Das Gras

Der Hirschberg

Es war der Hirschberg, nein ich weiß nicht mehr,
ob es der Hirschberg war, auf den ich so
hinaufgezwungen worden bin, da war
ich acht, neun, älter keinesfalls, der Stock,
den ich mir irgendwo am Weg hinauf
vom Boden aufhob, überragte mich
und ging, als ihn ein Mann mir wegriss, doch
dem Mann nur bis zur Brust.
                         Das weiß ich noch.
Sonst aber sind mir nur erinnerlich
ein seltsam tiefes Glücksgefühl und dumpf
der Trotz, aus dem sie aufgestiegen war,
die Wonne, nicht bloß Eigentum zu sein,
nein sondern einer, der es selbst bestimmt,
wohin er geht, wieso, mit wem, wem nicht
und wann.

          Es war ein grauer Nachmittag.
Vom Hirschberg – so es denn der Hirschberg war –
sah man ins Tegernseer Tal und sah,
dort unten, Wunder, lag der Tegernsee.
Der Hirschberg – „Hirsch?“ – war nur ein Schwarzes Loch
aus Koniferen, Fichten, Tannen, Kiefern, die
den Nebel zu erzeugen schienen, Dunst
und mich und Nieseln absorbierten. Was
ein Junge, so wie ich es war – ein „Hemd“,
ein „Mädchen“ – fühlte, dachte, glaubte, wo
die Unterschiede waren – schnuppe, schnurz.
Warum so viele Leute hier mit ihm,
mit seiner Mutter und mit ihrer so
den Berg hinaufmarschierten – schleierhaft.

Die Vögel stürzten durch den Tag, die Luft
war wie aus Wasser und ein Ende nicht
in Sicht. Da fing ich an, ich weiß nicht mehr –
da ist ein Loch in der Erinnerung –,
wie ich drauf kam, das Tempo anzuziehen.
Es muss der Trotz gewesen sein, der Zorn
darauf, hier mitgeschleift zu werden, doch
bestimmt lag aller Grund verwurzelt, bah!
in meiner frühen Kindheit, meinem Reich,
in dem ich mit den Dingen sprach, sie nicht
verstand, die Vögel dolmetschten und mir
kein Kauz mehr und kein Specht verständlich blieb.

Ich wurde schneller, schneller, schneller und
war bald schon außer Sicht, weg, hörte nicht
auf Rufe, Pfeifen, weder meiner Mutter noch
auf das Geflüster ihrer Mutter, das,
war ich mit ihr allein, nur sachte war,
Quatsch, es war warm und wirklich, liebevoll.
Ich lief aus Leibeskräften, das, nur das
ist die lebendigste Erinnerung
an diesen grauen Hirschbergnachmittag,
der, würde meine Mutter sagen, gar
nicht stattfand auf dem dummen Hirschberg, Gott,
was ist mein Sohn für ein Idiot.
                            Ich lief.
Ich hatte endlos lange Beine, und
ein Mann mit weißem Bart und Hut, auf dem
ein Vogel war, nein ein, zwei Federn nur,
ein Vogel aus zwei Federn, dieser Mann
riss mir den Stock weg, doch selbst das war gut.
Worüber Mutter sprach mit Mutter, mir
war das doch gleich. Ich wusste nicht, was Sinn,
Bedeutung, Zweck und Name waren, ob
der Hirschberg Hirschberg hieß, weil er mal Berg
voll Hirschen war. Ich wusste nicht mal, ob
die Sonne morgen aufging oder nicht,
ob es mich wirklich gab. Ich lief.
                             Ich lief.
An manchen Biegungen des Wegs ins Tal
sah ich den Hirsch, den Hirsch des Hirschbergs, nur
war der vielleicht bloß Lichtstreif, Nebel, Dampf,
an ein paar Stellen Spinnen im Gezweig,
ihr Spinnenantlitz warten und das Netz
voll Tropfenperlen hängend, während ich
der Mutter, ihrer Mutter und mir selbst
voraus ins Tal lief, mutterseelenfremd
voraus, des Stocks und aller Bindung an
den Regenschlamm des Wegs hinab beraubt.
Der Regen hämmerte sein Metrum ein
ins Holz der Bäume, die noch wuchsen und
die schon gestorben waren. Alles war
so durstig, hatte Durst wie ich, war froh,
dass es den Regen gab, der endlos schien,
er klopfte bloß und sagte ich – sie – ich –
bis er zu Ende war.

                 Ich wartete
am Parkplatz auf die beiden Frauen, und
ich wusste, was passieren würde, nur
passierte nichts davon. Sie schwiegen bloß.
Wir stiegen ein in unseren VW.
Wir fuhren heim. Bad Wiessee, Tegernsee,
dann Gmund und Finsterwald, fast bis nach Tölz.
Der Hirschberg blieb zurück und war vielleicht
in Wirklichkeit ein anderer, wie ich,
als ich in mir den Berg hinunterlief,
ein Jüngling oder Hirsch, ein junger Hirsch.

Erinnerungen an Jugoslawien 2/5

Das erste und einzige Mal war ich in Jugoslawien im Sommer 1991. Ich war 26. Ich hatte mich anderthalb Jahre zuvor entschieden, nicht zu studieren – es wäre nur ein Scheinstudium gewesen –, sondern stattdessen, angespornt von einem kleinen Literaturpreis, John Keats zu übersetzen, was ich dann von 1989 bis 1994 tagtäglich auch tat. Am Abend fuhr ich zu Patientinnen und Patienten, die ich als Altenpflegehelfer betreute, fuhr durch den Osten Hamburgs mit meinem alten Alfa Romeo, hörte in diesen Stunden Joy Division und New Order, Echo and the Bunnymen, Prefab Sprout, die Cocteau Twins und die unvergessenen Go-Betweens. Seit einigen Jahren hatte ich eine feste Freundin, die einen jugoslawischen Pass hatte, sich aber als Ungarin verstand, ihre Wurzeln lagen in der Vojvodina, den weiten Flächen der Batschka zwischen Novi Sad und Subotica, dort, wo Jugoslawien Richtung Ungarn strebte und wohl deshalb viele Menschen Ungarisch sprachen, ja sich als Ungarn verstanden – wenngleich ich – und hier rede ich von mir allein – gar nicht weiß, was das sein soll: ich als Deutscher. Als Deutscher habe ich mich nie verstanden. Ich dachte und denke von mir, dass ich Deutsch spreche. Das ist Bürde genug. Von allem anderen Deutschen habe ich mich sehr früh schon abgetrennt, in den Zweifel zurückgezogen – was nicht heißt, dass ich die Verantwortung von mir wiese, die in meinen Augen jedem und jeder einzelnen Deutschen mit auf den Weg gegeben ist. Der Begriff „Volk“ – ob nun „deutsches Volk“ oder ungarisches oder das von Peter Handke in seinen bei näherem Hinsehen und eingehenderer Lektüre bloß unsäglichen Büchern über Jugoslawien so oft beschworene „Serben-Volk“ (ein Begriff, den er heute wohl am liebsten ausradiert wüsste) ist seit meiner Lektüre der Bücher von Sebastian Haffner ein historisches Kuriosum, eine grausame Verbrämtheit.
Im Sommer 1991, am 25. Juni, erklärten sich Slowenien und Kroatien unabhängig. Die zehn Jahre anhaltenden Jugoslawienkriege begannen am Tag darauf, als von Serben geführte Truppen des staatlichen Militärs die Abspaltungsbestrebungen mit Gewalt zu verhindern versuchten. Ich muss unmittelbar in dieser Zeit mit dem Zug durch Slowenien in die von Serben kontrollierte Vojvodina gefahren sein, denn dort, nördlich von Novi Sad, in Temerin, lebte die Familie meiner Freundin, die sie und ich in diesem Sommer, ausgerechnet diesem, besuchten.
Es war allerorten eine immense Anspannung zu spüren. Viele Ungarn-Serben, die wir sprachen, zeigten offen ihre Verachtung für die Serben und äußerten ihre Enttäuschung angesichts eines im Vergleich ärmlichen Lebensstandards. In Temerin hatte es eine große jugoslawische Schuhfabrik gegeben, die aber seit geraumer Zeit keine Löhne mehr auszahlte. In dem Städtchen galt seither die Schuhwährung: Alles wurde in Schuhen bezahlt, Brot, Gemüse, Fleisch, Zigaretten, selbst Schuhe zahlte man in Schuhen. Ich erinnere mich an Alte mit Körben voller Schuhen. Ich erinnere mich an einen Nachmittag in Novi Sad, wo die wenige Jahre später von alliierten Kampfflugzeugen zerbombten Brücken über die Donau noch unversehrt waren. Feindseligkeit schlug mir entgegen, sobald klar war, woher ich stammte. Die Menschen in der vorwiegend serbischen Großstadt wirkten eingeschüchtert, verkniffen, wie beobachtet. Dasselbe in Belgrad, wenngleich dort, in der Hauptstadt, der Einfluss des Westens, der westeuropäischen und us-amerikanischen Kultur und Werte, unverkennbar war und viel an uns entgegengebrachter Abscheu milderte. Ich weiß noch, dass ich mir in einem Plattenladen am Zentralen Busbahnhof ein REM-Album kaufte, aber auch eine Aufnahme mit serbischen Gesängen, die mich entfernt an This Mortal Coil erinnerten. Hip zu dieser Zeit waren ja die bulgarischen Gesänge. Wir fielen auf alles rein, und das hatte sein Gutes.
Ich erinnere mich an den fürchterlich starken, in Regentonnen selbstgebrannten Schnaps Pálinka, ein Maulbeerschnaps, dessen fruchtige Schärfe mein Körper schmeckt und im Magen brennen spürt, sobald ich nur an den Namen denke. Ich erinnere mich an die größten frei laufenden Spinnen, die ich je mit eigenen Augen gesehen habe: Sie hingen unter dem Vordach des großmütterlichen Hauses in Temerin. Und ich weiß noch, dass wir in einem Nachbarort die Familie einer Tante besuchten, die mit einen serbischen Militär verheiratet war. Sie Ungarin, er Serbe, im Tarnanzug, beide Jugoslawen, zumindest bis auf Weiteres. Er gab sich staatstragend, hatte kaum Zeit für das Beisammensein, behandelte mich wie Luft. Ich dachte: Den als Vater zu haben, muss die Hölle auf Erde sein. Nichts als Strenge, Unabweisbarkeit, Rang, „Kampf“, „Ehre“, „Stolz“, „Treue“ zum „Vaterland“ und der ganze andere Dreck von ganz unten im Misthaufen der Menschheitsgeschichte.
Aber das waren nur Begegnungen mit Einzelnen. Von der Abspaltung Sloweniens kein Wort, und Kroatien schien es nicht zu geben. Ich habe die Freundlichkeit im engeren Kreis in Erinnerung. Die große Neugier und Aufgeschlossenheit der Kinder auf der Straße. Überhaupt schien das Leben zum Großteil im Freien stattzufinden, im Garten, auf den Plätzen, in den Straßen. Man sprach viel miteinander. Das beseelte mich. Das Köstliche der Speisen! Die vom Sommer ausgedörrten Früchte. Die Ironie für alles Westliche, die Hochachtung vor allem Deutschen, solange das den Fleiß meinte. Ich weiß noch, wie mich der Hang zur Beglaubigung von allem Alten verstörte.
Später, unter dem Eindruck der um sich greifenden Serben-Aversion, schrieb ich einige wenige Gedichte, denen ich heute eine gute Skepsis entgegenbringe, aber schon 1994 habe ich in meinem kleinen Erstlingsband „Langrenus“ ein Gedicht veröffentlicht, das mir noch immer authentisch erscheint, persönlich, aus dem eigenen Ansehen der Sachen erwachsen, nach dem Gehör geschrieben. Es heißt „Temerin“:

