Das Gras

Zum Tag des inhaftierten Schriftstellers 2018


Oleg Sentsov

Der ukrainische Schriftsteller und Filmemacher Oleg Sentsov wurde wegen angeblichem Terrorismus in einem unfairen Prozess von einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Sentsov sagte dabei aus, dass ihm Folter angedroht worden sei. Derzeit befindet er sich in einer sibirischen Strafkolonie für Schwerkriminelle in Labytnangi, tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat auf der Krim. Zuletzt verbrachte er 145 Tage im Hungerstreik und forderte die Freilassung aller in Russland inhaftierten ukrainischen Häftlinge aus politisch motivierten Gründen. Er beendete seinen Streik am 6. Oktober 2018, da er befürchtete, zwangsernährt zu werden. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Sentsov den mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Menschenrechtspreis erhält. Die Preisverleihung ist am 12. Dezember in Straßburg geplant, doch dass Russland den Autor dazu ausreisen lässt, ist unwahrscheinlich.
Sentsov wurde im Mai 2014 von den russischen Sicherheitsdiensten auf der Krim festgenommen. Seinen Aussagen zufolge wurde er drei Stunden lang körperlich misshandelt, geschlagen und sexuell missbraucht. Er wurde nach Russland gebracht, wo er über ein Jahr in Untersuchungshaft verbringen musste. Im August 2015 wurde er nach einem äußerst unfairen Verfahren vor einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde ein Antrag auf Auslieferung in die Ukraine mit der Begründung verweigert, dass er nach der Besetzung und Annexion der Krim durch Russland zu einem russischen Staatsbürger geworden sei.
Der internationale PEN geht davon aus, dass Oleg Sentsov für seinen Widerstand gegen die russische Annexion der Krim inhaftiert wurde, und fordert die russischen Behörden auf, den Autor und Filmemacher unverzüglich freizulassen, seine Menschenrechte, einschließlich des Verbots von Folter und anderen Misshandlungen, und sein Recht auf ärztliche Behandlung zu respektieren.

Cello und Biene

Im Speisewagen redet ein bärtiger Silberrücken auf seine Frau ein, gestikulierend, mit den angelernten, abgeguckten, immergleichen, leeren, auf ihn selbst zurückweisenden Gesten. Sie tut das Beste, was sie tun kann, sie schweigt. Sie bezahlt. Er doziert. Er weiß alles, und weiß alles besser. Er weiß, sein Gesicht sagt es tonlos, dass er auf dem Holzweg ist und auch sie verlieren wird wie seine Mama. Schon tut ihm alles leid. Armer Idiot.

The Sea and Cake – The Fawn

Einer kommt dir zu nah, fast kannst du ihn riechen, die Empörung wächst, du übst dich schon still im Zurückweisen, da blickst du ihm endlich offen und frei ins Gesicht – und erkennst die freundliche Arglosigkeit. (22.8.)

Wie traurig das Kind auf einmal sein kann.

Du stößt den Fensterladen auf, und aus der augenblickslang noch dunklen Nische zwischen Fensterrahmen und hellem Tag stürzt ein Nachtfalter hinaus unter einen rettenden Busch. (Berlin-Schöneberg, 23.8.)

Die Wespe stößt die Biene in den Honigtopf, aus dem ich das Opfer rette. Die Biene scheint auf Anhieb zu wissen, wie wenig Zeit ihr bleibt, um den Angriff zu überleben: Ihre Hinterbeine sind honigverklebt wie ihre Flügel. Das ist die ihr vorgegebene Reihenfolge der Säuberung, ehe die Wespen sie entdecken oder die Straßencafébedienung sie wegwischt.

„Überall die kranken Lagerhallen am Start, boy“, sagt im Zug der über und überall tätowierte Jüngling zu seinem „Bro“. Einen winzigen schwarzen Chihuahua haben die beiden Rosenheimer Jungs dabei, ihre „süße kleine Fledermaus“. (Erfurt, 26.8.)

