Das Gras

Rebellion gegen die Würdelosigkeit

Immer mehr meiner Artgenossen und Mitmenschen gleichen Indianern: tätowierten, trunkenen und traurigen Schoschonen oder Komantschen, denen alles geraubt wurde, die dir im Handumdrehen den Skalp rasieren und die verzweifeln an ihrer resignierten Rebellion gegen die Würdelosigkeit. (Essen, 15.7.)

In einer Wolke aus Insekten gegessen. Alle scheinen sie in den Aachener Hitzesommer abgewandert zu sein. Kein Regen seit drei Wochen. (Aachen, 15.7.)

In jedem Garten, an den ich mich erinnere, wuchsen Johannisbeersträucher. Es muss eine Verbindung geben zwischen Erinnerungen und Johannisbeeren.

Gläser gibt es, die sind erst wirklich (auf der Welt), wenn du sie nicht oder nur um ein Haar hast fallen lassen. Dann hältst du sie in der Hand, und sie erwachen. Gewinnt ihre Wirklichkeit Gestalt.

„Grausamer als der April ist die Natter der Zeit.“ Thomas Wolfe

Der Goldstuhl

Wie eine Hand mit acht Fingern
sitzt die Spinne an der Zimmerdecke,
reglos, kopfunter, mit lachendem Scheitel.

Das Kind steigt auf seinen Goldstuhl,
es greift sie, steckt sie sich in die Tasche
und läuft damit in den Garten, den Regen.
Dort erfindet es mit der Spinne Spiele.

Warum hat es so gar keine Angst?
Doch, sagt das Kind, schreckliche.
Ich habe Angst vor nichts, das es gibt,
bloß Angst vor allem, das unsichtbar ist,

dem Wind, dem Herzen und den Gedanken.

Eine Zumutung

„Ein voller Geschmack vom Ende geht dem Gedicht voran. Anfang.“ Jannis Ritsos

Die Supermarkthilfe weiß nicht, was Popcorn ist. „Poppkorn?“ Jemand sagt: „Kino, Essen.“ Da nickt sie, und ihr Gesicht hellt sich auf. (7.7.)

Ich bin eine Zumutung, und ich will auch eine sein. Das ist mein Posten: eine Zumutung.

Die Morgengeräusche im Viertel, Tag für Tag neu, als würde der Tag in dieser nicht blauen, in einer Blaumann-Stunde fertiggestellt, zu Wasser gelassen, als würde in der Frühe die Takelung des Tages aufgezogen und geprüft werden, ob es losgehen kann. (12. Juli)

Sei Baum. Freu dir einen Ast.

Gefühlte Weite

Zum letzten Mal
die Zähne abgetastet
mit deiner Zunge,

das letzte Mal
bestaunt den Baum,
der die Straße baut,

zuletzt noch einmal
die Küste besucht,
Küsse im Dunkeln.

Zur Erinnerung an Günter Herburger

Eine Schwalbensilhouette

„Ich träume nicht so viel, wenn ich die Augen zuhabe“, sagt das Kind. „Am meisten träume ich, wenn ich die Augen aufhabe und rumlaufe.“ (30.6.)

„Ja: Es ist eine Zeit, in der so viel möglich war wie vielleicht noch nie, im Bösen und im Guten, und vor allem im Unerhörten; geheimnisvolle Zeit, in der jetzt etwa lang vor dem Morgen der Tauregen aus einem Baum klatscht.“ Peter Handke, „Kali“

„Urban Sketching“, heißt es, sei zurzeit schwer angesagt. Man strichele, mit Bleistift, auf Papier, was man im Alltagsleben, im Freien, so sehe. Alles sei möglich. – Ich wusste es immer: Die Wende kommt, es ist nur eine Frage der Zeit. Bald zertrümmern wir unsere Smartphones. Oder lassen sie einfach irgendwo liegen, wie eine durchlöcherte Mütze, die zu nichts mehr taugt.

„Wenn ein Tier stirbt, kann keiner das reparieren“, sagt das Kind. „Und genauso kaputt ist ein Herz.“

Die in die Lesung einführende Universitätsprofessorin spricht über die Kunst des lückenhaften Erzählens in Daniel Kehlmanns Eulenspiegelroman „Tyll“. Eine Lesung im Freien, im Garten des Literarischen Colloquiums am Wannsee in Berlin. Linder Abend. Tiefstehende Sonne. Der herrliche Wind mit seinem glücklichen Rasseln in den Uferbäumen. Die Professorin setzt alles daran, dem Buch, das vor ihr auf dem Lesepult liegt, ihr Wissen zu entlocken, magierinnenartig wischt und zieht und zaubert ihre Hand darüber hin, und tatsächlich: Im Gegenlicht deutlich zu erkennen als Schatten, wischt eine Schwalbensilhouette aus den Seiten, entwischt dem Roman und entkommt über den See. (Berlin-Wannsee, 5.7.)

