Das Gras

Ein innerer Wellengang

Schockierende Begegnung mit dem Gesicht des früheren Freundes, der einst so laut, so überzeugt von sich, so über alle Maßen demonstrativ und widerständig schien. Aufgedunsen, still, verharrend im Abwarten auf das, was ihn ereilen mag. Man hat nie mit ihm sprechen, immer nur reden können. Sprechen mit ihm hieß stets, nach Bedeutungen zu suchen in seiner demonstrativen Sprache, dem Sich-kund-und-groß-Tun über Frauen, Musik, Bücher, Leute, Politik, Autos, seine vor sich her getragenen Ansichten. Alles hat dich geprägt. Alles konntest du verwerfen – oder umformen und dir anverwandeln. Sein hilfloses, nein ratloses Gesicht. Das vertraute Antlitz. Selbst einigen deiner Gedichte ist es eingeschrieben, und endlich – sagst du dir erleichtert – zeitigt es die ihn von Anfang an aufzehrende Verlassenheit. Für deine Zuwendung aber ist es lange schon zu spät, zu spät, zu spät. Zu spät! (Uhlenhorst, 18.2.)

Ein innerer Wellengang, der Blutzuckerspiegel.

Oh du schönes, anschauliches Beispiel für die Zermürbungsmechanik meines Gedächtnisses (dieses angebliche „Sich-erinnern“): Nie vergessen habe ich Robert Kellys auf Deutsch nur in einem Rowohlt-Literaturmagazin erschienenen Gedichtzyklus „Postkarten aus der Unterwelt“ – woran genau aber ich mich entsinne, ist, abgesehen von dem spröde-erstaunten Ton der Gedichte, lediglich eine einzige Metapher: „In der Unterwelt ist es so eng wie in einem Toaster.“ Wo habe ich das seinerzeit, Mitte der Neunziger wohl, gehört oder gelesen? Wiedergefunden über das Internet (verzeichnet auf einer kalifornischen Uni-Seite) und das Buch endlich (wieder?) selbst in Händen (Rowohlt „Literaturmagazin“ 34, „Über das Darstellbare“, Reinbek bei Hamburg, September 1994), liegen vor mir die Scherben eines Textes, den es nie gegeben hat. Bei Kelly (in der Übersetzung von „Frederic C. Hosenkeel“ aka Schuldt) heißt es zu Beginn des 24. und abschließenden Teils von „Postkarten aus der Unterwelt“: „In jenem Land gibt es eine Entfernung / die zwischen zwei Menschen paßt wie Brot in einen Toaster.“

Retzlaff & Stoffregen

Hier ist nichts. Keine Seele. Die Leute, allesamt freundlich, scheinen zu warten, die Zeit totzuschlagen mit dem Warten darauf, wieder arbeiten zu können. Morgens weckt dich das Branden des Verkehrs. Die Wagen brausen heran und hinein in den Tunnel unter der Stadt, um rascher in die Großstadt zu gelangen. Endlich wieder aus dem Haus! Zur Arbeit! Du gehst durch graue Siedlungen, alles ist friedlich, alles geordnet und ordentlich, pragmatische Paläste mit Vorgärten und Müllhäuschengassen. Das Altglas fällt metertief in unterirdische Behälter. Roboter auf den Straßen, die Hunde(roboter) ausführen, würden nicht verstören, kaum auffallen. Vom Zug aus siehst du einen Schriftzug auf einem Bürogebäude: ANGST & PFISTER. Es ist alles gut so. (11.2.)

Und war sie unzufrieden mit ihrem Äußeren, ihrem Gesicht, ihrem Augenglanz, dann schnitt sie sich den Pony kurz, radikal kurz, so kurz, dass sie vor dem Spiegel erschrak.

Die erschrockenen Gesichter Giacomettis und Walsers auf den 100- und 200-Franken-Banknoten.

Der Schnee bleibt liegen im Schatten der Waldungen oben auf den Hängen und Hügelkuppen. Der weiße Schatten. (Lenzburg, Goffersberg, dem „Gofi“, 13.2.)

Drôle de mère.

Bin ich etwa selbst der Retzlaff?

Im Schwimmbad hörst du den Beginn, den allerersten Satz eines Gesprächs zwischen zwei einander fremden Jungs: „Wollen wir Freunde sein?“ Dann beginnt das Spielen.

