Das Gras

Ob, wann, wo und wie

1
Sie schreibt dir früh, sie habe dich
   lieb. Du wirst davon wach, erkennst
wieder: Bäckerei, das Licht. Rauchend
    stehen Frauen in den Hauseingängen,
reden, lachen, und der Regen friert, es
    schneit, es wächst dir dein Gesicht.
Die Nacht siehst du und verschwimmen
    die Straße, die Lichter, einen Lösch-
zugeinsatz gegen sechs. Brennendes
    Verlangen nach Talk Talk im Morgen-
dröhnen. Nach Zimmerwind. Und dass
    der neue Tag mit ihrer Stimme beginnt.

2
In den Fenstern siehst du Lichter
    oder Leute, vereinzelt, fremd, die
sich fit halten, da unbeirrt glauben
    an Instandhaltung, die Haltbarkeit.
Das Mädchen mit dem Dutt nimmt
    die Brüste in die Hände und hüpft;
mit den beiden Huskys streicht der
    Maharadscha vorbei. Der Schnee,
verharscht. Zum 55. Mal 21. Februar.
    Die Stadt sinkt in die Stille ein, die
Tatenlosigkeit. In Nachtfrost. Warte
    auf kein Wunder mehr. Lass sein.

3
Was der Harsch meint: Da liegen
    Schneereste auf den Lichtungen.
Was die Hand des Nachbarjungen
    in den Schnee schreibt auf deiner
Motorhaube: Thanks Mister Winter.
    Was du wissen solltest: Unlenkbar
alles Glück. Es kommt, es geht vorbei.
    Bei Flockentreiben bleibt innen die
Stimme, die immer schon zu dir sagt:
    Hast du noch Lieder, dann sing sie
wem vor. Horch auf das Ticken im aus-
    kühlenden Motor: Sei Ticken und Ohr.

4
Fern: das Dorf im Luberon, das alte
    Haus mit den blauesten Fenstern,
mitten im Ort, unter dem Kirchlein,
    mit Blick von der Terrasse ins Tal,
mitten im Feigenduften. Manchmal
    scheucht der Mistral das Nichtfest-
genagelte die Straße hinunter. Nah:
    Kinder, Geister, unermüdlich Spiel.
Im Licht versteckt sich die Eidechse,
    der Parkplatzoleander schneit. Näher
als nah: sie und ihr Löwinnenverstehen
    aller Zweifel, ob, wann, wo und wie.

Das Gras wächst weiter

Eine Frau geht vorbei, mit der ich um ein Haar das Leben geteilt hätte.

Gib es zu, du kommst dir immer öfter wie die Fehlbesetzung in deinem eigenen Leben vor.

Und plötzlich liest man wieder Max Frisch.

Im Weinberg, betrunken vom Rotgold des 2. Oktober. Ich werfe alle Ansprüche an Leben und Lieben auf einen Laubhaufen und stecke ihn noch am Vormittag an. Schon Herbst! Die Schlösser hocken an den Bergen wie Krähen im Apfelbaum. Und die Flammen züngeln zum Himmel hinauf, keine zwanzig Sekunden dauert der Zauber. (Edenkoben, 2.10.)

Entlang der Autobahn nach Winterthur trabt ein einzelner Hirsch über ein Feld im Regen – sein entsetzter Blick brennt sich mir ein, seine Verlorenheit unter uns Außerirdischen.

Das Gras wächst weiter. Unbeachtet lässt es Krieg und alles Leid. Es wächst, wird wieder grün, kennt keine Welt, die grad zerfällt, das Gras kennt nur das Gras.

Denk auch und immer wieder zurück an das Pferd auf der Weide am Ufer der Hetlinger Heide, allein da unter dem riesenhaften Strommast, der die Kabel oberhalb der ein- und aus fahrenden Schiffe über den Fluss führt. Tief in Gedanken versunken, so schien es, fast wie verschwunden stand es im grauen Gras, regungslos.

Und auch du selbst so ein schwarzes Loch inmiten der Ereignisse deines Lebens, die du ansaugst, verbrennst und vernichtest. (Vor Grenoble, 3.10.21)

Kein Lied

Wohin unterwegs du warst
– unbekannt. Ich kenne
deinen Tagesbefehl
nicht, nur den Tag,
kein Lied, das
du gesungen hast,
vielleicht sogar gegrölt
aus vollem Hals und vor
lauter Heldenshit. Ich weiß
von keinem Schimmer Licht,
in dem du lagst. Froh? War da
ein Duft? Stiller Augenblick. So.
Licht. Ferne Geräusche, fremd.
Hat dich wer liebgehabt? Wer
war das? Eh die Geschosse
kamen, und immer näher,
bevor es die Granate
zerriss, die Stille
zersplitterte
und du
mit.

