Das Gras

Der Glastisch

Er steht heute im Dunkel in meinem Keller,
   der Glastisch, um den mein Vater und ich
herumstrichen, als es um alles ging, mein
   Aufbegehren, seine Gewalt, letztendlich
um Worte, um Selbstbestimmung, was ich
   und was er war und was er da spürbar
nicht länger hat zusammenballen können.

Mein Onkel will einmal seine Verlobte O.
   derart gereizt haben, dass sie ihn hilflos
auf den Glastisch schleuderte, worauf der
   zerbrach. Die gläserne Platte erneuert,
schoss mein Onkel die Frau zum Mond,
   wollte sie nicht mehr, gab den Glastisch
mir und will seither nichts von ihm wissen.

Ich saß an dem Glastisch, hatte Stapel von
   Steuerunterlagen vor mir, im Raum tobte
die Rasselbande, und es liefen Erik Saties
   Descriptions automatiques. Für die Frau
meines Lebens seinerzeit sei das, sagt sie,
   der eine Moment, in dem alles zerplatzte,
unser Leben, die Familie und ihre Zukunft.

Ein Junge war ich noch, immer unterwegs,
   ich stieg in die Bäume, um alles zu lesen,
und einmal, durstig, sah ich durchs Fenster,
   wie der Freund meiner Mutter geklammert
an den Glastisch zusammenbrach und starb.
   Tot lag er auf der Couch neben dem Tisch,
ums Kinn ein Geschirrtuch, das ich kannte.

Ich kenne das Möbelgeschäft am Isarufer
   von Tölz, aus dem der Glastisch stammt.
Ich weiß um seine Noblesse, weiß, er blitzt
   in einem Zimmer, das ewig leblos scheint.
Chrombeine hat er, immer kalt, absolut glatt.
   Er ist wie ein Fabeltier, das ausgerechnet
von meinem Leben alles mitangesehen hat.

Für Klaus Johannes Thies

Nur der Schatten einer Lokomotive

Die Luft – als würde es (endlich) schneien. Als wüsste – ja – die Luft, wann es (endlich) Zeit ist zu schneien. (11.10.)

Tage-, nächte-, wochenlang redet die Nachbarin ununterbrochen auf jemanden ein – wen? Jedenfalls auch auf mich.

Gott, las ich irgendwo, sei ein Eichhörnchen – wo? Vergessen.

In einer Pause steht der junge Gerüstbauer vor meinem Fenster auf dem schmalen Rasenstreifen und besieht sich sein Werk, die Einschanzung meines Ausgucks. Dabei betastet er gedankenversunken einen Rosenzweig, drückt die herbstlichen Blätter sanft. Sag von niemandem, er sei stumpf. (13.10., Barmbek)

„Schockhaft“ im Duden „liefert keine Ergebnisse. Wir haben stattdessen nach ,Scheckheft‘ gesucht.“

Am Fischmarkt sechs stämmige, bärtige, dunkle Typen vor den Kühlern ihrer Luxussportkarossen. Sie unterhalten sich miteinander in Gebärdensprache und lachen einander von Herzen zu. (Altona, 17.10.)

Elefant terrible.

Spiegelungen: Ich komme zum Fleet und sehe die Häuser gegenüber unter Wasser. Ich trete an die Haustür und sehe das Baugerüst im Treppenhaus.

Ihre Fragen konnte ich nur bestaunen. Sie rückten mich in eine wohltuende Distanz zu mir selbst.

Genesis – … and then there were three …

Nur der Schatten einer Lokomotive fährt vorbei. (Berlin-Spandau, 29.10.)

Bei Bitterfeld ist der aufgegebene Güterbahnhof von Wolfen vollkommen von Efeu überwachsen – Gleise, Zäune, Waggons, Lokomotiven, Gebäude, Laternen, versunken im grauen Grün des Laubs. Du fährst im Zug vorbei, und hinter dem Zug her jagt der Efeu, fast erreicht er das Zugende. Steig nicht aus in Wolfen!

Crosby, Stills & Nash – CSN

Durch die auf Kipp stehenden Fenster – draußen ein warmer Novembertag – rieselt weißlich-grau der feine Staub des Mauerwerks herein, den die Bauarbeiter von der Haswand flexen. In der hohlen Hand erstaunt seine pudrige Weichheit. Der Staub erscheint wie eine Botschaft – nur wovon? Wessen? (3.11.)

Besonders erzürnt scheinen die Krähen nachts, wenn sie unvermittelt aneinandergeraten.

Bodenschatz: die dutzenden Münzen in ihrer Handtasche.

Keine Schonung

Umzug, Umzug, Karneval im leeren Regal.
Diebisch lachen die Freunde diese Nacht,
komische Vögel. Ich trage das Faxgerät,
Geschenk einer Giraffe von Galeristin,
bei der ich zwischen lauter Kartons las,
für die Trödeljäger auf die Straße. Zack,
und weg. Im neuen Garten der Goldregen,
soll giftig sein. Werde ich, irgendwie, testen.
Keine Schonung, ein verwildertes Wäldchen
liegt hinterm Haus für die Zeit unter Kindern.

Gott ist ein Eichhörnchen

Die zugenähten Taschen am Hosengesäß – als gäbe es darin, sobald man nur den Verschlussfaden entfernt, ein Geheimnis zu entdecken. Doch immer ist darin – alles.

