. Hinzu kam das Erzählen, das Phantastische der Phantasie – denn da erzählte jeden Abend der Küster seine Geschichten, seine aus dem Stegreif erfundene, weitergesponnene Erzählung, und wir lauschten und blickten einander in die Gesichter, du und ich.

Architektur und Moral

„Störlesung“ im Bauernhaus, im Oberdorf von Rauris im Salzburger Land. Ein strahlend blauer Nachmittag. In dem Drei-Generationen-Haus – der Sohn und dessen Sohn holen mich mit dem Pick-up vom Hotel ab – erwarten den Autor 40 Gäste, ländliches Literaturpublikum. Wir sprechen über Heine, Trakl, Morgenstern, Fried. Die Bachmann. Gedichte also. Ich lese also aus den neuen Gedichten. Es gibt eine große Einfühlsamkeit. Das Marienantlitz an der Stubenwand hat die Tochter gemalt, die Enkelin, die Maria ähnelt. Es ist auch ein Selbstbildnis. Nach meiner Lesung setzt sie sich zu mir, offenherzig und zugleich verlegen – oder bescheiden – fragt sie nach meiner Arbeitsweise. Unser Gespräch dreht sich um Wirklichkeitsschau. Kann ich in einem Gedichtentwurf bannen, was mir wirklich erscheint – oder verfälsche ich das Erlebte, das Geschaute, indem ich meinen Entwurf nachträglich zu verbessern versuche? Sie ist 21. Sie hat drei Kinder. Die Kleinen toben durch die Stube voller Leute, die längst allen Kuchen verzehrt haben und sich über Gott und die Welt unterhalten. „Auf der Stör“ waren hier die Handwerker einst, so wie im Norddeutschen „auf der Walz“ – also ist meine Lesung eine Wanderlesung. (Singen, 7.4.)

OMD – Architecture and Morality

Wie es sich anfühlen mag, das Leben verbracht, ohne existiert zu haben, fragt Oswald Egger in seinen poetischen Aufzeichnungen vom Leben auf dem Land „Val di Non“. Die Frage erscheint mir absurd, irrig angesichts der Fülle aus Beobachtungen und Empfindungen, die Eggers Text ab- und durchaus hervorruft bei einem wie mir, mit einer im Ländlichen verbrachten Kindheit. Aber ich kann das Geschwafel von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit nicht mehr ertragen. Wie soll ich denn existieren, wenn diese höhere Existenzform mein Leben – mein Empfinden, mein Denken, mein Leben – zu übersteigen hat? Ist damit eine unausgesprochene, eine unaussprechbare Transzendenz gemeint? Warum die auf Kosten eines Lebens und als unmöglich postulieren? Colm Tóibíns Schilderung Minny Temples, der jung verstorbenen Cousine Henry James’, die dem Romancier zeitlebens als menschlicher Maßstab gegenwärtig blieb, lese ich im Roman „The Master“ („Porträt des Meisters in mittleren Jahren“, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini) als eine poetische Antwort: „Henry fragte sich außerdem, was das Leben für sie bereitgehalten hätte und wie ihre erlesene Fähigkeit zum Widerstand mit einer Welt hätte fertig werden können, die unweigerlich versucht hätte, sie in ihre Schranken zu weisen. Es war ihm zumindest ein Trost, daß er sie so gekannt hatte, wie es der Welt nicht vergönnt gewesen war, und daß der Schmerz, ohne sie leben zu müssen, nicht mehr als ein Bußgeld war, das er für das Privileg zahlte, zusammen mit ihr jung gewesen zu sein. Was einmal Leben war, dachte er, ist immer Leben, und er wußte, daß ihr Bild fortan über seinem Geist walten würde als eine Art Maßstab und Norm von Klarheit und Gelassenheit.“

Mit der Dunkelheit kam der schwere, erdige Geruch des frischen Frühlings. Er stieg aus den wenigen unbebauten Flächen in der Innenstadt und strömte einem in die Nase wie die Erdbeerdünste einer Erdbeerkonfitürefabrik. Am Tag tschilpten die Vögel, die Singvögel von Singen sangen, doch sobald über dem Fußballplatz das Flutlicht leuchtete, verstummten sie und stieg aus dem auf einmal wieder grünen Boden der Duft. (Singen, 9.4.)

