Das Gras

Tere!

Günter Herburger und seine Frau Rosemarie sind auf tragische Weise umgekommen. Sehr traurig. Einige Jahre lang war mir Herburger sehr nah, kamen häufig seine Briefe, lachten wir miteinander das Lachen der Rebellen, die ihren Überzeugungen selbst nicht ganz über den Weg trauen. Am Ende hatte Günter Herburger keinen Verlag mehr, obwohl seine Gedichtbände viel gelobt und besprochen wurden. Man hat ihn zum alten Eisen geworfen, auch wenn er nie eisern war, immer nur, auch im Extremmarathon, sich und der Welt etwas beweisen musste. Mit Günter Herburger ist einer der letzten feinsinnig-bösen Stilisten gestorben. Die Welt ohne ihn ist eine eklatant ärmere. Berlin wird ihn nicht vermissen. Aber ins Allgäu reißt sein Tod einen Krater von der Größe Berlins. Leben Sie wohl, lieber Günter Herburger, bleiben Sie unterwegs! (3.5.)

Woran es so vielen Jungen von heute zu mangeln scheint, ist nicht Mut, Klugheit, Liebe – es ist die Sorgfalt gegenüber den Gegenständen, das Achtsamsein angesichts der Dinge.

„Es ist sehr modern, Unkraut zu essen“, sagt die Estin.

Über den Emajögi fliegen in hellen und dunklen Scharen Vögel, Wolken, Pulks, Formationen. Gänse, Möwen, Krähen, Dohlen, Sperlinge, Tauben über Tauben. Ein Wind aus Flügeln. Sie sitzen auf den Uferböschungen, als würden sie warten. Worauf wartet ihr? (Tartu, 8.5.)

Die Esten, sagt man mir hinter vorgehaltener Hand, küssen einander nicht zur Begrüßung, berühren einander nicht mal, sagen lediglich: „Tere!“

Die großen, seltsam schlanken Uferbäume, die auch halb im Wasser stehen, umgeben von Dutzenden aus dem Fluss ragenden, kniehohen Abkömmlingen. Luftalgen. Moosgehölz. Die Bäume kommen. Die Bäume als Botschafter.

Abends finden rund um das Sadamateater – das Theater im Hafen – und zwischen den alten Marktständen und der Fischauktionshalle Militärübungen statt. Plakate: „Wir sind stolz auf unsere Grenztruppen …“

Tere!

Das Gequake, das du hörst, ist kein Klingelton-Gimmick irgendeines Smartphones. Es stammt von Enten. Da sind Enten auf dem Fluss mitten in der Stadt und quaken.

Ich habe alle meine Grenzsoldaten entlassen.

Der neue Zentrale Omnibusbahnhof, der „Bussijamma“, bloß ein kleiner Kasten im Vergleich mit dem früheren in der Sowjetzeit, sagt die Estin, die uns durch die Stadt führt, als wäre die ein Freilichtmuseum im Frühling. An den großen Kreuzungen die Einkaufszentren und Malls, äußerlich postkommunistisch, im Innern der Flitter, mit der sie alle hier so wie ich in leere Träume sinken.

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen

The Twilight Sad – No One Can Ever Know

Hamburger Frühlingswind, ein Westwind, der die Meeresfeuchte mit sich führt und anreichert mit den Gerüchen des Erdbodens. Algen und Tulpen. Durch die aufgewühlten Lüfte wirbeln rosa die fingernagelgroßen Kirschblüten. Es gibt in diesen wenigen Tagen des Jahres eine staunende Stille auf den Gesichtern, ein Einverständnis mit dem aufs Neue Verheißenem. (30.4.)

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen. Der Herdecker Harkortsee. Das satte Grün, das ich immer schon geliebt habe an Bochum.

Am Vormittag, im hellen Licht, die Verkehrsinseln übersät von gelb aufgeblühtem Löwenzahn. Am Abend die letzten Blütenblätter der Wintergerbera auf den Intarsien. Flaum im Handteller. Zweiter Mai. Pusteblume.

Das Kind hat an diesem Tag seine Leidenschaft für Atome entdeckt.

„Halte gegenüber den Anderen, was du allein dir versprochen hast. Da liegt dein Vertrag.“ René Char

Behaustheiten

Lauter als der lauteste Punk, der lärmigste Death Metal, der sich aus der Nachbarwohnung durch die Wände drillt: das Singen der Vögel im Innenhof.

Bau ein Haus, aber lass die Haustür offen.

Das Kind hat einen Ast im Park gefunden und mitgenommen nach Haus, in sein Zimmer, wo es den Ast, an dem ein paar letzte Zweige sind und sogar halb vertrocknete Blätter, neben das Bett legt. Dort liegt der Ast in der Nacht. Fragt man das Kind, was der Ast soll, bekommt man zur Antwort: „Nichts, der Ast soll nichts. Außerdem ist er kein Ast.“

OMD – Dazzle Ships

Vor dem Haus wird eine grün bemooste, fast braune Straßenlaterne ausgetauscht gegen eine neue, noch ganz blanke, beinahe wie verchromte. Frag den Baustellenleiter, ob er weiß, wie lange die Laterne hier gestanden hat, an ihrem Laternenlichtort, und er, der dickbäuchige Mensch in dem Unterhemd und der Latzhose, antwortet ohne zu zögern – doch, er zögert, aber unmerklich oder kaum merklich, denn er ist auch bloß ein Mensch – bloß? –: „49 Jahre, seit 1969, deshalb wechseln wir sie, Laternenvorschrift. Laternen 49, Ampeln 29 Jahre, die sind schwerer.“ Frag ihn, ob er weiß, wieviele Ausfälle diese eine, diese besondere, weil deine, vor deinem Fenster stehende, nein nicht mehr stehende Laterne gehabt hat in 49 Jahren, und er antwortet nach einem Blick in seine Laternenliste: „Keine. Hat anscheinend immer gebrannt. Geschienen. Zuverlässig, die alte Herzogin.“ 9,50 m sei sie hoch, sagt der Baustellenleiter, desgleichen die baugleiche neue. Der Austausch ist nach anderthalb Stunden erledigt und vollendet. Die Laterne, die keine mehr ist, wird auf der kurzfristig abgesperrten Wohnstraße zersägt und verladen. Licht aus, Frau Herzogin. (Barmbek, 19. April)

Umspannwerk im grünen Gras voller Butterblumen. (Ulm, 20.4.)

