Das Gras

Die sieben Unwirklichkeitsschichten

Sturm in Clichy. Überall auf den Trottoirs liegen E-Roller herum.

Verregnete Unterkünfte. Etablissements pluvieux. (Paris, 7.6.)

La Défense, das ich nur von den alten Fotos von Peter Handke kannte, wirkt heute wenig Banlieue-artig, beinahe akkurat sogar. Nichts in Paris kann es mit der Rauheit von Marseille aufnehmen.

Der Bus bringt uns von Nanterre über La Défense weiter nach Westen in die Vororte an der sich durch das Land und Richtung Atlantikküste mäandernden Seine. Die vermüllten Ufer. Die von Pragmatisierung und Zergliederung vernichteten Treidlerpfade, die noch einige Jahrzehnte lang dem Laufen und Gehen gedient haben werden. In dieser Zeit malten hier Sisley und Monet, die als „Augenblicksanbeter“ verkannten Impressionisten, die auf ihren Bildern nicht selten in Wirklichkeit Eindrücke von der Einfachheit der Menschen, der Flussschiffer, der kleine Leute in Bougival, Louveciennes, Le Port-Marly und anderen, heute völlig ausgehöhlten und zuschanden gegangenen Orte festhielten. (Le Port-Mary, 9.6.)

Du musst die sieben uns aufoktroyierten Unwirklichkeitsschichten durchbrechen, mit deinen Kopf- und deinen Herzwerkzeugen sie durchdringen, dann erkennst du, wie wichtig alles Zeitliche ist, was für ein Witz es ist, was uns verkauft wird als „Zeitkolorit“.

Über das Erdbeerfeld fliegt blechern summend eine Drohne.

Auf dem ehemaligen Schrebergartengelände, wo eine U-Bahnstation errichtet werden soll, wächst zum letzten Mal wilder Mohn.

The National – Boxer

Der Straßenunterhaltungsdienst!

Als der Zuckerkranke sich eine Insulinspritze in den Bauch sticht, steht die dunkelhäutige Frau auf und entschuldigt sich bei ihm. (Lokstedt, 22.6.)

„Maybe in the morning when I first wake up I am sometimes free.“ Robert Frost

Gespenst

In den Büchern von dir
Unruhe und Gesicht

immer noch die Lese
-zeichen in Streifen

zertrennte Matrizen
der Geschäftsbücher

meiner Großeltern
in Litzmannstadt

dem umbenannten
überrannten Łódź

Beide sind sie tot
so wie du Tadeusz

Und ich lebe Lese
Zahlen und Ziffern

Tara Saldo Skonto
Zahlen 1941 1943

In ihren Ordnern
für Außenstände

Mahnungen uner
-ledigte Transfers

sind abgeheftet
meine Gedichte

Entwürfe datiert
Juni 91 Mai 93

Ihre Hochzeit
1940 in Łódź

ihre Gesichter
die Heiterkeit

meine Unruhe
Haben und Soll

Soll und Haben
das Gespenst

das ich erbte
Gespenst des

Nichts Nichts

*

Aus: Różewicz-Lieder

Die Scheunenschwalben

Wer im Jahr darauf aus einem Hotelzimmer in denselben Garten sieht wie vorigen Sommer – der sieht zunächst den Garten kaum, sondern blickt in sich hinein (in den Garten im Innern? Ja.) und versucht, die Jahreszeitenabfolge nachzuholen. Dann aber ist der Garten vor dem Fenster umso wirklicher, ja ist wieder wirklich geworden. (Wilhelmshaven, 20.5.)

Bolzplätze gab es – und es gibt sie noch immer, denn sie sind ewig auf ihre Weise, unverwüstlich –, die waren mir ein innigeres Zuhause als Elternhaus, Schule, Haus von Verwandten oder Freunden. Waldwege, Hohlwege, Wiesen, Heckenwege, ihr ebenso. Die Liebe zu meiner Großmutter ähnelte diesen Empfindungen. Spinozas Geborgensein. (Jever, 22. Mai 2019)

Zwei Tage lang beobachte ich gegenüber den Krankenhausneubau, das Ein- und Ausgehen der Leute. Das Gebäude besteht fast zur Gänze aus Fenstern, und so sehe ich die Männer und Frauen und Kinder, wie sie das Haus betreten, wie sie den Fahrstuhl nehmen, und durch einen der oberen Korridore bis zu einem Zimmer finden, in dem sie verschwinden, als Patient, als Besucher, als Arzt oder Ärztin. Als ich mit dem Kind telefoniere, gehe ich durch die Sonne, die Straße entlang, bis vor den Krankenhaushaupteingang, und durch das Gebäude hindurch kann ich gegenüber mein verwaistes Fenster sehen. (Delmenhorst, 23.5.)

Der Literaturbetrieb ist es, der eine der Zeit, in der wir leben, angemessene Literatur verhindert.

„Überall Honigblumen“, sagt das Kind beim Anblick des ersten Rapsfeldes. (Fehmarn, 30.5.)

Jeden, jede, ein jedes wertschätzen, das ist die Lösung. Oder wäre es – denn Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit, ist Einvernehmen.

„Ich liebe Ekel!“, ruft das Kind im Watt.

Die Scheunenschwalben – sie segeln herein durch das offene Tor, flattern umher, „rütteln“ vor der einen Spaltbreit offenstehenden Stalltür – und stürzen durch den Spalt hinein, mit für einen Sekundenbruchteil im Flug angelegten Flügeln.

Abends eine Viertelstunde lang um die Häuser ziehen, Kippen sammeln, sie zu Haus prüfen und sortieren, die Aschenkruste wegschneiden – und die guten drei auf dem Balkon rauchen, dabei den Vögeln im nächtlichen Innenhof lauschen – gute alte Barmbeker Sitte.

An der Ampelkreuzung steht der Pastor des Viertels mit seinem Fahrrad und spricht mit einer Alten, hört ihr aufmerksam zu. Selten geworden, womöglich schon immer selten gewesen: das Innehalten, das Zuhören, die Zugewandtheit.

Heckenweg

Ein verregneter, kühler Mai, das Relikt eines endlos anmutenden Winters. In den Titisee und Schluchsee prasselt der Regen, und am Ufer stehen nur einige versprengte Wohnmobile, in denen du trübselig dreinblickende Seniorenpaare siehst, die nicht glauben können, dass dies die Welt ist, die im Alter auf sie gewartet hat. Aber so ist es. Der Ruin ist offenkundig.

