Das Gras

Landgang, die zweite

Der weithin sichtbare Optische Telegraf von Brake an der Unterweser lässt mich durch die Geschichte telegrafieren, und ich lese, dass auf Kirchtürmen oder eigens dazu errichteten Gebäuden im Verlauf der etwa 70 km langen Strecke zwischen Bremerhaven und Bremen kreuzförmige Signalmaste montiert waren, an deren drei freien Armen je ein drehbarer, über Seilzüge zu bedienender Flügel acht verschiedene Positionen einnehmen konnte. Aus den 512 möglichen Stellungen wurden bestimmte für das Alphabet und einige Sonderzeichen festgelegt. Diese Signale wurden von der jeweils nächsten, gut zehn Kilometer entfernten Station mit Fernrohren beobachtet und weitergegeben. Die Stationen auf der Weserlinie waren Bremerhaven, Dedesdorf, Brake, Elsfleth, Rekum, Vorbrock, Vegesack, Oslebshausen und Bremen. Die 1846 eingerichtete Querverbindung Bremerhaven – Elmlohe – Bederkesa – Lamstedt traf bei Hechthausen auf die Elblinie.
Der „Braker Telegraph“, 1846 erbaut und nur etwa sechs Jahre lang in Betrieb, bis er als veraltet galt, meldete mittels seiner Vorrichtung auf der Turmspitze in die Wesermündung einfahrende Schiffe. Die Telegrafisten hatten zu übermitteln, welche Waren das Schiff geladen hatte, wie viele Mann zum Entladen gebraucht wurden oder ob das Schiff unter Quarantäne stand – Informationen, die möglichst vor Anlegen des Schiffs benötigt wurden, vor Einführung der optischen Telegrafie jedoch nur über bedeutend langsamere Botenschiffe überbracht werden konnten.
In seiner posthum 2018 erschienenen poetisch-philosophischen Betrachtung „Der Optische Telegraf“ schreibt der schwedische Dichter und Erzähler Lars Gustafsson: „Der Betrieb optischer Telegrafen basierte auf Signalstationen mit Winkelmasten (Semaphore), mit denen man die Buchstaben des Alphabets wiedergeben konnte. Sie gingen in England schon 1796 in Betrieb. Die Übermittlungszeit zwischen London und Portsmouth betrug nicht mehr als 15 Minuten – die Nachricht hatte sozusagen annähernd die gleiche Geschwindigkeit, die ein Flugzeug mit Hubkolbenmotor für die gleiche Strecke gebraucht hätte.
Das deutsche Äquivalent, die Linie Berlin–Koblenz, in Betrieb zwischen 1832 und 1849, bestand aus zweiundsechzig Stationen, von denen eine, Nummer 4, gelegen auf dem Telegrafenhügel in Potsdam, noch heute bewundert werden kann. Die gesamte Strecke Berlin–Koblenz belief sich auf 550 Kilometer, und bei schönem Wetter und guten Lichtverhältnissen dauerte die Synchronisierung der Signale zwischen Berlin und Koblenz hin und zurück nicht länger als 2 Minuten. (…) Das Personal einer optischen Telegrafenstation bestand aus mindestens zwei, häufiger drei Personen: einem Beobachter, der mit einem Fernglas die eine oder andere der nächstgelegenen Stationen ablas, und ein oder zwei Telegrafen, die die Winkelelemente bedienten. Die Richtung der Nachricht war wichtig, Kollisionen mussten vermieden werden. Und manchen Nachrichten musste Priorität eingeräumt werden. Es ist kaum möglich, sich ein öffentlicheres System der Informationsweiterleitung zwischen zwei Orten vorzustellen. Deshalb wurde Verschlüsselung bald ein wichtiges Verfahren, besonders natürlich im militärischen Kontext.“

Abbildungen: Unterweser bei Brake mit Optischem Telegraphen (1; anonymer Kupferstich, Mitte 19. Jahrhundert); Braker Telegraf (2; 2018) – Zitate: Lars Gustafsson, „Der Optische Telegraf“, aus dem Schwedischen von Barbara M. Karlson, Secession Verlag, Zürich 2018

Landgang, der erste

Die weiten Felder westlich von Bremen, unterbrochen, vor dem Seewind geschützt durch Waldinseln, geometrisch anmutenden Waldungen. Auch die Kühe, im Widerstand gegen den Wind, rebellisch Rinder, fleckig wie das platte Land.