Erinnere dich an Wittfeitzen, Wendland 1979, das kirchliche Feriencamp, die stillen, sonnendurchpulsten Wälder rings um den weitläufigen Zeltplatz. Es war kein Idyll, mit Romantik – Nullbegriff – hatten die Wochen nichts zu tun. Alles brach auf und wurde Neues, Ungeahntes. Abscheu und Abenteuer waren beinahe eins. Auf einmal liefst du allein durch die Welt, ungesehen, unbeobachtet, bereit, verloren zu gehen und wurdest ich. Hinzu kam das Erzählen, das Phantastische der Phantasie – denn da erzählte jeden Abend der Küster seine Geschichten, seine aus dem Stegreif erfundene, weitergesponnene Erzählung, und wir lauschten und blickten einander in die Gesichter, du und ich.

Architektur und Moral

„Störlesung“ im Bauernhaus, im Oberdorf von Rauris im Salzburger Land. Ein strahlend blauer Nachmittag. In dem Drei-Generationen-Haus – der Sohn und dessen Sohn holen mich mit dem Pick-up vom Hotel ab – erwarten den Autor 40 Gäste, ländliches Literaturpublikum. Wir sprechen über Heine, Trakl, Morgenstern, Fried. Die Bachmann. Gedichte also. Ich lese also aus den neuen Gedichten. Es gibt eine große Einfühlsamkeit. Das Marienantlitz an der Stubenwand hat die Tochter gemalt, die Enkelin, die Maria ähnelt. Es ist auch ein Selbstbildnis. Nach meiner Lesung setzt sie sich zu mir, offenherzig und zugleich verlegen – oder bescheiden – fragt sie nach meiner Arbeitsweise. Unser Gespräch dreht sich um Wirklichkeitsschau. Kann ich in einem Gedichtentwurf bannen, was mir wirklich erscheint – oder verfälsche ich das Erlebte, das Geschaute, indem ich meinen Entwurf nachträglich zu verbessern versuche? Sie ist 21. Sie hat drei Kinder. Die Kleinen toben durch die Stube voller Leute, die längst allen Kuchen verzehrt haben und sich über Gott und die Welt unterhalten. „Auf der Stör“ waren hier die Handwerker einst, so wie im Norddeutschen „auf der Walz“ – also ist meine Lesung eine Wanderlesung. (Singen, 7.4.)

OMD – Architecture and Morality

Wie es sich anfühlen mag, das Leben verbracht, ohne existiert zu haben, fragt Oswald Egger in seinen poetischen Aufzeichnungen vom Leben auf dem Land „Val di Non“. Die Frage erscheint mir absurd, irrig angesichts der Fülle aus Beobachtungen und Empfindungen, die Eggers Text ab- und durchaus hervorruft bei einem wie mir, mit einer im Ländlichen verbrachten Kindheit. Aber ich kann das Geschwafel von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit nicht mehr ertragen. Wie soll ich denn existieren, wenn diese höhere Existenzform mein Leben – mein Empfinden, mein Denken, mein Leben – zu übersteigen hat? Ist damit eine unausgesprochene, eine unaussprechbare Transzendenz gemeint? Warum die auf Kosten eines Lebens und als unmöglich postulieren? Colm Tóibíns Schilderung Minny Temples, der jung verstorbenen Cousine Henry James’, die dem Romancier zeitlebens als menschlicher Maßstab gegenwärtig blieb, lese ich im Roman „The Master“ („Porträt des Meisters in mittleren Jahren“, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini) als eine poetische Antwort: „Henry fragte sich außerdem, was das Leben für sie bereitgehalten hätte und wie ihre erlesene Fähigkeit zum Widerstand mit einer Welt hätte fertig werden können, die unweigerlich versucht hätte, sie in ihre Schranken zu weisen. Es war ihm zumindest ein Trost, daß er sie so gekannt hatte, wie es der Welt nicht vergönnt gewesen war, und daß der Schmerz, ohne sie leben zu müssen, nicht mehr als ein Bußgeld war, das er für das Privileg zahlte, zusammen mit ihr jung gewesen zu sein. Was einmal Leben war, dachte er, ist immer Leben, und er wußte, daß ihr Bild fortan über seinem Geist walten würde als eine Art Maßstab und Norm von Klarheit und Gelassenheit.“

Mit der Dunkelheit kam der schwere, erdige Geruch des frischen Frühlings. Er stieg aus den wenigen unbebauten Flächen in der Innenstadt und strömte einem in die Nase wie die Erdbeerdünste einer Erdbeerkonfitürefabrik. Am Tag tschilpten die Vögel, die Singvögel von Singen sangen, doch sobald über dem Fußballplatz das Flutlicht leuchtete, verstummten sie und stieg aus dem auf einmal wieder grünen Boden der Duft. (Singen, 9.4.)

Nachtöffnung

Regen, ein Gefühl,
und die mageren Nebelpferde
knapp überm Erdboden.
Da sind wir aufgehoben, alle
traurigen Gestalten eines Lebens,
unter einem Baum, der bleibt,
und über den gelben Wassern.