Mein Exemplar von Simenons „Die Phantome des Hutmachers“ hat auf dem Schmutzblatt ein Exlibris: „Dr. Stoffregen 28.10.82“. Der Roman – er beschäftigt meine Fantasie seit Jahrzehnten (und immerzu regnet es), beginnt, nein es ist der zweite Absatz, in dem es heißt: „Und es regnete seit dem 13. November. Ja, man konnte behaupten, es regnete ohne Unterlass seit zwanzig Tagen.“

Flämmchen

Die Wörter sind undankbare Begleiter. Man muss sie liegenlassen und, statt sie im Kopf herumzuwälzen – unter der Schädeldecke, in der Mundhöhle, am Gaumensegel –, den Leuten ins Gesicht blicken: „Ich gebe nicht auf. Ich fange noch mal von vorne an“, wie Lars Gustafsson schrieb.

Das 122. Fragment Heraklits aus „Über die Natur“ besteht aus einem einzigen Wort: „Annäherung“.

Jedes Zündholz, das abbrennt, waagerecht gehalten, zeigt in seinem Flämmchen deinen Namen.

Die Namen der Kornblume: Blaufruchtblust, Blaumütze, Bloch Kühreblome, Chorenpluem, Flessän-Durt, Hunger, Hungerblom, Karenbloimeken, Karnblume, Kleinblume, Korenblum, Kooreblome, blau Kornnägelein, Kürnbleamen, Kwast, Rockenblum, Roggeblöme, Roggenblom, Roggenblume, Rogghebloem, Ruschelinc, Schanelke, Schneider, blaue Schneider, Sechel, Sichelblume, Strämpsen, Thremse, Trämpst, Trehms, Trembsen, Tremisse, Trempen, blagen Trems, Tremse, Weydblum, Weitblum, Zachariasblume, Ziegebock, Ziegenbein, Zyane.

„Denken Krabben, dass Fische fliegen?“, fragt das Kind.

Wo keiner liebt, wohnt niemand.

Wenn sie einsam war, redete sie mit ihrem Lieblingspullover: „Heute nimmst du mal ein Bad. Keine Widerrede!“

Die Birnenkonferenz!

Handtaschen

In den Handtaschen deiner Mutter gibt es
ein Gerät, wenn du das anknipst, hört man
wie früher den Staubsauger im Kinderzimmer.
Fotos von dem Chaos nach einem Zugunglück
liegen verborgen hinter den Reißverschlüssen.
Mach jede Tasche auf, es regnet darin immer.
Aber es gibt keine Unwetter dort im Dunkeln,
nur Tränenschauer. Jede Handtasche weint.

In der Handtasche von Oma Käte war nichts
außer ihrem Schlüsselbund, einem Päckchen
Papiertaschentücher und dem Faltregenschirm.
Ihre Handtasche war ein Beutel, dünn, eine Haut,
mit zwei Omafingern kleinzuknüllen auf die Größe
einer Rosine, eines Reiskorns. Eine Handtasche,
sagte sie, wozu das, hm, Krimskrams, Plunder?
Ständig gab sie Opa Sachen: „Da, steck ein.“

Eine Landkarte des wiedervereinigten Korea,
Pokémon-Figuren und Plastikkaninchen, leere
Karamellpuddingbecher und kaputte Ladekabel
liegen in den Handtaschen deiner Töchter neben
irgendeiner Tasche ihrer Oma und der Beutelhaut
von Uroma Käte. Manchmal kriecht eine Tochter
in die Handtasche der anderen und schläft dort.
Jede ihrer Handtaschen ging bislang verloren.

In der Handtasche deiner Frau lebt eine Unke,
apfelgrün ist sie und schön. Umher schwirrt darin
ein Mückengeschwader, das Futter für den Lurch.
Alle Handtaschen von allen deinen Freundinnen
sind in der Tasche deiner Frau. Deine Geliebte
hat deshalb keine Handtasche, dein Liebling
entwirft Handtaschen. In der deinen wächst
Gras. Still ist es darin, wie im Universum.

Avignon

Das Blau der Seen von Estarron und Ste. Croix ist dunkelgrün, ihr Wasser so kalt wie Schnee. Terrassenstufen die Ufer. Niemand ist dort im Winter, wo in den heißen Sommermonaten der ganze Luberon zu baden und zu lachen scheint.

