Das Gras

Einsam ich

„Gemeinsam erfolgreich“ – Wahlslogan der Christdemokraten, zynisch und verlogen. „Einsam reich“ haben Graffitisprayer auf den Plakaten im Viertel davon übriggelassen. Doch um das verfluchte Geld geht es gar nicht. Die Verheerung greift viel tiefer, sie ist umfassend: „Einsam ich“.

Eine Auseinandersetzung mit dem neuen Roman – seinen Mängeln, Tiefen, Untiefen, seinem Erzählen, Verschweigen, Verschütten, den Figuren, dem Krieg, der Angst – findet kaum statt. Wie viel flexibler das Radio gegenüber den Feuilletons. Und jedes Minutengespräch nach einer Lesung, jedes noch so oberflächliche Interview verrät mehr über verbleibende Möglichkeiten zu Austausch und Vermittlung. Es ist der gute Weg. Wo der Einzelne wartet, da geh hin (5.9.).

Noch ist es nicht dunkel, aber lange dauert’s nicht mehr. (Dylan)

Wandspruch (Berlin): „Wenn ich du wär, wär ich lieber ich“. Ich, ich, ich: Wär ich ich, ich wär lieber du!

Die Zeit davor, die danach und die hindurch

Zwei Tage lang in der Ruhe – der von Musik erfüllten Ruhe – des Klosters inmitten von Feldern. Stille in der Sonne, Spazieren im Gezirp der Grillen unter Zwetschgenbäumen hin. Noch Tage später, im Hauptstadttrubel, im Festivaltaumel, hast du, wie einen inneren Schutzwall, warm von der darauffallenden Sonne, die Ruhe in dir.

Ein freundlicher Schrank mit zwei traurigen Augen, der Türsteher des Klubs, in dem ich am Abend lese. Am nächsten Morgen ist er tot, niedergeschossen, verblutet. Zu mir sagte er zuletzt: „Sie werden den Weg finden.“

„Es gibt eine Zeit. Und eine danach“, schreibt Horst Bienek. Aber es gibt auch eine Zeit davor, eine daneben, und ja, sogar eine Zeit durch alle Zeit hindurch gibt es.

Das Lesefest

Gestrandet in Würzburg – am Bahnhofsquader aus Glas und Zement die große Uhr, ohne Zeiger. Eine Straßenbahn rumpelt über den Vorplatz, an ihrer Seitenwand lese ich: „Energie. Verkehr. Umwelt.“ Plakate, vor denen und auf denen Jugendliche mit Smarthones die Zeit totschlagen, Werbung für ein „Freiwilliges Jahr“ – wo? Energie. Verkehr. Unterwelt.

Das Lesefest unter den Bäumen im Schlossgarten – eine Tautologie. Statt über Mikrofon die Stille zu vertreiben, hätten wir in den Kastanien lesen, lieber zuhören sollen, wie der Wind durch den Park geht. Fünfhundert, die zuhören, nichts Besonderem lauschen: Event der Eschen (Erlangen, 2.9.).

Geträumt?

Die Applausordnung!

„Der Stiefvogel“, ruft das Kind, „da sitzt der Stiefvogel!“

„Sie hat dich verlassen“, erklärt die Regisseurin dem Sänger dessen Rolle. „Du stehst da und singst – wie bestellt und nicht abgeholt.“ – „Ich werde singen“, sagt der Sänger, „singen wie nicht bestellt und nicht abgeholt.“

Zeitungsmeldung (geträumt?): „Heute in Berlin: Agonie.“

Die Erdungsstange?

