Das Gras

Plattmachen, ich meine / Nordenham

Plattmachen, ich meine
Nordenham
, das Grau,
endlose Verlassenheit.
Das Betonschanzkleid
der Stadt entlanggeirrt,
an der alten Weser, der
seegrauen, atlantischen,
wo kein Licht, nichts flirrt.
In der Ferne, am anderen
Ufer diesen regnerischen
Nachmittag, Bremerhaven,
die abstrusen Containerter-
minals, Behälterabferti-
gungspiers, siebzig
Flugzeugträger
lang, Deich
aus Schafen.
Die Weser. Der
verbaute Himmel.
Der dich überwölbt.
Fabrik für neue Laser-
technologien. Plattes
Land, das Oldenburger
Land. Wo ist die See? Du
musst die See nicht sehen,
weil nichts ist flach ohne Meer,
das Land gibt auf, geht über. Möwe
kommt näher, Möwe zieht Bahn, Möwe
dreht ab und saust knapp hin überm höchsten
Nordenhamer Punkt, eine vier Jahrhunderte alte
Platane, die alle vergessen haben umzumähen. Das
wird schon noch, das wird, man abwarten. Plattmachen, warten.

Plattmachen heißt nicht, es ist. Plattmachen heißt, es ist vorbei, es war.

Landgang, der achte

Schafe bei Fedderwardersiel – die Lämmer auf dem Deich, wissen oder ahnen sie, dass sie Schafe sind, dass sie ein Schaf vor sich haben, wenn sich etwas an sie schmiegt? Hält sich ein Schaf für ein Schaf oder vielleicht für das Schaf schlechthin? Oder erkennt es nur die Herde, die Schafe, zu denen es sich zählt? Zählt es sich dazu? Zählt das Schaf Schafe?

Zwischen Waddens und Tettens Boßelmarken kilometerlang auf dem Asphalt der Straße hinterm Deich.

Drüben, am anderen Weserufer, liegt Bremerhaven im Dunst, fünfeinhalb Kilometer lang Richtung See erstrecken sich die Containerquais zum Entladen der Riesenfrachter vorwiegend aus dem fernen Osten. Der Nordhafen dort drüben wurde von den Nazis errichtet für ihre beiden nie zustande gekommenen Naziflugzeugträger „Graf Zeppelin“ und dessen namenlos wieder verschrottetes Schwesterschiff „Träger B“. Die Flugzeuge für die Flugzeugträger sollten gleich vor Ort und Stelle produziert werden, damit sie möglichst schnell einsatzbereit waren, um Tod und Verderben nach England und Skandinavien zu bringen, Stukas, Junkers-Torpedobomber und Messerschmitt-Jäger, die drüben in Blexen, in als Bauernhöfe getarnten Produktionshallen entstehen sollten. Zum Glück aber wurde daraus nichts, das will ich nicht vergessen. Eine Zeitlang wasserten immerhin die Postflugzeuge der beiden großen Amerikadampfer „Bremen“ und „Europa“ im Bremerhavener Nordhafen, aber auch das ist lange her. Ob Fedderwardersiel oder Nordenham, das einmal wichtiger Auswandererhafen war – viele Nordseehäfen strebten über Jahrhunderte nach allem, wofür Bremen und dessen einstiger Hafen heute stehen, merkantile Weltoffenheit, den Reichtum des Handels und Austauschs, bei Weitem nicht nur von Waren.

Eine merkwürdig tiefgreifende Ruhe erfasst dich in dem warmen Septemberwind auf der Halbinsel Budjadingen. Die Grasweiten, die Gemächlichkeit der wenigen sichtbaren Tiere, das Rauschen der Kastanien und Nussbäume im Seewind. Die Menschen scheinen noch Zeit zu haben. Oder sie nehmen sie sich für die Dinge, die zu tun sind.

Eine Frau kommt gefahren, elegant wie der Wind, und lehnt ihr Rad an die Kirchenmauer.

Auf dem Blexener Kirchplatz sucht ein kleiner Junge mit seinen Großeltern Kastanien. Als er über die Friedhofsmauer blickt und dort auf den Gräbern zwischen Grabsteinen und vereinzelten Blättern unzählige der braunen Nüsse entdeckt, bricht er in so lautes Jubeln aus, dass die Toten erschrocken zu flüstern beginnen.

Eine halbe Stunde lang bin ich allein in der Kirche St. Hippolyt in Blexen, der ältesten in der Wesermarsch. Nur drei Kerzen brennen in dem nach Moder und Herbst riechenden Gemäuer, dessen Altar der barocke Expressionist Ludwig Münstermann gestaltete – nach ihm heißt eine Straße in meinem Hamburg-Barmbeker Viertel. Sorgsam zusammengebaute Segelschiffmodelle hängen von der Decke wie nautische Marionetten. In der Endlosigkeit aus Wasser, Wind und Zeit vor der Eindeichung des Koogs stand die Kirche bei den schweren Sturmfluten im 17. und 18. Jahrhundert im Wasser, wurde schwer beschädigt – Schäden, die man sichtbar bleiben ließ –, ging aber nie völlig unter. Die Schiffe umsegelten St. Hippolyt, so lange, bis das Kirchenschiff von Land aus wieder zu betreten war.