In der Nachtluft hing plötzlich ein feinster Dunst, wie von künftigem Schnee.

Crosby, Stills & Nash – CSN

Der Liebe den Zahn des Krebses ziehen: keine Ironie! Kein Antizipieren! Sich-zurückziehen-Können! Sagenkönnen: Hier bitte stop! Um dir die Dauer bewusster zu machen, sag statt „immer“ lieber „unentwegt“.

Jede Blume ist eine Aufgabe.

„Gott ist ein Eichhörnchen“, las ich kürzlich – nur wo? Vergessen.

Unwirklichkeit gibt es nicht. Es gibt nur Unwirklichkeitsempfinden – das sehr real ist. Es entsteht im Versuch des Abgleichs von Erinnerung (oder auch Wunsch) und vermeintlicher (als vermeintlich empfundener) Realität. Mit seinem Unwirklichkeitsempfinden versucht dein Gemüt, den fehlenden Abgleich (wieder)herzustellen. Aber das kann nicht gelingen – letztendlich ist das Dilemma des Unwirklichkeitsempfindens ein übersetzerisches Problem.

Genesis – Nursery Cryme
Genesis – Trespass

Zwei Stunden lang spricht das Paar in deinem Abteil kein Wort miteinander – da sie jede Antwort verweigert. Sobald er hinausgeht, schließt sie die Augen. Aber kehrt er zurück, beobachten ihre dunklen Blicke jede seiner Regungen – und scheinen sich ihrer bei dir zu versichern. Ist sie taubstumm? Oder steht etwa die Sprache zwischen ihnen? Ihnen zufolge gibt es keine Sprache. (Im Zug nach Dresden, 24.9.)

Das Kind hat vier Arme, vier Hände, vier Beine, vier Füße, vier Ohren und vier Augen. Mit zwei Mündern sagt es: „Ich.“

Die junge Frau mit dem Kleinkind auf dem Arm spricht unentwegt in ihr Headset. Ob das Kind wohl denkt, seine Mutter rede in einem fort mit ihm und erkläre ihm die Welt? (30.9.)

Crosby, Stills, Nash & Young – So far

„Alle Möglichkeiten im Leben“, sagt ein Junge im Vorbeigehen, mitten im Getümmel des Bahnhofs.

„Hoffnung ist verbunden mit dem Gefühl der Komplizenschaft mit anderen, unzähligen anderen: mit den Lebenden, den noch Ungeborenen und den Toten, die alle gleichermaßen anwesend sind.“ John Berger

Schwerhörig zu sein

Von der Wiese am Waldrand flattern simultan 30 Krähen auf – wie die Klaviertasten, wenn die Musik beginnt (Freiburg im Breisgau, 22. 8.)

Ein Blick – Eidechse. (Ein Stöckchen zwischen Dachziegeln.) Ein Blick – weg.

Du gehst von der Autobahnraststätte hinunter in ein Waldstück und stehst mit einem Mal in einem Hohlweg bei Schriesheim. Wie die Tage seit 50 Jahren vorübergerauscht sind, als du hier gelebt hast, brausen die Wagen auf der Autobahn vorüber – aber du bist (dir) sicher im Hohlweg jenseits des unwirklichen Geländes.

Schreib ein Gedicht: „Picknick im Geburtsort des Erfinders der sprechenden Uhr“

Die Frau in meinem Alter schultert ihren Schulranzen und beginnt, auf den Busfahrer einzureden, der kein Wort erwidert. „Tschüß!“, ruft sie erfreut und steigt aus, um an der Haltestelle stehen zu bleiben – es ist eine Haltestelle! – und dem Fahrer zuzuwinken, der aber gar nicht hinsieht. Dann tänzelt sie davon. So … solltet ihr alle sein. Wie diese Gestörte, die in Wahrheit eine Störende ist. Und dennoch – deshalb – das Gespräch sucht.

Der Junge hat so raffinierte und schön anzusehende Hörgeräte, dass ich für Minuten große Lust verspüre, schwerhörig zu sein. (Düsseldorf, 4.9.)

Unentwegt tippt die Zungenspitze sachte an den Gaumen, sobald du etwas Fremdsprachiges liest.

Du leidest nicht unter Lieblosigkeit, du leidest an Lieblosigkeitsempfinden, und deine Aufgabe besteht darin, den Unterschied zu erkennen – so es ihn gibt. (11.9.)

Voile

Dein Segel fährt durch das Exil,
wie eine Sonne über Kiesel zieht.
Sie geht unter, und das Segel sinkt.

Schon Nacht. Schwarzes Segel sinkt
durch das Exil, fällt bis auf den Grund,
flatternd weht es durch die Dunkelheit.

Und jeder Fisch, ein jeder dunkelgrün
Neun-, Acht- oder Siebenauge, blinkt,
leuchtet dein Segel unter den Sand.

Sternenversorgung

Nicht der Verlauf der Verse bestimmt die Form des Gedichts, es ist umgekehrt – und dann ein Wechselspiel, Wechselklang und Wechselgesang.

Vier Tauben trinken aus einem Handbrunnen am Straßenrand. Über ein ausgebleichtes Grasfeld schiebt ein Junge mit Geigenkasten auf dem Rücken sein Fahrrad durch die grelle Sonne. (St. Etienne des Orgues, 6.8.)