Nachtöffnung

Regen, ein Gefühl,
und die mageren Nebelpferde
knapp überm Erdboden.
Da sind wir aufgehoben, alle
traurigen Gestalten eines Lebens,
unter einem Baum, der bleibt,
und über den gelben Wassern.

Durch uns segeln
die Mauern hindurch
in die Nachtöffnung,
mit einem Mund, der aufgeht
und der uns sagt, die Brücke,
hier ist sie zu Ende. Und ins Moos
auf dem Handrücken kratzt der Wind
lesbare Regungen.

*
1990 – 91 – 95 / 2018

Auf dem Gesicht der Blinden die Sonne

„The Lady of Shalott“ heißt eine Ballade Tennysons, nach der John William Waterhouse 1888 ein Gemälde vollendete. Es zeigt die unglückliche Jungfrau Elaine, die durch einen Zauberbann auf einer Insel im Fluss gefangen ist, der zu König Artus’ Hof Camelot führt. Dort webt sie, was sie in ihren Träumen und Gesichten sieht, in einen endlosen Teppich ein, bis sie sich eines Tages in den am anderen Flussufer vorbeikommenden Ritter Lancelot verliebt. Um zu ihm nach Camelot zu gelangen, steigt sie in ein Boot, auf dessen Bug sie ihren Namen malt, und lässt sich darin flussabwärts treiben in ihr Verderben, denn sie setzt mit ihrer Flucht einen todbringenden Fluch in Gang. In Camelot findet man nur den Leichnam der vielbestaunten Schönen in dem Boot und auch den Teppich, den sie aus ihrem Gemüt gewoben und Wirklichkeit hat werden lassen. Auf ihrer Brust liegt ein Pergament, auf das sie schrieb: „The web was woven curiously, / The charm is broken utterly, / Draw near and fear not, – this is I, / The Lady of Shalott.“ Waterhouse’ Bild zeigt die Verstörte in ihrem Boot, wie sie ablegt vom Ufer ihrer Banninsel (sie weiß bis zu ihrem Tod weder, weshalb sie verbannt wurde noch welche Strafe sie erwartet) und auf den Fluss zuhält, der ebenso der Styx sein könnte. Immer verblüfft an dem mit einem Grauschleier überzogenen kräftigen Farben hat mich, dass auch das Boot des moribunden jungen Edelfräuleins „Lady of Shalott“ heißt, der Namenszug steht deutlich zu lesen am Bug, wenn man in der Londoner Tate Gallery vor dem nicht auffällig großen Bild steht. Auf dem bunt und detailliert bestickten Wandteppich, dem „web“, der „Webe“, den die in den Tod Fahrende mitnimmt, ist die Geschichte ihrer vertanen Liebe zu Sir Lancelot nachgebildet, auch die Stickereien und Webereien auf dem Textil lassen sich also zusammenfassen unter dem Titel „Lady of Shalott“. Viermal der Name: Bildtitel, Frauenname, Bootsname, gestickte Geschichte. Jede Strophe von Alfred Lord Tennysons Ballade endet mit dem Namen Shalott – bis auf eine in der Mitte (um die das Gedicht sich dreht), die mit Lancelots Namen schließt. Für die Liebende schließt sich die Welt, die nur mehr aus ihrem Unglück besteht, und die Welt schließt ja auch sie aus: Im Fluss kann sie die Türme Camelots gespiegelt sehen. Aber das Schloss selbst ist für Elaine unerreichbar.

Das Kind bremst. „Mein Fahrrad rülpst“, sagt es und steigt ab.