Landgang, der siebte

Am Abend kommt bei Südwestwind ein gelblicher Nebel über die Grasweiten der Seefelder Wesermarsch – Qualm von einem Moorbrand bei Meppen im Emsland. Dort hat die glorreiche Bundeswehr in Zusammenarbeit mit der verdienstvollen Luftwaffe Raketen auf das Meppener Moor abgefeuert, das seither, seit gut zwei Wochen, unterirdisch brennt und vor sich hinschwelt. Während zweihundert Kilometer weiter südwärts der Hambacher Forst dem Braunkohleabbau zum Opfer fallen, ein ganzer Wald weggebaggert werden soll, wogegen junge Leute sich verwahren, – ja, sich! – und demonstrieren, in Baumhäusern verschanzt und angekettet an Bäume, die verschwinden sollen, längst verschwunden wären, gäbe es solches Aufbegehren nicht. Vor diesem Hintergrund wirken die Raketen auf das Meppener Moor fast wie eine Rache-Aktion, eine Vergeltung gegenüber den Hambacher Buchen. Die Bäume wären längst verschwunden, hätten sie nur für eine Stunde die Gelegenheit und die Beine.

Verschwunden ist auch die alte Brücke über die Jade im gleichnamigen Ort. Die Trinitatiskirche steht noch da und wacht über die Friedhofsruhe, aus der sie aufragt, schwarzgrün mit blauem Schimmer rieselt fast lautlos das Jadeflüsschen vorbei, es gibt ein Betonbrücklein mit einem Handlauf, aber die Brücke auf dem Bild in meiner Hand finde ich nirgends, und die Leute aus Jade kennen sie zwar, erkennen sie auch wieder – „Jo, das is’ man de alde Jadebrück“ –, können oder wollen mir aber nicht sagen, wo ich sie finde, ihre Brücke wohin, woher auch immer.

Der Blaufärber von Jever, sein Gesicht und seine Hände waren das einzig Helle in einem durch und durch und ganz und gar blauen Raum. Auch er ist verschwunden, nicht nur im Indigo, das ihn umgab, in den weißen Mustern, die seine Handwerkskunst auf die blaugefärbten Stoffe übertragen hat. Sein Beruf ist so gut wie verschwunden. Verschluckt, wie von der Zeit. Hier endet die Kraft der Metaphorik. Die Zeit wird blau. Die Vergangenheit ist von tiefem Blau.

Abbildungen: 1: Seefelder Grasland mit Blick gen Osten zum Jadebusen; 2: Die Seefelder Mühle; 3: Grabstein auf dem Friedhof von Jade; 4: Die Jade bei Jade

Seefeld

Seefeld, nicht weil hier ein Meer
und Feld sich treffen, Himmel und
das Gras. Nein die See ist hier Feld,
und Feld ist See, ja der Grashimmel
mit der Mühle in der Mitte der Weite.
Oben die Windrose kennt alle Namen
der Windrichtungen, Nord, Süd, Ost und
West und Nordnordost und Nordsüdwest,
Südsüdwest, Westnordost, es sind so viele,
viele auch namenlos dunkle, dass die Mühle
von Feldseefeld mitunter, ja geht sie rückwärts
und sich zurückdreht immer, schneller, immer
rascher, bis ins Gras rauschen alle Stunden,
ins Gras rasch die Stunden fliegen und
ertrinkt in den Salzwiesen das Pech.
Nach Staubjahrhunderten duftet
die Mühle. Und immer räumt
jeder Wind ein Zimmer.
Und immer träumt
der Wind Zimmer.

Zu Haus in meinem Bild

Immer wollte ich
mit den Schatten reden,
 sie aber, diese Spiegel in der Nacht, sagten
nichts, raunten bloß wie ich und
zuckten herum im Dunkeln.

Unter den Espen
die Schatten, und über den
 Schatten die Zweige, dazwischen, vielleicht
im Licht, war ich, und zu Haus in
meinem Bild ein Funkeln.

