Das Gras

Was die Wimper hält

Wind, der zu Sturm wird – du erkennst es nicht allein an der Geschwindigkeit. Heute Nacht ist in der Luft ein Lärmen wie von tief fliegenden Jets, einem vom Himmel wirbelnden Turm, dem Wirbelturm (30.1.).

„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluss der Welt!“
Gottfried Keller

Der erste blaue Tag, seit Wochen. Duft (in der Luft) des Vorfrühlings – Bussard fliegt übers Haus, Singvögel singen und Jogger laufen. Du musst dich retten ins Weitermachen, aus dem Weiter musst du dir das Neue machen. Möcht ich ein Komet seyn? Ja, ich glaube. Lies Hölderlin (In lieblicher Bläue, 2.2.).

2. Februar: Sonja Gehr, heute hast Du Geburtstag. Zuletzt sah ich Dich, da warst Du neun. Lebst Du? Leb!

Du spürst das Verwandte

Das Zimmerfenster blickt auf den nächtlichen Kirchplatz im Magnitorviertel. Braunschweig1961Er ist leer, stumm, verlassen, voller Geister und Schatten, die lachen, belebt wie am Mittag, wenn die Schulen aus sind und die Schüler durch die Stadt strömen. Es ist 1961. Dort unten auf dem Kopfsteinpflaster vor der Bäckerei steht meine Mutter und bespricht etwas Ernstes mit ihrer Freundin Renate. Sie sind 15. In vier Jahren komme ich zur Welt (Braunschweig, 29. Januar).

Ein blühender Forsythienstrauß auf dem Tisch, gelb und grün, noch gar nicht duftig, vielleicht doch aus Stoff und Kunststoff? Nein, lebendig (du spürst das Verwandte zwischen den Fingerkuppen), zugleich am Blühen und Verwelken. Ich denke an den Strauß noch am tristen Braunschweiger Hauptbahnhof: Forsythiensträucher stehen dort im Nieselregen, kahl, glänzend, Gerippe – noch viel zu früh für blühende Forsythien.

Foto: Die Geistertram von Braunschweig mit der Reklame „Foto-Lange gibt sich Mühe“

Sport

Doppellesung im Theaterfoyer an der Hamburger Mundsburg – es geht um Sport und Schwangerschaft, „gedrillte Leiblichkeit“. In der Pause sackt der neunzigjährige Vater des Veranstalters in sich zusammen, im Publikum findet sich ein Arzt, der stolz zur Tat schreitet, ein Notärzteteam trifft ein und löst den Bühnenarzt ab, Frauen weinen, Männer beruhigen, der alte Herr wird zum Patienten erklärt und abtransportiert, und die Veranstaltung wird fortgesetzt, als wäre das Wirkliche davongetragen worden, als müsse schließlich weitergemacht werden mit dem Sport (28.1.).

Well now, everything dies, baby, that’s a fact
but maybe everything that dies someday comes back
put your makeup on, fix your hair up pretty
and meet me tonight in Atlantic City

Bruce Springsteen, Nebraska, 1982

Lichtungen

„Schneereste auf den Lichtungen“ – ein anderer Vers(rest), der, vor über zwanzig Jahren, liegen blieb – wie die gräulich weißen Reste im gräulich grünen Gras, wenn der Schnee allmählich schmilzt. Nur höre ich es neu Jahr für Jahr: „Schneereste auf den Lichtungen“ – welche Lichtungen waren das, wo sind sie? Sind sie nur noch in mir? (27.1.)

Ich lief wie eine Wolke einsam hin

Ich lief wie eine Wolke einsam hin,
Die langtreibt über Hügelland und Tal,
Als ich auf einmal eine Schar im Wind,
Ein Heer aus goldenen Narzissen sah;
Am See, unter den Bäumen auf der Wiese,
Tanzten und flatterten sie in der Brise.

So unaufhörlich, wie das Licht der Sterne
Sich funkelnd auf der Milchstraße erstreckt,
War eine Bucht am Rand bis in die Ferne
Von ihrem endlos langen Band bedeckt:
Zehntausend sah ich auf den ersten Blick
Im Tanz die Köpfe schwenken irr vor Glück.

Die Wellen tanzten so wie sie; allein,
Das Wellenglitzern, nirgends war’s so heiter.
Ein Dichter musste einfach fröhlich sein,
Umgeben von so lachenden Begleitern.
Ich staunte – staunte –, wenn ich auch kaum dachte,
Was einen Reichtum mir der Anblick brachte.

