Das Gras

Drei Besichtigungen

Eigentlich, im Grunde genommen, ja in der Tat – en faite –, hast du nie zu denken gelernt. Du kannst nur lesen und schreiben – nur? Du liest – vergeblich – in den Gedanken anderer, du schreibst, um nicht denken zu müssen. Die Wörter, die Sätze, die Silben und ihre Klänge setzen sich, wie Sternbilder vor den leeren Raum, vor deine Gedanken – so scheint es, so scheinen sie. Und womöglich ist das – alles – ein Merkmal, ein Denkmal des Dichterischen. Hier würde das Denken beginnen, beginnen können.

Bleib eigen. Gestalte den Rand, das Ufer. Denn mit dem Strom schwimmen nur die toten Fische. (6.1.)

Besichtigung der Wohnung eines Verstorbenen – als schrittest du eine Viertelstunde lang durch dreieinhalb Zimmer im Jenseits. Alle Gegenstände sind nicht mehr ganz anwesend, wirken, als wollten sie unbedingt erzählen – nicht von ihnen, sondern ihrer Geschichte mit dem Menschen, der hier lebte und sie täglich in die Hand nahm –, ehe sie verschwinden müssen. Im Aufstellrahmen Fotografien von einer schönen Frau in einem schönen Licht, einer für immer anziehenden Toten, vorausgeschritten in die norddeutsche Unterwelt. Und in den Bücherregalen die wirklichen Landkarten, die Romane eines Lebens, Proust, Lawrence, Lowry, Fontane, Hemingway, Hammett. Der Sohn des Toten ist der eigentlich, der einzig Leblose: „Nehmen Sie alles mit“, sagt er tonlos, ohne Herz, mit kalter Visage. „Ich habe nicht vor, noch einmal herzukommen.“ Und mag der Tote auch ein Scheusal gewesen sein. Seine Habseligkeiten haben es mit ihm ausgehalten.

Wer hier liest

„Sind Augen Organe?“, fragt das Kind.

Um Totgeräusche auszuschließen, schneide er sehr leises, kaum hörbares Rauschen in die leeren Räume zwischen Sprechaufnahmen, sagt der Toningenieur. Todgeräusche. Der Todingenieur. (Winterhude, 20.12.)

„I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist“ Destroyer, „Sky’s grey“

Zum Zwiebelschneiden setzt sie die Sonnenbrille auf.

Seit Monaten auf dem Nachbarbalkon die achtlos bei Wind und Regen liegengelassenen Pflanzen, die umgestürzten Kübel, die Erde, der schwarze Mulm. Manchmal treten sie heraus unter den Nachthimmel, die Mieter (die keine Bewohner sind), stoßen an mit Sekt (oder, uh, Prosecco), lachen, feixen, glotzen herüber (und ich strecke den Zeigefinger aus, hebe den Daumen und krümme den Zeigefinger), bevor sie wieder hineingehen zu ihrer nichtswürdigen Abendserie, ihrem schwarzen Mulm.

„Warum sich abgeben mit Leuten, die dich immer bloß traurig machen?“, fragt das Kind.

Wer hier liest, begibt sich auf Grasgebiet. Hier herrscht nichts und niemand, d. h. das grüne Gras. Hier mäht keiner den Rasen. Hier werden Rasenmäher in die Luft gesprengt. Wir wachsen, das Gras und ich, und liest wer hier herum, so muss er mit, so muss er mitwachsen. Lass, Grasleser, Deinen Dünkel, der bloß Angst vor dem Nichtverstehen, d. h. vor dem Unbekannten, d. h. vor dem Sterben ist. Hier trabt das Gras. Hier ist der Hass zu Ende. You are leaving the prejudice sector. Alles wird grün, allem wird grün vor Augen. Wir wehen im Wind, und der ist Atem, wessen auch immer. (3.1.2018)

Steg

Die Stühle sind angekommen!
    In Reihen stehen sie im Licht
des Saals, als könnten sie sich
    unauffällig geben und davon-
laufen, sobald jemand vergisst,
    die Tür zu schließen. Genauso
wartet das Licht. Es sinkt auf die
    Stühle. Wer später darauf sitzt,
weiß das dunkle Holz ebenso gut
    (ebenso wenig) wie irgendeiner
sonst. Aber das ist ja zum Glück
    auch überhaupt nicht die Frage,
du Stuhlforscher! Ahnen die Stühle,
    wer auf ihnen Platz nehmen wird?
Ahnt es irgendeiner? Wer denn? Wo
    ist der Weg, der Steg aus Licht quer
durch den Saal der ganzen Ignoranz?

