Das Gras

Cafarde

Der us-amerikanische Fake-Präsident Tronald Dump hat mit FBI-Chef Cames Jomey den Mann entlassen, der die Verstrickungen des Milliardärs und Tycoons in Wahlmanipulationen durch Putinistan untersuchte. Die Vereinigten Staaten von Trumponesien scheinen selbst diesen Frontalangriff auf die Demokratie hinzunehmen, als ginge es um den Verkauf einer unrentablen Supermarktkette: LINCOLNMART. Der Supreme Court sollte stattdessen beraten, ob hier nicht eine Clique die Verfassung aushöhlt, und darauf ein unmissverständliches Zeichen für die Wehrhaftigkeit der pluralistischen Rechtsgesellschaft setzen.

Der Mann, der mir den lahmen Flügel zu neuem Leben zu erwecken versucht, sagt: „Es gibt Tage, da wacht man morgens auf und ist kein Mensch.“ Ein Satz wie von John Cheever. Der sagt von sich, am Morgen nach einer durchsoffenen Nacht werde er verfolgt von „the cafarde“ – ein Begriff, der in diesem Kontext auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt. Das englische „cafard“ bezeichnet eine hartnäckige Deprimiertheit, zugleich aber ist es der gängige Ausdruck für die Kakerlake. Cheever schreibt: „The cafarde always followed. It was never waiting for him at his destination.“ Dass hier nicht allein eine kafkaeske Küchenschabe gemeint ist, in die der Trinker sich verwandelt sieht, macht Cheever deutlich, wenn er schreibt: „Reading old journals, I find that the booze fight and the cafarde have been going on for longer than I knew.“ Warum schreibt er beharrlich cafard falsch und setzt das Wort kursiv? Das französische „cafarde“ meint eine Petze, nicht aber die Schabe (die Suffschabe) oder den „Kater“. Cafard – etymologisch verwandt mit dem Käfer? Im Internet wird aus „cafarde“ stillschweigend ein (vermeintlich) verständlicheres „cafard“. Cheever scheint dagegen nach einem passenden Bild für einen nicht zu beschreibenden Zustand zu suchen – „das schwarze Viech“: „The cafarde, and how mysterious it is in its resistance to good fortune, love of all kinds, esteem, work, blue sky. I try to console myself with thinking of all the great men who have suffered similarly; but reason has no effect on the bête noire. It could quite simply be alcohol, since alcohol is the sure cure.“

So eine Gerbera im Glas, die dort den ganzen Tag lang auf dem Tisch steht, weil ein Draht sie stützt, der sie umwickelt und in die Höhe läuft, wo er in ihrem Kopf steckt, so eine Gerbera war ich länger als zwei Drittel meines Lebens.

Das französische „vrai“ und das deutsche „frei“ – sind sie verwandt? Ja. Spätestens seit jetzt, wie wahr, ich bin so frei.

Unter dem einzigen Baum auf der ganzen großen Wiese, sattgrün voller hohem Gras, lagert die Clique im Schatten und schert sich was um die Leute, die in sicherer Entfernung (hinter den Zäunen) um sie herumgehen. Man döst, schläft. Nur selten hebt einer den Kopf und sieht nach, wie weit der Tag vorangeschritten ist. Und kaum ist die Sonne hinter den Rotbuchen verschwunden, stehen sie alle auf und trotten hinüber zum sattesten Kleegras. (Tambach, 17.5.)

Kindheit. Und Kindheit

Jeder, der ihn besser kennt, weiß: Er kann mit Händen Fliegen fangen. Er öffnet ein Fenster, und wie die eigene Faust wirft er die gefangene und zugleich gerettete Fliege hinaus, ins Freie. Für ihn ist dieses Talent keine Fähigkeit, keine Frage von Schnelligkeit. Er sagt, er versetze sich in die Lage der Fliege. Sie staunt. Sie ist vergesslich. Er zögert einen Moment lang den Zugriff, den Fang hinaus … damit rechnet die Fliege nicht. Womit rechnet sie? Immer frei zu sein. Immer zu leben? Die Fliege rechnet mit gar nichts. Sie lebt. Sie fliegt. Sie fliegt hinaus.