Die Dohlen von Volx! Jetzt, da die Feigenbäume kahl sind, schwirren sie spottend um den Kirchturm.

Jean Giono über sein Geburtshaus in Manosque: „Zu dritt: Mein Vater, meine Mutter und ich, wir hatten allen Platz, den wir brauchten – ein riesiges Haus (Grand-Rue Nr. 14) mit mehr als zwanzig Räumen, alle groß genug, um darin auf einem Pferd zu reiten, und mit einer Zimmerdecke höher als die Nacht. Wir waren so frei wie die Luft. Ah! Natürlich, das Haus war völlig heruntergekommen: Der Fußboden schwankte wie die Brücke eines Schiffs … Das Dach hatte Löcher wie ein Sieb. Es regnete auf mein Bett.“

Kein Augenblick, noch nicht mal der schlimmste, dauert länger als ein anderer. In Avignon, im Verlauf eines dreiminütigen Halts des TGV, wird dir aus dem geschlossenen Koffer der Laptop gestohlen – und du verlierst große Teile der unsichtbaren Fundamente deines Werks. Selbst schuld, wenn du die Gedichte und Übertragungen nicht sicherst, wenn du dein Gepäck im Rücken verstaust und wenn du einen schmierigen Kleinkriminellen, der mit dir im Abteil sitzt und es gar nicht für nötig befindet, sein Naturell zu verbergen, nicht im Auge behältst. Ist hier die Grenze der Poesie? Nein. Auch hier, selbst hier, bei diesem Raub eines Stücks deines Lebens, findest du sie nicht. Verloren ist unter anderem das rote Tuch, mit dem du immer die Laptop-Tastatur abgedeckt hast, ein Tuch, das du 1983 gekauft hast – bei „Michelle“ am Hamburger Glockengießerwall, um damit deine Schallplatten staubfrei zu wischen –, blass-schwarz stand ANTI-STATIC darauf. Der Dieb dürfte den richtigen Moment abgepasst haben: In Avignon gingen die Waggontüren auf, da stand er schon in deinem Rücken, er öffnete den Kofferreißverschluss, nahm die Laptop-Tasche heraus, schloss den Kofferreißverschluss wieder (womit er sich als der Besitzer ausgab – clever, mon frère) und stieg aus … indem er die gestohlene Tasche in seinem Rucksack verschwinden ließ. Du vermisst dein australisches Reisejournal „Erzähl es den Bienen“. Du vermisst eine Handvoll Übersetzungen von Gedichten Emily Dickinsons. Du vermisst an die hundertfünfzig Gedichte. Du vermisst Übertragungen von Gedichten von Robert Creeley, E. E. Cummings, Frances Leviston, Walt Whitman … und vieles mehr. Es ist ein tiefgreifender Einschnitt. Aber es ist weit mehr, wenn du das Ganze poetisch betrachtest – als Lebensereignis – und deine Lektion in ihrer existenziellen Tiefe zu begreifen versuchst.

Den ganzen Tag lang Bonnie „Prince“ Billy gehört. „For an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy – and then it all went a-black“. „One of maybe 140 humans alive today“, schreibt auf Youtube „hermeschbird“ über Will Oldham.

Im Jahr 2118

Liebe Linda Jahilo,

im Jahr 2118 wird meine Urururenkelin ein altes Buch aus Papier mit Gedichten ihres Urururgroßvaters zur Hand nehmen und darin lesen. Sie wird Linda heißen, so wie Sie, eigentlich aber, weil ihre Mutter, meine Ururenkelin, ihre Tochter nach einer Romanfigur von mir benannt hat – ein junges Mädchen, das in meinem Roman „Lichter als der Tag“ das Elsternkind genannt wird und das zusammen mit ihrem Vater im Musée des Beaux Arts in Lyon ein Gemälde von Camille Corot stiehlt. Linda hat nicht mehr sehr viele Bücher aus Papier in ihrem unterirdischen Wohnturm. Sie liebt aber die Stimme, die aus der Tiefe der Zeit zu ihr spricht, die Musik der Wörter, die ihr auch eine Musik der Bedeutungen zu sein scheint. Die Gedichte in dem Band, der genau 100 Jahre alt ist und ein leeres rotes Bett vor einer grünen Wand zeigt – er heißt „Wimpern und Asche“ –, bewahren für sie eine seltsame Kraft auf, eine Stärke, die sich auf sie überträgt, weshalb sie immer wieder in den Gedichten liest und sie wie einen Schatz verwahrt. Linda glaubt, den Reichtum der Welt zwischen den Zeilen hindurchleuchten zu sehen, eine Pracht, die unvergänglich ist und keinen Namen benötigt.