Werner Heisenbergs erster Eindruck von seinem Mentor und Lehrer Niels Bohr: „Bohr sprach ziemlich leise, mit weichem dänischem Akzent, und wenn er die einzelnen Annahmen seiner Theorie erklärte, so setzte er die Worte behutsam, sehr viel vorsichtiger, als wir es sonst von Sommerfeld gewohnt waren, und fast hinter jedem der sorgfältig formulierten Sätze wurden lange Gedankenreihen sichtbar, von denen nur der Anfang ausgesprochen wurde und deren Ende sich im Halbdunkel einer für mich sehr erregenden, philosophischen Haltung verlor (…) Es war ganz unmittelbar zu spüren, daß Bohr seine Resultate nicht durch Berechnungen und Beweise, sondern durch Einfühlen und Erraten gewonnen hatte und daß es ihm jetzt schwerfiel, sie vor der hohen Schule der Mathematik in Göttingen zu verteidigen.“

Lesen, Übersetzen, Miteinandersprechen – andere Formen der Bildung fallen mir nicht ein. Da die meisten Leute nicht übersetzen und die meisten Leute auch nicht mehr lesen, zumindest kaum noch Bücher, wirkliche Bücher, sind sie aufs Sprechen angewiesen, um die Welt kennenzulernen und etwas zu erfahren von Weite und Tiefe der Zeit. Aber auch das Sprechen ist dabei, verloren zu gehen.

Talk Talk – It’s my life

Seine Zunge blutete mit einem Mal. „Heckenweg“, sagte er. Als er das Wort einmal in den Mund genommen habe, da habe seine Zunge angefangen zu bluten. „Und seither“, sagte er, „blutet sie immer, sobald ich es sage.“ – „Das Wort ,Heckenweg‘?“ – „Ja.“ Die Zunge hatte aufgehört zu bluten. „Sag es“, sagte ich. Und er sagte: „Heckenweg“ – und ich sah, seine Zunge blutete wieder.

Die Hotelinhaberin deckt den Frühstückstisch im Garten, wo du dich niederlässt und dir die erste Sommermorgensonne des Jahres auf die Haut scheinen lassen kannst. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich“, sagt die ältere Berlinerin. „Bleiben Sie, solange Sie mögen. Einzige Bedingung: Bewundern Sie meine Rosen.“ (Berlin-Friedenau, 18.5.)

Konzertina

I will walk and talk in gardens all wet with rain
Van Morrison

In der Nacht
auf einmal
der Regen,
Rauschen, der
Geruch. Kein Vogel
mehr sang, dafür jetzt
er, Regen spielte rasselnd
auf seiner Konzertina,
ich bringe Wasser,
sang er, schon komisch!
Er sang: Dann hast du es nasser.
Gib du mir dafür Augen,
ich bin ja so blind
wie der Wind!
Ich trat auf
den Balkon, wusste
auf der Stelle, was er meinte,
jemanden wie mich wollte er sehen,
in meiner ganzen unwahrscheinlichen
Pracht mich, durchnässt bis
aufs Geäst oder besser
die Knochen, gut,
um die ging es
weniger, weil Knochen
braucht er anscheinend keine.
Hat der Regen etwa Beine?
Nein. Ich fragte ihn, ob
er festhält an uns.
An euch, sang er, was!
Euch, weshalb denn das!
An euch Verwüstern, euren
vertrockneten Flüssen und
Trockenfutterbetrieben?
Halten? Hab ich Hände?
Von wegen! Ende Gelände!
Ihr solltet alles lieben, oder
verdunstet, Himmel eins.
Haut ab! Festhalten!
Vorbei, sang der Regen
und tanzte zu seinem Lied
auf der finsteren Konzertina.
Nur ich würde ihm fehlen,
rief er. An dir, ja an dir
halte ich fest, bis der Tag
es wieder Tag sein lässt –
und er klimperte weiter,
Tropfen für Tropfen,
heiter das Regenlied,
glücklich und lebendig
mit unsichtbaren Fingern
auf seiner dunklen Konzertina.

Responsibilty

Kalter Wind weht durchs Val Durance, das Durance-Tal. Die Schnecken des Frühjahrs wissen, dass sie sterben müssen (sie haben es mir gesagt) und verkriechen sich (um es hinauszuzögern, denn sie lieben es zu leben) bei gleißendem Licht im Schatten der alten Mauern, die ihnen mütterlich erscheinen.

Der Handwerker schmirgelt die Haustür ab, zum ersten Mal seit bestimmt 150 Jahren. Morgen soll die Tür gestrichen werden – Midouze-blau, so blau wie (nur) der Fluss Midouze in den Landes im Südwesten Frankreichs.

Der tanzende Vogel aus Moustiers, Wappentier zahlloser Abbildungen aus Moustiers-Sainte-Marie, er scheint um sein Leben zu tanzen, gelb-weiß-blassblau scheint er zu lächeln, scheint lächelnd aufzuflattern, lächelnd dahinzuschreiten, kranichartig, storchähnlich, scheint um die Dinge zu schreiten und zu tanzen – wie um sie unter allen Umständen zu bewahren.

Zwitschernd, flötend, trillernd, schreiend und kreischend am Vormittagshimmel die ersten Schwalben über dem Ort. (Volx, 1. Mai)

„Sonnenmilch ist für die Leute aus dem Norden, les gens du Nord, die Pariser.“

„Ich liebe dieses Insulin“, sagt mein Diabetologe.

Mohnblüte bei Mistral. Millionen Maiglöckchen.

Arbouretum – Coming out of the fog

46 Millionen US-50-Dollar-Banknoten wurden gedruckt und in Umlauf gebracht, auf denen im Wort RESPONSIBILITY das dritte i fehlt: RESPONSIBILTY. Verantwortlichkeit. Verantworlichkeit. Wer trägt dafür die Verantwortung? Ein Mitabeiter der Notebank wahrscheilich. Glücklicheweise ist ja so viele fehlehaft. (11.5.)

Chez Ollier – der Kellner, der Garçon des Lokals in Lourmarin, in dem Albert Camus seinen Apéritif zu trinken pflegte, nannte den Nobelpreisträger „Monsieur Terrace“, um ihn vor anderen Gästen nicht bloßzustellen. Camus’ Terrasse ist eine halbrunde und blickt auf das grüne, hügelige Hinterland in die Weite des Val Durance. Riesige lichtdurchflutete Linden stehen vor den Fenstern des von der schmalen Eingangsfront aus gesehen bescheiden wirkenden Hauses in einer Nebenstraße. Es mutet wie eine Festung im Idyll an, bewehrt von Zypressen links und rechts der Terrasse.

In Russland, in Moskau, ist ein notgelandetes Passagierflugzeug in Flammen aufgegangen, wobei 41 Menschen starben – weil „betuchtere Fluggäste“, wie es heißt, ihr Handgepäck retten wollten und dadurch die Fluchtwege versperrten.

Ob es wohl unter den Schwalben, die am Abend über den Häusern ihre Kreise ziehen in einem unauflösbar scheinenden Schwarm, einzelne Vögel gibt, die sich langweilen dabei, am liebsten ausbrechen, abseits für sich allein fliegen würden?