Du kannst ein Buch vom ersten Satz an lieben und von ihm wissen, dass es ein dein Leben veränderndes sein wird. Woran liegt das? Am sogenannten Inhalt oder, noch schlimmer, am „Plot“ – oh Gott – ? Pffff … Es liegt einzig am Zweifel. Der Zweifel spricht aus allen Dingen und Wörtern bei Wolfram von Eschenbachs Auftakt zum „Parzival“, noch in der Prosaübertragung durch Wolfgang Spiewok: „Ist Unentschiedenheit dem Herzen nah, so muß der Seele daraus Bitterkeit erwachsen. Verbindet sich – wie in den zwei Farben der Elster – unverzagter Mannesmut mit seinem Gegenteil, so ist alles rühmlich und schmachvoll zugleich. Wer schwankt, kann immer noch froh sein; denn Himmel und Hölle haben an ihm Anteil. Wer allerdings den inneren Halt völlig verliert, der ist ganz schwarzfarben und endet schließlich in der Finsternis der Hölle. Wer dagegen innere Festigkeit bewahrt, der hält sich an die lichte Farbe des Himmels.“

Kindheit: Warmer Frühlingswind bringt warmen Frühlingsregen, trägt ihn vor sich her, bis der Regen zunimmt und den Wind löscht. Dazu duften in den Auen die Blüten der weißen Uferpflanzen.

Und Kindheit: Du spürtest den Regen weniger auf der Haut, als dass du ihn sehen konntest – nicht wie er vom Himmel fiel, sondern als silbernes Punktesystem auf dem Wasser. Der Fluss brachte den Regen.

Die Norm

Stärker als aller Mut, alle Liebe und jede Solidarität scheint die Angst vorm Versagen der Norm zu sein, vorm Abbröckeln und Zerbröckeln der Normalität. – Der junge Mann in der U-Bahn zur Touristenmeile am Hafen, dessen aufscheinende Abgerissenheit ihn entlarvt (als nicht zu UNS gehörig), welche Gefahr stellt er dar? Die größte. Er gibt vor, zu telefonieren, obwohl sein Handy (uralt) offensichtlich defekt ist. Was hat er vor? Das Schlimmste. Er steht am Rand zum Absurden. Er kündet von der Vergeblichkeit aller Absicherung – technologischer, gesundheitlicher, moralischer, zwischenmenschlicher. Vielleicht ist er Jesus Christus. Er hat so einen meschuggen Blick. Nicht ganz bei Trost. Gefährlich. Wir werden alles verlieren, und nichts auf der Welt und niemand im Himmel kann das verhindern. Die einzige Chance (das ertragen zu lernen) besteht darin, die Norm zu durchschauen – Kunst – und Widerstand zu leisten gegen ihre Tyrannen und willigen Helfer, gegen ihren zerstörerischen Zwang zu Verblödung und Vereinsamung: Miteinander. (Landungsbrücken, 1. Mai)

Das Duschwasser duftet. Am Frühstückstisch lässt die philippinische Bedienung eine silberne Kugel an einem Stab auf dein Ei niedersausen, woraufhin die Schale in genau der Weise aufplatzt, die ein Eikochbuch vorschreibt. Krack. „Grüezi“, sagt das Gesicht lächelnd. (Zürich, 3.5.)

Such das Gespräch in der fremden Stadt mit denen, die hier leben: Die meisten von ihnen sind Gespenster. Such das Gespräch in der fremden Stadt mit dem, was hier lebt – dem Fluss, den Parks, den Gärten und Wegen. Der Geschichte. Bayern. Deiner Kindheit. Sie erkennen dich wieder. Nichts in Bayern, niemand vergisst etwas. Wenig weiß man von außerhalb, aber kaum etwas vergisst man hier. Lass nicht nach, das Gespräch zu suchen mit den fränkischen Gespenstern dieser Stadt. (5.5.)

Im Antiquariat eine halbe Seite des PARZIVAL gelesen – den ganzen Tag gerettet. Wodurch, womit? Die Antwort darauf halte geheim.

Reise durch die Schneeschmelze

Vielfach unterschätzt, beiseite gewischt und verspottet, zuschanden gelesen, dabei unverändert in sich ruhend, ein wirklicher Dichter, unabhängig, abhold jeder Manier und Fremdbestimmung: Jean-Louis Lebris de Kérouac, der sich Jack Kerouac nannte. Verkannt sogar von seinen Mitstreitern und Weggefährten. Ich las „On the Road“ mit Anfang 20 und habe noch immer das Kerouac-Gefühl im Herzen. Ich hörte die Go Betweens, ihre Hymne The House Jack Kerouac Built. Kerouacs „American Haikus“, die sich dem japanischen Korsett verweigern, würde ich gern übersetzen, aber kann es mir nicht leisten. Vielleicht grad deshalb sollte ich es machen!

Läuft auf dem Nachhauseweg
quer über den Bolzplatz,
der einsame Geschäftsmann

Vor der Pfarrkirche herrscht jeden Sonntagvormittag Parkplatznot.