Autos gibt es wie Sand am Meer.

Drei offenbar noch junge Elstern machen sich über den Kadaver eines Vogels her – einer Elster? Innenhofmassaker.

Das Fallobst unter den Apfelbäumen bildet den Umriss der Baumkronen nach. Das Fallobst ist die Erinnerung der Obstbäume.

Mit einem Mal – nein seit Tagen immer deutlicher – unbändige Lust, Proust zu lesen. Der ich widerstehe!

Schlagzeile: IST ES MÖGLICH, DASS ES UNSER UNIVERSUM GAR NICHT GIBT?

Die Ähnlichkeit eines Cellos mit einer Biene.

Der Gebrauchtwagenhändler, der um den zu Verkauf stehenden Wagen herumgeht und mit den Fersen seiner Absätze (den Versen seiner Absätze?) kräftig gegen jeden der vier Reifen tritt – ein zweckloses Unterfangen (zwecklos wie alle Kunst, sagt Oscar Wilde zwecklos). US-amerikanischer Ausdruck für Großtuer und Nichtsnutze: tire-kicker.

Neue Tiefe

Wie die Bäuerin es vorhergesagt hat – Erfahrung, Überlieferung –, dauert der Todeskampf der Hornissen nach der Ausräucherung ihres Nests exakt 24 Stunden. Unten im sonnenbeschienenen Gras stand der Mann mit der Teleskopstange, an dem die Spraydose voll Gift befestigt war, etwa drei Minuten lang, hielt sich fest an der Leiter, betätigte den Spraymechanismus, die Wolke drang in den Bau, die Tiere verstanden die Welt nicht mehr. Wir hören den Zorn, die Empörung, den Stress, die Todesangst, das Sterben, die Rettungsversuche. Im Gesicht der Bäuerin der Widerstreit von weltgewandter Moral und lokalem, tradiertem Pragmatismus – gegen den kein Kraut gewachsen ist.

Eine Stunde lang mit einem Pferd im Kreis gegangen.

Über den Nachthimmel zieht ein Satellit, milchweiß, voller Botschaft und zugleich lautlos.

Dein Sohn, 22 geworden, spricht zum ersten Mal furchtsam vom Alter. (15. August)

The Sea and Cake – The Moonlight Butterfly

Name einer neuen, leider unmöglich gemachten, poetischen Bewegung: Neue Tiefe.

Mein Pferd hat Nasenbluten.

Vor dem Bett des Kindes ein Sandhaufen. In seinen Schuhen Dünen. Wie läuft das Kind damit, seit Tagen, Wochen?

Die Erinnerungen der Mutter sind nicht maßgebend, nur ein Teil sind sie deiner (und ihrer) Verwirklichung. Zeugin ist die Mutter, aber nicht Kronzeuge, denn der bist du allein, keiner sonst. (Burg auf Fehmarn, 17.8.)

Die weiche Wasserverdrängung der fetten Kinder.

Neunundzwanzig Gänse

„Drei Mal diesen Sommer sind mir die Tagetes verbrannt“, sagt die Bäuerin.

Von früh bis spät hört man das Knispeln der Hornissen in der Wand, wo die Großwespen die Holzbalken abnagen. Jede halbe Minute fliegt eine, das Maul voller Holzbrei, davon und kommt eine andere herzu, um die Fracht für den Nestbau neu aufzunehmen. Das Haus wird abgetragen, wird in ein Hornissenhaus verwandelt und an anderer Stelle – wo? – wiedererrichtet. (Hinrichsdorf auf Fehmarn, 11.8.)

Jede Ordnung ist Illusion – auch diese, dieser Satz.

