Das Gras

Verbreitet wie Licht und Liebe

Während ich meine Bücher schreibe, mit Blick auf den Innenhof, das allmählich wieder erwachende Leben der Elstern, erlebe ich als Beobachter und Zuhörer zugleich die Kindheit, das Heranwachsen des Nachbarjungen. (24.2.)

In der Zentralbibliothek, während es draußen schüttete, eine halbe Stunde lang Gedichte von Tomas Venclova gelesen. Eine Luft, die darauf zu warten schien, dass nur noch eine einzelne Stimme zu hören ist.

Das neue Album von Mark Kozeleks Sun Kil Moon ist erschienen: „Common as light and love are red valleys of blood“.

Die letzten Februartage sind grau wie die zurückliegenden Wochen und Monate. Hellere Pausen und Unterbrechungen nur der Kitt zwischen grauen Platten. 14 Uhr am Mittag – schon springen flackernd die Lichter der Straßenlaternen an.

Jeden Morgen, wenn ich an dem Schulhof vorbeikomme, muss ich denken, dass alle Schulhöfe auf der Welt – der Welt – gleich klingen, wie ein Schulhof der Welt. Mark Kozelek singt: „… these kids I hear outside my window I was one of them I was one of them I was one now I’m the old man in the chair deep in thought in the living room I’m that old man now and I’ m grateful I’ve got this far and that I’ve become him“ – („God bless Ohio“).

Mit der Geschwindigkeit der Schnecke wird es Frühling, zum x-ten Mal. Traurig flötet ein Zilpzalp im Innenhof – im Innenhof meines Journals –, herunter von einem Baugerüst, dem Baugerüst meines Journals.

Lass die Enttäuschung

Ein Abend in der S-Bahn, es ist Winter. Klirrende Luft, der Waggon ist voller Leute. Da telefoniert eine Frau aus Wisconsin über Skype mit ihrem Hund daheim.

Durch die vereisten Zäune ragen bedürftig des Stoffes, der Haut und des Menschenfleischs die stachligen Äste eines Dornengestrüpps. Aber Jesus, da sind nur Fahrbahn, Abgase, bitterkalte Februarnachtluft. (Steilshoop, 12.2.)

Im Schwimmbad beobachte ich das junge Mädchen im Nixenbadeanzug: Seine Beine und Füße stecken in einer im Wasser violett schimmernden großen Flosse. Die anderen kleinen Mädchen im Becken können das Wunder nicht fassen. Sie waren sich so sicher, dass es Nixen nicht geben kann!

Aber lass die Enttäuschung.

Weniger auf dem Bild, vielmehr anhand des Bildes erkenne ich mich wieder: März 1998, LCB, Treffen der von Schweizer Autorinnen und Autoren ins Leben gerufenen Gruppe NETZ. Um die große Tafel herum schritt schweigend Renate von Mangoldt und schoss ihre genauen Augenblicksbilder. Peter Weber, Perikles Monouidis, Felicitas Hoppe, Michel Mettler, Katharina Hacker. Ich erinnere mich an einen abendlichen Tanz mit Julia Franck. Und an zwei Zeichnungen, die ich machte, auf einem gelben, linierten Block.

Endlich, finalement, Frühling, printemps, oder wenigstens der Vorbote, der Vorfrühling. Ende des halbjährigen Winters – oder fast. Vorvorfrühling. Pré-printemps.

Durch den Vorgarten steigt die Katze, von der ich letzte Nacht träumte.

Ajgi,

ich weiß
dich und die
Schneewehen
überall dort in

Tschuwaschien.
Ajgi, ich weiß, du
bist gestorben, nur
was heißt das denn,

weiß ich dich doch da,
beim Schach im Park,
oder wie du schreibst:
Samoskworetschje.

Du weißt, entgegen-
kommend dir halte ich
ein Leben lang Ausschau
nach allem, ja nach allem.

Der erschossene Schmetterling

Nur die Güte lässt dich schlafen – oder ist es das Ignorieren deiner üblen Gedanken? Was du anderen vorwirfst, du wirfst es eh nur dir selber vor. Der Groll, die Wut, der Zorn, deine Angst und dein Glaube an die Macht der Sorgen („Ich habe die ganze Nacht lang nicht schlafen können!“ – Mantra deiner Kindheit und Jugend) treiben dich in den halb wachen, halb durchdösten Furor. Und du weißt, du wirst die ganze Nacht lang nicht schlafen können.

Wie gesund der Krebsarzt sich in deiner Gegenwart gibt. Wie schwach, wie matt und moribund du dich fühlst in seiner Anwesenheit. „Mori…was?“ Er weiß alles, er weiß nichts. Beschwichtigt, immerhin. Tut sich groß, bah. Bläst sich auf, pffff. Winkt ab. Versager. Mickriger Medizinmann. Man möchte ihn zum Fenster rauswerfen.