Fünf Müllmänner zu Gast auf Erden

Die Geizigen halten sich für freigiebig, denn sie geizen sogar mit ihrer Habsucht.

Wie gesagt: Mein Outdoor-Textilmanagement lässt zu wünschen übrig, da muss ich mich um Optimierung bemühen!

Auf einer Parkbank (einer) sitzen fünf Müllmänner in der Sonne unter den Bäumen und lachen. (Barmbek, 13.6.)

Jeder frei gewordene Fleck in der Stadt wird sogleich eingenommen von jemandem, der ihn zu benötigen scheint oder meint – als Abstellplatz, als Räumfläche, Erholungsort, als bloßes Eigentum, egal wofür. Ist das ein Zeichen für Enge?

OMD – Orchestral Manoeuvres in the Dark

„Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet: / ,Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.’“ Tomas Tranströmer

Wieder die fünf Müllmänner gesehen, aber diesmal in einem Viertel drüben im Westen. Auch da saßen sie auf einer Bank herum und waren bester Stimmung.

Im Innenhof arbeiten zwei Handwerker den ganzen Tag lang schon an der Erneuerung des meist verwaisten Kinderspielplatzes. Eine mühsame Arbeit offenbar! Denn oft setzen sie sich und rasten – wie die Müllmännerriege – auf einer Bank im Schatten.

Etwa achtzig Wörter brauchst du, bis deine Handschrift nach den ganzen Tagen über der Computertastatur wieder flüssig und leserlich wird.

Brixen zum Beispiel

You can’t repeat the past.
F. Scott Fitzgerald

Am Morgen, wenn das Fensterlid aufgeht,
stürzen zwei Elstern durch die Weinbergzeilen,
wie verfolgt von dem Sturmwind des Bösen oder
einem Trauma. Was hat das Flüchten überall
mit deinem Leben zu tun?
            Brot der Erinnerung,
heillos zerbröselt, oft einfach nur vom Tisch gewischt,
und unaufwärmbar das Mutterherz, das alles besser
weiß – Kinderspiel, weil ja für dich nichts sicher
ist.
   Vielleicht darum möchtest du immer –
Flüchten auch das – zurückreisen nach zerdehnten
Jahrzehnten an Orte, wo du als Junge, ein Bub, z. B.
schwimmen warst im Garten eines Sommerhotels
hoch über dem Eisacktal.
             Eidechsen sind verlässlicher
Zeugen als die Erinnerungen und verschwinden auch
behänder. Grün summt am Abend das Gras immer
noch die Lieder, die verloren gingen, ohne dass ihr
Brüder sie gesungen hättet. Süße Verlorenheit
Vanillegeruch in der Bäckergasse.
                  Was vergangen ist,
das lässt sich nicht wiederholen, schreibt Fitzgerald, und
Gatsbys Empörung darüber mag Wahn sein, Selbstsucht,
genauso ist sie Ausdruck einer unwandelbaren Liebe.

Das Vergangene zurückholen

In „The Great Gatsby“ behandelt F. Scott Fitzgerald eines seiner Kardinalthemen: die Vergänglichkeit und – noch brisanter – die voraussetzungslose Fortführung des Vergangenen. Auf ihre nicht einzulösende Liebe Daisys – seiner Verflossenen – kommt nicht etwa Gatsby, sondern dessen Freund und Nachbar Nick nach einer Party mit Gatsby zu sprechen: „I wouldn’t ask too much of her“, sagt Nick, und: „You can’t repeat the past.“
Gatsbys Reaktion ist so empört wie seit einem beinahen Jahrhundert einzigartig. „Can’t repeat the past?“, ruft er – ungläubig – aus: „Why of course you can.“
Die deutsche Übersetzung dieser einzigartigen Replik ist weniger als dürftig. Sie zeigt keinerlei Interesse an der Verdeutlichung von Gatssys Projekt, die Vergänglichkeit aufzuheben.

Die Eidechsen

Durch den Weinberg steigen die jungen Lesehelfer in ihren Tarnanzügen. Gegenüber der Baustellenkran – höher als der Weinberg – piept markdurchdringend bei jeder Bewegung. Während der Nebel in die Bergwälder fährt. (Vahrn / Varna, Südtirol, 7.6.)

