Taubenhaucher

„Es lebe die Freiheit! Hinauf, hinauf zum Schloss!“, lautete die Losung zum Hambacher Fest.

Zum ersten Mal sprach ich im Traum mit einem Tier. Eine Maus saß auf dem Balkon, und ich fragte sie: „Was machst du hier?“ – „Sieh zu“, sagte die Maus, „dass du selber verschwindest.“ Und sah mich an aus zwei goldenen Augen.

Ein Haubentaucher schwimmt unter dem Steg, auf dem ich stehe, hindurch, im Schnabel hat er einen zappelnden, grünen kleinen Fisch. Das Wasser glitzert, die Jungs und Mädchen springen lachend und quiekend hinein in den prächtigen Tag. „Ein Haubentaucher, ein Taubenhaucher“, sagt mein Kind (Neustrelitz, Glambecker See, 8. Juli).

Jacke der Erinnerung

Entsinnst du dich: die Zeit, als wir noch keine Augen brauchten? Die Zeit, als wir nur ahnten, aber nichts von uns? Nirgendwie. Die Zeit ohne dich und mich. Die Zeit, als der Frühling ein Jahr war. Die jahrelangen Sommer.

„Zersplittern. Ich fürchte, ich zersplittere.“

Die Kaschmirmomente?

Plötzlich sah ich meine alte, lange verschwundene, schwarze Jeansjacke vor mir, und auf einem Ärmel, meinem Arm, lag eine fremde Hand. Vor dem Schwarz der Jacke war die Hand ganz deutlich, schmal mit blondem Flaum. Es war die Jacke der Erinnerung (5.7.).

Edenkoben

„… das gütige Himmelslicht auf der Mühlgraben-
Mauer …“ (Michael Buselmeier, „Garten Eden im November“)

Feuer und Regen.

Geschmack deiner Kindheit: Rote Johannisbeeren.

„Immer wenn ich an dich denke, nehme ich zwei Stufen auf einmal.“ (Laut Peter Handke eine SMS an seine Tochter)

Überall in den Wäldern ums Hambacher Schloss wachsen Esskastanien, angepflanzt zur Zeit des Hambacher Fests 1832. „De Keschteburg“, die Kastanienburg, nennen die Einheimischen das Schloss.

„Ich weiß gar nicht mehr, wo die Maulbeerbäume stehen“, sagte die junge Frau, als sie in den Innenhof kam.

„Warum bist du so groß?“, fragt der Musiker auf dem Podium seinen Kontrabass.

Ein drei Zigaretten langes Lamento.

„Achim von Arnim.“ – „Ach, ich im Arm ihm.“

Das Wasserpolnisch!

Der Bosporussprinter?

„Und der Wind heult Marlies.“

Die Weinbergpferde

Hellblau auf dem Garagentor des Winzers steht: WASSER.

Der Blauglockenbaum. Und das Blau auf dem Rücken der Schwalben, die frei im Winzerhof leben. „Um die Mücken fernzuhalten.“ (Rhodt unter Rietburg, 27. Juni)

Der Winzer arbeitet im Weinberg mit Pferden, polnischen, weil sie leichter sind als Maschinen. „Weil sie das Wurzelwerk weniger belasten.“

Die Selbstpflücker!

Als Widmung in jedes Buch schreiben, gleichgültig (gleich gültig), an wen es sich richtet: „Danke für die schöne Nacht!“

Windhunde

„Jeder ist sich selbst der Fernste.“ (Nietzsche)

„Dem Herbste gelingt Nachbildung des Sommers: / Aber meine ganze Seel‘ ist ernst!“ (Klopstock, „Die Erinnerung“)

Flaubert riet Maupassant, einen Baum so lange anzusehen, bis er ihn anders sähe als alle anderen Bäume und ihm seine Unvergleichlichkeit bewusst würde.

Wenn der Wind auffrischt, sind die Windhunde nicht weit.

Chaplin soll einmal an einem Chaplin-Imitatorenwettbewerb teilgenommen haben und ist angeblich 19. geworden.

„Weißt du noch?“ – „Ich weiß nur, dass es ich gewesen bin.“

Das Feuer von Ranis

Die noch unter der Sommerhitze weithin überschwemmte Flur bei Bitterfeld.