29 Gänse. Bei Böen spreizen sie alle simultan die Schwingen und rennen in dieselbe Richtung, um aufzusteigen und davonzufliegen – aber sind schon längst zu schwer. Das Fliegen aber ist in ihnen, nicht mal als Erinnerung zwar, und dennoch. Fliegen sie in ihrer Vorstellung? Mit dir und dem Lieben muss es ganz ähnlich sein. Wie viele Jahre und Jahre warst du zu schwer, obwohl du leicht warst wie eine Feder. Du warst zu bekümmert, um noch zu lieben.

„Und zwischen zwei Blicken die Kluft, die so tief ist / daß selbst ein Lächeln sie nicht überbrücken kann / Oder eine Träne“ Christian Saalberg

Beirut – The Rip Tide

Zugleich machtvoll und friedvoll: Rauschen der Bäume.

Über einen Hund (am Bojendorfer Strand), der dich an einen Fuchs erinnert, sagt das Kind: „Er sieht aus wie ein Fuchs, der sich als Hund verkleidet hat.“

Johannisbeeren

Am Ende der Wiese, bei der kleinen Wasserstation,
stehen Männer im Blaumann, frühmorgens schon.
Sie haben einen Auftrag, wie Bauarbeiter immer.

Ein leichter Holzkohlegeruch weht in dein Zimmer.
Du stehst am Fenster, blickst verwundert hinaus.
Vor der Weite der Felder das letzte ist euer Haus …

So kannst du gut sehen, dass dort noch einer steht.
Er ist groß und trägt Schwarz, hat so ein Atemgerät
am Gürtel, aus dem Wasserdampf steigt, hat Flügel,

drei Paar, sechs dunkle Schwingen, fast wie Bügel,
die zittern und kurz schlagen, sobald jemand spricht.
Welches Gesicht er dabei macht, erkennt man nicht.

Da sind in den überall roten Johannisbeerbüschen
Kinder, die Fangen spielen, nur ständig entwischen.
Keiner fängt jemanden, und niemand wird gefangen.

Schon kommen sie gekrochen, die kleinen Schlangen.
Und die Bauarbeiter lachen hell am Ende der Wiese,
weil jede schwierigere Aufgabe sein sollte wie diese.

Einer isst von den Beeren. Er wirft den anderen zu.
Gleich folgt die Pointe, die gute Moral. Meinst du?
Nichts da. Die am Leben sind – alle Gespenster –,

müssen warten, wie du, versteckt dort am Fenster.
Sie graben die Büsche aus, sie löschen alles Rot.
Und aus dem Gras zu dir hinauf blinzelt der Tod.

Das verlassene Hippodrom von Oraison

Die Regentropfen, die „Tropfen des Regens“, wie Volker Sielaff schreibt, nicht selten blüten-, faustgroß beinahe. Und stets kommt ein Regenvorbote und stürzt vom Himmel – ein Miniaturregen, wenige hundert Tropfen, Tropfen des Regens, des Bewegens, ein Regen, der (und das) da die Montagne herab seewärts rollt. (4.8.)

Die Libelle über dem See, schwirrt herab zur Wasseroberfläche und trinkt tunkend, das Glitzern punktierend, ein Ball mit vier Flügeln. Abflug. L’envol. Im hohen Bogen davon, aufgetankt. (Les Vannades, 5.8.)

Arcade Fire – Neon Bible

In der Hochsommerhitze das verlassene Hippodrom von Oraison am Ufer des Durance-Kanals, des „elektrischen Flusses“, wie das Kind sagt, weil es von den Turbinen hat reden hören. Das Gras in dem Oval ist ausgeblichen, fast hüfthoch. Unsichtbares Publikum auf den niedrigen Tribünen, unsichtbare Jockeys auf unsichtbaren Pferden, die hinunter zum Kanal schreiten, so unsichtbar wie seit tausenden Jahren die Zentauren. Am Kanal saufen die Tiere noch einmal aus ihren unsichtbaren Gesichtern, ehe das Spektakel der Phantome von Oraison beginnt.

