Das Gras

Zwischen Rhône und Durance

Die Rhône bei Avignon, so breit und weit das Auge reicht. Hochwasser bis zum Horizont. Über die silbernen Wasserebenen ziehen Vogelschwärme hin, ganz so, als gäbe es die Menschen nicht mehr. Nebelbänke fluten durch die Engpässe des Hügellands. Baumreihen und Wäldchen sind versunken, die Scheunen und Weiden auf den Inseln im überschwemmten Strom verlassen. Dies ist die Landschaft des neuen Romans „Letzte Linie zum Meer“.

Die Felshänge, die das Hochplateau von Valensole, dem „Tal in der Sonne“, begrenzen, sind am Ende des Winters – denn hier ist der Winter so gut wie vergangen – vom genau selben blassen und matten Graugrün wie die endlosen Reihen des Lavendels auf den Felderweiten – abgeblüht, schlafend, wie träumend kurz vor dem neuerlichen Erwachen. (St. Kurs, 28.1.)

Nichts hat Bestand von deinen Kindheitsorten, nur in deiner Erinnerung – weshalb das wohl ihre Aufgabe sein wird. In Bras d’Asse, rechts der heruntergekommenen Brücke (sie ist eine alte Madame, Jahrgang 1881, Victor Hugo lebte noch) über den Asse-Fluss, der Pont d’Asse, stand vor dreißig Jahren eine kleine Bar, ein Imbiss für die Familien, die auf dem Schotter des Flussbetts ihre Sommernachmittage verbrachten. Als hätte es dieses Häuschen nie gegeben, ist an dem Fleck heute alles verwildert, überschwemmt, mit Schutt zugeschoben. Solange dort niemand geht, der als Kind dort spielte, ist alles verschwunden, was einmal anders war … Erst mit der Erinnerung, die lebendig wird mit den Schritten hier, lebt auch der Ort wieder auf und wird Ufer. Die Stille der sich fortwährend verändernden Welt ist zu hören, durch die Erinnerung hört die Stille der Welt auf zu schweigen.

Der Mistral trocknet die Wäsche auf der Terrasse in einer halben Stunde.

Nebenan wohnt die Orthophonistin.

Was wir nicht sind

Zwei weitere kurze Auszüge aus Richard Fords „Memoir“ „Between Them“, „Zwischen ihnen“, übersetzt von Frank Heibert: 1. „Dieser Aspekt der Beziehung zu unseren Eltern wird oft übersehen oder geringgeschätzt: Sie verknüpfen uns in unserem begrenzten Lebensrahmen mit etwas, das wir nicht sind; das sorgt für Nähe und Fremdheit zugleich und schafft ein fruchtbares Geheimnis – sodass wir auch umgeben von ihnen in gewisser Weise allein sind.“ 2. „Diese Lektion [wie andere Leute die eigene Mutter sehen – M.B.] lernt man natürlich am besten früh – niedlich, klein, schwarzhaarig, eins vierundsechzig –, weil das umfassende Kennenlernen unserer Eltern zu den größten Herausforderungen für uns alle gehört – vorausgesetzt, sie leben lang genug und es ist lohnenswert, sie kennenzulernen, und überhaupt physisch möglich. Je umfassender der Blick auf unsere Eltern ist – ein Blick, der letztlich einschließt, wie die Welt unsere Eltern sieht –, desto größer unsere Chancen, auch die Welt so zu sehen, wie sie ist.“

Tubus

Nach Erich Fried

Es ist unter-
drückt, sagt
die Verein-
zelung. Es
ist, was es
zerfrisst, sagt
der Tubus.
Es ist verun-
sichert, sagt
die Brechung.
Es ist vernich-
tet, sagt die
Annexion.
Es ist un-
säglich, sagt
die Ausgren-
zung. Es ist,
was es zerfrisst,
sagt der Tubus.
Es ist gelähmt,
sagt das Beben.
Es ist eine Leiche, sagt das Gedicht. Es ist unmenschlich,
sagt das Schweigen. Es ist, was es zerfrisst, sagt der Tubus.