In jeder Favela halte ich mich lieber auf als in irgendeinem Flughafen.

Vom Aussterben bedroht: eine Million Tierarten.

Auf dem Weg zum Geldautomaten geht man noch am Friedhof vorbei.

Hinein in mein Forsythiengebüsch

Scott Walker ist gestorben. Jede Woche brechen von meiner Antarktis Eisberge ab, groß wie Städte, die ins Jenseits treiben. Vor 24 Jahren stellte Walkers Album „Tilt“ für mich alles auf den Kopf, was ich bis dahin für Musik hielt.

„Propaganda“, sagt das Kind. „Accessoires.“ Und „Edward-Mango.“

Gleisarbeiter an der Strecke sehen immer wie Matrosen an Deck aus.

Tears for Fears – The hurting

Wie die Elster sich am Morgen in das Forsythiengebüsch stürzt, Füße mit kleinen spitzen Krallen daran voran, die Flügel aufgespreizt – so stürzt du dich am Morgen auf die Arbeit an der Übersetzung von Joseph Conrads „Narzissmus“-Roman. Kann das der Sinn des ganzen Aufhebens sein? Nein. Aber es ist immerhin ein Teil davon. Und es ist besser so, als es nicht zu machen. (3.4.)

Im exakten – oder natürlichen – Gleichschritt überqueren zwei junge Mädchen die Straße, ganz in Schwarz, mit langen Beinen, wie ein Rappe.

„You can always come back, / but you can’t come back all the way.“ Bob Dylan

Arbouretum – The gathering

Mogwai – Rave tapes

Hast du einen Schatten?

Zieh das Hemd an, an das du denkst, wenn du nackt bist.

Rufus Wainwright – Poses

Was man Hundebesitzern (und -innen oder *innen) nachsagt, nämlich dass sie ihrem Tier mit den Jahren immer ähnlicher würden – oder umgekehrt? –, das gilt auch für Bratschistinnen und Bratschisten und deren Instrument.

Der Versuch vieler Maler des Impressionismus, schon im Titel ihrer Bilder das Bild vorwegzunehmen (oder es auch darin zu malen). Georg Bernhard Müller vom Siel (1865 – 1939), geboren in Nordenham, Begründer der Künstlerkolonie Dötlingen in der Wildeshauser Geest, heute vergessen, damals schon vergessen, gestrandet in einer Irrenanstalt, nachdem er nur mehr comicstrip-artige Bilder voller Penissen malte, nannte eins seiner kräftigsten Gemälde „Blick zur Hunte im Gegenlicht“.

Umweltschutz kann nur der Anfang sein eines umfassenden Weltschutzes – zu dem auch der Unterweltschutz gehört.

Das lauteste und unbequemste Kind auf dem Osterfest auf Finkenwerder setzte sich, als es erschöpft war vom Toben und Schreien draußen im halb zertrümmerten Garten, in dem dunklen Hinterzimmer ans Klavier und spielte voller Zartgefühl ausgedachte Melodien. (19.4.)

„I’m crying like a window-pane / in the pouring rain.“ Wilco

Destroyer – Ken

Die sieben Mädchen, alle sechs, sieben Jahre alt, rennen kreischend und johlend das Treppenhaus hinunter und klingen dabei – wissen sie es? – wie ein Schwarm Schwalben.

Ein Slogan der Kirche, den ich nicht nur nachvollziehen, sondern unterstützen kann: TRAUERNDEN MEHR ZEIT, TOTEN MEHR RAUM!

Der Hirschberg

Es war der Hirschberg, nein ich weiß nicht mehr,
ob es der Hirschberg war, auf den ich so
hinaufgezwungen worden bin, da war
ich acht, neun, älter keinesfalls, der Stock,
den ich mir irgendwo am Weg hinauf
vom Boden aufhob, überragte mich
und ging, als ihn ein Mann mir wegriss, doch
dem Mann nur bis zur Brust.
                         Das weiß ich noch.
Sonst aber sind mir nur erinnerlich
ein seltsam tiefes Glücksgefühl und dumpf
der Trotz, aus dem sie aufgestiegen war,
die Wonne, nicht bloß Eigentum zu sein,
nein sondern einer, der es selbst bestimmt,
wohin er geht, wieso, mit wem, wem nicht
und wann.

          Es war ein grauer Nachmittag.
Vom Hirschberg – so es denn der Hirschberg war –
sah man ins Tegernseer Tal und sah,
dort unten, Wunder, lag der Tegernsee.
Der Hirschberg – „Hirsch?“ – war nur ein Schwarzes Loch
aus Koniferen, Fichten, Tannen, Kiefern, die
den Nebel zu erzeugen schienen, Dunst
und mich und Nieseln absorbierten. Was
ein Junge, so wie ich es war – ein „Hemd“,
ein „Mädchen“ – fühlte, dachte, glaubte, wo
die Unterschiede waren – schnuppe, schnurz.
Warum so viele Leute hier mit ihm,
mit seiner Mutter und mit ihrer so
den Berg hinaufmarschierten – schleierhaft.

Die Vögel stürzten durch den Tag, die Luft
war wie aus Wasser und ein Ende nicht
in Sicht. Da fing ich an, ich weiß nicht mehr –
da ist ein Loch in der Erinnerung –,
wie ich drauf kam, das Tempo anzuziehen.
Es muss der Trotz gewesen sein, der Zorn
darauf, hier mitgeschleift zu werden, doch
bestimmt lag aller Grund verwurzelt, bah!
in meiner frühen Kindheit, meinem Reich,
in dem ich mit den Dingen sprach, sie nicht
verstand, die Vögel dolmetschten und mir
kein Kauz mehr und kein Specht verständlich blieb.

Ich wurde schneller, schneller, schneller und
war bald schon außer Sicht, weg, hörte nicht
auf Rufe, Pfeifen, weder meiner Mutter noch
auf das Geflüster ihrer Mutter, das,
war ich mit ihr allein, nur sachte war,
Quatsch, es war warm und wirklich, liebevoll.
Ich lief aus Leibeskräften, das, nur das
ist die lebendigste Erinnerung
an diesen grauen Hirschbergnachmittag,
der, würde meine Mutter sagen, gar
nicht stattfand auf dem dummen Hirschberg, Gott,
was ist mein Sohn für ein Idiot.
                            Ich lief.
Ich hatte endlos lange Beine, und
ein Mann mit weißem Bart und Hut, auf dem
ein Vogel war, nein ein, zwei Federn nur,
ein Vogel aus zwei Federn, dieser Mann
riss mir den Stock weg, doch selbst das war gut.
Worüber Mutter sprach mit Mutter, mir
war das doch gleich. Ich wusste nicht, was Sinn,
Bedeutung, Zweck und Name waren, ob
der Hirschberg Hirschberg hieß, weil er mal Berg
voll Hirschen war. Ich wusste nicht mal, ob
die Sonne morgen aufging oder nicht,
ob es mich wirklich gab. Ich lief.
                             Ich lief.
An manchen Biegungen des Wegs ins Tal
sah ich den Hirsch, den Hirsch des Hirschbergs, nur
war der vielleicht bloß Lichtstreif, Nebel, Dampf,
an ein paar Stellen Spinnen im Gezweig,
ihr Spinnenantlitz warten und das Netz
voll Tropfenperlen hängend, während ich
der Mutter, ihrer Mutter und mir selbst
voraus ins Tal lief, mutterseelenfremd
voraus, des Stocks und aller Bindung an
den Regenschlamm des Wegs hinab beraubt.
Der Regen hämmerte sein Metrum ein
ins Holz der Bäume, die noch wuchsen und
die schon gestorben waren. Alles war
so durstig, hatte Durst wie ich, war froh,
dass es den Regen gab, der endlos schien,
er klopfte bloß und sagte ich – sie – ich –
bis er zu Ende war.