In der Bergkapelle Notre-Dame-de-Lure ist alles vergessen. Nur die waldbodenfarbenen Schmetterlinge beten noch.

Wir sonnen uns am Stausee bei St. Etienne des Orgues drei Meter unter dem Wasserspiegel.

Le cancer artistique. Der kunstvolle Krebs.

Das fatalste Versagen von allen – die Skrupellosigkeit. Gewissenlos sein heißt gewissenlos bleiben zu wollen. Was gewesen ist, will der – will die – Gewissenlose nicht wissen. Das Wesen der Rücksichtslosigkeit ist die Ichsucht, die Egokratie, das blicklose Kreisen um die eigene, leere, schwarze, mittelmäßige Mitte.

Handwerker, die verdammten Philosophen des Alltags.

Die Ça-va-Begrüßungen am frühen Morgen im Dorf, hin und her gerufen zwischen den sich rasch aufheizenden Hauswänden: „Ça va?“ – „Oui! Et toi – ça va?“ – „Oui!“

Neonreklame: ALIMENTATION D’ÉTOILES. Sternenversorgung. (Manosque, 9.8.)

Die Rätsel der Muster unterhalb der Wasseroberfläche in der unbegreiflich machtvoll und prachtvoll vorüberströmenden Sorgue – sie sind ebenso die Muster der Rätsel. (Fontaine de Vaucluse, 11.8.)

Aprikosenbäume, Pflaumenbäume, Mirabellenbäume, Apfel- und Birnbäume, Feigenbäume – der Obstgärtner geht barfuß unter ihnen umher (streicht ab und an über einen Stamm), erläutert die Fruchtfolge, die Bodentrockenheit, während zwischen den Wurzeln Hühner picken. Er ist braungebrannt (trägt die Sonne auf der Haut), lacht, ist wirklich, weil wirklich zu Hause, und er fragt ohne Scham, ohne Spott nach deinen Romanen, deinem Werdegang, deiner Liebe zu den Büchern. (Lagnes, 11.8.)

Flusswanderung den Largue aufwärts. Die Flusskrebse. Die Flusskieselschönheit. Die betäubende Kälte des milde türkisgrünen Wassers.

Der Lautsprecherwagen fährt wieder durchs Dorf! – am Steuer ein Dicker mit Fluppe im Mundwinkel, ein Mikro in der Hand. Was ruft er da? Was ruft er da aus? Der beste Zirkus der Welt ist endlich zu Gast!

Auf die Sainte-Victoire gewandert – ein erfüllter Lebenstraum. Auf dem Pfad hinauf durch die Gestrüppe steht ein Maler. Ein Handke-Imitator mit Geheimratsecken, Gamsbart und grauem Haar bis zu den Schultern blickt in die Ferne, mit roten Ballerinas an den Füßen. Du kannst oben, nach zwei Stunden Bergaufwanderung, an der Saint-Ser-Kapelle die Glocke läuten.

In einer Schublade des Kräuterschränkchens lauter alte Schneckenhäuser, Würfel und Murmeln – für ein Schneckenrennen? Wann fand es statt? Vielleicht letzte Nacht. Vielleicht ist es das Spielzeug der lieben Geister, die hier ebenso wohnen.

Das Kind schreit wie eine Katze – nein schreit, wie noch keine Katze je schrie. (Volx, 20.8.)

Dieser Weg, wohin

Dieser Weg, wohin es auch
geht, er führt dich nicht zu
dir. Sondern mit sich, mit
davon, weg, hin zu etwas
Neuem. Weg. Weder zurück
in dein o-förmiges Kindheits-
wäldchen noch zurück auf
die Schwalbenspur. Nicht
auf die Hunderunde und nicht
an den Regenstadtrand. Schluss
mit der lieblosen Tristesse, vorbei,
Trauer um das bisschen Zartgefühl.
Orte lieber Orte, unerforscht außer-
halb deiner, ungeahnt innen. Sei
zeitfern du, bleib unterwegs,
unbändig ansprechbar.
Der Weg führt dich zu den
Anderen, in eine neue Weite,
wer weiß, wohin es geht, wenn
du dich weder finden musst
noch dich verlieren.

Ihr letzter Tag, Herr Präsident

Ihr letzter Tag, Herr Präsident, bricht an.
Bitte verlassen Sie das Weiße Haus,
Sie blinder, irrer, mieser alter Mann,
Und schaffen Sie ihr dummes Zeug hinaus
Und weg in Ihre Sonne. Nehmen Sie
Die Paladine mit, mit die Claqueure,
Die scheinbar wahre Scheindemokratie.
Ich höre Stimmen und die Tiere, höre
Die Sie so lange stützten, so elendig
Gekaufte Meute. Bäume twittern Tweets:
Schluss! Ende der Verelendung! Lebendig
Entgehen wir seiner Verbalmiliz.
Von Ihnen, fetter Clown des Fakes,
Lernt die kaputte Welt: Bleib unterwegs.

Der Dorffahrlehrer klopft

Durch ein Maisfeld hindurchspazieren, hin an einem eindunkelnden Wäldchen, während die Abenddämmerung mit der Geschwindigkeit eines Güterzuges naht, und am Wäldchenrand steht ein Holzkreuz im Schatten der Bäume, darauf wird gewarnt vor Schändern, wie sie anno 1873 hier ein Mädchen überfielen. Ein Habicht huscht in seinen Schlafbaum. In der Ferne vorbeirauschende Lastzüge. Gläsergeklirr von der Terrasse des Hotels dort unten in der Albtraummulde.