Meine Saturn-Anrufe

„Code Is Poetry“ – der Slogan eines der wichtigsten Web-Providers (oder so) macht deutlich, wie vereinnahmt (die) Poesie bereits ist. Gibt es poetische Strukturen, die dem Zugriff durch die massenabhängigen Medien standhalten?

Dein eigentlicher Job: Beobachtung der Gerechtigkeitsgrenze. Im Ernst?

Nein. Aber „redundant“ ist eine prachtvolle Berufsbezeichnung! „Und Sie, was machen Sie so?“ – „Ich bin redundant.“ Oder für die Schnittigeren unter uns, die ja eher häufiger denn seltener werden: „Ich bin Redundant, versteht sich, Oberredundant!“

Der Freund sagt am Telefon, es gebe einen Hund dort in diesem Haus, der sei wie er.

Christian Saalberg nannte sich so nach seinem Lieblingsort in der Kindheit, dem niederschlesischen Saalberg, heute Zachełmie im westpolnischen Jelenia Góra. In seinem frühen Gedicht „Saalberger Sommer“ beschreibt Saalberg den Ort, lädt ihn sinnlich auf, verpuppt ihn in den Fäden seiner Erinnerung. Die vierte (und in der überarbeiteten Fassung letzte) Strophe des Gedichts schließt:

Hinter Wall und Staketen nistet
Unberührbar der Sommer, meine Geliebte,
Hütet mein Wort das Schweigen ein.
Weiß und immergrün steht das Haus,
Gesäumt von der strömenden Zeit,
Gelassen auf blättrigem Grund.
Saalberg. Das soll dein Name sein.

Wohlgemerkt, es ist nicht der Dichter, der sich selbst hier anspricht und seinem poetischen Ich den Namen des geliebten Ortes zuweist – vielmehr erhält der Ort den Namen, ganz so, als hätte er zuvor anders geheißen oder irgendwie heißen können. Dennoch – und hierin besteht Saalbergs hohe Kunst, die er über die folgenden Jahrzehnte immer weiter verfeinert – rücken Ort und Kind, Erinnertes und Dichter hier merklich zusammen. Die poetische Parabel biegt sich der Welt zu. – Benannt nach dem Lieblingsort in der Kindheit, wie würde dann ich heißen?

„Die Anerkennung meines Tuns, ein erstarrter See“, sagt der Freund.

Tel.nr. v. Saturn: 0221-22243123.

Wulin

Von den binnen Wochen erbauten Wolken-
    kratzern hängt das Grün aus dem Himmel
in die Straßen hinunter. Alte mit einem Eisberg
    aus Styropor fahren vorbei, und in den Augen
der Kinder liegt die Tiefe der konfuzianischen
    Zeit. Kummer ist eine Art schwerer Zweifel.

Eine Reklame, groß wie eine Schule, bunter als
    die Nacht unter Vögeln: Betrink dich im Bezirk
Wulin! Spür den Wind dort! Die schlaflose Stadt
    ist das Paradies! Im selbstfahrenden Bus nach
Wulin. Der eingeschlafene Fahrer, dem ich den
    Anorak über die schlotternden Beine breite.

Kanalbaumuseum, Schiffbaumuseum, Vögel-
    museum, Scherenmuseum, Messermuseum,
Wundenmuseum, Schießpulvermuseum, Katzen-
    museum, Tannenbaummuseum, Regenschirm-
museum, Regentropfenmuseum, Tränenmuseum.
    Komm nach Wulin! Bleib in Wulin! Für immer!