Durch uns segeln
die Mauern hindurch
in die Nachtöffnung,
mit einem Mund, der aufgeht
und der uns sagt, die Brücke,
hier ist sie zu Ende. Und ins Moos
auf dem Handrücken kratzt der Wind
lesbare Regungen.

*
1990 – 91 – 95 / 2018

Auf dem Gesicht der Blinden die Sonne

„The Lady of Shalott“ heißt eine Ballade Tennysons, nach der John William Waterhouse 1888 ein Gemälde vollendete. Es zeigt die unglückliche Jungfrau Elaine, die durch einen Zauberbann auf einer Insel im Fluss gefangen ist, der zu König Artus’ Hof Camelot führt. Dort webt sie, was sie in ihren Träumen und Gesichten sieht, in einen endlosen Teppich ein, bis sie sich eines Tages in den am anderen Flussufer vorbeikommenden Ritter Lancelot verliebt. Um zu ihm nach Camelot zu gelangen, steigt sie in ein Boot, auf dessen Bug sie ihren Namen malt, und lässt sich darin flussabwärts treiben in ihr Verderben, denn sie setzt mit ihrer Flucht einen todbringenden Fluch in Gang. In Camelot findet man nur den Leichnam der vielbestaunten Schönen in dem Boot und auch den Teppich, den sie aus ihrem Gemüt gewoben und Wirklichkeit hat werden lassen. Auf ihrer Brust liegt ein Pergament, auf das sie schrieb: „The web was woven curiously, / The charm is broken utterly, / Draw near and fear not, – this is I, / The Lady of Shalott.“ Waterhouse’ Bild zeigt die Verstörte in ihrem Boot, wie sie ablegt vom Ufer ihrer Banninsel (sie weiß bis zu ihrem Tod weder, weshalb sie verbannt wurde noch welche Strafe sie erwartet) und auf den Fluss zuhält, der ebenso der Styx sein könnte. Immer verblüfft an dem mit einem Grauschleier überzogenen kräftigen Farben hat mich, dass auch das Boot des moribunden jungen Edelfräuleins „Lady of Shalott“ heißt, der Namenszug steht deutlich zu lesen am Bug, wenn man in der Londoner Tate Gallery vor dem nicht auffällig großen Bild steht. Auf dem bunt und detailliert bestickten Wandteppich, dem „web“, der „Webe“, den die in den Tod Fahrende mitnimmt, ist die Geschichte ihrer vertanen Liebe zu Sir Lancelot nachgebildet, auch die Stickereien und Webereien auf dem Textil lassen sich also zusammenfassen unter dem Titel „Lady of Shalott“. Viermal der Name: Bildtitel, Frauenname, Bootsname, gestickte Geschichte. Jede Strophe von Alfred Lord Tennysons Ballade endet mit dem Namen Shalott – bis auf eine in der Mitte (um die das Gedicht sich dreht), die mit Lancelots Namen schließt. Für die Liebende schließt sich die Welt, die nur mehr aus ihrem Unglück besteht, und die Welt schließt ja auch sie aus: Im Fluss kann sie die Türme Camelots gespiegelt sehen. Aber das Schloss selbst ist für Elaine unerreichbar.

Das Kind bremst. „Mein Fahrrad rülpst“, sagt es und steigt ab.

Die unbändige Freude der Blinden, die im Innern, im Saal, oder im Partyraum ihrer Vorstellung, einen Tanz zu üben scheint. Seit Jahren habe ich auf einem Gesicht nicht mehr eine solche freie Mimik gesehen, ein Glänzen im Blick, ein strahlendes Lächeln. Am Morgen im Gasthof unter den verschneiten Berggipfeln ist es im Zimmer so dunkel, dass ich zwei Sekunden lang glaube (ohne Angst zu haben), erblindet zu sein und mir die Blinde aus dem Zug wieder einfällt. Doch vor dem Fenster scheint die Sonne. Und so schien auch auf dem Gesicht der Blinden die Sonne. (Rauris, 6.4.)

Gute Nacht, Turnhalle

Das Tier hat eine Maus getötet und den leblosen Körper vor die Terrassentür gelegt – offenbar ein Geschenk. Das Schönste, was es töten und mir bringen konnte. Von da an kümmert die tote Maus das Tier nicht länger. Es frisst sie nicht auf, würdigt den Kadaver mit den schönen, jetzt stumpfen Augen keines Blickes. Das Tier scheint selber verwundert zu sein von der Leblosigkeit des kleinen Tiers dort auf der Terrasse. Ab und zu blickt es doch hin. Als ich den Körper in einen Kräuterbusch gelegt habe, ist das Tier verwundert – so scheint es –, weil ihr Geschenk entfernt wurde. War es nicht willkommen? Das Blut der Maus steigt ihm in die Nase, noch als ich es mit kochend heißem Wasser von den Terrassenholzbohlen gespült habe. Es hatte geschneit in der Nacht. Die Maus lag die ganze Nacht lang im Schneefall. Ihre Sprungbeine. Ihre Barthaare. Die wundervollen Ohren. O Barmherzigkeit.

Ich höre The Clash, höre „Combat Rock“ und „Sandinista!“ – und in den Pausen zwischen den Songs (und den Erinnerungen, an Zimmer, an Gelächter, Frauen, Freunde) das Rieseln des Schnees. (22.3.)

„Alle sind wir früher oder später Schatten, werden nur nicht überwältigt.“ John Cheever

Sonne fällt in den Gefängnishof, und alles riecht nach Abschied.

„Gute Nacht, Turnhalle“, sagt das Kind – und meint damit dich. Ja, stimmt, manchmal bist du eine Turnhalle. (Eppendorf, 29.3.)