Luis Buñuels Mirabeau-Verfilmung „Tagebuch einer Kammerzofe“ hat mich enttäuscht, aber ich muss gestehen, dass ich seit Wochen immer wieder an den Film zurückdenke. Die zurückgehaltene Lust, die herausplatzende Gewalt, der groteske Ekel des Spießertums vor sich selbst. Fetischistische Senioren. Gewürgte, begrapschte Kinder. Wenn Michel Piccoli mit seiner Schrotflinte einen Schmetterling erschießt, denke ich erst: Bah, wie geschmacklos. Dann: echt rebellisch. Dann: die erruptive Poesie. Dann: eigentlich bloß blöd anti-bürgerlich. Shock-maker. Aber ich selber bin mir seither ja der Beweis, dass diese Aufrauung Buñuels Ziel gewesen sein muss. Traum eines böse gemachten Kindes. Und das Kind hat die so schönen wie starren Augen Jeanne Moreaus.

Tulpen in der Vase

Natürlich, das Sterben geht weiter. (Wenn diese Welt etwas beherrscht, dann ist es das Sterben.) John Hurt ist gestorben, David Lynchs „Elephantenmensch“ ist Geschichte. (28.1.2017)

Für fünf Tage Gäste aus Weißrussland. Sie belächelten den Luxus in den Barmbeker Straßen; sie kochten sich Würste und aßen sie auf Spiegeleiern, sie belächelten deinen Band mit russischer Poesie. „Mirko! Another question!“ Wundervolle Höflichkeit. Sie bekamen ein Funkeln in den Augen, sobald das Gespräch auf Minsk kam. Minsk. Draußen, der Winter – kein wirklicher Winter. Alles in der Küche blieb in Frauenhand. Alles Organisatorische war Männersache. Mächtige Fellmützen während Ausfällen in die Umgebung. Keine Politik. Keine Poesie. Kein Obst.

Plötzlich – ja, plötzlich! – wieder Schnee. Erst regnete, dann regnete es gesprenkelt mit weißen Funken, dann ging der Regen über in Schnee und hörte darin auf: verregnet, zerregnet. Dann schneite es fünf Stunden lang. Und die Bürgersteige und Vorgärten taten ihr Bestes, um weiß zu werden: Alles verhielt sich still.

Du warst noch bis halb acht allein zu Haus – dann flogst du mit dem dunklen Mantel in die Nacht als Fledermaus.

Mon canard dort sur ma chemise blanche. Mein herrlicher Französischkurs. J’habite dans une pomme et j’achète une jolie jupe rouge!

Tulpen in der Vase, wie sie vortäuschen, lebendig und schön zu sein, die Tulpen, die nichts als toten, schönen, duftenden schönen Toten, die Tulpen.

Gegen die Kaltherzigkeit

Das Gebrabbel von Babel.

„Tag des Großen Schneiens: eine Art Weltspartag“ Peter Handke

Wenn ich eins hasse – nein, hasse nichts, nicht mehr! –, dann Wartezimmer von Arztpraxen, wo man minütlich deutlicher erkennt, man könnte ebenso – für alle dort: Kinder, Patienten, Praxisangestellte, Ärzte, DHL-Kuriere – bereits gestorben und in einer solchen Vorhölle gelandet, man könnte nichts weiter mehr als irgendein Toter sein.

Bevor das Kind aus dem Bus steigt, um durch die Dunkelheit zur Schule zu laufen, knipst es an seinen Sneaker-Sohlen die Lichter – die LEDs – an. (Lurup, 19.1.)

Die Alten, die sich auf der Winterterrasse der Einkaufsmall treffen … gna, gna, gna – gna, gna! Gna, gna, gna! Gna, gna!

Höcke – ab, nach Aleppo.

Die Alten, die sich auf der Winterterrasse der Einkaufsmall treffen … tratschen, lachen einander zu, johlen und rufen wie Kinder, wie 65 Jahre alte Kinder. (Steilshoop, 19.1.)

Gegen die Kaltherzigkeit!

Kein Buch ohne Wrack.

Erinnerst du dich? An das Aquarium deines Großvaters? Die Guppys, die Scheibenputzerwelse? Du warst sieben, acht Jahre alt, und dein Erstaunen grenzenlos, wenn Opa mit dem Kescher einen toten Fisch aus dem Wasser hob. Stumpf, leblos, aber immer noch bunt schillernd lag er in dem weißen Netz, das sich seinem Körper anschmiegte. Aber am schönsten und ruhigsten waren die beiden Mammutskalare mit ihren hohen Flossen, ihrem flachen, aufrechten Körper, der getigert war und schimmerte. Mamas Kosename deshalb: „Mammutskalar“.

Ovid revisited

Bist du ein Normopath?

Erinnere dich: an die schwarzen und kaum schulterbreiten Wendelstiegen, die das Treppenhaus der Dienstboten mit dem Prunktreppensaal verbinden, im St. Petersburger Winterpalast.

Minutenlang zerrt und rüttelt die Elster im Innenhof an einem Stöckchen, das im Gesträuch abgeknickt ist. Kunst? Wut? Nestbautrieb? Verwandlung. (Barmbek, 10.1.)