Eine Versammlung von Verzweifelten und Geltungsbedürftigen, von Trinkern, Trinkerinnen, von Clowns und Liebessüchtigen – ein Spiegel ist der Literaturbetrieb, zersplittert, zerdeppert, und du weißt dort so gut wie jeder andere, dass du nirgendwo besser aufgehoben wärst als in dieser leeren Fülle.

Die von Vogelgeneration zu -generation stets aufs Neue vergessene Gier der Sperlinge, die Spatzensucht. Die wir ihnen lachend Jahr für Jahr neu aufhalsen.

OMD – Organisation

Die Lesungen in den Stiftsälen und -bibliotheken werden alle übertönt von den Gesängen der Vögel, die in den Baumkronen und auf den Dächern rings um die Jahrhunderte alten Gebäude sitzen. Oswald von Wolkenstein saß hier in der Sonne, aß Trauben und wunderte sich über die Laute, zu denen Elstern in der Lage sind. Als würden sie ihrerseits lesen, uns vorlesen aus ihren Amsel- und Meisenbüchern, den Schwalbengedichten, den Essays der Tauben über die Kirschenreife, den Reportagen der Rotkehlchen über die Düfte der Apfelbaumreihen im Regen. (Novocella, 9. Juni)

„Hat man erst der Sonne ein Leck geschlagen, kann man sicher sein, daß sie untergeht.“ Christian Saalberg

Wider Erwarten, ein wenig auch wider Willen und allein aufgrund des unerwartet in den Sinn gekommenen Namens – „DA!“ – das Hotel wiederentdeckt, in dem du 1974 ein paar Sommertage verbracht hast – das „Temlhof“ oberhalb von Brixen. Im Hotelgarten stehst du wie in einem überraschend in aller Überdeutlichkeit wiedergekehrten Traum. Du erkennst alles wieder, sodass die Zweifel abplatzen von der Unwirklichkeitsverkapselung. Hier warst du, hier bist du. Nicht: Ich denke, also bin ich. Sondern: Ich war hier, also bin ich. Der Ort kennt dich, und er weiß: Du bist am Leben. Du hast bessere Zeugen als deine Erinnerungen: Kaum dass du sie erwähnst – ihr Fehlen –, tauchen sie auf aus den Mauerritzen der Hotelwand: die Eidechsen, die es seinerzeit ebenso in Hülle und Fülle gab und die ein Wunder waren, wenn ein Schwanz abbrach und zuckend liegenblieb auf deinem Handteller, während das Tier die Zeit deiner Verwunderung nutzte, um zu entkommen. Ja, die Eidechsen. Sie schwören, dass du schon hier warst.

Saalberg in Aachen

Wir sind hinauf unter die Vogelausgucke in den
Linden und Kastanien gestiegen, seine Gedichte

und ich, unter die Säulen, ins Säulengelände
auf dem Lousberg, der seinen Namen womöglich

einem französischen König verdankt oder einer
Frau Lou, der einer ein Stück Aachen schenkte.

Seine Gedichte gingen mit mir durch das Blinken.
Linder Julinachmittag. Die Leute staunten jeder

winzigen Windbö nach und riefen: „So ein Tag!“
Einer, der den Tod nicht nötig hat als Spiegel,

so voller Leben, dass immer wieder momentlang
alles gut war. Alles meine ich, wie es hier steht

in diesem Gedicht, das fast von ihm sein könnte,
was durchaus Absicht ist. Unter Amselschimpfen

am Lousberg in Aachen las ich lauter Kindern vor.
Die Fröhlichkeit wehrt sich. Wir geben niemals auf.

Die Fortsetzung von 42

Dass ich Mäntel trage, seit ich der Fuchtel meiner Eltern entronnen bin, Mäntel zu allen Jahreszeiten außer in der Hochsommerhitze – alte Regenmäntel früher, Heermäntel früher, Marinemäntel früher, Ledermäntel, Wildledermäntel, Trenchcoats zumeist und sie noch immer – was sagt das aus, sagt es etwas aus? Es war nie bewusste Abgrenzung. Es fiel mir nicht mal auf bis heute, dieses Absonderungsmerkmal. Nur habe ich mich auf Dauer nie zu Jacken bekennen können! Und andere Mantelträger möchte ich bisweilen grüßen, so wie Motorradfahrer sich in der Zeit vor der umfassenden Ichsucht gegrüßt haben, indem sie aufeinander zu und aneinander vorbei brausten, um dann noch länger über die gerade erlebte Begegnung nachzudenken. Bis zur nächsten vielleicht. Schöne Maschine war das! Schöner Mantel war das! (23.5.18)

Ihr Zahnarzt, Ihr Wohlfühlerlebnis!