Reste von Licht

Nach 37 Jahren wurden heute die stillstehenden Triebwerke der in die Weite des Alls hineinfliegenden Raumsonde Voyager 1 erstmals wieder gezündet. 1980. Ich war 15. Zwei Wochen zuvor hatte ich meinem Vater ins Gesicht gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Im Jahr darauf verließ der Tyrann mein Leben und überließ mich den Scherben meines Gemüts. Ich fing an zu schreiben. Ich fing an zu lieben. Ich fing an zu rauchen. Die 37 Jahre alte Software an Bord der Voyager soll tadellos funktioniert haben. Die Dunkelheit, die Stille, in die man hineinfliegt. So ist die Zeit. So bin ich. So bist du. (4.12.2017)

Eine neue Steuernummer. Im Brief des Finanzamts wird mir auch die Bezeichnung meines Betriebs mitgeteilt: Selbst. Journal. Pressefot. Richtig muss sie lauten: Selbst. Gras. Irrt.

Morgen in Kiel. Mit dem Blick auf die Förde aufgewacht, und da kam tatsächlich gerade der große Dampfer des Lichts hereingefahren.

„Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte deiner Seele.“ Franz Kafka

Und noch mal Kafka: „Nichts davon, quer durch die Worte kommen Reste von Licht.“

Manche, ja viele Erwachsene, Männer und Frauen, schaukeln, rollen, wackeln dahin wie kleine Kinder, die erst vor vielleicht Wochen oder wenigen Monaten laufen gelernt haben. Manche, nein viele Kinder gehen, schreiten dagegen vermeintlichen Erwachsenen ähnlich, hoch erhoben, den Rücken durchgedrückt, gravitätisch, Kraniche, Mischlinge aus Kran und Ich. Alle sind wir immer Kinder. Bleiben es immer. Tun alles, damit es unbemerkt bleibt, und scheitern darin minütlich. (8.12.)

Jede Nacht die Sterne

Jede Nacht zwischen halb
vier und halb fünf wachte er
auf und trat ans Fenster, und
stets war er da auch draußen
unterwegs auf der Straße,
als Hund vielleicht,
                                    oder
er schwankte als welkende
Stockrose an einem Zaun durch
das Dunkel. Er lag im Bett. Er
schlief und war zugleich
unterwegs unter
Bäumen.
                Lange stand
er im Zimmer am Fenster,
war ruhelos und lief so müde
wie unermüdlich, ob in seiner Stadt
oder einer anderen, zugleich
durch das schlaflose
Hereinbranden,
                              das Herein-
branden und -branden des Lichts
der Sterne. Das Sternenlicht.
Jede Nacht die Sterne.

Die gestohlenen Stunden

„Gestohlene Stunden“, sagt ein junger Maler (Handwerker) zu einem älteren in der U-Bahn. „Sie vergessen, dir deine Stunden aufzuschreiben, manchmal absichtlich.“ Die Poesie zieht sich zurück in die Gespräche der sogenannten einfachen Leute. Gespräche finden in sogenannten Intelektuellenkreisen gar nicht mehr statt. Schriftstellerunterhaltung heißt: Unmittelbarer Austausch Fehlanzeige. Wie das Telefonieren verlorengeht nach dem Briefeschrieben, indem wir einander (eigentlich aber uns selbst) Sprachnachrichten schicken (vorsprechen), geht der innige Austausch kaputt und verliert sich. „Gestern bin ich wieder allein rauchen gewesen“, sagt der junge Maler. „Ich stand an der Hecke. Kennst du ja.“ – „Allein, an der Hecke?“, fragt der ältere nach. Er schüttelt den Kopf. „Ja. War ein guter Moment. Aber mich ärgern die gestohlenen Stunden.“ (Berlin-Zehlendorf, 24.11.)

Der überall sein Rad mit hinnimmt – er hat Angst, nicht schnell genug wegkommen zu können. Er hat Angst vor dem Feuer, dem Lebensfeuer.

Auf dem Bahnsteig kommt dir der frühere Großstadtbürgermeister entgegen – an dessen Frau du gerade dachtest. Er wirkt wie ein weißer, alter, ein welker Schatten. So wie sie auf dem Podium, das greise Mädchen, die Erfolgsdichterin.

Reiß dir alle Wimpern aus. Wünsch dir, was zu wünschen ist. Es ändert nichts, es ändert nichts. Nur deine Augen werden frieren.

Auf der Straße zwischen den Mietblöcken streiten sich lautstark – und schubsen und rempeln einander – ein Paketkurier und ein Mieter, beide auf Arabisch.