„Gestalte deine eigene Eule!“

„I can’t remember, and you can’t make me remember.“ Mark Kozelek

Das Zimmer singt

Ein Trubel, ein Jubel, Spektakel und Theater, Pose, Zorn, Gelächter: Ein Pulk aus sieben Halbstarken, wie man sagt, eigentlich aber Ganzstarken – noch nicht Verkümmerten und Verblassten, Müden und Ausgelaugten, Verbitterten und Verblödeten –, fläzt sich in zwei Bussitzreihen, grölt, ruft, staunt und feixt: „Digga, die Hure gesehen?“ – „Ist die Hure, Digga?“ – „Nee, noch nich!“ – „Also, Digga, chill.“ – „Abba bald, Digga, meine ist die, meine Hure!“ – Sie steigen aus beim Soulkebab, ohne ein Gespenst wie mich eines Blickes zu würdigen. Wie unfassbar bedeutsam wieder Blicke sind. „Kuckst du? Kuckst du?“ Kein Dichter hat das voraussagen können. (Barmbek, 5.1.2017)

Vor der Bäckerei, in ihrem goldenen Morgenlicht, einem Barren aus Licht, steht ein bibbernder Dalmatiner und wartet auf seinen Menschen.

Erinnere dich: an die beiden Albatrosse, die während der Überfahrt auf der Drake-Passage der „Bremen“ folgten – erst ein beinahe unsichtbarer Punkt in weiter Ferne, dann zwei, die immer näher kamen, simultan segelnd, kreuzend, wie Wellen in der Luft unter dem hellblauen Wasserhimmel.

Zwölf Jahre lang stand die Artemide-Lampe unter einer Treppe, in einer Abseite, einer kalten Mansarde zuletzt. Als ich sie wiedersah – wiederbemerkte –, war ich wieder 27 und baute mir selber Lampen, die der unerreichbaren Artemide glichen. Heute ist sie eine in die Jahre gekommene Schönheit. Als ich sie anschalte, wird es im Zimmer (meines Lebens) hell.

Das Kind tanzt im hellen Zimmer auf dem Parkett, wo die alten Dielenbretter den immergleichen klagenden Laut von sich geben. „Das Zimmer singt“, sagt das lachende Kind.

Lob der Murmeltierführer

Eine Schuldnerberatung möchte ihre Webseite mit der meinen verlinken. Nur zu!

Hauptsache zusammen!

„To confront, with forgiveness and compassion, the terrifying singularity of my own person.“ John Cheever

„Geldanlage und Grünanlage“, sagt das Kind.

„Je ris merveilleusement avec toi. Voilà la chance unique.“ Mit dir lache ich wunderbarerweise. Da liegt die einzige Chance. – René Char

Die Bücherregale sterben aus.

Und die Zukunft gehört den Frühaufstehern.

Kaum jemand will noch Außenseiter sein, dabei sind fast alle Außerirdische.

Aufschrift auf einem Umzugskarton: „Sommerkleider ich + die Mädchen“. (Eppendorf, 30.12.)

„Patentierter Universal-Sauberhalter“, sagt das Kind und deutet auf das PUSH auf der Einfüllklappe des Mülleimers.

Sie befürchte, schrieb Georg Philipp Telemanns Mutter ihrem Sohn, er werde noch als Murmeltierführer auf dem Jahrmarkt enden.

And thou art far in humanity

„… if there is anything good about exile, it is that it teaches humility. One can even take it a step further and suggest that the exile’s is the ultimate lesson in that virtue. And that it is especially priceless for a writer because it puts him into the longest possible perspective. ,And thou art far in humanity‘, as Keats said. To be lost in mankind, in the crowd — crowd? — among billions; to become a needle in that proverbial haystack — but a needle somebody is searching for – that’s what exile is all about. Pull down your vanity, it says, you are but a grain of sand in the desert. Measure yourself not against your fellow penmen but against human infinity: it is about as bad as the inhuman one. Out of that you should speak, not out of your envy or your ambition …“ Joseph Brodsky, „The condition we call exile“, 1987

