Das Gras

Lass die Enttäuschung

Solche Tage nehmen deinem Leben
   Jahre. Mülltonne Tag. Ewigkeiten
Nieselregen, in denen du die dunkle
   Wohnung durchquerst. Du starrst
ins Innenhofgrau, blickst über deine
   Straße hinüber zum Goldbarren der
letzten Bäckerei der Welt, deren Licht
   am Mittag erlischt. Pourtant, lass sie,
diese Enttäuschung, nicht so ein Herz
   in der Brust zu haben, wie sie sagen,
jeder müsste es. Also bist du schlecht?
   Bah, du kennst Eine, die geht täglich
an den schlimmsten Gräben spazieren,
   während du, ja, einkaufst, skrupellos
lachst du hinauf in Krankenhausfenster,
   wo die Alten sitzen und dich ansehen.
Schlapper Rebell! Du müsstest, und so
   müssten wir, aber was? Überall sein.
Lieben, was uns zu lieben ist geblieben.
   Könnte ich eine Wahrheit formulieren,
Getrommel, dass sie durchs Blut pochte,
   vielem gerecht wäre und übrigem etwa
etwas Zuspruch verschaffte. Was soll es,
   am Ende ein Könner zu sein auf einem
winzigen, anderen gar nicht mitteilbaren
   Gebiet? Auch darüber, lass sie, deine
Enttäuschung. Widerstand, ja vielleicht
   muss er unformulierbar sein, Gedicht,
während er in deiner wilden Liebe lebt.

Das sickernde Haus

Nirgendwo. Nirgendwo fühlt sich einer wie du verlorener als auf einem Spielplatz voller Kinder und deren Eltern im Frühling oder, noch schlimmer, Sommer. Warum ist das so, hm? Vielleicht weil das Empfinden einfach keine Pose ist und auch nicht sein will? Wurzeln (Psychologie)? Schuldgefühl (Psychologie)? Ohnmacht! Ohnmacht wohl. Du stehst ohnmächtig vor deiner Unfähigkeit, von dir abzusehen. Ein elender Egoist auf einem Kinderspielplatz. Echt? Oder du bist selber noch immer ein Kind, weigerst dich, erwachsen (geworden) zu sein. Du Elender. Du elendiges ewiges Kind. Das Entscheidende ist die Liebe zu den Kleinen, die Liebe auch zu allen ihren so wundervoll unnützen Spielen. Spiel mit. (25.3.)

Ein uraltes, ein Ur-Bild meines Schreibens: das sickernde Haus. Es war nie am Versickern, immer aber sickerte es. Das bewegliche Haus. Die in den Grund einsickernde Bleibe. Das Feststehende, das sich auf und davon macht. In den Untergrund! Das sickernde Haus. (Woher wusste ich das alles, als ich meine Gedichte so nennen wollte, 1987, vor dreißig Jahren?)

Gib dir einen Straßennamen.

„Wir müssen uns immer wieder klar machen, daß es wichtiger ist, dem Anderen gegenüber menschlich zu handeln, als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische Pflichten zu erfüllen. Auch das lauteste Getöse großer Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hindern, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt.“ Werner Heisenberg, 1942

Schallen

„Jetzt kenne ich Sie von innen“, sagt dein Arzt zu dir nach 18 Jahren, die ihr euch kennt. Ultraschalluntersuchungen sollen größtenteils abgeschafft werden, sie rentieren sich nicht mehr, heißt es. Der Patient muss sich lohnen, nein hat sich zu lohnen, anderenfalls – bitte der Nächste, der sich lohnt. Dein Arzt schallt dich, er bedient eigenhändig sein mittelalterliches Ultraschallgerät. Er lacht dabei. „Gott!“, sagt er. „Dass ich das noch mal erleben darf!“ (Bergedorf, 14.3.)

„Le vrai, l’autre visage.“ Christian Bobin

Zwei Postkarten von Werner Heisenberg:

„In jedem Fall bemißt sich der Wert einer wissenschaftlichen Leistung nicht nach dem Gegenstand, d. h. nicht nach der menschlichen Bedeutung des zu ordnenden Materials, erst recht nicht nach irgendeinem ,praktischen Nutzen‘, sondern nur nach der Schönheit und nach der fruchtbaren Kraft der ausgesprochenen Strukturen. Immer wieder setzt uns ja in der Wissenschaft das Phänomen in Verwunderung, daß an eine Struktur sich wie von selbst neue Strukturen angliedern und daß dieses Netz von Strukturen schließlich ein großes Gebiet überdeckt, auf das sich die erste Struktur garnicht bezogen hatte. Diese formbildende Kraft einer ausgesprochenen Struktur macht das eigentliche Wesen einer wissenschaftlichen Erkenntnis aus, und an dieser Stelle tritt die enge Verwandtschaft von Wissenschaft und Kunst wieder aufs deutlichste in Erscheinung.“

„Von der Wahrheit wird nicht mehr gefordert, daß sie objektiv, sondern daß sie für alle verbindlich sei.“

Ein ramponierter alter Garten bist du – aber ein wilder immerhin, deinetwegen immer öfter auch gern ein vergessener. Begrüßt wird hier jede verfluchte Krähe.