Ein Kind fragt: „Heißt Bitterfeld so, weil es früher da so bitter war?“ – „Nein, es war schon immer so hier“, antwortet der Verbitterte.

Bei Halle liegt mitten auf einem ansonsten leeren weiten Acker der Stamm eines riesigen Baums.

Und dann das Feuer. Das Feuer von Ranis.

Die verwüsteten und verheerten Ufer der Saale, die wieder still und in der Sonne beinahe purpurn dahinfließt. Von der Flut gekappte Sträucher, wie Halme abgeknickte Geländer, Mülltonnen treibend im Fluss (23. Juni).

Jena Paradies: Auf dem Bahnsteig im Freien lauter Orientierungslose, Verstörte, Bestürzte und Weinende, die auf den Zug warten: nur weg aus dem Kummer.

In Bad Dürrenberg: Enten schwimmen auf dem überfluteten Fußballplatz.

Reine Herzen

Auf einem Karton im Kinderzimmer steht hingekrakelt: „Reine Herzen brauchen wir, und zwar schnell, jetzt und hier. Denn wir sind: Dämonen!“

Das Mobilitätszentrum?

Naturgesetz: Das hübscheste Mädchen geht zuerst, und kurz darauf der stillste Junge. Während der lauteste bis zum Schluss lacht (Ohlsdorf, 20.6.).

Die Fahrräder

Im Grunde bist du von Kopf bis Fuß, vom Scheitel bis zur Sohle, bist du ganzkörpertätowiert.

„Eine Excel-Tabelle ist nicht das Leben“, sagt der Unternehmensberater und lehnt sich damit sehr weit aus dem Fenster.

Sommer: Die Fahrräder liegen im Gras und funkeln mit dem Grün um die Wette (Lankau, 19. Juni).

Bei 35 Grad Hitze und Windstille regnet es. Die Tropfen tauchen lautlos in den silbernen See, und das Gewitter am Abend tastet sich um die Wärme herum, ohne sie sprengen zu können mit seinem weißen Flackerlicht. Die trickreichsten Gewitter sind die Juniunwetter.

Hiersein, Fernsein

In der Abendbrise klingt vom Nachbargarten immer wieder unvermutet ein Glockenspiel, ein Windspiel herüber, sodass ich an die sommerlichen Kuhglocken der Kindheit erinnert bin. Und der Freund, auch er aus Bayern, zitiert, zitternd leicht seine Stimme, einen eigenen Vers: „Hiersein, Fernsein, geschüttelt vom Hals.“ Wenn das Hier und die Ferne abgeschüttelt sind – so wie (sowie) die Kuh den Kopf schüttelt –, frage ich, was bleibt? Der Klang! (Sasel, 15. Juni)

„Fast totgeküßt“, schreibt Storm, habe der wilde Heinz Kirch die kleine Wieb.

Die alten Fahrzeuge – Autos, U-Bahnen, Lokomotiven, Motorräder –, Sinnbilder nicht nur dessen, „wie wir uns einmal bewegten“, sondern auch Inbilder dessen, dass nichts sich je bewegt. Alles bleibt, wie es ist. Nichts wird alt, es bleibt alles jung.

Für eine Viertelstunde an diesem 15. Juni war wieder November.

Versuch, einander zu fangen

Das Ulmenbüro!

ZUM ERSTEN MAL IN IHRER STADT steht auf einem Zirkusplakat am Straßenrand, und mir fallen die Städte, Kleinstädte ein, in die ich als Jugendlicher fuhr, um dort zum ersten Mal ein Mädchen zu besuchen: wie schön mir alles schien. Wie fremd! Wie sie.

Zwei Grasmücken versuchen einander zu fangen im strömenden Regen über dem Gartengrün – hin und her ein stummes, feines Schwirren, hin und her und zurück. Es will mir nichts sagen und sagt mir die Stunde (13. Juni 2013).

Ebenbürtige Schatten

Storm. Vergiss die Vorurteile, die Literaturbeurteilerei. Die gespenstischen, vorüberpreschenden Abgründe des „Schimmelreiter“ (sein „Billy Budd“) sind schon angelegt in „Immensee“. Verknappung wird Konturenschärfe, plastisches Licht. Und die Schatten ebenbürtig (8.6.).

Menschen, die es gar nicht gibt, die gibt’s.