Ausflug in die Nekropole

„Ich betrachte dieses Heft, ich habe nur das Datum geschrieben, ich hebe den Kopf, ein Sperling schlägt am Himmel die Flügel, und voilà: Meine Seite ist geschrieben, der Vogel trägt gerade den ganzen Tag auf seinen Flügeln.“ Christian Bobin

Im Regal – dem „Sideboard“ – stehen sechs Geräte und blinken vor sich hin. Was ist ihre Aufgabe, ich meine: Was bedeuten sie? Was wollen die? Etwas wissen? Etwas mitteilen? Etwas vergessen oder vergessen machen? Etwas vermitteln oder unvermittelbar halten?

Seit vier Tagen schüttet es. Auf den Straßen keine Seele. Nur die Katze kommt frühmorgens, mittags und abends zu dir. Liegt auf deinem Schreibtisch vor dem grauen Garten, als würde sie sagen: „Schreib nicht, okay? Was soll das Ganze?“

Wunder geschehen – ich weiß es –, und mitunter sind sie elektrisch. Der Elektro-Installateur ist ein Amateur im besten Wortsinn: Er liebt, was er da tut. Für die Reparatur des Geschirrspülers will er kein Geld, auf keinen Fall. „Ich mache das für Sie“, sagt er, „ich mache das aber auch für mich, aus Neugier, als Herausforderung.“

In Marseille erkenne ich an den Hauswänden die alten Graffiti und Wandsprüche wieder, nicht die gleichen von vor 20 Jahren – Januar 1998 –, sondern dieselben. Auch in diese Stadt bin ich immer wieder zurückgekehrt – zufällig? Wohl kaum. Wie Frankfurt und Innsbruck ist Marseille eine der Hauptstädte in meinem poetischen Kosmos. Einige der besten Passagen aus „Ein langsamer Sturz“ nehmen in Marseille ihren Ausgang. In Marseille, im C.I.P.M., dem internationalen Poesiezentrum, einer der bedeutendsten Lyrikbibliotheken Europas, las ich im Sommer 1997 zum ersten Mal Gedichte von Ghérasim Luca und fing an, ihn zu übertragen. „Die verzweiflung hat drei paar beine …“ Die kürzeste Erzählung in meinem Band „Feuerland“ heißt „Tauchen“ und spielt in Marseille – sie ist ursprünglich ein ausgegliedertes Kapitel aus „Ein langsamer Sturz“, doch ich habe die Geschichte 15, 17 Jahre lang immer wieder bearbeitet und umgeschrieben. Ich war dafür immer wieder in Marseille, zumindest in meiner Vorstellung. Hier nahm mein Leben eine Wendung, die nicht abgefälscht werden konnte durch Geldverdienenmüssen und das Unheil der sogenannten Sachzwänge. In Marseille erfuhr ich im Januar 1998 vom Tod meiner Großmutter. Im Januar 2011 reiste ich mit einer Delegation des PEN nach Sanary-sur-Mer, um eine Plakette zur Erinnerung an deutschsprachige Exilautoren zu enthüllen, eine Reise, die auch nach Marseille führte, zu einer Lesung in einem Café am Alten Hafen. Ich sah im Panier, dem alten Korbmacherviertel, wo heute größtenteils Nordafrikaner leben und Künstler ihre Ateliers haben, die Straße wieder, in der meine Wohnung seinerzeit war. Marseille ist meine Nekropole. Fast alle Freunde, mit denen ich je dort war, sind keine Freunde mehr. (27.1.)

Fotos: Treppe zum Bahnhof Marseille-St. Charles (1), Bibliothek des Centre international de poésie Marseille (2), Rue du refuge, Marseille (3)

A so chli gsi

„Dass wir das Leben unserer Eltern nur unzureichend erfassen, sagt nichts über ihr Leben aus. Nur über unser eigenes. Es ist höchstens ein Ausdruck von Respekt, wenn man anerkennt, dass man nicht alles weiss, Kinder haben ohnehin einen verengten Blickwinkel auf alles, was sie umgibt. Das Nichtwissen hingegen, das blosse Spekulieren über das Leben eines anderen lässt diesem Leben die Freiheit, mehr zu sein, als es wirklich war“, so Richard Ford in seinem „Memoir“ vom Leben seiner Eltern, „Between Them“, „Zwischen ihnen“, übersetzt – immer wieder sehr glücklos – von Frank Heibert.