Die Gärten sind noch immer
von Laub entkörpert,
Jahrhundertunrat häuft sich
an den Mauern zum Asyl,

und im Eisentorschatten
kühlt der Maulbeerwein aus, brodelt
in großen Bottichen unter dem Efeu

und um Herd, Tisch und Bett
in der niedrigen Küche –
an allem berauschender Spiritus.

Wortlos spielten wir Russisch,
mit geneigten Köpfen,
nah am Kalkofen,
stundenlang nachdenklich
über den kantigen Zeichen der Springer.

Und hinter den Umfriedungen die geräumigen Höfe
waren aufgehobene Kindheiten,

und die Spielkameradin begrüßt dich und ruft
deinen Namen noch immer auswendig rückwärts,

und der Großvater, der dich mitnimmt abends
durchs Maisfeld zum Friedhof, wo er arbeitet,
spielt noch immer Schattenspiele für dich
mit den Geräten, die seine Hände richten
im Licht der Taschenlampe Ariels.

Er warte, sagt Peter Handke, auf seinen Sokrates, auf den, der ihm nach der fundierten Lektüre seiner Bücher über Jugoslawien aufzeige, worin er falsch oder richtig gelegen habe. Das Ganze aber ist keine Frage von Diskurs, von Wahrheit oder Wahrhaftigkeit, die beide bloß Spiele, Wortspiele sind. Ein Dichter und Erzähler wie Handke muss seinen Sokrates in sich selber haben, ihn mit sich tragen und befragen nach jedem Absatz.
Man kann Sokrates auch Gewissen nennen. Hermann Hesse prägt in seinem „Peter Camenzind“ das Wort Selbstverehrung und setzt es ab gegen Selbstherrlichkeit und Eigensucht.
Ich frage mich, ob wir seinerzeit nach Jugoslawien reisten, weil meine Freundin angesichts des drohenden Zerbrechens ihres Landes bei den Ihren sein wollte.
Ich erinnere mich an ihre verärgerte Trauer, als sie gezwungen wurde, im serbischen Konsulat den obsoleten Pass einzutauschen. Sie war froh gewesen, Jugoslawin zu sein, aber Serbin sein, nein das wollte sie nicht.

Erinnerungen an Jugoslawien 1/5

Du musst beginnen, deine Erinnerungen an das frühere Jugoslawien aufzuschreiben, erstens damit du sie nicht zur Gänze vergisst – nur ein paar Gedichte und zwei, drei Handvoll Notate hast du geschrieben bisher über die Reisen in die Vojvodina, durch Slowenien nach Kroatien, nach Istrien, auf die Insel Krk, über Split, über die Überfahrt von Split nach Vela Luka auf Korčula. Du warst nie in Bosnien, leider nie in Sarajevo. Du warst einige Male in Novi Sad, ein paar Tage lang in Belgrad, ansonsten vor allem in der Gegend südlich von Subotica, wo man seinerzeit noch viel ungarisch sprach.
Du warst während des Balkankrieges auf dem Balkan. Wann genau war das? Was hast du erlebt?
Zum anderen musst du versuchen, deine Erinnerungen festzuhalten, weil einer der dir allerwichtigsten Erzähler über Jugoslawien einen furchtbaren Schrott zusammenschreibt immer dann, wenn er anfängt, von politischen Zusammenhängen zu schwadronieren. Diese aber sind nie ohne die Menschen zu denken. Denn was, bitte, wäre irgendeine Politik ohne die Menschen, die sie angeht oder ausklammert, die unter ihr zu leiden haben oder von ihr profitieren?
Peter Handkes größtes Versagen in seinen Büchern über Jugoslawien ist das Verschweigen. Keiner, der sich auskennt wie er in den Ländern zwischen Österreich und Griechenland, kann die Augen verschließen vor den Gräueln, die nicht allein, aber vor allem durch Serben und Bosnien-Serben anderen, ihren Nachbarn, zugefügt wurden. Die Ausgewogenheit in dieser Frage ist von immenser Bedeutung. Immer wieder ist Peter Handkes Büchern – „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991), „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (1996), „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ (1996) und „Unter Tränen fragend“ (2000) die Absicht anzumerken, auf radikale Weise für Ausgewogenheit zu sorgen – diese Absicht allerdings wird in jedem dieser Bücher immer wieder zernagt vom Dünkel, von Verletztheit und Geltungsgier. Wie kann ein so ernster Schriftsteller mit seit 1966 kultivierten Ansätzen einem skrupellosen Machtmenschen wie Slobodan Milošević die Reverenz erweisen?
In „Die Tablas von Daimiel“ (2006), einem ganz offensichtlich viel zu schnell zusammengeschusterten und am Schluss poetisch aufgepimpten Bericht über seinen Besuch im Gefängnis von Scheveningen in den Niederlanden, wo Milošević während des Haager UN-Kriegsverbrechertribunals einsaß, schreibt Peter Handke: „All die Zeit sprach fast nur Slobodan Milošević, mit beinah der Energie, und Geistesgegenwart, die mir als Zuhörer bei seinem Prozeß vertraut war, mit einem Zusatz vielleicht einer gewissen Ruhe, hier in dem Büro nichts widerlegen und niemandem etwas beweisen zu müssen, trotzdem aber mit so weit ausholenden Argumenten und Hintergrundbezügen, als spräche er zu mir und zugleich zu seinen a priori unwissenden und verständnislosen Richtern. Wie Milošević sich gab (ich, sein Gegenüber, hätte dabei auch gleichwelcher anderer sein können), das war weder privat noch öffentlich, vielmehr eine Kombination, nein, eine Einheit von beidem, so selbstverständlich, geradezu naturgewachsen, wie ich sie noch bei keinem Politiker erlebt habe.“ Der Mangel an Aufrichtigkeit in diesen Sätzen ist eklatant – „a priori unwissende und verständnislose Richter“ –, eine devotere Verblendung kaum vorstellbar: eine geradezu naturgewachsene Einheit aus privatem und öffentlichem Auftreten? Bei einem früheren Staatspräsidenten, dem Anstiftung zu zigtausendfachem Mord vorgeworfen wurde?
Ausgewogenheit kann erst beginnen, indem ein jeder, der ein Mensch ist und menschlich denkt, seinen Respekt erweist vor den Schwächeren und Schwachen, d. h. im Extremfall vor Opfern, Verletzten und Toten, egal auf welcher Seite. Du schätzt und bewunderst, ja liebst Peter Handke als so eigensinnigen wie unbestechlichen Erzähler und Dramatiker, Dichter und Tagebuchschreiber, Zeichner und Reisenden. Du liest Handke seit 1985. Gut. Wer außer Thomas Bernhard und W. G. Sebald hätte es in den vergangenen 30 Jahren wie Handke vermocht, den deutschsprachigen Satz und seine Konstruktionsprinzipien in fruchtbare Zweifel zu ziehen, ohne dabei aufs Erzählen, den „Fahrtwind“, wie Handke sagt, zu verzichten – es ist der Stilist Peter Handke, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.
Der Mensch Peter Handke hat sich aufs Übelste hinreißen lassen, zynisch und verletzend von so furchtbaren Geschehnissen zu schreiben und ansonsten zu schweigen wie jenen im Sommer 1995 in Višegrad und Srebrenica.