Zwischen Rhône und Durance

Die Rhône bei Avignon, so breit und weit das Auge reicht. Hochwasser bis zum Horizont. Über die silbernen Wasserebenen ziehen Vogelschwärme hin, ganz so, als gäbe es die Menschen nicht mehr. Nebelbänke fluten durch die Engpässe des Hügellands. Baumreihen und Wäldchen sind versunken, die Scheunen und Weiden auf den Inseln im überschwemmten Strom verlassen. Dies ist die Landschaft des neuen Romans „Letzte Linie zum Meer“.

Die Felshänge, die das Hochplateau von Valensole, dem „Tal in der Sonne“, begrenzen, sind am Ende des Winters – denn hier ist der Winter so gut wie vergangen – vom genau selben blassen und matten Graugrün wie die endlosen Reihen des Lavendels auf den Felderweiten – abgeblüht, schlafend, wie träumend kurz vor dem neuerlichen Erwachen. (St. Kurs, 28.1.)

Nichts hat Bestand von deinen Kindheitsorten, nur in deiner Erinnerung – weshalb das wohl ihre Aufgabe sein wird. In Bras d’Asse, rechts der heruntergekommenen Brücke (sie ist eine alte Madame, Jahrgang 1881, Victor Hugo lebte noch) über den Asse-Fluss, der Pont d’Asse, stand vor dreißig Jahren eine kleine Bar, ein Imbiss für die Familien, die auf dem Schotter des Flussbetts ihre Sommernachmittage verbrachten. Als hätte es dieses Häuschen nie gegeben, ist an dem Fleck heute alles verwildert, überschwemmt, mit Schutt zugeschoben. Solange dort niemand geht, der als Kind dort spielte, ist alles verschwunden, was einmal anders war … Erst mit der Erinnerung, die lebendig wird mit den Schritten hier, lebt auch der Ort wieder auf und wird Ufer. Die Stille der sich fortwährend verändernden Welt ist zu hören, durch die Erinnerung hört die Stille der Welt auf zu schweigen.

Der Mistral trocknet die Wäsche auf der Terrasse in einer halben Stunde.

Nebenan wohnt die Orthophonistin.

Was wir nicht sind

Zwei weitere kurze Auszüge aus Richard Fords „Memoir“ „Between Them“, „Zwischen ihnen“, übersetzt von Frank Heibert: 1. „Dieser Aspekt der Beziehung zu unseren Eltern wird oft übersehen oder geringgeschätzt: Sie verknüpfen uns in unserem begrenzten Lebensrahmen mit etwas, das wir nicht sind; das sorgt für Nähe und Fremdheit zugleich und schafft ein fruchtbares Geheimnis – sodass wir auch umgeben von ihnen in gewisser Weise allein sind.“ 2. „Diese Lektion [wie andere Leute die eigene Mutter sehen – M.B.] lernt man natürlich am besten früh – niedlich, klein, schwarzhaarig, eins vierundsechzig –, weil das umfassende Kennenlernen unserer Eltern zu den größten Herausforderungen für uns alle gehört – vorausgesetzt, sie leben lang genug und es ist lohnenswert, sie kennenzulernen, und überhaupt physisch möglich. Je umfassender der Blick auf unsere Eltern ist – ein Blick, der letztlich einschließt, wie die Welt unsere Eltern sieht –, desto größer unsere Chancen, auch die Welt so zu sehen, wie sie ist.“

Tubus

Nach Erich Fried

Es ist unter-
drückt, sagt
die Verein-
zelung. Es
ist, was es
zerfrisst, sagt
der Tubus.
Es ist verun-
sichert, sagt
die Brechung.
Es ist vernich-
tet, sagt die
Annexion.
Es ist un-
säglich, sagt
die Ausgren-
zung. Es ist,
was es zerfrisst,
sagt der Tubus.
Es ist gelähmt,
sagt das Beben.
Es ist eine Leiche, sagt das Gedicht. Es ist unmenschlich,
sagt das Schweigen. Es ist, was es zerfrisst, sagt der Tubus.