Zwitschern, Segeln, Pausieren

Gestern Nacht ist Wolfgang Herrndorf gestorben, 48-jährig, drei Tage jünger als ich. Die Medien berichten, er habe sich aufgrund seines unheilbaren Hirntumors das Leben genommen, habe sich erschossen am Berliner Hohenzollernkanal. Seinen „Tschick“ haben unsere halbstarken Kinder gelesen – „krass“, „cool“, „derbe“, „korrekt“ – Dein Lob, Wolfgang Herrndorf, aus berufenem Mund. Hab’s gut! (Hamburg, 27. August 2013)

Während der Ensemble-Probe im Klosterpavillon, das Raunen der Musiker und Sänger, die Geräusche ihrer pausierenden Instrumente. Während der Ensemble-Probe das Raunen der Elektriker und Beleuchter, die Töne und Klangfolgen ihrer Werkzeuge. Während der Probe, der wilde Schwarm aus Mauerseglern und Schwalben, flitzt hin und her überm Klosterpavillon. Zwitschern, Segeln, Pausieren. Sie sehen alles, nehmen an allem teil.

„Wer nicht hört, fühlt“, sagt die Großmutter zu dem kleinen Jungen, nimmt ihm den Stock weg und führt ihn auf das Kiesbett unter einen Baum, wo sie das Kind stehenlässt. Der Junge versteckt sich hinter dem Stamm (mächtig gewordener Stock), „Du bist böse“, ruft er der alten Frau zu. Er hört, er fühlt. Er lacht (Volkenroda, 30.8.).

Flips und Fuchs

„Wie wäre es wohl“, fragt das Kind, „wenn die ganze Luft überall nach Erdnussflips riechen würde?“

Hinter einem Zaun an der Ausfallstraße versteckt sich ein Junge mit einem rotbraunen jungen Schäferhundmischling, der aussieht wie ein großer zahmer Fuchs. Wovor verstecken sich die beiden? Was für ein seltsames Spiel mit so wachen Augen (26.8.).

Ein feuchter Duft

Das Meckel-Divertikel-Dilemma?

„Ein feuchter Duft lag in der Luft, ein Duft von moderndem Laub, von dem trägen, gelben Fluß, der nicht weit entfernt dahinfloß, ein Duft, der ihm fast vorkam wie der feuchte Duft der Zeit selbst, wenn sie durch die Welt zog. Oder war es die Welt, die durch die Zeit zog?“ (Gustafsson)

Der Freund im dunklen Krankenbett, als ich das Licht lösche, lernt Hölderlins „In lieblicher Bläue“ auswendig.

Fliesen

„Er hätte es durchaus vorgezogen, nicht zu existieren, als zu existieren. Wenn ihn jemand nach seiner Meinung gefragt hätte.“ (Lars Gustafsson, „Nachmittag eines Fliesenlegers“)

„Umarmung!“ – „Sei du auch umarmt!“ – „Also umarmen wir einander!“ – „Fortwährend!“ – „Immer!“ – „Ja.“ – „Ja!“

„Alles war Welt, und nichts in dieser Welt war wirklich das Seine.“ (Gustafsson)

Ein tönendes Licht

„Ich habe immer das Meer an den Stränden geliebt. Und dann hat der Kramladen an den menschenleeren Stränden meiner Jugend zu blühen begonnen. Jetzt liebe ich nur noch die Mitte der Meere, dort, wo das Vorhandensein von Ufern unwahrscheinlich erscheint. Aber eines Tages, an den Stränden Brasiliens, habe ich von neuem erkannt, daß es für mich keine größere Freude gibt, als über einen unberührten Strand zu gehen, auf der Suche nach einem tönenden, vom Zischen der Wogen erfüllten Licht.“ (Camus, Tagebuch, 1953)

Was dachte ich da?

Jeder Tag will durchmessen werden – immer neues Stück eines namenlosen Gebirges. Weißt du noch: „Problem“? Laut Handke: das Vorgebirge. Jetzt aber gehst du schon so lange über diese Geröllhänge, und die Luft wird dünn (20.8.).

Die fallende Sekunde.