Der Oldenburger Etymologe erzählt von Libellen, ihrem Schwirrflug, den Häuten, die sie abstreifen, bleistift-, schraubenziehergroß. Er lebt in seinem auf den Hund gekommenen Bungalow am Stadtrand, die Frau hat ihn verlassen, die Töchter sind längst ausgezogen, um in Übersee zu studieren, er ist im Widerstand gegen die geplante Küstenautobahn, die Landschaftsvernichtung ist immens in seinen Augen, und er schwört unverbrüchlich auf Pink Floyd. Er wirkt libellenartig, selbst wenn er im Lichtschein am Schreibtisch über den Laptop gebeugt sitzt. An den Wänden überall Bilder von Teichen, Gräsern, Mooren, Seen. Einmal frage ich ihn, ob er wisse, dass Klaus Störtebekers Schiff angeblich „Die schnelle Libelle“ geheißen habe, und ein andermal erzähle ich ihm von meinem Gedicht „Libellenbrief“ und muss es ihm daraufhin vorlesen. Es sei sehr gelenkig, sagt er. Nichts Gelenkigeres, sagt er, als eine Libelle.

Die Sterne, die Sternbilder, nachts über Oldenburg – Hintergrund ein tiefes Schwarz, schwarze Tiefe. Während es in den Gärten knackt, denn da schurren und scharren versteckte Tiere. Alles schläft. Aber die Natur wacht, als gelte es, sich zu wappnen – wovor? Einem wie mir?

Die Brötchen tragen eine eingebrannte Initiale – als wären sie allein für dich bestimmt.

Im Oldenburger Land, heißt es, werde ab und an noch ein Uhu an ein Tor genagelt, als Abschreckung, als Zeichen gegen den Teufel? Kaum einer dürfte sich das heute noch trauen. Meine Tochter erzählt einen Witz: „Was sitzt auf dem Baum und winkt? – Ein Huhu.“ Der ans Tor genagelte Uhu taucht auch am Schluss von Jan Wagners Gedicht „franz de hamilton: konzert der vögel“ auf. Nachtigallen reimen sich dort auf „nageln“, und dem Uhu eignet etwas Lutherisches: „(…) man hört die saat / im ackerboden bersten, in den kirschen / die süße sich ballen, hört / das blut tief in den eigenen adern rauschen. // elstern, strauße, ziegenmelker, kuckuck, / der adler mit der orgel seiner flügel, / kranich und käuzchen, rebhuhn, kaka- / du, falke, mäusebussard, eisvogel, // störche, sperlinge und nachtigallen. / nur der uhu nicht, den ein paar leute, / die üblichen strolche an die scheune nageln / wie irgendwelche thesen, ein pamphlet.“

Mit Heisenberg im Zooladen

„Lieber“, sagt das Kind, „hätte ich Brandmale im Gesicht.“

Während des Telefonats mit dem im Auto fahrenden Freund immer wieder die Roboterstimme seines anscheinend ferngesteuerten Wagens: „Ich habe beschlossen, an der kommenden Abzweigung die Straße zu verlassen“, „Ich habe beschlossen, jetzt links abzubiegen“ …

Propangasstation für Eigentumsflaschen!

Im Zoofachgeschäft in ein kurzes Gespräch mit einer jungen Frau hineingeraten über Schlammwürmer für ihre Kugelfische. Am Telefon erzählt das Kind von Heisenbergs Unschärfe-Reaktion. (Winterhude, 8.9.)

„Ich möchte wissen, wieso unsere Eltern immer so langweilig sind.“ Oscar Wilde

Bruder Regen, Schwester Schnee.