„I’m no one’s puppet, I’m no one’s fucking puppet.“ Mark Kozelek

Seltsam, wie vertraut nach wenigen Stunden ihrer Vorführungen Akrobaten erscheinen, Clowns und das andere Manegenvolk. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ – Alexander Kluges Filmtitel wirkt deshalb so zeitlos, weil er auch ein Bild für die Familie an sich darstellt.

Nichts ging je verloren

„Carpet jam!“, ruft das Kind.

Und das Kind sagt: „Es war so kalt, meine Nieren sind abgestorben.“

Die Liebe, die du gibst, ist die Liebe, die dich retten könnte.

Der wie so ein „Bankmensch“ wirkende Bankmensch schnattert und frotzelt und plustert sich auf im „Schweigeabteil“, Ruhebereich im Zug. Über sein blitzendes Smartphone hört er ohne Kopfhörer Beethoven. Auf den vormärzgrauen Feldern stehen Kraniche, Kunden, die einfach nichts kaufen wollen. Eine Frau verlässt entnervt das Abteil. „Deutsche Bank“, sage ich zu ihr, und zeige auf den Bankmenschen, der auf seiner Polsterbank eingeschlummert ist. Er schnarcht wie Donald Trumpf. Zwei kräftige Kerle kommen und tragen ihn in den Korridor. „Sollen wir ihn aus dem Fenster werfen?“, fragen sie uns Übrige im Abteil. „Nein“, sage ich tonlos. „Er ist ja ein Mensch, auch wenn er das nicht weiß.“ Sie setzen den Bankmenschen auf eine Bank im Schaffnerabteil. Stille tritt ein, und sie verlangt keinen Fahrschein.

FREE JACK ENGLE!

„Puschkinallee“ steht auf der großen weißen, still in der Abenddämmerung vertäuten Wannseefähre.

Meistbietend verscherbelt und zu Geld, Geld, Geld gemacht wird der Wortlaut des in einem digitalisierten US-Zeitungsarchiv entdeckten Romans „Life And Adventures of Jack Engle. An AutoBiography“ von Walt Whitman, ein Buch, das seit 1961 – volle 70 Jahre nach Whitmans Tod – von Rechtswegen eigentlich rechtefrei ist und somit für die Allgemeinheit kostenfrei zugänglich. Nicht aber in unserer Zeit. Viva Las Vegas!

Ob ich wisse, wer den Ausdruck „loneliness“ erfunden habe, fragt mich das Kind, und ich denke: Erfunden? Ist der Begriff nicht eher gewachsen über die Jahrhunderte und Jahrzehnte, auch weil ja jeder etwas darunter versteht? „Shakespeare“, sagt das Kind.

„Nothing is ever really lost, or can be lost.“ Walt Whitman

Verbreitet wie Licht und Liebe

Während ich meine Bücher schreibe, mit Blick auf den Innenhof, das allmählich wieder erwachende Leben der Elstern, erlebe ich als Beobachter und Zuhörer zugleich die Kindheit, das Heranwachsen des Nachbarjungen. (24.2.)

In der Zentralbibliothek, während es draußen schüttete, eine halbe Stunde lang Gedichte von Tomas Venclova gelesen. Eine Luft, die darauf zu warten schien, dass nur noch eine einzelne Stimme zu hören ist.

Das neue Album von Mark Kozeleks Sun Kil Moon ist erschienen: „Common as light and love are red valleys of blood“.

Die letzten Februartage sind grau wie die zurückliegenden Wochen und Monate. Hellere Pausen und Unterbrechungen nur der Kitt zwischen grauen Platten. 14 Uhr am Mittag – schon springen flackernd die Lichter der Straßenlaternen an.

Jeden Morgen, wenn ich an dem Schulhof vorbeikomme, muss ich denken, dass alle Schulhöfe auf der Welt – der Welt – gleich klingen, wie ein Schulhof der Welt. Mark Kozelek singt: „… these kids I hear outside my window I was one of them I was one of them I was one now I’m the old man in the chair deep in thought in the living room I’m that old man now and I’ m grateful I’ve got this far and that I’ve become him“ – („God bless Ohio“).

