Das Gras

Unmöglich in Orplid

Wie kommt es, dass du an Tagen,
wenn Zeit ist, weiterzuschreiben
an dem Roman um ein im Schnee
versinkendes Schiff voller Leuten,
Auswanderern, stattdessen lange
gedankenversunken hinausblickst
in den Hof auf Nieselregen, das
Grau, und dich dann unvermittelt
an den Tisch setzt, loszulegen,
halsbrecherisch, mit Gedichten
wie diesem? Wovor flieht einer
wie du? Was gäbst du hin, noch
immer den Uhrzeigersinn für eine

Stunde wirklicher Ergriffenheit?

Ich weiß gut, ich lebe ja nicht
in Orplid, nur … unter Schloten,
in den Einkaufsmalls, Schrott-
vororten, bei den Glücksvisagen
der Behämmerten, im ganzen Ruin
lebe ich ebenso wenig, deswegen
entschiede ich mich, stünde es
zur Wahl, fürs Wundersame, die
Beschwörung, Märchen, Magie.
Ich sprenge es, jage es in die Luft,
das Unmögliche. Vergesse Sparta,
Berlin, Moskau und New York, bin
Unmöglicher, ich wohne in Orplid.

Das Sternentheater

Elster, kraxelt die Hauswand empor, krabbelt unter den Fenstersimsen entlang, pflückt sich die Spinnen, hüpft weiter, sammelt das Moos und die Würmer darunter aus den Ritzen. (Barmbek, 15.11.)

An diesem Abend Mitte November vor 43 Jahren kam ich als Junge, nein Bub (wir sagten Bua) in Hamburg an. Ich sehe noch das dunkle Haus vor mir (es steht noch), die Garage, in der mich zwei oder drei Jahre später, ich war 13, mein Vater, angefeuert von meiner Mutter, mit der Hundeleine verprügelte, die Hosen von meinem Hintern zerrte, bis ich nackt war und er drauflos drosch, während meine Mutter in der Tür stand, im Neonlicht der Garagenbeleuchtung, und hasserfüllt und bestätigt zusah – solange bis Nachbarn draußen vor dem geschlossenen Tor sich des Lärms wegen beschwerten. Es gibt Erinnerungen tief wie Furchen, andere seichter, wie Kerben, noch seichter, wie Kratzer, Einritzungen, beinahe lesbar, scheinbar zu entziffern.

OMD – Crush

Das Sternentheater!

Erster Schnee, leichtes Treiben bei bitterer Kälte. Als wäre dem Sommerjahr die Luft ausgegangen. (21.11.)

Das Kind im Krankenhaus. Das Kind muss operiert werden. Sofort fängst du an, aufzuräumen.

Mit einem Mal leuchtet das Haus im Innenhof strahlend gelb auf an diesem so grauen und trüben Nachmittag am Ende der Welt, oder beinahe am Ende – denn die Sonne ist ja noch da. Welches Glück, eine Frau zu haben, die ähnlich der Sonne ist, die dir Sonne ist.

„Komm großer Wind, wehe“ wollte Christian Saalberg seinen nächsten Gedichtband nennen, zu dem es aber nicht mehr kam. Die Pracht dieses Wörtchens „wehe“ in seiner Doppeldeutigkeit!

Ich erinnere mich an das Auto des Freundes, meine aber, die Farbe des Wagens sei heller gewesen, sehr viel heller. Es habe, sagt der Freund, wahrscheinlich Schnee gelegen, als ich zuletzt bei ihm gewesen sei. Können wir fahren? Wir fahren.

Drache, Mars und Herkules

Das Kind versucht mit den Fingern, indem es über die Buchseite streift, die Seite großzuzoomen, vergebens, und ich warte vor dem Display des Geldautomaten darauf, dass meine What’sApp-Nachrichten erscheinen, vergebens. (27.10.)

Drei von Rankenpflanzen überwucherte Fahrradwracks, angekettet, halb zerrissen und ausgeschlachtet, im Nieselregen. Sie heißen Drache, Mars und Herkules.

Slogan, Verächtlichkeit der Slogans: „Be real, be true, be you!“

Das Kind – das immer älter gewordene – sieht nicht ein, weshalb Theodor Fontane sich nicht vergleichen lassen soll mit Bret Easton Ellis. Es geht um Langeweile. Es geht darum, etwas auszusprechen oder etwas unausgesprochen zu lassen. Es geht um Verstörung, um Verstörtheiten.

Hannover heißt nicht länger Hannover. Hannover heißt jetzt H’over.

Am Hauptbahnhof sang und schrie – „aus Leibeskräften?“ Ja. – monatelang letztes Jahr eine Rolltreppe. Die Leute blieben stehen, verwundert von dem so musikalisch oder beinahe menschlich anmutenden Lärm, lächelten, ahmten Instrumente nach, zogen jammervolle Grimassen. Die Rolltreppe wurde schließlich repariert – zum Schweigen gebracht. Nun aber kreischt und rumort sie von neuem. Man wird die nicht zum Schweigen zu bringende Treppe ausbauen und wegschaffen müssen. (St. Georg, 30.10.)

Kings of Convenience – Riot on an empty street

„Laterne, Laterne, Laterne“, singt das Kind, „Sonne und Mondsterne!“

Leben und Schlafen, Lieben. Lieben und Bei-dir-Bleiben. Bleiben nur bei ihr, die dich dir ersetzen kann. Nirgends sonst als bei ihr, als bei ihr zu Haus. Das flüchtige Wohnen. (Arolsen, 2.11.)

Die einzigen Vergnügungsdampfer

Das Sterben der Lyrikverlage setzt sich fort und wird mit einem Mal bitter deutlich. Ist das die Grenze des Poetischen? Nein. Wie auch, wenn der Zweck eines Großteils der so genannten Gedichte die Herabwürdigung jeder Form von Poesie ist?

Am Tiergarten verschwindet hinter einem Anbau ein Wandbild, das ich kenne, seit ich gezwungen bin, nach Berlin zu fahren. Das Bild stellt(e) einen lebensgroßen Baum dar, gemalt auf eine Wand, die teils zerbrochen war und hinter der andere – vorgestellte? – Wirklichkeitsschichten sichtbar wurden. (Berlin-Tiergarten, 20.10.)

Durchsage der Deutschen Bahn: „Sehr geehrte Damen und Herren, leider ist unser Zug verkehrtherum gereist, wir bitten dies zu entschuldigen.“

Plötzlich hältst du am Küchentisch des Freundes eine Postkarte von Truman Capote in der Hand.

Arcade Fire – The Suburbs

Durch den dicksten Schwamm hindurch zu spüren: die angebrannten Inseln auf dem Grund des Kochtopfs – warum? (Physiker sind nicht gefragt.)

Unter der Ringstraßenbrücke – im Schatten an einem grauen, immer wieder regnerischen Tag – der Maler, der Malergeselle oder vielleicht junge Malermeister, bekleckst, beschmiert, wie eingekotet von einem Vogelschwarm, unter dessen Umherschwirren er stundenlang geschlafen hat. (Barmbek, 22.10.)

Sun Kil Moon – Universal Themes

„Only the rusty-sided freighters / go past the moon’s marketless craters / and the stars are the only ships of pleasure.“ Elizabeth Bishop

Auf Schriften

Auf dem Kombi des Plakatanklebers steht die Wahrheit: INFINITY. Sie klebt und klebt und klebt er an die Wände des Supermarktparkplatzes. (Burg auf Fehmarn, 15.10.)

In der Nacht, als du aufwachst, brennt nirgends ein Licht, in der grauen Ferne über den Feldern ein einziges Schwarz. Mach das Licht an, und es ist Leuchtfeuer. So stellte man Jahrhunderte lang eine brennende Kerze ins Fenster.

Beide Nachbarn tragen schwarze T-Shirts mit weißer Aufschrift. Der eine: „See you in Walhalla“, der andere: „Everything louder than everything else“.

„Here it all is – comprehensible, lovely, a sort of paradise. That this will be taken quite as swiftly as it has been given is difficult to remember.“ John Cheever

Nach zwei Jahren die Lektüre von John Cheevers Tagebuchauszügen beendet – und glücklich darüber, dass er am Schluss der Einträge zwar schwer krebskrank ist, doch lebt: „Ich reiße mir die Kleider vom Leib, lasse sie in einem Haufen auf dem Boden liegen, mache das Licht aus und falle ins Bett.“ Cheever starb wenige Tage später, am 18. Juni 1982, für mich aber lebt er noch heute und begleitet mich durch mein Leben. Großes Glück Johnny Cheever.

Zum ersten Mal seit an die zwanzig Jahren Blumenkohl gegessen, unter Tränen, wie als Kind, nein wieder als Kind.