Der Fels

Ich kam zur Welt wie
der Fels, mit meinen
Blessuren. Nach einer
lang andauernden Vertrautheit mit
glasklarer Festigkeit
trat ich ein in die Zeit
der Schroffheit.

René Char, Flusskiesel, eigenhändig bemalt, undatiert,
Fontaine de Vaucluse, Musée-Bibliothèque François Pétrarque

Parterre des hommes

Es gibt Äpfel, die dir unbedingt aus der Hand, die unbedingt zu Boden fallen wollen – weil sie am Baum nie die Gelegenheit dazu hatten?

Unter der Dusche beobachte ich einen Tropfenkanal, der von meiner Stirn abwärtsverläuft in die Tiefe. Ich bin für Sekunden Teil des Regens.

Gott, jeden Morgen erschrickst du, wenn du dich im Spiegel siehst und den für alle Zeit jungen Spund deiner Empfindungen darin erwartest.

„Während du liest, werden weitere Sätze und Verse geladen.“

The House of Love – The house of love

Ein Zettelchen, ausgelegt in der Zugtoilette: „So spricht der Herr: Des Herrn großer Tag ist nahe, er ist nahe und eilt sehr. Horch, der bittere Tag des Herrn! Da werden die Starken schreien. Zefanja, 1.14“

Zehn Lieblingswörter:
Gras
O
Gedicht
Linde
Fremdlingin
Lid
Schatten
Wanderer
Ali
Würde

„Zu verschenken: vertikaler Garten.“

Frühlingsbeginn. Im Innenhof unter den kahlen Bäumen hockt phlegmatisch eine einzelne Krähe und scheint dem Winter nachzutrauern. In der Nacht habe ich geträumt von dem alten und bitterlich kranken Dichter K., den ich zu füttern hatte – mit verfaulendem Fleisch aus einer Ludergrube. Ein Kaninchen darin blickte mich an mit großen Augen und hoppelte davon, und eine Krähe, über deren glänzendes Gefieder ich staunte, spreizte die Flügel und flog stumm auf – wodurch K. gesund wurde und weiterlebte.

Parterre des hommes.

Die Nachbarin, die im Herbst wohl einen Ring vor deinem Fenster verloren hat, sucht ein halbes Jahr später noch immer danach, bei jeder Gelegenheit, und immer zeigt ihr Gesicht denselben Ausdruck wie an dem Tag, als sie mit an ihrer Hand herumtastenden Fingern vor deinem Fenster auf und ab lief. (25.3.)

Kein Apfel ohne Aufkleber

Es muss nicht alles gefunden werden, es kann auch mal etwas verloren gehen, das ja darin, im Verlust, auch aufgehoben ist. Menschen hat das vom Packeis zerdrückte Wrack der „Endurance“, nach dem man derzeit im Weddellmeer sucht, nicht mit in die Tiefe gezogen. Im neuen Roman wird auch Shackleton wieder auftauchen, kurz bevor er 1922 auf seine letzte Entdeckerfahrt ging, mit der „Quest“, eine Reise, auf der er in Südgeorgien an Herzversagen starb. Er wurde nur 48 Jahre alt, sah aber immer wieder aus wie 70. Heute hat er Geburtstag. (15.2.2019)

Der Eichelhäher im Innenhof, Wappentier derer, die Familie zu sein glauben. Aber er ist schon ein munterer Geselle, verspielt, eitel, neugierig, provokant – bis die ersten Elstern einschwirren. Der junge Häher hüpft von Ast zu Zweig und zurück. Flattert los, verharrt kurz im Flug, schnellt davon.

Kein Apfel ohne Aufkleber.

The Chameleons – Strip
U2 – The Joshua tree

Januarglöckchen, Februarglöckchen, Märzglöckchen, Aprilglöckchen, Juniglöckchen, Juliglöckchen, Augustglöckchen, Septemberglöckchen, Oktoberglöckchen, Novemberglöckchen, Dezemberglöckchen.

Mark Hollis ist gestorben, der wundervolle Sänger von Talk Talk. It’s a shame. Wer kennt ihn noch und seine Band? The Party’s over. Im Song „Happiness is easy“ singt Hollis laut den Lyrics: „Take good care of what the priests say / After death it’s so much fun“, singt aber, wenn man hinhört, in Wirklichkeit: „Take good care of what the priest says / After death it’s summertime.“ (26.2.)

Mark Hollis – Mark Hollis

„Mein Briefträger muss gestoben sein“, sagt mein Herz.

OMD – The Peel Sessions 1979 – 1983

„I killed the captain, sank the fleet
to liberate the heartbeat,
and it sounds so sweet, sounds so sweet …“
David Sylvian

In der Regenwasserpfütze badet die Amsel – und versinkt darin bis über die Flügel.

Noch mal Sylvian:
„And miracles have just begun,
in which only you and I believe …“

„unmentionable“ … unmenschlich.

Kings of Convenience – Declaration of dependance

Traum. Ich soll einen großen weißen Hund füttern, nachts, aus einem Müllcontainer, in dem mir um die tastenden Hände Lebendiges krabbelt und kriecht. Darauf richtet sich der Hund an meinem Rücken auf und beginnt vorsichtig, mich zu essen – bis ich ihm das verbiete.

David Sylvian – Secrets of the beehive

Nine Horses – Money for all

This Mortal Coil – Filigree & shadow

Bussard über dem Einwohnermeldeamt

Vor dem Fenster sehe ich den verschneiten Sportplatz. Dort ging ich, unterwegs mit meiner Schulklasse, vor 39 Jahren, verpflichtet, durch die zerstörten Wälder des Harzes zu wandern. Der Schneefall erleichtert die Erinnerung an das zurückliegende, zugleich zurückbleibende Haus der Jugendherberge, die Tannen, die jetzt weiß bereift sind und drei Meter hoch, gab es noch nicht, und auch mich gab es nur ansatzweise – auf der einen Seite. Andererseits hatte ich gerade 1979 oder 1980 im Harz begonnen, die Augen zu öffnen. Es gab erste ernste Freundinnen und Freunde, und die Eltern verloren endlich ihre oft grausame Macht. Da ist der Schnee dieses Lebens. Er wirbelt hin. Ein einziges weiches Treiben. Es ist gut, zurückzukehren. Dort drüben, an dem Zaun vor der Straße nach Altenau, sprach ich seinerzeit kurz mit einem Mädchen mit Down-Syndrom, einer Mongoloiden, wie man da hilfesuchend noch sagte. Sie habe, verriet sie mir, am 23. September Geburtstag (warum sprachen wir darüber? Weil mein eigener Geburtstag in Kürze bevorstand und ich dem fremden Mädchen in meiner Euphorie davon erzählte? Oder begann sie unvermittelt von dem ihren zu reden?) – und seither, ich habe es schon des Öfteren geschrieben, denke ich an jedem 23. September an diese unvergessliche Begegnung mit dem Mädchen in der roten Jacke, eine Begegnung, die für mich auf rätselhafte Weise so blieb, wie eine jede es sein sollte. (Torfhaus, 27.1.19)

„Es müsste eine Stunde voller Lösungen geben, den wogenden Rausch einer lebendigen Welt.“ Teofilo Cid

In Elend im Harz begann der an schweren Fußerfrierungen leidende Wolfgang Borchert im März 1943, Prosa zu schreiben. Nach dem Seuchenlazarett Smolensk im Reservelazarett Elend. „Man wird tierisch. / Das macht die eisenhaltige / Luft. Aber das faltige / Herz fühlt manchmal noch lyrisch …“

U2 – The unforgettable fire

„Du bist ein guter Mann“, sagt der Gleisarbeiter zu dem Imbissverkäufer, der antwortet: „Natürlich bin ich ein guter Mann, so wie du! Wo arbeitest du gerade?“ So kommen die beiden Männer ins Gespräch. So kämst vielleicht auch du ins Gespräch mit dem Anglistikprofessor oder dem Literaturhausprogrammleiter, wäre das möglich: „Du bist ein guter Mann …“ (München, 30.1.)