Im Laden an der Ecke, erster Frostmorgen. Ein alter Herr, offenbar Witwer, erzählt mir vom Winter ’46, zwischen den „stockwerkhohen Trümmerhügeln“. (Eppendorf, 2.12.)

Traum, ich wäre ein wilder Hund und lebe in den Hügeln über einer Metropole. Wie der Lärm am frühen Morgen in die Bäume heraufzieht, gefolgt vom Qualm des Smog. Gestalte deinen Tag. Nie vergessen, welche Freiheit diese Freiheit bedeutet.

Foto: Alec Soth, „Dog Days Bogotá“, 2007

Grüne Kräne

Fenster auf Dunkles, die Stadt dort,
weihnachtlich beleuchtete Kräne – Zimmer
mit Ausblick aufs Jenseits. Im Park sieben
Stockwerke tiefer liegt der alte Stutt-
garter Friedhof, aber du fliegst da
nicht hinunter, gehst noch nicht
durch die Luft, und pfeift auch noch
so lockend ein tödlicher Adventwind. Du bist
noch ganz von der Welt umgeben. Die Kräne schwenken
grün durchs Dunkel, sie sind Wolkenkuckucke, sie
kokettieren wie Lilith mit dem Teufel. Last-
brennnesseln, die du fassen zu können
glaubst, indem man sie beherzt
packt, ohne Furcht.

Anmerkungen zur Ungerechtigkeit

Jonquillen kamen verhältnismäßig früh in die Gartenkultur, lese ich. Als Gartenflüchtling ist die Jonquille verwildert und bildet in Südfrankreich, Italien und Dalmatien – wer kann ihr das verdenken – wilde Populationen. Jonquillen, eine südeuropäische Narzissenart. Helmut Scheffel übersetzt ein schönes Wort in Claude Simons Roman „Die Schlacht bei Pharsalos“ so: „… jonquillengelb färbt sich der Dunst des Himmels.“

Welches Befremden in dem morgendlichen U-Bahnwagen, als das Mädchen am Fenster (vor dem Licht steht) lauthals singt. Ja, welches, welches Befremden, deines, unser, euer? Bist du überhaupt imstande, überhaupt befugt, so etwas zu mutmaßen? Vertrau(st) du deinem Gespür (?)! (Barmbek, 6.11.)

Ausgebootet. Die Hawkins-Bande meutert und übernimmt deinen Segler. Sie setzen dich in die alte Schaluppe. Und jetzt, was tun? Rudere ihr nach, solange du kannst, bleib ansprechbar, bleib in Rufweite. Viva, Hispaniola!

Erstes weißes Licht. There he goes again. Wilder Winter. Wieder Winter. Widerwinter.

Zwei Krebsleiden muss jede Liebe überleben: Ironie und Antizipieren.

Der Dichter, der mit seiner Familie auf dem Land wohnt und in der Stadt ein kleines Pflegedienstunternehmen leitet, das er selbst gegründet hat und von dem sie alle leben, er ist am Abend, bevor er wie üblich den Zug nahm, in dem er für gewöhnlich weiterschreibt an einem Gedicht, in seinem Büro überfallen und verletzt worden, sodass er operiert werden muss. Was sagt das aus, sagt es etwas aus über die Ungerechtigkeit? Oder die Barmherzigkeit? Gar nichts? Was würde dann überhaupt etwas aussagen? (Barmbek, 16.11.)

„,Mit jemand wie dir ist kein Staat zu machen.’ – ,Das will ich auch hoffen.’“ Peter Handke

„Das Erinnerungsvermögen des Eises“, sagt der Glaziologe. (Innsbruck, 20.11.)

Wenn ein jeder dir ungerecht gegen dich erscheint, zieh in Erwägung, dass dein Gerechtigkeitssinn dich trügt. Immerhin gut möglich, dass in Wahrheit du es bist, der gegen dich ungerecht ist. (Nein.) (Doch.) (Nein!) (Doch.)

Im Sargzimmer

Nur erfolglose Vertreter und mittel-
mäßige Autoren bringt man so unter,
zumindest in Berlin. Die Hauptstadt?