Die Kinder, alle drei, die wilden Blumen, die umhertoben, die uns das Leben lebendig machen, haben am selben Tag Geburtstag wie Shakespeare und wie Cervantes. (23.4.)

Heute endlich einmal wieder mit deiner Lieblingsbaumreihe geskypt.

Noch Stunden nach dem Fotoshooting hing das Aftershave des Fotografen im Treppenhaus wie eine Duftwolke.

Als er sich zum ersten Mal – aus einer Laune heraus – das Stadtpalais, in dem er seit kurzem wohnte, von außen besah, fiel ihm das aufgemalte Barockfenster an der Seitenwand auf, hinter der er schlief.

In einem Schacht an einer Straßenecke der Altstadt plätschert es unablässig. Ein dutzend Stufen führen hinab zu dem aufgewühlten, schön perlenden Wasser, in das unter dem Pflaster hindurch ein Rohr läuft: der Bamberger Leschen-Brunnen, von 1554.

Aus der Brasserieküche dringt lautes Klatschen auf den Platz hinaus, an dem Hegel ein Jahr lang wohnte und im „Haus zum Krebs“ die „Phänomenologie des Geistes“ schrieb – der indonesische Pizzabäcker ist zurück.

Ulm. Reise durch die Schneeschmelze. (27.4.)

Immer ein besonderer Glanz (im Licht und auf dem Gemüt): Gras zwischen den Bahngleisen.

Bilanz nach fünfzig Sommern

Der Pott, der einläuft und nur kurz
den Horizont zum Schaukeln brachte,
er spült das Geröll aus Heraklits Fluss,
toten Plunder ans Ufer: eine Matratze,
auf der Zwei schliefen und am Morgen
sich liebten, um weiterzuschlafen; die
Knochen einer Möwe, so leicht, dass
der Wind sie wegträgt. Putain, sagt
der Wind, putain, vachement! Wir
werden alles wiedersehen, denn
nichts geht je wirklich verloren, ja
könnte überhaupt je verlorengehen.
Und flüchten wir zu Schattenkabinetten,
in die Pulsflaute, zur allerletzten Adresse,
die sie nicht mehr ändern, nur löschen, es
bleibt ein Versuch, dieses Löschen, das
Tilgen und Verschwinden, denn alles
bleibt, auch das Ausradieren; aber
genauso bleibt stets das Bleiben.

Versuch über den missglückten Tag

Das Jahr der Verletzungen, es neigt sich dem Ende zu, und so verblasst sie, Karikatur eines geregelten Lebens.

Sturz zurück durch die Zeit: Über Nacht ist es noch einmal Januar geworden, Bamberg im Schneetreiben. Am Fenster stehend lese ich, in Rufweite zu Hegel. (17.4.)

Die Türken haben die Demokratie abgewählt. Es lebe die Restauration! Zu den Akten Atatürk, den Schlächter an den Pontus-Griechen. Nach 94 Jahren ist auch die Idee vom laizistischen Staat als Brückenkopf zwischen Orient und Okzident erledigt, die Weltoffenheit, die Vielfalt, das vermeintlich genauere Hinschauen – einplaniert im Retro-Kalifat eines gekränkten Popanzes am Bosporus. Weg mit ihm. Tür auf, Türkei!

„Ich habe von dem geglückten Tag keine einzelne Vorstellung, keine einzige. Es gibt allein die Idee (…), sie sträubt sich gegen meine Sehnsucht des Erzählens. Sie stellt mir kein Bild zur Ausflucht vor. Und trotzdem war sie leibhaftig, leibhaftiger als je ein Bild oder eine Vorstellung, alle die zerstreuten Sinne des Körpers durch sie zusammengefaßt zu Energie. Idee hieß: Es gab kein Bild, nur Licht. Ja, jene Idee war keine Rückbesinnung auf etwa gut verbrachte Kindheitstage, sondern leuchtete ausschließlich voraus in die Zukunft. Und ist so, wenn erzählbar, dann in der Zukunftsform, als Zukunftserzählung, zum Beispiel: ,An dem geglückten Tag wird es noch einmal Tag werden mitten am Tag. Es wird mir einen Ruck geben, einen zweifachen: über mich hinaus, und in mich, ganz, hinein. Zum Schluß des geglückten Tags werde ich die Stirn haben, zu sagen, ich hätte einmal gelebt, wie sich’s gehört – mit einer Stirn, die das Gegenstück sein wird zu meinem angeborenen Schild.‘“ Peter Handke

Warum ähneln einander alle deine Schuhe? Egal, ob Stiefel, Halbschuhe, Turnschuhe, was auch immer – sie sehen alle nach deinen Füßen aus. Erklär mir das einer. Wer soll mir das erklären können? Willst du wirklich, dass einer daherkommt und dir das erklären zu können meint?