Die Erinnerungen kommen einem mit fortschreitendem Alter immer zweifelhafter vor. Ihnen ist nicht zu trauen – zumindest ihrem sogenannten Wahrheitsgehalt nicht. Vielmehr erscheinen sie zu einem bestimmten Zweck eingerichtet: das Leben kurz erscheinen zu lassen, zu kurz. Der Sinn des Erinnerns wäre demnach die Wehmut. Doch auch das ist vorgegaukelt, der Gedanken und Gefühle Spuk. Nur damit du weiterlebst, älter wirst, weiter schaffst und leistest, kommt dir dein vergangenes Leben mit der Zeit immer kürzer vor, als es in Wirklichkeit war und ist. (1.4.)

„We fall, but so does everyone else“ – so John Cheever, der passionierter Schlittschuhläufer war und der zeitlebens unter einer Brückenphobie litt.

Kraftwerk – The Man Machine

Zum Tod von Günter Herburger

Saurüssele

Das Wichtigste,
was man von Schweinen
lernen kann: kein Mensch zu sein.

Sie sind sehr sauber,
sehr gefühlvoll, ein wenig zänkisch,
kämpferisch, aber dann lieben
sie einander wieder,
und wenn sie weinen,
was sie gerne tun, schreien
sie kaum und lächeln dabei.

Einen Tag, bevor sie
geschlachtet werden sollen,
sind sie nervös und konfus,
rennen umher und beschmutzen sich.
Dann beginnen sie zu singen,
sehr tief und sehr hoch,
wir vermögen es nicht zu hören.

Kein einziges Schwein ist bekannt,
das alt, krank und mager
noch auf der Weide lebte,
ganz und gar nicht allein,
weil umgeben von Igeln,
sodass, wenn es stirbt,
es auch ein Häufchen wäre,
bedeckt von Blättern und Geschmeiß,
deren Konzerte
wir niemals vernehmen.

Günter Herburger
6. April 1932 – 3. Mai 2018

Eine im Wasser zerschlagene Vase

Ein Funke genügte, und das kleine Mädchen stand in Flammen. Es brannte innerlich lichterloh, ohne das etwas das Gemütsfeuer hätte löschen können. Das kleine Mädchen weinte und schluchzte und jammerte, es wälzte sich auf dem Boden, bis es spürte, dass das Lodern in seinem Innern alles heruntergebrannt und verzehrt hatte, was ihm so zusetzte. Das Lachen, nach dem ihm dann zumute war, musste noch zu dem Feuer gehören, denn eine Zeitlang fühlte es sich ähnlich tröstlich an. Bis sich das Lachen verwandelte und laut wurde und das Vergessen war.

„Nirgends ein Fuchs, der über die Lichtung schnürt. / Nirgends ein menschliches Wort.“ Christian Saalberg

Dass ein Tier domestiziert ist, dass es erfolgreich zum Haustier gemacht wurde, erkennst du an seiner Gier.

„Es liegt etwas Ekelhaftes im Gedanken an Belohnung.“ Joseph Conrad

Maison. Mais sans toi … ein Wortspiel, aber ein ernstes. Ohne sie schien alles nur ein trauriger Witz.

Der Bodensee bei Windstille: silberne Ebene, am Horizont die Schneegipfel. Dieses ganze Herumgereise, schärft es tatsächlich – wie dir lange schien – die Aufmerksamkeit? Doch nur für immer kürzere Zeit. Allmählich verlierst du dich im Unterwegssein. Und verlierst auch das Gesehene – was zuerst: dich oder das kaum mehr Bestaunte? (Singen, 9.3.)

Eine Notiz aus dem Jahr 1800: „Wenn im Wasser eine Vase zerschlagen wird, die eine Flüssigkeit enthält, behält diese Flüssigkeit, die sich mit dem Wasser vermischen und zerfließen wird, eine Zeitlang die Gestalt der Vase, die sie enthielt.“ Joseph Joubert

Verbunden mit dem Licht der Sterne

„In der gewöhnlichen Rede dienen die Wörter dazu, an die Gegenstände zu erinnern – wenn aber die Sprache wirklich poetisch ist, dienen die Gegenstände immer dazu, an die Wörter zu erinnern.“ Joseph Joubert

Canetti über Joubert: „Er nimmt Geistiges auf, als wäre es eine Bewegung der Luft. Gedanken und Worte empfindet er als Atem oder als das Auf- und Niederschweben von Vögeln.“

„Wenn du etwas sehen willst, das dir gehört, mach die Augen zu“, hieß es in meiner Familie den Kindern gegenüber. Genau das ist es, was sie, was wir den Eltern, den Alten noch immer viel zu selten sagen: „Wenn ihr wissen wollt, was wir euch schulden, macht die Augen zu.“

Weshalb ich hier immer wieder auch von dir schreibe, von mir, aber dann wieder auch von dir: damit hier gelüftet wird. Damit hier gar nicht erst der Mief der Ichsucht wabert. Und damit auch du dich gemeint fühlen kannst. Okay?

Den ganzen Tag lang hat es geschneit, hat die Wirklichkeit sich erholt.

Wir gingen spazieren, mein Herz und ich. An einem grauen Fluss – die Dämmerung – sah ich einen Alten ins Wasser springen, mir sicher, dass er sich das Leben nehmen wollte. Ich sprang ihm also hinterher, der Jüngere dem Alten, dachte im Sprung an meine Liebste und daran, dass es womöglich besser gewesen wäre, zuerst die Schuhe auszuziehen … als ich eintauchte, tief in das auf einmal hell flaschengrüne Wasser. Auf der Stelle sah ich unter Wasser dutzende großer, mit riesigen Zähnen ausgestatteter Fische, die mich nicht entkommen lassen würden. Ich weinte innerlich, weil kein Abschied möglich war. (2.3.)