Das Kind weint einem Stein nach, den es ins Meer geworfen hat, bevor ihm einfiel, dass er dadurch für immer verloren ist. „Er war rosa“, sagt das Kind, „und karamellbunt. Aber seine echten Farben konnte man nicht sehen. Aber ich habe sie gesehen.“

Das Pferd frisst die auf dem Erdboden liegenden, schon roten Ahornblätter. Wie erstaunt es ist, als ich ihm noch immer grüne reiche!

Riesenbubi wird leider zerquetscht. An der Supermarktkasse drängt sich ein junger Typ mit leuchtend blauen Turnschuhen in der Schlange vor und glotzt mich herausfordernd an, ob Widerspruch von mir zu erwarten ist. Ich lächle freundlich, und das verstört ihn, er tappt verstört voran, zahlt niedergeschlagen, verschwindet wie ein Schatten im Licht, und draußen höre ich schon den Schulbus, der ihn gleich überfahren wird. (Burg, 17.10.)

Vor 31 Jahren habe ich mir an diesem Oktobertag meinen schwarzen Alfa Romeo gekauft, Baujahr 1978, eine schrottreife Giulietta, die ich „Satan“ nannte, die ich drei Jahre lang Stück für Stück restaurieren ließ und die ich meiner Stiefschwester lieh, während ich in die Ferien reiste. Einen Schrotthaufen erhielt ich seinerzeit zurück, Ramona aber bliebt unverletzt bei dem Unfall auf der Harburger Brücke, beinahe so unverletzt wie ich.

In den Windböen segelt die Gartenhängematte. Sie will weg.

Die Finken in den Heckenknickbüschen am Ufer des Fehmarnsunds bei Staberhuk, grün, flink, flatternd, tschilpende, umherschwirrende Blätter.

Der parfümierte, stets ganz in Schwarz gekleidete Junge, der von morgens bis abends in sich gekehrt durch den Garten streift. Er könnte ein Dichter sein. Nur liest er nicht, nicht in Büchern jedenfalls. Aber Dichter müssen auch nicht in Büchern lesen. Hauptsache, sie lesen irgendetwas! Bäume zum Beispiel. Oder das Gras.

Die Tippelschritte

Die Tippelschritte der Alten, die ohne Rollator oder Gehhilfe unterwegs sind, voller Vorsicht, voller Zuversicht, voller Vorahnung. (Barmbek, 8.10.18)

Nach zwölf Jahren versuche ich, Notizen und Abkürzungen zu einem seinerzeit aufgegebenen, nein auf Eis gelegten Roman wiederzuentziffern: „AK 464“? – Anna Karenina, S. 464! Ich lese bei Tolstoi nach und finde die berückende, die überbrückende Beschreibung eines alten Gutsbesitzers und Verfechters der Leibeigenschaft.

Auf dem Schreibtisch hat das Kind eine Sammlung von Postkarten mit Motiven von Raoul Dufy liegen.

Nach dem trubeligen Jahrmarkt mit unsichtbaren Karussells in den Messehallen, nach den unzähligen Besuchern in deinem Gesicht, den besuchten Gesichtern, den eingedampften Gesprächen, den Entmutigungen, Enttäuschungen, Erwiderungen auf so viel Gleichgültigkeit – gehen wir in den Park, bestaunen die Vögel und das Wasser und spazieren an den gelben Mauern hin durch die Sonne. Unter einer Trauerbuche liegt auf einer eisernen Bank ein Mann und weint. (Frankfurt am Main, 12.10.18)

„Jetzt aber schwang das wilde Gestöber zwischen den Bergen seine Windpeitschen, die mich trafen, wo ich stand und zusah. Angesichts ihrer Gewalt konnte ich mich bald kaum noch auf den Beinen halten. Und auf dem Wind segelten feinste Disteldaunen aus Schnee, bloße Gazefädchen. Substanzlos wie Luft, nahm ihre Zerbrechlichkeit eine Schwere und Festigkeit des Schnees vorweg, die viele Wochen lang auf dem Land liegen würde.“ Nan Shepherd

„Ich habe geträumt, ich bin ein Pferd“, sagt das Kind.

The Cure – Disintegration

Landgang, der fünfzehnte und letzte

Im Prinzenpalais bleibe ich stehen – ja, wie angewurzelt – vor den berückenden Gemälden des Butjadingers Georg Müller vom Siel, der genau hundert Jahre vor mir zur Welt kam und in Oldenburg aufwuchs. Müller benannte sich nach dem Örtchen Hohensiel und reiste schon als junger Mann nach Amerika und quer durch Europa. Er erlernte sein Handwerk in München, Antwerpen, Berlin. In Paris wurde er Hofmaler von Großherzog Peter II. von Oldenburg. Doch der vielbewunderte junge Landschaftsmaler litt an Niedergeschlagenheit und Halluzinationen. Er glaubte, ein Rennpferd zu sein. „In Paris konsultierte er den berühmten Nervenspezialisten Jolly“, erinnert sich ein Freund. „Schon damals war es ihm, als hätte er Lokomotiven im Ohr.“
Was mich sofort anspricht an den Gemälden Müllers, sind die scharfen Konturen, die Bäume und Wälder, die Gehöfte und Mühlen vor dem Licht über der Weite.
Aber auch die Motivwahl ist eine besondere, die Bescheidenheit, die seltsam ortsgebundene Phantasie. Immer wieder malt Müller vom Siel die Hunte, ja er ist vielleicht der eigentliche Maler der Hunte, wie sie vor hundert Jahren war und wohl nie wieder sein wird.
Auf einer Wanderung durch die Wildeshauser Geest kommt der Anfang Dreißigjährige durch Dötlingen, ein abgelegenes Dorf auf halbem Weg zwischen Delmenhorst und Cloppenburg in von der Hunte durchflossenem Hügelland. Hier findet Müller das ländliche Licht und die Nähe zu dem ihm lieben Fluss, nach denen er gesucht hat, aber wohl ebenso die Stille und Muße, die sein strapaziertes Gemüt nötig haben. Das Bauerndorf Dötlingen wird durch Georg Müller vom Siel nach Worpswede und Dangast zur dritten überregional bekannten Künstlerkolonie im Norden.
Die letzten Jahre vor Ausbruch seiner Verwirrtheit wirkt Müller vom Siel in Dötlingen als Maler und Mallehrer vor allem von kunstinteressierten Frauen, denen nach kaiserlichem Gesetz verboten ist, an Kunstakademien zu studieren. Anna List, Anna Feldhusen, Marie Stumpe, Marie Stein-Ranke, Gertrud von Schimmelmann, Louise Droste-Roggemann, Emy Rogge und andere Malerinnen sowie zahlreiche Maler schließen sich der Künstlerkolonie an der Hunte unter Leitung von Georg Müller vom Siel an.
Für den Maler selbst aber gibt es keine Rettung. 1909, er ist Mitte 40, wird Müller vom Siel in die Nervenheilanstalt Wehnen bei Bad Zwischenahn eingeliefert, wo er für den Rest seines Lebens, bis 1939, lebt.
Er malt, tuscht, aquarelliert noch bis 1930, für bizarr und geisteskrank erklärte Zeichnungen von vermeintlich fiktiven Landschaften, scheinbar autobiografischen Begebenheiten und, schockierenderweise, sexuellen und fäkalen Erlebnissen. Penisse. Penisse in Dötlingen. Penisse in Oldenburg. Penisse in Bremen. Kothaufen. Die grenzenlose Erleichterung nach dem Beischlaf, der in Erfüllung gegangenen Liebe, „Koith“, nennt sie Müller vom Siel, was wie eine Neuschöpfung aus „Koitus“, „keusch“ und „Gott“ klingt. Seine Bilder verknüpfen innigstes Erfahren, Comicstrip-artige Verfahren, ein feines Schriftbild und komplexeste, nach wie vor tabuisierte Bereiche.
Die ganze Kraft und Schönheit seines Blicks kennzeichnet allerdings bereits seine Gemälde von den abgeschiedenen Wäldern über den Huntetälern – die nicht vergessen werden dürfen. Im Oldenburger Prinzenpalais öffnen die Gemälde von Georg Müller vom Siel die Räume, und die Weite kommt zum Vorschein.

Ich komme zum Ende, das heißt komme zurück zum Anfang. Denn wie stets ist das Ende nur ein neuer Anfang. Wir geben nicht auf. Wir fangen stattdessen von vorne an!