Als eine schwarze Familie vorbeigeht, fragt das Kind: „Kann es sein, dass hier viele Amerikaner unterwegs sind?“

Unermesslicher Reichtum: ein Schulfest.

„Jeder sollte sein Gefühl immer als Ausdruck auf dem Gesicht tragen“, lacht das Kind (Wilhelmsburg, 9. Juni).

Der Träumer – einer, der treu bleibt.

Greif nicht gleich zu!

Im Traklpark. Der Inn ist weggezäunt, das Grün kinderspielgesichert. Und einen neuen Trinkbrunnen gibt es, funktioniert aber (noch) nicht. Ich trinke Gottes Schweigen. Mein Schreiben, weiß ich hier, ist nie bloß dem Leben, den Tagen und Erinnerungen gefolgt, immer war es auch andersherum. RISE hat jemand auf den verwitterten Stromkasten gesprüht. Und vorhin, in der Nachmittagssonne, war es schön, zum ersten Mal in 28 Jahren jemanden auf den Bänken sitzen zu sehen: zwei Engel, einen jungen schwarzen und einen alten weißen.

Ja, die Dichtung ist ein Sonderangebot, allerdings. Allerdings unverkäuflich, nicht käuflich. Ein besonderes Angebot, wie ein in der Sonne blinkender Johannisbeerstrauch eher zum Ertasten und Bestaunen da, auch zum Pflücken und Schmecken dann. Greif nicht gleich zu! Sieh lieber erst hin.

Am frühen Morgen das Fenster öffnen, nicht um frische Luft, sondern die Geräusche des neuen Tags hereinzulassen.

Uferbäume

Die unterspülten Jahrmarktzelte auf dem verlassenen Vorplatz; das überschwemmte Parkhaus am Würzburger Mainufer; silbern in der Sonne, voller Wasser und Vögel wie Reisfelder, die Getreideäcker vor Augsburg; verschlammt und krokodilgrün die Isar in München; von der Rosenheimer Mangfall wegradierte Uferbäume; rot aufgewühlt und tobend der Inn bei Wörgl.

Im Zug durch die Berge liest eine Ordensschwester „Das Hohelied“ (6.6., Kufstein).

Licht ist eine Stille

Durch die Baumkronen tauchen hunderte Krähen, die Meute geflügelter Wipfelhunde. Licht ist eine Stille. Im Schatten krächzendes Gebell. Unterm Parkgewölbe hängen lauthals grüne Hütten.

Lärmend schreitet der alte Nachbar mit seinem neuen Rasenkantenmäher ums Haus. Alles kappen.

Wenn Storm durch den Schlosspark gegangen kam, sangen die Pferde der Husumer Ringreitergilde ihr altes Lied. Und Storm summte es nach, schrieb es aber nicht auf.

In Tönning

Der Apotheker von Tönning: Zacharias Ludwig Ütö.

Aus dem rosigen Dunst über dem platten Dithmarscher Land tauchen Fabriken und Raffinerien auf, fünfzig Türme und Moscheen einer Stadt an einem Meer, das in der Luft hängt (Heide, 31.5).

Der Schlickschlamm!

Der alte Seebär, der am Eiderufer aus dem Bootsschuppen tritt und dessen Blick sofort den Fluss entlangwandert. Ein kleiner Dampfer hat stromaufwärts festgemacht, zwei Kilometer entfernt. „Is dat Schröder?“, ruft der Alte zur offenen Tür hinein. Und von drinnen antwortet ein Anderer: „Jau, dat is Schröder.“

Ein Wegweiser am Tönninger Ortsausgang: Welt 11 km

Wir: „Lachmöwen!“ Die Vögel: „Lachmenschen!“ – am Eidersperrwerk, Eideröffnungswerk (1.6.).

In der Welthauptstadt des Winds, wer ist dort Bürgermeister?

Sarg, auseinandergeschrieben

„Jeder Garten ist ein Grab“, sagt Emerson. Verstehst du, was er meint? Heute der volle Duft des Grüns beim Rasenmähen (eigentlich ja ein Grasmähen, um Rasen zu erzeugen) – und in dem kleinen Schuppen wächst durch die Ritzen überall der Giersch, ganz blassgelb, fast farblos, so lange war die Türe zu (der Sarg) und fiel kein Licht hinein. Wie im Treppenhaus (Sarg, durch den wir steigen) das struppige, bläulich-grün ausgebleichte (verblichene) Spanische Gras in seinen Friedhofstöpfen.