Mit der Geschwindigkeit der Schnecke wird es Frühling, zum x-ten Mal. Traurig flötet ein Zilpzalp im Innenhof – im Innenhof meines Journals –, herunter von einem Baugerüst, dem Baugerüst meines Journals.

Lass die Enttäuschung

Ein Abend in der S-Bahn, es ist Winter. Klirrende Luft, der Waggon ist voller Leute. Da telefoniert eine Frau aus Wisconsin über Skype mit ihrem Hund daheim.

Durch die vereisten Zäune ragen bedürftig des Stoffes, der Haut und des Menschenfleischs die stachligen Äste eines Dornengestrüpps. Aber Jesus, da sind nur Fahrbahn, Abgase, bitterkalte Februarnachtluft. (Steilshoop, 12.2.)

Im Schwimmbad beobachte ich das junge Mädchen im Nixenbadeanzug: Seine Beine und Füße stecken in einer im Wasser violett schimmernden großen Flosse. Die anderen kleinen Mädchen im Becken können das Wunder nicht fassen. Sie waren sich so sicher, dass es Nixen nicht geben kann!

Aber lass die Enttäuschung.

Weniger auf dem Bild, vielmehr anhand des Bildes erkenne ich mich wieder: März 1998, LCB, Treffen der von Schweizer Autorinnen und Autoren ins Leben gerufenen Gruppe NETZ. Um die große Tafel herum schritt schweigend Renate von Mangoldt und schoss ihre genauen Augenblicksbilder. Peter Weber, Perikles Monouidis, Felicitas Hoppe, Michel Mettler, Katharina Hacker. Ich erinnere mich an einen abendlichen Tanz mit Julia Franck. Und an zwei Zeichnungen, die ich machte, auf einem gelben, linierten Block.

Endlich, finalement, Frühling, printemps, oder wenigstens der Vorbote, der Vorfrühling. Ende des halbjährigen Winters – oder fast. Vorvorfrühling. Pré-printemps.

Durch den Vorgarten steigt die Katze, von der ich letzte Nacht träumte.

Ajgi,

ich weiß
dich und die
Schneewehen
überall dort in

Tschuwaschien.
Ajgi, ich weiß, du
bist gestorben, nur
was heißt das denn,

weiß ich dich doch da,
beim Schach im Park,
oder wie du schreibst:
Samoskworetschje.

Du weißt, entgegen-
kommend dir halte ich
ein Leben lang Ausschau
nach allem, ja nach allem.

Der erschossene Schmetterling

Nur die Güte lässt dich schlafen – oder ist es das Ignorieren deiner üblen Gedanken? Was du anderen vorwirfst, du wirfst es eh nur dir selber vor. Der Groll, die Wut, der Zorn, deine Angst und dein Glaube an die Macht der Sorgen („Ich habe die ganze Nacht lang nicht schlafen können!“ – Mantra deiner Kindheit und Jugend) treiben dich in den halb wachen, halb durchdösten Furor. Und du weißt, du wirst die ganze Nacht lang nicht schlafen können.

Wie gesund der Krebsarzt sich in deiner Gegenwart gibt. Wie schwach, wie matt und moribund du dich fühlst in seiner Anwesenheit. „Mori…was?“ Er weiß alles, er weiß nichts. Beschwichtigt, immerhin. Tut sich groß, bah. Bläst sich auf, pffff. Winkt ab. Versager. Mickriger Medizinmann. Man möchte ihn zum Fenster rauswerfen.

Luis Buñuels Mirabeau-Verfilmung „Tagebuch einer Kammerzofe“ hat mich enttäuscht, aber ich muss gestehen, dass ich seit Wochen immer wieder an den Film zurückdenke. Die zurückgehaltene Lust, die herausplatzende Gewalt, der groteske Ekel des Spießertums vor sich selbst. Fetischistische Senioren. Gewürgte, begrapschte Kinder. Wenn Michel Piccoli mit seiner Schrotflinte einen Schmetterling erschießt, denke ich erst: Bah, wie geschmacklos. Dann: echt rebellisch. Dann: die erruptive Poesie. Dann: eigentlich bloß blöd anti-bürgerlich. Shock-maker. Aber ich selber bin mir seither ja der Beweis, dass diese Aufrauung Buñuels Ziel gewesen sein muss. Traum eines böse gemachten Kindes. Und das Kind hat die so schönen wie starren Augen Jeanne Moreaus.

