Vergeblich ist die Pracht des Himmels

Noch mal, noch immer Wordsworth: „Vain is the glory of the sky, / The beauty vain of field and grove / Unless, while with admiring eye / We gaze, we also learn to love“ – das Lebensgefühl der Zeit in Marxen, der Keats-Jahre 1989 – 95.

Vor der Großbaustelle, einer im Abriss befindlichen Kaufhauszeile mitten im Zentrum, bleibt er stehen und zitiert mir einen Helden: „,Was sind schon die großen Architekten verglichen mit den großen Zerstörern‘, sagt Donald Duck.“ (Hamburg, Rödingsmarkt, 18.12.)

Lebendig getragen

Warum sehen wollen, wo sich das Tier versteckt? Glaub doch, dass es dich beobachtet, die ganze Zeit, da du nach ihm suchst.

Ja, das bin ich: der von morgens bis abends zwischen Hemden, Jacken, Hosen und Reißverschlüssen in seiner Änderungsschneiderei sitzende Alte mit dem silbernen Schnauzbart (17.12.).

Für William Wordsworth, den Erstaunten, ist die Poesie die Wahrheit, die „durch Leidenschaft lebendig ins Herz getragen wird“ – „carried alive into the heart by passion“.

Zwischen Hut und Schal

„Zwischen Hut und Schal“, sagt die Hutmacherin, „sollte das Verhältnis von Anfang an geklärt sein. Ein Schal muss wissen, wo es langgeht.“

Leb mit einem Tier zusammen, und du kannst nicht länger verdrängen, wie furchteinflößend deine Augen sein müssen (16.12.).

Das Zimmer und das Tier

Nirgends war das Tier zu sehen, nicht im Schrank, unter keinem der Schränke, Stühle, Tische. Das Tier saß nicht hinter dem Vorhang am Fenster. Es war vollkommen ruhig in dem Raum, in dem ich mich ratlos nach dem Tier umsah. Es saß auf dem Schrank. Mit großen schwarzen Augen blickte es mich an. Es war rätselhaft, wie es dort hinaufgelangt war. Dort, das Zimmer, es war nicht mehr nur Zimmer (15.12.).

Vermessen, Vermissen

In seinem „Versuch über den Stillen Ort“ erwähnt Peter Handke eine Inschrift im Giebeldreieck eines alten Hauses in Griechenland: „Aeï ho theós geométrei“ – und übersetzt: „Der Gott, beständig geometert er (= vermißt er die Erde).“ – „Immer vermisst der Gott die Erde“ übersetze ich und glaube, auch wenn man die Doppeldeutigkeit im Griechischen nicht vermisst, so ist sie bestimmt im Sinn des Vermessenden.

Die dunklen Schwestern

In der Dunkelheit stapfen zwei dick eingemummte Frauen durch den Schnee in den Ort hinauf. Sie gehen gleich schnell und wirken, wie da jede der beiden auf ihrer Straßenseite dahinschlurft, als wären sie Schwestern, zerstrittene Geschwister. Die Eine scheint in ein Handy zu sprechen, mit einem Mal nämlich fragt sie: „Und du trägst alles den Berg rauf?“ Aber es ist die Andere, ihre dunkle Schwester, die antwortet: „Es ist so schöne Luft.“ (12.12.12.)

Die Auslegeware

Zwei Arbeiter setzen eine Art Saugmagnetenbügel auf dem Redaktionsflur auf und heben damit die Auslegeware an: Darunter kommt ein Kabelschacht zum Vorschein, hautfarben rosige, zu armdicken Strängen gebündelte Kabel verlaufen unter dem Filz. Tipp du die Wörter in die Tastatur, in den Rechner, tausend am Tag. Du fütterst eine Maschine – und dachtest immer, du hilfst Leuten, sich zu entscheiden.