Rodeln im Regen.

Wieder in Bamberg. Das Vertraute wird wieder zur Fremde. So muss es sein. Ich gehe an der Regnitz spazieren. Ich denke an die Freunde, die mich besuchten, als ich hier ein halbes Jahr lang lebte. Nachts trug ich den kalten Weißwein in gestohlenen Gläsern durch die gepflasterten Gassen heim. Im Glockengebälk der Bamberger Morgenluft wachte ich auf. Gewitter kamen über die Hügel gerauscht, furienartig erinnerten sie an meine Mutter in ihrem grünen Morgenmantel. Mit dem dichtenden Publikumsliebling besuche ich den Vogelsaal. Er macht sich Notizen für neue Gedichte über begeisternde Absonderlichkeiten, z. B. die vierbeinige Ente. Ich finde mich selbst als Strauß im Glasschrank.

Slogan: „Tausend Kraniche in deinem Warenkorb!“

Am frühen Morgen kreist seelenruhig – ja, seelenvoll ein Bussard über dem Einwohnermeldeamt. Während die Singvögel im Viertel Alarm schlagen, aber alle nur Musik hören. (Eppendorf, 14.2.)

Suite et fin.

Die dottergelbe Ruine der Tankstelle

„Ich muss froh sein“, sagt das Kind lachend, „und ich muss alle Leute froh machen. Das ist Welt messen.“ – „Welt messen?“ – „Ja! Nicht Fett, sondern Welt messen.“ – „Sehr interessant! Wie kommst du darauf?“ – „Gelesen.“ Das Kind zeigt einen Prospekt: FITNESS UND WELLNESS. Fett messen und Welt messen. „Da! Siehst du? Du musst froh sein!“ – „Ja! Ich bin froh!“

Alter Herr mit Rollator tippelt vorbei, auf seinem Umhängebeutel der Aufdruck: KIND.COM (Barmbek, 18.1.)

Die dottergelbe Ruine der Tankstelle (der Tanke) neben dem Stadtteilbahnhof ist abgerissen worden (weg, nur mehr Erinnerung, meine, bin jetzt Tankstellenbesitzer). Darauf gesprüht stand (steht): BURN, SUN, BURN.

Auch Wochen nach dem Tod ihrer engen Freundin spricht die alte Frau in der Gegenwartsform von ihr: „Sie ist krank. Sie lebt mit Mann und Katze in Bayern. Ihre Kinder alle im Ausland. Zur Beerdigung erwarten wir Schnee.“

Zur Lesung aus dem neuen Gedichtband kommen zwei zahlende Zuhörer. Die einführenden Worte des Veranstalters sind von ausgesuchter Herzlichkeit, und die Lesung bereitet dir besondere Freude. Die Frankfurter Allgemeine, für die du 17 Jahre lang Bücher besprochen hast, kündigt dich an als Bremer Hörspielautor. (Frankfurt, Ostend, 23.1.)

Bis zum Rand voller Tränen. Keinen des Kummers. Seltsamere Tränen. Uralte. Wie fremde. Immer schon unverstandene.

Sale. Cut. Sing.

SALE, das französische „schmutzig“, hängt jetzt wieder überall in den Schaufenstern und den Läden.

„Ich schwitze wie die Sonne!“, ruft das Kind.

Jeder schreibt das Drehbuch seines Lebens und Alltags selbst, aber nur den wenigsten steht die Möglichkeit offen – um im Bild zu bleiben –, auch Regie zu führen, Produzent zu sein und Cutter. Cut. (28.12.)

Destroyer – Kaputt

Seit Mitte der Neunzigerjahre brauche ich die Restbestände an Heftklammern aus dem Konkurs gegangenen Kolonialwarenladen meiner Großmutter auf, Woche für Woche, Jahr für Jahr seit zweieinhalb Jahrzehnten. Und ich habe noch genug Klammern übrig, um im Jenseits, in dem Haus dort am Flussufer, in dem ich eine Wohnung mit Balkonen über die Auen und die Felder voller Vögel haben werde, alle meine viertausend in meinem zum Glück nichtsnutzigen Leben geschriebenen Gedichte zusammenheften zu können zu einem weiteren lachhaften Buch, das endlich keiner lesen muss. (31.12.2018)

„Sing – und geh deinen Weg.“ Marc Aurel

„Mein Leben ist eine einzige Hetzjagd“, sagt die Frau gehetzt in ihr Handy und dreht sich zwei, drei Mal im Kreis, in der Sonne vor dem morgendlichen U-Bahnhof.

Sun Kil Moon – The ghosts of the great highway

Vertrau jedem, der ein Buch in der Gesäßtasche hat (nur Buchhalter und Besserwisser haben ein Notizbuch in der Brusttasche).

Fitness to hell.

The Whitest Boy Alive – Rules

Slogan: „Der Booster für Ihre neue Jugendlichkeit!“

Die Frau in der U-Bahn liest „Piensa positivo“ und isst dabei laut krachend eine Mohrrübe. Ihre Hand ist beringt, und ich vis–à-vis lese in „Das Weite suchen“ von Christian Saalberg: „Ich weiß, daß es die Freude gibt, sie hat sich nur versteckt. Die Pappeln, der Wiesenrain, das Domänental. Überall höre ich es rascheln. Alles übrige vergeht, ist namenlose Röte, beständiges Gestirn, ist das andere: trauriger Wind, während das Laub in Schwärmen flieht (Lorca).“

Lehre des Scheiterns

Noch einen kurzen Blick geworfen auf Château d’If. (Marseille, 14.12.)

Chevaucher, chevaucher, chevaucher!

Kafka irrt – wie so oft (der Irrtum ist sein Ziel) –, wenn er behauptet, ein Buch müsse (es muss gar nichts) die Axt sein (ein Buch ist aus Papier, aus Gedanken) gegen das gefrorene Meer in uns (in wem? Uns? Wer ist damit gemeint? Und gäbe es ein uns, gäbe es dann noch ein Inneres? Im Innern – wo ist das? – ist nichts gefroren – es wäre sonst tot – und liegt auch kein Meer – kein Meer liegt irgendwo innen –, ganz zu schweigen davon, dass ein Meer nicht einfrieren kann, nicht ganz, nur stellenweise, buchtweise). Nichts könnte eine solche Axt einem solchen (rein metaphorischen) Meer anhaben. Die Antarktiker seiner-, nein ihrerzeit gingen mit Eissägen vor gegen das in Sekundenschnelle zufrierende Wasser im Packeis, zwischen den Schollen im Weddellmeer. Axt? Ein Buch sollte (nein, nicht mal das) vielmehr Begleiter sein, Säge, Schiff, Boot, Schlitten oder Schlittenhund auf dem – wenn schon, denn schon – zugefrorenen Meer der Wirklichkeit.

Sonderbar – auf ganz besondere Weise – gepackt und innig bewegt von Hemingways „Inseln im Strom“, der gedehnten Zeit, der Langsamkeit der Handlung, die eine Nicht-Handlung ist, vielmehr die sprachliche Decke über einer furchtbaren, einer furchtbar effektiven Verdrängung. Der endlos tiefe Kummer des modernen Mannes. Der Irrsinn des Verlorenen. Die Lehre seines Scheiterns.

Im Zug liest ein älterer Mann Jörg Steiner – Grund genug, ihm deinen Platz zu überlassen.