Schattenbanken und Luftreich

„Die Rückkehr der Schattenbanken“, hieß es im Radio, und ich fühlte mich bemüßigt – hatte die Muße –, anzuhalten, innezuhalten, auszusteigen und zurückzugehen zum Park. Ein Schattenbankangestellter wollte ich sein.

Wie das Gras, auf das die Mai-Juni-Vormittagssonne fällt, so grüne Augen hat das Tier und blickt unverwandt aus dem Fenster wie hinein in ein unsichtbar bevölkertes Luftreich.

SsssssSSSssss

Kleine Libellenmusik: sssssS …. ssSsSssss ….. SsssS …. ssssSsssSsssS …. SSSsssss …. ssssSsssSSSSs …. sssssSssss ….

Feine Stäubung

Der Vers von Robert Walser aus „Was fiel mir ein?“, der in Walter Kappachers „Der Fliegenpalast“ den alternden, an den Rand gedrängten Hofmannsthal dazu bringt, „alles hinschmeißen und weggehen“ zu wollen: „Wann ging die feine Stäubung / dem Schmetterling in mir verloren?“

So muss ich für meinen Sohn klingen, wenn ich am Kaffeetisch von Dichtung palavere: Gedudel der Doors.

Die flimmernden Lider nach den Stunden am Bildschirm – können es nicht fassen, wollen sich schließen, suchen nach Tränen, aber widerstehen (28.5.)

Drei Gespräche

Und auf einmal spricht dein Sohn mit dir über Eichendorff (25.5.).

„Schlimm wird es“, sagt die Frau auf der Straße, „wenn nicht mal mehr die Bauarbeiter dir hinterhersehen.“

Seltsames Eingeschnapptsein der Floristinnen, die alle – alle! – beleidigt sind oder tun, wenn einer sie bittet, noch etwas Rotes, Blaues oder Weißes in den gewünschten Strauß zu binden. Wo sie sich doch freuen sollten an der Farbsehnsucht des Blumenkäufers: „Ja, aber gern! Ihre Augen möchte ich haben … eine Gerbera fehlt!“

Jetzt, nicht mehr, bald wieder

Anrauschen, Rauschen, Verrauschen. Hör hin, wie Böen in die Bäume fahren, rasseln in den Sträuchern, pfeifen im kniehohen Gras, um die Firste, die Autostoßstangen: Der Wind singt seine Geschichte. Jetzt, nicht mehr, bald wieder. Der Ort, wo er war, klingt in ihm fort, der Wind hat ihn mitgenommen und trägt ihn dorthin, wo er gleich sein wird.

Gestern starb Sarah Kirsch. Heute starb Georges Moustaki. Morgen ist der 24. Mai 2013.

Die schöne Wehmut, zu warten auf den, der den ganzen Tag lang unterwegs war und gearbeitet hat, auch für dich.

Ein kopfloses Schaf

Eine Plakatwand, vor der die U-Bahn hält, wirbt für einen Mähroboter, einen selbsttätigen Rasenmäher ohne Schiebegestänge oder Kabel, der aussieht wie ein aus Plastik gefertigtes, kopfloses Schaf auf Rädern. Als die Bahn weiterfährt, versuche ich der Zukunft zu entfliehen und lese Walter Kappachers Debütroman „Morgen“ zu Ende, erschienen 1975, als ich zehn war und von meinem Vater unter Drescheandrohung regelmäßig zu Gartenarbeiten verdonnert wurde: „Ich war ohne einen Gedanken, und es war, als atme ich mit demselben Atemzug, mit dem die Bäume, Gräser und Steine atmeten.“

Kein Baum, kein Busch

Drüben unter den tropfenden Bäumen parkte ein kleiner grüner Lastwagen und sah im Regen aus wie ein Strauch. In der Kabine saß am geöffneten Seitenfenster der Fahrer und aß einen hellgrün leuchtenden Apfel. Ich beobachtete ihn, wollte sehen, wohin er den Apfelrest warf und wie er dann weiterfuhr, kauend vielleicht, vielleicht mit zufriedenem Gesicht. Doch dann sah ich, dass der Apfel gar kein Apfel war, sondern der hellgrün leuchtende Becherverschluss einer Thermosflasche. Und als der Laster davonfuhr, war er kein Baum, nicht mal ansatzweise ein Busch, sondern ein Lastwagen mit einem Fahrer, der im Regen eine kleine Pause eingelegt hatte (21.5.).