Der Habicht fliegt in Baumwipfelhöhe mit ausgebreiteten Schwingen durch das Wäldchen, lautlos, schwarz, wie sein eigener Schatten. (Dannemarie, Elsass, 11.7.)

Die in der Feigenbaumkrone flötenden und schimpfenden Stare rauschen auf und davon, sobald du die Terrasse betrittst. Geh zurück hinein, und zwei Minuten später sind sie wieder da, schimpfen und flöten. Wie schwer es ist, sie zu unterscheiden! Sie haben glänzend schwarzes Gefieder, unterbrochen am Körper von silbern schimmernden Punkten und Streifen. Der lange Hals, an dem der pfeilspitzenartig schmale Kopf Ausschau hält – nach reifen Früchten und dir. (Volx, 14.7.)

Le Largue. In seinem ausgetrockneten Flussbett wachsen lauter Mohnblumen.

Die Zikaden hören aufeinander. Sie beenden alle scheinbar gleichzeitig (wie ein Pulk Läufer das Rennen) ihr schrillendes Brummen.

„Vollkommen unsichtbar! An leichteren Gegenständen permanent haftend!“

Geflügelte Feiglinge: Moskitos. Oder ist winziger Mut ihr Antrieb?

Der Ausgang ist ungewiss – jeder. Und der Eingang – ungewiss.

39 Grad im Schatten, und täglich eine Beerdigung oder zwei. 39 Schatten, und täglich die Glocken.

Selbst die Wespen haben Reißaus genommen.

Der Dorffahrlehrer klopft und bringt ein Brot vorbei – „zur Begrüßung“, „aus freien Stücken“, obwohl wir gar nicht zugezogen sind. (2.8.)

Für Lucile

Halt du die fürchterlich schwarzen
Flecken zwischen den Knospen
der Fensterorchidee nicht für
Nacht, oder für das Dunkel
in deinen Gedanken. Hör
die weißen Tasten. Und
denk an das Kind, das
da im Zimmerhalblicht
des Dezembervormittags
Klavier spielt. Es spielt weiter,
auch wenn du die Vorhänge schließt.

Shiwagos Wölfe

Die Wölfe, die Shiwago auf dem verfallenden Gut Warykino auflauern, stehen nicht für die äußeren Gefahren, die der Arzt für Lara, ihr Kind und sich selbst mutmaßt – die Säuberungen durch die Bolschewiken, die Armut, der Neid, die Anarchie. Die Wölfe leben in der Schlucht nahe des Gutes, der „Schitka“. Sie sind Shiwagos innere Wölfe, die ihn wenig später zerreißen und ihn sein Leben verlorengeben lassen. Boris Pasternaks große Güte besteht auch darin, seine Figuren zu beschützen vor den Abgründen der Hauptfigur. (4.6.20)

Minutenlang steht der alte Mann vor dem Schaufenster und betrachtet gedankenversunken die Auslage des Münzgeschäfts. Sekündlich wird er jünger. (Berlin–Prenzlauerberg, 10.6.)

In die Bäume weht die Antwort, und sie heißt nicht Erfolg.

Drei Kleinanzeigen:
„Angler gibt auf.“
„Suche Hamsterkäfig, auch mit Hamster.“
Von den Zwillingen im Copyshop: „Wir verstehen was von Kopien.“

Höre ich Jazz, verbannt tief in die Nacht, und setzen dann die unvermeidbaren Saxofonisten ein, dann denke ich: Die Armen! Gebt ihnen eine Landschaft, gebt ihnen Zeit zum Atmen!

„Professor“ – ohne einen einzigen Tag lang studiert zu haben? Die Furcht vor der Konfrontation mit aktuellen, vor allem politischen Fragestellungen überwiegt die Freude über Möglichkeiten zu lebendiger Überlieferung. Und die Freunde tun so, als hätten sie es schon immer gewusst.

Die Lücke, deren fehlende Füllung man hört: die frühen Fleetwood Mac, denen die Stimmen von Stevie Nicks und Christine McVie fehlen. Solche Lücken müsste man im Voraus erkennen können – und bereit und imstande sein, sie zu füllen.

Vergiss dich. Hilfe kommt nur von anderen.

Am Rand des Supermarktparkplatzes schläft ein Mann im Blaumann an einen Baum gelehnt – in der schönen Abendsonne. „Stör ihn nicht! Er soll den Müßiggang genießen“, sage ich mir (flüsternd), während Leute (Verbraucher) ihn schon entdecken, wachrütteln, vertreiben. – Schlaftrunken, verloren steht er am Straßenrand – und sein Baum noch immer in der Sonne. (Steilshoop, 22.6.)