In der Nacht scharrt das Bergland ans Fenster, und du wachst auf und bist wieder Kind, verwandelt vom Regen. Am Morgen überall der Schnee auf den Feldern und in den Wäldern. (Looren, Zürcher Oberland, 17.1.)

„Drr Chella Gotfritt!“, ruft eine so kleine wie breite Schweizerin, als sie im Kunsthaus Zürich in den Saal platzt und ein Bildnis Gottfried Kellers erblickt. „Drr isch a so chli gsi!“ So klein sei der gewesen! Und die Beule von Frau zeigt auf ihren sich in den Raum stülpenden Bauchnabel.

Jacottets Gedichte gelesen, eingeschlafen über dem silbernen Leuchten des Zürichsees.

Noch einmal Ford, in seiner Vorbemerkung zu „Between Them“ notiert er: „Das Eindringen in die Vergangenheit aber ist in jedem Fall eine heikle Sache, weil die Erinnerung uns zu den Menschen machen will, die wir sind, und immer wieder halb daran scheitert.“

Am Leben, d. h. zu zweit

Große Begeisterung, und man umringt mich und strahlt mich an, als ich nach meinem allerersten Supermarkteinkauf fünf Bonuspunkte an dem vor sich hin bimmelnden Apparat am Ausgang gewinne. „Es funktioniert! Sie sind ein Glückspilz!“, ruft eine Frau guttural aus, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten hier einkauft. (Lenzburg, 9.1.)

„Sie berücksichtigen besser das dialektische Prinzip so einer Neonröhre“, sagt der Elektriker und schaltet das Licht an, aus, an, aus.

„Alles rückt näher zusammen. / Alles will miteinander sprechen.“ Christian Saalberg

Jeder weiß, hier ist nirgendwo.

Wie leben, ohne ab und zu dich zu versichern bei Neil Young, dass du noch am Leben bist, d.h. zu zweit? I’ve been first and last / looking how the time goes past / but I’m all alone at last / rolling home to you.

„Wenn ihr mich zu Gesicht bekommt, lasst es gut sein. Das bin nicht ich.“ Henri Michaux

Im Haus nebenan, bei Müllers, im Müllerhaus, ging Hermann Hesse ein und aus. Sehr großes, sehr gediegenes und feines Haus, fein im besten Sinn. Haus fast ganz aus Fenstern. Ich stelle mir Hesse vor, wie er hinaussieht, aufs Schloss oben am Hang. „Mal bissi gehen“, sagt er.

Drei Besichtigungen

Eigentlich, im Grunde genommen, ja in der Tat – en faite –, hast du nie zu denken gelernt. Du kannst nur lesen und schreiben – nur? Du liest – vergeblich – in den Gedanken anderer, du schreibst, um nicht denken zu müssen. Die Wörter, die Sätze, die Silben und ihre Klänge setzen sich, wie Sternbilder vor den leeren Raum, vor deine Gedanken – so scheint es, so scheinen sie. Und womöglich ist das – alles – ein Merkmal, ein Denkmal des Dichterischen. Hier würde das Denken beginnen, beginnen können.

Bleib eigen. Gestalte den Rand, das Ufer. Denn mit dem Strom schwimmen nur die toten Fische. (6.1.)

Besichtigung der Wohnung eines Verstorbenen – als schrittest du eine Viertelstunde lang durch dreieinhalb Zimmer im Jenseits. Alle Gegenstände sind nicht mehr ganz anwesend, wirken, als wollten sie unbedingt erzählen – nicht von ihnen, sondern ihrer Geschichte mit dem Menschen, der hier lebte und sie täglich in die Hand nahm –, ehe sie verschwinden müssen. Im Aufstellrahmen Fotografien von einer schönen Frau in einem schönen Licht, einer für immer anziehenden Toten, vorausgeschritten in die norddeutsche Unterwelt. Und in den Bücherregalen die wirklichen Landkarten, die Romane eines Lebens, Proust, Lawrence, Lowry, Fontane, Hemingway, Hammett. Der Sohn des Toten ist der eigentlich, der einzig Leblose: „Nehmen Sie alles mit“, sagt er tonlos, ohne Herz, mit kalter Visage. „Ich habe nicht vor, noch einmal herzukommen.“ Und mag der Tote auch ein Scheusal gewesen sein. Seine Habseligkeiten haben es mit ihm ausgehalten.