Mitten auf dem freien Feld im Sonnenschein liegt eine Kuh. Die schläft. Die ist nicht tot.

„Und mit der Sanftheit einer Lyra haucht der Wind / Lachen her aus dem Garten, wo die Kinder sind.“ Victor Hugo

Eine Frau auf der Straße fragt: „Sind Sie für die Fortsetzung von 42?“ Auf mein verdutztes Gesicht hin erläutert sie: „Meinen Sie, es sollte ein Follow-up von 42 geben?“ – „Vielleicht“, antworte ich aus reiner Hilflosigkeit. „Vielleicht 43?“ (Eppendorf, 1.6.)

„Was uns gerettet hat, war der schöne September“, sagt im Radio die Winzerin.

Mann geht vorbei, durchs Licht des frühen Juni. DEATH ÜBER ALLES steht auf seinem Rücken.

Drüben – auf der Straßenseite gegenüber dem Küchenfenster – wird die einzige Bäckerei im Viertel geschlossen, nach 49 Jahren, die es den Laden gab. (Wochenlang bleiben Tag für Tag die Leute vor dem von innen abgeklebten Schaufenster stehen, lugen durch die Spalte ins Dunkel des ausgeweideten Verkaufsraums, rütteln sogar an der Tür.) Die Bäckerei, über dessen Fenster das Wort BÄCKEREI steht, war ebenso lange geöffnet und verkaufte Brot und Kuchen, meist leider faden Kuchen, wie vor meinem Küchenfenster die alte Laterne gestanden hat, die vor einigen Monaten ausgetauscht, noch auf der Straße zersägt und dann abtransportiert wurde wie eine Tote, wie eine gefällte und entastete Tanne. Sollte es eine Verbindung zwischen der Laterne und der Bäckerei gegeben haben? Waren sie ein Paar? (Barmbek, 6.6.)

Alle Orte verschwinden

Der Wind über der Meuse, als ihr durch den Abend heimgeht zu eurem Lütticher Hotel. Du denkst fortwährend an den Schnee, den Schnee im Reim aus Brels Chanson „Il neige sur Liège“, während der Autor, der hier einen Preis überreicht bekommt, beständig „Liesch“ sagt zu der Stadt, die sich modern gibt und aufregend, wo aber dieselben, nein ganz ähnliche, nein genauso gleich gemachte Leute durch die Straßen streifen wie überall sonst. Ein Jammer aus Glas und Stahl und Hochglanz. (Lüttich / Liège, 15.5.)

The Go-Betweens – Tallulah

„Als ihr noch Sterne wart …“, sagt der Vater zu den Kindern, und eines fällt ihm ins Wort: „Als ich noch ein Stern war, lag ich hinten im Auto auf den Sitzen, da hab ich euch vorne im Auto reden gehört, und da hab ich am Himmel tief in der Nacht die Sterne gesehen, wie sie geleuchtet haben.“

Der Nachbar, den du seit Jahren für einen Kretin hältst, sitzt dir gegenüber im Bus und liest in den Memoiren von Tennessee Williams.

Alle Orte verschwinden. Weil das zu einem Ort dazugehört: unterzugehen? Platz zu schaffen für einen anderen, den nächsten Ort?

Entdecken Sie Ihre Gesichtsmaskenmöglichkeiten!

Blick für die Wege

So funktioniert Kochen mit Insekten!

Die Siedlungswiese, im Herbst vermoort, im Winter überfroren, in diesem Mai ist sie übersät mit Butterblumen und Dotterblumen. Eine einzige Brennnesselschwemme. (Lokstedt, 14.5.)

Der Widerstand gegen die Sowjet-Doktrin begann in Estland Mitte der Achtzigerjahre, als der Kreml beschloss, den baltischen Vasallenstaat zur Phosphor-Abräumhalde umzufunktionieren. Die Liebe vieler Esten zu den so besonderen Landschaften ihres Landes – flache, lichte Weiten voller Gelb und hellem Grund, die Nähe zum Meer, die Seen, das blaue Geflimmer, die Stille der Ufer, der Uferwälder – sie tut sich auf eigentümliche Weise im Belassen kund, auch im Wieder-Instandsetzen. Dieser Widerstand gegen das Zerstörtwerden ist allenthalben so sichtbar wie spürbar.

An einem Flussufer, einem Knick, einem Zaun entlang, durch die Hecken, mit endlos leichtem Schwung um einen leeren Schulhof … Bewahre dir den Blick, bewahre deinen Blick für die Wege.