Bresche

Kunst tauge nicht zu Propagandazwecken, sondern gehöre zur „Gegenwehr der Menschen gegen den Krieg. Deshalb kann auch die Behinderung von Kunst oder Künstlern kein Akt gegen den Krieg sein“, schrieb Alexander Kluge am 13. April in der Süddeutschen. „Kunst ist kein Richter. Kunst trainiert Wahrnehmung. Die Kriegssituation ist eine Welt der Algorithmen. Die Kunst ist der Anwalt der Gegenalgorithmen.“ Es sind dies die vielleicht einzigen Sätze, die ich während der völkerrechtswidrigen und durch nichts zu rechtfertigenden russischen Invasion in der Ukraine gelesen habe, die mich trösten können. Sie könnten, würden wir ihn hören können – denn er ist nicht gestorben –, ebenso von Oscar Wilde stammen – der den Krieg einer ganzen von Dünkel und Vorurteilen gelenkten Gesellschaft gegen einen Einzelnen am eigenen Leib erfahren musste. Wladimir Putins Europa aufoktroyierter Krieg ist ein Angriff auch auf die Werte, für deren Einsetzung und Erhaltung unzählige Künstlerinnen und Künstler seit Jahrhunderten gestritten haben. Man lese nur George Orwells Visionen „1984“ und „Animal Farm“, lese sie, anstatt sie abzutun als allzu bekannt und Schullektüre. Theater, Dichtung, Tanz, Fotografie, Ballett, Video und Malerei und Zeichnung und Plastik – und Musik! – und Übersetzung – reichen tiefer und drücken tastend oder schreiend, laut oder leise, mehr aus, als dass sie instrumentalisiert oder funktionalisiert werden könnten selbst in Zeiten extremster menschlicher Auseinandersetzungen. Was uns dazu führt, andere zu überfallen, abzuschlachten, zu vergewaltigen und auf offener Straße hinzurichten, den Zusammenbruch des Minimums an menschlichem Miteinander, alles, jede Freude und jedes Gräuel, jeder echte Austausch und jede Untat, wird stets – seit Jahrhunderten und -tausenden – thematisiert in den Künsten, die frei sind, sich freigerungen haben von Staat und Kirche, jedweder Inquisition, gerade deshalb. Kunst hat keine Funktion, nicht mal eine Aufgabe, so wenig, wie ein Kind sie hat. Sie ist Ausdruck von Lebendigkeit und damit Unterschiedlichkeit, wie jedes Kind. Nein, ich bin kein politischer Mensch. Ich misstraue jedem, jedem Axiom, das nicht, wie Keats sagt, am Puls überprüft wurde. Der Zweifel an aller politischen Äußerung ist mein Terrain. Und so wäre es auch unter einer Tyrannei wie jener Putins. Doch ich glaube fest, ja unverbrüchlich an einige wenige menschliche Werte, und es ist kein Zufall, dass ich sie in nur zwei dichterischen Texten der letzten achtzig Jahre ausgedrückt finde, Gedichte, die sich jeder Vereinnahmung zu entziehen vermochten: Ezra Pound wurde in einem Käfig gefangengehalten, weil er sich für Mussolini einsetzte, und schrieb dennoch den Abschluss des Canto LXXXI: „What thou lovest well remains, / the rest is dross.“ W. H. Auden drückte seine Bestürzung über den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in seinem Gedicht „September 1, 1939“ aus und fand darin zu einem Vers von nahezu galaktischer Bedeutsamkeit: „We must love one another or die.“ Man lese es nach, es steht ja alles im Netz.