Nicht deine. Deine Hauptstadt ist eine
unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort
rauschen die Bäume, braust der Regen,

sind die Tiere freie Bürger, ist verkappter
Selbsthass unbekannt. Im Sargzimmer
der deutschen Hauptstadt weißt du es

wieder, du bist nicht besser als jeder
ausrangierte Güterwaggon, abgestellt
an einem Feldrand an der polnischen

Grenze oder tief in Belgien irgendwo.
Niemandszüge rattern vorüber, und
einer wird kommen, dich anzukoppeln,

wart’s nur ab, zwei, drei Jahre noch, und
Schluss! Du horchst. Von Wand zu Wand
sind es anderthalb Meter. Träum schön.

Unterwegs unter den Bäumen

Berlin, im Sargzimmer. Nur erfolglose Vertreter und mediokre Autoren werden so untergebracht, zumindest in Berlin. Hauptstadt? Nicht die meine. Meine Hauptstadt ist eine unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort rauschen die Bäume, braust der Regen, sind die Tiere freie Bürger, ist der verkappte Selbsthass unbekannt. In dem Sargzimmer der deutschen Hauptstadt weißt du, dass du nicht besser bist als ein ausrangierter Güterwaggon, abgestellt an einem grauen Feldrand an der polnischen Grenze oder tief in Belgien irgendwo. Niemandszüge rattern vorüber, und einer wird kommen, dich anzukoppeln, in zwei, drei Jahren. Horch! Du lauschst. Von Wand zu Wand sind es anderthalb Meter. (Charlottenburg, 19.10.)

„Jedes Tagebuch“, sagt das Kind, „besteht aus Briefen, die unbeantwortet bleiben.“

Bitte achten Sie darauf, dass sich auf Ihrer Kleidung keine Schmetterlinge befinden.

„Wirr sind das Volk! Wir sinnt das Volk!“

Das Problem des Fränkischen ist das Fränkische. Eine außerfränkische Welt scheint es von Franken aus betrachtet lediglich in Form von etwaig zu beliefernden Betrieben zu geben. Mirr sinn mirr. Über die außerhalb Frankens bestimmt irgendwo liegende Außenwelt wird das fränkische, das frängische Schweigen gebreitet. (Nürremberg, 25.10.)

Jede Nacht zwischen halb vier und halb fünf wachte er auf und trat ans Fenster, und stets war er da auch dort draußen auf der Straße unterwegs, als Hund vielleicht, oder er schwankte als welkende Stockrose an einem Zaun durch das Dunkel. Er lag im Bett. Er schlief und war zugleich unterwegs unter den Bäumen. Er stand im Zimmer am Fenster, war ruhelos und lief so müde wie unermüdlich zugleich durch die Straßen, ob in seiner Stadt oder einer anderen.

Die Immortellen

Die Nebelbänke in den Talsenken und Mulden westlich von Strasbourg – durch die ich hindurchrausche mit 307 Stundenkilometern.

Nach Nietzsche muss „eine große, feste Glocke von Unwissenheit um dich stehn“. Es sei nicht genug, einzusehen, in welcher Unwissenheit Mensch und Thier (!) leben würden – „du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und hinzulernen.“ Es läutet. Und ich glaube ihm nicht, diesem Bildergeklingel von der Kanzel herab. (Mein Fuchs aber weiß nichts, er lächelt.)

In den Gärten, die zur Yvette hinunterführen, hängt im Sprühregen die Wäsche. (Gif, 1.10.)

Der Leichenwagen kommt und schiebt – langsam, ungeheuer, wie in meinem Gedicht … – das Heck vor das Kirchenportal. Dort stehen im weißen, bis zu den Knöcheln reichenden Alben zwei Ministranten und weinen. Aus einem Kleinbus steigen die sechs Sargträger (und spätestens jetzt hätte ich vor einiger Zeit noch begonnen, ein Gedicht zu konzipieren). Sie schultern den hellbraunen Kasten mit dem Leichnam darin: Das Gewicht lässt einen Lidschlag lang den Toten sichtbar werden, wie er oder sie noch am Leben war. Dann erlischt die barmherzige Vorstellung. Der Ruck auf die Schultern ist das Menschliche, das keines Prinzips bedarf. Im Kasten schlägt der Gestorbene mit der Stirne kurz gegen das Holz. Sobald der Sarg auf den Schultern ruht und ihr Weg die Träger an den weinenden Messdienern vorbei in die Küche führt, legen sie jeder die freie Hand, den Handteller nach außen gewendet, auf den Rücken. Seltsam bleibendes Bild von dem Toten im Sarg, der das alles miterlebt.

