Viele Gesichter, männliche, weibliche, sind verborgen hinter Masken: der der Indifferenz, der Ignoranz, der der Intoleranz, die dich spüren lässt (und lassen will), du gehörst nicht dazu. Gebelfer, Schleimhochziehen, Ausrotzen, in deiner Gegenwart gern. Die Ausschlussmaske ist die zehnte vieler Shanghaier, so denn acht sichtbare und dieses eine unsichtbare Gesicht, die Tomas Tranströmer zählt, ausreichen:
„Da füllt sich der Park mit Menschen. An jedem acht Gesichter, poliert wie Jade, für alle Situationen, um Irrtümer zu vermeiden. / An jedem auch das unsichtbare Gesicht: es spiegelt ,etwas, worüber man nicht spricht.‘ / Etwas, das in müden Stunden auftaucht und herb ist wie ein Schluck Kreuzotterschnaps mit dem lange schuppigen Nachgeschmack.“
Vor jeder Straßengarküche acht, immer acht Alu-Fässer mit gläsernem Deckel. Bis zum Rand gefüllt sind sie mit großen grünen zuckenden Seespinnen (Anhua Lu, 17.9.).
Sie sei gerade auf der Suche nach einer Feuernationuniform, schreibt mir meine Jüngste.
Foto: Tuschbilder von Schülern der World Foreign Language Primary School Shanghai, 2012


„Das Gemälde Out of Beichuan stellt die gebrochene Erde, das Überleben der Menschen und die Ungewissheit der Zukunft dar. Der zerstörte Boden bildet den Hintergrund. Zwar ist die Natur zerbrochen, doch sie ist mit ganzem Herzen gemalt. Die tote Natur ist der eigentliche Hintergrund. In Beichuan sehen wir am Kampf von Mensch und Natur, dass die Menschen und die von ihnen errichtete Welt besiegt wurden. Was macht die Darstellung einer solchen Niederlage sinnvoll? Wenn man den Boden betrachtet, gibt es dort noch Wege. Aber da ist kein Weg in die Berge mehr, nur noch ein Weg nach außen. Die Menschen sind Dämonen in einer Ecke des Bildes, eine Gruppe kranker Zombies. Der Künstler quetscht uns aus: Wo ist der Ausweg? Bereits vor dem Nahen des Lebensendes sollte man nachdenken, dazu gibt ein Erdbeben die Gelegenheit. Was die Künstler heute machen sollen, ist nicht, wie Hexen, religiöse Rituale für uns durchführen oder Feng-Shui betreiben, um uns zu helfen, der großen Katastrophe zu entgehen. Sondern sie sollen das unausbleibliche Endergebnis solcher Katastrophen in die Länge ziehen, glattbügeln und lebensecht vor die Zuschauer stellen, vielleicht sogar noch heftiger machen, sodass wir gezwungen werden, es deutlich zu sehen, damit uns die Hilflosigkeit irgendwann tapferer macht.“
„Straßen in Shanghai // … Ich bin umgeben von Schriftzeichen, die ich nicht deuten kann, ich bin durch und durch Analphabet. / Doch ich habe bezahlt, was ich mußte, und habe für alles eine Quittung. / Ich habe viele unleserliche Quittungen gesammelt. / Ich bin ein alter Baum mit welkem Laub, das noch dranhängt und nicht zu Boden fallen kann. // Und ein Hauch von der See bringt all diese Quittungen zum Rascheln …“ (Alsterdorf, ein paar Tage vor dem Flug nach China, 1. – 3.9.)