Deine Lesezeichen – nicht Zeichen, wo du beim Lesen stehen bliebst, sondern Zeichen, dass du etwas gelesen hast, was dir zu denken gab. Denkzeichen. Gezeichneter Gedanke. „Was dachte ich da?“

Die tote Leitung. Die lebendige Leitung?

Ausgänge, Eingänge

„Nie mehr Nacht“ als mein Buch von der Suche nach Auswegen (nicht Ausgängen, sondern Eingängen, würde Handke vielleicht sagen). Auswegen woraus? Kertész: „Die große Entdeckung der Neuen Prosa: die Eliminierung des Menschen aus dem Zentrum der Dinge. Eine qualitative Veränderung, die den Roman – aber auch das Gedicht – zum Text, zum reinen Text verwandelt, dem man das Subjekt gleichermaßen entzogen hat, wie die Sach- und Machtstrukturen der Welt das Individuum zerschlagen und auf bloße Impulse reduziert haben.“

Ausblicke

Von einem „Genesungsplateau“ spricht der Chefarzt. Mein Freund liege derzeit – unterwegs Richtung Gesundheit – auf einem Genesungsplateau. Von dort aus gehe es steil bergauf. „Ruhen Sie sich aus. Genießen Sie den Ausblick!“ (Altona, 16.8.)

Noch einmal Imre Kertész: Nach ihm (im „Galeerentagebuch“) gibt es nur einen einzigen Weg, das Unglück auszuhalten: „Die einzig redliche Art, mit der Sache fertig zu werden – und zugleich die einzig redliche Art des Selbstmords – ist: zu leben.“

Hindernis ich, Hindernis du

Sekundenlang hält die Taube im raschen Flug (Ausgang aus dem Garten) geradewegs auf dich zu. Flöge sie weiter auf ihrem Luftkurs, sie flöge dir in die Augen. Ein unmerkliches Schwingenheben oder -drehen langt, und sie steigt, fast die ganze Taube fliegt über dich hinweg. Denn ihre Augen setzen den Flug auf dich zu fort: in dich dringende Taubenblicke. Spiel mit der Welt, Hindernis ich (14.8.).

Ausnahmslos jeder ist – mit Muße betrachtet – seinen Angelegenheiten liebevoll zugewandt. Er lässt sich seine Dinge angelegen sein. Jedes Werturteil hier ist Anmaßung, Vermessenheit. Und daher auch weiß – oder ahnt – ein jeder, was Camus lediglich aufschrieb: Verletze einen, und du verletzt alle, somit letztlich dich.

Old Grand Dad

Die zwei gefleckten Köter, die im Gras mit ihm lagen,
waren gar keine Hunde, sie waren als Terrier getarnte
Wiesel. Da – wie ertappt sprangen sie auf und fingen
zu spielen an. Sie jagten einander in die Lichtflecken.
Faulkner trank einen Schluck. Er sah den Wieseln zu,
er trank, er reckte sich auf dem gemähten Rasen und
spähte in die Wipfel. Bäume. Eschen wie an dem See,
wo er als Junge am liebsten schwamm. Bäume waren
das gar nicht, eher Häuser, die es satt hatten, Bäume,
Eschen zu sein, immer bloß wachsen, grünen, gilben,
mit dem Sonnenlauf rot und kahl werden zu müssen.
Vögel wohnten darin. Kannten keine Fenster, zahlten
nichts, landeten, flogen auf und im September weiter.
Glückselige Biester. Aus einer unsichtbaren Schüssel
aß er etwas mit unsichtbaren Fingern: unsichtbares
Essen. Er trank. Die Terrierwiesel, die bei Gewittern
das Laub ausstreckenden Häuser. Und ich. Er trank,
er nahm zwei große Schluck. Ich bin nicht Faulkner.
Eher bin ich Faulkner, der vorgibt, Faulkner zu sein.
Er trank. Der Faulkner spielende Faulkner hob einen.
Lag im Gras herum. Mit Wieselfreunden. Den Silber-
schnauzbart dir rotlackieren und dann rumspringen
wäre gut. Oder reinkriechen in die goldene Flasche,
rufen: Oh Kentucky! Mal wieder schwimmen gehen.