Es ist 42 Jahre her, seit mein Bruder und ich gemeinsam mit meiner Großmutter nach Oldenburg fuhren. Am Hunte-Ufer stand das Haus, in dem mein Großonkel wohnte, einen Garten hatte er, der zum Ufer des Flüsschens hinunterführte, groß und in meiner Erinnerung braun war das Haus, der Garten voller Gemüse- und Kräuterbeete, und am Ufer der Hunte, die unterhalb des Hauses gerade mal zehn Meter breit gewesen sein mag, stand ein Holzsteg, der war der Mittelpunkt unseres Oldenburger Sommernachmittags.
In der Stadt, in Oldenburg, habe ich seither bestimmt drei Dutzend Leute gefragt, wo dieses Haus, dieser Garten und dieser Steg gewesen sein könnten. Aber eine schlüssige Antwort habe ich nicht erhalten.
Erst durch meinen Landgang-Aufenthalt in Oldenburg wurde mir klar, dass dieser unvergessene Nachmittag von vor über vierzig Jahren vor den Toren der Stadt stattgefunden haben muss, dort nämlich, wo die Hunte noch ursprünglich anmutet, wo es noch eine Ahnung von der Weite gibt, die 1977 vielleicht noch eine wirkliche war.

Ich schließe mit einem Gedicht über den Hundsmühlener Hunteweg, der heute eine Siedlung ist wie zigtausende in Deutschland. Dort stand das Haus, das es nicht mehr gibt. Dort war der Garten, durch den wir liefen. Nur der Fluss, in den wir Jungs sprangen, ist noch immer derselbe.
Meine Großmutter sagte: „Kommt, los, fahren wir nach Oldenburg zu Kurt!“ Der war ihr ältester Bruder. Von ihm habe ich kaum etwas in Erinnerung behalten. Umso mehr aber davon, wie es war, gemeinsam mit meinem eigenen Bruder in der Hunte zu schwimmen.

Sommertag in Hundsmühlen

Schreiend liefen wir zum Fluss hinunter.
In meiner Erinnerung stößt der Rasen ans Ufer,
und da war ein Steg. Wir rannten
durch den Garten
auf die Planken und sprangen
aus der Sommerhitze in das kalte Wasser.
Es war braun. War stark und schnell.
Die Hunte griff uns um die Beine.
Ich weiß noch, meine Arme,
das Rudern, um am Steg zu bleiben.
Und er zog an mir, der Fluss drückte mich
weg, in das späte Sommerlicht hinein. Aber
schreiend lief ich wieder hinunter zur Hunte.
Und neben mir schneller rannte mein Bruder.
Da war das Gras. Und ich spüre es noch.
Der Fluss der Freund den Nachmittag.
Die Magnolien da. Ein Duft nach Majoran.
Immer wieder schwamm ich zu dem Steg zurück.
Und unsere Großmutter kam und saß mit uns im Gras.

Für Stephan Bonné

*

Abbildungen: Georg Müller vom Siel, Huntelandschaft bei Dötlingen, Öl auf Leinwand 1874 (1); Marie Stein-Ranke, Georg Müller vom Siel, Federzeichnung 1903 (2); Georg Müller vom Siel, Ohne Titel, Tusche auf Papier, ohne Jahr (3); Steg am Hunteweg (2019) (4); Juliette Aubert, Gegenlicht am Hunteweg (2019) (5)

Landgang, der vierzehnte

In der Mitte der Weite – die Weite ist hier das fast überall flache, immer flachere Oldenburger Land. Oldenburg aber, die alte Burg, Ollnborch ist die Mitte, das Zentrum, und man spürt das, sobald man in die Stadt kommt: Diese Stadt hat nicht nur ein Umland, sie hat ein Land.

Mit Oldenburg verbinde ich auch einen berühmten niederländischen Lyriker. In Glimmen bei Groningen lebte bis zu seinem Tod 2012 Rutger Hendrik van den Hoofdakker, der sich als Dichter Rutger Kopland nannte. Er war in seinem bürgerlichen Leben Psychiater und Schlafforscher, und er schrieb Gedichte mit einem ganz unverwechselbar ruhigen, sonoren Ton. Über seine holländische Heimatregion schrieb Kopland:

Sie haben mir erzählt, wer ich war
und wo sie mich gefunden hatten
das bist du, sagten sie, hier bist du.

Meine Herkunft ist zu rätselhaft
um sie zu beschreiben, zu selbstverständlich
für mehr Erklärungen als diese:
Ich bin, weil ich da bin.

Ich lese im Buch der Psalmen
und erinnere mich, wie schön Twente ist.

„Dank sei den Dingen“, eine Auswahl aus Rutger Koplands Gedichten, übersetzte ich gemeinsam mit meinem Dichterfreund Hendrik Rost. Dessen Frau ist Oldenburgerin, und als wir 2007 nach Glimmen fuhren, um ein Wochenende lang mit Rutger Kopland über unsere Übersetzungen zu diskutieren, machten wir Station in Oldenburg, gingen spazieren an der Hunte und sprachen über Koplands so eindringliche wie zurückhaltende Form von Gläubigkeit. Rutger Kopland sprach mit uns Englisch, bis seiner Frau am Mittagstisch einmal der Kragen platzte und sie zu ihrem Mann sagte: „Ruudi, jetzt sprich in Herrgotts Namen doch endlich Deutsch mit den Beiden!“
Oldenburg ist für mich seither auf sonderbare, auf poetische Weise mit Rutger Koplands Dichtung verbunden, ganz so, als stünde in dem Gedicht: „Ich lese im Buch der Psalmen / und erinnere mich, wie schön Oldenburg ist.“

Mittagsgottesdienst in der Oldenburger St. Lambertikirche, einer österlich weißen Rotunde unter ihrer erstaunlichen Kuppel. Ich lausche den lakonisch-freundlichen Worten des Pastors und bewundere immer wieder das ins Kirchenschiff, ins Kirchenrund herabhängende große violette Lichtkreuz. Neun Zuhörerinnen und Zuhörer. Der Pastor kann uns allen in die Augen blicken. Und wir ihm. In der Lambertikirche scheint der Glaube ein Licht zu sein.

Träfe zu, was der Autor des Erfolgsromans „Konzert ohne Dichter“ Klaus Modick einmal von sich behauptet hat – nicht ohne Selbstironie –, nämlich dass er in Oldenburg offenbar Goethe sei, wer, frage ich mich, wäre dann wohl nicht neben ihm, sondern tief unter ihm Lenz, wer wäre Kleist und wer Hölderlin? Wer wären alle die von dem selbstgefälligen Weimaraner Hofrat aus dem Weg gebissenen Karrierekontrahenten?
Ein Goethe zu sein, und sei es auch ein Goethe von Oldenburg, kann so verstanden niemand wollen. Klaus Modicks Roman „Konzert ohne Dichter“ hätte ich gern als einen lebendigen Roman über Heinrich Vogeler, Rainer Maria Rilke, Clara Westhoff und Paula Modersohn-Becker gelesen – würde darin die Geschichte des Worpsweder „Barkenhoff“ nicht auf Kosten Rilkes erzählt werden, dessen Dichtung und Lebensäthestik Modick unverständlich geblieben zu sein scheinen und den er zur Zielscheibe seines Spottes macht.

Früher stand in der Innenstadt das Geburtshaus des Philosophen, Psychologen und Pädagogen Johann Friedrich Herbart, eines Zeitgenossen Goethes. In den späten 1950er-Jahren hatte es der ersten Oldenburger Einkaufspassage zu weichen, und übrig blieb allein Herbarts Name, denn die Passage heißt bis heute Herbartgang. Klaus Modick beklagt in einem Aufsatz über seine Stadt zahlreiche architektonische „Maßnahmen“, ja schreibt von einem „städtebaulichen Massaker“. Den Namen „Herbartgang“ hält er für eine „zynische Verlustanzeige“.
Wer sich die Zeit nimmt und ohne Dünkel, aber mit wachem Blick durch den Herbartgang geht, entdeckt ein faszinierend vielfältiges Ensemble, dessen künstlerische Gestaltung auf Georg Schmidt-Westerstede zurückgeht, der zwischen 1962 und 1978 hier Glasmosaiken, Wandreliefs, Türgriffe und viele andere Elemente nutzte, um Herbarts pädagogischen Vorstellungen schöpferisch-kritisch zu begegnen.
Schmidt-Westerstedes Mosaiken leben von den satten Farben des Oldenburger Landes, dem tiefen Blau der See, dem Dunkelgrün der Felder und Wälder, dem Türkis des Himmels über der Weser. Der engstirnigen Lehrerbezogenheit des Herbartianismus hält Schmidt-Westerstede das offene Sehen entgegen: Pferde, Schiffe, Häuser, Felder, Kräne, Mühlen, Schafe, Deiche, Wellen, Kähne. Und überall Weite, Bewegung, die Bewegtheit der Weite.