                 Ich wartete
am Parkplatz auf die beiden Frauen, und
ich wusste, was passieren würde, nur
passierte nichts davon. Sie schwiegen bloß.
Wir stiegen ein in unseren VW.
Wir fuhren heim. Bad Wiessee, Tegernsee,
dann Gmund und Finsterwald, fast bis nach Tölz.
Der Hirschberg blieb zurück und war vielleicht
in Wirklichkeit ein anderer, wie ich,
als ich in mir den Berg hinunterlief,
ein Jüngling oder Hirsch, ein junger Hirsch.

Erinnerungen an Jugoslawien 2/5

Das erste und einzige Mal war ich in Jugoslawien im Sommer 1991. Ich war 26. Ich hatte mich anderthalb Jahre zuvor entschieden, nicht zu studieren – es wäre nur ein Scheinstudium gewesen –, sondern stattdessen, angespornt von einem kleinen Literaturpreis, John Keats zu übersetzen, was ich dann von 1989 bis 1994 tagtäglich auch tat. Am Abend fuhr ich zu Patientinnen und Patienten, die ich als Altenpflegehelfer betreute, fuhr durch den Osten Hamburgs mit meinem alten Alfa Romeo, hörte in diesen Stunden Joy Division und New Order, Echo and the Bunnymen, Prefab Sprout, die Cocteau Twins und die unvergessenen Go-Betweens. Seit einigen Jahren hatte ich eine feste Freundin, die einen jugoslawischen Pass hatte, sich aber als Ungarin verstand, ihre Wurzeln lagen in der Vojvodina, den weiten Flächen der Batschka zwischen Novi Sad und Subotica, dort, wo Jugoslawien Richtung Ungarn strebte und wohl deshalb viele Menschen Ungarisch sprachen, ja sich als Ungarn verstanden – wenngleich ich – und hier rede ich von mir allein – gar nicht weiß, was das sein soll: ich als Deutscher. Als Deutscher habe ich mich nie verstanden. Ich dachte und denke von mir, dass ich Deutsch spreche. Das ist Bürde genug. Von allem anderen Deutschen habe ich mich sehr früh schon abgetrennt, in den Zweifel zurückgezogen – was nicht heißt, dass ich die Verantwortung von mir wiese, die in meinen Augen jedem und jeder einzelnen Deutschen mit auf den Weg gegeben ist. Der Begriff „Volk“ – ob nun „deutsches Volk“ oder ungarisches oder das von Peter Handke in seinen bei näherem Hinsehen und eingehenderer Lektüre bloß unsäglichen Büchern über Jugoslawien so oft beschworene „Serben-Volk“ (ein Begriff, den er heute wohl am liebsten ausradiert wüsste) ist seit meiner Lektüre der Bücher von Sebastian Haffner ein historisches Kuriosum, eine grausame Verbrämtheit.
Im Sommer 1991, am 25. Juni, erklärten sich Slowenien und Kroatien unabhängig. Die zehn Jahre anhaltenden Jugoslawienkriege begannen am Tag darauf, als von Serben geführte Truppen des staatlichen Militärs die Abspaltungsbestrebungen mit Gewalt zu verhindern versuchten. Ich muss unmittelbar in dieser Zeit mit dem Zug durch Slowenien in die von Serben kontrollierte Vojvodina gefahren sein, denn dort, nördlich von Novi Sad, in Temerin, lebte die Familie meiner Freundin, die sie und ich in diesem Sommer, ausgerechnet diesem, besuchten.
Es war allerorten eine immense Anspannung zu spüren. Viele Ungarn-Serben, die wir sprachen, zeigten offen ihre Verachtung für die Serben und äußerten ihre Enttäuschung angesichts eines im Vergleich ärmlichen Lebensstandards. In Temerin hatte es eine große jugoslawische Schuhfabrik gegeben, die aber seit geraumer Zeit keine Löhne mehr auszahlte. In dem Städtchen galt seither die Schuhwährung: Alles wurde in Schuhen bezahlt, Brot, Gemüse, Fleisch, Zigaretten, selbst Schuhe zahlte man in Schuhen. Ich erinnere mich an Alte mit Körben voller Schuhen. Ich erinnere mich an einen Nachmittag in Novi Sad, wo die wenige Jahre später von alliierten Kampfflugzeugen zerbombten Brücken über die Donau noch unversehrt waren. Feindseligkeit schlug mir entgegen, sobald klar war, woher ich stammte. Die Menschen in der vorwiegend serbischen Großstadt wirkten eingeschüchtert, verkniffen, wie beobachtet. Dasselbe in Belgrad, wenngleich dort, in der Hauptstadt, der Einfluss des Westens, der westeuropäischen und us-amerikanischen Kultur und Werte, unverkennbar war und viel an uns entgegengebrachter Abscheu milderte. Ich weiß noch, dass ich mir in einem Plattenladen am Zentralen Busbahnhof ein REM-Album kaufte, aber auch eine Aufnahme mit serbischen Gesängen, die mich entfernt an This Mortal Coil erinnerten. Hip zu dieser Zeit waren ja die bulgarischen Gesänge. Wir fielen auf alles rein, und das hatte sein Gutes.
Ich erinnere mich an den fürchterlich starken, in Regentonnen selbstgebrannten Schnaps Pálinka, ein Maulbeerschnaps, dessen fruchtige Schärfe mein Körper schmeckt und im Magen brennen spürt, sobald ich nur an den Namen denke. Ich erinnere mich an die größten frei laufenden Spinnen, die ich je mit eigenen Augen gesehen habe: Sie hingen unter dem Vordach des großmütterlichen Hauses in Temerin. Und ich weiß noch, dass wir in einem Nachbarort die Familie einer Tante besuchten, die mit einem serbischen Militär verheiratet war. Sie Ungarin, er Serbe, im Tarnanzug, beide Jugoslawen, zumindest bis auf Weiteres. Er gab sich staatstragend, hatte kaum Zeit für das Beisammensein, behandelte mich wie Luft. Ich dachte: Den als Vater zu haben, muss die Hölle auf Erde sein. Nichts als Strenge, Unabweisbarkeit, Rang, „Kampf“, „Ehre“, „Stolz“, „Treue“ zum „Vaterland“ und der ganze andere Dreck von ganz unten im Misthaufen der Menschheitsgeschichte.
Aber das waren nur Begegnungen mit Einzelnen. Von der Abspaltung Sloweniens kein Wort, und Kroatien schien es nicht zu geben. Ich habe die Freundlichkeit im engeren Kreis in Erinnerung. Die große Neugier und Aufgeschlossenheit der Kinder auf der Straße. Überhaupt schien das Leben zum Großteil im Freien stattzufinden, im Garten, auf den Plätzen, in den Straßen. Man sprach viel miteinander. Das beseelte mich. Das Köstliche der Speisen! Die vom Sommer ausgedörrten Früchte. Die Ironie für alles Westliche, die Hochachtung vor allem Deutschen, solange das den Fleiß meinte. Ich weiß noch, wie mich der Hang zur Beglaubigung von allem Alten verstörte.
Später, unter dem Eindruck der um sich greifenden Serben-Aversion, schrieb ich einige wenige Gedichte, denen ich heute eine gute Skepsis entgegenbringe, aber schon 1994 habe ich in meinem kleinen Erstlingsband „Langrenus“ ein Gedicht veröffentlicht, das mir noch immer authentisch erscheint, persönlich, aus dem eigenen Ansehen der Sachen erwachsen, nach dem Gehör geschrieben. Es heißt „Temerin“:

Die Gärten sind noch immer
von Laub entkörpert,
Jahrhundertunrat häuft sich
an den Mauern zum Asyl,

und im Eisentorschatten
kühlt der Maulbeerwein aus, brodelt
in großen Bottichen unter dem Efeu

und um Herd, Tisch und Bett
in der niedrigen Küche –
an allem berauschender Spiritus.

Wortlos spielten wir Russisch,
mit geneigten Köpfen,
nah am Kalkofen,
stundenlang nachdenklich
über den kantigen Zeichen der Springer.

Und hinter den Umfriedungen die geräumigen Höfe
waren aufgehobene Kindheiten,

und die Spielkameradin begrüßt dich und ruft
deinen Namen noch immer auswendig rückwärts,

und der Großvater, der dich mitnimmt abends
durchs Maisfeld zum Friedhof, wo er arbeitet,
spielt noch immer Schattenspiele für dich
mit den Geräten, die seine Hände richten
im Licht der Taschenlampe Ariels.

Er warte, sagt Peter Handke, auf seinen Sokrates, auf den, der ihm nach der fundierten Lektüre seiner Bücher über Jugoslawien aufzeige, worin er falsch oder richtig gelegen habe. Das Ganze aber ist keine Frage von Diskurs, von Wahrheit oder Wahrhaftigkeit, die beide bloß Spiele, Wortspiele sind. Ein Dichter und Erzähler wie Handke muss seinen Sokrates in sich selber haben, ihn mit sich tragen und befragen nach jedem Absatz.
Man kann Sokrates auch Gewissen nennen. Hermann Hesse prägt in seinem „Peter Camenzind“ das Wort Selbstverehrung und setzt es ab gegen Selbstherrlichkeit und Eigensucht.
Ich frage mich, ob wir seinerzeit nach Jugoslawien reisten, weil meine Freundin angesichts des drohenden Zerbrechens ihres Landes bei den Ihren sein wollte.
Ich erinnere mich an ihre verärgerte Trauer, als sie gezwungen wurde, im serbischen Konsulat den obsoleten Pass einzutauschen. Sie war froh gewesen, Jugoslawin zu sein, aber Serbin sein, nein das wollte sie nicht.

Erinnerungen an Jugoslawien 1/5

Du musst beginnen, deine Erinnerungen an das frühere Jugoslawien aufzuschreiben, erstens damit du sie nicht zur Gänze vergisst – nur ein paar Gedichte und zwei, drei Handvoll Notate hast du geschrieben bisher über die Reisen in die Vojvodina, durch Slowenien nach Kroatien, nach Istrien, auf die Insel Krk, über Split, über die Überfahrt von Split nach Vela Luka auf Korčula. Du warst nie in Bosnien, leider nie in Sarajevo. Du warst einige Male in Novi Sad, ein paar Tage lang in Belgrad, ansonsten vor allem in der Gegend südlich von Subotica, wo man seinerzeit noch viel ungarisch sprach.
Du warst während des Balkankrieges auf dem Balkan. Wann genau war das? Was hast du erlebt?
Zum anderen musst du versuchen, deine Erinnerungen festzuhalten, weil einer der dir allerwichtigsten Erzähler über Jugoslawien einen furchtbaren Schrott zusammenschreibt immer dann, wenn er anfängt, von politischen Zusammenhängen zu schwadronieren. Diese aber sind nie ohne die Menschen zu denken. Denn was, bitte, wäre irgendeine Politik ohne die Menschen, die sie angeht oder ausklammert, die unter ihr zu leiden haben oder von ihr profitieren?
Peter Handkes größtes Versagen in seinen Büchern über Jugoslawien ist das Verschweigen. Keiner, der sich auskennt wie er in den Ländern zwischen Österreich und Griechenland, kann die Augen verschließen vor den Gräueln, die nicht allein, aber vor allem durch Serben und Bosnien-Serben anderen, ihren Nachbarn, zugefügt wurden. Die Ausgewogenheit in dieser Frage ist von immenser Bedeutung. Immer wieder ist Peter Handkes Büchern – „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991), „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (1996), „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ (1996) und „Unter Tränen fragend“ (2000) die Absicht anzumerken, auf radikale Weise für Ausgewogenheit zu sorgen – diese Absicht allerdings wird in jedem dieser Bücher immer wieder zernagt vom Dünkel, von Verletztheit und Geltungsgier. Wie kann ein so ernster Schriftsteller mit seit 1966 kultivierten Ansätzen einem skrupellosen Machtmenschen wie Slobodan Milošević die Reverenz erweisen?
In „Die Tablas von Daimiel“ (2006), einem ganz offensichtlich viel zu schnell zusammengeschusterten und am Schluss poetisch aufgepimpten Bericht über seinen Besuch im Gefängnis von Scheveningen in den Niederlanden, wo Milošević während des Haager UN-Kriegsverbrechertribunals einsaß, schreibt Peter Handke: „All die Zeit sprach fast nur Slobodan Milošević, mit beinah der Energie, und Geistesgegenwart, die mir als Zuhörer bei seinem Prozeß vertraut war, mit einem Zusatz vielleicht einer gewissen Ruhe, hier in dem Büro nichts widerlegen und niemandem etwas beweisen zu müssen, trotzdem aber mit so weit ausholenden Argumenten und Hintergrundbezügen, als spräche er zu mir und zugleich zu seinen a priori unwissenden und verständnislosen Richtern. Wie Milošević sich gab (ich, sein Gegenüber, hätte dabei auch gleichwelcher anderer sein können), das war weder privat noch öffentlich, vielmehr eine Kombination, nein, eine Einheit von beidem, so selbstverständlich, geradezu naturgewachsen, wie ich sie noch bei keinem Politiker erlebt habe.“ Der Mangel an Aufrichtigkeit in diesen Sätzen ist eklatant – „a priori unwissende und verständnislose Richter“ –, eine devotere Verblendung kaum vorstellbar: eine geradezu naturgewachsene Einheit aus privatem und öffentlichem Auftreten? Bei einem früheren Staatspräsidenten, dem Anstiftung zu zigtausendfachem Mord vorgeworfen wurde?
Ausgewogenheit kann erst beginnen, indem ein jeder, der ein Mensch ist und menschlich denkt, seinen Respekt erweist vor den Schwächeren und Schwachen, d. h. im Extremfall vor Opfern, Verletzten und Toten, egal auf welcher Seite. Du schätzt und bewunderst, ja liebst Peter Handke als so eigensinnigen wie unbestechlichen Erzähler und Dramatiker, Dichter und Tagebuchschreiber, Zeichner und Reisenden. Du liest Handke seit 1985. Gut. Wer außer Thomas Bernhard und W. G. Sebald hätte es in den vergangenen 30 Jahren wie Handke vermocht, den deutschsprachigen Satz und seine Konstruktionsprinzipien in fruchtbare Zweifel zu ziehen, ohne dabei aufs Erzählen, den „Fahrtwind“, wie Handke sagt, zu verzichten – es ist der Stilist Peter Handke, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.
Der Mensch Peter Handke hat sich aufs Übelste hinreißen lassen, zynisch und verletzend von so furchtbaren Geschehnissen zu schreiben und ansonsten zu schweigen wie jenen im Sommer 1995 in Višegrad und Srebrenica.