Landgang, der sechste

Maria von Jever, Edo Wiemkens Tochter und Thronerbin, gilt bis heute als wohltätige Herrscherin. Allen Abbildungen und Darstellungen ihrer Person sieht man die Liebe der Leute an, die weichen Züge, der offene Blick, die schmale Gestalt, das Hütchen mit dem Federbüschelchen daran, fast gouvernanten- oder Mary-Poppins-haft wirkt jenes Fräulein Maria, das Jever und dem Jeverländischen eine eigene Identität verlieh und sie so behutsam wie bestimmt absetzte vom Friesischen. Maria von Jever íst als historische, als zeitlose Gestalt auch deshalb so faszinierend, weil sie ja nicht gestorben sein soll. Glaubt man den Leuten, so lebt Maria noch immer. Sie verschwand, heißt es, in einem Gang unter dem Schlosspark und ward nie wieder gesehen. Jeden Abend schlägt deshalb das Glockenspiel am Schlosspark, dessen Klänge die in der Zeit, in der Geschichte Verschollene zurückgeleiten sollen. Allerdings stellt sich die Frage, wohin Maria denn verschwand – nach Oldenburg? nach Bremen? Wer verschwindet schon nach Bremen! Die wir lieben, verschwinden nur scheinbar. Sie beweisen jeder für sich auf unterschiedliche Weise, wie bedeutungslos die Erfindung des Todes ist. Maria von Jevers Lieblingshund macht dies auf besondere Weise deutlich: Der Windhund, den das Denkmal am Schlossplatz neben der Herrscherin zeigt, schmiegt den Kopf an Marias Hüfte, und sie hält die Hand zärtlich über dem Scheitel des offenbar klugen, ohne Zweifel geliebten Tiers.

Überall in Jever präsent ist das weltbekannte Brauhauserzeugnis. Die ganze Stadt mutet grün-golden an vor lauter Reklame – was verspricht sich der Konzern davon?

Überall in Jever scheint der Stadtrand durch die Häuserreihen, ja die Häuser. Jenseits davon ist es grün, das Land ringsum, Jever, das Jeverland. Und wenn die Sonne scheint, ist es grün-golden.

Die Chorfrauen verabschieden sich voneinander – und singen noch ihre „Tschü-üss“- und „Ja-a“- und „Bis nächsten Mi-itwoch“-Melodien.

Peter Gabriel singt zu Marias Verschwinden am Ende seines Songs „Wallflower“ auf seinem vierten, noch einmal unbetitelten Album von 1982:

„though you may disappear
You‘ re not forgotten here
And I will say to you
I will do what I can do“

Beim Blaudrucker in Jevers Altstadtgasse Kattrepel, einem der letzten noch praktizierenden Handwerker seiner Zunft, sind lauter Seniorinnen und Senioren zu Gast, die die Werkstatt mit den vielfältig blau gefärbten und bedruckten Tüchern, Hemden, Jacken, Mützen und Kissen in einen indigoblauen Taubenschlag verwandeln. Der Blaudrucker beantwortet gelassen und profund jede Frage und kassiert dabei sogar eigenhändig. Die Preise sind stolz, der Mann und sein Beruf aber sind es auch. Ich habe den Eindruck, in einem blauen Raumschiff aus dem sechzehnten Jahrhundert zu stehen, und bewundere vor allem die Schnitte, die Muster, die Darstellungen aus der Tiefe der Zeit, darunter den „harnakischen Tanz“, der verborgen in der blauen Pracht sogar das erotische Flirten seiner Zeit abbildet und anhand seiner so kräftigen Bläue vorstellbar werden lässt. Das Blau wirkt sich sonderbar stimulierend aus, man beginnt tief zu glauben, zu staunen und ahnen. Ein Gedicht von Christian Saalberg kommt mir in der Stunde im Blaudruckerhaus von Jever in den Sinn, „Man sagt“ heißt es, und die letzte Strophe lautet so:

„Der September verbrennt die alten Tage.
Aus den Trümmern klaube ich mir vom Himmel
    das letzte Blau.
Schminke für die Augen, wenn es graut.“

Abbildungen – 1: „Maria von Jever“, Gemälde Caspar Heinrich Sonnekes (1821 – 1899), Stadtmuseum Oldenburg; 2: Indigoblau bedruckte Wandbespannung aus der Blaudruckerei Im Kattrepel, Arbeit von Blaudrucker Georg Stark; 3: Erläuterungstafel zur Wandbespannung in der Blaudruckerei

New Year’s Day

England in 1819

An old, mad, blind, despised, and dying king, –
Princes, the dregs of their dull race, who flow
Through public scorn, — mud from a muddy spring, —
Rulers who neither see, nor feel, nor know,
But leech-like to their fainting country cling,
Till they drop, blind in blood, without a blow, —
A people starved and stabbed in the untilled field, —
An army, which liberticide and prey
Makes as a two-edged sword to all who wield
Golden and sanguine laws which tempt and slay;
Religion Christless, Godless — a book sealed;
A Senate, — Time’s worst statute unrepealed, —
Are graves, from which a glorious Phantom may
Burst, to illumine our tempestous day.

Percy Bysshe Shelley

Landgang, der fünfte

Neun Mal ist die Stadtkirche von Jever bis heute abgebrannt, zuletzt am 1. Oktober 1959. Auf dem Kirchplatz, unter den alten Bäumen dort, sitzen an dem heißen Septembertag – es ist der letzte Hitzetag des Jahres – Teenager und hören laut aus ihrer Blue-Ray-Box bösen, sich böse gebenden Deutsch-HipHop. „Du fickst mich nicht, Digga, denn ich fick dich, Digga, bin ich dein Nigga, Digga, du bist mein Nigga, Digga“ … Die Verbundenheit kennt keine Grenzen, schon gar nicht die der Jahre, des Alters, der Generationen oder Geschlechter. Zwei Mädchen mit dünnen Armen und Beinen kreischen, dass man sie noch an Jevers Stadtrand hört, die Jungs blödeln herum, sie machen sich zugleich lustig und lächerlich … und der Küster der Stadtkirche, der unter den Bäumen hindurch schon davoneilen will, hält inne und dreht sich um, als ich ihm zurufe. Er äugt hinüber zu den Jungs und Mädchen, doch kommentiert nichts, lässt die grölende Meute junge Leute von heute sein, so wie auch sie ihn Küster und mich einen neugierigen Dichter.