Hornissensommer

Dem Leichenzug voran fährt der schwarze, mit Blumen beschmückte Wagen, in dem der Sarg steht mit seinem Toten. Ihm folgen zu Fuß die Angehörigen, die Freunde, die Bekannten und Verwandten, dann, in den Autos, die im Schritttempo hinterdreinrollen, die Feinde, die Opfer. Zuletzt die Geliebten. Ihrer aller Ziel liegt am früheren Dorfrand, heute mitten im Dorf, und hat die höchste Mauer. Der Glöckner hat an diesem Morgen alle Hände voll zu tun und löst sich auf in Klänge, die über den Ort schallen.

„Wanna give me a hug?“ – „Yes. A hug with knives.“

Der Geistliche geht durch die Altstadt und trägt Soutane und Strohhut.

Beirut – Lon Gisland
Beirut – Gulag Orkestar

Am Lac d’Esparron bei 42 Grad Augusthitze: Eine junge Frau zeigt einem Freund ihre Hände, die braun sind, an manchen Stellen aber ganz weiß – „ç’bizarre, ’on?“

Nicht eine einzige Wespe diesen Sommer im hellsten Licht auf der Terrasse. Im Feigenbaum tun sich dafür dutzende Hornissen an den Früchten gütlich und vertreiben alle Insekten. „Chabriasses“ nennen die Leute sie im Durance-Tal. (3.8.)

Dem Gewitter voran geht der Wind, der mit einem Mal auffrischt und Stufen auf der Beaufort-Skala für lachhaft versimplifizierend erklärt. Man meint sie sehen zu können, die Böen, die durch das Durance-Tal fegen. Durch sie hindurch zucken die Blitze, fast alle lotrecht, nur selten verästelt, schräg, nervöse Blitze. Der Donner dumpf, uralt, als wäre er seit je derselbe, ja als gäbe es gar keinen anderen.

Linie

Bis die Unwirklichkeit aufhört, bleiben
Uhren, Flaschen, Scheinwerferpaare
unbestimmt und ihre Namen vorläufig.

Während seltsames Licht auf einer nur
deshalb sichtbaren Linie von Fenster
zu Fenster das Zimmer durchmisst

und der warme Wind vorm Haus,
um das Haus und über dem Haus
nicht mehr nachzulassen scheint,

nimmt mein schmales Reservoir
an Atemzügen, an Worten und
erst Küssen fortwährend ab.

Ich hab nur zwei Augen, nicht
vierundzwanzig, und die beiden
sind keine Brandschiffe, sondern

hoffentlich Fähren, leuchtend
fahren sie hin und her
durch das Schwarz.

Einer geht auf der Straße
bis zum Ende, einer tritt vors Haus,
und weiter weg reden zwei und lachen.

Während der Sommerwind laut, ja
lauthals weiter und weiter liest
in der unaufhaltsamen Dunkelheit.

Selfie mit Blässhhn

Deine Augen büßen täglich an Schärfe ein. Wenn du „Blässhuhn“ schreiben willst und glaubst, „Blässhuhn“ geschrieben zu haben, liest du neunmal darüber hinweg und liest immer „Blässhuhn“, erst beim zehnten, elften Mal fällt dir auf, dass da „Blässhhn“ steht.

Was heißt das für die Welt? Was, wenn vor deinen Augen ein Blässhuhn vorbeischwimmt? Erkennst du den Vogel, siehst du ihn weniger, fehlt ihm ein Stück? „Da, ein Tier. Was ist das für eins?“ – „Ist das nicht ein Blässhuhn?“ – „Ein was?“ – „Ein Blässhuhn.“ – „Weil es verblasst?“

Während die Autos vorüberrasen, geht eine Alte am Arm ihrer Tochter – oder Enkelin? – so langsam wie der Atem des Sommers über den Parkplatz der Autobahnraststätte. (Bei Grenoble, 29.7.)