Der Inder mit den beiden Huskys, der jeden Vormittag unter dem Fenster vorbeigeht. Immer blickt einer der Hunde zu mir herein – was sieht er? Was sieht er hier bei mir nicht mehr? (Barmbek, 18.5.)

Ein Mitarbeiter bitte an die Spargelschälmaschine!

Tere!

Günter Herburger und seine Frau Rosemarie sind auf tragische Weise umgekommen. Sehr traurig. Einige Jahre lang war mir Herburger sehr nah, kamen häufig seine Briefe, lachten wir miteinander das Lachen der Rebellen, die ihren Überzeugungen selbst nicht ganz über den Weg trauen. Am Ende hatte Günter Herburger keinen Verlag mehr, obwohl seine Gedichtbände viel gelobt und besprochen wurden. Man hat ihn zum alten Eisen geworfen, auch wenn er nie eisern war, immer nur, auch im Extremmarathon, sich und der Welt etwas beweisen musste. Mit Günter Herburger ist einer der letzten feinsinnig-bösen Stilisten gestorben. Die Welt ohne ihn ist eine eklatant ärmere. Berlin wird ihn nicht vermissen. Aber ins Allgäu reißt sein Tod einen Krater von der Größe Berlins. Leben Sie wohl, lieber Günter Herburger, bleiben Sie unterwegs! (3.5.)

Woran es so vielen Jungen von heute zu mangeln scheint, ist nicht Mut, Klugheit, Liebe – es ist die Sorgfalt gegenüber den Gegenständen, das Achtsamsein angesichts der Dinge.

„Es ist sehr modern, Unkraut zu essen“, sagt die Estin.

Über den Emajögi fliegen in hellen und dunklen Scharen Vögel, Wolken, Pulks, Formationen. Gänse, Möwen, Krähen, Dohlen, Sperlinge, Tauben über Tauben. Ein Wind aus Flügeln. Sie sitzen auf den Uferböschungen, als würden sie warten. Worauf wartet ihr? (Tartu, 8.5.)

Die Esten, sagt man mir hinter vorgehaltener Hand, küssen einander nicht zur Begrüßung, berühren einander nicht mal, sagen lediglich: „Tere!“

Die großen, seltsam schlanken Uferbäume, die auch halb im Wasser stehen, umgeben von Dutzenden aus dem Fluss ragenden, kniehohen Abkömmlingen. Luftalgen. Moosgehölz. Die Bäume kommen. Die Bäume als Botschafter.

Abends finden rund um das Sadamateater – das Theater im Hafen – und zwischen den alten Marktständen und der Fischauktionshalle Militärübungen statt. Plakate: „Wir sind stolz auf unsere Grenztruppen …“

Tere!

Das Gequake, das du hörst, ist kein Klingelton-Gimmick irgendeines Smartphones. Es stammt von Enten. Da sind Enten auf dem Fluss mitten in der Stadt und quaken.

Ich habe alle meine Grenzsoldaten entlassen.

Der neue Zentrale Omnibusbahnhof, der „Bussijamma“, bloß ein kleiner Kasten im Vergleich mit dem früheren in der Sowjetzeit, sagt die Estin, die uns durch die Stadt führt, als wäre die ein Freilichtmuseum im Frühling. An den großen Kreuzungen die Einkaufszentren und Malls, äußerlich postkommunistisch, im Innern der Flitter, mit der sie alle hier so wie ich in leere Träume sinken.

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen

The Twilight Sad – No One Can Ever Know

Hamburger Frühlingswind, ein Westwind, der die Meeresfeuchte mit sich führt und anreichert mit den Gerüchen des Erdbodens. Algen und Tulpen. Durch die aufgewühlten Lüfte wirbeln rosa die fingernagelgroßen Kirschblüten. Es gibt in diesen wenigen Tagen des Jahres eine staunende Stille auf den Gesichtern, ein Einverständnis mit dem aufs Neue Verheißenem. (30.4.)

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen. Der Herdecker Harkortsee. Das satte Grün, das ich immer schon geliebt habe an Bochum.

Am Vormittag, im hellen Licht, die Verkehrsinseln übersät von gelb aufgeblühtem Löwenzahn. Am Abend die letzten Blütenblätter der Wintergerbera auf den Intarsien. Flaum im Handteller. Zweiter Mai. Pusteblume.

Das Kind hat an diesem Tag seine Leidenschaft für Atome entdeckt.

„Halte gegenüber den Anderen, was du allein dir versprochen hast. Da liegt dein Vertrag.“ René Char

Behaustheiten

Lauter als der lauteste Punk, der lärmigste Death Metal, der sich aus der Nachbarwohnung durch die Wände drillt: das Singen der Vögel im Innenhof.