Schlaflos in Jever

Überall in den Baumkronen schlafen
die Vögel von Jever, die Krähen, die
Tauben, Meisen, Amseln und Häher.

Ihr Häher! Kennt einer die Tragik der
jungen Leute von Jever? Sie können
nicht schlafen, die Teenager in Jever,

sie sitzen unter Bäumen, in denen ihr
oben auffliegt, wegfliegt, zu denen ihr
am Abend zurückfliegt, euren Schlaf-

bäumen, sie hören Musik, sie können
nichts und niemanden berühren, und
sie können nicht schlafen, nur stören.

Je verschlafener Jever, umso müder
außen, aufgekratzter innen, jüngere
Jeverer, junge Jeverinnen. Ihr Stare!

O Singen! Schlafen! Nur, Jever riecht
nach Hopfen und endet nach sieben
Straßen. Dort jagen sie hin, die Tee-

nager auf ihren Bikes und Boards in
der Frühe nach einer durchwachten
Nacht. Keckert, Jevers Häher, lacht!

In der Kirche jedoch schläft seit fünf
Jahrhunderten der letzte Häuptling.
Fest schlummert dort Edo, um den

alles sich versammelt, was jung ist
und glaubt an ein besseres Leben,
ein See-, ein Erd-, ein Jeverbeben.

„Das Denkmal“ – sagt das jemand in Jever, so weiß auf der Stelle jeder, welches gemeint ist, denn es scheint nur eins zu geben. Im von allen Bränden verschonten hinteren Teil der Stadtkirche liegt unter einem hölzernen Baldachin der aus Stein gehauene Kenotaph Edo Wiemkens, das Scheingrab des letzten ostfriesischen Häuptlings. Der Küster erläutert die versteckten Raffinessen des Grabmals, das keines ist, sondern eben ein Denkmal, er weiß genau, bis wohin sich das Feuer vorfraß, sodass ich es mir vorstellen kann, während in meinem Rücken durch die Fenster das helle Licht auf das moderne Kircheninnere fällt, dort, wo das Feuer so oft schon gewütet hat. Wieder im Freien, in der Sonne, eilt er endlich davon – Jugendtreff am Spätnachmittag. „Da muss ich hin“, ruft er lachend. „Die brauchen einen wie mich!“

Landgang, der vierte

In Dangastermoor, an der Landstraße von Oldenburg zur Küste bei Dangast, steht das Landhotel Tepe, früher „Gasthof zum Fürsten Bismarck“, 1907 bis 1912 die Postadresse der Künstlergruppe BRÜCKE.

Im Spätsommerwind, der über die Nordsee hereinbläst, rauschen die alten Dangaster Bäume. Watt und Wälder treffen in Dangast aufeinander, und so wächst hier der Hohe Geestwald.

Die ersten Herbstblätter rasseln losgelassen über die geziegelte Wölbung der Steilhangpromenade, wo sie hinfegen mit ihrem sandigen Schweif.

Maler in Dangast:
Emma Ritter
Jan Oeltjen

Noch ein Geräusch, das dir seltsam in den Ohren klingt: Das Watt lässt ein beständiges leises Klicken hören, das erst, wenn du auch hinsiehst, ein stilles Geblubber ist, ein Aufplatzen zahlloser winziger Bläschen im Schlamm.

Watt: Männer, Frauen und Kinder sinken ein bis zu den Knien, große Hunde bis zum Bauch, kleine aber gar nicht. Sie flitzen über die Matschweiten, springen umher, und die Vögel landen auf dem Schlamm, schreiten auf und ab, scheinen genau zu wissen, wann das Meer zurückkommt.


Dangaster Strand, September 2018


Franz Radziwill, Der Strand von Dangast mit Flugboot (1929; Landesmuseum Oldenburg)

Landgang, der dritte

Vor der Ruine des Mühlenturms von Rastede-Heubült wartet ein Alter mit Atemluftgerät am Gürtel auf dich. Das Gespräch mit ihm dauert keine Minute – zwei Mal verspottet er dich, drei Mal flucht er auf dich mit glühenden Augen. Bevor er zwischen zwei Sekunden hindurch verschwindet.

In Wilhelmshaven mündet der Totenweg in den Stachelbeerenweg.

Hellblau ist das Wasser des Jadebusens, und hellblau wird der Abendhimmel darüber, immer heller und blauer, bis See und Seeluft ineinander übergehen und das Dunkel aufsteigt, um Nacht zu werden.