Heaven 17 – Penthouse and pavement

Seit Tagen beobachte ich das Rotkehlchen – es hat sehr lange, stöckchendürre Beine –, wie es in einem merkwürdigen Behältnis badet, das ein Kind im Innenhof vergessen haben muss. Es badet – das Rotkehlchen –, als wäre es das Kind, oder als wüsste es von dem Kind. Dann flattert es – erfreut, erfrischt, wie es scheint – davon, in den Strauch hinter dem Spielzeug oder auf die alte Wäschestange, und immer blickt es mich beim Baden an. Ob es mich für das Kind hält? (3.7.20)

„Habe den Flur tapeziert – grauenhaft. Es ist alles runtergekommen, ein einziger Dreck!“ – „Ich kann dir sagen! Eine Scheiße, wo du hinfasst!“ – „Pass auf der Treppe auf, du brichst dir was!“ – „Hab ich, hab ich zehn Mal, großer Gott!“ – Gesänge im Barmbeker Innenhof, hundert, dreihundert Jahre alt, gestern.

Crosby, Stills & Nash – Crosby, Stills & Nash

Ein aufrichtiges Hinweisschild: „Straßenbaumarkierung“ (Lokstedt, 6.7.)

Und doch nicht nur

Beim Lesen eines Kapiteltitels in Volker Sielaffs neuem Gedichtband stocke ich: „Ich bin in hohem Bogen ein Diesseitiger“. Der Tiger im letzten Wort schlägt mich augenblicklich in den Bann. Ich bin in hohem Bogen ein Dies-sei-Tiger!

Schreib ein Gedicht: Shiwago im Schneesturm.

Bombay Bicycle Club – Flaws

Leise flattern die Absperrungsbänder im Wind.

Plötzlich, wie Tagesgespenster, tauchen zwei ganz und gar weiße, völlig identisch wirkende Katzen im Innenhofgarten auf.

Schreib ein Gedicht: Passegiata.

Bill Callahan – I wish I were an eagle
Bill Callahan – Apocalypse

Schreib ein Gedicht: Aus Briefen an Freunde.

Bombay Bicycle Club – I had the blues, but I shook them loose

Das ganze Alphabet des Lebens liegt zwischen ihnen: Achmatova, Zwetajewa.

Schreib ein Gedicht: Verschwörungstheorie.

Der prächtige (einzige) Eichbaum am Erdbeerfeld – ein einziges (prachtvolles) Rauschen. Und doch nicht nur: Er verrät, wo es Sommer ist. Er verrät (damit du es begreifst), wo immer Sommer war und immer sein wird. (Nahe, 31.5.)

„Ich habe den allerersten Blitz gesehen!“, ruft das Kind, und es hat recht.

Es gibt immer wieder Bewegungen im Flug der Schwalben – Stopps, Richtungswechsel, Abbremsungen –, die unnötig sind, rätseln lassen, irritieren. Schwalben sind Widerständler, sie sind fliegende Rebellen gegen die Schwalben-, die Vogelfunktionalität. Sie drücken ihre Freude im Flug aus. (4.6.2020)

Der Liebe Einzelteile

Unerwartet stand ich im Münchener Museum Brandhorst vor Cy Twomblys Bild „Nini’s Painting“ von 1971, mir sein liebstes. Zuletzt sah ich es vor vier Jahren in Basel und dachte heute, es sei von dort ausgeliehen worden. Aber es ist andersherum: Seinerzeit war es als Leihgabe in die Schweiz gereist. Das große graue Gemälde, das einen gemalten Brief an eine vermisste Tote darstellt, scheint mir nachzureisen. Seine so unleserlichen wie eindringlichen Schriftzeichen richten sich auch an mich. Was du liebst, ist dein.

Die erschütternde Tristesse des Harzes, sobald du von der Landschaft absiehst, von Licht und Luft. Niedergang, Verfall, fast komplette Zerstörung der Natur, der Kultur, der Bildung, der Haltung. Die Freundlichkeit der Leute (so du auf sie zugehst) ist das reinste Wunder. Es ist genau so, wie Pasternak es in „Dr. Shiwago“ beschreibt: „Die vom Mond erleuchtete Nacht war ebenso erstaunlich wie Barmherzigkeit oder die Gabe der Hellsicht“. (St. Andreasberg, 3.3.)

Der Liebe Einzelteile.

Durch die dunkle Nacht blinken zwei gleißende Lichter – wie zwei zu tiefe Sterne. Am Berghang auf der anderen Talseite ist die obere Skiliftstation beleuchtet, damit man zu Saisonende die Liftsessel von der Seilbahn holen und einmotten kann.

Nicht, was dir fehlt, vermisst du, sondern weil es dir fehlt, glaubst du es zu vermissen.

In einer zugigen Bäckerei im 16. Arrondissement hatte ich eine Erleuchtung.

Der alte Blaise Cendrars sucht in der Ruine des Bateau-lavoir in Montmarte nach Überresten von Amedeo Modiglianis Atelier, sucht aber eigentlich – es steht ihm die Maske des Entsetzens vorm Gesicht – nach der eigenen, für immer verlorenen Jugend.

Wir haben bei Weitem noch nicht alles geliebt.