Immer wieder laufe ich vorbei am Schlossgarten und über die Mühlenhunte Richtung Südosten zur Cäcilienbrücke. Die Hubbrücke führt über die Hunte, die hier begradigt ist, künstlich wirkt. Die vier geziegelten Treppentürme erinnern an eine Ruine, und tatsächlich soll die Brücke ja wie ihre Vorgängerbauten in der Geschichte abgerissen und ersetzt werden durch ein nützlicheres, dem Verkehrsstrom gewachsenes Bauwerk.
Seit Jahren schon wird das Gemäuer nicht mehr ausgebessert, der Hebemechanismus nur notdürftig instandgehalten. 2020 dürfte „das hässliche Ding“, „das Trumm“, „der Rappelapparat“, von dem der Antiquar am Schlosswall sagt, er lasse nichts durch, sondern halte alles auf, verschwunden sein.
Die Cäcilienbrücke trägt demnach ihr Verschwinden in sich, während sie noch dasteht, die Leute darauf noch immer von einem zum anderen Ufer gelangen, die Brücke sich hebt und Schiffe passieren lässt. Sie nimmt ihr Verschwinden vorweg, fast so, als wäre es der Brücke gelungen, selber Schiff zu werden und durch sich selbst hindurchzufahren, zu verschwinden aus dem eigenen Bild, auf der Hunte davonzufahren in die Bildlosigkeit.

Abbildungen: Georg Schmidt-Westerstede, „Sehenswürdigkeiten der Stadt Oldenburg“, Öl auf Holz 1972 (1); Ludger Hinse, „Lichtkreuz“, St. Lamberti-Kirche (2); Georg Schmidt-Westerstede, Glasmosaik im Herbartgang, Oldenburg (Detail) (3); Alexander Kleinloh, „Cäcilienbrücke“, Aquarell, 1998 (4); Georg Schmidt-Westerstede, „Cäcilienbrücke“, Tuschzeichnung 1949 (5)

Eine fürchterlich breite Brust

Die Rosenstöcke klopfen an die Fenster. Ende September. Sie wollen herein, aber ich lasse sie nicht.

Das Kind schreibt, in einer selbstentwickelten Zeitschrift: Kunst ist das Einzigartige, das es überall gibt.

Auf die Frage, was oder wo „Heimat“ für ihn sei, antwortet Richard Ford ohne zu zögern: „For me, ,heimat‘ is, where Kristina is.“

Die Bücher im Regal, in den Regalen – dein Leben. Nicht weniger, nicht mehr.

Der Alte sucht unter den Parkbänken vorm Einwohnermeldeamt nach Kippen.

Blumengeschäft. Neben dem Bindetisch flimmert ein Computerbildschirm, darauf ist eine Tabelle voller Ziffern zu sehen und die große Überschrift VERNICHTUNG.

Erster schwerer Herbstregen. Das Laub in den Straßen schwimmt davon. Die Vögel fliehen.

Charles Aznavour ist gestorben. Jeden Tag, seit ich Simenons „Fantômes du chapelier“ übersetze, habe ich an ihn als „Kachoudas“ gedacht. Seltsame Koinzidenz … wo der Film 1982 gedreht wurde, in Quimper und Concarneau in der Bretagne, dort war ich wenige Monate später, ohne jedoch davon zu wissen, überhaupt ohne zu wissen von Georges Simenon, Charles Aznavour oder Michel Serrault. Dennoch binden mich einige sehr konzise Erinnerungen an die Orte und die Zeit. Sie ist für mich nicht vergangen. (1.12.)

Jesu / Sun Kil Moon

Die Freunde haben jetzt alle eine fürchterlich breite Brust. Nur einer winselt und wimmert leise weiter vor sich hin von Kummer, Zweifeln und Enttäuschung, und der bin ich. (Eppendorf, 5.10.)

Eine ganz frappierende Verwandtschaft besteht zwischen Hesses Maler- und Vater-Roman „Roßhalde“ von 1913 und Hemingways posthum 1971 erschienenen Roman „Islands in the Stream“. Die Verwandtschaft ist rein seelischer Natur, drückt sich aber gerade deshalb im Poetischen aus, so in der verblüffend ähnlich lautenden Beschreibung von Fischen und Vögeln.

„Ich würde gern in die Sternengastronomie …“

Was hat dich schon immer so hineingezogen in einen Heckenweg?

Landgang, der dreizehnte

Auch der Cloppenburger Stadtpark war einmal ein Schlosspark. Doch ebenso wie Burg Delmenhorst ist die Cloppenburg vom Erdboden verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. 1716 brannte sie ab, nur der Burgturm blieb für fast 90 Jahre noch stehen, dann aber sprengten die Cloppenburger auch ihn in die Luft und erbauten dort, wo ein halbes Jahrtausend lang die Burg unter den Bäumen gestanden hatte, ihr neues Amtshaus. 1805. In Jena starb gerade Friedrich Schiller. Auch der verschwand und kam nicht mehr zurück. War Schiller je in Cloppenburg?

Dabei steht der Name Cloppenburg im ganzen Land für das Bewahren kaum zu bewahrender Zusammenhänge. Mit meiner mich bewahrenden Frau und den Kindern besuche ich das Museumsdorf, und alle sind wir überwältigt davon, wie spürbar mit einem Mal die Vergangenheit ist. In der Stein für Stein und Balken für Balken andernorts abgetragenen und in Cloppenburg wiedererrichteten Kappenwindmühle – die Mühle hat Flügel und hat eine Kappe, unterhalb derer sie rotieren – riecht es noch immer nach dem hunderte Jahre lang gemahlenen Getreide. In den Stütz- und Tragbalken der oberen Stockwerke entdecken wir eingeritzte Zeichen, Ziffern, Initialen, die ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Im Heuerhaus in der Nachbarschaft die winzigen Räume zum Essen, zum Schlafen in Alkoven, die die Körperwärme speicherten. Zwei Familien lebten in dem Häuschen zu ebener Erde, wie Zwillingsfamilien, symmetrisch angeordnete Modell- oder Ameisen- oder Roboterfamilien. Wie muss das gewesen sein? Die Kinder fragen nach den Kindern, die in den Häusern gelebt haben werden, den Kindern des Dorfes, das ein zusammengesetztes ist – so wie jedes Museum ein Baukasten. Verschwundene Kinder. Nur hat es sie wirklich gegeben, wir sehen ja die Einritzungen in den Tragbalken der Mühle, in den Pulten der Schule.

Eine absurde Ansammlung metallener Rieseninsekten, die Hässlichkeit des Nutzes, die unnütze Grimasse der Mühsal – Traktoren, Mähdrescher, Dreschmaschinen, Lokomobile und anderes Fuhrwerkzeug von vor hundert Jahren und länger her. Überhaupt erscheint ja in jedem Museum, das sich den Lebensweisen von früher widmet, jedes Gerät skurril, lachhaft, grotesk und absurd. Es mag zu etwas gut gewesen sein – dem Pflügen eines gartengroßen Feldes in nur drei Tagen, dem Quirlen eines Breis aus Getreide, dessen Name keiner mehr kennt, dem Fliegen mit einem papierbespannten Apparat, der dich dreißig Meter weit trägt oder umbringt. Versuchsanordnungen, die nur noch komisch, seltsam oder wie geträumt anmuten, die aber alle immer wieder zeigen, wie vergänglich alles ist: Nützt nichts – es ist vorbei.

Landgang, der zwölfte

In Westerstede scheint die kulturelle Vergangenheit und kulturelle Identität vollständig unterhalb der Oberfläche stattzufinden. Aber ist das tatsächlich so? Ist das nicht allein Projektion?
Ich komme vorbei am Westersteder Philippsbrunnen, ein Geschenk aus dem Jahr 1862 eines Sohnes des Städtchens, der nach England auswanderte, reich wurde als Baumwollhändler und 1884 Bürgermeister von Manchester.

Die Buchstaben bewegen sich – eine kleine Fliege rennt über meine Notizen!

Gäbe es ein norddeutsches Reich der Baumschulen, der Formgewächse und -gehölze, Westerstede wäre die ruhmreich zurechtgestutzte Hauptstadt.

Von Philipp Goldschmidt aus Westerstede zu Georg Schmidt-Westerstede. Der Maler und Bildhauer Georg Schmidt nannte sich zeitlebens als Künstler Georg Schmidt-Westerstede und ist heute völlig zu Unrecht so gut wie vergessen. Er ist ein Meister der Mosaiken, Fresken, Sgraffiti, und viele seiner Ölbilder und Aquarelle berühren vielleicht erst heute, fast vierzig Jahre nach seinem Tod 1982. In Westerstede erinnern nur wenige Hausmosaiken an sein Schaffen, doch als ich an dem vernieselten Sonntagvormittag an einer Klinkerhauswand vorbeikomme, die ein Mosaik Schmidt-Westerstedes beinhaltet, bleibe ich unwillkürlich fasziniert stehen und betrachte das Bild minutenlang. Auf meiner Rundfahrt durch das Oldenburger Land treffe ich immer wieder auf Bilder und Skulpturen Schmidt-Westerstedes, dessen markanter, so verspielter wie expressiver Stil besonders im Mosaik unverkennbar ist. Tiere, Maritimes, Mediterranes, Inniges. Oft frage ich mich, wie wohl ein solches Bild von Krebsen, Hummern und Fischen in derart leuchtenden Blautönen wirken mag auf eine Passantin, die dem Westersteder Alltag zu entgehen versucht, indem sie umherspaziert und die Augen offenhält. Ich sehe Kunstwerke Schmidt-Westerstedes in Butjadingen, in Brake an der Weser. In Oldenburg blicken meine Hotelzimmerfenster auf eine Passage, die Georg Schmidt-Westerstede gestaltet hat, den Herbartgang, dessen Mosaiken, Lampen, Türen, Durchgänge. Das Oldenburger Land, seine Vergangenheit und seine so widerständig bescheidene Kultur bewahren Schmidt-Westerstedes Alltagsinstallationen auf, um sie Tag für Tag weiterzugeben an jeden, der sie betrachtet.