„Je veux du chantilly, je veux du chantilly!“, schreit im Supermarkt das Kind, unaufhörlich. „Ich will Schlagsahne, ich will Schlagsahne!“

„Die Ameisen waren schon immer da“, sagt mein Herz.

Mit bloßen Händen fängt das russische Mädchen ein Blässhuhn – für ein Selfie mit Blässhuhn.

Wie der Oleander, der von früh bis spät in der Hitze am Rand des bekieselten Parkplatzes steht – und der dabei rosig bis tief rot blüht –, so musst du versuchen, das Leben zu meistern. Die Unbilden durchblühen. (Volx, 1.8.)

Schlafende Mitbewohner

Im Treppenhaus ein roter, klebriger Fleck auf dem Linoleum, und ich sage zu dem Kind: „Guck, da ist eine Marmelade gestorben.“ Das Kind hält inne, besieht sich lange den Fleck und findet kaum heraus aus seiner Verwunderung. Erst ein Stockwerk tiefer lachen wir, boxen und boxen uns.

Die Mitbewohner sind zurück, nach dreißig Jahren Schlaf.

Es hält nicht, nicht einmal das, was es verspricht, das morsche Gebälk der Erinnerung.

Depeche Mode – Ultra

„Dein Hemd hat dasselbe Muster, dasselbe Hellblau wie der Grund meines Lieblingsschwimmbades.“ (22.7.)

An einem der heißesten Tage des Sommers am Nachmittag im Kino, um noch einmal – zum letzten Mal – „2001 – A Space Odyssey“ zu sehen. 25 Leute in dem raumschiffartigen Saal. Hinter mir ein alter Kerl vom Planeten Schnarch Alpha keucht und keucht und schläft ein. Nach drei Stunden müder Applaus. Ich hatte längere, aufwühlendere Diskussionen mit dem rebellischen Bordcomputer HAL in Erinnerung. Unverändert bombastisch, unpassend und geschmacklos die Musik von Strauß und Strauss. (27.7.)

Nachtigallen-Petition vor dem Roten Rathaus übergeben!

In der kleinen Nische der Reinigung und Änderungsschneiderei des Supermarktneubaus hat der persische Schneider eine Decke unter die elektrische Kleiderbügelstange voller daran aufgehängter Hemden, Mäntel und Hosen gebreitet und schläft dort, im kühlen Schatten auf dem weißen Kachelfußboden.

Brinkmann in Westerstede

Den Opel eines Mitschülers hatte er
in Ocholt gegen einen Poller gesetzt,
keinen Muckser mehr tat der Rekord,
und ein Dichter kannte sich nicht gut
mit Autos aus, so wenig wie in Ocholt,
aber am Bahnhof sah er, die Schmal-
spurbahn fuhr zu der Stadt, wo Hardy
Frerichs wohnte, Westerstede, Brink-
mann war dort die ganzen Jahre nie
gewesen, jetzt sah er auch, weshalb,
die Gleise, die Lok, die Waggons, so
grotesk, am besten wegrennen, weg,
aber das hätte Hardys Kutsche kaum
heilgemacht, außerdem hatte er Kohl-
dampf, zuletzt ja am Morgen in Vechta
ein Schinkenbrot auf die Hand gehabt,
er dachte an die Küche, das Licht und
den Güllegeruch seiner Jugend, Gülle
for ever, o Jesus, zum Glück bald over
and out, er würde Essener sein, dachte
Rolf Dieter Brinkmann, als der lachhafte
Zug ihn durch Westerstede gondelte und
er dieselben stillen Straßen an dem Sonn-
tagmittag sah und dieselben paar people
wie im Schweinezüchterparadies Vechta.
Standen im Nieseln da und sahen ihn an.
Gespenst aus dem Dampf enger Träume.