Der Fels

Ich kam zur Welt wie
der Fels, mit meinen
Blessuren. Nach einer
lang andauernden Vertrautheit mit
glasklarer Festigkeit
trat ich ein in die Zeit
der Schroffheit.

René Char, Flusskiesel, eigenhändig bemalt, undatiert,
Fontaine de Vaucluse, Musée-Bibliothèque François Pétrarque

Parterre des hommes

Es gibt Äpfel, die dir unbedingt aus der Hand, die unbedingt zu Boden fallen wollen – weil sie am Baum nie die Gelegenheit dazu hatten?

Unter der Dusche beobachte ich einen Tropfenkanal, der von meiner Stirn abwärtsverläuft in die Tiefe. Ich bin für Sekunden Teil des Regens.

Gott, jeden Morgen erschrickst du, wenn du dich im Spiegel siehst und den für alle Zeit jungen Spund deiner Empfindungen darin erwartest.

„Während du liest, werden weitere Sätze und Verse geladen.“

The House of Love – The house of love

Ein Zettelchen, ausgelegt in der Zugtoilette: „So spricht der Herr: Des Herrn großer Tag ist nahe, er ist nahe und eilt sehr. Horch, der bittere Tag des Herrn! Da werden die Starken schreien. Zefanja, 1.14“

Zehn Lieblingswörter:
Gras
O
Gedicht
Linde
Fremdlingin
Lid
Schatten
Wanderer
Ali
Würde

„Zu verschenken: vertikaler Garten.“

Frühlingsbeginn. Im Innenhof unter den kahlen Bäumen hockt phlegmatisch eine einzelne Krähe und scheint dem Winter nachzutrauern. In der Nacht habe ich geträumt von dem alten und bitterlich kranken Dichter K., den ich zu füttern hatte – mit verfaulendem Fleisch aus einer Ludergrube. Ein Kaninchen darin blickte mich an mit großen Augen und hoppelte davon, und eine Krähe, über deren glänzendes Gefieder ich staunte, spreizte die Flügel und flog stumm auf – wodurch K. gesund wurde und weiterlebte.

Parterre des hommes.

Die Nachbarin, die im Herbst wohl einen Ring vor deinem Fenster verloren hat, sucht ein halbes Jahr später noch immer danach, bei jeder Gelegenheit, und immer zeigt ihr Gesicht denselben Ausdruck wie an dem Tag, als sie mit an ihrer Hand herumtastenden Fingern vor deinem Fenster auf und ab lief. (25.3.)

Kein Apfel ohne Aufkleber

Es muss nicht alles gefunden werden, es kann auch mal etwas verloren gehen, das ja darin, im Verlust, auch aufgehoben ist. Menschen hat das vom Packeis zerdrückte Wrack der „Endurance“, nach dem man derzeit im Weddellmeer sucht, nicht mit in die Tiefe gezogen. Im neuen Roman wird auch Shackleton wieder auftauchen, kurz bevor er 1922 auf seine letzte Entdeckerfahrt ging, mit der „Quest“, eine Reise, auf der er in Südgeorgien an Herzversagen starb. Er wurde nur 48 Jahre alt, sah aber immer wieder aus wie 70. Heute hat er Geburtstag. (15.2.2019)

Der Eichelhäher im Innenhof, Wappentier derer, die Familie zu sein glauben. Aber er ist schon ein munterer Geselle, verspielt, eitel, neugierig, provokant – bis die ersten Elstern einschwirren. Der junge Häher hüpft von Ast zu Zweig und zurück. Flattert los, verharrt kurz im Flug, schnellt davon.

Kein Apfel ohne Aufkleber.

The Chameleons – Strip
U2 – The Joshua tree

Januarglöckchen, Februarglöckchen, Märzglöckchen, Aprilglöckchen, Juniglöckchen, Juliglöckchen, Augustglöckchen, Septemberglöckchen, Oktoberglöckchen, Novemberglöckchen, Dezemberglöckchen.

Mark Hollis ist gestorben, der wundervolle Sänger von Talk Talk. It’s a shame. Wer kennt ihn noch und seine Band? The Party’s over. Im Song „Happiness is easy“ singt Hollis laut den Lyrics: „Take good care of what the priests say / After death it’s so much fun“, singt aber, wenn man hinhört, in Wirklichkeit: „Take good care of what the priest says / After death it’s summertime.“ (26.2.)

Mark Hollis – Mark Hollis

„Mein Briefträger muss gestoben sein“, sagt mein Herz.

OMD – The Peel Sessions 1979 – 1983

„I killed the captain, sank the fleet
to liberate the heartbeat,
and it sounds so sweet, sounds so sweet …“
David Sylvian

In der Regenwasserpfütze badet die Amsel – und versinkt darin bis über die Flügel.