Denn oft, wenn ich bloß dalieg auf der Couch
Und Leere oder Grübeln an mir frisst,
Blitzen sie auf vor jenem innern Aug,
Das in der Einsamkeit die Wonne ist,
Und keine Freude muss mein Herz mehr missen,
Weil es dann Tänze tanzt mit den Narzissen.

William Wordsworth

*

Nachdem ich in den letzten Tagen Wordsworths „I wandered lonely as a cloud“ übersetzte, ein seit über zwanzig Jahren gehegter Wunsch, erfuhr ich heute von einem lieben Freund, dass Wolfgang Schlüter schon seit mehreren Jahren an einer ersten umfassenderen deutschsprachigen Wordsworth-Ausgabe arbeitet. Der Plan, gemeinsam mit Norbert Hummelt, Jan Wagner, Alissa Walser und anderen Wordsworth zu übersetzen, ist damit vom Tisch – denn so muss es sein. Wolfgang Schlüters Übertragungen sind profund, und sie klingen. Ich wünsche ihm, auch für Wordsworths „Prelude“, dem „Vorspiel“, alles Glück und alles Gute.

Der Drache

Ich merke: China ist verschwunden, verschwunden aus mir. Ich bin, dort wo ich bin, stärker als China. Das Jahr des Drachen, vorbei. Er hat mich nicht gefressen, und ich mich von ihm nicht fressen lassen (25.1.).

„Der gefährlichste Ort ist der, den du nicht mehr verlassen willst“, sagt das Kind: „das Bett, das warme Meer, das Paradies.“ – „Dann wäre ja die Hölle ungefährlich“, sagt der Vater. – „Ja, die Hölle ist ungefährlich.“

Ein Chor

„Mir ist kalt bis auf die Grundmauern.“

„Brotwein!“

„Ein Chor aus lauter schlurfenden Schritten …“

Spruch des Tages: „Ertrage die Clowns.“ – Spruch zur Nacht: Ertrag du erst einmal den Ernst.

Zwei Slogans und ein Ungeheuer

Werbeslogan auf einem vorbeibrausenden Lieferwagen: „Die Natur macht uns ungläubig“ – hab ich mich verlesen?

Nach vier Tagen riecht der Mantel noch immer nach dem Bahnhofsbistro von Udel’naya – dick vereister Vorort mit Freiluftmarkt. Schneedunst über den kilometerlang geradewegs auf dich zu strebenden Gleisen, und der Zug, der dann kam, ein schmutziges, Ehrfurcht gebietendes Ungeheuer, wie es sich am Bahnübergang vorbeischob Richtung Petersburg (22.1.).

„Metzgerei Parzen! Seit 50 Jahren Parzen-Qualität!“

Die Lebenden

Georges Hyvernaud, in „Haut und Knochen“, über die Kriegsgefangenschaft in der NS-Zeit: „Man fragt sich wirklich, was die Russen überhaupt noch treffen könnte. Sie setzen einen Fuß vor den anderen. Sie tun bestimmte Handgriffe. Aber sie befinden sich nicht mehr auf dieser Seite der Dinge. Mit übernatürlicher Langsamkeit treiben sie durch ein Gespensterreich. Die Lebenden sind es, die einen an den Tod erinnern. Nicht die Toten. Die Toten sind so tot, daß sie bereits der Welt aus Stein und Holz angehören.“

© Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. Aus dem Französischen von Julia Schoch

Die Hände

Abschied von St. Petersburg bei leichtem Schneefall gegen halb elf Uhr morgens – finstere Nacht. Gestern um dieselbe Zeit die ergreifende (bewegende, dich auf- und anschließende) Messe in der Wladimirkirche. WladimirkoHunderte dick eingemummte Gläubige waren zu Fürbittgebeten gekommen, Frauen, Kinder, Männer, Junge und Alte schrieben die Namen Verstorbener, für die gebetet werden sollte, auf Zettel, die sie für wenige Rubel bei drei Schalterfrauen in gläsernen Kästen abgeben konnten. Kinder malten Gesichter (von Toten?), alles sang ein monotones, durch und durch gehendes Lied, dessen Kraft (mich) überwältigte. Pope und Messdiener verschwanden hinter den goldenen Sakristeitüren, der Vorhang ging zu. Ein junges Mädchen mit blau geblümtem Kopftuch achtete bei allem auf seine traurige Mutter, die wie ihre Tochter aussah, nur dreißig Jahre müder. Der Vater mit großen Händen, zärtlich das Kind durch die Zeremonie manövrierend, traurig, müde, Raskolnikov, Sonja und ihre Tochter. – Nimm es an, es ist ein Geschenk: Du gehörst zu den einfachen Leuten. Sie sind reich, sie haben Seele (20.1.).