Wer hier liest

„Sind Augen Organe?“, fragt das Kind.

Um Totgeräusche auszuschließen, schneide er sehr leises, kaum hörbares Rauschen in die leeren Räume zwischen Sprechaufnahmen, sagt der Toningenieur. Todgeräusche. Der Todingenieur. (Winterhude, 20.12.)

„I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist“ Destroyer, „Sky’s grey“

Zum Zwiebelschneiden setzt sie die Sonnenbrille auf.

Seit Monaten auf dem Nachbarbalkon die achtlos bei Wind und Regen liegengelassenen Pflanzen, die umgestürzten Kübel, die Erde, der schwarze Mulm. Manchmal treten sie heraus unter den Nachthimmel, die Mieter (die keine Bewohner sind), stoßen an mit Sekt (oder, uh, Prosecco), lachen, feixen, glotzen herüber (und ich strecke den Zeigefinger aus, hebe den Daumen und krümme den Zeigefinger), bevor sie wieder hineingehen zu ihrer nichtswürdigen Abendserie, ihrem schwarzen Mulm.

„Warum sich abgeben mit Leuten, die dich immer bloß traurig machen?“, fragt das Kind.

Wer hier liest, begibt sich auf Grasgebiet. Hier herrscht nichts und niemand, d. h. das grüne Gras. Hier mäht keiner den Rasen. Hier werden Rasenmäher in die Luft gesprengt. Wir wachsen, das Gras und ich, und liest wer hier herum, so muss er mit, so muss er mitwachsen. Lass, Grasleser, Deinen Dünkel, der bloß Angst vor dem Nichtverstehen, d. h. vor dem Unbekannten, d. h. vor dem Sterben ist. Hier trabt das Gras. Hier ist der Hass zu Ende. You are leaving the prejudice sector. Alles wird grün, allem wird grün vor Augen. Wir wehen im Wind, und der ist Atem, wessen auch immer. (3.1.2018)

Steg

Die Stühle sind angekommen!
    In Reihen stehen sie im Licht
des Saals, als könnten sie sich
    unauffällig geben und davon-
laufen, sobald jemand vergisst,
    die Tür zu schließen. Genauso
wartet das Licht. Es sinkt auf die
    Stühle. Wer später darauf sitzt,
weiß das dunkle Holz ebenso gut
    (ebenso wenig) wie irgendeiner
sonst. Aber das ist ja zum Glück
    auch überhaupt nicht die Frage,
du Stuhlforscher! Ahnen die Stühle,
    wer auf ihnen Platz nehmen wird?
Ahnt es irgendeiner? Wer denn? Wo
    ist der Weg, der Steg aus Licht quer
durch den Saal der ganzen Ignoranz?

Meine Saturn-Anrufe

„Code Is Poetry“ – der Slogan eines der wichtigsten Web-Providers (oder so) macht deutlich, wie vereinnahmt (die) Poesie bereits ist. Gibt es poetische Strukturen, die dem Zugriff durch die massenabhängigen Medien standhalten?

Dein eigentlicher Job: Beobachtung der Gerechtigkeitsgrenze. Im Ernst?

Nein. Aber „redundant“ ist eine prachtvolle Berufsbezeichnung! „Und Sie, was machen Sie so?“ – „Ich bin redundant.“ Oder für die Schnittigeren unter uns, die ja eher häufiger denn seltener werden: „Ich bin Redundant, versteht sich, Oberredundant!“

Der Freund sagt am Telefon, es gebe einen Hund dort in diesem Haus, der sei wie er.