Joseph Roths Stammcafé Le Tournon liegt in Rufweite des Jardin du Luxembourg – Ausgang Odéon. Vis-à-vis der Senat. Eine ramponierte, mittels vier Schrauben an der Wand befestigte Messingtafel erinnert an Roth, ein Schwarzweißfoto zeigt ihn mit Schnauzbart und Fliege, vor sich ein Glas Weißwein, ein Notizbuch und ein abgerissenes (Theater?-)Billet, in der Hand eine filterlose Zigarette an seinem Tisch in Fensternähe, wo er 1936 geschrieben haben soll: „Eine Stunde ist ein See, ein Tag ein Meer, die Nacht eine Ewigkeit, das Erwachen der Schrecken der Hölle, das Aufstehen ein Ringen um die Helligkeit.“ (Paris-Saint-Germain, 6. März)

Bombay Bicycle Club – Everything else has gone wrong

Trauer

Wir dürfen unser
Leben
nicht beschreiben, wie wir es
gelebt haben
sondern müssen es
so leben
wie wir es erzählen werden:
Mitleid
Trauer und Empörung.

GUNTRAM VESPER
28. Mai 1941 – 22. Oktober 2020

*

Salamanca

Ist sie erregt, spreizt sie
das Stirngefieder ab. Sie fliegt
durch ein Fenster, das zersplittert,
aber spürt nichts. Harpyie! Harpyie!
rufe ich. Du sollst nicht nur zerstören.
Sie hört nicht. Als letzter Punkt an ihr
wird auch ihr Auge wild. Sie fängt sich
einen Terrier, eine Balkontempelkatze,
zerhackt, zerpflückt und verdrückt sie
in ihrem Lieblingsforsythiengebüsch
an der Norweger Straße. Einmal,
da jagte sie einer feindlichen
S-Bahn nach. Sie schreit
nur an Nachmittagen. Sie trinkt
wie Kinder auch mit den Augen. Sie lacht
Harpyie! Harpyie! Aber sie hört nicht. Krallen-
füße voran, stürzt sie in Platanen. Krähen
flüchten stumm verstört. Sie kann sehr
sanft sein. Es gibt z. B. ein Foto,
da sitzt sie auf meiner Schulter
und legt mir lächelnd das Schnabel-
haupt auf den Scheitel. Aus Klanggründen
unterstützt sie die Wolverhampton Wanderers.
Salamanca, sage ich, Salamanca, beruhige dich,
keiner außer mir weiß ja, dass du unsterblich bist.
Ihre Hosen sind spätmittelalterliches Trikot. Feinde
ihrer Freiheit überleben zwei Minuten. Ich streichle sie,
ich füttere sie, ich flüstere ihr Keats’ Oden ins Ohr.
Sie kennt keine Ruhe, weder Schlaf noch Traum
und keine Liebe, nur die wildeste Erregung.

Memphis after Elvis

„Diese Tulpen sind die reinsten Junkies“, sagt die Blumenverkäuferin am Hauptbahnhof.

Häng die Bilder ab, die du nicht mehr siehst. Und häng die an die Wand, die dich bestürzen, verblüffen, nicht schlafen lassen, dir die Augen öffnen, dich auffordern, ein Gespräch anzufangen, mit ihnen, mit dir selbst oder wem immer.

Immer habe ich gedacht, es würde keine Rolle spielen, was ich denke in diesem Zirkus der Eitelkeiten und literarischen Meinungsverschiedenheiten – und merke jetzt, wie wenig es die Leute kümmert, was vor sich geht oder nicht passiert, ganz gleich. Und dieser Literaturtingeltangel, von ihm hat noch kaum jemand Notiz genommen. Es scheint gleich, ob es ihn gibt oder nicht. (17.2.2020)

Eric Satie – Les glosiennes

An der Saale entlang, die Ende Februar noch bräunlich und unwirtlich dahinströmt, ihre Ufer noch ohne die berauschende Mohnschwemme von Mai und Juni.

Leuna. Die gigantischen Fabrikanlagen auf dem platten, grauen Land bei Merseburg, ein Dampfer oder Raumschiff, irrig hier zwischengelandet. Denn der ganze Schrott wird verschwinden, das Gift, der Stahl, die Lacke, die Säuren, die Abertausenden von Röhren und Waggons, alles wird verschwinden unter dem Gras. (20.2.20)

Fährt der Sturmwind in die Kronen der beiden Innenhoffichten, rauschen und schwanken die Bäume derart, dass die darin nistenden Vögel herausfliehen und hinüber auf die Dächer fliegen – aus Angst? Wovor? Dem Wind? Oder ist ihr Antrieb ein ganz anderer? Welcher?

„It feels like Memphis
after Elvis …
there’s nothing going on
God bless the kid …“
The Blue Nile

„(…) mehr als nur die Zeit ,is out of joint‘ durch Claudius’ Mord an Hamlet senior und die überrasche Hochzeit mit Gertrude, dessen Frau“ – schreibt Ulrike Draesner in ihrem „Hamlet“-Nachwort. Und mit einem Mal verstehst du Herkunft und Tiefe des so glatt polierten Begriffs „Überraschung“. (München, 27.2.20)

Werbung für nichts

Die fliehende Spinne rennt in den Schatten.

Keith Jarrett – The Köln Concert

Traum von William Butler Yeats: An einem sonnigen Tag kommt er auf dem Fahrrad hügelabwärts zu meinem Haus gefahren. Wir sind Nachbarn und plaudern etwas. Er trägt eine blaue Jacke wie Mao und eine Schirmmütze.

Durch den Park tippeln drei Nonnen am Rollator.