Fragment eines Kriegstagebuchs

Dieselben Sternbilder am Nachthimmel
wie letzten Winter. Ich bin entsetzt
beim Anblick des Bahnsteigs
voll Tausender, die auf die Gleise,
dann auf der anderen Seite herumströmen
um den viel zu kurzen Zug. Das Foto lässt sich
großzoomen, und da erscheinen vor allem Frauen,
Kinder, Alte, wie auf allen Kriegsdarstellungen,
die ich kenne. Frau mit roter Kapuze,
Kind auf dem Arm. Was hast du,
frage ich mich, von Kriegen
wirklich miterlebt. Jedenfalls Angst.
Drohungen. Bedrohungen. Die Zeit wie
angehalten in diesen Tagen. Was soll da erst
die Frau mit roter Mütze sagen. Freiheit wird siegen.
Du musst dich begnügen. Auf der A5 öfter schweres Militär,
Armeetransporter, und einmal die blaugelbe Fahne
im Seitenfenster eines vorbeiziehenden Horch.
Und die Gespräche Schein. Und die Attacken
unsichtbar. Einen Nachmittag lang hinaufgewandert in
das felsige Bergland, auf dem Schotterpfad weiße Splitter,
vorbei an den Grotten, an Olivengärten, schon gehen
die Augen wieder auf, schon möchte ich überall
am Körper Augen haben. In der Luft zu hören
die Dohlen, seltsam aufgeweckte Raben,
auf dem Smartphone der Einschlag
einer Rakete in Cherson und der Staub
im rasselnden Laub. Ich bin aufgewacht
nach wochenlangem Albtraum im eigenen
Leben, andere schwer vorstellbar, zu schwach
für großstädtische Barmherzigkeit, es tut mir leid.
Wir fahren durch die Nacht. Heim von der Crêperie
in Forcalquier. Die Kids auf den Rücksitzen zählen sie:
die Toten durch die Pest, die Toten durch Corona, die Toten
im Krieg in der Ukraine. Welche Sprache spricht man da?
Die Sternbilder wie immer. Das große W – Kassiopeia.
Orion. Der kleine Bär. Vorm Nachthimmel steht
die Roche amère. Polen bittet die USA,
eigene MIG-21-Düsenjägerbestände
an die Ukraine zu überstellen. Und du
fühlst dich wie? Am vierzehnten Tag nach
dem russischen Angriff auf die Ukraine erklärt
der russische Außenminister Lawrow, Russland
habe die Ukraine gar nicht angegriffen. Was
kann wirklich sein in einer Wirklichkeit,
wo die Lüge sich ins Recht setzt.
Ein Kinderkrankenhaus beschossen.
Mariupol. Wöchnerinnen im Raketenfeuer.
Fünftausend russische Soldaten gefallen, gefallen,
gefallen, gefallen, gefallen, gefallen in nur zwei
Wochen. Ihre schneebedeckten Panzer mit
grillofenähnlichen Gerüsten auf dem Turm,
langsam dahinschepperndes Gerät, abgeladen
irgendwo in Belarus und über die Grenze gerollt, um
die erste nächtliche Kanonade abzufeuern, hinein
ins Vorland von Lwiw. Ich denke an Claude
Simons Schilderungen des Krieges als
das menschliche Nichts, Schlamm,
Matsch, Unrat, Plunder, Müll,
in Fetzen geschossen, das Vieh
halb eingesunken in den Sumpf aus
Stumpfsinn, Angst, Abfall. Simon beschreibt
in „Die Schlacht bei Pharsalos“ die Fassungslosigkeit
der Söldner, erfahren im Kampf Mann gegen Mann,
angesichts der Enge, kaum Raum und kaum Zeit,
auf dem durchstrukturierten Schlachtfeld. Ich
suche auf Google Maps Grodek, scrolle
durch Fotos meines Freundes Farhad
aus Czernowitz vom letzten Sommer, ich
lese, wo Berdytschiw liegt, der Geburtsort
Józef Konrad Korzeniowskis, womit ich Joseph
Conrad meine. Ich war noch nicht in der Ukraine.
Es ist der 11. März. Nächste Nacht erwartet
Odessa die Einkesselung, und ich denke
an meinen Freund Jürgen, der im Mai
mit dem Rad an Kiew vorbei bis
ans Schwarze Meer wollte,
einen Blick werfen auf die Krim,
und denke an meinen Freund Steffen,
den Kosmonauten aus Leipzig, Gagarin2.
Woran erinnere ich mich von seinen Bildern
aus dem Niemandsland um Tschernobyl:
das Grün. Auf der anderen Seite ist
das Gras immer grüner. Tam
choroscho, gde nas njet. „Keiner
hört mich. Ich lalle und meine Hände
sind immerfort in Bewegung, denn
die Liebe ist unsterblich und lebt
weiter in Träumen und Gesichten“,
schreibt Emma Lew in dem Gedicht
„Tschernobyl: Smalltalk“. Krieg heißt
für die, die ihn erleben müssen, die
Unwirklichkeit zeigt ihr zerrissenes
Gesicht. Sie will das Wirkliche sein
und frisst es doch auf. Der Erzähler
Sergei Gerasimow schildert den Luft-
angriff auf Charkiw und beschreibt die
Geräusche erster Raketen und erster
Einschläge, ein nie zuvor gehörtes
Sirren und Gejaul, vermengt mit
ungeheuerlicher Stille, mit der
der Erwartung, mit dem Schweigen
zwischen Einsetzen der Furcht und
Eintreten des Befürchteten. Der Krieg
ist der Riss im Blick, in sieben Sinnen
quer durch dich, aber was weiß davon
ich. „es gibt viele häuser die stehen aber
es gibt keine mitte es gibt viele wege die
führen doch sie führen zu keiner mitte“,
dichtet Tadeusz Różewicz in derselben
Welt. CNN Grodek. Gekappt. Ende
vom Glauben ans Glück, alle elende
Utopie. Heute stand ich auf einer 2025
Jahre alten Brücke und fühlte mich wie?

Eine überdachte Brücke

Als sich lärmend und pfeifend der Demonstrationszug nähert, packt der Straßenclown seine lustigen bunten Sachen ein und hinkt langsam nach Haus. (Manosque, 7.8.)

Im Schoß der Frau die große blassrote Nektarine.

Auf dem abendlichen Friedhof taucht zwischen Mauer und Grabstein eine Katze auf, mit langen Gliedern streicht sie hervor und legt sich auf die kühle Grababdeckung aus überwittertem Marmor. Sie spielt mit den Kindern, hält Distanz, schnürt dann weiter und scheint zu wissen, dass wir sie für die Seele der vermissten Mutter und Großmutter halten, die uns besucht, weil wir sie besuchen. (Volx, 8.8.)