Hesse übers Angeln, über Fische in „Unterm Rad“: „Hans achtete allmählich weniger streng auf die Angel. Er war ein wenig müde, und sowieso pflegt man gegen Mittag fast nichts zu fangen. Die Weißfische, auch die ältesten und größten, kommen um diese Zeit nach oben, um sich zu sonnen. Sie schwimmen träumerisch in großen dunklen Zügen flußaufwärts, dicht an der Oberfläche, erschrecken zuweilen plötzlich ohne sichtbare Ursache und gehen in diesen Stunden an keine Angel.“

Ein Glas Tränen

Trink dein Glas Tränen, und
Sommerwolken spiegeln sich.
Ein Wasser fließt, ein Wasser

durchfließt alle deine Jahre.
Grün sind See und Seele.
Also keine Angst um sie,

Sommerwolken, gespiegelt
im Fluss, vom Wasser im Fluss.
Trink es ganz aus, dein Glas Tränen.

Zum Tag des inhaftierten Schriftstellers 2018


Oleg Sentsov

Der ukrainische Schriftsteller und Filmemacher Oleg Sentsov wurde wegen angeblichem Terrorismus in einem unfairen Prozess von einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Sentsov sagte dabei aus, dass ihm Folter angedroht worden sei. Derzeit befindet er sich in einer sibirischen Strafkolonie für Schwerkriminelle in Labytnangi, tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat auf der Krim. Zuletzt verbrachte er 145 Tage im Hungerstreik und forderte die Freilassung aller in Russland inhaftierten ukrainischen Häftlinge aus politisch motivierten Gründen. Er beendete seinen Streik am 6. Oktober 2018, da er befürchtete, zwangsernährt zu werden. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Sentsov den mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Menschenrechtspreis erhält. Die Preisverleihung ist am 12. Dezember in Straßburg geplant, doch dass Russland den Autor dazu ausreisen lässt, ist unwahrscheinlich.
Sentsov wurde im Mai 2014 von den russischen Sicherheitsdiensten auf der Krim festgenommen. Seinen Aussagen zufolge wurde er drei Stunden lang körperlich misshandelt, geschlagen und sexuell missbraucht. Er wurde nach Russland gebracht, wo er über ein Jahr in Untersuchungshaft verbringen musste. Im August 2015 wurde er nach einem äußerst unfairen Verfahren vor einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde ein Antrag auf Auslieferung in die Ukraine mit der Begründung verweigert, dass er nach der Besetzung und Annexion der Krim durch Russland zu einem russischen Staatsbürger geworden sei.
Der internationale PEN geht davon aus, dass Oleg Sentsov für seinen Widerstand gegen die russische Annexion der Krim inhaftiert wurde, und fordert die russischen Behörden auf, den Autor und Filmemacher unverzüglich freizulassen, seine Menschenrechte, einschließlich des Verbots von Folter und anderen Misshandlungen, und sein Recht auf ärztliche Behandlung zu respektieren.

Cello und Biene

Im Speisewagen redet ein bärtiger Silberrücken auf seine Frau ein, gestikulierend, mit den angelernten, abgeguckten, immergleichen, leeren, auf ihn selbst zurückweisenden Gesten. Sie tut das Beste, was sie tun kann, sie schweigt. Sie bezahlt. Er doziert. Er weiß alles, und weiß alles besser. Er weiß, sein Gesicht sagt es tonlos, dass er auf dem Holzweg ist und auch sie verlieren wird wie seine Mama. Schon tut ihm alles leid. Armer Idiot.

The Sea and Cake – The Fawn

Einer kommt dir zu nah, fast kannst du ihn riechen, die Empörung wächst, du übst dich schon still im Zurückweisen, da blickst du ihm endlich offen und frei ins Gesicht – und erkennst die freundliche Arglosigkeit. (22.8.)

Wie traurig das Kind auf einmal sein kann.

Du stößt den Fensterladen auf, und aus der augenblickslang noch dunklen Nische zwischen Fensterrahmen und hellem Tag stürzt ein Nachtfalter hinaus unter einen rettenden Busch. (Berlin-Schöneberg, 23.8.)

Die Wespe stößt die Biene in den Honigtopf, aus dem ich das Opfer rette. Die Biene scheint auf Anhieb zu wissen, wie wenig Zeit ihr bleibt, um den Angriff zu überleben: Ihre Hinterbeine sind honigverklebt wie ihre Flügel. Das ist die ihr vorgegebene Reihenfolge der Säuberung, ehe die Wespen sie entdecken oder die Straßencafébedienung sie wegwischt.