Noch mal Sylvian:
„And miracles have just begun,
in which only you and I believe …“

„unmentionable“ … unmenschlich.

Kings of Convenience – Declaration of dependance

Traum. Ich soll einen großen weißen Hund füttern, nachts, aus einem Müllcontainer, in dem mir um die tastenden Hände Lebendiges krabbelt und kriecht. Darauf richtet sich der Hund an meinem Rücken auf und beginnt vorsichtig, mich zu essen – bis ich ihm das verbiete.

David Sylvian – Secrets of the beehive

Nine Horses – Money for all

This Mortal Coil – Filigree & shadow

Bussard über dem Einwohnermeldeamt

Vor dem Fenster sehe ich den verschneiten Sportplatz. Dort ging ich, unterwegs mit meiner Schulklasse, vor 39 Jahren, verpflichtet, durch die zerstörten Wälder des Harzes zu wandern. Der Schneefall erleichtert die Erinnerung an das zurückliegende, zugleich zurückbleibende Haus der Jugendherberge, die Tannen, die jetzt weiß bereift sind und drei Meter hoch, gab es noch nicht, und auch mich gab es nur ansatzweise – auf der einen Seite. Andererseits hatte ich gerade 1979 oder 1980 im Harz begonnen, die Augen zu öffnen. Es gab erste ernste Freundinnen und Freunde, und die Eltern verloren endlich ihre oft grausame Macht. Da ist der Schnee dieses Lebens. Er wirbelt hin. Ein einziges weiches Treiben. Es ist gut, zurückzukehren. Dort drüben, an dem Zaun vor der Straße nach Altenau, sprach ich seinerzeit kurz mit einem Mädchen mit Down-Syndrom, einer Mongoloiden, wie man da hilfesuchend noch sagte. Sie habe, verriet sie mir, am 23. September Geburtstag (warum sprachen wir darüber? Weil mein eigener Geburtstag in Kürze bevorstand und ich dem fremden Mädchen in meiner Euphorie davon erzählte? Oder begann sie unvermittelt von dem ihren zu reden?) – und seither, ich habe es schon des Öfteren geschrieben, denke ich an jedem 23. September an diese unvergessliche Begegnung mit dem Mädchen in der roten Jacke, eine Begegnung, die für mich auf rätselhafte Weise so blieb, wie eine jede es sein sollte. (Torfhaus, 27.1.19)

„Es müsste eine Stunde voller Lösungen geben, den wogenden Rausch einer lebendigen Welt.“ Teofilo Cid

In Elend im Harz begann der an schweren Fußerfrierungen leidende Wolfgang Borchert im März 1943, Prosa zu schreiben. Nach dem Seuchenlazarett Smolensk im Reservelazarett Elend. „Man wird tierisch. / Das macht die eisenhaltige / Luft. Aber das faltige / Herz fühlt manchmal noch lyrisch …“

U2 – The unforgettable fire

„Du bist ein guter Mann“, sagt der Gleisarbeiter zu dem Imbissverkäufer, der antwortet: „Natürlich bin ich ein guter Mann, so wie du! Wo arbeitest du gerade?“ So kommen die beiden Männer ins Gespräch. So kämst vielleicht auch du ins Gespräch mit dem Anglistikprofessor oder dem Literaturhausprogrammleiter, wäre das möglich: „Du bist ein guter Mann …“ (München, 30.1.)

Rodeln im Regen.

Wieder in Bamberg. Das Vertraute wird wieder zur Fremde. So muss es sein. Ich gehe an der Regnitz spazieren. Ich denke an die Freunde, die mich besuchten, als ich hier ein halbes Jahr lang lebte. Nachts trug ich den kalten Weißwein in gestohlenen Gläsern durch die gepflasterten Gassen heim. Im Glockengebälk der Bamberger Morgenluft wachte ich auf. Gewitter kamen über die Hügel gerauscht, furienartig erinnerten sie an meine Mutter in ihrem grünen Morgenmantel. Mit dem dichtenden Publikumsliebling besuche ich den Vogelsaal. Er macht sich Notizen für neue Gedichte über begeisternde Absonderlichkeiten, z. B. die vierbeinige Ente. Ich finde mich selbst als Strauß im Glasschrank.

Slogan: „Tausend Kraniche in deinem Warenkorb!“

Am frühen Morgen kreist seelenruhig – ja, seelenvoll ein Bussard über dem Einwohnermeldeamt. Während die Singvögel im Viertel Alarm schlagen, aber alle nur Musik hören. (Eppendorf, 14.2.)

Suite et fin.

Die dottergelbe Ruine der Tankstelle

„Ich muss froh sein“, sagt das Kind lachend, „und ich muss alle Leute froh machen. Das ist Welt messen.“ – „Welt messen?“ – „Ja! Nicht Fett, sondern Welt messen.“ – „Sehr interessant! Wie kommst du darauf?“ – „Gelesen.“ Das Kind zeigt einen Prospekt: FITNESS UND WELLNESS. Fett messen und Welt messen. „Da! Siehst du? Du musst froh sein!“ – „Ja! Ich bin froh!“

Alter Herr mit Rollator tippelt vorbei, auf seinem Umhängebeutel der Aufdruck: KIND.COM (Barmbek, 18.1.)

Die dottergelbe Ruine der Tankstelle (der Tanke) neben dem Stadtteilbahnhof ist abgerissen worden (weg, nur mehr Erinnerung, meine, bin jetzt Tankstellenbesitzer). Darauf gesprüht stand (steht): BURN, SUN, BURN.

Auch Wochen nach dem Tod ihrer engen Freundin spricht die alte Frau in der Gegenwartsform von ihr: „Sie ist krank. Sie lebt mit Mann und Katze in Bayern. Ihre Kinder alle im Ausland. Zur Beerdigung erwarten wir Schnee.“

Zur Lesung aus dem neuen Gedichtband kommen zwei zahlende Zuhörer. Die einführenden Worte des Veranstalters sind von ausgesuchter Herzlichkeit, und die Lesung bereitet dir besondere Freude. Die Frankfurter Allgemeine, für die du 17 Jahre lang Bücher besprochen hast, kündigt dich an als Bremer Hörspielautor. (Frankfurt, Ostend, 23.1.)

Bis zum Rand voller Tränen. Keinen des Kummers. Seltsamere Tränen. Uralte. Wie fremde. Immer schon unverstandene.

Sale. Cut. Sing.

SALE, das französische „schmutzig“, hängt jetzt wieder überall in den Schaufenstern und den Läden.

„Ich schwitze wie die Sonne!“, ruft das Kind.

Jeder schreibt das Drehbuch seines Lebens und Alltags selbst, aber nur den wenigsten steht die Möglichkeit offen – um im Bild zu bleiben –, auch Regie zu führen, Produzent zu sein und Cutter. Cut. (28.12.)