Verwunschen – die überdachte Holzbrücke über den Largue zwischen Volx und Villeneuve. In all den Jahren, vielleicht Jahrzehnten (so sie eine Vorläuferin hatte), hat niemand aus der Familie die im Schatten zwischen den Uferbäumen stehende Brücke bemerkt. Du warst es, der sie entdeckt hat! Oben auf dem Gipfel auf der Roche amère hast du über die Abbruchkante der Schlossruine in die Tiefe geblickt, hinunter zu dem Flüsschen, das im Winter das ganze Tal überschwemmt hatte. Unten zwischen den Bäumen, die den Largue säumen, hast du die Brücke gesehen, ihr helles Holz, ihr schwarzes Dach, ihre Beine aus Stein. Es ist deine. Dir gehört eine verwunschene überdachte Holzbrücke über den zur Durance hin plätschernden Largue.

Beim Angelusläuten der großen Glocke kurz nach 12 Uhr – man kann sie oben im Turm hin- und herschwingen sehen – ist zwischen den Schlägen kurz immer auch das Seil zu hören, das den Glockenrand entlangschabt und sich sirrend strafft, sobald es freikommt.

Der mächtige Baum – die Fassade der kleinen Waldkapelle zeigt in seiner ganzen Höhe und Breite sein Schattenabbild. (Notre-Dame de Lure, 11.8.)

In der Abendhitze (ja, -hitze!) steigt der Gecko nur wenig schneller als eine Schnecke die Fassade empor in den Schatten der Dachtraufe, und rasend schnell (wie aus Widerstand gegen diese Verlangsamtheit) erinnere ich mich an das Eichhörnchen, das einmal in Barmbek die Hauswand im Innenhof hochwetzte, die nackte, glatte Mauer hinauf und wieder hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, fünfzehn, achtzehn Meter in die Höhe in einem Affenzahn (der Sieg des Erfindungsreichtums über die Schwerkraft), bestaunt von den Leuten, die an die Fenster kamen, um dem flammendbraunen Spektakel mit buschigem Schweif Bewunderung zu bekunden.

Ein erstaunlicher Vers taucht zu Beginn von Jannis Ritsos’ Gedicht „Blockade“ auf, datiert 28.5.68, geschrieben im Gefängnis für politische Häftlinge auf der Verbannungsinsel Leros: „Sich nicht erinnern, / nicht vergessen.“ Ritsos schreibt weiter – aber da ist das Gedicht bereits erneut Narration: „Die Gegenwart – sagt er – welche Gegenwart?“ So die Übertragung (durch Armin Kerker) den Sinngehalt des Griechischen erfasst: Wo, worin sieht Ritsos den Spielraum an der Grenze zwischen Nichterinnern und Vergessen? Eine rein zeitliche Auflösung und Ineinanderführung von Vergangenem, Gegenwärtigem und Künftigem in dem Vers zu lesen, scheint mir zu kurz zu greifen, und auch Ritsos selbst hat die Tragweite der Passage womöglich unterschätzt. (13.8.)

Schreib ein Gedicht, in dem sich an jeden Vers anschließt: „– das ist nicht wahr.“

Die Lyrikerin erzählt, auf Lyrikreisen habe sie stets einen Tauchsieder und eine Tütensuppe im Gepäck. Genau so liest sich, genau so liest sie ihre Lürick. Instantverse. Tauchsieder und Tütensuppe.

Japan – Oil on canvas
David Sylvian – Blemish
David Sylvian – Dead bees on a cake
David Sylvian – Everything and nothing

Aus den Übersetzungen

Emily Dickinson

471

Die Nacht – dazwischen Tage lagen –
Der Tag der Gestern war –
War Eins – mit einem Tag von Morgen –
Und jetzt – war Nacht – war’s hier –

Blick sie hinweg – Nacht – wird nicht müde –
Ist wie der Sand am Meer –
Zu unscheinbar die Unterschiede –
Bis nie mehr – Nacht sein wird –

*
Dickinson schrieb das Gedicht um 1862, es erschien erstmals 1945, 59 Jahre nach ihrem Tod, im Band „Bolts of Melody“. Die Bezifferung folgt der Chronologie durch Thomas H. Johnson (1955). Ich übersetzte das Gedicht als Motto meines Romans „Nie mehr Nacht“ (2013), der seinen Titel nach dem Abschlussvers meiner Übertragung erhielt.

Nachtluft, hier und da

Unter der Hochbahnbrücke fährt einer mit einem Rad vorbei, das sich anhört wie ein Schwalbennest. (Hoheluft, 26.7.21)

Fährt nachts die U-Bahn vorbei, fällt sechs Sekunden lang ein Flackern ins dunkle Schreibzimmer – der Baum vor dem Fenster sagt so „ich“.