Ausflug in die Nekropole

„Ich betrachte dieses Heft, ich habe nur das Datum geschrieben, ich hebe den Kopf, ein Sperling schlägt am Himmel die Flügel, und voilà: Meine Seite ist geschrieben, der Vogel trägt gerade den ganzen Tag auf seinen Flügeln.“ Christian Bobin

Im Regal – dem „Sideboard“ – stehen sechs Geräte und blinken vor sich hin. Was ist ihre Aufgabe, ich meine: Was bedeuten sie? Was wollen die? Etwas wissen? Etwas mitteilen? Etwas vergessen oder vergessen machen? Etwas vermitteln oder unvermittelbar halten?

Seit vier Tagen schüttet es. Auf den Straßen keine Seele. Nur die Katze kommt frühmorgens, mittags und abends zu dir. Liegt auf deinem Schreibtisch vor dem grauen Garten, als würde sie sagen: „Schreib nicht, okay? Was soll das Ganze?“

Wunder geschehen – ich weiß es –, und mitunter sind sie elektrisch. Der Elektro-Installateur ist ein Amateur im besten Wortsinn: Er liebt, was er da tut. Für die Reparatur des Geschirrspülers will er kein Geld, auf keinen Fall. „Ich mache das für Sie“, sagt er, „ich mache das aber auch für mich, aus Neugier, als Herausforderung.“

In Marseille erkenne ich an den Hauswänden die alten Graffiti und Wandsprüche wieder, nicht die gleichen von vor 20 Jahren – Januar 1998 –, sondern dieselben. Auch in diese Stadt bin ich immer wieder zurückgekehrt – zufällig? Wohl kaum. Wie Frankfurt und Innsbruck ist Marseille eine der Hauptstädte in meinem poetischen Kosmos. Einige der besten Passagen aus „Ein langsamer Sturz“ nehmen in Marseille ihren Ausgang. In Marseille, im C.I.P.M., dem internationalen Poesiezentrum, einer der bedeutendsten Lyrikbibliotheken Europas, las ich im Sommer 1997 zum ersten Mal Gedichte von Ghérasim Luca und fing an, ihn zu übertragen. „Die verzweiflung hat drei paar beine …“ Die kürzeste Erzählung in meinem Band „Feuerland“ heißt „Tauchen“ und spielt in Marseille – sie ist ursprünglich ein ausgegliedertes Kapitel aus „Ein langsamer Sturz“, doch ich habe die Geschichte 15, 17 Jahre lang immer wieder bearbeitet und umgeschrieben. Ich war dafür immer wieder in Marseille, zumindest in meiner Vorstellung. Hier nahm mein Leben eine Wendung, die nicht abgefälscht werden konnte durch Geldverdienenmüssen und das Unheil der sogenannten Sachzwänge. In Marseille erfuhr ich im Januar 1998 vom Tod meiner Großmutter. Im Januar 2011 reiste ich mit einer Delegation des PEN nach Sanary-sur-Mer, um eine Plakette zur Erinnerung an deutschsprachige Exilautoren zu enthüllen, eine Reise, die auch nach Marseille führte, zu einer Lesung in einem Café am Alten Hafen. Ich sah im Panier, dem alten Korbmacherviertel, wo heute größtenteils Nordafrikaner leben und Künstler ihre Ateliers haben, die Straße wieder, in der meine Wohnung seinerzeit war. Marseille ist meine Nekropole. Fast alle Freunde, mit denen ich je dort war, sind keine Freunde mehr. (27.1.)

Fotos: Treppe zum Bahnhof Marseille-St. Charles (1), Bibliothek des Centre international de poésie Marseille (2), Rue du refuge, Marseille (3)

A so chli gsi

„Dass wir das Leben unserer Eltern nur unzureichend erfassen, sagt nichts über ihr Leben aus. Nur über unser eigenes. Es ist höchstens ein Ausdruck von Respekt, wenn man anerkennt, dass man nicht alles weiss, Kinder haben ohnehin einen verengten Blickwinkel auf alles, was sie umgibt. Das Nichtwissen hingegen, das blosse Spekulieren über das Leben eines anderen lässt diesem Leben die Freiheit, mehr zu sein, als es wirklich war“, so Richard Ford in seinem „Memoir“ vom Leben seiner Eltern, „Between Them“, „Zwischen ihnen“, übersetzt – immer wieder sehr glücklos – von Frank Heibert.