Unterhalb der Friedhofsmauer, auf Kopfhöhe mit den im Erdreich (selig, unruhig) Schlafenden, trabt ein Pulk Sportler durch den Abend und weiter, hinaus aus dem Ort, wo über den die Hügel hinaufstrebenden Wiesen voller Ginster, Taxus und Immortellen schon die Nacht wartet. Die Toten wachen auf von dem hellen Lachen und Johlen der Lebendigen. Die Blumen auf den dunklen Gräbern drehen die Köpfe an ihrer Statt, ich habe es nicht mit eigenen, aber fremden Augen gesehen.

Unter dem tschilpenden Baum in der abendlichen Stille die Dorfjugend am Tisch im Freien. Ils se racontent. Die Immortellen rasseln. Ils se racontent. (Volx, 3.10.)

Frei zu sein, das heißt auch frei zu sein von Dünkeln, Hassen, Angst oder Kummer haben.

Milchziege

Titel einer ERZÄHLUNG: „Blick in eine bessere Zeit“.

„Erinnerst du dich noch an das Gebiet, wo man immer diese Geister hatte?“ – „Ja, war das beste Gebiet überhaupt.“ — „Sie haben es abgeschafft. Gibt es nicht mehr, das Gebiet.“ – „Nein.“ — „Doch.“ — „Nein. Mein Lieblingsgebiet.“ (Bamberg, Unterer Kaulberg, 13.9.)

Heute Nachmittag, wird gemeldet, werde die seit Jahren durchs All reisende Forschungsraumsonde Cassini kontrolliert in den Saturn stürzen. Auf ihrer Reise habe Cassini u. a. einen unterirdischen Ozean auf einem der Saturnmonde entdeckt. (15.9.) (So ist der Tod.)

„Brauchen Sie die Telefonnummer der Sonne?“, fragt die Frau am anderen Ende der Leitung.

„Wenn du es dir aussuchen könntest“, sagt das Kind, „würdest du dich lieber teleportieren oder lieber fliegen können?“ Darüber, sage ich, müsse ich erst mal kurz nachdenken, eine wichtige Entscheidung! „Ich“, sagt das Kind, „wäre der Wind.“

Chevrolet – Chèvre au lait – Milchziege.

Einen fraßen die Schnecken. Das brauchte seine Zeit.

Gespräche wie Baumgruppen

Vier Reinmachedamen am Nebentisch führen das tiefsinnigste Gespräch seit meiner Ankunft gestern. (Berlin, Charlottenburg, 1.9.)

Autoaufkleber (quer über die Heckscheibe): EISERN UNION

Die ENDYMION-DATEIEN!

Immer öfter die Abende, an denen dich nur die Musik rettet – wovor? Dem Klanglosen, dem Abgesang. Vor Jahren hätten die Gedichte das für dich getan, dir Trost gespendet. Aber Gedichten ist nicht mehr zu trauen, den falschen eh nicht, und den echten, die so selten geworden sind, kaum mehr … sind ja so schwer zu erreichen, die Biester. Hier, diese Notate, dieses Notizengestrüpp, zig verhinderte Gedichte. Genichte. (Bamberg, 4.9.)

Flexibler Kopf,
mit Zungenreiniger.

Es gibt Gespräche wie Baumgruppen und Unterhaltungen, die ähneln Vogelflügen. Aber das meiste Reden ist Zaun. (7.9., Mainauen)

Der Muskelprotz wankt seinem Söhnchen hinterdrein wie dessen Doppelgänger – Riesenbaby. (Stellingen, 9.9.)

Sommerwolken

Sommerwolken (Foto: Juliette Aubert)

Wie das Tageslicht, das Feuer, seinem Ego Kraft verleihe und es verfeinere, schreibt John Cheever: „With my eyes closed in sleep I seem to be a very different man. The moral quality of light.“

Das geliebte Ungeheuer abgeschlossen, ein Tatzelwurm: Henry James’ Brieferzählung „The Point of View“ in meiner Übersetzung, „Wie man es sieht“.