„Zwei Güter sind für uns so kostbar wie Wasser oder Licht für die Bäume: Abgeschiedenheit und Austausch.“ Christian Bobin

Schulz in Catania

Man besah sich mit spitzem Augenwinkel den Dom.
Frauenquote auch ziemlich unermesslich.
Jede Autostrada führte aufs Meer,
und von da nach Rom.
Im Spiegel der Ätna, eine Katze, er.
Man weinte um die Wette mit Möwen. Unvergesslich.

Es ist eine Handschrift

Eine neue S-Bahnbrücke wird gebaut, indem man sie auf die alte setzt und, derart aufgesattelt, zusammenschweißt. Sobald die neue fertig ist, wird die alte Brücke abgesenkt, wodurch die neue an ihren Platz rückt. Ebenso hast du gewichtige Umarbeitungen in den Romanen vorgenommen, fiel mir ein, als ich die Brücke auf der Brücke am Morgen sah. (Berliner Tor, 7.4.)

Nachts im Dunkeln vorm Haus umarmen sich Zwei, sehr lang, sehr innig, sehr jung. Sie lachen zusammen.

Sehr bewegt von den Figuren und Farben Richard Gerstls, dessen Gemälde ich in der Frankfurter Schirn sah. Nie zuvor gehört von ihm hatte ich! Seltsam: Wie deutlich und eindringlich sind noch die spätesten Bilder des viel zu jung Verzweifelten. Sie scheinen sich beinahe aufzulösen, doch fügen sich in der Weite erneut zusammen.

Die Bamberger Zeit beginnt. Fahrt in den Frühling! Alles – alle Dinge – sind grün. Wer es nicht glaubt, ist blind vom Winter seines Grottenolmdaseins. Die verwunschene Saale. In Jena stehen die Leute in ihrem Alltag herum wie nicht abgeholt. Wer soll euch auch abholen! Nehmt die Beine in die Hände und lauft. Lasst euch nicht abholen, Leute. Immer weiter werden das Land, die Felder und Wälder – hier hätte ich wandern mögen vor 200 Jahren – und bin glücklich allein bei dem Gedanken. Es ist eine Handschrift. Es gibt noch Menschen. Der Erste, den ich in Bamberg frage, wie weit es ist in die Altstadt, sagt: „Kommt drauf an, wie lange Sie stehenbleiben.“ (11.4.)

Denn hier ging Wollschläger.

Bilder: Richard Gerstl, „Die Schwestern Fey“, 1905, und „Selbstbildnis, lachend“, 1907

Nichts, und dennoch, mit Blicken

Durch den warmen Frühlingsabend eilen die Sportler, auf dem Rücken Taschen voller Stiefel, Uniformen, Helme, Schläger, Waffen. Die Amseln halten singend die Welt zusammen. Die Frauen in den Bussen haben täglich ein Kleidungsstück weniger an. Die Busfahrer träumen von den Zigaretten, früher, auf dem sich erwärmenden Asphalt des alten, zuschanden gefahrenen ZOBs, als sie am Bus lehnten und nach Feierabend noch Sport trieben oder vom Bolzplatzrand aus wenigstens noch zusahen.

Die Bücher, die du geliebt hast, lies wieder, das erhält dir die Liebe und zeigt dir ihre Geschichte (die Geschichte der Liebe) in dir. Joseph Roth schreibt zwischen 1928 und 1930 in dem erst in seinem Nachlass entdeckten Romanfragment „Perlefter“ über das Entstehen des Unwirklichkeitsgefühls in einem Mann, der davon keinen Schimmer hat: „So genoß Perlefter eigentlich weniger seine Erlebnisse als die Ernnerungen an seine Erlebnisse. Während er sie wiederkäute, erzählte, den wehmütigen Glanz um sie wob, den man aus den Erinnerungen schöpft und mit dem man sie umkleidet, wurde er erst zum kühnen Abenteurer, Fraueneroberer und Herzensbrecher. Sobald er heimgekehrt war, entzückten ihn sein Mut und seine Taten. Während er unterwegs nach seinem Taschenkalender eroberte, hörte er sich schon von den Eroberungen erzählen, erlebte er schon seine Erinnerungen, und eigentlich nur der Erinnerungen wegen beging er Abenteuer. Er glich einem Menschen, der für sein Tagebuch lebt. Perlefter aber führte kein Tagebuch.“