Ein vielsagender Lapsus unterläuft Brodsky hier in dem so brillant eingesetzten Keats-Zitat. Statt aus dem Jambus gefallen „And thou art far in humanity“ heißt es nämlich bei John Keats „And thou art distant in humanity“, statt „Und du bist in der Menschlichkeit weit“ also „Und du bist fern inmitten aller Menschen“. In seinem Versepos „Isabella; or, The Pot of Basil“ von 1820 verarbeitet Keats eine Novelle aus Boccaccios „Dekameron“: Isabella soll mit einem „Edelmann und dessen Olivenbäumen“ verheiratet werden, liebt aber den Angestellten Lorenzo, der daraufhin von ihren Brüdern ermordet und verscharrt wird. Lorenzos Geist erscheint ihr im Traum und berichtet Isabella, wo sein Körper zu finden ist; sie gräbt ihn aus und beerdigt Lorenzos Kopf in einem Basilikumtopf, der in ihrem Zimmer steht. Brodsky deutet durch das Zitat an, dass Exil stets eine von einem Einzelnen empfundene, kaum mitteilbare existientielle Demütigung darstellt – weshalb er in dem Ausschnitt aus seinem für eine internationale Tagung von Exilanten verfassten Aufsatz versteckt auch auf Ezra Pound hinweist, den wohl bedeutendsten us-amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts. Aufgrund seines fatalen Engagements für den Faschismus Mussolinis wurde Pound nach der Befreiung Italiens von US-Truppen gefangengenommen und längere Zeit in einem Käfig „ausgestellt“, bis man ihm den Prozess machte. Der Todesstrafe entging Pound allein durch ein Gutachten, das ihn für geisteskrank erklärte. Für 12 Jahre war er Insasse in einer staatlichen Heilanstalt, ehe er nach Italien auswanderte und bis zu seinem Tod 1972 in Venedig lebte. Vom Faschismus distanziert hat er sich nie. Brodskys Ausruf „Pull down your vanity, it says, you are but a grain of sand in the desert“ geht auf Ezra Pounds Pisaner Canto LXXXI zurück, in dem es heißt: „Pull down thy vanity / How mean thy hates / Fostered in falsity“. Brodsky und Pound liegen in Rufweite zueinander bestattet auf der Friedhofsinsel San Michele in der Lagune von Venedig. Pounds Grab wirkt monumental und karg zugleich, antikisch, archaisch. An Brodskys ist ein Briefkasten befestigt. Hier die 39. Strophe aus „Isabella; or, The Pot of Basil“ von John Keats:

„«I am a shadow now, alas! alas!
«Upon the skirts of human-nature dwelling
«Alone: I chant alone the holy mass,
«While little sounds of life are round me knelling,
«And glossy bees at noon do fieldward pass,
«And many a chapel bell the hour is telling,
«Paining me through: those sounds grow strange to me,
«And thou art distant in Humanity.“

Bild: William Holman Hunt: „Isabella and the pot of basil“, 1868, Öl auf Leinwand; Laing Art Gallery, Newcastle-upon-Tyne

Erst wieder in Belgrad

Zum ersten Mal hörte ich genauer zu, was – nein: wie eine Elster erzählt. Denn dass sie erzählt, daran kann kein Zweifel bestehen, außer vielleicht in den Erzählungen der Ornithologen; aber die zählen hier nicht, oder nicht mehr als alle anderen. Die Elster gurgelte, schackerte, kollerte, piepte, krächzte und sang, ja kurz flötete sie sogar. Und saß dabei allein, elsterseelenallein oben im kahlen Geäst – offenbar ein Selbstgespräch.

Jeden Donnerstag tritt der junge Hausmeister in den begrünten Innenhof und geht unter meinem Fenster vorbei wie der von seinen Aufgaben bekümmerte Tod.

Ein Tag grauer als der vorige, und der nächste, Wittgenstein zum Trotz, mit Sicherheit noch grauer, noch novembriger. Warum? Im Ernst: Weshalb dieses ewige Gleiche in der Hässlichkeit? Warum ist das Üble, das Zerstörerische und Bekümmernde beinahe stets das Vorherrschende? Denn wir alle wissen doch, wie lachhaft sie sind: der Tod und sein Kurier der Schmerz und alle seine Claqueure: die Niedergeschlagenheit, der Liebeskummer, der Stumpfsinn, die Verfemtheit, die Verzweiflung, die Mutlosigkeit, das Selbstmitleid, die Erbärmlichkeit und so weiter und immer so fort.

Im grauen Regen sehe ich eine schillernde Elster – dieselbe, die sich mit Selbstgesprächen die Zeit vertreibt? – an einer Backsteinhauswand sitzen. In der Vertikalen. Wie eine Fliege von der Größe einer Elster.

Handkes Verwandlung, sobald er anfängt, von Politik zu schwadronieren.

Das Kind zuckt zusammen, sobald das wilde Kind ins Haus gebrochen kommt. Das wilde Kind lacht, johlt, singt, brüllt, stampft und schreit, ob im Treppenhaus oder Keller, im Badezimmer oder Flur, wo es für gewöhnlich Fußball spielt. Das Kind blickt bestürzt zur Decke: Das wilde Kind ist zurück! Der Staub rieselt von den Wänden. Seine Mutter versucht das wilde Kind zu beschwichtigen, vergeblich. Vergeblich! Das wilde Kind heult gegen die Mauern an, bis sie sich öffnen werden oder bis das wilde Kind vergisst, weshalb es eine solche Wut in sich trägt. (Barmbek, 16.12.)

„Ich träume, dass eine Dame, die mir ins Gesicht blickt, sagt: ,Ich sehe, Sie waren bei dem Wettbewerb dabei, aber ich kann an Ihrem Gesicht nicht ablesen, ob sie gewonnen haben oder nicht.’“ John Cheever

Erinnere dich: an die Erzählung deiner Jugendliebe von ihrem jugoslawischen Onkel. Kurz bevor die Familie in Hamburg ins Auto stieg, sagte er ernst: „Jeder, der noch mal muss, der gehe jetzt! Denn ihr wisst, ich halte erst wieder in Belgrad.“