Ein paar ganz und gar erstaunliche Sätze mit einem Mal in Edouard Louis’ Beschreibung seiner Kindheit und Jugend in engsten Verhältnissen um die Jahrtausendwende in der Picardie „Das Ende von Eddy“ („En finissant avec Eddy Bellegueule“, 2014), als er über die ihm unerklärliche Verstocktheit seiner Mutter schreibt: „Sie sagte nicht immer Ich hätte noch richtig was lernen können, Berufsschule und alles, sie sagte manchmal, sie hätte sich in der Schule sowieso nur gelangweilt. Erst nach etlichen Jahren habe ich verstanden, dass ihre Reden darüber nicht widersprüchlich oder inkohärent waren, sondern dass ich selbst ihr aus einer Art Arroganz des Überläufers heraus eine andere Kohärenz überstülpen wollte, eine mit meinen Werten besser zu vereinbarende – eben den Werten, die ich erworben hatte, indem ich mir eine Identität gegen meine Eltern, gegen meine Herkunft aufbaute –, und dass es eine scheinbare Inkohärenz nur in den Augen dessen gibt, der außerstande ist, die Logik zu erkennen, aus der Diskurse und Lebenspraxis entspringen. Dass mehrere Diskurse sie durchzogen und durch sie sprachen, dass sie ständig hin- und hergerissen war zwischen der Scham angesichts ihrer mangelnden Bildung und dem Stolz, dass sie es dennoch, wie sie es sagte, geschafft und schöne Kinder großgezogen hatte, und dass diese beiden Diskurse nur miteinander und durch einander existierten. (S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2015, aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel)

Im Radio eine Reportage über das Neon-Museum in Warschau, dessen Leiter sagt, in Wrocław gebe es in Bahnhofnähe noch heute Neonreklamen, die Werbung für nichts machen, sondern einfach da sind, um den Leuten Licht zu verschaffen und Freude zu bereiten. (22.1.)

The Blue Nile – Peace at last

Nach Mitternacht am Busbahnhof – einzig (einzeln, vereinzelt) junge müde Männer. (Poppenbüttel, 29.1.)

„Beim Bersten der Welt, das wir erleben, sind, o Wunder!, die Stücke, die niederstürzen, lebendig.“ René Char

Bombay Bicycle Club – So long, see you tomorrow

Die Kreativwirtschaft!

„Wo ist mein Dementor?“, fragt das Kind.

Supertramp – Crisis! What crisis!

Hundert Jahre lenkbares Licht!

Hinaus zum Anderen

Das Verwerfliche an allem Verletzenden, besteht es nicht viel eher darin, dass du, der übergreift auf einen Anderen, den Übergriff, die Verwundung der fremden Würde, nicht als solche anerkennst, sondern die Sache abtust, kleinredest vor dir und anderen, ja dich hinstellst als der oder die im Recht ist? Die Gewalt ist verzeihlich, solange sie anerkannt wird als Verletzen, als Verletzung. Reue, Buße, Sühne sind hier fehl am Platz. Gefordert ist Verantwortung – eine Antwort, die nur du geben kannst – als erste Wiedergutmachung. (Volx, 26.12.2019)

Einen vom Winterregen aufgequollenen Fensterladen abgehobelt.

Feist – Let it die

Du musst deine Überlegungen zur „Musik der Bedeutungen“ konkretisieren.

„Die Schule gehört ins Gefängnis!“, ruft das Kind, als wir am frühen Morgen gegen Viertel vor acht in den stockfinsteren Weg einbiegen, an dessen Ende hell erleuchtet das Schulgebäude steht und wartet. (7.1.)

Daran, dass sie keine Beine hat, erkennt der Hund, der dir entgegenkommt, die Tragetasche.

Bei Céline heißt es, die Erfahrung sei eine Blendlaterne, in deren Licht nur derjenige sehen könne, der sie trägt. Bullshit. Auf Célines Werk mag das zutreffen. Die menschliche Erfahrung aber, dort wo sie menschlich ist, knüpft sich an Mitgefühl, Mitteilung, Austausch und Überlieferung. Sie ist – um in dem manipulativen Bild zu bleiben – keine Laterne, sondern ein Rufen, zugewandt, suchend, aus dem eigenen Inneren hinaus zum Anderen. (11.1.)

Mark Kozelek with Petra Haden – Joey always smiled
Henry Purcell – King Arthur

Im Sturm wiegt sich die große Innenhoftanne hin und her – und mit ihr, auf dem höchsten, allerhöchsten Ast, die Taube, hin und her, wobei der Vogel bei jeder Bö neu das Gleichgewicht austarieren muss. Waraum tut sie das, die Taube? Ihr Spiel wirkt wie ein Zwiegespräch mit dem Wind.

Während es schüttet, zwitschert in einem Gesträuch minutenlang ein Schwarm Spatzen – und das vielstimmige Getschilp klingt EXAKT wie der Regen, sodass du das Eine eine ganze Weile für das Andere hältst. Der Spatzengesang – ein Jubel? Oder Imitation?

Gerät und Wolke

Durchs Dorf schallt das Singen des Kirchenchors. Der Küster muss die Türen zum Gotteshaus weit aufgemacht haben, um die Wärme hineinzulassen – es ist Ende Oktober in Volx.

Auf dem Nachbarbalkon trocknen die Monteursanzüge in der Sonne.