In der Dunkelheit über dem Jadebusen ein rotes Geflimmer, weit entfernt an den Küsten im Osten – als lägen dort Rotlichtstädte, und Busse würden dort hinfahren zu gekauften Nächten an den Jadebusen der Vorstellung. Windparks sind dort in der vermeintlichen Realität, ausgerüstet mit Warn- und Positionslichtern, damit Flugzeugpiloten unterscheiden zwischen Tod und Leben, die Rotoren von Schweiburg, Seefeld, Stollhamm und Varel.

Maler in Dangast:
Franz Radziwill
Karl Schmidt-Rottluff
Max Pechstein
Erich Heckel

In Brake war das Weite

In Brake war das Weite     zu fühlen. In Brake
hörten die Seemöwen     sich so zeitlos an.
In Brake küsste ich dich     und es war egal,
wo wir waren. In Brake     klingelte unten
am Strom dein Handy und     hast du mit der
Welt telefoniert. In Brake     war das völlig
okay. Ich liebte dich mehr     als alles andere
auf der Welt in Brake.     Und es gab vieles
in Brake, was infrage kam.     Es gab drüben
Harriersand und gab hier     Brake, was hieß,
es gab hier Brake und drüben     Harriersand –
Weite und Stille, für die     Brake stand. Und
die Weser. Und dazwischen     das dünne Land,
zu dem eine Fähre fuhr,     wovon der Kapitän
jedoch abriet. Es sei zu     still dort. Gehen Sie,
gehen Sie lieber weiter,     weiter durch Brake!
In Brake gab es fraglos     das Weite, die See
und Georg von der Vring,     der sich nicht
sicher gewesen war, wie     entscheiden, ob
ein Mensch sein oder     einer, dem gleich
ist, was es heißt,     Mensch zu sein. Schade,
und selber schuld,     aus Ihnen hätte einer
werden können, ein     Dichter, Herr von der
Vring aus Brake,     der später Dylan Thomas
übersetzte. Immerhin     gab es in Brake ja den
Optischen Telegraphen –     – Zeichen, telepor-
tiert über Strom und Land.     Ja, es gab Brake!
Es gab Brake in der Nähe     und im Weiten!
Es gab uns! Dich gab es,     mich, die Musik
des Weiten, ja sogar der     Weser. In Brake
lernte man als Kind Block-     flöte spielen. In
Brake waren alle Block-     flöten Seemöwen.

Landgang, der zweite

Der weithin sichtbare Optische Telegraf von Brake an der Unterweser lässt mich durch die Geschichte telegrafieren, und ich lese, dass auf Kirchtürmen oder eigens dazu errichteten Gebäuden im Verlauf der etwa 70 km langen Strecke zwischen Bremerhaven und Bremen kreuzförmige Signalmaste montiert waren, an deren drei freien Armen je ein drehbarer, über Seilzüge zu bedienender Flügel acht verschiedene Positionen einnehmen konnte. Aus den 512 möglichen Stellungen wurden bestimmte für das Alphabet und einige Sonderzeichen festgelegt. Diese Signale wurden von der jeweils nächsten, gut zehn Kilometer entfernten Station mit Fernrohren beobachtet und weitergegeben. Die Stationen auf der Weserlinie waren Bremerhaven, Dedesdorf, Brake, Elsfleth, Rekum, Vorbrock, Vegesack, Oslebshausen und Bremen. Die 1846 eingerichtete Querverbindung Bremerhaven – Elmlohe – Bederkesa – Lamstedt traf bei Hechthausen auf die Elblinie.
Der „Braker Telegraph“, 1846 erbaut und nur etwa sechs Jahre lang in Betrieb, bis er als veraltet galt, meldete mittels seiner Vorrichtung auf der Turmspitze in die Wesermündung einfahrende Schiffe. Die Telegrafisten hatten zu übermitteln, welche Waren das Schiff geladen hatte, wie viele Mann zum Entladen gebraucht wurden oder ob das Schiff unter Quarantäne stand – Informationen, die möglichst vor Anlegen des Schiffs benötigt wurden, vor Einführung der optischen Telegrafie jedoch nur über bedeutend langsamere Botenschiffe überbracht werden konnten.
In seiner posthum 2018 erschienenen poetisch-philosophischen Betrachtung „Der Optische Telegraf“ schreibt der schwedische Dichter und Erzähler Lars Gustafsson: „Der Betrieb optischer Telegrafen basierte auf Signalstationen mit Winkelmasten (Semaphore), mit denen man die Buchstaben des Alphabets wiedergeben konnte. Sie gingen in England schon 1796 in Betrieb. Die Übermittlungszeit zwischen London und Portsmouth betrug nicht mehr als 15 Minuten – die Nachricht hatte sozusagen annähernd die gleiche Geschwindigkeit, die ein Flugzeug mit Hubkolbenmotor für die gleiche Strecke gebraucht hätte.
Das deutsche Äquivalent, die Linie Berlin–Koblenz, in Betrieb zwischen 1832 und 1849, bestand aus zweiundsechzig Stationen, von denen eine, Nummer 4, gelegen auf dem Telegrafenhügel in Potsdam, noch heute bewundert werden kann. Die gesamte Strecke Berlin–Koblenz belief sich auf 550 Kilometer, und bei schönem Wetter und guten Lichtverhältnissen dauerte die Synchronisierung der Signale zwischen Berlin und Koblenz hin und zurück nicht länger als 2 Minuten. (…) Das Personal einer optischen Telegrafenstation bestand aus mindestens zwei, häufiger drei Personen: einem Beobachter, der mit einem Fernglas die eine oder andere der nächstgelegenen Stationen ablas, und ein oder zwei Telegrafisten, die die Winkelelemente bedienten. Die Richtung der Nachricht war wichtig, Kollisionen mussten vermieden werden. Und manchen Nachrichten musste Priorität eingeräumt werden. Es ist kaum möglich, sich ein öffentlicheres System der Informationsweiterleitung zwischen zwei Orten vorzustellen. Deshalb wurde Verschlüsselung bald ein wichtiges Verfahren, besonders natürlich im militärischen Kontext.“