Vom Schrott

„Wie der Mensch sich nicht für alle Ewigkeit in die eigene reale Situation hineinzwängen läßt, so vermag auch die Welt nicht endgültig Platz zu finden in dem Wort, das sie benennt.“ (Michail Bachtin)

„Die Maschine ist die Jugend des Schrotts.“ (Hellmuth Opitz)

Lider

Der müde Blick des Freundes im Krankenbett hellt sich fast hörbar auf, als er mich erkennt. Und immer wieder für ein paar Sekunden lacht er sogar. Ehe er erneut die Opiattaste drückt und das Rauschmittel den Schmerz davonspült. Wie zwei kleine Barken auf der Schmerzsee seine Lider.

„Lider“ auf „Lieder“, wer wagte das zu reimen! Marianne von Willemer in ihrem Abschiedsgedicht an Goethe – einer der wundervollsten (der an Wundern vollsten) Reime, die ich kenne.

Bauplan

Auf der Hundewiese flattert im leichten Wind ein aufgerissener Briefumschlag, darauf steht von Hand geschrieben: BAUPLAN. Und gemäht, die silbernen Blattunterseiten nach oben gekehrt, liegen die Brombeerbüsche auf der Erde. Vier Kinder kommen mir entgegen, mit einem großen, noch jungen, täppischen Golden Retriever an der Leine, der missmutig sein Geschäft verrichtet. „Hundewiese“, das einzige Stück verbliebenen Grüns in der Siedlung, halb wild, beinahe immer still, Ort für den Wind und für mich, um dort zu verschnaufen. Hundewiese, die Wiese als Hund.

Es fängt an zu regnen, und im selben Moment läuten vom Friedhof herüber Glocken. Kurz scheint es, als läute der Regen. Oder als fielen Glockenklänge flüssig, in Fäden, zur Erde. Man muss sich entscheiden, immer, jeden Tag, mit fast jedem Augenblick. Einer in mir aber will alle Möglichkeit zugleich. Und auch das, eine Entscheidung.

Nach Blanchot

Nach Maurice Blanchot steht das Absurde „in unserer Sprache da wie etwas Nacktes, das seine Gründe nicht kennt, ein Grenzzeichen, das sich weigert, zu dem von ihm Begrenzten zu gehören: ein unnachgiebiges Wort, das Abschied nimmt und gibt.“ Was gibt das Absurde?

Nachts donnern im Halbstundentakt die von den Feldern kommenden Mähdrescher durch die Ortsmitte, immer paarweise. Der Lärm hallt von den Hauswänden wider, und du hörst darin das Brüllen der abgemähten Leere. (Jüterbog, 5.8.)

Von einer schiefstehenden Trauerweide springen Kinder in den kleinen See. Die Felder rings liegen in der Abendsonne. (Biederitz, 6.8.)

„Das letzte Gold verfallener Sterne“ – ist Trakls Bild eines vom Leuchten oder eines vom Untergang? Vom Leuchten im Untergang? (7.8.)

Abschiedsübungen

Keiner will eine Ahnung davon gehabt haben, dass wir (alle) ausgespäht werden (können)? Ist es nicht eher so, dass wir (alle) alles getan haben, damit wir ausgespäht werden (können)? (1.8.13)

Der Nachbar, der jeden Abend zurselben Dämmerungsdunkelheit an die Straße tritt und nach seinem Kater ruft – Tenor.

„Furchtbar, wie nichtssagend alles ist.“ – „Erschreckend, wie taub du bist.“

Da sind sie wieder: Im letzten Sommerabendlicht kehren die Wildgänse heim von ihren Abschiedsübungsflügen.

Schwalben und Nacht

Einmal so jung sein wie am jüngsten Tag.