Tulpen in der Vase

Natürlich, das Sterben geht weiter. (Wenn diese Welt etwas beherrscht, dann ist es das Sterben.) John Hurt ist gestorben, David Lynchs „Elephantenmensch“ ist Geschichte. (28.1.2017)

Für fünf Tage Gäste aus Weißrussland. Sie belächelten den Luxus in den Barmbeker Straßen; sie kochten sich Würste und aßen sie auf Spiegeleiern, sie belächelten deinen Band mit russischer Poesie. „Mirko! Another question!“ Wundervolle Höflichkeit. Sie bekamen ein Funkeln in den Augen, sobald das Gespräch auf Minsk kam. Minsk. Draußen, der Winter – kein wirklicher Winter. Alles in der Küche blieb in Frauenhand. Alles Organisatorische war Männersache. Mächtige Fellmützen während Ausfällen in die Umgebung. Keine Politik. Keine Poesie. Kein Obst.

Plötzlich – ja, plötzlich! – wieder Schnee. Erst regnete, dann regnete es gesprenkelt mit weißen Funken, dann ging der Regen über in Schnee und hörte darin auf: verregnet, zerregnet. Dann schneite es fünf Stunden lang. Und die Bürgersteige und Vorgärten taten ihr Bestes, um weiß zu werden: Alles verhielt sich still.

Du warst noch bis halb acht allein zu Haus – dann flogst du mit dem dunklen Mantel in die Nacht als Fledermaus.

Mon canard dort sur ma chemise blanche. Mein herrlicher Französischkurs. J’habite dans une pomme et j’achète une jolie jupe rouge!

Tulpen in der Vase, wie sie vortäuschen, lebendig und schön zu sein, die Tulpen, die nichts als toten, schönen, duftenden schönen Toten, die Tulpen.

Gegen die Kaltherzigkeit

Das Gebrabbel von Babel.

„Tag des Großen Schneiens: eine Art Weltspartag“ Peter Handke

Wenn ich eins hasse – nein, hasse nichts, nicht mehr! –, dann Wartezimmer von Arztpraxen, wo man minütlich deutlicher erkennt, man könnte ebenso – für alle dort: Kinder, Patienten, Praxisangestellte, Ärzte, DHL-Kuriere – bereits gestorben und in einer solchen Vorhölle gelandet, man könnte nichts weiter mehr als irgendein Toter sein.

Bevor das Kind aus dem Bus steigt, um durch die Dunkelheit zur Schule zu laufen, knipst es an seinen Sneaker-Sohlen die Lichter – die LEDs – an. (Lurup, 19.1.)

Die Alten, die sich auf der Winterterrasse der Einkaufsmall treffen … gna, gna, gna – gna, gna! Gna, gna, gna! Gna, gna!

Höcke – ab, nach Aleppo.

Die Alten, die sich auf der Winterterrasse der Einkaufsmall treffen … tratschen, lachen einander zu, johlen und rufen wie Kinder, wie 65 Jahre alte Kinder. (Steilshoop, 19.1.)

Gegen die Kaltherzigkeit!

Kein Buch ohne Wrack.

Erinnerst du dich? An das Aquarium deines Großvaters? Die Guppys, die Scheibenputzerwelse? Du warst sieben, acht Jahre alt, und dein Erstaunen grenzenlos, wenn Opa mit dem Kescher einen toten Fisch aus dem Wasser hob. Stumpf, leblos, aber immer noch bunt schillernd lag er in dem weißen Netz, das sich seinem Körper anschmiegte. Aber am schönsten und ruhigsten waren die beiden Mammutskalare mit ihren hohen Flossen, ihrem flachen, aufrechten Körper, der getigert war und schimmerte. Mamas Kosename deshalb: „Mammutskalar“.

Ovid revisited

Bist du ein Normopath?

Erinnere dich: an die schwarzen und kaum schulterbreiten Wendelstiegen, die das Treppenhaus der Dienstboten mit dem Prunktreppensaal verbinden, im St. Petersburger Winterpalast.

Minutenlang zerrt und rüttelt die Elster im Innenhof an einem Stöckchen, das im Gesträuch abgeknickt ist. Kunst? Wut? Nestbautrieb? Verwandlung. (Barmbek, 10.1.)