Christian Saalberg nannte sich so nach seinem Lieblingsort in der Kindheit, dem niederschlesischen Saalberg, heute Zachełmie im westpolnischen Jelenia Góra. In seinem frühen Gedicht „Saalberger Sommer“ beschreibt Saalberg den Ort, lädt ihn sinnlich auf, verpuppt ihn in den Fäden seiner Erinnerung. Die vierte (und in der überarbeiteten Fassung letzte) Strophe des Gedichts schließt:

Hinter Wall und Staketen nistet
Unberührbar der Sommer, meine Geliebte,
Hütet mein Wort das Schweigen ein.
Weiß und immergrün steht das Haus,
Gesäumt von der strömenden Zeit,
Gelassen auf blättrigem Grund.
Saalberg. Das soll dein Name sein.

Wohlgemerkt, es ist nicht der Dichter, der sich selbst hier anspricht und seinem poetischen Ich den Namen des geliebten Ortes zuweist – vielmehr erhält der Ort den Namen, ganz so, als hätte er zuvor anders geheißen oder irgendwie heißen können. Dennoch – und hierin besteht Saalbergs hohe Kunst, die er über die folgenden Jahrzehnte immer weiter verfeinert – rücken Ort und Kind, Erinnertes und Dichter hier merklich zusammen. Die poetische Parabel biegt sich der Welt zu. – Benannt nach dem Lieblingsort in der Kindheit, wie würde dann ich heißen?

„Die Anerkennung meines Tuns, ein erstarrter See“, sagt der Freund.

Tel.nr. v. Saturn: 0221-22243123.

Wulin

Von den binnen Wochen erbauten Wolken-
    kratzern hängt das Grün aus dem Himmel
in die Straßen hinunter. Alte mit einem Eisberg
    aus Styropor fahren vorbei, und in den Augen
der Kinder liegt die Tiefe der konfuzianischen
    Zeit. Kummer ist eine Art schwerer Zweifel.

Eine Reklame, groß wie eine Schule, bunter als
    die Nacht unter Vögeln: Betrink dich im Bezirk
Wulin! Spür den Wind dort! Die schlaflose Stadt
    ist das Paradies! Im selbstfahrenden Bus nach
Wulin. Der eingeschlafene Fahrer, dem ich den
    Anorak über die schlotternden Beine breite.

Kanalbaumuseum, Schiffbaumuseum, Vögel-
    museum, Scherenmuseum, Messermuseum,
Wundenmuseum, Schießpulvermuseum, Katzen-
    museum, Tannenbaummuseum, Regenschirm-
museum, Regentropfenmuseum, Tränenmuseum.
    Komm nach Wulin! Bleib in Wulin! Für immer!

Reste von Licht

Nach 37 Jahren wurden heute die stillstehenden Triebwerke der in die Weite des Alls hineinfliegenden Raumsonde Voyager 1 erstmals wieder gezündet. 1980. Ich war 15. Zwei Wochen zuvor hatte ich meinem Vater ins Gesicht gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Im Jahr darauf verließ der Tyrann mein Leben und überließ mich den Scherben meines Gemüts. Ich fing an zu schreiben. Ich fing an zu lieben. Ich fing an zu rauchen. Die 37 Jahre alte Software an Bord der Voyager soll tadellos funktioniert haben. Die Dunkelheit, die Stille, in die man hineinfliegt. So ist die Zeit. So bin ich. So bist du. (4.12.2017)

Eine neue Steuernummer. Im Brief des Finanzamts wird mir auch die Bezeichnung meines Betriebs mitgeteilt: Selbst. Journal. Pressefot. Richtig muss sie lauten: Selbst. Gras. Irrt.

Morgen in Kiel. Mit dem Blick auf die Förde aufgewacht, und da kam tatsächlich gerade der große Dampfer des Lichts hereingefahren.

„Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte deiner Seele.“ Franz Kafka

Und noch mal Kafka: „Nichts davon, quer durch die Worte kommen Reste von Licht.“

Manche, ja viele Erwachsene, Männer und Frauen, schaukeln, rollen, wackeln dahin wie kleine Kinder, die erst vor vielleicht Wochen oder wenigen Monaten laufen gelernt haben. Manche, nein viele Kinder gehen, schreiten dagegen vermeintlichen Erwachsenen ähnlich, hoch erhoben, den Rücken durchgedrückt, gravitätisch, Kraniche, Mischlinge aus Kran und Ich. Alle sind wir immer Kinder. Bleiben es immer. Tun alles, damit es unbemerkt bleibt, und scheitern darin minütlich. (8.12.)