Die unbändige Freude der Blinden, die im Innern, im Saal, oder im Partyraum ihrer Vorstellung, einen Tanz zu üben scheint. Seit Jahren habe ich auf einem Gesicht nicht mehr eine solche freie Mimik gesehen, ein Glänzen im Blick, ein strahlendes Lächeln. Am Morgen im Gasthof unter den verschneiten Berggipfeln ist es im Zimmer so dunkel, dass ich zwei Sekunden lang glaube (ohne Angst zu haben), erblindet zu sein und mir die Blinde aus dem Zug wieder einfällt. Doch vor dem Fenster scheint die Sonne. Und so schien auch auf dem Gesicht der Blinden die Sonne. (Rauris, 6.4.)

Gute Nacht, Turnhalle

Das Tier hat eine Maus getötet und den leblosen Körper vor die Terrassentür gelegt – offenbar ein Geschenk. Das Schönste, was es töten und mir bringen konnte. Von da an kümmert die tote Maus das Tier nicht länger. Es frisst sie nicht auf, würdigt den Kadaver mit den schönen, jetzt stumpfen Augen keines Blickes. Das Tier scheint selber verwundert zu sein von der Leblosigkeit des kleinen Tiers dort auf der Terrasse. Ab und zu blickt es doch hin. Als ich den Körper in einen Kräuterbusch gelegt habe, ist das Tier verwundert – so scheint es –, weil ihr Geschenk entfernt wurde. War es nicht willkommen? Das Blut der Maus steigt ihm in die Nase, noch als ich es mit kochend heißem Wasser von den Terrassenholzbohlen gespült habe. Es hatte geschneit in der Nacht. Die Maus lag die ganze Nacht lang im Schneefall. Ihre Sprungbeine. Ihre Barthaare. Die wundervollen Ohren. O Barmherzigkeit.

Ich höre The Clash, höre „Combat Rock“ und „Sandinista!“ – und in den Pausen zwischen den Songs (und den Erinnerungen, an Zimmer, an Gelächter, Frauen, Freunde) das Rieseln des Schnees. (22.3.)

„Alle sind wir früher oder später Schatten, werden nur nicht überwältigt.“ John Cheever

Sonne fällt in den Gefängnishof, und alles riecht nach Abschied.

„Gute Nacht, Turnhalle“, sagt das Kind – und meint damit dich. Ja, stimmt, manchmal bist du eine Turnhalle. (Eppendorf, 29.3.)

Die Erinnerungen kommen einem mit fortschreitendem Alter immer zweifelhafter vor. Ihnen ist nicht zu trauen – zumindest ihrem sogenannten Wahrheitsgehalt nicht. Vielmehr erscheinen sie zu einem bestimmten Zweck eingerichtet: das Leben kurz erscheinen zu lassen, zu kurz. Der Sinn des Erinnerns wäre demnach die Wehmut. Doch auch das ist vorgegaukelt, der Gedanken und Gefühle Spuk. Nur damit du weiterlebst, älter wirst, weiter schaffst und leistest, kommt dir dein vergangenes Leben mit der Zeit immer kürzer vor, als es in Wirklichkeit war und ist. (1.4.)

„We fall, but so does everyone else“ – so John Cheever, der passionierter Schlittschuhläufer war und der zeitlebens unter einer Brückenphobie litt.

Kraftwerk – The Man Machine

Zum Tod von Günter Herburger

Saurüssele

Das Wichtigste,
was man von Schweinen
lernen kann: kein Mensch zu sein.

Sie sind sehr sauber,
sehr gefühlvoll, ein wenig zänkisch,
kämpferisch, aber dann lieben
sie einander wieder,
und wenn sie weinen,
was sie gerne tun, schreien
sie kaum und lächeln dabei.

Einen Tag, bevor sie
geschlachtet werden sollen,
sind sie nervös und konfus,
rennen umher und beschmutzen sich.
Dann beginnen sie zu singen,
sehr tief und sehr hoch,
wir vermögen es nicht zu hören.