In einer Bar in Eimsbüttel bestelle ich aus Edenkobensentimentalität ein Glas Riesling aus der Pfalz. Und der weißgrüne, leicht goldene Wein, der in mein Glas geschenkt wird, stammt nicht nur aus der Edenkobener Gegend. Er kommt aus Rhodt, von eben dem Winzer, bei dem ich vor vier Wochen im Hof saß. Für mich schmeckt er nach den Weinbergpferden, nach Schwalben und Nacht.

Mail aus Scheusal

„Im Niemandsland zwischen Prag und Żmigród
brach die Lokomotive zusammen“, schreibst du,
„und wie bei der Teufelsaustreibung der Dämon,
so verreckte auch die herbeigekarrte Ersatzlok.“
Es war am Tag des Hitzerekords, und das Nest,
wo ihr festsaßt, hieß Scheusal. „Am Bahndamm
Eisenbahnergärten. In der Mittagsglut kescherten
Kinder dort verlangsamte Falter. Sie lachten uns
mit großen Augen aus, wie wir da in den Waggons
japsten, bis zischend endlich die Türen aufgingen.“

Du schreibst, aus Angst, es könnte weitergehen,
bliebst du für drei Stunden an den Gleisen sitzen,
hocktest an einem Baum, trankst ein Tyskie-Bier,
heiß wie ein Geysir, und sahst den Schweißern zu,
„braungebrannten, rußbeschmierten Schränken, die
in Flammen badeten und sich mit Feuer bespritzten.
Ein deutsches, lange totes Wort fiel mir ein – Glast,
als Leute aus dem Zug die Böschung runterkamen.
Sie keuchten, so wie das verbrannte Gras keuchte,
und da wusste ich: der Gespenster Traglast – wir.“

In Scheusal gab es keinen Schatten. Du schreibst,
„sogar im Keller der Schule, wo ich ein Klosett fand
und die Flasche füllte, war es stickig. Flirrende Luft.
Das Gelächter der Wasserspeier auf dem Hradschin
ging mir nicht aus dem Sinn.“ Laufen, so wie Wasser
laufen, dachtest du. „Ich muss laufen“, schreibst du,
und so endet deine Mail aus Scheusal. „Ich lauf los.“
Bei Jary in einem Hohlweg. Auf einem Erdbeerfeld,
wo Selbstpflücker standen. Und in der Dämmerung,
mit Hund, behörntem Helm. So sah man dich noch.

Für Katarzyna Fetlińska

Zwischenstopp in „Scheusal“

Imre Kertész‘ späte Tagebücher und sein „Galeerentagebuch“ zu lesen erschüttert mich ähnlich wie seinerzeit, als ich einen Winter lang vor zehn Jahren und immer im Bus, angewidert von Trostlosigkeit und dem Stumpfsinn meines damaligen Ehelebens, Pavese las, „Das Handwerk des Lebens“. Kertész: „Ich lebe wie einer, der zwischen zwei überaus wichtigen Beschäftigungen verärgert eine belanglose Stunde totschlagen muß; und diese Stunde ist mein Leben.“ Und der darauffolgende Eintrag ins „Galeerentagebuch“: „Das Sprechen der Vögel in der Nacht, ein unglaubliches, ergreifendes, fast menschliches Sprechen. Lange Pfeifsignale, warmes Zwitschern, Singen, kollerndes Gurren – allem Anschein nach sind sie glücklich. Keine Grobheit, keine Gereiztheit, kein Hunger.“

Zwischenstopp in „Scheusal“.

Woher kommen die Frauen, die meine nächtlichen Träume bevölkern, seit ich ein kleiner Junge war? Ich kenne keine von ihnen, bin nie einer begegnet. Keine gleicht der anderen, oder nur in einem: Immer sind sie gut zu mir.