„Überall die kranken Lagerhallen am Start, boy“, sagt im Zug der über und überall tätowierte Jüngling zu seinem „Bro“. Einen winzigen schwarzen Chihuahua haben die beiden Rosenheimer Jungs dabei, ihre „süße kleine Fledermaus“. (Erfurt, 26.8.)

Autos gibt es wie Sand am Meer.

Drei offenbar noch junge Elstern machen sich über den Kadaver eines Vogels her – einer Elster? Innenhofmassaker.

Das Fallobst unter den Apfelbäumen bildet den Umriss der Baumkronen nach. Das Fallobst ist die Erinnerung der Obstbäume.

Mit einem Mal – nein seit Tagen immer deutlicher – unbändige Lust, Proust zu lesen. Der ich widerstehe!

Schlagzeile: IST ES MÖGLICH, DASS ES UNSER UNIVERSUM GAR NICHT GIBT?

Die Ähnlichkeit eines Cellos mit einer Biene.

Der Gebrauchtwagenhändler, der um den zu Verkauf stehenden Wagen herumgeht und mit den Fersen seiner Absätze (den Versen seiner Absätze?) kräftig gegen jeden der vier Reifen tritt – ein zweckloses Unterfangen (zwecklos wie alle Kunst, sagt Oscar Wilde zwecklos). US-amerikanischer Ausdruck für Großtuer und Nichtsnutze: tire-kicker.

Neue Tiefe

Wie die Bäuerin es vorhergesagt hat – Erfahrung, Überlieferung –, dauert der Todeskampf der Hornissen nach der Ausräucherung ihres Nests exakt 24 Stunden. Unten im sonnenbeschienenen Gras stand der Mann mit der Teleskopstange, an dem die Spraydose voll Gift befestigt war, etwa drei Minuten lang, hielt sich fest an der Leiter, betätigte den Spraymechanismus, die Wolke drang in den Bau, die Tiere verstanden die Welt nicht mehr. Wir hören den Zorn, die Empörung, den Stress, die Todesangst, das Sterben, die Rettungsversuche. Im Gesicht der Bäuerin der Widerstreit von weltgewandter Moral und lokalem, tradiertem Pragmatismus – gegen den kein Kraut gewachsen ist.

Eine Stunde lang mit einem Pferd im Kreis gegangen.

Über den Nachthimmel zieht ein Satellit, milchweiß, voller Botschaft und zugleich lautlos.

Dein Sohn, 22 geworden, spricht zum ersten Mal furchtsam vom Alter. (15. August)

The Sea and Cake – The Moonlight Butterfly

Name einer neuen, leider unmöglich gemachten, poetischen Bewegung: Neue Tiefe.

Mein Pferd hat Nasenbluten.

Vor dem Bett des Kindes ein Sandhaufen. In seinen Schuhen Dünen. Wie läuft das Kind damit, seit Tagen, Wochen?

Die Erinnerungen der Mutter sind nicht maßgebend, nur ein Teil sind sie deiner (und ihrer) Verwirklichung. Zeugin ist die Mutter, aber nicht Kronzeuge, denn der bist du allein, keiner sonst. (Burg auf Fehmarn, 17.8.)

Die weiche Wasserverdrängung der fetten Kinder.

Neunundzwanzig Gänse

„Drei Mal diesen Sommer sind mir die Tagetes verbrannt“, sagt die Bäuerin.

Von früh bis spät hört man das Knispeln der Hornissen in der Wand, wo die Großwespen die Holzbalken abnagen. Jede halbe Minute fliegt eine, das Maul voller Holzbrei, davon und kommt eine andere herzu, um die Fracht für den Nestbau neu aufzunehmen. Das Haus wird abgetragen, wird in ein Hornissenhaus verwandelt und an anderer Stelle – wo? – wiedererrichtet. (Hinrichsdorf auf Fehmarn, 11.8.)

Jede Ordnung ist Illusion – auch diese, dieser Satz.