Jede Nacht die Sterne

Jede Nacht zwischen halb
vier und halb fünf wachte er
auf und trat ans Fenster, und
stets war er da auch draußen
unterwegs auf der Straße,
als Hund vielleicht,
                                    oder
er schwankte als welkende
Stockrose an einem Zaun durch
das Dunkel. Er lag im Bett. Er
schlief und war zugleich
unterwegs unter
Bäumen.
                Lange stand
er im Zimmer am Fenster,
war ruhelos und lief so müde
wie unermüdlich, ob in seiner Stadt
oder einer anderen, zugleich
durch das schlaflose
Hereinbranden,
                              das Herein-
branden und -branden des Lichts
der Sterne. Das Sternenlicht.
Jede Nacht die Sterne.

Die gestohlenen Stunden

„Gestohlene Stunden“, sagt ein junger Maler (Handwerker) zu einem älteren in der U-Bahn. „Sie vergessen, dir deine Stunden aufzuschreiben, manchmal absichtlich.“ Die Poesie zieht sich zurück in die Gespräche der sogenannten einfachen Leute. Gespräche finden in sogenannten Intelektuellenkreisen gar nicht mehr statt. Schriftstellerunterhaltung heißt: Unmittelbarer Austausch Fehlanzeige. Wie das Telefonieren verlorengeht nach dem Briefeschrieben, indem wir einander (eigentlich aber uns selbst) Sprachnachrichten schicken (vorsprechen), geht der innige Austausch kaputt und verliert sich. „Gestern bin ich wieder allein rauchen gewesen“, sagt der junge Maler. „Ich stand an der Hecke. Kennst du ja.“ – „Allein, an der Hecke?“, fragt der ältere nach. Er schüttelt den Kopf. „Ja. War ein guter Moment. Aber mich ärgern die gestohlenen Stunden.“ (Berlin-Zehlendorf, 24.11.)

Der überall sein Rad mit hinnimmt – er hat Angst, nicht schnell genug wegkommen zu können. Er hat Angst vor dem Feuer, dem Lebensfeuer.

Auf dem Bahnsteig kommt dir der frühere Großstadtbürgermeister entgegen – an dessen Frau du gerade dachtest. Er wirkt wie ein weißer, alter, ein welker Schatten. So wie sie auf dem Podium, das greise Mädchen, die Erfolgsdichterin.

Reiß dir alle Wimpern aus. Wünsch dir, was zu wünschen ist. Es ändert nichts, es ändert nichts. Nur deine Augen werden frieren.

Auf der Straße zwischen den Mietblöcken streiten sich lautstark – und schubsen und rempeln einander – ein Paketkurier und ein Mieter, beide auf Arabisch.

Im Laden an der Ecke, erster Frostmorgen. Ein alter Herr, offenbar Witwer, erzählt mir vom Winter ’46, zwischen den „stockwerkhohen Trümmerhügeln“. (Eppendorf, 2.12.)

Traum, ich wäre ein wilder Hund und lebe in den Hügeln über einer Metropole. Wie der Lärm am frühen Morgen in die Bäume heraufzieht, gefolgt vom Qualm des Smog. Gestalte deinen Tag. Nie vergessen, welche Freiheit diese Freiheit bedeutet.

Foto: Alec Soth, „Dog Days Bogotá“, 2007

Grüne Kräne

Fenster auf Dunkles, die Stadt dort,
weihnachtlich beleuchtete Kräne – Zimmer
mit Ausblick aufs Jenseits. Im Park sieben
Stockwerke tiefer liegt der alte Stutt-
garter Friedhof, aber du fliegst da
nicht hinunter, gehst noch nicht
durch die Luft, und pfeift auch noch
so lockend ein tödlicher Adventwind. Du bist
noch ganz von der Welt umgeben. Die Kräne schwenken
grün durchs Dunkel, sie sind Wolkenkuckucke, sie
kokettieren wie Lilith mit dem Teufel. Last-
brennnesseln, die du fassen zu können
glaubst, indem man sie beherzt
packt, ohne Furcht.