Noch einmal – hier zu Armut und Liebe – Joseph Roth in seinem „Perlefter“, mit dem er aus Kafkas Schatten tritt und ihn weit hinter sich lässt: „Weshalb sollte er auch nicht die Annehmlichkeiten des Lebens genießen? Er war sehr lange arm gewesen, und die Armut, die so viele Nachteile hat, entschädigt ihre Lieblinge durch einen Ernst, den sie ihnen verleiht, auch wenn sie ihn nicht verdienen. Es sehen manche Menschen nur deshalb bedeutend aus, weil sie arm sind, und man ist geneigt, einem Hungerleider ein Genie zuzubilligen, das in Wirklichkeit nur Elend ist. Die große Ungerechtigkeit der Weltordnung verleitet uns dazu, den Armen auch noch Werte beizumessen, obwohl Armut allein schon Anlaß wäre, den von ihr Befallenen zu lieben.“

Zwei Frauen Ende dreißig – in Barmbek heißt das etwas Anderes als in der Innenstadt – treffen sich nach Jahren wieder im Bus. Sie erzählen von den größer gewordenen Kindern, den Schulen der Kinder, den Berufen der Männer, der Gesundheit der Männer und der Kinder. Von sich erzählen sie einander nichts, und dennoch, mit Blicken, der Mimik, der unverhohlenen Abfälligkeit in den Zügen, alles. (7.4.)

Lass die Enttäuschung

Solche Tage nehmen deinem Leben
   Jahre. Mülltonne Tag. Ewigkeiten
Nieselregen, in denen du die dunkle
   Wohnung durchquerst. Du starrst
ins Innenhofgrau, blickst über deine
   Straße hinüber zum Goldbarren der
letzten Bäckerei der Welt, deren Licht
   am Mittag erlischt. Pourtant, lass sie,
diese Enttäuschung, nicht so ein Herz
   in der Brust zu haben, wie sie sagen,
jeder müsste es. Also bist du schlecht?
   Bah, du kennst Eine, die geht täglich
an den schlimmsten Gräben spazieren,
   während du, ja, einkaufst, skrupellos
lachst du hinauf in Krankenhausfenster,
   wo die Alten sitzen und dich ansehen.
Schlapper Rebell! Du müsstest, und so
   müssten wir, aber was? Überall sein.
Lieben, was uns zu lieben ist geblieben.
   Könnte ich eine Wahrheit formulieren,
Getrommel, dass sie durchs Blut pochte,
   vielem gerecht wäre und übrigem etwa
etwas Zuspruch verschaffte. Was soll es,
   am Ende ein Könner zu sein auf einem
winzigen, anderen gar nicht mitteilbaren
   Gebiet? Auch darüber, lass sie, deine
Enttäuschung. Widerstand, ja vielleicht
   muss er unformulierbar sein, Gedicht,
während er in deiner wilden Liebe lebt.

Das sickernde Haus

Nirgendwo. Nirgendwo fühlt sich einer wie du verlorener als auf einem Spielplatz voller Kinder und deren Eltern im Frühling oder, noch schlimmer, Sommer. Warum ist das so, hm? Vielleicht weil das Empfinden einfach keine Pose ist und auch nicht sein will? Wurzeln (Psychologie)? Schuldgefühl (Psychologie)? Ohnmacht! Ohnmacht wohl. Du stehst ohnmächtig vor deiner Unfähigkeit, von dir abzusehen. Ein elender Egoist auf einem Kinderspielplatz. Echt? Oder du bist selber noch immer ein Kind, weigerst dich, erwachsen (geworden) zu sein. Du Elender. Du elendiges ewiges Kind. Das Entscheidende ist die Liebe zu den Kleinen, die Liebe auch zu allen ihren so wundervoll unnützen Spielen. Spiel mit. (25.3.)

Ein uraltes, ein Ur-Bild meines Schreibens: das sickernde Haus. Es war nie am Versickern, immer aber sickerte es. Das bewegliche Haus. Die in den Grund einsickernde Bleibe. Das Feststehende, das sich auf und davon macht. In den Untergrund! Das sickernde Haus. (Woher wusste ich das alles, als ich meine Gedichte so nennen wollte, 1987, vor dreißig Jahren?)

Gib dir einen Straßennamen.

„Wir müssen uns immer wieder klar machen, daß es wichtiger ist, dem Anderen gegenüber menschlich zu handeln, als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische Pflichten zu erfüllen. Auch das lauteste Getöse großer Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hindern, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt.“ Werner Heisenberg, 1942

Schallen

„Jetzt kenne ich Sie von innen“, sagt dein Arzt zu dir nach 18 Jahren, die ihr euch kennt. Ultraschalluntersuchungen sollen größtenteils abgeschafft werden, sie rentieren sich nicht mehr, heißt es. Der Patient muss sich lohnen, nein hat sich zu lohnen, anderenfalls – bitte der Nächste, der sich lohnt. Dein Arzt schallt dich, er bedient eigenhändig sein mittelalterliches Ultraschallgerät. Er lacht dabei. „Gott!“, sagt er. „Dass ich das noch mal erleben darf!“ (Bergedorf, 14.3.)