Abbildungen: Unterweser bei Brake mit Optischem Telegraphen (1; anonymer Kupferstich, Mitte 19. Jahrhundert); Braker Telegraf (2; 2018) – Zitate: Lars Gustafsson, „Der Optische Telegraf“, aus dem Schwedischen von Barbara M. Karlson, Secession Verlag, Zürich 2018

Landgang, der erste

Die weiten Felder westlich von Bremen, unterbrochen, vor dem Seewind geschützt durch Waldinseln, geometrisch anmutenden Waldungen. Auch die Kühe, im Widerstand gegen den Wind, rebellisch Rinder, fleckig wie das platte Land.

Der Oldenburger Entomologe erzählt von Libellen, ihrem Schwirrflug, den Häuten, die sie abstreifen, bleistift-, schraubenziehergroß. Er lebt in seinem auf den Hund gekommenen Bungalow am Stadtrand, die Frau hat ihn verlassen, die Töchter sind längst ausgezogen, um in Übersee zu studieren, er ist im Widerstand gegen die geplante Küstenautobahn, die Landschaftsvernichtung ist immens in seinen Augen, und er schwört unverbrüchlich auf Pink Floyd. Er wirkt libellenartig, selbst wenn er im Lichtschein am Schreibtisch über den Laptop gebeugt sitzt. An den Wänden überall Bilder von Teichen, Gräsern, Mooren, Seen. Einmal frage ich ihn, ob er wisse, dass Klaus Störtebekers Schiff angeblich „Die schnelle Libelle“ geheißen habe, und ein andermal erzähle ich ihm von meinem Gedicht „Libellenbrief“ und muss es ihm daraufhin vorlesen. Es sei sehr gelenkig, sagt er. Nichts Gelenkigeres, sagt er, als eine Libelle.

Die Sterne, die Sternbilder, nachts über Oldenburg – Hintergrund ein tiefes Schwarz, schwarze Tiefe. Während es in den Gärten knackt, denn da schurren und scharren versteckte Tiere. Alles schläft. Aber die Natur wacht, als gelte es, sich zu wappnen – wovor? Einem wie mir?

Die Brötchen tragen eine eingebrannte Initiale – als wären sie allein für dich bestimmt.

Im Oldenburger Land, heißt es, werde ab und an noch ein Uhu an ein Tor genagelt, als Abschreckung, als Zeichen gegen den Teufel? Kaum einer dürfte sich das heute noch trauen. Meine Tochter erzählt einen Witz: „Was sitzt auf dem Baum und winkt? – Ein Huhu.“ Der ans Tor genagelte Uhu taucht auch am Schluss von Jan Wagners Gedicht „franz de hamilton: konzert der vögel“ auf. Nachtigallen reimen sich dort auf „nageln“, und dem Uhu eignet etwas Lutherisches: „(…) man hört die saat / im ackerboden bersten, in den kirschen / die süße sich ballen, hört / das blut tief in den eigenen adern rauschen. // elstern, strauße, ziegenmelker, kuckuck, / der adler mit der orgel seiner flügel, / kranich und käuzchen, rebhuhn, kaka- / du, falke, mäusebussard, eisvogel, // störche, sperlinge und nachtigallen. / nur der uhu nicht, den ein paar leute, / die üblichen strolche an die scheune nageln / wie irgendwelche thesen, ein pamphlet.“

Mit Heisenberg im Zooladen

„Lieber“, sagt das Kind, „hätte ich Brandmale im Gesicht.“

Während des Telefonats mit dem im Auto fahrenden Freund immer wieder die Roboterstimme seines anscheinend ferngesteuerten Wagens: „Ich habe beschlossen, an der kommenden Abzweigung die Straße zu verlassen“, „Ich habe beschlossen, jetzt links abzubiegen“ …

Propangasstation für Eigentumsflaschen!