29 Gänse. Bei Böen spreizen sie alle simultan die Schwingen und rennen in dieselbe Richtung, um aufzusteigen und davonzufliegen – aber sind schon längst zu schwer. Das Fliegen aber ist in ihnen, nicht mal als Erinnerung zwar, und dennoch. Fliegen sie in ihrer Vorstellung? Mit dir und dem Lieben muss es ganz ähnlich sein. Wie viele Jahre und Jahre warst du zu schwer, obwohl du leicht warst wie eine Feder. Du warst zu bekümmert, um noch zu lieben.

„Und zwischen zwei Blicken die Kluft, die so tief ist / daß selbst ein Lächeln sie nicht überbrücken kann / Oder eine Träne“ Christian Saalberg

Beirut – The Rip Tide

Zugleich machtvoll und friedvoll: Rauschen der Bäume.

Über einen Hund (am Bojendorfer Strand), der dich an einen Fuchs erinnert, sagt das Kind: „Er sieht aus wie ein Fuchs, der sich als Hund verkleidet hat.“

Johannisbeeren

Am Ende der Wiese, bei der kleinen Wasserstation,
stehen Männer im Blaumann, frühmorgens schon.
Sie haben einen Auftrag, wie Bauarbeiter immer.

Ein leichter Holzkohlegeruch weht in dein Zimmer.
Du stehst am Fenster, blickst verwundert hinaus.
Vor der Weite der Felder das letzte ist euer Haus …

So kannst du gut sehen, dass dort noch einer steht.
Er ist groß und trägt Schwarz, hat so ein Atemgerät
am Gürtel, aus dem Wasserdampf steigt, hat Flügel,

drei Paar, sechs dunkle Schwingen, fast wie Bügel,
die zittern und kurz schlagen, sobald jemand spricht.
Welches Gesicht er dabei macht, erkennt man nicht.

Da sind in den überall roten Johannisbeerbüschen
Kinder, die Fangen spielen, nur ständig entwischen.
Keiner fängt jemanden, und niemand wird gefangen.

Schon kommen sie gekrochen, die kleinen Schlangen.
Und die Bauarbeiter lachen hell am Ende der Wiese,
weil jede schwierigere Aufgabe sein sollte wie diese.

Einer isst von den Beeren. Er wirft den anderen zu.
Gleich folgt die Pointe, die gute Moral. Meinst du?
Nichts da. Die am Leben sind – alle Gespenster –,

müssen warten, wie du, versteckt dort am Fenster.
Sie graben die Büsche aus, sie löschen alles Rot.
Und aus dem Gras zu dir hinauf blinzelt der Tod.

Das verlassene Hippodrom von Oraison

Die Regentropfen, die „Tropfen des Regens“, wie Volker Sielaff schreibt, nicht selten blüten-, faustgroß beinahe. Und stets kommt ein Regenvorbote und stürzt vom Himmel – ein Miniaturregen, wenige hundert Tropfen, Tropfen des Regens, des Bewegens, ein Regen, der (und das) da die Montagne herab seewärts rollt. (4.8.)

Die Libelle über dem See, schwirrt herab zur Wasseroberfläche und trinkt tunkend, das Glitzern punktierend, ein Ball mit vier Flügeln. Abflug. L’envol. Im hohen Bogen davon, aufgetankt. (Les Vannades, 5.8.)

Arcade Fire – Neon Bible

In der Hochsommerhitze das verlassene Hippodrom von Oraison am Ufer des Durance-Kanals, des „elektrischen Flusses“, wie das Kind sagt, weil es von den Turbinen hat reden hören. Das Gras in dem Oval ist ausgeblichen, fast hüfthoch. Unsichtbares Publikum auf den niedrigen Tribünen, unsichtbare Jockeys auf unsichtbaren Pferden, die hinunter zum Kanal schreiten, so unsichtbar wie seit tausenden Jahren die Zentauren. Am Kanal saufen die Tiere noch einmal aus ihren unsichtbaren Gesichtern, ehe das Spektakel der Phantome von Oraison beginnt.