Bei Volker Sielaff lese ich von einer Eidechse, die sich auf einer Bootsplanke sonnt, ein Freund zitiert Joachim Sartorius’ Buch über Eidechsen, wo es zu Beginn heiße, die Kindheit des Autors in Tunis sei eine voller Eidechsen gewesen, eine Eidechsenkindheit, und als wir hier, in unserem Süden in das Gerätehaus auf der Terrasse blicken, sitzt dort an der Wand eine ganz und gar weiße Eidechse. Ich spreche nicht von Realität. Wirklich, gleich wirklich sind alle Eidechsen, von denen hier die Rede ist. (Moustiers-Ste. Marie, 29.10.)

In den Buchhandlungen von Aix stehen keine Bücher von Peter Handke, nicht eines. Neben dem Plakat von der Mit-Preisträgerin Olga Tokarczuk fehlt eines von Peter Handke – ein Peter-Handke-Boykott.

Lies Malapartes „Kaputt“ noch einmal!

Supertramp – Crime of the century

Die am frühen Morgen in der Kastanienkrone palavernden Finken – verstummen, als ich vorüberkomme – plaudern weiter über ihre Tagespläne, als ich zehn Schritte weit weg bin.

Nach mehr als 40 Jahren, die mein Herz den Bitterfels nun entlangfährt – La roche amère –, nie kletterten an seinen Hängen Bergziegen herum. Jetzt aber klettern dort welche.

Der beste Ausguck über dem Parkplatz ist ein von der Sonne erwärmtes Klimaanlagengehäuse – dorthin springt von der Terrasse aus die Katze und streckt sich aus.

Hinter den Grabsteinen die Geräte, die Behälter, der Müll, die wiederverwendbaren Dinge, die Altlasten, die Erinnerungen, das Verborgene, das Abgetrennte, das Verlorengegangene. (Volx, 1.11.)

Jean-Jacques Goldmann – Singulier

Im Gegensatz zu dir, Pfeife, bin ich eine Orgel.

Roxy Music – Avalon

Der einzige Gegenstand in der Praxis meiner Zahnärztin, den ich würde besitzen wollen, ist keines ihrer Zigtausende wertvollen Geräte, um es zu verscherbeln – sondern die wie eine rote Wolke leichte Imitation eines Mobiles von Alexander Calder, die sich an der Wartezimmerdecke sachte im unmerklichen Luftzug um sich selber dreht. (18.11.)

Der Mann, Patient seit Jahren, der nichts mehr unternimmt, alles Absehbare vermeidet, der Folgen, der möglichen Folgen wegen. Schenken Sie sich lieber keine Tasse ein! Werfen Sie diesen Kisel lieber nicht! Geben Sie ihm nicht die Hand! (Dresden, 23.11.)

Gedichtanfang: „In einem Garten, nachts in Dresden, / von Sternenbildern Flecken im Gesicht, / ging ich umher und rauchte, / in Gedanken …“

Erinnere dich – an die Flamingos von Ibiza, die eines Vormittags unvermittelt in den Salinenbecken am Meer landeten. Den ganzen Tag lang konntest du sie vom Balkon aus dabei beobachten, wie sie herumstaksten in dem flachen Salzwasser. Aber auch, als ihr dann zu ihnen hingingt, blieben sie, flogen nicht auf, lösten sich nicht auf, waren wirklich, waren wirklich Flamingos.

Roxy Music – Siren
Supertramp – Even in the quietest moments …

„Ich kann Türkis sprechen“, sagt das Kind. Und nach einem Blick ins Licht: „Und manchmal spreche ich Lampe.“

Anleitung der MAGIC-Fernbedienung.

Das Jahrhundert der Plüschtiere ist vorbei.

Plüschtiere im Französischen: peluches. „Gib mir mein Plüsch zurück!“ – „Maman, wo ist mein Plüsch?“ – „Kauf mir ein Plüsch, bitte, ein Plüsch!“

The Blue Nile – Walk across the rooftops

„Ich singe, singe, singe, weil ich ein Lied hab – und keiner wird von mir verschont.“ Konstantin Wecker

Im Augenwinkel sah ich – sah nicht – die Bergziege vorbeispringen über den Weg und weiter bergab – hörte sie vorbeirauschen, den Tierblitz, sah den Schatten, spürte das leise Beben des Lehmgrunds – sah sie aber nicht, Bergziege unsichtbar, aber sah dann umso deutlicher den Hund, der sie hetzte, ratlos, nur noch Wittern, Erlegenwollen, Sehen-, Schmecken-, Töten-, Fressenwollen. Ich war zugleich die unsichtbare Ziege und der ohnmächtig berauschte Hund. (Volx, 23.12.)

In der Ferne die Sainte-Victoire – die Erinnerung (und somit Verheißung) als Bergrücken. Cézannes Farben, Cézannes unverändert erregender Strich. Handke auf dem Weg zu sich selbst (wo er nie angekommen ist, weil das Selbst kein Ort ist, sondern das Unterwegssein), vor allem aber aber auf dem Weg zu seinem Ton. In „Die Lehre der Sainte-Victoire“ findet Peter Handke den Ton, der Poesie und Sachlichkeit auf atemberaubende, nein -stiftende Weise miteinander verknüpft, ja in eins setzt, auf eins setzt. In der Ferne die Sainte-Victoire: als wüsste der Berg, was er bedeutet. (25.12.2019)