„Gestalte deine eigene Eule!“

„I can’t remember, and you can’t make me remember.“ Mark Kozelek

Das Zimmer singt

Ein Trubel, ein Jubel, Spektakel und Theater, Pose, Zorn, Gelächter: Ein Pulk aus sieben Halbstarken, wie man sagt, eigentlich aber Ganzstarken – noch nicht Verkümmerten und Verblassten, Müden und Ausgelaugten, Verbitterten und Verblödeten –, fläzt sich in zwei Bussitzreihen, grölt, ruft, staunt und feixt: „Digga, die Hure gesehen?“ – „Ist die Hure, Digga?“ – „Nee, noch nich!“ – „Also, Digga, chill.“ – „Abba bald, Digga, meine ist die, meine Hure!“ – Sie steigen aus beim Soulkebab, ohne ein Gespenst wie mich eines Blickes zu würdigen. Wie unfassbar bedeutsam wieder Blicke sind. „Kuckst du? Kuckst du?“ Kein Dichter hat das voraussagen können. (Barmbek, 5.1.2017)

Vor der Bäckerei, in ihrem goldenen Morgenlicht, einem Barren aus Licht, steht ein bibbernder Dalmatiner und wartet auf seinen Menschen.

Erinnere dich: an die beiden Albatrosse, die während der Überfahrt auf der Drake-Passage der „Bremen“ folgten – erst ein beinahe unsichtbarer Punkt in weiter Ferne, dann zwei, die immer näher kamen, simultan segelnd, kreuzend, wie Wellen in der Luft unter dem hellblauen Wasserhimmel.

Zwölf Jahre lang stand die Artemide-Lampe unter einer Treppe, in einer Abseite, einer kalten Mansarde zuletzt. Als ich sie wiedersah – wiederbemerkte –, war ich wieder 27 und baute mir selber Lampen, die der unerreichbaren Artemide glichen. Heute ist sie eine in die Jahre gekommene Schönheit. Als ich sie anschalte, wird es im Zimmer (meines Lebens) hell.

Das Kind tanzt im hellen Zimmer auf dem Parkett, wo die alten Dielenbretter den immergleichen klagenden Laut von sich geben. „Das Zimmer singt“, sagt das lachende Kind.

Lob der Murmeltierführer

Eine Schuldnerberatung möchte ihre Webseite mit der meinen verlinken. Nur zu!

Hauptsache zusammen!

„To confront, with forgiveness and compassion, the terrifying singularity of my own person.“ John Cheever

„Geldanlage und Grünanlage“, sagt das Kind.

„Je ris merveilleusement avec toi. Voilà la chance unique.“ Mit dir lache ich wunderbarerweise. Da liegt die einzige Chance. – René Char

Die Bücherregale sterben aus.

Und die Zukunft gehört den Frühaufstehern.

Kaum jemand will noch Außenseiter sein, dabei sind fast alle Außerirdische.

Aufschrift auf einem Umzugskarton: „Sommerkleider ich + die Mädchen“. (Eppendorf, 30.12.)

„Patentierter Universal-Sauberhalter“, sagt das Kind und deutet auf das PUSH auf der Einfüllklappe des Mülleimers.

Sie befürchte, schrieb Georg Philipp Telemanns Mutter ihrem Sohn, er werde noch als Murmeltierführer auf dem Jahrmarkt enden.

And thou art far in humanity

„… if there is anything good about exile, it is that it teaches humility. One can even take it a step further and suggest that the exile’s is the ultimate lesson in that virtue. And that it is especially priceless for a writer because it puts him into the longest possible perspective. ,And thou art far in humanity‘, as Keats said. To be lost in mankind, in the crowd — crowd? — among billions; to become a needle in that proverbial haystack — but a needle somebody is searching for – that’s what exile is all about. Pull down your vanity, it says, you are but a grain of sand in the desert. Measure yourself not against your fellow penmen but against human infinity: it is about as bad as the inhuman one. Out of that you should speak, not out of your envy or your ambition …“ Joseph Brodsky, „The condition we call exile“, 1987