Bau ein Haus, aber lass die Haustür offen.

Das Kind hat einen Ast im Park gefunden und mitgenommen nach Haus, in sein Zimmer, wo es den Ast, an dem ein paar letzte Zweige sind und sogar halb vertrocknete Blätter, neben das Bett legt. Dort liegt der Ast in der Nacht. Fragt man das Kind, was der Ast soll, bekommt man zur Antwort: „Nichts, der Ast soll nichts. Außerdem ist er kein Ast.“

OMD – Dazzle Ships

Vor dem Haus wird eine grün bemooste, fast braune Straßenlaterne ausgetauscht gegen eine neue, noch ganz blanke, beinahe wie verchromte. Frag den Baustellenleiter, ob er weiß, wie lange die Laterne hier gestanden hat, an ihrem Laternenlichtort, und er, der dickbäuchige Mensch in dem Unterhemd und der Latzhose, antwortet ohne zu zögern – doch, er zögert, aber unmerklich oder kaum merklich, denn er ist auch bloß ein Mensch – bloß? –: „49 Jahre, seit 1969, deshalb wechseln wir sie, Laternenvorschrift. Laternen 49, Ampeln 29 Jahre, die sind schwerer.“ Frag ihn, ob er weiß, wieviele Ausfälle diese eine, diese besondere, weil deine, vor deinem Fenster stehende, nein nicht mehr stehende Laterne gehabt hat in 49 Jahren, und er antwortet nach einem Blick in seine Laternenliste: „Keine. Hat anscheinend immer gebrannt. Geschienen. Zuverlässig, die alte Herzogin.“ 9,50 m sei sie hoch, sagt der Baustellenleiter, desgleichen die baugleiche neue. Der Austausch ist nach anderthalb Stunden erledigt und vollendet. Die Laterne, die keine mehr ist, wird auf der kurzfristig abgesperrten Wohnstraße zersägt und verladen. Licht aus, Frau Herzogin. (Barmbek, 19. April)

Umspannwerk im grünen Gras voller Butterblumen. (Ulm, 20.4.)

Erinnere dich an Wittfeitzen, Wendland 1979, das kirchliche Feriencamp, die stillen, sonnendurchpulsten Wälder rings um den weitläufigen Zeltplatz. Es war kein Idyll, mit Romantik – Nullbegriff – hatten die Wochen nichts zu tun. Alles brach auf und wurde Neues, Ungeahntes. Abscheu und Abenteuer waren beinahe eins. Auf einmal liefst du allein durch die Welt, ungesehen, unbeobachtet, bereit, verloren zu gehen und wurdest ich. Hinzu kam das Erzählen, das Phantastische der Phantasie – denn da erzählte jeden Abend der Küster seine Geschichten, seine aus dem Stegreif erfundene, weitergesponnene Erzählung, und wir lauschten und blickten einander in die Gesichter, du und ich.

Architektur und Moral

„Störlesung“ im Bauernhaus, im Oberdorf von Rauris im Salzburger Land. Ein strahlend blauer Nachmittag. In dem Drei-Generationen-Haus – der Sohn und dessen Sohn holen mich mit dem Pick-up vom Hotel ab – erwarten den Autor 40 Gäste, ländliches Literaturpublikum. Wir sprechen über Heine, Trakl, Morgenstern, Fried. Die Bachmann. Gedichte also. Ich lese also aus den neuen Gedichten. Es gibt eine große Einfühlsamkeit. Das Marienantlitz an der Stubenwand hat die Tochter gemalt, die Enkelin, die Maria ähnelt. Es ist auch ein Selbstbildnis. Nach meiner Lesung setzt sie sich zu mir, offenherzig und zugleich verlegen – oder bescheiden – fragt sie nach meiner Arbeitsweise. Unser Gespräch dreht sich um Wirklichkeitsschau. Kann ich in einem Gedichtentwurf bannen, was mir wirklich erscheint – oder verfälsche ich das Erlebte, das Geschaute, indem ich meinen Entwurf nachträglich zu verbessern versuche? Sie ist 21. Sie hat drei Kinder. Die Kleinen toben durch die Stube voller Leute, die längst allen Kuchen verzehrt haben und sich über Gott und die Welt unterhalten. „Auf der Stör“ waren hier die Handwerker einst, so wie im Norddeutschen „auf der Walz“ – also ist meine Lesung eine Wanderlesung. (Singen, 7.4.)