Rebellion gegen die Würdelosigkeit

Immer mehr meiner Artgenossen und Mitmenschen gleichen Indianern: tätowierten, trunkenen und traurigen Schoschonen oder Komantschen, denen alles geraubt wurde, die dir im Handumdrehen den Skalp rasieren und die verzweifeln an ihrer resignierten Rebellion gegen die Würdelosigkeit. (Essen, 15.7.)

In einer Wolke aus Insekten gegessen. Alle scheinen sie in den Aachener Hitzesommer abgewandert zu sein. Kein Regen seit drei Wochen. (Aachen, 15.7.)

In jedem Garten, an den ich mich erinnere, wuchsen Johannisbeersträucher. Es muss eine Verbindung geben zwischen Erinnerungen und Johannisbeeren.

Gläser gibt es, die sind erst wirklich (auf der Welt), wenn du sie nicht oder nur um ein Haar hast fallen lassen. Dann hältst du sie in der Hand, und sie erwachen. Gewinnt ihre Wirklichkeit Gestalt.

„Grausamer als der April ist die Natter der Zeit.“ Thomas Wolfe

Der Goldstuhl

Wie eine Hand mit acht Fingern
sitzt die Spinne an der Zimmerdecke,
reglos, kopfunter, mit lachendem Scheitel.

Das Kind steigt auf seinen Goldstuhl,
es greift sie, steckt sie sich in die Tasche
und läuft damit in den Garten, den Regen.
Dort erfindet es mit der Spinne Spiele.

Warum hat es so gar keine Angst?
Doch, sagt das Kind, schreckliche.
Ich habe Angst vor nichts, das es gibt,
bloß Angst vor allem, das unsichtbar ist,

dem Wind, dem Herzen und den Gedanken.

Eine Zumutung

„Ein voller Geschmack vom Ende geht dem Gedicht voran. Anfang.“ Jannis Ritsos

Die Supermarkthilfe weiß nicht, was Popcorn ist. „Poppkorn?“ Jemand sagt: „Kino, Essen.“ Da nickt sie, und ihr Gesicht hellt sich auf. (7.7.)

Ich bin eine Zumutung, und ich will auch eine sein. Das ist mein Posten: eine Zumutung.

Die Morgengeräusche im Viertel, Tag für Tag neu, als würde der Tag in dieser nicht blauen, in einer Blaumann-Stunde fertiggestellt, zu Wasser gelassen, als würde in der Frühe die Takelung des Tages aufgezogen und geprüft werden, ob es losgehen kann. (12. Juli)

Sei Baum. Freu dir einen Ast.

Gefühlte Weite

Zum letzten Mal
die Zähne abgetastet
mit deiner Zunge,

das letzte Mal
bestaunt den Baum,
der die Straße baut,

zuletzt noch einmal
die Küste besucht,
Küsse im Dunkeln.

Zur Erinnerung an Günter Herburger

Eine Schwalbensilhouette

„Ich träume nicht so viel, wenn ich die Augen zuhabe“, sagt das Kind. „Am meisten träume ich, wenn ich die Augen aufhabe und rumlaufe.“ (30.6.)

„Ja: Es ist eine Zeit, in der so viel möglich war wie vielleicht noch nie, im Bösen und im Guten, und vor allem im Unerhörten; geheimnisvolle Zeit, in der jetzt etwa lang vor dem Morgen der Tauregen aus einem Baum klatscht.“ Peter Handke, „Kali“

„Urban Sketching“, heißt es, sei zurzeit schwer angesagt. Man strichele, mit Bleistift, auf Papier, was man im Alltagsleben, im Freien, so sehe. Alles sei möglich. – Ich wusste es immer: Die Wende kommt, es ist nur eine Frage der Zeit. Bald zertrümmern wir unsere Smartphones. Oder lassen sie einfach irgendwo liegen, wie eine durchlöcherte Mütze, die zu nichts mehr taugt.