Kein einziges Schwein ist bekannt,
das alt, krank und mager
noch auf der Weide lebte,
ganz und gar nicht allein,
weil umgeben von Igeln,
sodass, wenn es stirbt,
es auch ein Häufchen wäre,
bedeckt von Blättern und Geschmeiß,
deren Konzerte
wir niemals vernehmen.

Günter Herburger
6. April 1932 – 3. Mai 2018

Eine im Wasser zerschlagene Vase

Ein Funke genügte, und das kleine Mädchen stand in Flammen. Es brannte innerlich lichterloh, ohne das etwas das Gemütsfeuer hätte löschen können. Das kleine Mädchen weinte und schluchzte und jammerte, es wälzte sich auf dem Boden, bis es spürte, dass das Lodern in seinem Innern alles heruntergebrannt und verzehrt hatte, was ihm so zusetzte. Das Lachen, nach dem ihm dann zumute war, musste noch zu dem Feuer gehören, denn eine Zeitlang fühlte es sich ähnlich tröstlich an. Bis sich das Lachen verwandelte und laut wurde und das Vergessen war.

„Nirgends ein Fuchs, der über die Lichtung schnürt. / Nirgends ein menschliches Wort.“ Christian Saalberg

Dass ein Tier domestiziert ist, dass es erfolgreich zum Haustier gemacht wurde, erkennst du an seiner Gier.

„Es liegt etwas Ekelhaftes im Gedanken an Belohnung.“ Joseph Conrad

Maison. Mais sans toi … ein Wortspiel, aber ein ernstes. Ohne sie schien alles nur ein trauriger Witz.

Der Bodensee bei Windstille: silberne Ebene, am Horizont die Schneegipfel. Dieses ganze Herumgereise, schärft es tatsächlich – wie dir lange schien – die Aufmerksamkeit? Doch nur für immer kürzere Zeit. Allmählich verlierst du dich im Unterwegssein. Und verlierst auch das Gesehene – was zuerst: dich oder das kaum mehr Bestaunte? (Singen, 9.3.)

Eine Notiz aus dem Jahr 1800: „Wenn im Wasser eine Vase zerschlagen wird, die eine Flüssigkeit enthält, behält diese Flüssigkeit, die sich mit dem Wasser vermischen und zerfließen wird, eine Zeitlang die Gestalt der Vase, die sie enthielt.“ Joseph Joubert

Verbunden mit dem Licht der Sterne

„In der gewöhnlichen Rede dienen die Wörter dazu, an die Gegenstände zu erinnern – wenn aber die Sprache wirklich poetisch ist, dienen die Gegenstände immer dazu, an die Wörter zu erinnern.“ Joseph Joubert

Canetti über Joubert: „Er nimmt Geistiges auf, als wäre es eine Bewegung der Luft. Gedanken und Worte empfindet er als Atem oder als das Auf- und Niederschweben von Vögeln.“

„Wenn du etwas sehen willst, das dir gehört, mach die Augen zu“, hieß es in meiner Familie den Kindern gegenüber. Genau das ist es, was sie, was wir den Eltern, den Alten noch immer viel zu selten sagen: „Wenn ihr wissen wollt, was wir euch schulden, macht die Augen zu.“

Weshalb ich hier immer wieder auch von dir schreibe, von mir, aber dann wieder auch von dir: damit hier gelüftet wird. Damit hier gar nicht erst der Mief der Ichsucht wabert. Und damit auch du dich gemeint fühlen kannst. Okay?

Den ganzen Tag lang hat es geschneit, hat die Wirklichkeit sich erholt.