Death Cab for Cutie – The Photo Album
Death Cab for Cutie – Transatlanticism

Und nachts wetzt auch der Marder von einem geparkten Wagen zum nächsten und sucht darunter Schutz auch vor dir – wie du bei den Büchern. Sofort zu erkennen, dass er keine Katze ist, so schnürt er und trabt, er klettert über den Boden dahin, als wäre er erstaunt, dass das Erdreich nicht senkrecht ist – wie du anders. Fremdling. Marder. Marodeur.

Lana Del Rey – Born to die

Idee zu DIE GEZÄHLTEN TAGE. Nicht die Handlung, der plot, der Schrott standen am Anfang, sondern der Ton, der Geist (das Gespenst) und der wit – an die sich nun lebendige Begebenheiten genauso knüpfen wie das warme Schwelen der Lektüren. Der späte Frisch, der späte Born, der frühe Handke und der frühe Genazino. Der alte Brückenkommissar. Ich hab ihn sofort erkannt.

Schreib ein Gedicht: „Cache-cœur“

Der gelbgolden erleuchtete Lokaleingang gegenüber, wo in Tür und Fenstern die Stühle auf den Tischen stehen und die Kellner mit den knöchellangen Schürzen noch eine rauchen, ehe es nach Hause in die Nacht geht.

Im geraden Winkel zwischen Hauswand und angrenzendem Dach steht am Nachthimmel der Große Wagen, fünf Sterne, die dort funkeln. Glück der Koinzidenz. Der schöne Zufall, hat er etwas zu bedeuten, etwas abgesehen davon, dass er dir auffällt? (Muss er denn mehr bedeuten?)

Aus den Übersetzungen

Ghérasim Luca

Reime unter Anfangsverdacht

animismus
atomismus
dynamismus
euphemismus
islamismus
konformismus
legitimismus
non-konformismus
optimismus
pessimismus
thomismus
transformismus
inanimismus
albinismus
anachronismus
anglikanismus
antagonismus
arianismus
baconismus
brahmanismus
calvinismus
kartesianismus
scharlatanismus
chauvinismus
christianismus
kommunismus
kretinismus
zynismus
daltonismus
darwinismus
determinismus
donjuanismus
evolutionismus
feminismus
gaskonismus
germanismus
hegelianismus
hispanismus
humanismus
illuminismus
indianismus
jakobinismus
jansenismus
japanismus
lakonismus
latinismus
lutheranismus
maschinismus
mohammedismus
mandarinismus
mechanismus
modernismus
monismus
mormonismus
opportunismus
paganismus
pangermanismus
platonismus
presbyterianismus
protektionismus
puritanismus
rabbinismus
republikanismus
egoismus
heroismus
papismus
priapismus
antisemitismus
anthropomorphismus
orphismus
polymorphismus
sophismus
theosophismus
aphorismus
barbarismus
karbonarismus
cäsarismus
empirismus
epikurismus
figurismus
formalismus
funktionarismus
gigantismus
gongorismus
humorismus
lyrismus
masochismus
mesmerismus
manierismus
meteorismus
militarismus
naturismus
naturalismus
parlamentarismus
partikularismus
pauperismus
purismus
pythagorismus
quäkerismus
rigorismus
terrorismus
unitarismus
utilitarismus
neurologismus
spinozismus
absolutismus
athletismus
asketismus
automatismus
surrealismus
dadaismus
banditismus
bigottismus
klosterismus
kosmopolitismus
kubismus
futurismus
nostalgismus
despotismus
dilletantismus
dogmatismus
eklektizismus
fanatismus
favoritismus
hugenottismus
hypnotismus
idiotismus
ignorantismus
jesuitismus
kantismus
magnetismus
moderatismus
autismus
nepotismus
obskurantismus
parasitismus
patriotismus
pedantismus
peripatetismus
phonetismus
pietismus
presbytismus
proselytismus
protestantismus
proxenitismus
quietismus
organismus
rheumatismus
romantismus
sadismus
semitismus
skitourismus
spiritismus
synkretismus
altruismus
truismus
arrivismus
atavismus
zivilismus
kollektivismus
exklusivismus
inzivilismus
panslawismus
positivismus
relativismus
archaismus
judaismus
lamaismus
arabismus
pharisäismus
snobismus
strabismus
anglizismus
katholizismus
kritizismus
exorzismus
gnostizismus
gräzismus
mystizismus
ostrazismus
jotazismus
rhotazismus
solözismus
skeptizismus
stoizismus
katechismus
fetischismus
monismus
monarchismus
schintoismus
buddhismus
druidismus
hermaphroditismus
methodismus
monadismus
atheismus
deismus
epikureismus
manichäismus
monotheismus
polytheismus
pantheismus
analogismus
dialogismus
magismus
neologismus
paralogismus
syllogismus
alkoholismus
animalismus
aristotelismus
automobilismus
kannibalismus
kasernismus
kapitalismus
kommunalismus
konzeptualismus
dualismus
duellismus
evangelismus
fatalismus
föderalismus
idealismus
imperialismus
industrialismus
journalismus
liberalismus
loyalismus
machiavellismus
materialismus
merkantilismus
mongolismus
nationalismus
nihilismus
noctambulismus
nominalismus
orientalismus
pantagruelismus
parallelismus
personalismus
probabilismus
provinzialismus
radikalismus
realismus
royalismus
sensualismus
sentimentalismus
sozialismus
somnambulismus
spiritualismus
symbolismus
traditionalismus
vandalismus
verbalismus
vitalismus
vokalismus
kataklysmus
dandyismus
paroxysmus
lauter synonyme
synonyme laute
homonyme laute
homographe
homoklaste
homolaterale
homophage
homophile
homophobe
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone
homophone