Zwanzig Jahre lang hingen an der Wand hinter deinem Arzt die Kalender von dessen Kindern – den beiden blonden Jungs, beim Spielen, auf Reisen, auf dem Rücken von Tieren, mit der Mutter, ihm, dem Vater, deinem Arzt. Jetzt aber sind die Wände leer – denn die beiden Jungen sind erwachsen geworden, sie studieren, erzählt dein Arzt, in Budapest, in den USA … studieren Medizin. „Sie haben es schwer, Menschen zu bleiben.“ Dir fehlen nicht die Menschen. Oder doch? Dir fehlen die beiden Jungen auf den zwanzig Kalendern.

„Das Allerbesonderste an Schmetterlingen“, sagt das Kind, „das ist, dass sie sterben und wieder leben können. Sie schlafen einfach.“

Gelbwestenblockaden

„Das Meer ist da? Sehr schön, lasst es herein …“ Pablo Neruda

„Sie sind ein Zauberer!“ – da lacht der Handwerker laut und jovial, endlich erkannt.

Das volle Gleißen des Lichts über Marseille, genau wie in jenem Januar vor 21 Jahren, als du hier allein gelebt hast, im arabischen Viertel, dem alten Korbmacherkiez oberhalb des Vieux Port. Jeden Tag an den Hafen und weiter, hinaus zum Meer gegangen, das man von der Stadt aus noch immer nicht sieht. (10.12.)

Die geliebte Bar Caravelle. Hier war ich Abende lang glücklich.

Über jede Clementine lohnt es sich zu sprechen.

„Gelbwesten“-Blockaden an den Mautstationen bei Manosque. Wieviel Zuspruch die Protestbewegung bei der provençalischen Bevölkerung genießt, sieht man an den gelben Warnwesten selbst, die in jedem Auto Pflicht sind, doch zumeist verborgen im Kofferraum oder Handschuhfach aufbewahrt werden. In den Wochen des französischen Unmuts – Annie Ernaux nimmt die Bewegung in Schutz gegen den Verdacht, sich instrumentalisieren zu lassen von Rechten und Neofaschisten – sieht man die Westen demonstrativ in jedem dritten, vierten Wagen hinter der Windschutzscheibe liegen.

In Apt am Ufer des Cavernon – vor dessen reißenden Strömen auf Schildern gewarnt wird. Die Beschreibung des vermeintlich gefahrvollen Flusses als Bannung. Der Cavernon ist ein Rinnsal.

In Roussillon ist alles ocker. Ockerfarbene Häuser, ockerbraun die Felsen. Überall an den Wänden und Mauern das Wort „ocre“. Ockerhandwerk. Ockerfabrik. Ockergeschäfte. Ockereinwohner. Ockeralltag. Ockernächte. Ockertod.

Die von der Hitze und den Winden des Sommers entrindeten Platanen gespenstisch weiß im Mondschein. (Mâne, 9.12.)

Spectacle vivant!

Durst

Berater? Reiter. Steuerbereiter. Paragrafenberater.

Von der hellen Taube schreibt Handke, in der „Geschichte des Bleistifts“, wenn sie lande, sei sie selber der Brief.

In seinem ganzen Leben, sagt das Kind, habe es seiner Welt nur einen einzigen Traum gemacht.

Ein ganzes Wäldchen wird verbaut, um die Betonetagen des entstehenden Bahnhofshotels abzustützen. Zwischen den grauen Betondecken stehen die Stämme astlos, zweiglos, blattlos, ohne Krone und ohne Wurzelwerk – und dennoch strahlen sie, ja strahlen sie eine, ihre Würde aus in den grauen Nachmittag der steinernen, versteinerten Stadt. (Barmbek, 30.11.)

Sun Kil Moon – This is my dinner
Feist – The reminder

Das Kind zerrt einen Stuhl unter den Einbauschrank mit den Wassergläsern, nimmt eines davon heraus, füllt es auf und trinkt es, „Durst!“, ruft das Kind noch im Stehen, auf halber Höhe vor dem Schrank, und ich sehe mir das Spektakel an und frage mich, frage mich, ob nicht jedes Glas Wasser besser auf diese Art getrunken werden sollte.

Mit jeder gerauchten Zigarette ähnelst du mehr einer gerauchten Zigarette.

Die Wintervögel singen wieder.

Eine von Thomas Klings schärfsten Bemerkungen zu Dichterkolleginnen und -kollegen: „Du Talent!“

Unmöglich in Orplid

Wie kommt es, dass du an Tagen,
wenn Zeit ist, weiterzuschreiben
an dem Roman um ein im Schnee
versinkendes Schiff voller Leuten,
Auswanderern, stattdessen lange
gedankenversunken hinausblickst
in den Hof auf Nieselregen, das
Grau, und dich dann unvermittelt
an den Tisch setzt, loszulegen,
halsbrecherisch, mit Gedichten
wie diesem? Wovor flieht einer
wie du? Was gäbst du hin, noch
immer den Uhrzeigersinn für eine

Stunde wirklicher Ergriffenheit?

Ich weiß gut, ich lebe ja nicht
in Orplid, nur … unter Schloten,
in den Einkaufsmalls, Schrott-
vororten, bei den Glücksvisagen
der Behämmerten, im ganzen Ruin
lebe ich ebenso wenig, deswegen
entschiede ich mich, stünde es
zur Wahl, fürs Wundersame, die
Beschwörung, Märchen, Magie.
Ich sprenge es, jage es in die Luft,
das Unmögliche. Vergesse Sparta,
Berlin, Moskau und New York, bin
Unmöglicher, ich wohne in Orplid.

Das Sternentheater

Elster, kraxelt die Hauswand empor, krabbelt unter den Fenstersimsen entlang, pflückt sich die Spinnen, hüpft weiter, sammelt das Moos und die Würmer darunter aus den Ritzen. (Barmbek, 15.11.)

An diesem Abend Mitte November vor 43 Jahren kam ich als Junge, nein Bub (wir sagten Bua) in Hamburg an. Ich sehe noch das dunkle Haus vor mir (es steht noch), die Garage, in der mich zwei oder drei Jahre später, ich war 13, mein Vater, angefeuert von meiner Mutter, mit der Hundeleine verprügelte, die Hosen von meinem Hintern zerrte, bis ich nackt war und er drauflos drosch, während meine Mutter in der Tür stand, im Neonlicht der Garagenbeleuchtung, und hasserfüllt und bestätigt zusah – solange bis Nachbarn draußen vor dem geschlossenen Tor sich des Lärms wegen beschwerten. Es gibt Erinnerungen tief wie Furchen, andere seichter, wie Kerben, noch seichter, wie Kratzer, Einritzungen, beinahe lesbar, scheinbar zu entziffern.

OMD – Crush

Das Sternentheater!

Erster Schnee, leichtes Treiben bei bitterer Kälte. Als wäre dem Sommerjahr die Luft ausgegangen. (21.11.)

Das Kind im Krankenhaus. Das Kind muss operiert werden. Sofort fängst du an, aufzuräumen.

Mit einem Mal leuchtet das Haus im Innenhof strahlend gelb auf an diesem so grauen und trüben Nachmittag am Ende der Welt, oder beinahe am Ende – denn die Sonne ist ja noch da. Welches Glück, eine Frau zu haben, die ähnlich der Sonne ist, die dir Sonne ist.

„Komm großer Wind, wehe“ wollte Christian Saalberg seinen nächsten Gedichtband nennen, zu dem es aber nicht mehr kam. Die Pracht dieses Wörtchens „wehe“ in seiner Doppeldeutigkeit!

Ich erinnere mich an das Auto des Freundes, meine aber, die Farbe des Wagens sei heller gewesen, sehr viel heller. Es habe, sagt der Freund, wahrscheinlich Schnee gelegen, als ich zuletzt bei ihm gewesen sei. Können wir fahren? Wir fahren.

Drache, Mars und Herkules

Das Kind versucht mit den Fingern, indem es über die Buchseite streift, die Seite großzuzoomen, vergebens, und ich warte vor dem Display des Geldautomaten darauf, dass meine What’sApp-Nachrichten erscheinen, vergebens. (27.10.)

Drei von Rankenpflanzen überwucherte Fahrradwracks, angekettet, halb zerrissen und ausgeschlachtet, im Nieselregen. Sie heißen Drache, Mars und Herkules.

Slogan, Verächtlichkeit der Slogans: „Be real, be true, be you!“

Das Kind – das immer älter gewordene – sieht nicht ein, weshalb Theodor Fontane sich nicht vergleichen lassen soll mit Bret Easton Ellis. Es geht um Langeweile. Es geht darum, etwas auszusprechen oder etwas unausgesprochen zu lassen. Es geht um Verstörung, um Verstörtheiten.