Ein vielsagender Lapsus unterläuft Brodsky hier in dem so brillant eingesetzten Keats-Zitat. Statt aus dem Jambus gefallen „And thou art far in humanity“ heißt es nämlich bei John Keats „And thou art distant in humanity“, statt „Und du bist in der Menschlichkeit weit“ also „Und du bist fern inmitten aller Menschen“. In seinem Versepos „Isabella; or, The Pot of Basil“ von 1820 verarbeitet Keats eine Novelle aus Boccaccios „Dekameron“: Isabella soll mit einem „Edelmann und dessen Olivenbäumen“ verheiratet werden, liebt aber den Angestellten Lorenzo, der daraufhin von ihren Brüdern ermordet und verscharrt wird. Lorenzos Geist erscheint ihr im Traum und berichtet Isabella, wo sein Körper zu finden ist; sie gräbt ihn aus und beerdigt Lorenzos Kopf in einem Basilikumtopf, der in ihrem Zimmer steht. Brodsky deutet durch das Zitat an, dass Exil stets eine von einem Einzelnen empfundene, kaum mitteilbare existientielle Demütigung darstellt – weshalb er in dem Ausschnitt aus seinem für eine internationale Tagung von Exilanten verfassten Aufsatz versteckt auch auf Ezra Pound hinweist, den wohl bedeutendsten us-amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Aufgrund seines fatalen Engagements für den Faschismus Mussolinis wurde Pound nach der Befreiung Italiens von US-Truppen gefangengenommen und längere Zeit in einem Käfig „ausgestellt“, bis man ihm den Prozess machte. Der Todesstrafe entging Pound allein durch ein Gutachten, das ihn für geisteskrank erklärte. Für 12 Jahre war er Insasse in einer staatlichen Heilanstalt, ehe er nach Italien auswanderte und bis zu seinem Tod 1972 in Venedig lebte. Vom Faschismus distanziert hat er sich nie. Brodskys Ausruf „Pull down your vanity, it says, you are but a grain of sand in the desert“ geht auf Ezra Pounds Pisaner Canto LXXXI zurück, in dem es heißt: „Pull down thy vanity / How mean thy hates / Fostered in falsity“. Brodsky und Pound liegen in Rufweite zueinander bestattet auf der Friedhofsinsel San Michele in der Lagune von Venedig. Pounds Grab wirkt monumental und karg zugleich, antikisch, archaisch. An Brodskys ist ein Briefkasten befestigt. Hier die 39. Strophe aus „Isabella; or, The Pot of Basil“ von John Keats:

„«I am a shadow now, alas! alas!
«Upon the skirts of human-nature dwelling
«Alone: I chant alone the holy mass,
«While little sounds of life are round me knelling,
«And glossy bees at noon do fieldward pass,
«And many a chapel bell the hour is telling,
«Paining me through: those sounds grow strange to me,
«And thou art distant in Humanity.“

Bild: William Holman Hunt: „Isabella and the pot of basil“, 1868, Öl auf Leinwand; Laing Art Gallery, Newcastle-upon-Tyne

Erst wieder in Belgrad

Zum ersten Mal hörte ich genauer zu, was – nein: wie eine Elster erzählt. Denn dass sie erzählt, daran kann kein Zweifel bestehen, außer vielleicht in den Erzählungen der Ornithologen; aber die zählen hier nicht, oder nicht mehr als alle anderen. Die Elster gurgelte, schackerte, kollerte, piepte, krächzte und sang, ja kurz flötete sie sogar. Und saß dabei allein, elsterseelenallein oben im kahlen Geäst – offenbar ein Selbstgespräch.

Jeden Donnerstag tritt der junge Hausmeister in den begrünten Innenhof und geht unter meinem Fenster vorbei wie der von seinen Aufgaben bekümmerte Tod.

Ein Tag grauer als der vorige, und der nächste, Wittgenstein zum Trotz, mit Sicherheit noch grauer, noch novembriger. Warum? Im Ernst: Weshalb dieses ewige Gleiche in der Hässlichkeit? Warum ist das Üble, das Zerstörerische und Bekümmernde beinahe stets das Vorherrschende? Denn wir alle wissen doch, wie lachhaft sie sind: der Tod und sein Kurier der Schmerz und alle seine Claqueure: die Niedergeschlagenheit, der Liebeskummer, der Stumpfsinn, die Verfemtheit, die Verzweiflung, die Mutlosigkeit, das Selbstmitleid, die Erbärmlichkeit und so weiter und immer so fort.

Im grauen Regen sehe ich eine schillernde Elster – dieselbe, die sich mit Selbstgesprächen die Zeit vertreibt? – an einer Backsteinhauswand sitzen. In der Vertikalen. Wie eine Fliege von der Größe einer Elster.

Handkes Verwandlung, sobald er anfängt, von Politik zu schwadronieren.

Das Kind zuckt zusammen, sobald das wilde Kind ins Haus gebrochen kommt. Das wilde Kind lacht, johlt, singt, brüllt, stampft und schreit, ob im Treppenhaus oder Keller, im Badezimmer oder Flur, wo es für gewöhnlich Fußball spielt. Das Kind blickt bestürzt zur Decke: Das wilde Kind ist zurück! Der Staub rieselt von den Wänden. Seine Mutter versucht das wilde Kind zu beschwichtigen, vergeblich. Vergeblich! Das wilde Kind heult gegen die Mauern an, bis sie sich öffnen werden oder bis das wilde Kind vergisst, weshalb es eine solche Wut in sich trägt. (Barmbek, 16.12.)