Hornissensommer

Dem Leichenzug voran fährt der schwarze, mit Blumen beschmückte Wagen, in dem der Sarg steht mit seinem Toten. Ihm folgen zu Fuß die Angehörigen, die Freunde, die Bekannten und Verwandten, dann, in den Autos, die im Schritttempo hinterdreinrollen, die Feinde, die Opfer. Zuletzt die Geliebten. Ihrer aller Ziel liegt am früheren Dorfrand, heute mitten im Dorf, und hat die höchste Mauer. Der Glöckner hat an diesem Morgen alle Hände voll zu tun und löst sich auf in Klänge, die über den Ort schallen.

„Wanna give me a hug?“ – „Yes. A hug with knives.“

Der Geistliche geht durch die Altstadt und trägt Soutane und Strohhut.

Beirut – Lon Gisland
Beirut – Gulag Orkestar

Am Lac d’Esparron bei 42 Grad Augusthitze: Eine junge Frau zeigt einem Freund ihre Hände, die braun sind, an manchen Stellen aber ganz weiß – „ç’bizarre, ’on?“

Nicht eine einzige Wespe diesen Sommer im hellsten Licht auf der Terrasse. Im Feigenbaum tun sich dafür dutzende Hornissen an den Früchten gütlich und vertreiben alle Insekten. „Chabriasses“ nennen die Leute sie im Durance-Tal. (3.8.)

Dem Gewitter voran geht der Wind, der mit einem Mal auffrischt und Stufen auf der Beaufort-Skala für lachhaft versimplifizierend erklärt. Man meint sie sehen zu können, die Böen, die durch das Durance-Tal fegen. Durch sie hindurch zucken die Blitze, fast alle lotrecht, nur selten verästelt, schräg, nervöse Blitze. Der Donner dumpf, uralt, als wäre er seit je derselbe, ja als gäbe es gar keinen anderen.

Linie

Bis die Unwirklichkeit aufhört, bleiben
Uhren, Flaschen, Scheinwerferpaare
unbestimmt und ihre Namen vorläufig.

Während seltsames Licht auf einer nur
deshalb sichtbaren Linie von Fenster
zu Fenster das Zimmer durchmisst

und der warme Wind vorm Haus,
um das Haus und über dem Haus
nicht mehr nachzulassen scheint,

nimmt mein schmales Reservoir
an Atemzügen, an Worten und
erst Küssen fortwährend ab.

Ich hab nur zwei Augen, nicht
vierundzwanzig, und die beiden
sind keine Brandschiffe, sondern

hoffentlich Fähren, leuchtend
fahren sie hin und her
durch das Schwarz.

Einer geht auf der Straße
bis zum Ende, einer tritt vors Haus,
und weiter weg reden zwei und lachen.

Während der Sommerwind laut, ja
lauthals weiter und weiter liest
in der unaufhaltsamen Dunkelheit.

Selfie mit Blässhhn

Deine Augen büßen täglich an Schärfe ein. Wenn du „Blässhuhn“ schreiben willst und glaubst, „Blässhuhn“ geschrieben zu haben, liest du neunmal darüber hinweg und liest immer „Blässhuhn“, erst beim zehnten, elften Mal fällt dir auf, dass da „Blässhhn“ steht.

Was heißt das für die Welt? Was, wenn vor deinen Augen ein Blässhuhn vorbeischwimmt? Erkennst du den Vogel, siehst du ihn weniger, fehlt ihm ein Stück? „Da, ein Tier. Was ist das für eins?“ – „Ist das nicht ein Blässhuhn?“ – „Ein was?“ – „Ein Blässhuhn.“ – „Weil es verblasst?“

Während die Autos vorüberrasen, geht eine Alte am Arm ihrer Tochter – oder Enkelin? – so langsam wie der Atem des Sommers über den Parkplatz der Autobahnraststätte. (Bei Grenoble, 29.7.)

„Je veux du chantilly, je veux du chantilly!“, schreit im Supermarkt das Kind, unaufhörlich. „Ich will Schlagsahne, ich will Schlagsahne!“

„Die Ameisen waren schon immer da“, sagt mein Herz.

Mit bloßen Händen fängt das russische Mädchen ein Blässhuhn – für ein Selfie mit Blässhuhn.