*
„Crimes sans initiale“, in: „La proie s’ombre“, José Corti, Paris 1998
Unveröffentlichte Übersetzung

Zerlegung des Zerberus

Entsorgen wollen sie mich, meine Lieben,
wie ihre Mutter unseren Hund – nein, das
weiß nur noch ich. Ein gelber Collie-Mix,
der so treu war, dass er mir des Öfteren
zu weinen schien. Jetzt verstehe ich ihn.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Natürlich, seinen Vater soll man zerstören.
Meiner, der schlug einmal meinem Hund
fluchend mit der flachen Hand aufs Maul,
weswegen ich nie wieder ein Wort mit ihm
sprach. Er ist tot, und ich gebe nicht nach.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Innigkeit fällt uns nicht zu, sie hat triftige
Gründe, aber einen Anspruch auf Liebe
niemand. Doch ist jeder ihrer wert, jeder
Hund, der treu war, nicht bissig, nur nicht
beliebt. Gut, wenn es ihn nicht mehr gibt.
Indifferenz ist die Sprache des Gespensts.

Aus den Übersetzungen

Samuel Beckett

was tät ich ohne diese welt ohne gesicht und ohne fragen
wo zu sein nur einen augenblick währt jeder augenblick
verströmt ins leere ins vergessen gewesen zu sein
ohne diese welle wo am ende
körper und schatten einander verschlingen
was tät ich ohne dieses schweigen schlund des murmelns
der rasend um hilfe keucht um liebe
ohne diesen himmel der sich erhebt
über dem staub seines ballasts

was täte ich ich tät wie gestern auch wie heute auch
blickte durch meine luke ob ich nicht allein bin
beim irren und beim kreisen fern von allem leben
in einem hampelmannraum
ohne stimme unter den stimmen
eingesperrt mit mir

(„que ferais-je sans ce monde“; aus: „Six poèmes“ (1947–1949))
*
Aus: Samuel Beckett, „Sechs Gedichte / Six poèmes“
Aus dem Französischen von Mirko Bonné
In: „Halbe Sachen“ Wolfenbütteler Übersetzergespräche IV–VI
Wolfenbütteler Akademietexte 24, Wolfenbüttel 2006

Traumamatura

Auf dem Gelände des abgerissenen Krankenhauses, in dem ich zur Welt kam, entsteht ein Neubau – Luxusappartements mit Seeblick –, und das Schwimmbad, in dem ich schwimmen lernte, war jahrelang Ruine, ehe es ebenfalls verschwand. Tegernsee, Bad Tölz. Am Mauerwerk einer heutigen Boutique die vermoosten Schatten des alten Schriftzugs HIRSCHWIRT. Die Gebäude der auf drei Ortschaften verteilten VOLKSSCHULE, die ich als „Bub“ besuchte, stehen noch, wirken klein wie miniaturisiert, entfremdet, modernisiert, aus dem Vergangenen herausgehoben. Die Dinge helfen, die Zeit entschwinden zu sehen, helfen gegen den Groll und die Bitternis. Die Luft, die Gerüche, die Vogelstimmen unverändert. Das warme Abendlicht. Die die Bergkämme einhüllenden Wolken. Die Singvogeldichte und das ewige Gekrächz der Dohlen und Krähen. In einigen Gesichtern erkenne ich Schulkameraden wieder. Der liebliche Verfall. Die schöne Enge. (Rottach-Egern, 14.7.)

Schreib ein Gedicht: „Traumamatura“

In der Dämmerung der Garten des Hauses, in dem mein Großvater starb. Da steht der Schuppen noch, dicht an der Hecke, wo es so dunkel roch. Habe ich damals schon gewusst, dass ich als Mann mit Kindern einmal hier stehen würde, um mich wiederzusehen?

Aus dem Nebel tauchen die Bergkühe auf wie Geister mit Glocken und haben zarte Wimpern.

Wenn die Erinnerungen sich überlagern, die Rekonstruktionsversuche einander widersprechen, ist die Zeit des Abschieds gekommen. Da ist niemand mehr, anhand dessen Erinnern du dich deines eigenen versichern könntest, und das Interesse an deinen Erzählungen ist schmal, begrenzt, verflüchtigt sich rasch, es zeigt nur, wie dringend du abschließen solltest mit deinem Gestern, um noch einmal im Heute anzukommen.