„Ich träume, dass eine Dame, die mir ins Gesicht blickt, sagt: ,Ich sehe, Sie waren bei dem Wettbewerb dabei, aber ich kann an Ihrem Gesicht nicht ablesen, ob sie gewonnen haben oder nicht.’“ John Cheever

Erinnere dich: an die Erzählung deiner Jugendliebe von ihrem jugoslawischen Onkel. Kurz bevor die Familie in Hamburg ins Auto stieg, sagte er ernst: „Jeder, der noch mal muss, der gehe jetzt! Denn ihr wisst, ich halte erst wieder in Belgrad.“

Man kann nie wissen

„Man kann nie wissen“ – im Grunde ein quantentheoretisches Axiom in Form einer Redewendung, eines geflügelten Wortes. Auch darin zeigt sich die Tragweite der Bohr’schen Revolution (die die Leute gar nicht mitbekommen haben): Die Quantentheorie ist zutiefst demokratisch, ein Akt der Befreiung vom Joch der Newton’schen Mechanik, nach der alles wissbar, ausdrückbar, erklärbar, darstellbar sei. Bohr sagt: „Man kann nie wissen, es sei denn, hm …“

Änderungsschneiderei an der Fuhlsbüttler, der „Fuhle“: eine vermeintliche Familie. Der Schneider ist mit Wichtigerem beschäftigt, die Frau kommt aus dem Hinterzimmer und grüßt kurz, der Sohn ist der Zauberlehrling, der eine Hose kürzt. Doch alles scheint bloß so. Und dazu singt – nein tschilpt resigniert – über dem Nähtisch des Schneiders der Kanarienvogel in seinem Käfig. (Barmbek-Nord, 24.11.)

Der Aasee, schön, beinahe unwirklich im verspäteten Oktoberlicht. Aber da ist nichts, was darüber ein Gedicht zu schreiben nur möglich erscheinen lässt. Einer wie ich geht umher im Promenier-Idyll. Obwohl es ja bestimmt ein Licht gibt, irgendwo, irgendwann, in dem auf eine Weise die Dinge leuchten und erstrahlen, dass alles Verfälschte und Gestellte darin (oder daran) verfliegt, und zwar augenblicklich. Ein Licht, in dem das Unwirkliche verschwindet, weil es zurücksinkt. Aber wo, und wie? Das gilt es herauszufinden? Und diese Leute, ihre Gesichter, sind nicht die schlechtesten Wegweiser, nein nein. Wir alle sind zufrieden, viele scheinen glücklich, wollen gar nichts Echtes, lieber, was sie hier am Aasee haben. Nein, in Wahrheit halten sie das, was sie hier sehen, für das einzig Wirkliche und Wahre. Es gibt nichts Anderes, kein anderes Licht in diesem Augenblick. Also? Guck, das schöne Licht. (Münster, 26.11.)

Der bürgerliche Entwurf ist ein Übergriff und daher vielleicht hinzunehmen – von jedem, der sich dazu entschließt –, nicht aber „wahr“ oder gerecht.

Der Steinmetz fährt ein besonders wendiges und schmales Lieferauto – um zwischen den Gräbern umhermanövrieren zu können? Einer, der bei den Skeletten arbeitet.

Weißt du noch: deine Großmutter? Wenn sie zum Arzt „in den Ort“ fuhr, stand sie schon eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt des Busses an der Haltestelle. „Man kann nie wissen“ – auch ein Kindheitsaxiom. (4.12.)

Heute wählen die Österreicher ihren neuen Bundespräsidenten, den Rechtspopulisten H. oder den früheren Grünen-Chef Van der Bellen, den manche hilflos „Öbama“ nennen. Heute ist Rilkes Geburtstag. Er wird 141.

Elsternfüttern

In dem alten, halb verwilderten Wäschegarten im Innenhof des Nachbarblocks haben sie sämtliche Bäume gefällt. Zersägt in von halbwegs kräftigen Kerlen zu verladende Holzscheiben – sterbende Uhren –, liegen die Stücke im novembernassen Gras und verströmen abends und morgens einen betörenden Geruch in der Straße – nicht den der Trauer, den des Lebens. (17.11.)