Wie der Oleander, der von früh bis spät in der Hitze am Rand des bekieselten Parkplatzes steht – und der dabei rosig bis tief rot blüht –, so musst du versuchen, das Leben zu meistern. Die Unbilden durchblühen. (Volx, 1.8.)

Schlafende Mitbewohner

Im Treppenhaus ein roter, klebriger Fleck auf dem Linoleum, und ich sage zu dem Kind: „Guck, da ist eine Marmelade gestorben.“ Das Kind hält inne, besieht sich lange den Fleck und findet kaum heraus aus seiner Verwunderung. Erst ein Stockwerk tiefer lachen wir, boxen und boxen uns.

Die Mitbewohner sind zurück, nach dreißig Jahren Schlaf.

Es hält nicht, nicht einmal das, was es verspricht, das morsche Gebälk der Erinnerung.

Depeche Mode – Ultra

„Dein Hemd hat dasselbe Muster, dasselbe Hellblau wie der Grund meines Lieblingsschwimmbades.“ (22.7.)

An einem der heißesten Tage des Sommers am Nachmittag im Kino, um noch einmal – zum letzten Mal – „2001 – A Space Odyssey“ zu sehen. 25 Leute in dem raumschiffartigen Saal. Hinter mir ein alter Kerl vom Planeten Schnarch Alpha keucht und keucht und schläft ein. Nach drei Stunden müder Applaus. Ich hatte längere, aufwühlendere Diskussionen mit dem rebellischen Bordcomputer HAL in Erinnerung. Unverändert bombastisch, unpassend und geschmacklos die Musik von Strauß und Strauss. (27.7.)

Nachtigallen-Petition vor dem Roten Rathaus übergeben!

In der kleinen Nische der Reinigung und Änderungsschneiderei des Supermarktneubaus hat der persische Schneider eine Decke unter die elektrische Kleiderbügelstange voller daran aufgehängter Hemden, Mäntel und Hosen gebreitet und schläft dort, im kühlen Schatten auf dem weißen Kachelfußboden.

Brinkmann in Westerstede

Den Opel eines Mitschülers hatte er
in Ocholt gegen einen Poller gesetzt,
keinen Muckser mehr tat der Rekord,
und ein Dichter kannte sich nicht gut
mit Autos aus, so wenig wie in Ocholt,
aber am Bahnhof sah er, die Schmal-
spurbahn fuhr zu der Stadt, wo Hardy
Frerichs wohnte, Westerstede, Brink-
mann war dort die ganzen Jahre nie
gewesen, jetzt sah er auch, weshalb,
die Gleise, die Lok, die Waggons, so
grotesk, am besten wegrennen, weg,
aber das hätte Hardys Kutsche kaum
heilgemacht, außerdem hatte er Kohl-
dampf, zuletzt ja am Morgen in Vechta
ein Schinkenbrot auf die Hand gehabt,
er dachte an die Küche, das Licht und
den Güllegeruch seiner Jugend, Gülle
for ever, o Jesus, zum Glück bald over
and out, er würde Essener sein, dachte
Rolf Dieter Brinkmann, als der lachhafte
Zug ihn durch Westerstede gondelte und
er dieselben stillen Straßen an dem Sonn-
tagmittag sah und dieselben paar people
wie im Schweinezüchterparadies Vechta.
Standen im Nieseln da und sahen ihn an.
Gespenst aus dem Dampf enger Träume.

Rebellion gegen die Würdelosigkeit

Immer mehr meiner Artgenossen und Mitmenschen gleichen Indianern: tätowierten, trunkenen und traurigen Schoschonen oder Komantschen, denen alles geraubt wurde, die dir im Handumdrehen den Skalp rasieren und die verzweifeln an ihrer resignierten Rebellion gegen die Würdelosigkeit. (Essen, 15.7.)

In einer Wolke aus Insekten gegessen. Alle scheinen sie in den Aachener Hitzesommer abgewandert zu sein. Kein Regen seit drei Wochen. (Aachen, 15.7.)

In jedem Garten, an den ich mich erinnere, wuchsen Johannisbeersträucher. Es muss eine Verbindung geben zwischen Erinnerungen und Johannisbeeren.