In der Nacht scharrt das Bergland ans Fenster, und du wachst auf und bist wieder Kind, verwandelt vom Regen. Am Morgen überall der Schnee auf den Feldern und in den Wäldern. (Looren, Zürcher Oberland, 17.1.)

„Drr Chella Gotfritt!“, ruft eine so kleine wie breite Schweizerin, als sie im Kunsthaus Zürich in den Saal platzt und ein Bildnis Gottfried Kellers erblickt. „Drr isch a so chli gsi!“ So klein sei der gewesen! Und die Beule von Frau zeigt auf ihren sich in den Raum stülpenden Bauchnabel.

Jacottets Gedichte gelesen, eingeschlafen über dem silbernen Leuchten des Zürichsees.

Noch einmal Ford, in seiner Vorbemerkung zu „Between Them“ notiert er: „Das Eindringen in die Vergangenheit aber ist in jedem Fall eine heikle Sache, weil die Erinnerung uns zu den Menschen machen will, die wir sind, und immer wieder halb daran scheitert.“

Am Leben, d. h. zu zweit

Große Begeisterung, und man umringt mich und strahlt mich an, als ich nach meinem allerersten Supermarkteinkauf fünf Bonuspunkte an dem vor sich hin bimmelnden Apparat am Ausgang gewinne. „Es funktioniert! Sie sind ein Glückspilz!“, ruft eine Frau guttural aus, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten hier einkauft. (Lenzburg, 9.1.)

„Sie berücksichtigen besser das dialektische Prinzip so einer Neonröhre“, sagt der Elektriker und schaltet das Licht an, aus, an, aus.

„Alles rückt näher zusammen. / Alles will miteinander sprechen.“ Christian Saalberg

Jeder weiß, hier ist nirgendwo.

Wie leben, ohne ab und zu dich zu versichern bei Neil Young, dass du noch am Leben bist, d.h. zu zweit? I’ve been first and last / looking how the time goes past / but I’m all alone at last / rolling home to you.

„Wenn ihr mich zu Gesicht bekommt, lasst es gut sein. Das bin nicht ich.“ Henri Michaux

Im Haus nebenan, bei Müllers, im Müllerhaus, ging Hermann Hesse ein und aus. Sehr großes, sehr gediegenes und feines Haus, fein im besten Sinn. Haus fast ganz aus Fenstern. Ich stelle mir Hesse vor, wie er hinaussieht, aufs Schloss oben am Hang. „Mal bissi gehen“, sagt er.

Drei Besichtigungen

Eigentlich, im Grunde genommen, ja in der Tat – en faite –, hast du nie zu denken gelernt. Du kannst nur lesen und schreiben – nur? Du liest – vergeblich – in den Gedanken anderer, du schreibst, um nicht denken zu müssen. Die Wörter, die Sätze, die Silben und ihre Klänge setzen sich, wie Sternbilder vor den leeren Raum, vor deine Gedanken – so scheint es, so scheinen sie. Und womöglich ist das – alles – ein Merkmal, ein Denkmal des Dichterischen. Hier würde das Denken beginnen, beginnen können.

Bleib eigen. Gestalte den Rand, das Ufer. Denn mit dem Strom schwimmen nur die toten Fische. (6.1.)

Besichtigung der Wohnung eines Verstorbenen – als schrittest du eine Viertelstunde lang durch dreieinhalb Zimmer im Jenseits. Alle Gegenstände sind nicht mehr ganz anwesend, wirken, als wollten sie unbedingt erzählen – nicht von ihnen, sondern ihrer Geschichte mit dem Menschen, der hier lebte und sie täglich in die Hand nahm –, ehe sie verschwinden müssen. Im Aufstellrahmen Fotografien von einer schönen Frau in einem schönen Licht, einer für immer anziehenden Toten, vorausgeschritten in die norddeutsche Unterwelt. Und in den Bücherregalen die wirklichen Landkarten, die Romane eines Lebens, Proust, Lawrence, Lowry, Fontane, Hemingway, Hammett. Der Sohn des Toten ist der eigentlich, der einzig Leblose: „Nehmen Sie alles mit“, sagt er tonlos, ohne Herz, mit kalter Visage. „Ich habe nicht vor, noch einmal herzukommen.“ Und mag der Tote auch ein Scheusal gewesen sein. Seine Habseligkeiten haben es mit ihm ausgehalten.