Die Kronleuchter

Die Kälte – und Spatzen im Kronleuchter der Bahnhofswartehalle. Ein Trinker baut sich auf unter dem Leuchter und redet mit den laut tschilpenden Vögeln, bevor er sich in eine Ecke kniet, sein Wodkafläschchen aufschraubt, sich bekreuzigt und trinkt (Pushkin, 19.1.).

Vorbei an weißen Fabriken, überfrorenen Straßen und Wäldchen, vereistem Strauchwerk, einem eingeschneiten Lokomotivfriedhof – hinein ins goldene Spätnachmittagslicht über dem weißen Katharinenpark des Schlosses von Zarskoje Selo. So geschmacklos der kalte Pomp, so erschütternd die dokumentierte Zerstörung durch die Deutschen 1942, die ausgebrannte, geplünderte Palastruine im Schnee.

Die Kälte, noch immer

Es gibt einen Zusammenhang, Überlebens- und Befreiungszusammenhang, zwischen dem Ende der Blockade Leningrads am 27. Januar 1944 und der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am gleichen Tag ein Jahr später.

Durch die gefrorene Newa schreibt sich ein kleiner gelber Eisbrecher.

Die Kälte in Udel’naya, ein Haufen gefrorener Hemden und Schuhe

Die Gärten

Die Lichtflecke auf den Schneebergen in den Michaelovsky-Gärten, die stummen Dohlen in den Lichtflecken auf den Schneebergen in den Michaelovsky-Gärten.

In graue Holzkästen verschalt, wie deine Erinnerungen an den herbstlichen Sommergarten – die Statuen im Winter.

Der Tanz

Das Lippenrot der vier ukrainischen Folkloresängerinnen ist das Rot ihrer acht Lederstiefeletten. Ihre Mimik und Gestik scheinen eine Schrift zu sein (die sie auswendig kennen), ein getanzter Text aus alter Zeit.

Mit der Rolltreppe drei Minuten lang express abwärts in die Unterwelt, dann Linie 2 (die blaue) Richtung Parnas. (Spasskaya, 18.1.)

Die Kälte

Eine Kälte, die dein „Juchhe, es ist Winter!“ in der Visage gefrieren lässt – Wladimirsky Prospekt.

Eine Kälte, die nachts vorm Haus lauert. Öffnest du einen Spalt breit das Fenster, schlüpft sie herein und fällt über dich her, deinen eben warmen Körper – Hotel Dostojeswsky.

In den Innenhöfen steht Dampf, durch den Gestalten mit Pelzkapuzen ins Licht schlurfen. Aus Plastikflaschen gesägte Vogelhäuschen hängen in kahlen, steif gefrorenen Bäumen (sie warten), über schwarzem, von Frost überzogenem Matsch – Pionerskaya ploschad‘.

Der Handspiegel

Die junge Russin im Flugzeug – isst nichts, trinkt nichts, blättert eine Illustrierte in einer Minute durch. Hingebungsvoll betrachtet sie ihr Gesicht im Handspiegel, jede Pore ein Abgrund. (Unterwegs nach St. Petersburg, 17.1.)

Das Paar Damenlederstiefel im Flugzeugeinstieg, und unten, im blassen Licht elftausend Meter tiefer, überfrorene Wälder (wie Raureif auf Moos) und Städte (wie Eisblumen) in den Ebenen.

Das Unmögliche

Muss ich erst alt werden, um mich unmöglich zu machen (wie der tumbe, selbstgefällige, vollgefressene Dépardieu)? Ja, leider. Unmöglich will ich mich machen. „Unmöglich!“, sollen sie sagen, „einfach unmöglich, dieser Kerl!“ Drauf und dran, nicht länger möglich zu sein! (15.1.)

Die Frau mit dem Zahnzwischenraumbürstchen am Pulloverärmel!

Es war eine gute Zeit –
jetzt ist sie doch Vergangenheit.

Morgen

Am Morgen war die Schneelandschaft zurück,
nicht irgendwie und irgendeine, sondern die
am Ende des Romans und damit auch
das ganze Buch mit seinen Menschen
und ihrem Weiß des neuerlichen Winters.
Noch immer dieser Frost Unwirklichkeit
zwischen den Zeilen der Empfindungen
und den Gedanken von Gespenstern.