Mireille Darc ist gestorben. Wie furchtbar die Welt ohne sie. „Darc“ wählte sie als Künstlerinnenname, nach Jeanne d’Arc. Sie starb nach langer Herzkrankheit … wer hat das nicht verhindert? Schande über den Tod, einmal mehr. (28. August 2017)

„… wenn du an der Laurenzihaltestelle nunderwärts stehst …“ – wundervolles Fränkisch.

Die beiden Bauarbeiter, die das Barockgebäude gegenüber ausschälen, werfen alles im Haus nun Unnötige hinunter in den Rosengarten. Vormittag mit mächtigen Staubwolken, kolossalem Lärm. Latten, Bretter, Steine, Toilettenbeckenbrocken in den Beeten. Wolken quillen oder quellen aus den Zimmern durch die Fenster in die Gärten hinaus. Wabern durch die Höfe. Die Vögel ducken sich weg. Die Rosen versinken unter dem Staub. Die Bamberger wundern sich, aber keiner bleibt stehen.

Sommerwolken 2 (Foto: Juliette Aubert)

Tous les mercredis

Am See in der ersten Mittagshitze nach den Tagen des Mistral beobachte ich einen kindergroßen Windwirbel, der, über den Sand rotierend, an einem Spielplatzzaun entlang, hinunter zum Wasser wandert, wo er sich auflöst. Die Blätter und der Staub in seinem unsichtbaren Schlauch sinken zu Boden und bleiben reglos liegen. (Les Vannades, 12.8.)

Das Quietschen der Schaukeln ist der Gesang der Vögel in den Uferbäumen.

Jeden Mittwoch. Immer mittwochs. Alle die Mittwoche. Ach, ihr Mittwoche alle. Die ganze Zeit Mittwoch. Immer Mittwoch, unablässig Merkurtag. Tous les mercredis.

Hornissenkämpfe auf der Terrasse unter dem Feigenbaum.

„In Digne“, sagt dein Herz, „gibt es immer Gewitter.“

Und das Kind sagt: „Hab ich abgescreenshottet.“

Das mittägliche Schwirren in der Krone des Feigenbaums stammt von einem (immer demselben?) Schwarm Vögel, der sich darin niederlässt und sogleich zu diskutieren beginnt. Wem gehört hier was? Den Menschen, diesen mickrigen Stoffmollusken? Oder uns? Ja, uns! Her damit. Her mit unseren Feigen! Holen wir sie uns! Aber halt, langsam. Wir haben Zeit. Hier oben langen die nicht herauf, selbst mit ihren langstieligen Mistwerkzeugen nicht. Molluskenärsche. Volltrottel aus Asche und Kot. Flügellos, ganz flügellos! So schwirren sie, und zetern, und lachen. Ab und an prasselt es drei, vier Feigen, platsch, auf den Beton von uns Molluskenärschen. Dann rauscht es auf, dann rauschen sie davon. Stare? Drosseln? Ich kenne ihre Namen nicht.

Der kurze Jubel, der furchtbare Trubel, der Geld bringt und Einsamkeit, geht von neuem los. Longlist-Nominierung. Der Deutsche Buchpreis. Der Buchpreis der Deutschen Bank AG. Freunde schweigen sich aus und ziehen sich zurück, als hättest du sie beleidigt. Triumphale Niedergeschlagenheit. (Volx, 15.8., am 21. Geburtstag deines Sohns)

Mistral

Auf dem Friedhof wässern die Kinder die Steine, die aber nicht zum Leben erwachen. Sie wollen nicht wachsen. (8.8. Pour Annie.)

Baden im See bei Gewitter, mit Wasserschlangen? Ja.

An der Pont de la reine Jeanne, einer alten, von Stahlklammern gestützten Brücke über den Vanson: Steine, Koniferen, Wasserläufer. Wanderer klappen Wandererklapptische auf, bestens vorbereitet mit Gurkensalat, Baguette und Kompass. Die Sterne werden noch über den Trümmern funkeln, und im Vanson der Schlamm wartet wie der Schlamm vor Jahrmillionen.

Mistral. Der kühle Wind vertreibt die abgestandene Hitze. Plötzlich Herbst. Rasseln der Platanen. Ein Wind aus Licht, sobald die Wolken vertrieben sind. Die Leute lächeln. Die Leute leben mit dem Mistral. Unsichtbare Uhr auf der Haut. (Manosque, 10.8.)