Anmerkungen zur Ungerechtigkeit

Jonquillen kamen verhältnismäßig früh in die Gartenkultur, lese ich. Als Gartenflüchtling ist die Jonquille verwildert und bildet in Südfrankreich, Italien und Dalmatien – wer kann ihr das verdenken – wilde Populationen. Jonquillen, eine südeuropäische Narzissenart. Helmut Scheffel übersetzt ein schönes Wort in Claude Simons Roman „Die Schlacht bei Pharsalos“ so: „… jonquillengelb färbt sich der Dunst des Himmels.“

Welches Befremden in dem morgendlichen U-Bahnwagen, als das Mädchen am Fenster (vor dem Licht steht) lauthals singt. Ja, welches, welches Befremden, deines, unser, euer? Bist du überhaupt imstande, überhaupt befugt, so etwas zu mutmaßen? Vertrau(st) du deinem Gespür (?)! (Barmbek, 6.11.)

Ausgebootet. Die Hawkins-Bande meutert und übernimmt deinen Segler. Sie setzen dich in die alte Schaluppe. Und jetzt, was tun? Rudere ihr nach, solange du kannst, bleib ansprechbar, bleib in Rufweite. Viva, Hispaniola!

Erstes weißes Licht. There he goes again. Wilder Winter. Wieder Winter. Widerwinter.

Zwei Krebsleiden muss jede Liebe überleben: Ironie und Antizipieren.

Der Dichter, der mit seiner Familie auf dem Land wohnt und in der Stadt ein kleines Pflegedienstunternehmen leitet, das er selbst gegründet hat und von dem sie alle leben, er ist am Abend, bevor er wie üblich den Zug nahm, in dem er für gewöhnlich weiterschreibt an einem Gedicht, in seinem Büro überfallen und verletzt worden, sodass er operiert werden muss. Was sagt das aus, sagt es etwas aus über die Ungerechtigkeit? Oder die Barmherzigkeit? Gar nichts? Was würde dann überhaupt etwas aussagen? (Barmbek, 16.11.)

„,Mit jemand wie dir ist kein Staat zu machen.’ – ,Das will ich auch hoffen.’“ Peter Handke

„Das Erinnerungsvermögen des Eises“, sagt der Glaziologe. (Innsbruck, 20.11.)

Wenn ein jeder dir ungerecht gegen dich erscheint, zieh in Erwägung, dass dein Gerechtigkeitssinn dich trügt. Immerhin gut möglich, dass in Wahrheit du es bist, der gegen dich ungerecht ist. (Nein.) (Doch.) (Nein!) (Doch.)

Im Sargzimmer

Nur erfolglose Vertreter und mittel-
mäßige Autoren bringt man so unter,
zumindest in Berlin. Die Hauptstadt?

Nicht deine. Deine Hauptstadt ist eine
unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort
rauschen die Bäume, braust der Regen,

sind die Tiere freie Bürger, ist verkappter
Selbsthass unbekannt. Im Sargzimmer
der deutschen Hauptstadt weißt du es

wieder, du bist nicht besser als jeder
ausrangierte Güterwaggon, abgestellt
an einem Feldrand an der polnischen

Grenze oder tief in Belgien irgendwo.
Niemandszüge rattern vorüber, und
einer wird kommen, dich anzukoppeln,

wart’s nur ab, zwei, drei Jahre noch, und
Schluss! Du horchst. Von Wand zu Wand
sind es anderthalb Meter. Träum schön.

Unterwegs unter den Bäumen

Berlin, im Sargzimmer. Nur erfolglose Vertreter und mediokre Autoren werden so untergebracht, zumindest in Berlin. Hauptstadt? Nicht die meine. Meine Hauptstadt ist eine unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort rauschen die Bäume, braust der Regen, sind die Tiere freie Bürger, ist der verkappte Selbsthass unbekannt. In dem Sargzimmer der deutschen Hauptstadt weißt du, dass du nicht besser bist als ein ausrangierter Güterwaggon, abgestellt an einem grauen Feldrand an der polnischen Grenze oder tief in Belgien irgendwo. Niemandszüge rattern vorüber, und einer wird kommen, dich anzukoppeln, in zwei, drei Jahren. Horch! Du lauschst. Von Wand zu Wand sind es anderthalb Meter. (Charlottenburg, 19.10.)