„Le vrai, l’autre visage.“ Christian Bobin

Zwei Postkarten von Werner Heisenberg:

„In jedem Fall bemißt sich der Wert einer wissenschaftlichen Leistung nicht nach dem Gegenstand, d. h. nicht nach der menschlichen Bedeutung des zu ordnenden Materials, erst recht nicht nach irgendeinem ,praktischen Nutzen‘, sondern nur nach der Schönheit und nach der fruchtbaren Kraft der ausgesprochenen Strukturen. Immer wieder setzt uns ja in der Wissenschaft das Phänomen in Verwunderung, daß an eine Struktur sich wie von selbst neue Strukturen angliedern und daß dieses Netz von Strukturen schließlich ein großes Gebiet überdeckt, auf das sich die erste Struktur garnicht bezogen hatte. Diese formbildende Kraft einer ausgesprochenen Struktur macht das eigentliche Wesen einer wissenschaftlichen Erkenntnis aus, und an dieser Stelle tritt die enge Verwandtschaft von Wissenschaft und Kunst wieder aufs deutlichste in Erscheinung.“

„Von der Wahrheit wird nicht mehr gefordert, daß sie objektiv, sondern daß sie für alle verbindlich sei.“

Ein ramponierter alter Garten bist du – aber ein wilder immerhin, deinetwegen immer öfter auch gern ein vergessener. Begrüßt wird hier jede verfluchte Krähe.

„I’m no one’s puppet, I’m no one’s fucking puppet.“ Mark Kozelek

Seltsam, wie vertraut nach wenigen Stunden ihrer Vorführungen Akrobaten erscheinen, Clowns und das andere Manegenvolk. „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ – Alexander Kluges Filmtitel wirkt deshalb so zeitlos, weil er auch ein Bild für die Familie an sich darstellt.

Nichts ging je verloren

„Carpet jam!“, ruft das Kind.

Und das Kind sagt: „Es war so kalt, meine Nieren sind abgestorben.“

Die Liebe, die du gibst, ist die Liebe, die dich retten könnte.

Der wie so ein „Bankmensch“ wirkende Bankmensch schnattert und frotzelt und plustert sich auf im „Schweigeabteil“, Ruhebereich im Zug. Über sein blitzendes Smartphone hört er ohne Kopfhörer Beethoven. Auf den vormärzgrauen Feldern stehen Kraniche, Kunden, die einfach nichts kaufen wollen. Eine Frau verlässt entnervt das Abteil. „Deutsche Bank“, sage ich zu ihr, und zeige auf den Bankmenschen, der auf seiner Polsterbank eingeschlummert ist. Er schnarcht wie Donald Trumpf. Zwei kräftige Kerle kommen und tragen ihn in den Korridor. „Sollen wir ihn aus dem Fenster werfen?“, fragen sie uns Übrige im Abteil. „Nein“, sage ich tonlos. „Er ist ja ein Mensch, auch wenn er das nicht weiß.“ Sie setzen den Bankmenschen auf eine Bank im Schaffnerabteil. Stille tritt ein, und sie verlangt keinen Fahrschein.

FREE JACK ENGLE!

„Puschkinallee“ steht auf der großen weißen, still in der Abenddämmerung vertäuten Wannseefähre.

Meistbietend verscherbelt und zu Geld, Geld, Geld gemacht wird der Wortlaut des in einem digitalisierten US-Zeitungsarchiv entdeckten Romans „Life And Adventures of Jack Engle. An AutoBiography“ von Walt Whitman, ein Buch, das seit 1961 – volle 70 Jahre nach Whitmans Tod – von Rechtswegen eigentlich rechtefrei ist und somit für die Allgemeinheit kostenfrei zugänglich. Nicht aber in unserer Zeit. Viva Las Vegas!

Ob ich wisse, wer den Ausdruck „loneliness“ erfunden habe, fragt mich das Kind, und ich denke: Erfunden? Ist der Begriff nicht eher gewachsen über die Jahrhunderte und Jahrzehnte, auch weil ja jeder etwas darunter versteht? „Shakespeare“, sagt das Kind.

„Nothing is ever really lost, or can be lost.“ Walt Whitman

Verbreitet wie Licht und Liebe

Während ich meine Bücher schreibe, mit Blick auf den Innenhof, das allmählich wieder erwachende Leben der Elstern, erlebe ich als Beobachter und Zuhörer zugleich die Kindheit, das Heranwachsen des Nachbarjungen. (24.2.)