47 Winter

Gesetzt den Fall … Quatsch. Stell dir vor, an alle Wintertage wie diesen könntest du dich erinnern: an einen milchigen Himmel 1967 – den Schneematsch an einem Dezembertag 1973 – Wildgansschwirren eines kalten Abends 1986 – das erste plötzliche Graupeln 1995 – die schmale Sonne Ende November 2002 – – was würde es ändern? Nichts als siebenundvierzig durchlebte und nur mehr virtuelle Winter hättest du vor Augen. Erleben ist anderswo: hier. Erinnerung ist leblos (9.12.)

Eindrücke

Äußeres Ansehen – inneres Erleben: Angst um Geltung – drängendes Sichäußern: Der Stau an dieser Membran sorgt immer wieder (seit Jahrzehnten unaufhebbar) für Eindrücke von Unwirklichkeit.

Weitwach

Schlafen – im Zug, der durch verschneite Landschaft fährt, so lange, bis du aufwachst, hellwach (weitwach: wide awake) neu beginnen willst und aussteigst, ohne zu wissen, wo (Berlin – Hamburg, 7.12.).

Schnee

Die Tage lärmen grau, die Abende sind schwarz, die Nächte, wenn die Kälte kommt, weiß vom lautlosen Schnee.

Schnee – die Besinnung. Schnee – das Feierliche. Schnee – die Ruhe. Schnee – die Pause. Es – was? – schneit. Es hat aufgehört zu schneien – was hat aufgehört?

Überall tropft der tauende Schnee, das schmelzende Eis mit leisem, plinkendem Aufprallen, Aufklopfen, sodass es exakt wie das Knispeln der Meisen an Körnern, ihr Aufknacken klingt (6.12.).

Landkarte ohne Meer

James Blakes berückender Dubstep von „The Wilhelm Scream“: Das Elektronische setzt neu an zu empfinden und will erzählen, nicht immer nur tanzen. Es ist die hörbare Ablösung, die Bilder der Lyrics noch ganz medial: „like a waterfall in slow motion, like a map without an ocean“ (4.12.).

James Blake, „Klavierwerke“ (0:00) und „The Wilhelm Scream“ (6:28), Haldern Pop Festival 2011

Drei Stimmen

„Ich hatte Freundinnen, und meine Freundinnen hatten Geschwister. Meine Geschwister waren Tiere.“

„Angehörige von bereits Verstorbenen“, sagt die Stimme im Radio und gehört offenbar zu Einem, der sich für einen Untoten hält – so wie uns alle.

Lebendigkeitsgeräusch, Klang: das Tropfen von tauendem Schnee in der unerwartet warmen Dunkelheit der Nacht (3.12.)

Eine Vielzahl von Ursachen

„Ein Vielzahl von Ursachen, die früheren Zeiten unbekannt waren, wirken jetzt mit vereinter Gewalt, um die Unterscheidungskräfte des Geistes abzustumpfen und ihn, indem sie ihn zu jeder spontanen Anstrengung unfähig machen, zu einem Zustand von beinah roher Stumpfheit degradieren. Die am stärksten wirksamen dieser Ursachen sind die großen nationalen Ereignisse, die sich täglich abspielen, und die zunehmende Ansammlung der Menschen in den Städten, wo die Gleichförmigkeit ihrer Beschäftigungen ein Verlangen nach außerordentlichen Vorfällen hervorruft, welches die schnelle Mitteilung von Nachrichten stündlich befriedigt.“ (William Wordsworth, Vorwort zu den „Lyrical Ballads“, 2. Ausgabe, herausgegeben mit Samuel Taylor Coleridge, Bristol 1800).

Gitter und Rückwand

Nichts verwandelt den Garten im Lauf des Jahres außer der Garten selbst – bis der erste Schnee fällt (1.12.).

Schwarze Vögel, weiße Vögel – im kahlen Geäst die hängengebliebenen Äpfel, eine Handvoll Meisen. In der dunklen Voliere wehen mit jedem Windzug Tauben hin und her zwischen Gitter und Rückwand (2.12.).

Überallhin

Kurz vor Abschluss eines Romans und Figuren- und Empfindungsgewebes wie nun nach zweieinhalb Jahren von „Nie mehr Nacht“ tauche ich aus einem Tunnel auf und stehe zurückgekehrt zur Lichtwelt an einer hellen Kreuzung, von der hunderte Straßen und Wege abzweigen. Überall Häuser, mit überall offenstehenden Türen, Fenstern, Einfahrten, Durchgängen und Eingängen. Überallhin kann ich gehen – darf nur nicht vergessen, dass ich nicht allein, sondern dutzende bin (30.11.).