„Wenn ein Tier stirbt, kann keiner das reparieren“, sagt das Kind. „Und genauso kaputt ist ein Herz.“

Die in die Lesung einführende Universitätsprofessorin spricht über die Kunst des lückenhaften Erzählens in Daniel Kehlmanns Eulenspiegelroman „Tyll“. Eine Lesung im Freien, im Garten des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin. Linder Abend. Tiefstehende Sonne. Der herrliche Wind mit seinem glücklichen Rasseln in den Uferbäumen. Die Professorin setzt alles daran, dem Buch, das vor ihr auf dem Lesepult liegt, ihr Wissen zu entlocken, magierinnenartig wischt und zieht und zaubert ihre Hand darüber hin, und tatsächlich: Im Gegenlicht deutlich zu erkennen als Schatten, wischt eine Schwalbensilhouette aus den Seiten, entwischt dem Roman und entkommt über den See. (Berlin-Wannsee, 5.7.)

Fünf Müllmänner zu Gast auf Erden

Die Geizigen halten sich für freigiebig, denn sie geizen sogar mit ihrer Habsucht.

Wie gesagt: Mein Outdoor-Textilmanagement lässt zu wünschen übrig, da muss ich mich um Optimierung bemühen!

Auf einer Parkbank (einer) sitzen fünf Müllmänner in der Sonne unter den Bäumen und lachen. (Barmbek, 13.6.)

Jeder frei gewordene Fleck in der Stadt wird sogleich eingenommen von jemandem, der ihn zu benötigen scheint oder meint – als Abstellplatz, als Räumfläche, Erholungsort, als bloßes Eigentum, egal wofür. Ist das ein Zeichen für Enge?

OMD – Orchestral Manoeuvres in the Dark

„Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet: / ,Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.’“ Tomas Tranströmer

Wieder die fünf Müllmänner gesehen, aber diesmal in einem Viertel drüben im Westen. Auch da saßen sie auf einer Bank herum und waren bester Stimmung.

Im Innenhof arbeiten zwei Handwerker den ganzen Tag lang schon an der Erneuerung des meist verwaisten Kinderspielplatzes. Eine mühsame Arbeit offenbar! Denn oft setzen sie sich und rasten – wie die Müllmännerriege – auf einer Bank im Schatten.

Etwa achtzig Wörter brauchst du, bis deine Handschrift nach den ganzen Tagen über der Computertastatur wieder flüssig und leserlich wird.

Brixen zum Beispiel

You can’t repeat the past.
F. Scott Fitzgerald

Am Morgen, wenn das Fensterlid aufgeht,
stürzen zwei Elstern durch die Weinbergzeilen,
wie verfolgt von dem Sturmwind des Bösen oder
einem Trauma. Was hat das Flüchten überall
mit deinem Leben zu tun?
            Brot der Erinnerung,
heillos zerbröselt, oft einfach nur vom Tisch gewischt,
und unaufwärmbar das Mutterherz, das alles besser
weiß – Kinderspiel, weil ja für dich nichts sicher
ist.
   Vielleicht darum möchtest du immer –
Flüchten auch das – zurückreisen nach zerdehnten
Jahrzehnten an Orte, wo du als Junge, ein Bub, z. B.
schwimmen warst im Garten eines Sommerhotels
hoch über dem Eisacktal.
             Eidechsen sind verlässlicher
Zeugen als die Erinnerungen und verschwinden auch
behänder. Grün summt am Abend das Gras immer
noch die Lieder, die verloren gingen, ohne dass ihr
Brüder sie gesungen hättet. Süße Verlorenheit
Vanillegeruch in der Bäckergasse.
                  Was vergangen ist,
das lässt sich nicht wiederholen, schreibt Fitzgerald, und
Gatsbys Empörung darüber mag Wahn sein, Selbstsucht,
genauso ist sie Ausdruck einer unwandelbaren Liebe.