Wir gingen spazieren, mein Herz und ich. An einem grauen Fluss – die Dämmerung – sah ich einen Alten ins Wasser springen, mir sicher, dass er sich das Leben nehmen wollte. Ich sprang ihm also hinterher, der Jüngere dem Alten, dachte im Sprung an meine Liebste und daran, dass es womöglich besser gewesen wäre, zuerst die Schuhe auszuziehen … als ich eintauchte, tief in das auf einmal hell flaschengrüne Wasser. Auf der Stelle sah ich unter Wasser dutzende großer, mit riesigen Zähnen ausgestatteter Fische, die mich nicht entkommen lassen würden. Ich weinte innerlich, weil kein Abschied möglich war. (2.3.)

Eines der ergreifendsten Lieder der Welt, Pete Townshends I am secure von seinem Album „White City: A Novel“ von 1985. Darin singt er: „This is my cell. But it is connected to starlight.“

Der tyrannische Autor

Vor rund vier Wochen wurde ich von der Frankfurter Allgemeinen gebeten, Botho Strauß’ neues Buch „Der Fortführer“ zu besprechen. Heute erschien meine Rezension in der FAZ, allerdings in einer an empfindlichen Punkten des Textes eingekürzten Version. Meine Kritik an Strauß’ Verächtlichkeit gegenüber Leserinnen und Lesern, die er für minderbemittelt zu halten scheint, oder an seiner Pauschalherabwürdigung der Frau („ältestes Lasttier des Menschen“) wurde aus der Besprechung getilgt, aus Platzgründen, wie es heißt. Das Ende fehlt ganz. Deshalb hier meine ursprüngliche Rezension des Buches, wie ich sie von Mitte bis Ende März in Lenzburg im Aargau geschrieben habe:

Botho Strauß
Der Fortführer
Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg 2018
208 Seiten, 20 Euro