Man kann nie wissen

„Man kann nie wissen“ – im Grunde ein quantentheoretisches Axiom in Form einer Redewendung, eines geflügelten Wortes. Auch darin zeigt sich die Tragweite der Bohr’schen Revolution (die die Leute gar nicht mitbekommen haben): Die Quantentheorie ist zutiefst demokratisch, ein Akt der Befreiung vom Joch der Newton’schen Mechanik, nach der alles wissbar, ausdrückbar, erklärbar, darstellbar sei. Bohr sagt: „Man kann nie wissen, es sei denn, hm …“

Änderungsschneiderei an der Fuhlsbüttler, der „Fuhle“: eine vermeintliche Familie. Der Schneider ist mit Wichtigerem beschäftigt, die Frau kommt aus dem Hinterzimmer und grüßt kurz, der Sohn ist der Zauberlehrling, der eine Hose kürzt. Doch alles scheint bloß so. Und dazu singt – nein tschilpt resigniert – über dem Nähtisch des Schneiders der Kanarienvogel in seinem Käfig. (Barmbek-Nord, 24.11.)

Der Aasee, schön, beinahe unwirklich im verspäteten Oktoberlicht. Aber da ist nichts, was darüber ein Gedicht zu schreiben nur möglich erscheinen lässt. Einer wie ich geht umher im Promenier-Idyll. Obwohl es ja bestimmt ein Licht gibt, irgendwo, irgendwann, in dem auf eine Weise die Dinge leuchten und erstrahlen, dass alles Verfälschte und Gestellte darin (oder daran) verfliegt, und zwar augenblicklich. Ein Licht, in dem das Unwirkliche verschwindet, weil es zurücksinkt. Aber wo, und wie? Das gilt es herauszufinden? Und diese Leute, ihre Gesichter, sind nicht die schlechtesten Wegweiser, nein nein. Wir alle sind zufrieden, viele scheinen glücklich, wollen gar nichts Echtes, lieber, was sie hier am Aasee haben. Nein, in Wahrheit halten sie das, was sie hier sehen, für das einzig Wirkliche und Wahre. Es gibt nichts Anderes, kein anderes Licht in diesem Augenblick. Also? Guck, das schöne Licht. (Münster, 26.11.)

Der bürgerliche Entwurf ist ein Übergriff und daher vielleicht hinzunehmen – von jedem, der sich dazu entschließt –, nicht aber „wahr“ oder gerecht.

Der Steinmetz fährt ein besonders wendiges und schmales Lieferauto – um zwischen den Gräbern umhermanövrieren zu können? Einer, der bei den Skeletten arbeitet.

Weißt du noch: deine Großmutter? Wenn sie zum Arzt „in den Ort“ fuhr, stand sie schon eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt des Busses an der Haltestelle. „Man kann nie wissen“ – auch ein Kindheitsaxiom. (4.12.)

Heute wählen die Österreicher ihren neuen Bundespräsidenten, den Rechtspopulisten H. oder den früheren Grünen-Chef Van der Bellen, den manche hilflos „Öbama“ nennen. Heute ist Rilkes Geburtstag. Er wird 141.

Elsternfüttern

In dem alten, halb verwilderten Wäschegarten im Innenhof des Nachbarblocks haben sie sämtliche Bäume gefällt. Zersägt in von halbwegs kräftigen Kerlen zu verladende Holzscheiben – sterbende Uhren –, liegen die Stücke im novembernassen Gras und verströmen abends und morgens einen betörenden Geruch in der Straße – nicht den der Trauer, den des Lebens. (17.11.)

Dieses Foto fand ich auf dem Bürgersteig vor den Mülltonnen, es zeigt Spuren des Regens, der Schuhe, die darauftraten, der Räder, die darüberfuhren. Ein Zufall, ein Windstoß hat es bewahrt vor dem Schredder, dem Feuer. Eine seltsame Szene hält das Bild fest, so banal wie archaisch, eine stille Poesie, die mich sogleich ergriff, als ich das Foto im aufgeweichten Laub liegen sah. Ein Feld. Sechs darin beschäftigte, zumeist junge Leute. Ein mögliches Gemälde-Motiv, wäre eine andere Zeit. So aber bloß ein Foto, weggeworfen. Wonach wird dort gesucht? Nach dem Sinn.

In der Abenddämmerung durch den Stadtpark. Das blaue Licht. Das Wasser. Die Leere über dem weiten Gras, und das Schwarz, die Stille der Bäume. (Winterhude, 18.11.)

Der schöne Zufall, ein poetischer Bote, als beim Umzug in die neue Bude der Freund das einzige Buch aufschlägt, das in der Gegend herumliegt: KEATS. Und laut vorliest: „Once more been tortured with renewed life.“ Kurz vor Schluss des ersten Teils in Keats’ Epos lässt Endymion seine Begegnungen mit der ihm rätselhaften Mondin Revue passieren. Vor 24 Jahren übersetzte ich die Passage, die in die Werke-Ausgabe nicht aufgenommen wurde, so: „Und schwerer noch befiel mich jetzt der Gram, / Als da ich aus dem Mohn der Hügel kam: / Und ein jahrzehntelanges Zaudern kroch / Hier faul vorbei, eh größre Freude noch / Jäh auf die tödlich gelbe Schwermut fiel. / Ja, dreimal sah ich dieses Zauberspiel; / Ward noch einmal geplagt mit neuem Leben.“

Elsternfüttern im Innenhof.