Schreib ein Gedicht: „Petersburger Hängung“

Alle, alle geliebten Dinge aus deinen Kindertagen tauchen in unwesentlich veränderter Gestalt später in deinem Leben wieder auf – nichts kann verschwinden, es ändert nur den Ort, wie Proust sagt: „alles, was wir in uns haben, verlagert sich anderswohin, ohne zu verschwinden.“ Wohin aber „verlagert“ es sich? Auf dem Vorplatz des früheren Gasthofs deiner Großeltern ergreift dich angesichts der Kleinheit der Dinge und des unverändert wiedererkennbaren Rauschens der hinter dem Haus vorbeifließenden Mangfall die alte schwermütige Beklemmung. Diese Orte sind ihre Wurzelgründe. Diese Orte – die Gasthoftür, den Schuppen im Garten, den Sportplatz im Schaftlacher Forst, das o-förmige Wäldchen – habe ich überall in Ähnlichem wiederzufinden versucht. Er ist eine Sucht, dieser bittersüße unweigerliche Schmerz. (Elmau, 16.7.)

Gondeln im Nebel. Schwimmen in den Wipfeln.

Das Kind legt mir die Tarotkarten und scheint alles von mir zu wissen.

Tegernsee. Reprise

Die einzige Hostie deines Lebens schmolz
    auf deiner Zunge in dieser Bauernkirche.
Deine Jüngste bestaunt die Einritzungen
    im Geländer der Empore: Gleichaltrige
schickten ihr Nachrichten, vom Juli 1759.
    Tölz, Isarhochwasser, und das Spaßbad,
du hast da schwimmen gelernt, abgerissen.

Regenfälle, als versuchten die Berghänge
    flüssig zu werden. Es schwemmt sie weg,
deine Wurzeln, und: Du hast eh nichts mehr
    zu suchen hier, du Spross einer Gegend.
Hirschwirtkind. Du Umbruchsohn. Du Leser
    leerer Schatten, von singbarem Schwund.
Und jedes Und ein Grund zur Versöhnung.

Leere

Die Leere in den Bibliotheken, in den Gärten, in Schulen: die Leere
   an der See, im silbernen Licht, die leeren Straßen, Märkte. Die Leere
in den Gesichtern, in den Sätzen, den Bergen, die Leere der Sainte-
   Victoire in den Zügen, im Schnee. Die Leere in den Träumen: Leere.
In den Liebesbekundungen, in den Klubs, Mails, Wolken, Stadien: die
    Leere. Am Himmel die Leere, auf den Wegen, in den Innenstädten,
den Schwimmbädern: Leere, wo ich stehe, wohin ich gehe, woher
    du kommst. Aus deiner Leere in meine. Die leeren Versprechungen,
Erinnerungen, die Leere im Wind, in den kahlen Bäumen, Lokalen,
    Perspektiven, Phrasen, Grünflächen: die Leere der hohlen Gesten.
Die Leere des Blicks da im Spiegel, in den Spielen der Kids und in
       den Kirchen, im Bus: die Leere, die leer ist, nichts weiter, nur leer.

Louisenthal

Es war bestimmt in diesem einen Sommer,
als nicht sehr weit entfernt die Olympiade
in München stattfand, die nur Spiele hieß
und deren Frohsinn auseinanderbrach
in Schrecken, Starre, einen Schock bis heute,
ja, Sommer 1972
wird es gewesen sein, als Josef Spagl
mir, ich war sieben, eines Abends zeigte,
wie man sich seine Schuhe band: zwei Schleifen,
zwei spitze Finger und – er sagte „Obacht!
Jetzt kummt, worauf’s fei akummt, schau guat hi!“ –
den einen, mir stets Wunderblitzmoment,
in dem der Daumen beide Senkelschlingen
nicht mehr bloß festdrückt, sondern tätig wird
zusammen mit dem Zeigefinger und
sie durchzieht, straffzieht und den Knoten knüpft
wie aus dem Nichts materialisiert,
ganz wie der Spaglsepp noch zu mir meinte:
„Dood is ned fester, klaaner Mo!“ – nein, denn
der Tod bringt alles, nur sich selbst nicht um.

Und mein Erinnern nicht. Dass nichts verschwindet,
bloß sich verlagert – nur wohin? –, wie kommt
Proust auf so etwas? Josef Spagl, da
schon, schien mir, 90, war der liebste Gast
im Wirtshaus meiner Großeltern in Gmund,
nein in Louisenthal am Tegernsee,
aus dem, vorbei an Gmund, die Mangfall fließt,
an deren Ufer unser Gasthof stand
in jenem schwarzen Sommer ’72.
War er in der Papierfabrik beschäftigt?
Ich seh den Sepp noch vor mir unverändert
groß, hager, traurig, freundlich, und besonders
entsinn ich mich des Goggos, seines Autos,
mit dem er kam, um so darauszuklettern,
dass gar nicht vorstellbar schien, wie ein Mensch
von seiner Länge darin Platz hat finden,
ja um den See dies Ding hat finden können
bis nach Louisenthal, zu mir und Opi.
Der liebte ihn. Und spielte oft ein Stück
auf dem Akkordeon für den Sepp, bloß ihn.