Eines der ergreifendsten Lieder der Welt, Pete Townshends I am secure von seinem Album „White City: A Novel“ von 1985. Darin singt er: „This is my cell. But it is connected to starlight.“

Der tyrannische Autor

Vor rund vier Wochen wurde ich von der Frankfurter Allgemeinen gebeten, Botho Strauß’ neues Buch „Der Fortführer“ zu besprechen. Heute erschien meine Rezension in der FAZ, allerdings in einer an empfindlichen Punkten des Textes eingekürzten Version. Meine Kritik an Strauß’ Verächtlichkeit gegenüber Leserinnen und Lesern, die er für minderbemittelt zu halten scheint, oder an seiner Pauschalherabwürdigung der Frau („ältestes Lasttier des Menschen“) wurde aus der Besprechung getilgt, aus Platzgründen, wie es heißt. Das Ende fehlt ganz. Deshalb hier meine ursprüngliche Rezension des Buches, wie ich sie von Mitte bis Ende März in Lenzburg im Aargau geschrieben habe:

Botho Strauß
Der Fortführer
Rowohlt Verlag
Reinbek bei Hamburg 2018
208 Seiten, 20 Euro

Von Mirko Bonné

Fortführen kann ich die Zoohandlung meiner Tante. Oder meine Tante selbst, so sie denn fortgeführt werden möchte oder muss. Bin ich dann Fortführer? Eher Fortführender. Der Fortführer bin ich erst im Wortspiel mit dem Wortführer.
Der Rahmen, in den Botho Strauß seine neuen Aufzeichnungen stellt, ist durchaus ansprechend. Zwei Teile hat „Der Fortführer“, Abfolge und Gewichtung sind überlegt und aufeinander abgestimmt. Der erste macht zwei Drittel des in gedeckten Farben gehaltenen, klassisch, ja bedeutend anmutenden Buches aus: „Zwischen Jetzt und Nu“ umfasst vierzehn unbetitelte, ihrer Kürze und motivischen Verknüpfungen wegen mühelos lesbare Kapitel – nur ein einziges Notat ist länger als eine Seite. Versehen mit unterschiedlichen Einzügen, sind alle kleinen und größeren Absätze übersichtlich, wenn nicht einladend über die Seiten verteilt, wo sie wie Strophen wirken, denn es fällt auf, dass dieser erste Buchteil im Flattersatz gehalten ist.
Nicht so der zweite, das abschließende Drittel, das dem Buch den Titel gibt. Auch hier Aufzeichnungen, nur fehlen Kapiteleinteilung und graphisches Spiel. Notate, in herkömmlicher Weise gestaffelt: bündig, ohne Einzüge. Wenn man bereit ist, gestalterische Elemente als aufgeladene Zeichen zu deuten, liegt in der formalen Raffinesse des Buches ein gewisser poetischer Reiz. Ansonsten aber ist „Der Fortführer“ ein haarsträubendes Elaborat aus verächtlichem Raunen und unfreiwilliger Komik.
Zentrales Thema scheint das Zeitliche zu sein: Vergangenheit, Vergänglichkeit. Augenblick, Dauer. Tradition, Überlieferung. Strauß geht es jedoch nicht um Alter, Muße, versöhntes, erfülltes Leben und Miteinander heute. Sein Anliegen ist nicht Verständnis. Es zählt nur Wille zur Erkenntnis. Sein Projekt ist eine restaurative Schubumkehr, zu deren Zweck er sich zum so unverstandenen wie wissenden Künder eines nahenden Heroenzeitalters stilisiert, dem Fortführer.
Sosehr hier einer erläutern zu müssen meint, was das Poetische sei, was Poesie und was Dichtung – für Strauß offenbar Synonyme, differenziert wird nicht –, so wenig poetisch sind seine Sätze. Die Bilder sind unausgewogen und schief („Grille und Geist – beide reglos vor dem jähen Sprung“), was verschwurbelte Wortwahl und gedrechselter Satzbau immer wieder kaschieren müssen. Metaphern wirken abgegriffen und instrumentiert, rhetorische Figuren zweckgebunden, durchsichtig, bemüht: „War nicht am Ende alles Richten und Zerstören bloß der Tanz zu einflußreicher Musik, die von unsichtbaren Terrassen herüberklang und zu den kühnsten Handlungen aufspielte?“ Geht es noch?
Wortspiele („Narretei des Narrativs“), Stabreime („Da! Damals“), metrische Raffungen („Und so, wie’s war, kann’s keiner fassen“), Wie-Vergleiche (der Kummer „beinahe wie ein Pferd“, der Kummer „wie eine feuerfeste Kastanie“) und Zitate über Zitate, griechische, lateinische, englische und französische, deren Übersetzungen genussvoll-schulmeisterlich gleich mitgeliefert werden – alles um klarzustellen, wo der Fachmann hier den Hammer hängen hat.
Des Fortführers Werkstatt ist seine „Bibliodizee“. Fledermausartig fliegen dort Fremdwörter umher. Zum Lachen geht man in den Keller. Nur selten leuchtet zwischen den Zeilen etwas, das an Lebenswärme, an weitererzählte Erfahrung erinnert. Ein alter Mann fällt an derselben Stelle in den Matsch wie viele Jahre zuvor sein kleiner Sohn: „Man gräbt sich in den Weg, von dem man einst sein Mannesalter von einem Kind empfing.“ Das Bild mag überfrachtet sein, gibt aber zu denken und bleibt trotz des steifen Tons im Sinn, weil es sich einfühlt und anrührt. So plump hier mit pseudo-poetischen Mitteln manipuliert wird, ist Botho Strauß’ neues Buch stilistisch gesehen jedoch fast durchweg bestenfalls enttäuschend.
Der Flattersatz des ersten Teils erinnert nicht zufällig an die bei Online-Texten übliche Form: Netz, Smartphone, digitale Kommunikation und die oft vorgegaukelt freie Verfügbarkeit von so vielem, darunter Partnerschaft und Sex – ein Themenbereich, dem Strauß sich in „Zwischen Jetzt und Nu“ widmet, indem er als bewusst Außenstehender kritisch und um einen eigenen Blick bemüht betrachtet, was für die meisten Leute einfach bloß Alltag ist oder zu sein scheint. Wer will die Wünsche anderer verdammen?