Wenn die Männer mit den gelben Laubsaugern und den gelben Laubsaugeranzügen von ihren Transportern springen, um im Viertel die Vorgärten und Innenhöfe von Laub zu säubern, den Herbst zu eliminieren mit ihrem erbarmungslosen Lärmen, dann ruf zum Fenster hinaus: „He, Heiopeis! Haut ab! Verschwindet, ihr Pissnelken! Weg, weit weg! Los, verflüchtigt euch!“ Oder ich schicke euch (in) die große Stille.

Handkes seit über 20 Jahren geliebte Notiz – „Ich sah einen Bekannten wieder: er war gescheitert, er war Sportler geworden“ – hat der Suhrkamp Verlag für mein Fehmarnbuch nicht freigegeben, da ich das Notat „nicht sinngemäß“ verwenden würde. Nach Rückfrage, wer bitte entscheide, ob ein Handke-Zitat sinn- oder unsinngemäß verwendet werde – ich würde diesem Sinnstifter von Suhrkampangestellten gern den Speichel von der Hose lecken –, wurde das Zitat freigegeben.

Broadway-Melodie von 2008

singing may wash away the blood of the lamb
Grace Paley

1
Es gibt dich nicht, überirdisches Licht
New Yorks, nur Himmelsweite, See und
die steinern überbaute Zunge der Insel.
Der Sturm vorm schwarzen Fenster greint –
es ist spät Herbst geworden in Manhattan.
Die paar Platanen am Broadway färben sich
rot und gelb, und immer noch jaulen beflaggt
mit Sternenbannern Löschzüge, klirren mit der
Totenfahne Ambulanzen durch die abendliche
Menge in den Thermopylen aus Boutiquen.
  Davongetragen letzte Reste Wärme,
    ist der Sommer ausverkauft.

2
Von allem getrennt, das du liebhast,
bleiben Lieder. Sie ziehen sich zurück –
einer singt vom New York State of Mind –
in ihre Sanftmut, ganz als legte sich ein
Lamm mitten auf dem Broadway nieder.
Eine Abendmaschine kreist über Queens.
Starenschwärme teilen sich und fliegen
aufs Meer. Durch seinen Regen irrst du
tiefer in Geschäfte für Bilder, für Sirenen
sinnlos verloren, ratlos mit einem Blick
  telefonierend, täglich intangibler,
    unberührbar dein Gesicht.

3
In den Sinn gebunden eines der Lieder –
ein kleines Kind im Lift nach oben weint –
lauschst du über den Wipfeln im 7. Stock
am Fenster deines regengrauen Turms.
Und du spürst, wie dir durch die Glieder
Blut hinrennt zum müden Herzen eines
Dobermanns, der träumt. Howard Hughes
verkauft Gedichte. Breakdancer tanzen zu
In the Mood. Einer sprüht an eine Wand
in Blumen immer wieder Gottes Namen.
  Mädchen summen jiddische Reime …
    Laub und Regen, Raub und Segen.

The surrounding bullshit

Für immer und einen Tag wird ihr Nashorn unter meiner Küchenbank liegen, „vom Lichte erwärmt“. Ilse Aichinger ist gestorben. (11.11.16)

Und gestern oder vorgestern starb angeblich Leonard Cohen – der nie sterben wird. Ich habe seine Lieder schon gehört, da war ich noch keine 16. O., der treulose Freund, traf als Bubi auf Cohen in den Dünen von Hydra und zehrte von der Begegnung ein halbes Leben lang: Der dunkle Fremde mit dem über der Brust offenen Hemd, der den ehrfürchtig schweigenden Jungen mitnahm in seine Schreibgemächer im Strandhaus, wo er einen Totenschädel auf dem Tisch stehen hatte. 1982 vielleicht. Zwei Jahrzehnte lang debattierten wir, ob Cohens Gedichte Literatur seien „oder bloß Lieder“ – anstatt sie zu lesen und ihre nichtswürdigen Übersetzungen zu hinterfragen. Unvergessen: sein dreibeiniger Hund im Nebel; in einem meiner Gedichte, das noch gar nicht veröffentlicht ist, taucht er wieder auf und behauptet sein Recht. Cohen war und ist eine Brücke, auf seine Weise bedeutender als Bowie und Dylan. Was Judentum heute unverändert ist, lernte ich nicht in der Schule, sondern an den Nachmittagen und Abenden, wenn ich seine Songs hörte und seine Romane las. „Das Lieblingsspiel“. „Schöne Verlierer“. Einige der Mythen herübergerettet und aufbegehrt zu haben gegen die Macht der Liebe wird sein Vermächtnis bleiben.

Am Morgen leuchtet das Gold einer russisch-orthodoxen Basilika durch die Bäume auf dem Hügelkamm – die Sonne geht auf, und das Gebäude dort oben über den Feldern voller Raureif gibt es nur in deiner Vorstellung und für zwölf, fünfzehn Sekunden. (Windeby, 13.11.)