OMD – Architecture and Morality

Wie es sich anfühlen mag, das Leben verbracht, ohne existiert zu haben, fragt Oswald Egger in seinen poetischen Aufzeichnungen vom Leben auf dem Land „Val di Non“. Die Frage erscheint mir absurd, irrig angesichts der Fülle aus Beobachtungen und Empfindungen, die Eggers Text ab- und durchaus hervorruft bei einem wie mir, mit einer im Ländlichen verbrachten Kindheit. Aber ich kann das Geschwafel von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit nicht mehr ertragen. Wie soll ich denn existieren, wenn diese höhere Existenzform mein Leben – mein Empfinden, mein Denken, mein Leben – zu übersteigen hat? Ist damit eine unausgesprochene, eine unaussprechbare Transzendenz gemeint? Warum die auf Kosten eines Lebens und als unmöglich postulieren? Colm Tóibíns Schilderung Minny Temples, der jung verstorbenen Cousine Henry James’, die dem Romancier zeitlebens als menschlicher Maßstab gegenwärtig blieb, lese ich im Roman „The Master“ („Porträt des Meisters in mittleren Jahren“, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini) als eine poetische Antwort: „Henry fragte sich außerdem, was das Leben für sie bereitgehalten hätte und wie ihre erlesene Fähigkeit zum Widerstand mit einer Welt hätte fertig werden können, die unweigerlich versucht hätte, sie in ihre Schranken zu weisen. Es war ihm zumindest ein Trost, daß er sie so gekannt hatte, wie es der Welt nicht vergönnt gewesen war, und daß der Schmerz, ohne sie leben zu müssen, nicht mehr als ein Bußgeld war, das er für das Privileg zahlte, zusammen mit ihr jung gewesen zu sein. Was einmal Leben war, dachte er, ist immer Leben, und er wußte, daß ihr Bild fortan über seinem Geist walten würde als eine Art Maßstab und Norm von Klarheit und Gelassenheit.“

Mit der Dunkelheit kam der schwere, erdige Geruch des frischen Frühlings. Er stieg aus den wenigen unbebauten Flächen in der Innenstadt und strömte einem in die Nase wie die Erdbeerdünste einer Erdbeerkonfitürefabrik. Am Tag tschilpten die Vögel, die Singvögel von Singen sangen, doch sobald über dem Fußballplatz das Flutlicht leuchtete, verstummten sie und stieg aus dem auf einmal wieder grünen Boden der Duft. (Singen, 9.4.)

Nachtöffnung

Regen, ein Gefühl,
und die mageren Nebelpferde
knapp überm Erdboden.
Da sind wir aufgehoben, alle
traurigen Gestalten eines Lebens,
unter einem Baum, der bleibt,
und über den gelben Wassern.

Durch uns segeln
die Mauern hindurch
in die Nachtöffnung,
mit einem Mund, der aufgeht
und der uns sagt, die Brücke,
hier ist sie zu Ende. Und ins Moos
auf dem Handrücken kratzt der Wind
lesbare Regungen.

*
1990 – 91 – 95 / 2018

Auf dem Gesicht der Blinden die Sonne

„The Lady of Shalott“ heißt eine Ballade Tennysons, nach der John William Waterhouse 1888 ein Gemälde vollendete. Es zeigt die unglückliche Jungfrau Elaine, die durch einen Zauberbann auf einer Insel im Fluss gefangen ist, der zu König Artus’ Hof Camelot führt. Dort webt sie, was sie in ihren Träumen und Gesichten sieht, in einen endlosen Teppich ein, bis sie sich eines Tages in den am anderen Flussufer vorbeikommenden Ritter Lancelot verliebt. Um zu ihm nach Camelot zu gelangen, steigt sie in ein Boot, auf dessen Bug sie ihren Namen malt, und lässt sich darin flussabwärts treiben in ihr Verderben, denn sie setzt mit ihrer Flucht einen todbringenden Fluch in Gang. In Camelot findet man nur den Leichnam der vielbestaunten Schönen in dem Boot und auch den Teppich, den sie aus ihrem Gemüt gewoben und Wirklichkeit hat werden lassen. Auf ihrer Brust liegt ein Pergament, auf das sie schrieb: „The web was woven curiously, / The charm is broken utterly, / Draw near and fear not, – this is I, / The Lady of Shalott.“ Waterhouse’ Bild zeigt die Verstörte in ihrem Boot, wie sie ablegt vom Ufer ihrer Banninsel (sie weiß bis zu ihrem Tod weder, weshalb sie verbannt wurde noch welche Strafe sie erwartet) und auf den Fluss zuhält, der ebenso der Styx sein könnte. Immer verblüfft an dem mit einem Grauschleier überzogenen kräftigen Farben hat mich, dass auch das Boot des moribunden jungen Edelfräuleins „Lady of Shalott“ heißt, der Namenszug steht deutlich zu lesen am Bug, wenn man in der Londoner Tate Gallery vor dem nicht auffällig großen Bild steht. Auf dem bunt und detailliert bestickten Wandteppich, dem „web“, der „Webe“, den die in den Tod Fahrende mitnimmt, ist die Geschichte ihrer vertanen Liebe zu Sir Lancelot nachgebildet, auch die Stickereien und Webereien auf dem Textil lassen sich also zusammenfassen unter dem Titel „Lady of Shalott“. Viermal der Name: Bildtitel, Frauenname, Bootsname, gestickte Geschichte. Jede Strophe von Alfred Lord Tennysons Ballade endet mit dem Namen Shalott – bis auf eine in der Mitte (um die das Gedicht sich dreht), die mit Lancelots Namen schließt. Für die Liebende schließt sich die Welt, die nur mehr aus ihrem Unglück besteht, und die Welt schließt ja auch sie aus: Im Fluss kann sie die Türme Camelots gespiegelt sehen. Aber das Schloss selbst ist für Elaine unerreichbar.