Es ist der eigene Blick dessen, der sich als „Phantast, Archaiker und Träumer“ versteht und in Abwandlung des Ausklangs von Hölderlins Hymne „Andenken“ fordert: „Wir müssen Verwirrung stiften wie einst die Dichter das Bleibende“ – ein Beispiel für Strauß’ ungenaues Lesen: Bei Hölderlin stiften die Dichter nicht das Bleibende, sondern das, „was bleibet“: Worte, Verse, Sprachmusik, Musik der Wörter und der Bedeutungen. Das Bleibende ist viel zu groß.
Verwirrung stiftet „Der Fortführer“ allerdings. Vor allem im zweiten Buchteil wird zu einem Rundumschlag ausgeholt gegen jede Form heutiger Technologie und im Hauruckverfahren damit gleichgesetzter Lebensgestaltung: „Mit den Händen eine Kelle formen, unseren Hirnglibber ausheben und in die digitale Schale betten. Wir sollen nur umgefüllt werden.“ Dieses Wir, wer ist das? Es ist rhetorische Pose. „Kommunikation und Verwesung“, nach Strauß „ein und dieselbe leibliche Wucherung, dieselben Gänge benutzen Nachrichten und Würmer.“ No comment. Dagegen kann es lediglich „der drangvollsten Botschaft“ gelingen, „auf der Liebe und des Äthers Wellen“ größere Entfernungen zu überwinden. Telefon? Skype? Nicht in der angeblich höheren Welt, die Strauß entwirft, wenn auch für nur einen Bewohner. Der sagt von sich: „Mitten im Gewühl den Kopf überm Gewühl.“ Er scheut davor zurück, zu nah an jemanden heranzutreten: „Ein Eishauch könnte seiner Brust entweichen und den anderen erstarren lassen.“ Auch das ist Pose, und wenn Poesie, dann die eines Superhelden, einer Mischung aus Iceman und Deadpool.
Erstarren lässt bei der fortgeführten Lektüre tatsächlich manches: „Die Seele (…) wird die Form eines Rachevogels annehmen und die Gespenster der Freiheit verscheuchen.“ – „Dieselbe Technik, die die optische Verschmutzung unter die Menschen brachte, ermöglicht auch, den Erdball einer photo-klastischen Reinigung, bildlichen Auslöschung, zu unterziehen.“ – „Auch sind es nicht allein die paar Dutzend heroischen Kunstwerke der Menschheit, sondern es ist das unüberblickbare Heer der von ihnen inspirierten, angetriebenen Nachfolger und Kombattanten, die alle gemeinsam sich zum Feldzug sammeln gegen den Ansturm der jungen Tage. Auf keinen Krieger kann man verzichten.“ – „Erst im Zeitalter der sozialen Netzwerke gewinnt asozial neue Konturen.“ – „Das Leicht-Deutsch aus Erkennungszeichen für die Masse der kommunikativ Sprechenden und das entfaltete für die, die ihr Hirn für anspruchsvollere Zusammenhänge fit halten müssen.“ – „Wider den Mißbrauch der Schrift beim Chatten! Beim Quatschen läßt man ja auch von der Schrift!“ – „Debilwerden als Rasseschicksal.“ – „Warum gibt es keine Verbindung (Nährstränge) von den Klugen zu den Dummen? Weil die Dummen emanzipiert sind, die Klugen aber nicht.“
Wilde Theorien wechseln sich in verbissener Oberstudienratsprosa mit Hirngespinsten, Pseudo-Philosophisches mit verbrämendem Schwulst ab. Nirgends nur ansatzweise Ironie, gar Selbstironie, keine Spur von Witz, Verwunderung, Neugier, Zweifel. Dünkel to go. Die Lektüre ist ein einziges Belehrtwerden, das Herrscherprinzip: Der tyrannische Autor demütigt statt mitzuteilen, diffamiert anstatt mitzufühlen. Krude, wenn er über „die wahren Obdachlosen“ doziert, nämlich Verstorbene. „Men’s oldest beast of burden was woman“, „Ältestes Lasttier des Menschen ist die Frau“, übersetzt Strauß, man beachte die Zeitform. Kein Wunder, dass er Frauen eine „Restlaufzeit“ zuschreibt. Dichterisches ist in derlei Äußerungen nur mehr Mittel zu schönfärbender Verharmlosung.
Die Grenze zur Perfidie überschreitet „Der Fortführer“, wenn das „Narrativ des Flüchtlingsdramas“ seine Entlarvung findet. Für Strauß ein Problem des Jargons: „Entweder ist es Erzählung oder Drama. Oder aber postdramatische Flüchtlingsperformance.“ Der Diskurs wird benutzt, sein notwendigerweise vorläufiges Vokabular verschnitten und desavouiert. An anderer Stelle wird vom „herrlichen Deutsch“ schwadroniert und, en passant, die Grammatik zurechtgestutzt, um anhand eines Schulfestes das Erlebnis „Unter-Menschen“ vorzuführen.
Da klappt man dann schon mal das Buch zu und ist einfach fassungslos.
Die finster-rigide „Gegenmoderne“, die Strauß propagiert, möchte man lieber nicht kennenlernen. Sie ist eine Unterwelt, eng wie ein Toaster. Den Heroen, denen er huldigt (Goethe, Novalis, George, Loerke, Pound, Benn) begegnet man besser mit kritischem Lesen. Strauß wäre gut beraten, The Clash zu hören oder Christine and the Queens. Er sollte sich von Jirō Taniguchis Mangas verblüffen lassen und hin und wieder in Christian Saalbergs Gedichten lesen. Das lässt die Superheldenkruste abplatzen.
Poesie fordert nichts, nur freies Atmen. Sie ist zu keiner Zeit Instrument, schon gar nicht der Herabwürdigung. Poesie ist das Bindegewebe menschlicher Überlieferung, doch nicht Sprache, Geschichte oder Vergangenheit stehen in der poetischen Tradierung im Vordergrund, sondern auf mannigfache Weise ist es immer menschliche Güte, sind es die Abgründe und Zweifel von Einzelnen, ob Frau oder Mann. Aus diesem Grund schrieb John Keats, Arztberuf und Dichterberuf seien dasselbe.
„Gäbe es für mich je ein Problem, würde ich sofort die Weltgemeinschaft um Rat fragen. Aber ich habe keine Probleme“, meint Botho Strauß. Man möchte ihm Leserinnen, Leser und Lasttiere wünschen, die ihn wenigstens von diesem Irrtum abbringen.