Im Zoofachgeschäft in ein kurzes Gespräch mit einer jungen Frau hineingeraten über Schlammwürmer für ihre Kugelfische. Am Telefon erzählt das Kind von Heisenbergs Unschärfe-Reaktion. (Winterhude, 8.9.)

„Ich möchte wissen, wieso unsere Eltern immer so langweilig sind.“ Oscar Wilde

Bruder Regen, Schwester Schnee.

Hesse übers Angeln, über Fische in „Unterm Rad“: „Hans achtete allmählich weniger streng auf die Angel. Er war ein wenig müde, und sowieso pflegt man gegen Mittag fast nichts zu fangen. Die Weißfische, auch die ältesten und größten, kommen um diese Zeit nach oben, um sich zu sonnen. Sie schwimmen träumerisch in großen dunklen Zügen flußaufwärts, dicht an der Oberfläche, erschrecken zuweilen plötzlich ohne sichtbare Ursache und gehen in diesen Stunden an keine Angel.“

Ein Glas Tränen

Trink dein Glas Tränen, und
Sommerwolken spiegeln sich.
Ein Wasser fließt, ein Wasser

durchfließt alle deine Jahre.
Grün sind See und Seele.
Also keine Angst um sie,

Sommerwolken, gespiegelt
im Fluss, vom Wasser im Fluss.
Trink es ganz aus, dein Glas Tränen.

Zum Tag des inhaftierten Schriftstellers 2018


Oleg Sentsov

Der ukrainische Schriftsteller und Filmemacher Oleg Sentsov wurde wegen angeblichem Terrorismus in einem unfairen Prozess von einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Sentsov sagte dabei aus, dass ihm Folter angedroht worden sei. Derzeit befindet er sich in einer sibirischen Strafkolonie für Schwerkriminelle in Labytnangi, tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat auf der Krim. Zuletzt verbrachte er 145 Tage im Hungerstreik und forderte die Freilassung aller in Russland inhaftierten ukrainischen Häftlinge aus politisch motivierten Gründen. Er beendete seinen Streik am 6. Oktober 2018, da er befürchtete, zwangsernährt zu werden. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Sentsov den mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Menschenrechtspreis erhält. Die Preisverleihung ist am 12. Dezember in Straßburg geplant, doch dass Russland den Autor dazu ausreisen lässt, ist unwahrscheinlich.
Sentsov wurde im Mai 2014 von den russischen Sicherheitsdiensten auf der Krim festgenommen. Seinen Aussagen zufolge wurde er drei Stunden lang körperlich misshandelt, geschlagen und sexuell missbraucht. Er wurde nach Russland gebracht, wo er über ein Jahr in Untersuchungshaft verbringen musste. Im August 2015 wurde er nach einem äußerst unfairen Verfahren vor einem russischen Militärgericht zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde ein Antrag auf Auslieferung in die Ukraine mit der Begründung verweigert, dass er nach der Besetzung und Annexion der Krim durch Russland zu einem russischen Staatsbürger geworden sei.
Der internationale PEN geht davon aus, dass Oleg Sentsov für seinen Widerstand gegen die russische Annexion der Krim inhaftiert wurde, und fordert die russischen Behörden auf, den Autor und Filmemacher unverzüglich freizulassen, seine Menschenrechte, einschließlich des Verbots von Folter und anderen Misshandlungen, und sein Recht auf ärztliche Behandlung zu respektieren.

Cello und Biene

Im Speisewagen redet ein bärtiger Silberrücken auf seine Frau ein, gestikulierend, mit den angelernten, abgeguckten, immergleichen, leeren, auf ihn selbst zurückweisenden Gesten. Sie tut das Beste, was sie tun kann, sie schweigt. Sie bezahlt. Er doziert. Er weiß alles, und weiß alles besser. Er weiß, sein Gesicht sagt es tonlos, dass er auf dem Holzweg ist und auch sie verlieren wird wie seine Mama. Schon tut ihm alles leid. Armer Idiot.

The Sea and Cake – The Fawn

Einer kommt dir zu nah, fast kannst du ihn riechen, die Empörung wächst, du übst dich schon still im Zurückweisen, da blickst du ihm endlich offen und frei ins Gesicht – und erkennst die freundliche Arglosigkeit. (22.8.)

Wie traurig das Kind auf einmal sein kann.

Du stößt den Fensterladen auf, und aus der augenblickslang noch dunklen Nische zwischen Fensterrahmen und hellem Tag stürzt ein Nachtfalter hinaus unter einen rettenden Busch. (Berlin-Schöneberg, 23.8.)

Die Wespe stößt die Biene in den Honigtopf, aus dem ich das Opfer rette. Die Biene scheint auf Anhieb zu wissen, wie wenig Zeit ihr bleibt, um den Angriff zu überleben: Ihre Hinterbeine sind honigverklebt wie ihre Flügel. Das ist die ihr vorgegebene Reihenfolge der Säuberung, ehe die Wespen sie entdecken oder die Straßencafébedienung sie wegwischt.