Landgang, der elfte

Durchs Huntetal fahrend fällt mir schon beim Klang des Namens das Baden in dem Fluss wieder ein. Oldenburg 1979. Mit dem Bruder schwimmen im Fluss, dem braunen Wasser, springen von dem Steg, der am Ende des zum Ufer hinablaufenden Gartens lag. Eine Erinnerung, die mir nahelegt, der Sommertag sei letzte Woche gewesen. Ich spüre noch deutlich die Ströumung des ganz und gar weichen Wassers – oder meine mich noch genau entsinnen zu können. Oder setzen mir Erfahrungen, ähnliche, aus vier Jahrzehnten seither diese Bilder zusammen? Hätte ich diese dann nicht im Sinn behalten, um mich an die Hunte bildhafter, lebendiger wiedererinnern zu können? Unwiederbringlich ist der Tag an der Hunte, als ich als Junge dort war und schwimmen ging, so oder so. Doch ebenso ist er unvergessen.

Die Organböen setzen ein wie auf ein Fingerschnippen hin. Und durch die Fenster, die auf Kipp stehen, wirbeln Blätter herein. Der Sommer ist vorüber. Er war eine endlos anmutende Pracht.

„Es kommt eine Zeit, und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Gottessohnes hören“ – wie in diesem verblüffenden Satz, der in der Krypta der Wallfahrtskirche von Bethen bei Cloppenburg zu lesen ist – ein zwischen Bundesstraße, Ausfallstraße und Autobahn eingeklemmtes Örtchen –, so scheinen sich die ganze Kapelle St.-Maria, Mutter der Sieben Schmerzen, ihre Pietà, die Muttergottes und alle Heilandsdarstellungen vor allem der Frage zu widmen, wie die Nichtigkeit des Todes sich darstellen lässt. Der Satz stammt aus dem Johannesevangelium und lautet in Gänze: „Es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die Toten die Stimme des Gottessohnes hören und in welcher die, die darauf hören, leben werden“. Die Bethener Marienfigur mit ihrem so traurigen wie würdevoll-wissenden, um die Kraft ihres Sohnes wissenden Gesicht hat mich weniger ergriffen als der kleine Einschub in diesem Satz: „… und sie ist schon da …“ Lange stand ich vor dem Altar und betrachtete das endlich einmal im Wortsinn herrliche Mosaik aus hell- und dunkelgrünen, weißen und gelben Steinchen, das die Kreuzigung umdeutet in eine Verlebendigungsdarstellung: Aus Jesu Wunden wachsen Blumen und Bäume. Das Kreuz selbst mutet wie ein Baum an, das Tote kehrt zurück ins Leben, das Wort wird Wasser, es wird trinkbar, „Was er sagt, das tut. Füllt die Krüge“, und mir fällt einer der mir liebsten Verse von Paul Celan ein: „Ein Boot knospt im Regen …“

Brinkmann in Westerstede

Er hatte den Opel eines Mitschülers
in Ocholt gegen einen Poller gesetzt,
keinen Muckser mehr tat der Rekord,
und ein Dichter kannte sich nicht gut
mit Autos aus, so wenig wie in Ocholt,
aber am Bahnhof sah er, die Schmal-
spurbahn fuhr zu der Stadt, wo Hardy
Frerichs wohnte, Westerstede, Brink-
mann war dort die ganzen Jahre nie
gewesen, jetzt sah er auch, weshalb,
die Gleise, die Lok, die Waggons, so
grotesk, am besten wegrennen, weg,
aber das hätte Hardys Kutsche kaum
heilgemacht, außerdem hatte er Kohl-
dampf, zuletzt ja am Morgen in Vechta
ein Schinkenbrot auf die Hand gehabt,
er dachte an die Küche, das Licht und
den Güllegeruch seiner Jugend, Gülle,
die den Leuten bei Folterungen früher
ins Maul gegossen wurde, Gott, Gülle
for ever, o Jesus, zum Glück bald over
and out, er würde Essener sein, dachte
Rolf Dieter Brinkmann, als der lachhafte
Zug ihn durch Westerstede gondelte und
er dieselben stillen Straßen an dem Sonn-
tagmittag sah und dieselben paar people
wie im Schweinezüchterparadies Vechta.
Standen im Nieseln da und sahen ihn an.
Gespenst aus dem Dampf enger Träume.

Der „Park der Gärten“ in Bad Zwischenahn wirbt mit dem Slogan „Deutschlands größte Mustergartenanlage!“ – und wie ein Mustergartenanleger in einem IKEA-Outdoor-Lager komme ich mir vor auf dem pragmatisch bis in die letzte Hecke durchgetrimmten Areal. Die Schönheit der Blumen und Sträucher, der Bäume und Beete wird unsichtbar, Werbung für Firmen, Nutzbarkeit, Haltdauer usw. usf. Die Preisschildchen flattern im Wind, die Buddha-Massenzierplastiken tragen sie um den Hals. Hier fällt ins Auge, was Emerson sagt: „Jeder Garten ist ein Grab.“

Gärten in Bad Z.

Trockengarten … Jahreszeitengarten … Formgehölze-
garten … Weißer Garten … Farngarten … Mediterraner
Garten … Spiegelgarten … Leben und Arbeiten im
Garten … Sterben im Garten … Japangarten …
Chinagarten … Rosengarten … Waldgarten … Koi-
Zen-Garten … Islamischer Garten … Islamistischer
Garten … Poolgarten … Zukunftsgarten … Vergan-
genheitsgarten … Gegenwartsgarten … Cottage-
Garten … Wildobstnaschgarten … Supermarkt-
garten … Gebrauchtwarengarten … Baumarkt-
garten … Heilender Garten … Mörderischer
Garten … Immergrüner Garten … Immer-
kahler Garten … Immerdunkler Garten …
Traumzeitgarten … Albtraumgarten … Schre-
bergarten … Schreibergarten … Schreigarten …
Wassergarten … Tränengarten … Skulpturengarten
… Ölgemäldegarten … Ölgarten … Heckengarten …
Heckenschützengarten … Kunstgarten … Duftgarten …
Schulgarten … Kindergarten … Phloxgarten … Kakteen-
garten … Blumenzwiebelgarten … Heidegarten … Bäuer-
licher Nutzgarten … Mechanikergarten … Politikergarten …
Partygarten … Zwerggarten … Fischgarten … Meeres-
grundgarten … Wellnessgarten … Krankenhaus-
garten … Fluchtgarten … Leerer Garten

Landgang, der zehnte

Bundesstraße 212, ich fahre zwei Stunden lang südwärts, von Nordenham nach Delmenhorst, eine Stunde davon stehe ich im Stau und staune einmal mehr, angewidert, wie ich zugeben muss, von der Absurdität unserer entzweigegangenen Bezüge. Lastwagen reiht sich an Lastwagen, Auto an Auto, während wir Idioten fast alle einzeln vorbeikriechen an Pferdeweiden, stillen Weilern, Deichen, Chausseen, Chausseen, unter einem Himmel voller Tauben, Schwalben und Stare.

Orkan über Delmenhorst. Eine Kaltfront zieht von Westen übers Land und wird den Meppener Moorgestank erledigen – so hoffen es die Leute, die mit brennenden Augen – ich meine das nicht metaphorisch – durch die Delmenhorster Innenstadt geweht werden. Nein, ein Witz ist das nicht. Der Dichter ist zu Gast, der Narr, der alles sagen darf, solange er es lustig sagt und die Leute sich dran freuen, weil er den Spiegel hat und ihn ihnen vorhält, den Spiegel, durch den sie alle rennen würden, hätte sie nicht Besseres zu tun. Sei’s drum, es ist eh bloß ein scheinbarer, ein Scheinspiegel.