Destroyer – Kaputt

Seit Mitte der Neunzigerjahre brauche ich die Restbestände an Heftklammern aus dem Konkurs gegangenen Kolonialwarenladen meiner Großmutter auf, Woche für Woche, Jahr für Jahr seit zweieinhalb Jahrzehnten. Und ich habe noch genug Klammern übrig, um im Jenseits, in dem Haus dort am Flussufer, in dem ich eine Wohnung mit Balkonen über die Auen und die Felder voller Vögel haben werde, alle meine viertausend in meinem zum Glück nichtsnutzigen Leben geschriebenen Gedichte zusammenheften zu können zu einem weiteren lachhaften Buch, das endlich keiner lesen muss. (31.12.2018)

„Sing – und geh deinen Weg.“ Marc Aurel

„Mein Leben ist eine einzige Hetzjagd“, sagt die Frau gehetzt in ihr Handy und dreht sich zwei, drei Mal im Kreis, in der Sonne vor dem morgendlichen U-Bahnhof.

Sun Kil Moon – The ghosts of the great highway

Vertrau jedem, der ein Buch in der Gesäßtasche hat (nur Buchhalter und Besserwisser haben ein Notizbuch in der Brusttasche).

Fitness to hell.

The Whitest Boy Alive – Rules

Slogan: „Der Booster für Ihre neue Jugendlichkeit!“

Die Frau in der U-Bahn liest „Piensa positivo“ und isst dabei laut krachend eine Mohrrübe. Ihre Hand ist beringt, und ich vis–à-vis lese in „Das Weite suchen“ von Christian Saalberg: „Ich weiß, daß es die Freude gibt, sie hat sich nur versteckt. Die Pappeln, der Wiesenrain, das Domänental. Überall höre ich es rascheln. Alles übrige vergeht, ist namenlose Röte, beständiges Gestirn, ist das andere: trauriger Wind, während das Laub in Schwärmen flieht (Lorca).“

Lehre des Scheiterns

Noch einen kurzen Blick geworfen auf Château d’If. (Marseille, 14.12.)

Chevaucher, chevaucher, chevaucher!

Kafka irrt – wie so oft (der Irrtum ist sein Ziel) –, wenn er behauptet, ein Buch müsse (es muss gar nichts) die Axt sein (ein Buch ist aus Papier, aus Gedanken) gegen das gefrorene Meer in uns (in wem? Uns? Wer ist damit gemeint? Und gäbe es ein uns, gäbe es dann noch ein Inneres? Im Innern – wo ist das? – ist nichts gefroren – es wäre sonst tot – und liegt auch kein Meer – kein Meer liegt irgendwo innen –, ganz zu schweigen davon, dass ein Meer nicht einfrieren kann, nicht ganz, nur stellenweise, buchtweise). Nichts könnte eine solche Axt einem solchen (rein metaphorischen) Meer anhaben. Die Antarktiker seiner-, nein ihrerzeit gingen mit Eissägen vor gegen das in Sekundenschnelle zufrierende Wasser im Packeis, zwischen den Schollen im Weddellmeer. Axt? Ein Buch sollte (nein, nicht mal das) vielmehr Begleiter sein, Säge, Schiff, Boot, Schlitten oder Schlittenhund auf dem – wenn schon, denn schon – zugefrorenen Meer der Wirklichkeit.

Sonderbar – auf ganz besondere Weise – gepackt und innig bewegt von Hemingways „Inseln im Strom“, der gedehnten Zeit, der Langsamkeit der Handlung, die eine Nicht-Handlung ist, vielmehr die sprachliche Decke über einer furchtbaren, einer furchtbar effektiven Verdrängung. Der endlos tiefe Kummer des modernen Mannes. Der Irrsinn des Verlorenen. Die Lehre seines Scheiterns.

Im Zug liest ein älterer Mann Jörg Steiner – Grund genug, ihm deinen Platz zu überlassen.

Zwanzig Jahre lang hingen an der Wand hinter deinem Arzt die Kalender von dessen Kindern – den beiden blonden Jungs, beim Spielen, auf Reisen, auf dem Rücken von Tieren, mit der Mutter, ihm, dem Vater, deinem Arzt. Jetzt aber sind die Wände leer – denn die beiden Jungen sind erwachsen geworden, sie studieren, erzählt dein Arzt, in Budapest, in den USA … studieren Medizin. „Sie haben es schwer, Menschen zu bleiben.“ Dir fehlen nicht die Menschen. Oder doch? Dir fehlen die beiden Jungen auf den zwanzig Kalendern.

„Das Allerbesonderste an Schmetterlingen“, sagt das Kind, „das ist, dass sie sterben und wieder leben können. Sie schlafen einfach.“

Gelbwestenblockaden

„Das Meer ist da? Sehr schön, lasst es herein …“ Pablo Neruda

„Sie sind ein Zauberer!“ – da lacht der Handwerker laut und jovial, endlich erkannt.

Das volle Gleißen des Lichts über Marseille, genau wie in jenem Januar vor 21 Jahren, als du hier allein gelebt hast, im arabischen Viertel, dem alten Korbmacherkiez oberhalb des Vieux Port. Jeden Tag an den Hafen und weiter, hinaus zum Meer gegangen, das man von der Stadt aus noch immer nicht sieht. (10.12.)

Die geliebte Bar Caravelle. Hier war ich Abende lang glücklich.

Über jede Clementine lohnt es sich zu sprechen.

„Gelbwesten“-Blockaden an den Mautstationen bei Manosque. Wieviel Zuspruch die Protestbewegung bei der provençalischen Bevölkerung genießt, sieht man an den gelben Warnwesten selbst, die in jedem Auto Pflicht sind, doch zumeist verborgen im Kofferraum oder Handschuhfach aufbewahrt werden. In den Wochen des französischen Unmuts – Annie Ernaux nimmt die Bewegung in Schutz gegen den Verdacht, sich instrumentalisieren zu lassen von Rechten und Neofaschisten – sieht man die Westen demonstrativ in jedem dritten, vierten Wagen hinter der Windschutzscheibe liegen.

In Apt am Ufer des Cavernon – vor dessen reißenden Strömen auf Schildern gewarnt wird. Die Beschreibung des vermeintlich gefahrvollen Flusses als Bannung. Der Cavernon ist ein Rinnsal.

In Roussillon ist alles ocker. Ockerfarbene Häuser, ockerbraun die Felsen. Überall an den Wänden und Mauern das Wort „ocre“. Ockerhandwerk. Ockerfabrik. Ockergeschäfte. Ockereinwohner. Ockeralltag. Ockernächte. Ockertod.

Die von der Hitze und den Winden des Sommers entrindeten Platanen gespenstisch weiß im Mondschein. (Mâne, 9.12.)

Spectacle vivant!