Ob Obama sich gewundert hat über Trumps Wahl zu seinem Nachfolger? Vollmundig behauptet der Noch-Präsident, er wäre auch ein zweites Mal wiedergewählt worden. Ob er sich gewundert hätte über einen anderen Nachfolger, vielleicht Sanders, wenn der sich gegen die Todesstrafe ausgesprochen, Guantánamo geschlossen, die Bespitzelungen freier Bürger durch die NSA unterbunden anstatt gerechtfertigt und den Mut besessen hätte, eine TV-Liquidierung wie die Bin Ladens als unmenschlich zu brandmarken anstatt sie für sich auszunutzen und zu belächeln. Ob sich Obama über sich selber wundert, oder darüber, wieviel er unterließ? „In fantastischer Atmosphäre“, sagt er, habe das erste Vorbereitungstreffen auf die Amtsübergabe mit dem populistischen Hetzer Trump stattgefunden.

„Nothing’s changed but the surrounding bullshit that has grown … / And now he’s home, and we’re laughing like we always did … / My same old, same old friend … / Until a quarter-to-ten …“ Pearl Jam

Abgeworfen hat das Rennpferd seinen Jockey / und galoppiert allein durch Louisville, Kentucky.

„Die Welt ist leer, sie ist auserzählt“, sagt im Radio der Literaturkritiker, und ich schalte das Gerät aus.

Wie die Gesichter beschreiben

„Ich glaube an Kinder, wie man früher an Apostel glaubte.“ Victor Hugo

Jeden Morgen im Moment des Aufwachens neuen Mut schöpfen zu müssen – wo ist dein Brunnen, dein Trog, deine Kelle voller Zuversicht? Das Selbstvertrauen, das Selbstzutrauen eine Art Wasser: Vertrau dir; trau dir das zu. Jeden Morgen im Moment des Erwachens die Empfindung, dein Bett steht im Freien. (Barmbek, 7.11.)

Wie die Gesichter beschreiben, die Traurigkeit, das Staunen darüber, das Hineinblicken in die vertraute Fremde? Hier sind so viele „neben der Spur“, wie sie wohl selber sagen würden. Das Gesicht zittert. Der Blick fliegt davon. Man möchte zuschlagen, eigentlich aber umarmen, lachen, abhauen, nie weggehen. Es ist ein Lied. Es ist eine Kirche. Da musst du jetzt mal sehr stark sein. Waffen. Lärm. Ich möchte – möchte? –, ich will mich hier nicht verlieren? Aber was sonst?

Am frühen Morgen eine WhatsApp, in der dir der liebste Mensch schreibt: „Der erste Schnee!“ – und du ziehst die Vorhänge zurück, und da sind die drei Wörter wirklichgeworden: der erste Schnee – und das Ausrufezeichen ebenso, wirklichgeworden: der erste Schnee! Um ihre Schlaftanne herum schwirren aufgeregt die beiden Elstern; das Weibchen ist weißer als das Männchen, aber so weiß wie der Schnee ist keiner von beiden. Hin und her, auf und nieder durch die beschneiten Äste flattern sie. Ist das kein ausgelassenenes Spielen? The sound of the birds. The birds of Flims. Yeah I asked around but nobody knows the names of ’em. Of the birds. The birds of Flims. (8.11.)

Jetzt hat die Welt, jetzt haben sie, haben wir, hast du den Salat. Den Trump-Salat. Welches Dressing? Demagogisch, bitte. Lasst es euch schmecken. Ich wachte auf gegen 3.40 Uhr und las, Florida gehe verloren, träumte dann vier Stunden lang von einem Erdrutschsieg des Trump und wachte auf und fand den Albtraum wahrgeworden. Die Leute in Ohio, Pennsylvania und Kentucky haben sich für die Unterhaltsamkeit der brachialen Dekadenz entschieden. Ihr gutes Recht. Schämen sollen sie sich trotzdem. Wohlan, Lüge! Ich bin zuversichtlich – wie stets, ihr hellgeschminkten Schwarzseher. Dieser vermeintliche Triumph der Reaktion ist der erste Tag ihres Niedergangs. Nero wird aus Rom verjagt werden. Aber zum Teufel scheren sollen sich vor allem, die diesen Ausverkauf demokratischer Prinzipien ermöglichten und herbeiriefen. (9. November 2016)

Krimiwerbung: „Spannung bis zum Herzstillstand!“

Krimiwerbung (erfunden): „Langeweile bis zum Herzstillstand!“

Warum der Schnee im frühen November so schön ist, die liebe Frau des Freundes sagt: „Es ist so hell, so licht dadurch.“ Und der Freund lacht, weil er im Schnee nicht mehr im Garten sitzen kann, um zu schreiben. Und ich lache, weil ich den ganzen Tag lang immer wieder dachte: Die Blätter sind noch da, und jetzt wird es weiß.

Eingeschlummert in der Bahn, die dich heimbringt in die Stadt, umgeben von konsterniert in die Dämmerung blickenden Gesichtern. Hör ihnen zu, hör zu, was sie erzählen! (Altona, 9.11.)