Hannover heißt nicht länger Hannover. Hannover heißt jetzt H’over.

Am Hauptbahnhof sang und schrie – „aus Leibeskräften?“ Ja. – monatelang letztes Jahr eine Rolltreppe. Die Leute blieben stehen, verwundert von dem so musikalisch oder beinahe menschlich anmutenden Lärm, lächelten, ahmten Instrumente nach, zogen jammervolle Grimassen. Die Rolltreppe wurde schließlich repariert – zum Schweigen gebracht. Nun aber kreischt und rumort sie von neuem. Man wird die nicht zum Schweigen zu bringende Treppe ausbauen und wegschaffen müssen. (St. Georg, 30.10.)

Kings of Convenience – Riot on an empty street

„Laterne, Laterne, Laterne“, singt das Kind, „Sonne und Mondsterne!“

Leben und Schlafen, Lieben. Lieben und Bei-dir-Bleiben. Bleiben nur bei ihr, die dich dir ersetzen kann. Nirgends sonst als bei ihr, als bei ihr zu Haus. Das flüchtige Wohnen. (Arolsen, 2.11.)

Die einzigen Vergnügungsdampfer

Das Sterben der Lyrikverlage setzt sich fort und wird mit einem Mal bitter deutlich. Ist das die Grenze des Poetischen? Nein. Wie auch, wenn der Zweck eines Großteils der so genannten Gedichte die Herabwürdigung jeder Form von Poesie ist?

Am Tiergarten verschwindet hinter einem Anbau ein Wandbild, das ich kenne, seit ich gezwungen bin, nach Berlin zu fahren. Das Bild stellt(e) einen lebensgroßen Baum dar, gemalt auf eine Wand, die teils zerbrochen war und hinter der andere – vorgestellte? – Wirklichkeitsschichten sichtbar wurden. (Berlin-Tiergarten, 20.10.)

Durchsage der Deutschen Bahn: „Sehr geehrte Damen und Herren, leider ist unser Zug verkehrtherum gereist, wir bitten dies zu entschuldigen.“

Plötzlich hältst du am Küchentisch des Freundes eine Postkarte von Truman Capote in der Hand.

Arcade Fire – The Suburbs

Durch den dicksten Schwamm hindurch zu spüren: die angebrannten Inseln auf dem Grund des Kochtopfs – warum? (Physiker sind nicht gefragt.)

Unter der Ringstraßenbrücke – im Schatten an einem grauen, immer wieder regnerischen Tag – der Maler, der Malergeselle oder vielleicht junge Malermeister, bekleckst, beschmiert, wie eingekotet von einem Vogelschwarm, unter dessen Umherschwirren er stundenlang geschlafen hat. (Barmbek, 22.10.)

Sun Kil Moon – Universal Themes

„Only the rusty-sided freighters / go past the moon’s marketless craters / and the stars are the only ships of pleasure.“ Elizabeth Bishop

Auf Schriften

Auf dem Kombi des Plakatanklebers steht die Wahrheit: INFINITY. Sie klebt und klebt und klebt er an die Wände des Supermarktparkplatzes. (Burg auf Fehmarn, 15.10.)

In der Nacht, als du aufwachst, brennt nirgends ein Licht, in der grauen Ferne über den Feldern ein einziges Schwarz. Mach das Licht an, und es ist Leuchtfeuer. So stellte man Jahrhunderte lang eine brennende Kerze ins Fenster.

Beide Nachbarn tragen schwarze T-Shirts mit weißer Aufschrift. Der eine: „See you in Walhalla“, der andere: „Everything louder than everything else“.

„Here it all is – comprehensible, lovely, a sort of paradise. That this will be taken quite as swiftly as it has been given is difficult to remember.“ John Cheever

Nach zwei Jahren die Lektüre von John Cheevers Tagebuchauszügen beendet – und glücklich darüber, dass er am Schluss der Einträge zwar schwer krebskrank ist, doch lebt: „Ich reiße mir die Kleider vom Leib, lasse sie in einem Haufen auf dem Boden liegen, mache das Licht aus und falle ins Bett.“ Cheever starb wenige Tage später, am 18. Juni 1982, für mich aber lebt er noch heute und begleitet mich durch mein Leben. Großes Glück Johnny Cheever.

Zum ersten Mal seit an die zwanzig Jahren Blumenkohl gegessen, unter Tränen, wie als Kind, nein wieder als Kind.

Das Kind weint einem Stein nach, den es ins Meer geworfen hat, bevor ihm einfiel, dass er dadurch für immer verloren ist. „Er war rosa“, sagt das Kind, „und karamellbunt. Aber seine echten Farben konnte man nicht sehen. Aber ich habe sie gesehen.“

Das Pferd frisst die auf dem Erdboden liegenden, schon roten Ahornblätter. Wie erstaunt es ist, als ich ihm noch immer grüne reiche!

Riesenbubi wird leider zerquetscht. An der Supermarktkasse drängt sich ein junger Typ mit leuchtend blauen Turnschuhen in der Schlange vor und glotzt mich herausfordernd an, ob Widerspruch von mir zu erwarten ist. Ich lächle freundlich, und das verstört ihn, er tappt verstört voran, zahlt niedergeschlagen, verschwindet wie ein Schatten im Licht, und draußen höre ich schon den Schulbus, der ihn gleich überfahren wird. (Burg, 17.10.)

Vor 31 Jahren habe ich mir an diesem Oktobertag meinen schwarzen Alfa Romeo gekauft, Baujahr 1978, eine schrottreife Giulietta, die ich „Satan“ nannte, die ich drei Jahre lang Stück für Stück restaurieren ließ und die ich meiner Stiefschwester lieh, während ich in die Ferien reiste. Einen Schrotthaufen erhielt ich seinerzeit zurück, Ramona aber bliebt unverletzt bei dem Unfall auf der Harburger Brücke, beinahe so unverletzt wie ich.

In den Windböen segelt die Gartenhängematte. Sie will weg.

Die Finken in den Heckenknickbüschen am Ufer des Fehmarnsunds bei Staberhuk, grün, flink, flatternd, tschilpende, umherschwirrende Blätter.

Der parfümierte, stets ganz in Schwarz gekleidete Junge, der von morgens bis abends in sich gekehrt durch den Garten streift. Er könnte ein Dichter sein. Nur liest er nicht, nicht in Büchern jedenfalls. Aber Dichter müssen auch nicht in Büchern lesen. Hauptsache, sie lesen irgendetwas! Bäume zum Beispiel. Oder das Gras.

Die Tippelschritte

Die Tippelschritte der Alten, die ohne Rollator oder Gehhilfe unterwegs sind, voller Vorsicht, voller Zuversicht, voller Vorahnung. (Barmbek, 8.10.18)

Nach zwölf Jahren versuche ich, Notizen und Abkürzungen zu einem seinerzeit aufgegebenen, nein auf Eis gelegten Roman wiederzuentziffern: „AK 464“? – Anna Karenina, S. 464! Ich lese bei Tolstoi nach und finde die berückende, die überbrückende Beschreibung eines alten Gutsbesitzers und Verfechters der Leibeigenschaft.

Auf dem Schreibtisch hat das Kind eine Sammlung von Postkarten mit Motiven von Raoul Dufy liegen.

Nach dem trubeligen Jahrmarkt mit unsichtbaren Karussells in den Messehallen, nach den unzähligen Besuchern in deinem Gesicht, den besuchten Gesichtern, den eingedampften Gesprächen, den Entmutigungen, Enttäuschungen, Erwiderungen auf so viel Gleichgültigkeit – gehen wir in den Park, bestaunen die Vögel und das Wasser und spazieren an den gelben Mauern hin durch die Sonne. Unter einer Trauerbuche liegt auf einer eisernen Bank ein Mann und weint. (Frankfurt am Main, 12.10.18)

„Jetzt aber schwang das wilde Gestöber zwischen den Bergen seine Windpeitschen, die mich trafen, wo ich stand und zusah. Angesichts ihrer Gewalt konnte ich mich bald kaum noch auf den Beinen halten. Und auf dem Wind segelten feinste Disteldaunen aus Schnee, bloße Gazefädchen. Substanzlos wie Luft, nahm ihre Zerbrechlichkeit eine Schwere und Festigkeit des Schnees vorweg, die viele Wochen lang auf dem Land liegen würde.“ Nan Shepherd

„Ich habe geträumt, ich bin ein Pferd“, sagt das Kind.