Von Mirko Bonné

Fortführen kann ich die Zoohandlung meiner Tante. Oder meine Tante selbst, so sie denn fortgeführt werden möchte oder muss. Bin ich dann Fortführer? Eher Fortführender. Der Fortführer bin ich erst im Wortspiel mit dem Wortführer.
Der Rahmen, in den Botho Strauß seine neuen Aufzeichnungen stellt, ist durchaus ansprechend. Zwei Teile hat „Der Fortführer“, Abfolge und Gewichtung sind überlegt und aufeinander abgestimmt. Der erste macht zwei Drittel des in gedeckten Farben gehaltenen, klassisch, ja bedeutend anmutenden Buches aus: „Zwischen Jetzt und Nu“ umfasst vierzehn unbetitelte, ihrer Kürze und motivischen Verknüpfungen wegen mühelos lesbare Kapitel – nur ein einziges Notat ist länger als eine Seite. Versehen mit unterschiedlichen Einzügen, sind alle kleinen und größeren Absätze übersichtlich, wenn nicht einladend über die Seiten verteilt, wo sie wie Strophen wirken, denn es fällt auf, dass dieser erste Buchteil im Flattersatz gehalten ist.
Nicht so der zweite, das abschließende Drittel, das dem Buch den Titel gibt. Auch hier Aufzeichnungen, nur fehlen Kapiteleinteilung und graphisches Spiel. Notate, in herkömmlicher Weise gestaffelt: bündig, ohne Einzüge. Wenn man bereit ist, gestalterische Elemente als aufgeladene Zeichen zu deuten, liegt in der formalen Raffinesse des Buches ein gewisser poetischer Reiz. Ansonsten aber ist „Der Fortführer“ ein haarsträubendes Elaborat aus verächtlichem Raunen und unfreiwilliger Komik.
Zentrales Thema scheint das Zeitliche zu sein: Vergangenheit, Vergänglichkeit. Augenblick, Dauer. Tradition, Überlieferung. Strauß geht es jedoch nicht um Alter, Muße, versöhntes, erfülltes Leben und Miteinander heute. Sein Anliegen ist nicht Verständnis. Es zählt nur Wille zur Erkenntnis. Sein Projekt ist eine restaurative Schubumkehr, zu deren Zweck er sich zum so unverstandenen wie wissenden Künder eines nahenden Heroenzeitalters stilisiert, dem Fortführer.
Sosehr hier einer erläutern zu müssen meint, was das Poetische sei, was Poesie und was Dichtung – für Strauß offenbar Synonyme, differenziert wird nicht –, so wenig poetisch sind seine Sätze. Die Bilder sind unausgewogen und schief („Grille und Geist – beide reglos vor dem jähen Sprung“), was verschwurbelte Wortwahl und gedrechselter Satzbau immer wieder kaschieren müssen. Metaphern wirken abgegriffen und instrumentiert, rhetorische Figuren zweckgebunden, durchsichtig, bemüht: „War nicht am Ende alles Richten und Zerstören bloß der Tanz zu einflußreicher Musik, die von unsichtbaren Terrassen herüberklang und zu den kühnsten Handlungen aufspielte?“ Geht es noch?
Wortspiele („Narretei des Narrativs“), Stabreime („Da! Damals“), metrische Raffungen („Und so, wie’s war, kann’s keiner fassen“), Wie-Vergleiche (der Kummer „beinahe wie ein Pferd“, der Kummer „wie eine feuerfeste Kastanie“) und Zitate über Zitate, griechische, lateinische, englische und französische, deren Übersetzungen genussvoll-schulmeisterlich gleich mitgeliefert werden – alles um klarzustellen, wo der Fachmann hier den Hammer hängen hat.
Des Fortführers Werkstatt ist seine „Bibliodizee“. Fledermausartig fliegen dort Fremdwörter umher. Zum Lachen geht man in den Keller. Nur selten leuchtet zwischen den Zeilen etwas, das an Lebenswärme, an weitererzählte Erfahrung erinnert. Ein alter Mann fällt an derselben Stelle in den Matsch wie viele Jahre zuvor sein kleiner Sohn: „Man gräbt sich in den Weg, von dem man einst sein Mannesalter von einem Kind empfing.“ Das Bild mag überfrachtet sein, gibt aber zu denken und bleibt trotz des steifen Tons im Sinn, weil es sich einfühlt und anrührt. So plump hier mit pseudo-poetischen Mitteln manipuliert wird, ist Botho Strauß’ neues Buch stilistisch gesehen jedoch fast durchweg bestenfalls enttäuschend.
Der Flattersatz des ersten Teils erinnert nicht zufällig an die bei Online-Texten übliche Form: Netz, Smartphone, digitale Kommunikation und die oft vorgegaukelt freie Verfügbarkeit von so vielem, darunter Partnerschaft und Sex – ein Themenbereich, dem Strauß sich in „Zwischen Jetzt und Nu“ widmet, indem er als bewusst Außenstehender kritisch und um einen eigenen Blick bemüht betrachtet, was für die meisten Leute einfach bloß Alltag ist oder zu sein scheint. Wer will die Wünsche anderer verdammen?
Es ist der eigene Blick dessen, der sich als „Phantast, Archaiker und Träumer“ versteht und in Abwandlung des Ausklangs von Hölderlins Hymne „Andenken“ fordert: „Wir müssen Verwirrung stiften wie einst die Dichter das Bleibende“ – ein Beispiel für Strauß’ ungenaues Lesen: Bei Hölderlin stiften die Dichter nicht das Bleibende, sondern das, „was bleibet“: Worte, Verse, Sprachmusik, Musik der Wörter und der Bedeutungen. Das Bleibende ist viel zu groß.