„Jedes Tagebuch“, sagt das Kind, „besteht aus Briefen, die unbeantwortet bleiben.“

Bitte achten Sie darauf, dass sich auf Ihrer Kleidung keine Schmetterlinge befinden.

„Wirr sind das Volk! Wir sinnt das Volk!“

Das Problem des Fränkischen ist das Fränkische. Eine außerfränkische Welt scheint es von Franken aus betrachtet lediglich in Form von etwaig zu beliefernden Betrieben zu geben. Mirr sinn mirr. Über die außerhalb Frankens bestimmt irgendwo liegende Außenwelt wird das fränkische, das frängische Schweigen gebreitet. (Nürremberg, 25.10.)

Jede Nacht zwischen halb vier und halb fünf wachte er auf und trat ans Fenster, und stets war er da auch dort draußen auf der Straße unterwegs, als Hund vielleicht, oder er schwankte als welkende Stockrose an einem Zaun durch das Dunkel. Er lag im Bett. Er schlief und war zugleich unterwegs unter den Bäumen. Er stand im Zimmer am Fenster, war ruhelos und lief so müde wie unermüdlich zugleich durch die Straßen, ob in seiner Stadt oder einer anderen.

Die Immortellen

Die Nebelbänke in den Talsenken und Mulden westlich von Strasbourg – durch die ich hindurchrausche mit 307 Stundenkilometern.

Nach Nietzsche muss „eine große, feste Glocke von Unwissenheit um dich stehn“. Es sei nicht genug, einzusehen, in welcher Unwissenheit Mensch und Thier (!) leben würden – „du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und hinzulernen.“ Es läutet. Und ich glaube ihm nicht, diesem Bildergeklingel von der Kanzel herab. (Mein Fuchs aber weiß nichts, er lächelt.)

In den Gärten, die zur Yvette hinunterführen, hängt im Sprühregen die Wäsche. (Gif, 1.10.)

Der Leichenwagen kommt und schiebt – langsam, ungeheuer, wie in meinem Gedicht … – das Heck vor das Kirchenportal. Dort stehen im weißen, bis zu den Knöcheln reichenden Alben zwei Ministranten und weinen. Aus einem Kleinbus steigen die sechs Sargträger (und spätestens jetzt hätte ich vor einiger Zeit noch begonnen, ein Gedicht zu konzipieren). Sie schultern den hellbraunen Kasten mit dem Leichnam darin: Das Gewicht lässt einen Lidschlag lang den Toten sichtbar werden, wie er oder sie noch am Leben war. Dann erlischt die barmherzige Vorstellung. Der Ruck auf die Schultern ist das Menschliche, das keines Prinzips bedarf. Im Kasten schlägt der Gestorbene mit der Stirne kurz gegen das Holz. Sobald der Sarg auf den Schultern ruht und ihr Weg die Träger an den weinenden Messdienern vorbei in die Küche führt, legen sie jeder die freie Hand, den Handteller nach außen gewendet, auf den Rücken. Seltsam bleibendes Bild von dem Toten im Sarg, der das alles miterlebt.

Unterhalb der Friedhofsmauer, auf Kopfhöhe mit den im Erdreich (selig, unruhig) Schlafenden, trabt ein Pulk Sportler durch den Abend und weiter, hinaus aus dem Ort, wo über den die Hügel hinaufstrebenden Wiesen voller Ginster, Taxus und Immortellen schon die Nacht wartet. Die Toten wachen auf von dem hellen Lachen und Johlen der Lebendigen. Die Blumen auf den dunklen Gräbern drehen die Köpfe an ihrer Statt, ich habe es nicht mit eigenen, aber fremden Augen gesehen.

Unter dem tschilpenden Baum in der abendlichen Stille die Dorfjugend am Tisch im Freien. Ils se racontent. Die Immortellen rasseln. Ils se racontent. (Volx, 3.10.)

Frei zu sein, das heißt auch frei zu sein von Dünkeln, Hassen, Angst oder Kummer haben.