In der Zentralbibliothek, während es draußen schüttete, eine halbe Stunde lang Gedichte von Tomas Venclova gelesen. Eine Luft, die darauf zu warten schien, dass nur noch eine einzelne Stimme zu hören ist.

Das neue Album von Mark Kozeleks Sun Kil Moon ist erschienen: „Common as light and love are red valleys of blood“.

Die letzten Februartage sind grau wie die zurückliegenden Wochen und Monate. Hellere Pausen und Unterbrechungen nur der Kitt zwischen grauen Platten. 14 Uhr am Mittag – schon springen flackernd die Lichter der Straßenlaternen an.

Jeden Morgen, wenn ich an dem Schulhof vorbeikomme, muss ich denken, dass alle Schulhöfe auf der Welt – der Welt – gleich klingen, wie ein Schulhof der Welt. Mark Kozelek singt: „… these kids I hear outside my window I was one of them I was one of them I was one now I’m the old man in the chair deep in thought in the living room I’m that old man now and I’ m grateful I’ve got this far and that I’ve become him“ – („God bless Ohio“).

Mit der Geschwindigkeit der Schnecke wird es Frühling, zum x-ten Mal. Traurig flötet ein Zilpzalp im Innenhof – im Innenhof meines Journals –, herunter von einem Baugerüst, dem Baugerüst meines Journals.

Lass die Enttäuschung

Ein Abend in der S-Bahn, es ist Winter. Klirrende Luft, der Waggon ist voller Leute. Da telefoniert eine Frau aus Wisconsin über Skype mit ihrem Hund daheim.

Durch die vereisten Zäune ragen bedürftig des Stoffes, der Haut und des Menschenfleischs die stachligen Äste eines Dornengestrüpps. Aber Jesus, da sind nur Fahrbahn, Abgase, bitterkalte Februarnachtluft. (Steilshoop, 12.2.)

Im Schwimmbad beobachte ich das junge Mädchen im Nixenbadeanzug: Seine Beine und Füße stecken in einer im Wasser violett schimmernden großen Flosse. Die anderen kleinen Mädchen im Becken können das Wunder nicht fassen. Sie waren sich so sicher, dass es Nixen nicht geben kann!

Aber lass die Enttäuschung.

Weniger auf dem Bild, vielmehr anhand des Bildes erkenne ich mich wieder: März 1998, LCB, Treffen der von Schweizer Autorinnen und Autoren ins Leben gerufenen Gruppe NETZ. Um die große Tafel herum schritt schweigend Renate von Mangoldt und schoss ihre genauen Augenblicksbilder. Peter Weber, Perikles Monouidis, Felicitas Hoppe, Michel Mettler, Katharina Hacker. Ich erinnere mich an einen abendlichen Tanz mit Julia Franck. Und an zwei Zeichnungen, die ich machte, auf einem gelben, linierten Block.

Endlich, finalement, Frühling, printemps, oder wenigstens der Vorbote, der Vorfrühling. Ende des halbjährigen Winters – oder fast. Vorvorfrühling. Pré-printemps.

Durch den Vorgarten steigt die Katze, von der ich letzte Nacht träumte.

Ajgi,

ich weiß
dich und die
Schneewehen
überall dort in

Tschuwaschien.
Ajgi, ich weiß, du
bist gestorben, nur
was heißt das denn,

weiß ich dich doch da,
beim Schach im Park,
oder wie du schreibst:
Samoskworetschje.

Du weißt, entgegen-
kommend dir halte ich
ein Leben lang Ausschau
nach allem, ja nach allem.

Der erschossene Schmetterling

Nur die Güte lässt dich schlafen – oder ist es das Ignorieren deiner üblen Gedanken? Was du anderen vorwirfst, du wirfst es eh nur dir selber vor. Der Groll, die Wut, der Zorn, deine Angst und dein Glaube an die Macht der Sorgen („Ich habe die ganze Nacht lang nicht schlafen können!“ – Mantra deiner Kindheit und Jugend) treiben dich in den halb wachen, halb durchdösten Furor. Und du weißt, du wirst die ganze Nacht lang nicht schlafen können.

Wie gesund der Krebsarzt sich in deiner Gegenwart gibt. Wie schwach, wie matt und moribund du dich fühlst in seiner Anwesenheit. „Mori…was?“ Er weiß alles, er weiß nichts. Beschwichtigt, immerhin. Tut sich groß, bah. Bläst sich auf, pffff. Winkt ab. Versager. Mickriger Medizinmann. Man möchte ihn zum Fenster rauswerfen.