Wachs

Exif_JPEG_PICTURE Im Wachsfigurenkabinett blickt eine schmale junge Frau mit roter Strickjacke und Wollrock in einen Schaukasten und kehrt mir den Rücken zu. Erst nach Minuten erkenne ich, dass sie sich nicht bewegt, dass sie Sophie Scholls Abbild ist. Sie scheint uns zuzuhören, als ich meiner Tochter, die aufs Sophie-Scholl-Gymnasium gehen möchte, von der „Weißen Rose“ erzähle. Ein zärtliches Gefühl für die Figur erfasst mich. Ein Schaudern dann. Schließlich die angelernte Reserviertheit und Vernunft – „nimm Vernunft an“: Heißt das, es ist anzunehmen, dass es so etwas wie Vernunft gibt? Und wie seltsam: Wachs und Wachsen (Berlin, Unter den Linden, 13.1.).

Im Schaufenster

Wandspruch im Schneetreiben: „Einst war es im Juli Sommer …“ (Berlin-Kreuzberg, 12.1.)

Zwischen den Geldautomaten schlafen im Schaufenster einer Bank, überm warmen Gebläse, betrunkene Obdachlose, die Beine seltsam verdreht: Kurfürstendamm.

Willkommen, Angst

Im selben Monat, als vor achtzehneinhalb Jahren mein erster Gedichtband erschien, begann ich in der Redaktion zu arbeiten (Geld), deren Aus, mit Frist Ende Juni, heute beschlossen wurde. Eine für den Konzern profitablere Schattenredaktion (Geld), ein effizienteres Listingprogramm (Geld) bilden den Background. In den Hintergrund gerückt werden 39 Mitarbeiter, Frauen, Männer, jüngere, ältere, mit Familie und ohne, entlassen (Geld), wenn möglich, ohne Absicherung (Geld), ohne Abfindung (Geld). Abzufinden hat man sich damit wie mit einem grauen Tag, kalt, mit einer grauen, kalten Angst (11.1.13.).

Post durch die Zeit

Nach 27 Jahren Post von dem Niederländer, mit dem ich damals im Garten der Rauchvilla in Innsbruck-Mühlau saß und hinaufstaunte zu der Loggia, hinter der Trakl seinen „Helian“ geschrieben haben soll. Am selben Tag, heute, die Nachricht, dort, in der Rauchvilla, werde ich im Sommer lesen, aus „Traklpark“.

Wie von allein

Immer öfter kreuzen meinen Weg Leute – in der U-Bahn, beim Einkaufen, auf der Straße –, die beinahe auf der Stelle von Geld reden und beschämt sind, sich fremd fühlen zu müssen: immer zu wenig. Die meisten sind freundlich, wollen wissen, erzählen kleine Geschichten, meist von Ähnlichen, Ähnlichem. Die Frau, die ihren unsicheren Sohn in den Friseursalon begleitet und die zehn Euro nicht übrig hat, um ihm den gewünschten Haarschnitt bezahlen zu können, sie und er sind zwei von denen, die verloren gehen, auch für die Dichtung (Fuhlsbüttel, 9.1.).

Das Mängelexemplar!

Die Stille (auch innen hinter den Augen) nach dem vierten Bürotag, gütige Leere abendlicher Straßen am Domplatz (ohne Dom): Du gehst heim wie von allein, heim von allein, allein.

Wo sind wir jetzt

Im Nebeldunst lauf ich unter den Bäumen durchs Dunkel. Ich rieche die Luft, höre die Stille, spüre unter den Sohlen das Erdreich. Brauch nicht mal Musik, um es zu hören: Lucky Jim. Du Glücklicher.

Im Band „Gedichte 1967 – 1978“ ist es das letzte der Sammlung „Keiner für sich, alle für niemand“, Nicolas Borns in meinen Augen also letztes Gedicht (ein Gedichthaufen) „Ein paar Notizen aus dem Elbholz“, über das ich heute, nach zwanzig Jahren, wieder stolperte:

(…)

Gehend also durch klein-große UNSCHEINBARKEIT
(kann ich nur sagen)
weite Wiesen, das Gras, gefroren und funkelnd
von Reif, quietscht; der alte Wald
ächzt, und Dampf, rosafarben, steigt auf
wie von lagernden Herden

Alles nicht aus Ideen gemacht, schwarzes
nasses Geäst der geschmähten Eichen
rumpelt am Himmel

Falbes Schilf, Basaltmolen, Schauer, wie geträumt
aus weißem Gras

(…)

Ein Tag wie die Abwesenheit aller Tage, grauer Dunst, Sprühregen, drei Stunden Licht (lachhaft, wenn es nicht herzzerreißend wäre). Mit 66 veröffentlichte heute David Bowie für alle Welt (heißt es) überraschend einen neuen Song: „Where are we now“. Hörte Born Bowie?