Verwirrung stiftet „Der Fortführer“ allerdings. Vor allem im zweiten Buchteil wird zu einem Rundumschlag ausgeholt gegen jede Form heutiger Technologie und im Hauruckverfahren damit gleichgesetzter Lebensgestaltung: „Mit den Händen eine Kelle formen, unseren Hirnglibber ausheben und in die digitale Schale betten. Wir sollen nur umgefüllt werden.“ Dieses Wir, wer ist das? Es ist rhetorische Pose. „Kommunikation und Verwesung“, nach Strauß „ein und dieselbe leibliche Wucherung, dieselben Gänge benutzen Nachrichten und Würmer.“ No comment. Dagegen kann es lediglich „der drangvollsten Botschaft“ gelingen, „auf der Liebe und des Äthers Wellen“ größere Entfernungen zu überwinden. Telefon? Skype? Nicht in der angeblich höheren Welt, die Strauß entwirft, wenn auch für nur einen Bewohner. Der sagt von sich: „Mitten im Gewühl den Kopf überm Gewühl.“ Er scheut davor zurück, zu nah an jemanden heranzutreten: „Ein Eishauch könnte seiner Brust entweichen und den anderen erstarren lassen.“ Auch das ist Pose, und wenn Poesie, dann die eines Superhelden, einer Mischung aus Iceman und Deadpool.
Erstarren lässt bei der fortgeführten Lektüre tatsächlich manches: „Die Seele (…) wird die Form eines Rachevogels annehmen und die Gespenster der Freiheit verscheuchen.“ – „Dieselbe Technik, die die optische Verschmutzung unter die Menschen brachte, ermöglicht auch, den Erdball einer photo-klastischen Reinigung, bildlichen Auslöschung, zu unterziehen.“ – „Auch sind es nicht allein die paar Dutzend heroischen Kunstwerke der Menschheit, sondern es ist das unüberblickbare Heer der von ihnen inspirierten, angetriebenen Nachfolger und Kombattanten, die alle gemeinsam sich zum Feldzug sammeln gegen den Ansturm der jungen Tage. Auf keinen Krieger kann man verzichten.“ – „Erst im Zeitalter der sozialen Netzwerke gewinnt asozial neue Konturen.“ – „Das Leicht-Deutsch aus Erkennungszeichen für die Masse der kommunikativ Sprechenden und das entfaltete für die, die ihr Hirn für anspruchsvollere Zusammenhänge fit halten müssen.“ – „Wider den Mißbrauch der Schrift beim Chatten! Beim Quatschen läßt man ja auch von der Schrift!“ – „Debilwerden als Rasseschicksal.“ – „Warum gibt es keine Verbindung (Nährstränge) von den Klugen zu den Dummen? Weil die Dummen emanzipiert sind, die Klugen aber nicht.“
Wilde Theorien wechseln sich in verbissener Oberstudienratsprosa mit Hirngespinsten, Pseudo-Philosophisches mit verbrämendem Schwulst ab. Nirgends nur ansatzweise Ironie, gar Selbstironie, keine Spur von Witz, Verwunderung, Neugier, Zweifel. Dünkel to go. Die Lektüre ist ein einziges Belehrtwerden, das Herrscherprinzip: Der tyrannische Autor demütigt statt mitzuteilen, diffamiert anstatt mitzufühlen. Krude, wenn er über „die wahren Obdachlosen“ doziert, nämlich Verstorbene. „Men’s oldest beast of burden was woman“, „Ältestes Lasttier des Menschen ist die Frau“, übersetzt Strauß, man beachte die Zeitform. Kein Wunder, dass er Frauen eine „Restlaufzeit“ zuschreibt. Dichterisches ist in derlei Äußerungen nur mehr Mittel zu schönfärbender Verharmlosung.
Die Grenze zur Perfidie überschreitet „Der Fortführer“, wenn das „Narrativ des Flüchtlingsdramas“ seine Entlarvung findet. Für Strauß ein Problem des Jargons: „Entweder ist es Erzählung oder Drama. Oder aber postdramatische Flüchtlingsperformance.“ Der Diskurs wird benutzt, sein notwendigerweise vorläufiges Vokabular verschnitten und desavouiert. An anderer Stelle wird vom „herrlichen Deutsch“ schwadroniert und, en passant, die Grammatik zurechtgestutzt, um anhand eines Schulfestes das Erlebnis „Unter-Menschen“ vorzuführen.
Da klappt man dann schon mal das Buch zu und ist einfach fassungslos.
Die finster-rigide „Gegenmoderne“, die Strauß propagiert, möchte man lieber nicht kennenlernen. Sie ist eine Unterwelt, eng wie ein Toaster. Den Heroen, denen er huldigt (Goethe, Novalis, George, Loerke, Pound, Benn) begegnet man besser mit kritischem Lesen. Strauß wäre gut beraten, The Clash zu hören oder Christine and the Queens. Er sollte sich von Jirō Taniguchis Mangas verblüffen lassen und hin und wieder in Christian Saalbergs Gedichten lesen. Das lässt die Superheldenkruste abplatzen.
Poesie fordert nichts, nur freies Atmen. Sie ist zu keiner Zeit Instrument, schon gar nicht der Herabwürdigung. Poesie ist das Bindegewebe menschlicher Überlieferung, doch nicht Sprache, Geschichte oder Vergangenheit stehen in der poetischen Tradierung im Vordergrund, sondern auf mannigfache Weise ist es immer menschliche Güte, sind es die Abgründe und Zweifel von Einzelnen, ob Frau oder Mann. Aus diesem Grund schrieb John Keats, Arztberuf und Dichterberuf seien dasselbe.
„Gäbe es für mich je ein Problem, würde ich sofort die Weltgemeinschaft um Rat fragen. Aber ich habe keine Probleme“, meint Botho Strauß. Man möchte ihm Leserinnen, Leser und Lasttiere wünschen, die ihn wenigstens von diesem Irrtum abbringen.