Luis Buñuels Mirabeau-Verfilmung „Tagebuch einer Kammerzofe“ hat mich enttäuscht, aber ich muss gestehen, dass ich seit Wochen immer wieder an den Film zurückdenke. Die zurückgehaltene Lust, die herausplatzende Gewalt, der groteske Ekel des Spießertums vor sich selbst. Fetischistische Senioren. Gewürgte, begrapschte Kinder. Wenn Michel Piccoli mit seiner Schrotflinte einen Schmetterling erschießt, denke ich erst: Bah, wie geschmacklos. Dann: echt rebellisch. Dann: die erruptive Poesie. Dann: eigentlich bloß blöd anti-bürgerlich. Shock-maker. Aber ich selber bin mir seither ja der Beweis, dass diese Aufrauung Buñuels Ziel gewesen sein muss. Traum eines böse gemachten Kindes. Und das Kind hat die so schönen wie starren Augen Jeanne Moreaus.

Tulpen in der Vase

Natürlich, das Sterben geht weiter. (Wenn diese Welt etwas beherrscht, dann ist es das Sterben.) John Hurt ist gestorben, David Lynchs „Elephantenmensch“ ist Geschichte. (28.1.2017)

Für fünf Tage Gäste aus Weißrussland. Sie belächelten den Luxus in den Barmbeker Straßen; sie kochten sich Würste und aßen sie auf Spiegeleiern, sie belächelten deinen Band mit russischer Poesie. „Mirko! Another question!“ Wundervolle Höflichkeit. Sie bekamen ein Funkeln in den Augen, sobald das Gespräch auf Minsk kam. Minsk. Draußen, der Winter – kein wirklicher Winter. Alles in der Küche blieb in Frauenhand. Alles Organisatorische war Männersache. Mächtige Fellmützen während Ausfällen in die Umgebung. Keine Politik. Keine Poesie. Kein Obst.

Plötzlich – ja, plötzlich! – wieder Schnee. Erst regnete, dann regnete es gesprenkelt mit weißen Funken, dann ging der Regen über in Schnee und hörte darin auf: verregnet, zerregnet. Dann schneite es fünf Stunden lang. Und die Bürgersteige und Vorgärten taten ihr Bestes, um weiß zu werden: Alles verhielt sich still.

Du warst noch bis halb acht allein zu Haus – dann flogst du mit dem dunklen Mantel in die Nacht als Fledermaus.

Mon canard dort sur ma chemise blanche. Mein herrlicher Französischkurs. J’habite dans une pomme et j’achète une jolie jupe rouge!

Tulpen in der Vase, wie sie vortäuschen, lebendig und schön zu sein, die Tulpen, die nichts als toten, schönen, duftenden schönen Toten, die Tulpen.

Gegen die Kaltherzigkeit

Das Gebrabbel von Babel.

„Tag des Großen Schneiens: eine Art Weltspartag“ Peter Handke

Wenn ich eins hasse – nein, hasse nichts, nicht mehr! –, dann Wartezimmer von Arztpraxen, wo man minütlich deutlicher erkennt, man könnte ebenso – für alle dort: Kinder, Patienten, Praxisangestellte, Ärzte, DHL-Kuriere – bereits gestorben und in einer solchen Vorhölle gelandet, man könnte nichts weiter mehr als irgendein Toter sein.

Bevor das Kind aus dem Bus steigt, um durch die Dunkelheit zur Schule zu laufen, knipst es an seinen Sneaker-Sohlen die Lichter – die LEDs – an. (Lurup, 19.1.)

Die Alten, die sich auf der Winterterrasse der Einkaufsmall treffen … gna, gna, gna – gna, gna! Gna, gna, gna! Gna, gna!

Höcke – ab, nach Aleppo.

Die Alten, die sich auf der Winterterrasse der Einkaufsmall treffen … tratschen, lachen einander zu, johlen und rufen wie Kinder, wie 65 Jahre alte Kinder. (Steilshoop, 19.1.)

Gegen die Kaltherzigkeit!

Kein Buch ohne Wrack.

Erinnerst du dich? An das Aquarium deines Großvaters? Die Guppys, die Scheibenputzerwelse? Du warst sieben, acht Jahre alt, und dein Erstaunen grenzenlos, wenn Opa mit dem Kescher einen toten Fisch aus dem Wasser hob. Stumpf, leblos, aber immer noch bunt schillernd lag er in dem weißen Netz, das sich seinem Körper anschmiegte. Aber am schönsten und ruhigsten waren die beiden Mammutskalare mit ihren hohen Flossen, ihrem flachen, aufrechten Körper, der getigert war und schimmerte. Mamas Kosename deshalb: „Mammutskalar“.