Gläser gibt es, die sind erst wirklich (auf der Welt), wenn du sie nicht oder nur um ein Haar hast fallen lassen. Dann hältst du sie in der Hand, und sie erwachen. Gewinnt ihre Wirklichkeit Gestalt.

„Grausamer als der April ist die Natter der Zeit.“ Thomas Wolfe

Der Goldstuhl

Wie eine Hand mit acht Fingern
sitzt die Spinne an der Zimmerdecke,
reglos, kopfunter, mit lachendem Scheitel.

Das Kind steigt auf seinen Goldstuhl,
es greift sie, steckt sie sich in die Tasche
und läuft damit in den Garten, den Regen.
Dort erfindet es mit der Spinne Spiele.

Warum hat es so gar keine Angst?
Doch, sagt das Kind, schreckliche.
Ich habe Angst vor nichts, das es gibt,
bloß Angst vor allem, das unsichtbar ist,

dem Wind, dem Herzen und den Gedanken.

Eine Zumutung

„Ein voller Geschmack vom Ende geht dem Gedicht voran. Anfang.“ Jannis Ritsos

Die Supermarkthilfe weiß nicht, was Popcorn ist. „Poppkorn?“ Jemand sagt: „Kino, Essen.“ Da nickt sie, und ihr Gesicht hellt sich auf. (7.7.)

Ich bin eine Zumutung, und ich will auch eine sein. Das ist mein Posten: eine Zumutung.

Die Morgengeräusche im Viertel, Tag für Tag neu, als würde der Tag in dieser nicht blauen, in einer Blaumann-Stunde fertiggestellt, zu Wasser gelassen, als würde in der Frühe die Takelung des Tages aufgezogen und geprüft werden, ob es losgehen kann. (12. Juli)

Sei Baum. Freu dir einen Ast.

Gefühlte Weite

Zum letzten Mal
die Zähne abgetastet
mit deiner Zunge,

das letzte Mal
bestaunt den Baum,
der die Straße baut,

zuletzt noch einmal
die Küste besucht,
Küsse im Dunkeln.

Zur Erinnerung an Günter Herburger

Eine Schwalbensilhouette

„Ich träume nicht so viel, wenn ich die Augen zuhabe“, sagt das Kind. „Am meisten träume ich, wenn ich die Augen aufhabe und rumlaufe.“ (30.6.)

„Ja: Es ist eine Zeit, in der so viel möglich war wie vielleicht noch nie, im Bösen und im Guten, und vor allem im Unerhörten; geheimnisvolle Zeit, in der jetzt etwa lang vor dem Morgen der Tauregen aus einem Baum klatscht.“ Peter Handke, „Kali“

„Urban Sketching“, heißt es, sei zurzeit schwer angesagt. Man strichele, mit Bleistift, auf Papier, was man im Alltagsleben, im Freien, so sehe. Alles sei möglich. – Ich wusste es immer: Die Wende kommt, es ist nur eine Frage der Zeit. Bald zertrümmern wir unsere Smartphones. Oder lassen sie einfach irgendwo liegen, wie eine durchlöcherte Mütze, die zu nichts mehr taugt.

„Wenn ein Tier stirbt, kann keiner das reparieren“, sagt das Kind. „Und genauso kaputt ist ein Herz.“

Die in die Lesung einführende Universitätsprofessorin spricht über die Kunst des lückenhaften Erzählens in Daniel Kehlmanns Eulenspiegelroman „Tyll“. Eine Lesung im Freien, im Garten des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin. Linder Abend. Tiefstehende Sonne. Der herrliche Wind mit seinem glücklichen Rasseln in den Uferbäumen. Die Professorin setzt alles daran, dem Buch, das vor ihr auf dem Lesepult liegt, ihr Wissen zu entlocken, magierinnenartig wischt und zieht und zaubert ihre Hand darüber hin, und tatsächlich: Im Gegenlicht deutlich zu erkennen als Schatten, wischt eine Schwalbensilhouette aus den Seiten, entwischt dem Roman und entkommt über den See. (Berlin-Wannsee, 5.7.)