Ich bin allein im Delmenhorster Schlosspark. Früh aufgestanden, obwohl es schüttet. Wo ist das Schloss? Verschwunden, Burg Delmenhorst. Ich laufe durch den von Neuem einsetzenden Regen, unter den schönen alten Buchen und Ahornbäumen an der Delme, bis auf die Insel hinauf, die Burginsel. Aber auch dort steht keine Burg. Es gibt einen Burggraben, sogar zwei, Innere Graft und Äußere Graft, nur die Burg, die „de Horst“ heißen, geheißen haben soll, fehlt. Das verschollene, das verschwundene Schloss. Es hat, es hatte einen blauen, einen roten und einen runden Turm, ein Herrenhaus, einen Kapellenflügel, ein Zeughaus, ein Gästehaus, ein Kommissarienhaus, einen Burghof mit Brunnen – nichts von alledem gibt es noch, nur in der Vorstellung. Nur? Seit dreihundertsieben Jahren ist Burg Delmenhorst unsichtbar. „She was, she was / A friend of mine. / Do us a favour / Your one and only warning / Please be gone by morning“, singt David Sylvian und könnte damit Schloss Delmenhorst gemeint haben, genauso aber uns alle, von denen nichts bleiben wird außer die Erinnerung derer, die sich bemüßigen, das heißt die Zeit nehmen, sich zu fragen: War da nicht was, ein Leben? „She was, she was / A friend of mine.“ Lesen Sie nach, weshalb es Schloss Delmenhorst nicht mehr gibt, nichts mehr davon, so, als hätte es nie existiert – es leuchtet nicht ein. („Seit 2015 forsche ich zum Leben der letzten Gräfin auf dem Schloss Delmenhorst, Sibylla Elisabeth von Oldenburg und Delmenhorst, geb. Herzogin von Braunschweig-Lüneburg (1576–1630), die im Dreißigjährigen Krieg elf Jahre lang Regentin in Delmenhorst für ihre noch unmündigen Söhne war“, schreibt mir einige Monate später die Historikerin Herta Hoffmann. „Bei der Archivarbeit fiel mir in Wolfenbüttel eine sensationelle Architekturzeichnung in die Hände. Ich schicke sie Ihnen gerne mit entsprechenden Erläuterungen.“)

Rathaus und Rotunde mit gläserner Kuppel der Markthalle auf dem Rathausvorplatz in Delmenhorst stammen von dem Architekten Heinz Stoffregen, wie auch Haus Coburg mit dessen Städtischer Galerie – Stoffregens Ansatz ist ein ganzheitlicher, dabei nüchterner, so schöner wie pragmatisch orientierter. Das Haus soll von innen heraus ins Äußere wachsen, sein Mittelpunkt sind die Menschen, die darin leben und hinaussehen in die Welt. Fenster sind wichtigstes Bauelement. Stoffregens Baukunst ist ein Stoffregen, die Stoffe regen sich und bewegen noch heute, zumindest einen wie mich. Sehr bedauerlich, das Verschwinden der Arkaden, die einst Markthalle und Rathaus verbanden mittels einer poetischen Brücke, die Stein schien, aber nicht war – die zwar Stein war, aber im Grunde doch mehr. Mitte der Fünfzigerjahre schien eine Omnibusstation und Businsel vor das Rathaus gesetzt werden zu müssen, da war für verbindende Arkaden kein Platz mehr.

Auf die wiederaufgetauchte Zeichnung des verschwundenen Schlosses Delmenhorst (Abbildung 3) wies mich freundlicherweise Herta Hoffmann vom Heimatverein Delmenhorst hin.

Drei Herzporträts

Herz, ausgeschlagen
mit Tapeten aus Tränen
   für Woche für Woche
ferner, fernere Kinder.

Herz, wild pulsierender
Fisch, Dornenbarsch, da
   in dem purpurnen Krug
der Brust, des Luftkorbs.

Herz, das dich sieht, ja,
Auge ist es auch, Auge,
   gläsern Funkelkörper,
inmitten von allem da.

Landgang, der neunte

Eine halbe Stunde lang fahre ich durch Industrie, Gebiete, Orte, über die die Industrie gebietet – und wo nichts anderem Raum gelassen wird. Nordenham macht kein Hehl aus dem unbedingten Willen, technologisch Anschluss zu halten – und das Alte, Überkommene als obsolet, unnötig auszumerzen. Der Bahnhof von Nordenham an der Wesermündung, an dem einst Abertausende mit Zügen aus ganz Mitteleuropa ankamen, um an Bord der Auswandererdampfer zu gehen, steht leer, ist verrammelt, abrissbereit. Am Union-Pier, dem alten Ossenpier, überkommt einen gespenstische Melancholie angesichts der ein halbes Jahrhundert jüngeren Industrieruinen wenige hundert Meter weiter flussab und der gigantischen Vergeblichkeitsanstrengungen am Bremerhavener Containerterminal am jenseitigen Ufer – dem Schrott von morgen.

Blick in eine Alleeflucht, tief, tief in die Marsch, über die das Abendlicht herströmt.

Über den Nordenhamer Marktplatz – der wie jeder Fleck in der Stadt zerbombt und wieder aufgebaut wirkt –, rollt ein ferngesteuertes Auto, in dem nebeneinander zwei kleine Jungs sitzen und johlen. Dem Gefährt folgen ältere Geschwister der beiden kleinen Geisterfahrer, ihre Eltern und Großeltern, die Mutter mit Fernbedienung in der Hand.

Der Legende nach küsste der friesische Häuptlingssohn Dude den abgeschlagenen Kopf seines Bruders Gerold. Beide wurden sie 1419 in Bremen enthauptet. Ihre Doppelhinrichtung stellt ein Fresko im Stadtmuseum Nordenham dar. Gemalt hat „Der Bruderkuss“ Hugo Zieger 1893, „Lever dod als Slav“ lautet der Titel des Freskos in anderen Quellen, „Lieber tot als ein Sklave“. Bremer Kaufleute hatten die Vredeborg im Raum Atens erbaut, auf dem Gebiet des heutigen Nordenham. Das Bollwerk richtete sich gegen Piraten, die an der Unterweser Handelsschiffe überfielen. Doch kam es zu Querelen mit den friesischen Herrschern vor Ort, den Häuptlingen. Nach einem missglückten Angriff wurden Dude und Gerold, die beiden Söhne Dide Lubbens, des Häuptlings von Stadland, im Jahr 1419 in Bremen hingerichtet. Nachfahren der friesischen Herrscherfamilie beauftragten den Kaisermaler Hugo Zieger im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts damit, die symbolträchtige Enthauptung in einem Fresko zu verewigen. Gut hundert Jahre später war das in einem historischen Bauernhaus ausgeführte Wandgemälde akut gefährdet. Der Leiter des Nordenhamer Stadtmuseums Timothy Saunders erzählt von der aufwändigen Restaurierung, dass ein Firnis aufgetragen, dann Tuch aufgeklebt, darauf Holzbretter geklebt wurden. Von der anderen Seite der Wand habe man den Putz abgeschlagen, die Steine ausgesägt und einzeln aus der Wand gebrochen, bis einzig die mit dem Fresko bemalte Putzschicht übriggeblieben sei, geklebt auf Holzplatten. Um sie habe man herumsägen und das Fresko in drei Teilen aus dem Haus tragen können. Von Liebe kein Wort. Der Liebe eines jungen Mannes zu seinem Bruder. Dem Anblick des abgeschlagenen Kopfes. Den lauter Köpfen, die Zieger malte in Anbetracht des historischen, über vier Jahrhunderte lang vergangenen Geschehens. Abgeschlagen der Kopf, abgeschlagen das Bild.

Plattmachen, ich meine / Nordenham

Plattmachen, ich meine
Nordenham
, das Grau,
endlose Verlassenheit.
Das Betonschanzkleid
der Stadt entlanggeirrt,
an der alten Weser, der
seegrauen, atlantischen,
wo kein Licht, nichts flirrt.
In der Ferne, am anderen
Ufer diesen regnerischen
Nachmittag, Bremerhaven,
die abstrusen Containerter-
minals, Behälterabferti-
gungspiers, siebzig
Flugzeugträger
lang, Deich
aus Schafen.
Die Weser. Der
verbaute Himmel.
Der dich überwölbt.
Fabrik für neue Laser-
technologien. Plattes
Land, das Oldenburger
Land. Wo ist die See? Du
musst die See nicht sehen,
weil nichts ist flach ohne Meer,
das Land gibt auf, geht über. Möwe
kommt näher, Möwe zieht Bahn, Möwe
dreht ab und saust knapp hin überm höchsten
Nordenhamer Punkt, eine vier Jahrhunderte alte
Platane, die alle vergessen haben umzumähen. Das
wird schon noch, das wird, man abwarten. Plattmachen, warten.

Plattmachen heißt nicht, es ist. Plattmachen heißt, es ist vorbei, es war.