Das Gras von Trégana

„Ich werde von mir selbst nicht mehr in mir gefunden.“ Andreas Gryphius

Die Dinge, wie sie waren, bringt nichts zurück, so ist es; alles, was das Gegenteil behauptet oder verheißt – Lüge, Trost, Hoffnung, Trug. Die Erinnerung ein unvergänglicher Schein. (Brest, 21.10.)

Respectez les hommes jaunes!

Bei Mons drei Frachtkähne im morgendlichen Nebeldunst, und über den Äckern brausen große Starenschwärme auf.

Der Strand von Trégana: Wohin hat es alle die Toten getrieben? Warum ist keiner, der am Leben blieb, hier geblieben?

Nachts mit dem Möbelwagen quer durch Paris, die Seine entlang, vorbei an La Défense, an Chaville, an Versailles, an der Porte de Saint-Cloud. Ich sprach von den neun Millionen mit nur Einem, und der lachte und war die Freundlichkeit in Person. (Paris Auteuil, 22.10.)

Was weißt du schon von den Fernfahrern, den Arbeitern? Nur, dass sie wie die Spinnen oft kunstvoll ihr Leben weben und verweben. Ausbruchsversuche? So gut wie keine. Das Glück scheint im Erfüllen zu liegen – dem Erreichen, dem Erlangen wovon? Erinnere dich: an den jungen Supermarktkassierer, der in jeder Pausenminute in einer Biografie Georges Bizets las.

„Besser, die Koffer packen. Ende.“ Pessoa

Der Fernfahrer tanzt mit elegantem Hüftschwung durch das Drehkreuz, um das Entgelt für den Gang zum Stillen Ort zu sparen. Ihm nach! – nicht um der paar Kröten willen, sondern wegen der schönen Bewegung. (Aachen, 23.10.)

Wenn ich die alten Lautsprecherboxen zurechtrücke und ihnen den neuen Platz einräume, warum denke ich sogleich zurück … an den einen, somit unverwechselbaren Nachmittag vor über 30 Jahren im Sachsenwald, als ich sie einem Schulkameraden abkaufte? Das Licht, die Bäume, ihr dunkles Grün. Sein zufriedenes Gesicht, seine langen blonden Locken. Das Gewicht der schwarzen Kästen in den Armen, als ich zur S-Bahn ging und heimfuhr. Die ganze Musik, die ich hörte seither! Musik der Erinnerungen, innere Musik: der Möglichkeiten zu ganz neuer. (2.11.)

Im Dunkeln wirbeln zwei Hunde hin und her und anscheinend umeinander herum: Den hellen siehst du, der dunkle kann auch Schatten sein.

Das Tageslicht ist nicht das wahre Licht

Der Erste, der mich in der neuen Bleibe begrüßt: eine Amsel. (Barmbek, 16.10.)

Wenn Reformation heißt, vermeintlich Wahres und scheinbar Wirkliches zu hinterfragen, ist Poesie die beständige Reformation.

Jeder Strauch und jeder Busch war freundlich.

Zwischen den Mietblocks der überwucherte frühere Rasen, aus dem die Wäschestangen meiner Kindheit ragen. Seit Jahren ist dort niemand mehr gegangen, hat dort keine Wäsche gehangen außer der schwarzen der Krähen.

Heute vor 29 Jahren: Ich fuhr mit dem Bus hinaus nach Othmarschen und kaufte mir eine schwarze zuschanden gefahrene Giulietta: „der Satan“, Baujahr ’78.

Kurz hinter der belgischen Grenze steht in einem grasbewachsenen Tal zwischen Bahndämmen ein ganzer Güterzug und verrostet und verrottet im Regen. (18.10., bei Walhorn)

In der Dunkelheit die Seine-Mündung. Und das tausendfache Licht von Le Havre!

Rote, gelbe, vielfach grüne verwilderte Hecken: Die Normandie verblüfft. Bei St. Lô ist sie weit wie die Erinnerung – die mir nicht meine zu sein scheint.

Zwei Stunden später bist du nach 34 Jahren zum ersten Mal wieder in Caen. Mit 17 nachts am Strand, und das Licht im Dunst. Und der Wind kam über den Atlantik. Und der Wind kommt über den Atlantik.

In den Kellerräumen das ausgeräumte Leben, die Leere, die Spuren an den Tapeten von namenlosen unbekannten Augenblicken. Die Dinge, die wir weggeben, wegnehmen und wegwerfen, bleiben in der Erinnerung. Sie sind widerständig: Sie sind, was sie sind: gegenständig! (Plouzané, 19.10.)

Verzweifelt nicht jede Frage an ihrer Antwort?

„Der Baum steht vor dem Wohnzimmerfenster. Ich frage ihn jeden Morgen: ,Irgendwas Neues heute?’ Die Antwort kommt auf der Stelle, hunderte Blätter geben sie: ,Alles.’” Christian Bobin

Und noch einmal Bobin: „La lumière du jour n’est pas la vraie lumière.” — „Il y a des îles de lumière dans le plein jour. Des îles pures, fraîches, silencieuses. Immédiates.” – „L’amour seul sait les trouver.“