Nasenbluten ohne Ende

Zur Verzweiflung treibt dich nicht das Fehlen der Liebe – du wirst ja geliebt und du liebst – oder das der Leidenschaft – das kurze Feuer, die bittere Asche, im Wind. Verzweifeln lässt dich, dass keiner etwas mitteilen kann von sich – und dass du in einer Zeit lebst, die es aufgegeben hat, etwas begreifen zu wollen, und mit verinnerlichter Resignation – dem Facebook-Wahn, der nur der Anfang ist – das Sichmitteilen einstellt. In der „Pest“ lässt Camus eine seiner drei oder vier Hauptfiguren, nämlich Tarrou, sagen: „Ich habe so viele Diskussionen gehört, die mir fast den Kopf verdreht hätten und die genügend andere Köpfe verdreht haben, bis sie dem Morden zustimmten, dass ich verstanden habe, dass das ganze Unglück der Menschen entsteht, weil sie keine klare Sprache sprechen.“

Ein Schutzwall aus vor sich her getragener Unanfechtbarkeit – schwer zu verstehen und noch schwieriger zu lieben.

Nicht ein einziges liebes Wort, fünf Wochen lang. Nur zwischen den Zeilen das Lieben- und Geliebtwerdenwollen, ein Schweigen.

„Wir brauchen keine Betten.“ Doch, ich brauche eins. Mein Bett war immer mein Zuhause. Sonst: In girum imus nocte et consumimur igni … irren wir nachts im Kreis umher und werden vom Feuer verzehrt.

Das Tagpfauenauge in der Sonnenblumenmitte, mit welcher Geduld sitzt es in der Gluthitze, und nur ein Mal, als eine Brise kommt, schlägt es sich fächelnd die kühlere Luft zu.

In gi rum im us noc te et con su mi mur ig ni. Ohne Bett kann ich nicht schreiben. Ohne Bett drehe ich mich im Kreis. Ohne Bett werde ich mein eigenes Palindrom.

Gibt es sie, die „ehrlichen Hände“? Wäre dem so, müssten da nicht auch die anderen sein, die verlogenen, unaufrichtigen, die „unehrlichen Hände“? Nimm an, es gibt ehrliche und unehrliche Hände – worauf liegen, worüber tasten, was streicheln sie? Eine ehrliche Haut, eine unehrliche? Bist du eine ehrliche Haut, wenn du mich unehrlicher Hände bezichtigst? Und sobald du ehrliche Hände gefunden hast, die über deinen Leib wandern, bist nicht dann du tief verborgen in deiner unehrlichen Haut?

Verändert sich das Tier, indem es aus dem Wassernapf trinkt und aus sich selbst zu saufen scheint?

Von außen betrachtet ist das Feuer vorüber, verglommen und erloschen. Nur du weißt, dass es frisch genährt weiterschwelt, im heißen inneren Flöz. Sommerverluste, und du bist wie sie, bist die Verluste selbst: Sie halten sich in Grenzen (Am Itzstedter See, 28. Juli).

Ein dicklicher Junge im Freibadwaschraum zu seinem Spiegelbild: „Nasenbluten ohne Ende.“

Wirklich?

„Unterm höchsten Sonnenstand“ nennt Iris Radisch die Sphäre, in der Camus alle seine Bücher spielen ließ. Selbst „Der Fall“ (sage ich) spielt dort. Nur dass die Sonne eine schwarze ist und im Innern glüht und kreist.

Jede Behauptung kontert das Kind lächelnd mit der immerselben Frage: „Du hast ja sehr lange Haare bekommen.“ – „Wirklich?“ – „Schöne Turnschuhstiefel hast du!“ – „Wirklich?“ – „Was für ein herrlicher Sommertag!“ — „Wirklich?“

Saumseligkeit. Das Glück des Versäumens. Das herrliche Herumliegen am Rand, am Saum von allem.