Landgang, der achte

Schafe bei Fedderwardersiel – die Lämmer auf dem Deich, wissen oder ahnen sie, dass sie Schafe sind, dass sie ein Schaf vor sich haben, wenn sich etwas an sie schmiegt? Hält sich ein Schaf für ein Schaf oder vielleicht für das Schaf schlechthin? Oder erkennt es nur die Herde, die Schafe, zu denen es sich zählt? Zählt es sich dazu? Zählt das Schaf Schafe?

Zwischen Waddens und Tettens Boßelmarken kilometerlang auf dem Asphalt der Straße hinterm Deich.

Drüben, am anderen Weserufer, liegt Bremerhaven im Dunst, fünfeinhalb Kilometer lang Richtung See erstrecken sich die Containerquais zum Entladen der Riesenfrachter vorwiegend aus dem fernen Osten. Der Nordhafen dort drüben wurde von den Nazis errichtet für ihre beiden nie zustande gekommenen Naziflugzeugträger „Graf Zeppelin“ und dessen namenlos wieder verschrottetes Schwesterschiff „Träger B“. Die Flugzeuge für die Flugzeugträger sollten gleich vor Ort und Stelle produziert werden, damit sie möglichst schnell einsatzbereit waren, um Tod und Verderben nach England und Skandinavien zu bringen, Stukas, Junkers-Torpedobomber und Messerschmitt-Jäger, die drüben in Blexen, in als Bauernhöfe getarnten Produktionshallen entstehen sollten. Zum Glück aber wurde daraus nichts, das will ich nicht vergessen. Eine Zeitlang wasserten immerhin die Postflugzeuge der beiden großen Amerikadampfer „Bremen“ und „Europa“ im Bremerhavener Nordhafen, aber auch das ist lange her. Ob Fedderwardersiel oder Nordenham, das einmal wichtiger Auswandererhafen war – viele Nordseehäfen strebten über Jahrhunderte nach allem, wofür Bremen und dessen einstiger Hafen heute stehen, merkantile Weltoffenheit, den Reichtum des Handels und Austauschs, bei Weitem nicht nur von Waren.

Eine merkwürdig tiefgreifende Ruhe erfasst dich in dem warmen Septemberwind auf der Halbinsel Budjadingen. Die Grasweiten, die Gemächlichkeit der wenigen sichtbaren Tiere, das Rauschen der Kastanien und Nussbäume im Seewind. Die Menschen scheinen noch Zeit zu haben. Oder sie nehmen sie sich für die Dinge, die zu tun sind.

Eine Frau kommt gefahren, elegant wie der Wind, und lehnt ihr Rad an die Kirchenmauer.

Auf dem Blexener Kirchplatz sucht ein kleiner Junge mit seinen Großeltern Kastanien. Als er über die Friedhofsmauer blickt und dort auf den Gräbern zwischen Grabsteinen und vereinzelten Blättern unzählige der braunen Nüsse entdeckt, bricht er in so lautes Jubeln aus, dass die Toten erschrocken zu flüstern beginnen.

Eine halbe Stunde lang bin ich allein in der Kirche St. Hippolyt in Blexen, der ältesten in der Wesermarsch. Nur drei Kerzen brennen in dem nach Moder und Herbst riechenden Gemäuer, dessen Altar der barocke Expressionist Ludwig Münstermann gestaltete – nach ihm heißt eine Straße in meinem Hamburg-Barmbeker Viertel. Sorgsam zusammengebaute Segelschiffmodelle hängen von der Decke wie nautische Marionetten. In der Endlosigkeit aus Wasser, Wind und Zeit vor der Eindeichung des Koogs stand die Kirche bei den schweren Sturmfluten im 17. und 18. Jahrhundert im Wasser, wurde schwer beschädigt – Schäden, die man sichtbar bleiben ließ –, ging aber nie völlig unter. Die Schiffe umsegelten St. Hippolyt, so lange, bis das Kirchenschiff von Land aus wieder zu betreten war.

Landgang, der siebte

Am Abend kommt bei Südwestwind ein gelblicher Nebel über die Grasweiten der Seefelder Wesermarsch – Qualm von einem Moorbrand bei Meppen im Emsland. Dort hat die glorreiche Bundeswehr in Zusammenarbeit mit der verdienstvollen Luftwaffe Raketen auf das Meppener Moor abgefeuert, das seither, seit gut zwei Wochen, unterirdisch brennt und vor sich hinschwelt. Während zweihundert Kilometer weiter südwärts der Hambacher Forst dem Braunkohleabbau zum Opfer fallen, ein ganzer Wald weggebaggert werden soll, wogegen junge Leute sich verwahren, – ja, sich! – und demonstrieren, in Baumhäusern verschanzt und angekettet an Bäume, die verschwinden sollen, längst verschwunden wären, gäbe es solches Aufbegehren nicht. Vor diesem Hintergrund wirken die Raketen auf das Meppener Moor fast wie eine Rache-Aktion, eine Vergeltung gegenüber den Hambacher Buchen. Die Bäume wären längst verschwunden, hätten sie nur für eine Stunde die Gelegenheit und die Beine.

Verschwunden ist auch die alte Brücke über die Jade im gleichnamigen Ort. Die Trinitatiskirche steht noch da und wacht über die Friedhofsruhe, aus der sie aufragt, schwarzgrün mit blauem Schimmer rieselt fast lautlos das Jadeflüsschen vorbei, es gibt ein Betonbrücklein mit einem Handlauf, aber die Brücke auf dem Bild in meiner Hand finde ich nirgends, und die Leute aus Jade kennen sie zwar, erkennen sie auch wieder – „Jo, das is’ man de alde Jadebrück“ –, können oder wollen mir aber nicht sagen, wo ich sie finde, ihre Brücke wohin, woher auch immer.

Der Blaufärber von Jever, sein Gesicht und seine Hände waren das einzig Helle in einem durch und durch und ganz und gar blauen Raum. Auch er ist verschwunden, nicht nur im Indigo, das ihn umgab, in den weißen Mustern, die seine Handwerkskunst auf die blaugefärbten Stoffe übertragen hat. Sein Beruf ist so gut wie verschwunden. Verschluckt, wie von der Zeit. Hier endet die Kraft der Metaphorik. Die Zeit wird blau. Die Vergangenheit ist von tiefem Blau.

Abbildungen: 1: Seefelder Grasland mit Blick gen Osten zum Jadebusen; 2: Die Seefelder Mühle; 3: Grabstein auf dem Friedhof von Jade; 4: Die Jade bei Jade

Seefeld

Seefeld, nicht weil hier ein Meer
und Feld sich treffen, Himmel und
das Gras. Nein die See ist hier Feld,
und Feld ist See, ja der Grashimmel
mit der Mühle in der Mitte der Weite.
Oben die Windrose kennt alle Namen
der Windrichtungen, Nord, Süd, Ost und
West und Nordnordost und Nordsüdwest,
Südsüdwest, Westnordost, es sind so viele,
viele auch namenlos dunkle, dass die Mühle
von Feldseefeld mitunter, ja geht sie rückwärts
und sich zurückdreht immer, schneller, immer
rascher, bis ins Gras rauschen alle Stunden,
ins Gras rasch die Stunden fliegen und
ertrinkt in den Salzwiesen das Pech.
Nach Staubjahrhunderten duftet
die Mühle. Und immer räumt
jeder Wind ein Zimmer.
Und immer träumt
der Wind Zimmer.

Zu Haus in meinem Bild

Immer wollte ich
mit den Schatten reden,
 sie aber, diese Spiegel in der Nacht, sagten
nichts, raunten bloß wie ich und
zuckten herum im Dunkeln.

Unter den Espen
die Schatten, und über den
 Schatten die Zweige, dazwischen, vielleicht
im Licht, war ich, und zu Haus in
meinem Bild ein Funkeln.

Landgang, der sechste

Maria von Jever, Edo Wiemkens Tochter und Thronerbin, gilt bis heute als wohltätige Herrscherin. Allen Abbildungen und Darstellungen ihrer Person sieht man die Liebe der Leute an, die weichen Züge, der offene Blick, die schmale Gestalt, das Hütchen mit dem Federbüschelchen daran, fast gouvernanten- oder Mary-Poppins-haft wirkt jenes Fräulein Maria, das Jever und dem Jeverländischen eine eigene Identität verlieh und sie so behutsam wie bestimmt absetzte vom Friesischen. Maria von Jever íst als historische, als zeitlose Gestalt auch deshalb so faszinierend, weil sie ja nicht gestorben sein soll. Glaubt man den Leuten, so lebt Maria noch immer. Sie verschwand, heißt es, in einem Gang unter dem Schlosspark und ward nie wieder gesehen. Jeden Abend schlägt deshalb das Glockenspiel am Schlosspark, dessen Klänge die in der Zeit, in der Geschichte Verschollene zurückgeleiten sollen. Allerdings stellt sich die Frage, wohin Maria denn verschwand – nach Oldenburg? nach Bremen? Wer verschwindet schon nach Bremen! Die wir lieben, verschwinden nur scheinbar. Sie beweisen jeder für sich auf unterschiedliche Weise, wie bedeutungslos die Erfindung des Todes ist. Maria von Jevers Lieblingshund macht dies auf besondere Weise deutlich: Der Windhund, den das Denkmal am Schlossplatz neben der Herrscherin zeigt, schmiegt den Kopf an Marias Hüfte, und sie hält die Hand zärtlich über dem Scheitel des offenbar klugen, ohne Zweifel geliebten Tiers.