Ausgelöscht wie überall ist auch die Landschaft der Provence und des Luberon entlang der Küstenstraßen oder bedeutenderen Landwege, bis sie münden in die sogenannten Gewerbegebiete, die in Wirklichkeit Zerstörungsgebiete sind, wo die heillose Vernichtung jeder Form von Lebendigkeit gerechtfertigt wird mit dem billigsten Grossistenangebot aus Ramsch, Nutzlosem und chinesischer Plastikmassenware. Fahr drei Minuten lang landeinwärts, und das Land öffnet sich, da sind Felder, Wälder, da fliegen Vögel und gehen Leute umher, ohne müde zu sein von ihrer sie zermürbenden Verzweiflung.

Ein Absatz, in dem sich beinahe so etwas wie die Essenz des profunden Lebenschronisten John Cheever verbirgt: „Who, after all, is that man who puts a dime in the lock of the public toilet and in its privacy drinks from a flask of vodka? It is I. When? Last month, last year, six years ago. I seem to have changed more than the airport.“ In der Schwabinger Uni-Buchhandung für englischsprachige Bücher entdeckte ich kürzlich ein Kompendium, das unter Cheevers Namen den Titel „Drinking“ führt. Darin wird Cheever reduziert auf den großen Erzähler, der ein Säufer vor dem Herrn gewesen sei. Das aber ist genau das, wogegen er sich ein Säuferleben lang wehrte – bis er schließlich mit weit über sechzig zu den Anonymen Alkoholikern ging und der Trunksucht den Hahn abdrehte. Schreiben und Trinken sind für Cheever verwandt, ja Ausdruck von ein und demselben. Schreiben ist das Offene, das keiner Kategorisierung bedarf. Bloß Literatur ist Schublade, Literatur und Literaturkritik kommen ohne Kategorien nicht aus. Aber was hätte Schreiben mit Literatur zu tun? Es existiert keine Zeile Cheevers, in der er theoretisiert. Das Trinken ist ihm lebensnotwendig als Rätsel. Und die Furiosität seiner Poesie zeigt sich in einem Satz wie „Ich scheine mich mehr verändert zu haben als der Flughafen.“

Ankommen

Im Wartezimmer der Hautärztin die Übersetzung von James Weldon Johnsons „The Creation“ abgeschlossen. „Und so weit das Auge Gottes reichte, / Bedeckte alles Dunkelheit, / Schwärzer als hundert Mitternächte / Tief in einem Zypressensumpf.“ – „Der Nächste bitte.“ (31.7.)

Jeanne Moreau ist gestorben. Meine Welt verschwindet täglich mehr.

„Wahr sind nur die Gedanken, die sich selbst nicht verstehen“, sagt Adorno richtig, deshalb sind ja alle Gedanken wahr. Und falsch. Denn Wahrheit gibt es gerade deshalb nicht, nicht unter den Menschen.

Die Kinder gönnen einander nicht den Schimmer auf dem Schuh.

Ankommen im Süden: ankommen im Licht. (Volx, Luberon, 6.8.)

Wer bist du in einem Haus, das du seit elf Jahren aus Erzählungen kennst, von dem dir erzählt wurde, als würde das Haus selber erzählen? Du bist hier, unglaublich. Du bist hier ein Unglaublicher. Ein Anderer.

Das verrostete Gerüst ohne Schaukel, ein Mahnmal.

Wie die Schatten auch die Ausgezehrtheit der Dinge, der Gegenstände wiedergeben.

Behutsam den großen Terrassenfeigenbaum zurückgeschnitten, der den Ausblick auf die Dorfkirche versperrt. Sein weiches Holz, seine duftenden Früchte. Eidechsen und Wespen leben in der Krone. In seinem Schatten ist der Tisch gedeckt. Er wurzelt unter dem Haus. Der Großvater deiner Liebsten hat den Baum gepflanzt, in dem er den Eimer mit dem rasch in die Höhe strebenden Setzling immer tiefer pflanzte, bis der Boden im Erdgeschoss in Reichweite rückte. Ankommen in der Erde.

Avenidas

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Eugen Gomringer

boulevards
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ein bewunderer

1953 / 2017