The Cure – Disintegration

Landgang, der fünfzehnte und letzte

Im Prinzenpalais bleibe ich stehen – ja, wie angewurzelt – vor den berückenden Gemälden des Butjadingers Georg Müller vom Siel, der genau hundert Jahre vor mir zur Welt kam und in Oldenburg aufwuchs. Müller benannte sich nach dem Örtchen Hohensiel und reiste schon als junger Mann nach Amerika und quer durch Europa. Er erlernte sein Handwerk in München, Antwerpen, Berlin. In Paris wurde er Hofmaler von Großherzog Peter II. von Oldenburg. Doch der vielbewunderte junge Landschaftsmaler litt an Niedergeschlagenheit und Halluzinationen. Er glaubte, ein Rennpferd zu sein. „In Paris konsultierte er den berühmten Nervenspezialisten Jolly“, erinnert sich ein Freund. „Schon damals war es ihm, als hätte er Lokomotiven im Ohr.“
Was mich sofort anspricht an den Gemälden Müllers, sind die scharfen Konturen, die Bäume und Wälder, die Gehöfte und Mühlen vor dem Licht über der Weite.
Aber auch die Motivwahl ist eine besondere, die Bescheidenheit, die seltsam ortsgebundene Phantasie. Immer wieder malt Müller vom Siel die Hunte, ja er ist vielleicht der eigentliche Maler der Hunte, wie sie vor hundert Jahren war und wohl nie wieder sein wird.
Auf einer Wanderung durch die Wildeshauser Geest kommt der Anfang Dreißigjährige durch Dötlingen, ein abgelegenes Dorf auf halbem Weg zwischen Delmenhorst und Cloppenburg in von der Hunte durchflossenem Hügelland. Hier findet Müller das ländliche Licht und die Nähe zu dem ihm lieben Fluss, nach denen er gesucht hat, aber wohl ebenso die Stille und Muße, die sein strapaziertes Gemüt nötig haben. Das Bauerndorf Dötlingen wird durch Georg Müller vom Siel nach Worpswede und Dangast zur dritten überregional bekannten Künstlerkolonie im Norden.
Die letzten Jahre vor Ausbruch seiner Verwirrtheit wirkt Müller vom Siel in Dötlingen als Maler und Mallehrer vor allem von kunstinteressierten Frauen, denen nach kaiserlichem Gesetz verboten ist, an Kunstakademien zu studieren. Anna List, Anna Feldhusen, Marie Stumpe, Marie Stein-Ranke, Gertrud von Schimmelmann, Louise Droste-Roggemann, Emy Rogge und andere Malerinnen sowie zahlreiche Maler schließen sich der Künstlerkolonie an der Hunte unter Leitung von Georg Müller vom Siel an.
Für den Maler selbst aber gibt es keine Rettung. 1909, er ist Mitte 40, wird Müller vom Siel in die Nervenheilanstalt Wehnen bei Bad Zwischenahn eingeliefert, wo er für den Rest seines Lebens, bis 1939, lebt.
Er malt, tuscht, aquarelliert noch bis 1930, für bizarr und geisteskrank erklärte Zeichnungen von vermeintlich fiktiven Landschaften, scheinbar autobiografischen Begebenheiten und, schockierenderweise, sexuellen und fäkalen Erlebnissen. Penisse. Penisse in Dötlingen. Penisse in Oldenburg. Penisse in Bremen. Kothaufen. Die grenzenlose Erleichterung nach dem Beischlaf, der in Erfüllung gegangenen Liebe, „Koith“, nennt sie Müller vom Siel, was wie eine Neuschöpfung aus „Koitus“, „keusch“ und „Gott“ klingt. Seine Bilder verknüpfen innigstes Erfahren, Comicstrip-artige Verfahren, ein feines Schriftbild und komplexeste, nach wie vor tabuisierte Bereiche.
Die ganze Kraft und Schönheit seines Blicks kennzeichnet allerdings bereits seine Gemälde von den abgeschiedenen Wäldern über den Huntetälern – die nicht vergessen werden dürfen. Im Oldenburger Prinzenpalais öffnen die Gemälde von Georg Müller vom Siel die Räume, und die Weite kommt zum Vorschein.

Ich komme zum Ende, das heißt komme zurück zum Anfang. Denn wie stets ist das Ende nur ein neuer Anfang. Wir geben nicht auf. Wir fangen stattdessen von vorne an!

Es ist 42 Jahre her, seit mein Bruder und ich gemeinsam mit meiner Großmutter nach Oldenburg fuhren. Am Hunte-Ufer stand das Haus, in dem mein Großonkel wohnte, einen Garten hatte er, der zum Ufer des Flüsschens hinunterführte, groß und in meiner Erinnerung braun war das Haus, der Garten voller Gemüse- und Kräuterbeete, und am Ufer der Hunte, die unterhalb des Hauses gerade mal zehn Meter breit gewesen sein mag, stand ein Holzsteg, der war der Mittelpunkt unseres Oldenburger Sommernachmittags.
In der Stadt, in Oldenburg, habe ich seither bestimmt drei Dutzend Leute gefragt, wo dieses Haus, dieser Garten und dieser Steg gewesen sein könnten. Aber eine schlüssige Antwort habe ich nicht erhalten.
Erst durch meinen Landgang-Aufenthalt in Oldenburg wurde mir klar, dass dieser unvergessene Nachmittag von vor über vierzig Jahren vor den Toren der Stadt stattgefunden haben muss, dort nämlich, wo die Hunte noch ursprünglich anmutet, wo es noch eine Ahnung von der Weite gibt, die 1977 vielleicht noch eine wirkliche war.

Ich schließe mit einem Gedicht über den Hundsmühlener Hunteweg, der heute eine Siedlung ist wie zigtausende in Deutschland. Dort stand das Haus, das es nicht mehr gibt. Dort war der Garten, durch den wir liefen. Nur der Fluss, in den wir Jungs sprangen, ist noch immer derselbe.
Meine Großmutter sagte: „Kommt, los, fahren wir nach Oldenburg zu Kurt!“ Der war ihr ältester Bruder. Von ihm habe ich kaum etwas in Erinnerung behalten. Umso mehr aber davon, wie es war, gemeinsam mit meinem eigenen Bruder in der Hunte zu schwimmen.

Sommertag in Hundsmühlen

Schreiend liefen wir zum Fluss hinunter.
In meiner Erinnerung stößt der Rasen ans Ufer,
und da war ein Steg. Wir rannten
durch den Garten
auf die Planken und sprangen
aus der Sommerhitze in das kalte Wasser.
Es war braun. War stark und schnell.
Die Hunte griff uns um die Beine.
Ich weiß noch, meine Arme,
das Rudern, um am Steg zu bleiben.
Und er zog an mir, der Fluss drückte mich
weg, in das späte Sommerlicht hinein. Aber
schreiend lief ich wieder hinunter zur Hunte.
Und neben mir schneller rannte mein Bruder.
Da war das Gras. Und ich spüre es noch.
Der Fluss der Freund den Nachmittag.
Die Magnolien da. Ein Duft nach Majoran.
Immer wieder schwamm ich zu dem Steg zurück.
Und unsere Großmutter kam und saß mit uns im Gras.

Für Stephan Bonné

*

Abbildungen: Georg Müller vom Siel, Huntelandschaft bei Dötlingen, Öl auf Leinwand 1874 (1); Marie Stein-Ranke, Georg Müller vom Siel, Federzeichnung 1903 (2); Georg Müller vom Siel, Ohne Titel, Tusche auf Papier, ohne Jahr (3); Steg am Hunteweg (2019) (4); Juliette Aubert, Gegenlicht am Hunteweg (2019) (5)

Landgang, der vierzehnte

In der Mitte der Weite – die Weite ist hier das fast überall flache, immer flachere Oldenburger Land. Oldenburg aber, die alte Burg, Ollnborch ist die Mitte, das Zentrum, und man spürt das, sobald man in die Stadt kommt: Diese Stadt hat nicht nur ein Umland, sie hat ein Land.

Mit Oldenburg verbinde ich auch einen berühmten niederländischen Lyriker. In Glimmen bei Groningen lebte bis zu seinem Tod 2012 Rutger Hendrik van den Hoofdakker, der sich als Dichter Rutger Kopland nannte. Er war in seinem bürgerlichen Leben Psychiater und Schlafforscher, und er schrieb Gedichte mit einem ganz unverwechselbar ruhigen, sonoren Ton. Über seine holländische Heimatregion schrieb Kopland:

Sie haben mir erzählt, wer ich war
und wo sie mich gefunden hatten
das bist du, sagten sie, hier bist du.

Meine Herkunft ist zu rätselhaft
um sie zu beschreiben, zu selbstverständlich
für mehr Erklärungen als diese:
Ich bin, weil ich da bin.

Ich lese im Buch der Psalmen
und erinnere mich, wie schön Twente ist.