Recoleta

Fünf Jahre her, da liefst du am dem Namen nach dunkelsten Tag des Jahres, am 29. November, durch Buenos Aires, und es war heiß, hell, Hochsommer am Rio de la Plata. Du warst ein Verlorener und bist es heute nicht mehr, so grau und dunstverhangen der Tag in Hamburg („Amburgo! Amburgo!“) auch ist. „Zurückgekehrt zur lichten Welt“ bist du, und den Ausweg aus dem Inferno, den Noteingang, fandst du heute vor fünf Jahren unter den großen alten Bäumen auf einem anfangs gehetzten, dann immer langsameren und schließlich endlosen, bis heute andauernden Spaziergang durch die fremde Stadt hinauf nach Recoleta (29. November, 2007 / 2012).

Kalenderblätter

Gut, es zu sehen: Dein Arzt altert im selben Tempo wie du – und wie deine Kinder älter werden, so auf den monatlich wechselnden Kalenderblättern auch seine.

„Wenn du fürwahr dein Licht vom Himmel hast, / Dann, Dichter, leuchte mit dem Himmelslicht“ – (William Wordsworth – heute beginnst du deine Exkursion zu ihm und mit ihm)

Die Nachbarn motten ihre Sommerwohnmobile ein – oder verproviantieren sie, um noch diese Nacht auf und davon zu fahren.

Einbildung

„Ab heute darf geschmückt werden“ – was ist damit gemeint? Etwa alles? Und wie lang darf geschmückt werden? Von wem? Von allen? Für immer?

Einbildung – dass diese Stille im Krankenhauspark eine abwartende ist? Worauf würde sie warten? Oder ist es umgekehrt: Wartest du auf die Stille im Krankenhauspark? (Bergedorf, 27.11.)

Unter Verlorenen

Der Perlentaucher ist ein Wracktaucher.

Eine Dreiviertelstunde im Nieselregen über dem Vorstadtbusbahnhof. Alte, Kinder, Mädchen, Halbstarke, umherirrende Leute, unter zwei Dutzend Verlorenen du. Lass dir nichts weismachen (von niemandem und nichts, auch nicht deiner Angst): Sie leben, suchen Wärme, sind neugierig-freundlich, sehen das Glück und beglückwünschen (Niendorf, 25.11.).

Bestattungen

Da stand sie wieder, die grüne Lok mit dem Kranwaggon für die durch die Wipfel fahrenden Motorsägen. Am späten Abend war die ganze Bahndammbaumreihe gefällt. Im Flutlicht, im Novemberdunst verbissene Zerstörungswut (24.11.).

„Ich bin ein Eventmanager des Todes“, sagt der Beerdigungsunternehmer.

Unter den Fingernägeln die Geschichte

Die Frau von der Katzen-Nothilfestation: Vierzig Tiere leben bei ihr und ihren zwei Kindern in der Dreizimmerwohnung. Von jeder Katze kennt sie die Geschichte.

An der Supermarktkasse steht ein junger Mann und legt jedes Lebensmittel fünfzigmal aufs Band: 50 Bananen, 50 Packungen Margarine, Brot … Die Kassiererin lächelt, scannt alles ein Mal ein und drückt die 50, während der Käufer das Geld abzählt mit zehn blau unterlaufenen Fingernägeln (Alsterdorf, 22.11.).

Dein Lebensweg als aufgegebene Bahnstrecke: Du besuchst verlassene Stationen, Bahnhofsgebäude, Übergänge, Signale und Weichen. Was war dort? Wie lang ist das her? Warum nicht mehr? Was suchst du noch hier?

Das Gegenteil von Schnee

In der Kälte am Millerntor sitzt in eine weiße Daunendecke gehüllt im Hochparterre am offenen dunklen Fenster eine junge Frau und raucht zur Straße hinaus. Sie wirkt eingeschneit, als hätte es stundenlang nur in ihr Fenster geschneit, doch ist genau das Gegenteil der Fall (St. Pauli, 21.11.).