Vom Ersinnen

Die Erinnerungen der Fingerkuppen und Handinnenflächen, to recollect und to remember: Ich entsinne mich, müsste es nicht eigentlich heißen ich ersinne mich? Ich ersinne die Textur des weißen Leders, auf dem in einem Nachtzug durch Belgien vor 31 Jahren meine Finger lagen. Ich erinnere den Schmerz, wenn der gewachste und gezwirbelte Stock, der Ochsenziemer der Lehrerin, in der Volksschule von Marienstein auf meine Handteller niederklatschte, während ich vor dem Stuhl kniete und die Tränen verbiss (27.7.).

„Heute ist der nächste Tag.“

So wach!

Zwei Mädchen fahren mit dem Rad vorbei, eines auf dem Gepäckträger vertieft in sein Smartphone. Und wie friedvoll, wie still wirkt das Bild, voller Hoffnung (24.7.)

Der Olivenschüttelladen?

Die Bäume, wenn endlich nach langer Hitze der Sommernachtregen kommt, recken sich, öffnen und ballen, bauschen sich dem Himmelswasser zu – und du? Weißt, was du Projektion zu nennen gelernt hast, ist im Grunde ja schierer Einfühlungsversuch: Öffnen, Ballen. Entgegenrecken.

Who wants to be a questionnaire?

Wie herrlich muss es sein, so wie das Tier im Flur, auf dem Balkon oder Küchenfußboden herumzuliegen. So möchte ich oft sein. In der Brise selbstvergessen, ein pochender Teil der allgemeinen Saumseligkeit. Wie herrlich, so wie ein dösendes Tier auf dem Bürgersteig herumzuliegen, unter Bäumen am Rand der Ausfallstraße, im Kirchenschiff!

„So wach!“ – der Frühmensch.

Durch das leere Sommerhaus

Die grüne Spinne,
seilt sich ab vom Baum,
sie scheint mir eine
grüne Beere,
die schwebt.
Sie sendet
aus dem Grün,
schickt Fäden aus
durch das stille
Sommerhaus
und webt.
Grüne Spinne,
steht in einem Traum,
in dieser grünen
heißen Leere,
und lebt.

Schneid dich

Inmitten der Friedhofbegonien: Meine Großmutter (Grußmutter, Oem) bekommt den lieben langen Tag Hummelbesuch (Aumühle, 20.7.).

Alle die Dinge, ganze Hekatomben von Gegenständen und Flüchtigkeiten, unbeschrieben oder tausendfach bis ins Kleinste ausformuliert – die keine Menschenseele interessieren.

Du hast dich lange, lange nicht verletzt. Keine Wunde, kein Schnitt im Finger, weder aufgestoßenes Knie noch gequetschter Zeh. Fühlst du dich vielleicht deshalb von der Welt und ihrem Tag immer öfter verwundet, im Innern, wie es dann hilflos heißt? Denn ohne Versehrtwerden geht es nicht weiter. Etwas muss erneuert werden. Also verletz dich! Renn irgendwo gegen die nächste Wand. Schneid dich, klemm dich. Damit das Innere dunkel bleibt, fall irgendwo runter, schlag hart auf und bleib lange reglos liegen. Und im Stillen juble.

Stummes Publikum

Die Wohlfühlkunst?

Ja, das bin ich: der bärtige Alte im Blaumann, hingehockt auf den Parkplatz vorm Freibad, wie er dort mit dem Messer Unkraut aus den Ritzen schabt. Das war meine meistgehasste Zwangsarbeit als Teenager, aufgebrummt Sommerwoche für Sommerwoche von meinem faul-verzweifelten Vater, und hätte ich nicht zum rebellischen Gedicht gefunden, dem Sprachunkraut, ich wäre wie er oder wäre dieser Alte.

„Wagnis ist der Schönheit Wurzel.“ Boris Pasternak

Aus der Dotterblumenwiese sieht dich ein tausendfach stummes Publikum an. Worauf wartet ihr? Und worauf du?