„Dank sei den Dingen“, eine Auswahl aus Rutger Koplands Gedichten, übersetzte ich gemeinsam mit meinem Dichterfreund Hendrik Rost. Dessen Frau ist Oldenburgerin, und als wir 2007 nach Glimmen fuhren, um ein Wochenende lang mit Rutger Kopland über unsere Übersetzungen zu diskutieren, machten wir Station in Oldenburg, gingen spazieren an der Hunte und sprachen über Koplands so eindringliche wie zurückhaltende Form von Gläubigkeit. Rutger Kopland sprach mit uns Englisch, bis seiner Frau am Mittagstisch einmal der Kragen platzte und sie zu ihrem Mann sagte: „Ruudi, jetzt sprich in Herrgotts Namen doch endlich Deutsch mit den Beiden!“
Oldenburg ist für mich seither auf sonderbare, auf poetische Weise mit Rutger Koplands Dichtung verbunden, ganz so, als stünde in dem Gedicht: „Ich lese im Buch der Psalmen / und erinnere mich, wie schön Oldenburg ist.“

Mittagsgottesdienst in der Oldenburger St. Lambertikirche, einer österlich weißen Rotunde unter ihrer erstaunlichen Kuppel. Ich lausche den lakonisch-freundlichen Worten des Pastors und bewundere immer wieder das ins Kirchenschiff, ins Kirchenrund herabhängende große violette Lichtkreuz. Neun Zuhörerinnen und Zuhörer. Der Pastor kann uns allen in die Augen blicken. Und wir ihm. In der Lambertikirche scheint der Glaube ein Licht zu sein.

Träfe zu, was der Autor des Erfolgsromans „Konzert ohne Dichter“ Klaus Modick einmal von sich behauptet hat – nicht ohne Selbstironie –, nämlich dass er in Oldenburg offenbar Goethe sei, wer, frage ich mich, wäre dann wohl nicht neben ihm, sondern tief unter ihm Lenz, wer wäre Kleist und wer Hölderlin? Wer wären alle die von dem selbstgefälligen Weimaraner Hofrat aus dem Weg gebissenen Karrierekontrahenten?
Ein Goethe zu sein, und sei es auch ein Goethe von Oldenburg, kann so verstanden niemand wollen. Klaus Modicks Roman „Konzert ohne Dichter“ hätte ich gern als einen lebendigen Roman über Heinrich Vogeler, Rainer Maria Rilke, Clara Westhoff und Paula Modersohn-Becker gelesen – würde darin die Geschichte des Worpsweder „Barkenhoff“ nicht auf Kosten Rilkes erzählt werden, dessen Dichtung und Lebensäthestik Modick unverständlich geblieben zu sein scheinen und den er zur Zielscheibe seines Spottes macht.

Früher stand in der Innenstadt das Geburtshaus des Philosophen, Psychologen und Pädagogen Johann Friedrich Herbart, eines Zeitgenossen Goethes. In den späten 1950er-Jahren hatte es der ersten Oldenburger Einkaufspassage zu weichen, und übrig blieb allein Herbarts Name, denn die Passage heißt bis heute Herbartgang. Klaus Modick beklagt in einem Aufsatz über seine Stadt zahlreiche architektonische „Maßnahmen“, ja schreibt von einem „städtebaulichen Massaker“. Den Namen „Herbartgang“ hält er für eine „zynische Verlustanzeige“.
Wer sich die Zeit nimmt und ohne Dünkel, aber mit wachem Blick durch den Herbartgang geht, entdeckt ein faszinierend vielfältiges Ensemble, dessen künstlerische Gestaltung auf Georg Schmidt-Westerstede zurückgeht, der zwischen 1962 und 1978 hier Glasmosaiken, Wandreliefs, Türgriffe und viele andere Elemente nutzte, um Herbarts pädagogischen Vorstellungen schöpferisch-kritisch zu begegnen.
Schmidt-Westerstedes Mosaiken leben von den satten Farben des Oldenburger Landes, dem tiefen Blau der See, dem Dunkelgrün der Felder und Wälder, dem Türkis des Himmels über der Weser. Der engstirnigen Lehrerbezogenheit des Herbartianismus hält Schmidt-Westerstede das offene Sehen entgegen: Pferde, Schiffe, Häuser, Felder, Kräne, Mühlen, Schafe, Deiche, Wellen, Kähne. Und überall Weite, Bewegung, die Bewegtheit der Weite.

Immer wieder laufe ich vorbei am Schlossgarten und über die Mühlenhunte Richtung Südosten zur Cäcilienbrücke. Die Hubbrücke führt über die Hunte, die hier begradigt ist, künstlich wirkt. Die vier geziegelten Treppentürme erinnern an eine Ruine, und tatsächlich soll die Brücke ja wie ihre Vorgängerbauten in der Geschichte abgerissen und ersetzt werden durch ein nützlicheres, dem Verkehrsstrom gewachsenes Bauwerk.
Seit Jahren schon wird das Gemäuer nicht mehr ausgebessert, der Hebemechanismus nur notdürftig instandgehalten. 2020 dürfte „das hässliche Ding“, „das Trumm“, „der Rappelapparat“, von dem der Antiquar am Schlosswall sagt, er lasse nichts durch, sondern halte alles auf, verschwunden sein.
Die Cäcilienbrücke trägt demnach ihr Verschwinden in sich, während sie noch dasteht, die Leute darauf noch immer von einem zum anderen Ufer gelangen, die Brücke sich hebt und Schiffe passieren lässt. Sie nimmt ihr Verschwinden vorweg, fast so, als wäre es der Brücke gelungen, selber Schiff zu werden und durch sich selbst hindurchzufahren, zu verschwinden aus dem eigenen Bild, auf der Hunte davonzufahren in die Bildlosigkeit.

Abbildungen: Georg Schmidt-Westerstede, „Sehenswürdigkeiten der Stadt Oldenburg“, Öl auf Holz 1972 (1); Ludger Hinse, „Lichtkreuz“, St. Lamberti-Kirche (2); Georg Schmidt-Westerstede, Glasmosaik im Herbartgang, Oldenburg (Detail) (3); Alexander Kleinloh, „Cäcilienbrücke“, Aquarell, 1998 (4); Georg Schmidt-Westerstede, „Cäcilienbrücke“, Tuschzeichnung 1949 (5)

Eine fürchterlich breite Brust

Die Rosenstöcke klopfen an die Fenster. Ende September. Sie wollen herein, aber ich lasse sie nicht.

Das Kind schreibt, in einer selbstentwickelten Zeitschrift: Kunst ist das Einzigartige, das es überall gibt.

Auf die Frage, was oder wo „Heimat“ für ihn sei, antwortet Richard Ford ohne zu zögern: „For me, ,heimat‘ is, where Kristina is.“

Die Bücher im Regal, in den Regalen – dein Leben. Nicht weniger, nicht mehr.

Der Alte sucht unter den Parkbänken vorm Einwohnermeldeamt nach Kippen.

Blumengeschäft. Neben dem Bindetisch flimmert ein Computerbildschirm, darauf ist eine Tabelle voller Ziffern zu sehen und die große Überschrift VERNICHTUNG.

Erster schwerer Herbstregen. Das Laub in den Straßen schwimmt davon. Die Vögel fliehen.

Charles Aznavour ist gestorben. Jeden Tag, seit ich Simenons „Fantômes du chapelier“ übersetze, habe ich an ihn als „Kachoudas“ gedacht. Seltsame Koinzidenz … wo der Film 1982 gedreht wurde, in Quimper und Concarneau in der Bretagne, dort war ich wenige Monate später, ohne jedoch davon zu wissen, überhaupt ohne zu wissen von Georges Simenon, Charles Aznavour oder Michel Serrault. Dennoch binden mich einige sehr konzise Erinnerungen an die Orte und die Zeit. Sie ist für mich nicht vergangen. (1.12.)

Jesu / Sun Kil Moon

Die Freunde haben jetzt alle eine fürchterlich breite Brust. Nur einer winselt und wimmert leise weiter vor sich hin von Kummer, Zweifeln und Enttäuschung, und der bin ich. (Eppendorf, 5.10.)

Eine ganz frappierende Verwandtschaft besteht zwischen Hesses Maler- und Vater-Roman „Roßhalde“ von 1913 und Hemingways posthum 1971 erschienenen Roman „Islands in the Stream“. Die Verwandtschaft ist rein seelischer Natur, drückt sich aber gerade deshalb im Poetischen aus, so in der verblüffend ähnlich lautenden Beschreibung von Fischen und Vögeln.

„Ich würde gern in die Sternengastronomie …“

Was hat dich schon immer so hineingezogen in einen Heckenweg?