Überall in Jever präsent ist das weltbekannte Brauhauserzeugnis. Die ganze Stadt mutet grün-golden an vor lauter Reklame – was verspricht sich der Konzern davon?

Überall in Jever scheint der Stadtrand durch die Häuserreihen, ja die Häuser. Jenseits davon ist es grün, das Land ringsum, Jever, das Jeverland. Und wenn die Sonne scheint, ist es grün-golden.

Die Chorfrauen verabschieden sich voneinander – und singen noch ihre „Tschü-üss“- und „Ja-a“- und „Bis nächsten Mi-itwoch“-Melodien.

Peter Gabriel singt zu Marias Verschwinden am Ende seines Songs „Wallflower“ auf seinem vierten, noch einmal unbetitelten Album von 1982:

„though you may disappear
You‘ re not forgotten here
And I will say to you
I will do what I can do“

Beim Blaudrucker in Jevers Altstadtgasse Kattrepel, einem der letzten noch praktizierenden Handwerker seiner Zunft, sind lauter Seniorinnen und Senioren zu Gast, die die Werkstatt mit den vielfältig blau gefärbten und bedruckten Tüchern, Hemden, Jacken, Mützen und Kissen in einen indigoblauen Taubenschlag verwandeln. Der Blaudrucker beantwortet gelassen und profund jede Frage und kassiert dabei sogar eigenhändig. Die Preise sind stolz, der Mann und sein Beruf aber sind es auch. Ich habe den Eindruck, in einem blauen Raumschiff aus dem sechzehnten Jahrhundert zu stehen, und bewundere vor allem die Schnitte, die Muster, die Darstellungen aus der Tiefe der Zeit, darunter den „harnakischen Tanz“, der verborgen in der blauen Pracht sogar das erotische Flirten seiner Zeit abbildet und anhand seiner so kräftigen Bläue vorstellbar werden lässt. Das Blau wirkt sich sonderbar stimulierend aus, man beginnt tief zu glauben, zu staunen und ahnen. Ein Gedicht von Christian Saalberg kommt mir in der Stunde im Blaudruckerhaus von Jever in den Sinn, „Man sagt“ heißt es, und die letzte Strophe lautet so:

„Der September verbrennt die alten Tage.
Aus den Trümmern klaube ich mir vom Himmel
    das letzte Blau.
Schminke für die Augen, wenn es graut.“

Abbildungen – 1: „Maria von Jever“, Gemälde Caspar Heinrich Sonnekes (1821 – 1899), Stadtmuseum Oldenburg; 2: Indigoblau bedruckte Wandbespannung aus der Blaudruckerei Im Kattrepel, Arbeit von Blaudrucker Georg Stark; 3: Erläuterungstafel zur Wandbespannung in der Blaudruckerei

New Year’s Day

England in 1819

An old, mad, blind, despised, and dying king, –
Princes, the dregs of their dull race, who flow
Through public scorn, — mud from a muddy spring, —
Rulers who neither see, nor feel, nor know,
But leech-like to their fainting country cling,
Till they drop, blind in blood, without a blow, —
A people starved and stabbed in the untilled field, —
An army, which liberticide and prey
Makes as a two-edged sword to all who wield
Golden and sanguine laws which tempt and slay;
Religion Christless, Godless — a book sealed;
A Senate, — Time’s worst statute unrepealed, —
Are graves, from which a glorious Phantom may
Burst, to illumine our tempestous day.

Percy Bysshe Shelley

Landgang, der fünfte

Neun Mal ist die Stadtkirche von Jever bis heute abgebrannt, zuletzt am 1. Oktober 1959. Auf dem Kirchplatz, unter den alten Bäumen dort, sitzen an dem heißen Septembertag – es ist der letzte Hitzetag des Jahres – Teenager und hören laut aus ihrer Blue-Ray-Box bösen, sich böse gebenden Deutsch-HipHop. „Du fickst mich nicht, Digga, denn ich fick dich, Digga, bin ich dein Nigga, Digga, du bist mein Nigga, Digga“ … Die Verbundenheit kennt keine Grenzen, schon gar nicht die der Jahre, des Alters, der Generationen oder Geschlechter. Zwei Mädchen mit dünnen Armen und Beinen kreischen, dass man sie noch an Jevers Stadtrand hört, die Jungs blödeln herum, sie machen sich zugleich lustig und lächerlich … und der Küster der Stadtkirche, der unter den Bäumen hindurch schon davoneilen will, hält inne und dreht sich um, als ich ihm zurufe. Er äugt hinüber zu den Jungs und Mädchen, doch kommentiert nichts, lässt die grölende Meute junge Leute von heute sein, so wie auch sie ihn Küster und mich einen neugierigen Dichter.

Schlaflos in Jever

Überall in den Baumkronen schlafen
die Vögel von Jever, die Krähen, die
Tauben, Meisen, Amseln und Häher.

Ihr Häher! Kennt einer die Tragik der
jungen Leute von Jever? Sie können
nicht schlafen, die Teenager in Jever,

sie sitzen unter Bäumen, in denen ihr
oben auffliegt, wegfliegt, zu denen ihr
am Abend zurückfliegt, euren Schlaf-

bäumen, sie hören Musik, sie können
nichts und niemanden berühren, und
sie können nicht schlafen, nur stören.

Je verschlafener Jever, umso müder
außen, aufgekratzter innen, jüngere
Jeverer, junge Jeverinnen. Ihr Stare!

O Singen! Schlafen! Nur, Jever riecht
nach Hopfen und endet nach sieben
Straßen. Dort jagen sie hin, die Tee-

nager auf ihren Bikes und Boards in
der Frühe nach einer durchwachten
Nacht. Keckert, Jevers Häher, lacht!

In der Kirche jedoch schläft seit fünf
Jahrhunderten der letzte Häuptling.
Fest schlummert dort Edo, um den

alles sich versammelt, was jung ist
und glaubt an ein besseres Leben,
ein See-, ein Erd-, ein Jeverbeben.

„Das Denkmal“ – sagt das jemand in Jever, so weiß auf der Stelle jeder, welches gemeint ist, denn es scheint nur eins zu geben. Im von allen Bränden verschonten hinteren Teil der Stadtkirche liegt unter einem hölzernen Baldachin der aus Stein gehauene Kenotaph Edo Wiemkens, das Scheingrab des letzten ostfriesischen Häuptlings. Der Küster erläutert die versteckten Raffinessen des Grabmals, das keines ist, sondern eben ein Denkmal, er weiß genau, bis wohin sich das Feuer vorfraß, sodass ich es mir vorstellen kann, während in meinem Rücken durch die Fenster das helle Licht auf das moderne Kircheninnere fällt, dort, wo das Feuer so oft schon gewütet hat. Wieder im Freien, in der Sonne, eilt er endlich davon – Jugendtreff am Spätnachmittag. „Da muss ich hin“, ruft er lachend. „Die brauchen einen wie mich!“

Landgang, der vierte

In Dangastermoor, an der Landstraße von Oldenburg zur Küste bei Dangast, steht das Landhotel Tepe, früher „Gasthof zum Fürsten Bismarck“, 1907 bis 1912 die Postadresse der Künstlergruppe BRÜCKE.

Im Spätsommerwind, der über die Nordsee hereinbläst, rauschen die alten Dangaster Bäume. Watt und Wälder treffen in Dangast aufeinander, und so wächst hier der Hohe Geestwald.

Die ersten Herbstblätter rasseln losgelassen über die geziegelte Wölbung der Steilhangpromenade, wo sie hinfegen mit ihrem sandigen Schweif.

Maler in Dangast:
Emma Ritter
Jan Oeltjen

Noch ein Geräusch, das dir seltsam in den Ohren klingt: Das Watt lässt ein beständiges leises Klicken hören, das erst, wenn du auch hinsiehst, ein stilles Geblubber ist, ein Aufplatzen zahlloser winziger Bläschen im Schlamm.

Watt: Männer, Frauen und Kinder sinken ein bis zu den Knien, große Hunde bis zum Bauch, kleine aber gar nicht. Sie flitzen über die Matschweiten, springen umher, und die Vögel landen auf dem Schlamm, schreiten auf und ab, scheinen genau zu wissen, wann das Meer zurückkommt.


Dangaster Strand, September 2018


Franz Radziwill, Der Strand von Dangast mit Flugboot (1929; Landesmuseum Oldenburg)