Im Colloquium

Einer im Colloquium (1998)

Zwei im Colloquium (1998)

Vorder- und Rückseite eines linierten gelben Notizblattes, Treffen „Das Netz“ von schweizerischen, österreichischen und deutschen Autoren, LCB, Berlin, 15. März 1998

Drei Flüsse an einem winterlichen Tag

Als Heinrich Voß Hölderlins „Antigone“-Nachdichtung gelesen hatte, trompetete er los – wahrscheinlich stand Goethe aufgeblasen irgendwo im Mittelpunkt eines Saals: „Ja, ist der rasend? Oder tut er bloß so?“ Und alle lachten, weil sie Vossens Tröten in ihrer Dumpfheit für einen Witz hielten. Goethe nickte dem Paladin zu. Nur Voß selber wusste – oder ahnte, er wusste nicht so recht, wo der Unterschied war –, dass seine Frage bitterem Ernst entsprang. Er selbst musste tot sein, ohne es gemerkt zu haben. Dieser Verdacht erhärtete sich ihm, als er den feisten Gecken von Goethe da mitten im Raum stehen sah, wie er den jungen Dingern in den Ausschnitt stierte. Ja, tot, alle waren sie längst tot.

Bei starkem Frost kracht das Haus in der Nacht – so laut, als krachte die Nacht.

Es gibt auch leuchtende Beleidigungen und Verunglimpfungen. „Was sind denn Sie für einer?“, sagt eine Frau im Supermarkt zu einem fremden Herrn. „Sie Notizblock. Sie karierter. Gehen Sie mir aus dem Weg, oder ich schreibe Sie voll.“

„Die üble Nachrede erleichtert die Boshaftigkeit.“ Joseph Joubert

Drei Flüsse an einem winterlichen Tag, der kein Ende nehmen wollte: die Eisenbahnhochbrücke bei Eglisau über den schweizerischen Rhein – dunkelgrün in der Sonne der Fluss dort unten. Der Neckar dort, wo er noch schmal ist, wo Hölderlin wanderte. Brauner, durchsichtiger Neckar, die Ufer schneebeladen. In der späten Nacht höre ich das Rauschen der Regnitz, im Winter klingt es anders, aber es ist derselbe Ort, an dem ich im Sommer mit meinem Herzen im Fluss schwamm. (Bamberg, 28.2.)