Das Kind bremst. „Mein Fahrrad rülpst“, sagt es und steigt ab.

Die unbändige Freude der Blinden, die im Innern, im Saal, oder im Partyraum ihrer Vorstellung, einen Tanz zu üben scheint. Seit Jahren habe ich auf einem Gesicht nicht mehr eine solche freie Mimik gesehen, ein Glänzen im Blick, ein strahlendes Lächeln. Am Morgen im Gasthof unter den verschneiten Berggipfeln ist es im Zimmer so dunkel, dass ich zwei Sekunden lang glaube (ohne Angst zu haben), erblindet zu sein und mir die Blinde aus dem Zug wieder einfällt. Doch vor dem Fenster scheint die Sonne. Und so schien auch auf dem Gesicht der Blinden die Sonne. (Rauris, 6.4.)

Gute Nacht, Turnhalle

Das Tier hat eine Maus getötet und den leblosen Körper vor die Terrassentür gelegt – offenbar ein Geschenk. Das Schönste, was es töten und mir bringen konnte. Von da an kümmert die tote Maus das Tier nicht länger. Es frisst sie nicht auf, würdigt den Kadaver mit den schönen, jetzt stumpfen Augen keines Blickes. Das Tier scheint selber verwundert zu sein von der Leblosigkeit des kleinen Tiers dort auf der Terrasse. Ab und zu blickt es doch hin. Als ich den Körper in einen Kräuterbusch gelegt habe, ist das Tier verwundert – so scheint es –, weil ihr Geschenk entfernt wurde. War es nicht willkommen? Das Blut der Maus steigt ihm in die Nase, noch als ich es mit kochend heißem Wasser von den Terrassenholzbohlen gespült habe. Es hatte geschneit in der Nacht. Die Maus lag die ganze Nacht lang im Schneefall. Ihre Sprungbeine. Ihre Barthaare. Die wundervollen Ohren. O Barmherzigkeit.

Ich höre The Clash, höre „Combat Rock“ und „Sandinista!“ – und in den Pausen zwischen den Songs (und den Erinnerungen, an Zimmer, an Gelächter, Frauen, Freunde) das Rieseln des Schnees. (22.3.)

„Alle sind wir früher oder später Schatten, werden nur nicht überwältigt.“ John Cheever

Sonne fällt in den Gefängnishof, und alles riecht nach Abschied.

„Gute Nacht, Turnhalle“, sagt das Kind – und meint damit dich. Ja, stimmt, manchmal bist du eine Turnhalle. (Eppendorf, 29.3.)

Die Erinnerungen kommen einem mit fortschreitendem Alter immer zweifelhafter vor. Ihnen ist nicht zu trauen – zumindest ihrem sogenannten Wahrheitsgehalt nicht. Vielmehr erscheinen sie zu einem bestimmten Zweck eingerichtet: das Leben kurz erscheinen zu lassen, zu kurz. Der Sinn des Erinnerns wäre demnach die Wehmut. Doch auch das ist vorgegaukelt, der Gedanken und Gefühle Spuk. Nur damit du weiterlebst, älter wirst, weiter schaffst und leistest, kommt dir dein vergangenes Leben mit der Zeit immer kürzer vor, als es in Wirklichkeit war und ist. (1.4.)

„We fall, but so does everyone else“ – so John Cheever, der passionierter Schlittschuhläufer war und der zeitlebens unter einer Brückenphobie litt.

Kraftwerk – The Man Machine