Das Lied hieß Allwei bist mei längsta Freind.
Was zu verschwinden heißt, was Wiederfinden,
erklärte mir der Spaglsepp mit zwei
Fetzchen Papier, geklebt mit Spucke auf
zwei Fingernägel – Hänselchen und Gretl –,
erklärte mir den Leonidenregen
und wann ihn das Akkordeon weinen ließ.
Im Sommer, als wir alle endlich weinten –
vielleicht im Wissen, welche Zeit begann –,
starb in derselben Woche wie in München
die elf Athleten eine Schülerin
aus meiner Klasse, die in Point
ein Laster überfuhr. Vergessen, wie
sie hieß, besuchte ich vor ein paar Jahren
in Gmund den St. Ägidius-Kirchhof und,
als ich schon wieder gehen wollte, sah
auf einmal Josef Spagls Grabstein dort
an einer Mauer lehnen, hinter der
ich in die Schule ging. Der Tod ist nichts,
das je zu trennen uns vermag, mein Freund.

Letzte Vorbeifahrten

Zwei kleine Mädchen auf ihren rosa Rädern fahren langsam vorbei, und beide pfeifen, und beide pfeifen dieselbe erfundene Melodie, und in einer Kastanie pfeift eine Amsel das Lied der beiden einige Augenblicke lang nach. (Barmbek, 28.5.)

Um ein Buch zu lieben, benötigt es darin keine Handlung, nur die Musik der Gedankenfügung, seine, wie man sagt, „Sprache“, die etwas anderes ist als sein „Ton“. Alles Beschriebene wird dargestellter Klang, klingende Darstellung. Das Gegenteil meint Hölderlin mit dem „Klanglosen.“ Und du weißt sehr oft schon, bevor du ein solches Buch zu lesen beginnst, dass es ein solches klingendes Buch ist. Ich wusste es, als ich mit einem Mal unbedingt Prousts „Jean Santeuil“ lesen wollte, ja sollte, wenn nicht gar musste.

Würde ich alle Regenschirme, die ich in meinem Leben verloren habe, noch einmal und gleichzeitig aufspannen können, es entstünde ein Schirm von der Größe einer ausgewachsenen Rotbuche.

In der Mitte zwischen deinem Zorn und deinem Kummer, da ist eine Freifläche für dich, da halt dich auf, weil du dort noch wachsen kannst.

Crosby, Stills & Nash – Demos

Schreib ein Gedicht: „Heym auf dem Eis“

Drei letzte Vorbeifahrten: Die zwei kleinen Mädchen auf ihren rosa Rädern fahren wieder vorbei. Alle beide pfeifen sie – erst die eine, dann die andere. Es ist nicht dieselbe Melodie, doch ihr Pfeifen ist das gleiche. Ein Kahlköpfiger fährt vorbei und zitiert in sein Handy aus seinem Scheidungsvertrag. Vielleicht derselbe Glatzkopf fährt vorbei und spricht in seine Uhr – oder spricht mit ihr?

„Ich hörte ihre Tränen.“ Dante Gabriel Rossetti

Bombay Bicycle Club – I had the blues but I shook them loose – Live at Brixton

Schreib ein Gedicht: „Rilke in Elmau“

Die gleichen Bleistiftkreuze (X), die ich in die leeren Regalschränke zeichne, um die Position der Bretter zu markieren, mache ich in die Ausgabe mit Oscar Wildes Briefen aus dem Gefängnis, um daraus auszuwählen. (Barmbek, 30. Juni 2021)

Aus den Übersetzungen

Rutger Kopland

Auszug von Töchtern

Sie mussten tatsächlich gehen, ich hatte es gesehen
an ihren Gesichtern, die sich langsam wandelten
von denen von Kindern in die von Freunden,
von denen von früher in die von jetzt.

Und gespürt und gerochen, als sie mich küssten,
ihre Haut und ihr Haar, die nicht mehr für mich
bestimmt waren, nicht so wie früher,
als wir noch Zeit hatten.

Es war in unserem Haus eine Welt des Sehnens,
Glücks, Schmerzes und Kummers gewachsen, in ihren
Zimmern, wo sie ansammelten, was sie
mitnehmen sollten, ihre Erinnerungen.

Jetzt da sie weg sind, schau ich aus ihren Fenstern und seh
genau die gleiche Aussicht, genau die
gleiche Welt von vor zwanzig Jahren,
als ich herkam, um hier zu wohnen.

(„Vertrek van dochters“; aus: „Dit uitzicht“, 1982)

*
Aus: „Dank sei den Dingen“ Ausgewählte Gedichte 1966 – 2006
Aus dem Niederländischen gemeinsam mit Hendrik Rost
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2008

Marie

Zur Erinnerung an Marie T. Martin (1982 – 2021). Mein Foto zeigt Marie im Januar 2015 am Nord-Ostsee-Kanal in Rendsburg gemeinsam mit Tom Schulz.