Das Vergangene zurückholen

In „The Great Gatsby“ behandelt F. Scott Fitzgerald eines seiner Kardinalthemen: die Vergänglichkeit und – noch brisanter – die voraussetzungslose Fortführung des Vergangenen. So kommt auf die unwiederbringlich verloren scheinende Liebe Daisys – seiner inzwischen verheirateten Verflossenen – nicht Gatsby zu sprechen, sondern dessen Freund und Nachbar Nick, der nach einem rauschenden Fest auf Gatsby Anwesen zu ihm sagt: „I wouldn’t ask too much of her“, und: „You can’t repeat the past.“
Gatsbys Reaktion ist so empört wie seit einem beinahen Jahrhundert einzigartig.
„Can’t repeat the past?“, ruft er – ungläubig – aus: „Why of course you can.“
Die deutsche Übersetzung dieser einzigartigen Replik ist weniger als dürftig. Sie zeigt keinerlei Interesse an der Verdeutlichung von Gatsbys Projekt, die Vergänglichkeit – und damit die Vergangenheit – aufzuheben.

Die Eidechsen

Durch den Weinberg steigen die jungen Lesehelfer in ihren Tarnanzügen. Gegenüber der Baustellenkran – höher als der Weinberg – piept markdurchdringend bei jeder Bewegung. Während der Nebel in die Bergwälder fährt. (Vahrn / Varna, Südtirol, 7.6.)

Eine Versammlung von Verzweifelten und Geltungsbedürftigen, von Trinkern, Trinkerinnen, von Clowns und Liebessüchtigen – ein Spiegel ist der Literaturbetrieb, zersplittert, zerdeppert, und du weißt dort so gut wie jeder andere, dass du nirgendwo besser aufgehoben wärst als in dieser leeren Fülle.

Die von Vogelgeneration zu -generation stets aufs Neue vergessene Gier der Sperlinge, die Spatzensucht. Die wir ihnen lachend Jahr für Jahr neu aufhalsen.

OMD – Organisation

Die Lesungen in den Stiftsälen und -bibliotheken werden alle übertönt von den Gesängen der Vögel, die in den Baumkronen und auf den Dächern rings um die Jahrhunderte alten Gebäude sitzen. Oswald von Wolkenstein saß hier in der Sonne, aß Trauben und wunderte sich über die Laute, zu denen Elstern in der Lage sind. Als würden sie ihrerseits lesen, uns vorlesen aus ihren Amsel- und Meisenbüchern, den Schwalbengedichten, den Essays der Tauben über die Kirschenreife, den Reportagen der Rotkehlchen über die Düfte der Apfelbaumreihen im Regen. (Novocella, 9. Juni)

„Hat man erst der Sonne ein Leck geschlagen, kann man sicher sein, daß sie untergeht.“ Christian Saalberg

Wider Erwarten, ein wenig auch wider Willen und allein aufgrund des unerwartet in den Sinn gekommenen Namens – „DA!“ – das Hotel wiederentdeckt, in dem du 1974 ein paar Sommertage verbracht hast – das „Temlhof“ oberhalb von Brixen. Im Hotelgarten stehst du wie in einem überraschend in aller Überdeutlichkeit wiedergekehrten Traum. Du erkennst alles wieder, sodass die Zweifel abplatzen von der Unwirklichkeitsverkapselung. Hier warst du, hier bist du. Nicht: Ich denke, also bin ich. Sondern: Ich war hier, also bin ich. Der Ort kennt dich, und er weiß: Du bist am Leben. Du hast bessere Zeugen als deine Erinnerungen: Kaum dass du sie erwähnst – ihr Fehlen –, tauchen sie auf aus den Mauerritzen der Hotelwand: die Eidechsen, die es seinerzeit ebenso in Hülle und Fülle gab und die ein Wunder waren, wenn ein Schwanz abbrach und zuckend liegenblieb auf deinem Handteller, während das Tier die Zeit deiner Verwunderung nutzte, um zu entkommen. Ja, die Eidechsen. Sie schwören, dass du schon hier warst.

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.