Das fremde Gesicht

Ein Blick durchs Türglas in das fremde Gesicht: Einer kommt, und einer geht. Die Sekunde, da die Blicke sich begegnen, verbindet – für alle Zeit, die das Gedächtnis euch lässt.

Ein Zuwendungsförderungssystem!

„Woher nehmen Sie diese allumfassende Resignation?“, fragt nach der Lesung ein junger Mann im Publikum. Antwort: Ich nehme sie nicht, sondern nehme sie wahr und weise sie zurück – schon indem ich dennoch weiterschreibe. (Auch hierzu Handke: „Wer sagt, daß das Scheitern notwendig ist?“) (Kiel, 20.11)

Weiter

Sei immer wieder auch gewiss: Der Fluchtweg, den du fandst, war der einzig mögliche (für dich) und damit der richtige. Weil, so simpel sich das sagt und so schwierig es anzuerkennen: Da ist kein Weg zurück. Weiter und weiter, und dann weiter, und weiter. Und geht es nicht weiter, geh weiter. Krabble, krieche. Und liegst du, zucke. Wie der Hund zuckt im Schlaf, wenn er träumt, er läuft (19.11.)

John Dowland leaning forward

„Das Gewicht der Welt“ (Handke): nicht, der Welt das Gewicht nehmen, der Welt ihr Gewicht lassen!

Wirbel

Oben am Bahndamm hängen wie große seltsam unnütze Lampions Arbeiter in orangegelben Warnanzügen in den Bäumen. Eine kleine grüne Lok bewegt das Gerüst, das sie von Astwerk zu Astwerk fährt, und noch tief in der Nacht leuchten ihren Sägen die Scheinwerfer und schälen die Gärten, Hecken und Bäume lebendig aus der Dunkelheit: Knacken von Ästen, heller Sturz auf Metall, und das Lachen der Männer in der Schwärze (17.11.).

Laubbläserquintett

„… dann gingen sie in den Vergangenheitswirbel hinein.“ – „Und wie sah der aus?“ – „Er war blau.“

Selbst für kurze Zeit

Dieser Tag, ein diesiger 16. November, war vor 37 Jahren mein erster nach dem Umzug vom Tegernsee an die Elbe, in die neue Welt – und noch immer dauert er an. Erst gestern Nacht sah ich zum ersten Mal das dunkle Haus, die leeren Zimmer, den grauen Garten, die fremde Straße, die schnurgerade ins Marschland hinauslief und sich dort zwischen lauter Treibhäusern verlor (Curslack, 16.11.).

„Man darf sich nicht vor der Zeit ängstigen, sich nicht quälen lassen von dem, was noch nicht ist, so bedrohlich, so nahe es auch sein mag.
Einfach nur schreiben, damit es vor sich hinsummt. Stärkende Worte; nicht um zu beeindrucken, sondern um zu schützen, zu wärmen, zu erfreuen, selbst für kurze Zeit.
Worte, um den Rücken wieder aufzurichten; wenn man schon nicht in den Himmel entrückt wird wie die Gerechten.
Bis ans Ende, entknoten, selbst mit gichtknotigen Händen.“
(Philippe Jaccottet, aus: „Notizen aus der Tiefe“, übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz)

Automático

„Eine kluge Frau, im Körper eines Mädchens.“

„Automático“ steht, hellblau, handgeschrieben, auf jedem elektrischen Händetrockner in den Toilettenräumen des portugiesischen Lokals, so als wollte einer daran erinnern, dass dort aus der Wand nicht etwa der warme Wind, der Mistral kommt (Hamburg-Neustadt, 15.11.).

Ein junger Mann mit einem hoch erhobenen Bogen Papier in der Hand übt allein mit seinem Spiegelbild in den Waggonfenstern Walzerschritte auf dem leeren Bahnsteig. Als er abgefahren ist, tänzelt in der Kälte eine Schaffnerin von einem Bein aufs andere.