Im Colloquium

Einer im Colloquium (1998)

Zwei im Colloquium (1998)

Vorder- und Rückseite eines linierten gelben Notizblattes, Treffen „Das Netz“ von schweizerischen, österreichischen und deutschen Autoren, LCB, Berlin, 15. März 1998

Drei Flüsse an einem winterlichen Tag

Als Heinrich Voß Hölderlins „Antigone“-Nachdichtung gelesen hatte, trompetete er los – wahrscheinlich stand Goethe aufgeblasen irgendwo im Mittelpunkt eines Saals: „Ja, ist der rasend? Oder tut er bloß so?“ Und alle lachten, weil sie Vossens Tröten in ihrer Dumpfheit für einen Witz hielten. Goethe nickte dem Paladin zu. Nur Voß selber wusste – oder ahnte, er wusste nicht so recht, wo der Unterschied war –, dass seine Frage bitterem Ernst entsprang. Er selbst musste tot sein, ohne es gemerkt zu haben. Dieser Verdacht erhärtete sich ihm, als er den feisten Gecken von Goethe da mitten im Raum stehen sah, wie er den jungen Dingern in den Ausschnitt stierte. Ja, tot, alle waren sie längst tot.

Bei starkem Frost kracht das Haus in der Nacht – so laut, als krachte die Nacht.

Es gibt auch leuchtende Beleidigungen und Verunglimpfungen. „Was sind denn Sie für einer?“, sagt eine Frau im Supermarkt zu einem fremden Herrn. „Sie Notizblock. Sie karierter. Gehen Sie mir aus dem Weg, oder ich schreibe Sie voll.“

„Die üble Nachrede erleichtert die Boshaftigkeit.“ Joseph Joubert

Drei Flüsse an einem winterlichen Tag, der kein Ende nehmen wollte: die Eisenbahnhochbrücke bei Eglisau über den schweizerischen Rhein – dunkelgrün in der Sonne der Fluss dort unten. Der Neckar dort, wo er noch schmal ist, wo Hölderlin wanderte. Brauner, durchsichtiger Neckar, die Ufer schneebeladen. In der späten Nacht höre ich das Rauschen der Regnitz, im Winter klingt es anders, aber es ist derselbe Ort, an dem ich im Sommer mit meinem Herzen im Fluss schwamm. (Bamberg, 28.2.)

Ein innerer Wellengang

Schockierende Begegnung mit dem Gesicht des früheren Freundes, der einst so laut, so überzeugt von sich, so über alle Maßen demonstrativ und widerständig schien. Aufgedunsen, still, verharrend im Abwarten auf das, was ihn ereilen mag. Man hat nie mit ihm sprechen, immer nur reden können. Sprechen mit ihm hieß stets, nach Bedeutungen zu suchen in seiner demonstrativen Sprache, dem Sich-kund-und-groß-Tun über Frauen, Musik, Bücher, Leute, Politik, Autos, seine vor sich her getragenen Ansichten. Alles hat dich geprägt. Alles konntest du verwerfen – oder umformen und dir anverwandeln. Sein hilfloses, nein ratloses Gesicht. Das vertraute Antlitz. Selbst einigen deiner Gedichte ist es eingeschrieben, und endlich – sagst du dir erleichtert – zeitigt es die ihn von Anfang an aufzehrende Verlassenheit. Für deine Zuwendung aber ist es lange schon zu spät, zu spät, zu spät. Zu spät! (Uhlenhorst, 18.2.)

Ein innerer Wellengang, der Blutzuckerspiegel.

Oh du schönes, anschauliches Beispiel für die Zermürbungsmechanik meines Gedächtnisses (dieses angebliche „Sich-erinnern“): Nie vergessen habe ich Robert Kellys auf Deutsch nur in einem Rowohlt-Literaturmagazin erschienenen Gedichtzyklus „Postkarten aus der Unterwelt“ – woran genau aber ich mich entsinne, ist, abgesehen von dem spröde-erstaunten Ton der Gedichte, lediglich eine einzige Metapher: „In der Unterwelt ist es so eng wie in einem Toaster.“ Wo habe ich das seinerzeit, Mitte der Neunziger wohl, gehört oder gelesen? Wiedergefunden über das Internet (verzeichnet auf einer kalifornischen Uni-Seite) und das Buch endlich (wieder?) selbst in Händen (Rowohlt „Literaturmagazin“ 34, „Über das Darstellbare“, Reinbek bei Hamburg, September 1994), liegen vor mir die Scherben eines Textes, den es nie gegeben hat. Bei Kelly (in der Übersetzung von „Frederic C. Hosenkeel“ aka Schuldt) heißt es zu Beginn des 24. und abschließenden Teils von „Postkarten aus der Unterwelt“: „In jenem Land gibt es eine Entfernung / die zwischen zwei Menschen paßt wie Brot in einen Toaster.“