Dieses Foto fand ich auf dem Bürgersteig vor den Mülltonnen, es zeigt Spuren des Regens, der Schuhe, die darauftraten, der Räder, die darüberfuhren. Ein Zufall, ein Windstoß hat es bewahrt vor dem Schredder, dem Feuer. Eine seltsame Szene hält das Bild fest, so banal wie archaisch, eine stille Poesie, die mich sogleich ergriff, als ich das Foto im aufgeweichten Laub liegen sah. Ein Feld. Sechs darin beschäftigte, zumeist junge Leute. Ein mögliches Gemälde-Motiv, wäre eine andere Zeit. So aber bloß ein Foto, weggeworfen. Wonach wird dort gesucht? Nach dem Sinn.

In der Abenddämmerung durch den Stadtpark. Das blaue Licht. Das Wasser. Die Leere über dem weiten Gras, und das Schwarz, die Stille der Bäume. (Winterhude, 18.11.)

Der schöne Zufall, ein poetischer Bote, als beim Umzug in die neue Bude der Freund das einzige Buch aufschlägt, das in der Gegend herumliegt: KEATS. Und laut vorliest: „Once more been tortured with renewed life.“ Kurz vor Schluss des ersten Teils in Keats’ Epos lässt Endymion seine Begegnungen mit der ihm rätselhaften Mondin Revue passieren. Vor 24 Jahren übersetzte ich die Passage, die in die Werke-Ausgabe nicht aufgenommen wurde, so: „Und schwerer noch befiel mich jetzt der Gram, / Als da ich aus dem Mohn der Hügel kam: / Und ein jahrzehntelanges Zaudern kroch / Hier faul vorbei, eh größre Freude noch / Jäh auf die tödlich gelbe Schwermut fiel. / Ja, dreimal sah ich dieses Zauberspiel; / Ward noch einmal geplagt mit neuem Leben.“

Elsternfüttern im Innenhof.

Wenn die Männer mit den gelben Laubsaugern und den gelben Laubsaugeranzügen von ihren Transportern springen, um im Viertel die Vorgärten und Innenhöfe von Laub zu säubern, den Herbst zu eliminieren mit ihrem erbarmungslosen Lärmen, dann ruf zum Fenster hinaus: „He, Heiopeis! Haut ab! Verschwindet, ihr Pissnelken! Weg, weit weg! Los, verflüchtigt euch!“ Oder ich schicke euch (in) die große Stille.

Handkes seit über 20 Jahren geliebte Notiz – „Ich sah einen Bekannten wieder: er war gescheitert, er war Sportler geworden“ – hat der Suhrkamp Verlag für mein Fehmarnbuch nicht freigegeben, da ich das Notat „nicht sinngemäß“ verwenden würde. Nach Rückfrage, wer bitte entscheide, ob ein Handke-Zitat sinn- oder unsinngemäß verwendet werde – ich würde diesem Sinnstifter von Suhrkampangestellten gern den Speichel von der Hose lecken –, wurde das Zitat freigegeben.

Broadway-Melodie von 2008

singing may wash away the blood of the lamb
Grace Paley

1
Es gibt dich nicht, überirdisches Licht
New Yorks, nur Himmelsweite, See und
die steinern überbaute Zunge der Insel.
Der Sturm vorm schwarzen Fenster greint –
es ist spät Herbst geworden in Manhattan.
Die paar Platanen am Broadway färben sich
rot und gelb, und immer noch jaulen beflaggt
mit Sternenbannern Löschzüge, klirren mit der
Totenfahne Ambulanzen durch die abendliche
Menge in den Thermopylen aus Boutiquen.
  Davongetragen letzte Reste Wärme,
    ist der Sommer ausverkauft.

2
Von allem getrennt, das du liebhast,
bleiben Lieder. Sie ziehen sich zurück –
einer singt vom New York State of Mind –
in ihre Sanftmut, ganz als legte sich ein
Lamm mitten auf dem Broadway nieder.
Eine Abendmaschine kreist über Queens.
Starenschwärme teilen sich und fliegen
aufs Meer. Durch seinen Regen irrst du
tiefer in Geschäfte für Bilder, für Sirenen
sinnlos verloren, ratlos mit einem Blick
  telefonierend, täglich intangibler,
    unberührbar dein Gesicht.

3
In den Sinn gebunden eines der Lieder –
ein kleines Kind im Lift nach oben weint –
lauschst du über den Wipfeln im 7. Stock
am Fenster deines regengrauen Turms.
Und du spürst, wie dir durch die Glieder
Blut hinrennt zum müden Herzen eines
Dobermanns, der träumt. Howard Hughes
verkauft Gedichte. Breakdancer tanzen zu
In the Mood. Einer sprüht an eine Wand
in Blumen immer wieder Gottes Namen.
  Mädchen summen jiddische Reime …
    Laub und Regen, Raub und Segen.