Die Auswege

Die große, alte Brigitte Kronauer (in ihrer Rede zum 80. Geburtstag von Ror Wolf, „Ein tadellos sprühender Glanz“, vom 4. September 2012): „Unser ursprünglich womöglich halbwegs individuelles Bewußtsein ist bedröhnt von einer jedermann überfordernden, nicht mehr organisierbaren Masse collagierter, montierter Wissens- und Nachrichtenfetzen. Ein nervöser Zustand, den wir in merkwürdiger Süchtigkeit nach Vermengung von Tatsachen und Simulation durch zerstreut gieriges Hin und Her zwischen Tagesschau, Werbung für Salatsauce, Oper, Rasierschaumreklame, Sportschau, Erotikdrama, Terror noch verstärken. Die (westliche) Realität: eine Kolportage der Wirklichkeit, eine Fiktion ohne Anfang und Ende, gleichgültig, grausam, ohne Zusammenhang, dazwischen in Tupfern und Flusen tränenselig gefühlvoll. Und schon wieder vorbei. Zugleich von gußeiserner Beschaulichkeit, maßlos in der Nachfrage nach Katastrophen, die wir (…) letzten Endes biedermännisch als Überlebende und Noch-Entschlüpfte zum Frühstück und abends auf dem Sofa, hin und wieder flüchtig exaltiert, an uns vorüberziehen lassen.“ Für wen hat Brigitte Kronauer das geschrieben, gegen wen? Um der Wahrheit willen, Sprachmacht veranschaulichend? Für sich? Gegen sich selbst? Jedes Wort eine Bankrotterklärung. Ich fühle mich nicht nur nicht gemeint, sondern desavouiert, gemaßregelt, niedergeschmettert und ausgeschlossen. Das „unser“ dieser Sätze ist ein peinigend-angewidertes „euer“, ein sezierendes Ungeheuer. Kein Wort von der Verzweiflung, die (uns) alle umtreibt und an die Bildschirmwand drückt. Wo sind die Auswege, die Unterschiede? Alles blitzt nur so vor lauter Oberfläche (7.1.).

Das grüne, grüne Gras

Ein einziger Schritt: vom Asphalt auf das dick mit Erdreich belegte Wurzelwerk eines alten Baums am Straßenrand – und der Boden federt nach, schwingt leicht, sodass es durch und durch geht. Augenblicklich denke ich an Büchners Woyzeck, die zweite Szene FREIES FELD, DIE STADT IN DER FERNE. Woyzeck und Andres schneiden Stecken im Gebüsch: Während Andres singt, „Saßen dort zwei Hasen, / Fraßen ab das grüne, grüne Gras / Bis auf den Rasen“, peinigt Woyzeck eine Vorstellung, die Unwirklichkeit: „Es geht hinter mir, unter mir“, sagt er und stampft auf den Boden: „Hohl, hörst du? alles hohl da unten! Die Freimaurer!“ Es liegt ein Haus für ihn da unten unter der Erde, falsch herum vielleicht sogar, nach freiem Sinn, ganz unverständlich, so verkehrt herum gemauert von den Freimaurern, wie er sich verkehrt herum fühlt in der Welt der Festmaurer (6.1.).

Das Problem, noch immer

Ein schmales Licht fliegt durch die Nacht – und du: kannst es nicht aufhalten. DAS ist dein Problem: Du kannst es nicht aufhalten, nicht mal sagen, weshalb du es aufhalten zu müssen glaubst (5.1.).

Das Problem

Das „Problem“, sagt Handke immer wieder, heiße übersetzt (aus dem Griechischen) das Vorgebirge. Das Problem zu erkennen, hieße demnach zu erkennen, dass es lediglich Vor-Problem ist? Ein Problem wovor? Vorgebirge vor welchen Bergen?

Nackter Januar, wo hast du deinen Schneeanzug?

Die Rascheljacke!

Eine Antwort

Du musst in den Nischen bleiben
und alles rings im Licht sehen
– zwischen die Zeilen schreiben
und unhörbare Klänge verstehen

Was sucht das Tier hinter dem Glasrahmen? Das Foto darin zeigt ein Hochzeitspaar. Es sitzt, im Sonnenschein, vor einem Strauch, auf einer Bank. Das Tier stellt sich auf die Hinterläufe, scharrt am Rahmen und drückt die Nase gegen das Glas. Sieht es das Paar, das Sonnenlicht, den Strauch oder die Bank? Das Tier will doch nicht hineinspringen in ein Schwarzweißfoto! Sieht das Tier in schwarzweiß? Liebt es, sich zu spiegeln? Das Tier sucht – eine Antwort. Dieselbe wie du, wenn du rätselst, was es da treibt? (4.1.)