„Klopf an,
bevor du ins Freie trittst.“
(Ulrich Koch)

Ein Umzug und ein Streit

Der bevorstehende Umzug in die etwas dunklere Wohnung: „Wir waren mit Licht beschenkt.“

„Meine Hände streiten sich“, sagt das Kind – und führt es vor mit seinen Händen (Planten un Blomen, 20.5.).

Inseln

Wenn es stimmt, was John Donne in seiner siebzehnten Meditation sagt, nämlich dass niemand eine Insel sei, keiner ganz bloß er selbst, sondern jeder ein Teil des Kontinents, genauso aber Teil der hohen See – heißt das im Umkehrschluss, dass es Inseln gar nicht gibt? Dass daher, frage ich mich, eine Insel keine Persönlichkeit besitzt? „Der Tod eines jeden verringert mich“, schreibt Donne, „denn ich bin eingebunden in die Menschheit. Frag du dich deshalb nie, für wen die Totenglocke läutet – deinetwegen läutet sie.“

An den Bahnhöfen, im Freien, auf den Plätzen, an den Kiosks, warum siehst du dort so viele Versehrte, Rollstuhlfahrer, Einbeinige an Krücken, Krüppel? Weil es von dort fortgeht? Weil dort, noch immer, der Aufbruch möglich ist, ungehindert? (Ohlsdorf, 19.5.)

Die schnellen Fische

Im Juni grüne Wogen im Holunder, die im Park zusammenschlugen, die Tropfen eine Regenflut im Funkeln neuerlicher Sonne, und die Vogelmusik so nah wie fern. Das Spechtgetrommel. Dass ich stehenblieb und rot wurde, so sehr schämte ich mich für mein Besserwissen.

Die Pfingsttrompeten!

Und abends die schnellen Fische: Fledermäuse, gaukelnd durch die Brandung der mit Wasser vollgesogenen Luft.

„Wir können nicht mit Gewissheit sprechen, weder über Eisvögel noch über Nachtigallen.“ (Lukian)

Der Sommerwind

„… musst du ins Licht investieren …“, sagt ein Vorübergehender in sein Telefon.

Der Sommerwind blättert mir die Seiten um, und das Buch antwortet, es raschelt. „Lies!“, sagen die beiden.

Der im Wind rauschende, hin und her gepeitschte, über dem Windmeer wogende Rote Flieder.

Arbeiten

Neunzehn Jahre lang, von 1866 bis 1885, war ich Zollinspektor im Hafen von New York, genauso lang wie Herman Melville an drei, später zwei Tagen die Woche in Hamburg als Fernsehprogrammredaktionsangestellter arbeitete, von September 1994 bis Juni 2013. Nein, verkehrt. Es war andersherum! Nein, andersherum! Es war verkehrt.

Vor dem U-Bahnhofportal kniet ein junger Arbeiter auf einer am Boden liegenden Uhr, deren Sekundenzeiger rennt, und schraubt und schraubt mit seinem Schraubenzieher in ihrer Seite wie in einem Ohr. Und über den Bahnsteig, im Kreis, wirbeln im Morgenwind Eschenblütenblätter (14. Mai 2013).

Zuwucherungsversuche

Den Blicken des Kindes zu folgen, wenn es durch die sommerlichen Straßen fährt, durch die es vor Jahren (an deiner Hand) zur Schule ging – lebendige Erinnerung. Und deine Traurigkeit, deine Trauer, erlischt (10.5., auf der Uhlenhorst).

Die Tangopolizei!

Das Kartoffelkartell!

Im Mai die schönen Hohlwege, die zu den Bahngleisen hinunterlaufen, voller Blüten, mannigfaltig grüner Blätter, mit Tieren, die dort stehen und warten, bis mein Zug vorübergerast ist. Die Hohlwege entlang der aufgegebenen Rangiergleisareale und Lokomotivschuppen, begehbare Zuwucherungsversuche (Berlin-Spandau, 12.5.).