Retzlaff & Stoffregen

Hier ist nichts. Keine Seele. Die Leute, allesamt freundlich, scheinen zu warten, die Zeit totzuschlagen mit dem Warten darauf, wieder arbeiten zu können. Morgens weckt dich das Branden des Verkehrs. Die Wagen brausen heran und hinein in den Tunnel unter der Stadt, um rascher in die Großstadt zu gelangen. Endlich wieder aus dem Haus! Zur Arbeit! Du gehst durch graue Siedlungen, alles ist friedlich, alles geordnet und ordentlich, pragmatische Paläste mit Vorgärten und Müllhäuschengassen. Das Altglas fällt metertief in unterirdische Behälter. Roboter auf den Straßen, die Hunde(roboter) ausführen, würden nicht verstören, kaum auffallen. Vom Zug aus siehst du einen Schriftzug auf einem Bürogebäude: ANGST & PFISTER. Es ist alles gut so. (11.2.)

Und war sie unzufrieden mit ihrem Äußeren, ihrem Gesicht, ihrem Augenglanz, dann schnitt sie sich den Pony kurz, radikal kurz, so kurz, dass sie vor dem Spiegel erschrak.

Die erschrockenen Gesichter Giacomettis und Walsers auf den 100- und 200-Franken-Banknoten.

Der Schnee bleibt liegen im Schatten der Waldungen oben auf den Hängen und Hügelkuppen. Der weiße Schatten. (Lenzburg, Goffersberg, dem „Gofi“, 13.2.)

Drôle de mère.

Bin ich etwa selbst der Retzlaff?

Im Schwimmbad hörst du den Beginn, den allerersten Satz eines Gesprächs zwischen zwei einander fremden Jungs: „Wollen wir Freunde sein?“ Dann beginnt das Spielen.

Mein Exemplar von Simenons „Die Phantome des Hutmachers“ hat auf dem Schmutzblatt ein Exlibris: „Dr. Stoffregen 28.10.82“. Der Roman – er beschäftigt meine Fantasie seit Jahrzehnten (und immerzu regnet es), beginnt, nein es ist der zweite Absatz, in dem es heißt: „Und es regnete seit dem 13. November. Ja, man konnte behaupten, es regnete ohne Unterlass seit zwanzig Tagen.“

Flämmchen

Die Wörter sind undankbare Begleiter. Man muss sie liegenlassen und, statt sie im Kopf herumzuwälzen – unter der Schädeldecke, in der Mundhöhle, am Gaumensegel –, den Leuten ins Gesicht blicken: „Ich gebe nicht auf. Ich fange noch mal von vorne an“, wie Lars Gustafsson schrieb.

Das 122. Fragment Heraklits aus „Über die Natur“ besteht aus einem einzigen Wort: „Annäherung“.

Jedes Zündholz, das abbrennt, waagerecht gehalten, zeigt in seinem Flämmchen deinen Namen.

Die Namen der Kornblume: Blaufruchtblust, Blaumütze, Bloch Kühreblome, Chorenpluem, Flessän-Durt, Hunger, Hungerblom, Karenbloimeken, Karnblume, Kleinblume, Korenblum, Kooreblome, blau Kornnägelein, Kürnbleamen, Kwast, Rockenblum, Roggeblöme, Roggenblom, Roggenblume, Rogghebloem, Ruschelinc, Schanelke, Schneider, blaue Schneider, Sechel, Sichelblume, Strämpsen, Thremse, Trämpst, Trehms, Trembsen, Tremisse, Trempen, blagen Trems, Tremse, Weydblum, Weitblum, Zachariasblume, Ziegebock, Ziegenbein, Zyane.

„Denken Krabben, dass Fische fliegen?“, fragt das Kind.

Wo keiner liebt, wohnt niemand.

Wenn sie einsam war, redete sie mit ihrem Lieblingspullover: „Heute nimmst du mal ein Bad. Keine Widerrede!“

Die Birnenkonferenz!

Handtaschen

In den Handtaschen deiner Mutter gibt es
ein Gerät, wenn du das anknipst, hört man
wie früher den Staubsauger im Kinderzimmer.
Fotos von dem Chaos nach einem Zugunglück
liegen verborgen hinter den Reißverschlüssen.
Mach jede Tasche auf, es regnet darin immer.
Aber es gibt keine Unwetter dort im Dunkeln,
nur Tränenschauer. Jede Handtasche weint.

In der Handtasche von Oma Käte war nichts
außer ihrem Schlüsselbund, einem Päckchen
Papiertaschentücher und dem Faltregenschirm.
Ihre Handtasche war ein Beutel, dünn, eine Haut,
mit zwei Omafingern kleinzuknüllen auf die Größe
einer Rosine, eines Reiskorns. Eine Handtasche,
sagte sie, wozu das, hm, Krimskrams, Plunder?
Ständig gab sie Opa Sachen: „Da, steck ein.“

Eine Landkarte des wiedervereinigten Korea,
Pokémon-Figuren und Plastikkaninchen, leere
Karamellpuddingbecher und kaputte Ladekabel
liegen in den Handtaschen deiner Töchter neben
irgendeiner Tasche ihrer Oma und der Beutelhaut
von Uroma Käte. Manchmal kriecht eine Tochter
in die Handtasche der anderen und schläft dort.
Jede ihrer Handtaschen ging bislang verloren.

In der Handtasche deiner Frau lebt eine Unke,
apfelgrün ist sie und schön. Umher schwirrt darin
ein Mückengeschwader, das Futter für den Lurch.
Alle Handtaschen von allen deinen Freundinnen
sind in der Tasche deiner Frau. Deine Geliebte
hat deshalb keine Handtasche, dein Liebling
entwirft Handtaschen. In der deinen wächst
Gras. Still ist es darin, wie im Universum.