„Überall die kranken Lagerhallen am Start, boy“, sagt im Zug der über und überall tätowierte Jüngling zu seinem „Bro“. Einen winzigen schwarzen Chihuahua haben die beiden Rosenheimer Jungs dabei, ihre „süße kleine Fledermaus“. (Erfurt, 26.8.)

Autos gibt es wie Sand am Meer.

Drei offenbar noch junge Elstern machen sich über den Kadaver eines Vogels her – einer Elster? Innenhofmassaker.

Das Fallobst unter den Apfelbäumen bildet den Umriss der Baumkronen nach. Das Fallobst ist die Erinnerung der Obstbäume.

Mit einem Mal – nein seit Tagen immer deutlicher – unbändige Lust, Proust zu lesen. Der ich widerstehe!

Schlagzeile: IST ES MÖGLICH, DASS ES UNSER UNIVERSUM GAR NICHT GIBT?

Die Ähnlichkeit eines Cellos mit einer Biene.

Der Gebrauchtwagenhändler, der um den zu Verkauf stehenden Wagen herumgeht und mit den Fersen seiner Absätze (den Versen seiner Absätze?) kräftig gegen jeden der vier Reifen tritt – ein zweckloses Unterfangen (zwecklos wie alle Kunst, sagt Oscar Wilde zwecklos). US-amerikanischer Ausdruck für Großtuer und Nichtsnutze: tire-kicker.

Neue Tiefe

Wie die Bäuerin es vorhergesagt hat – Erfahrung, Überlieferung –, dauert der Todeskampf der Hornissen nach der Ausräucherung ihres Nests exakt 24 Stunden. Unten im sonnenbeschienenen Gras stand der Mann mit der Teleskopstange, an dem die Spraydose voll Gift befestigt war, etwa drei Minuten lang, hielt sich fest an der Leiter, betätigte den Spraymechanismus, die Wolke drang in den Bau, die Tiere verstanden die Welt nicht mehr. Wir hören den Zorn, die Empörung, den Stress, die Todesangst, das Sterben, die Rettungsversuche. Im Gesicht der Bäuerin der Widerstreit von weltgewandter Moral und lokalem, tradiertem Pragmatismus – gegen den kein Kraut gewachsen ist.

Eine Stunde lang mit einem Pferd im Kreis gegangen.

Über den Nachthimmel zieht ein Satellit, milchweiß, voller Botschaft und zugleich lautlos.

Dein Sohn, 22 geworden, spricht zum ersten Mal furchtsam vom Alter. (15. August)

The Sea and Cake – The Moonlight Butterfly

Name einer neuen, leider unmöglich gemachten, poetischen Bewegung: Neue Tiefe.

Mein Pferd hat Nasenbluten.

Vor dem Bett des Kindes ein Sandhaufen. In seinen Schuhen Dünen. Wie läuft das Kind damit, seit Tagen, Wochen?

Die Erinnerungen der Mutter sind nicht maßgebend, nur ein Teil sind sie deiner (und ihrer) Verwirklichung. Zeugin ist die Mutter, aber nicht Kronzeuge, denn der bist du allein, keiner sonst. (Burg auf Fehmarn, 17.8.)

Die weiche Wasserverdrängung der fetten Kinder.

Neunundzwanzig Gänse

„Drei Mal diesen Sommer sind mir die Tagetes verbrannt“, sagt die Bäuerin.

Von früh bis spät hört man das Knispeln der Hornissen in der Wand, wo die Großwespen die Holzbalken abnagen. Jede halbe Minute fliegt eine, das Maul voller Holzbrei, davon und kommt eine andere herzu, um die Fracht für den Nestbau neu aufzunehmen. Das Haus wird abgetragen, wird in ein Hornissenhaus verwandelt und an anderer Stelle – wo? – wiedererrichtet. (Hinrichsdorf auf Fehmarn, 11.8.)

Jede Ordnung ist Illusion – auch diese, dieser Satz.

29 Gänse. Bei Böen spreizen sie alle simultan die Schwingen und rennen in dieselbe Richtung, um aufzusteigen und davonzufliegen – aber sind schon längst zu schwer. Das Fliegen aber ist in ihnen, nicht mal als Erinnerung zwar, und dennoch. Fliegen sie in ihrer Vorstellung? Mit dir und dem Lieben muss es ganz ähnlich sein. Wie viele Jahre und Jahre warst du zu schwer, obwohl du leicht warst wie eine Feder. Du warst zu bekümmert, um noch zu lieben.

„Und zwischen zwei Blicken die Kluft, die so tief ist / daß selbst ein Lächeln sie nicht überbrücken kann / Oder eine Träne“ Christian Saalberg

Beirut – The Rip Tide

Zugleich machtvoll und friedvoll: Rauschen der Bäume.

Über einen Hund (am Bojendorfer Strand), der dich an einen Fuchs erinnert, sagt das Kind: „Er sieht aus wie ein Fuchs, der sich als Hund verkleidet hat.“