Wer hier liest

„Sind Augen Organe?“, fragt das Kind.

Um Totgeräusche auszuschließen, schneide er sehr leises, kaum hörbares Rauschen in die leeren Räume zwischen Sprechaufnahmen, sagt der Toningenieur. Todgeräusche. Der Todingenieur. (Winterhude, 20.12.)

„I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist“ Destroyer, „Sky’s grey“

Zum Zwiebelschneiden setzt sie die Sonnenbrille auf.

Seit Monaten auf dem Nachbarbalkon die achtlos bei Wind und Regen liegengelassenen Pflanzen, die umgestürzten Kübel, die Erde, der schwarze Mulm. Manchmal treten sie heraus unter den Nachthimmel, die Mieter (die keine Bewohner sind), stoßen an mit Sekt (oder, uh, Prosecco), lachen, feixen, glotzen herüber (und ich strecke den Zeigefinger aus, hebe den Daumen und krümme den Zeigefinger), bevor sie wieder hineingehen zu ihrer nichtswürdigen Abendserie, ihrem schwarzen Mulm.

„Warum sich abgeben mit Leuten, die dich immer bloß traurig machen?“, fragt das Kind.

Wer hier liest, begibt sich auf Grasgebiet. Hier herrscht nichts und niemand, d. h. das grüne Gras. Hier mäht keiner den Rasen. Hier werden Rasenmäher in die Luft gesprengt. Wir wachsen, das Gras und ich, und liest wer hier herum, so muss er mit, so muss er mitwachsen. Lass, Grasleser, Deinen Dünkel, der bloß Angst vor dem Nichtverstehen, d. h. vor dem Unbekannten, d. h. vor dem Sterben ist. Hier trabt das Gras. Hier ist der Hass zu Ende. You are leaving the prejudice sector. Alles wird grün, allem wird grün vor Augen. Wir wehen im Wind, und der ist Atem, wessen auch immer. (3.1.2018)

Steg

Die Stühle sind angekommen!
    In Reihen stehen sie im Licht
des Saals, als könnten sie sich
    unauffällig geben und davon-
laufen, sobald jemand vergisst,
    die Tür zu schließen. Genauso
wartet das Licht. Es sinkt auf die
    Stühle. Wer später darauf sitzt,
weiß das dunkle Holz ebenso gut
    (ebenso wenig) wie irgendeiner
sonst. Aber das ist ja zum Glück
    auch überhaupt nicht die Frage,
du Stuhlforscher! Ahnen die Stühle,
    wer auf ihnen Platz nehmen wird?
Ahnt es irgendeiner? Wer denn? Wo
    ist der Weg, der Steg aus Licht quer
durch den Saal der ganzen Ignoranz?

Meine Saturn-Anrufe

„Code Is Poetry“ – der Slogan eines der wichtigsten Web-Providers (oder so) macht deutlich, wie vereinnahmt (die) Poesie bereits ist. Gibt es poetische Strukturen, die dem Zugriff durch die massenabhängigen Medien standhalten?

Dein eigentlicher Job: Beobachtung der Gerechtigkeitsgrenze. Im Ernst?

Nein. Aber „redundant“ ist eine prachtvolle Berufsbezeichnung! „Und Sie, was machen Sie so?“ – „Ich bin redundant.“ Oder für die Schnittigeren unter uns, die ja eher häufiger denn seltener werden: „Ich bin Redundant, versteht sich, Oberredundant!“

Der Freund sagt am Telefon, es gebe einen Hund dort in diesem Haus, der sei wie er.

Christian Saalberg nannte sich so nach seinem Lieblingsort in der Kindheit, dem niederschlesischen Saalberg, heute Zachełmie im westpolnischen Jelenia Góra. In seinem frühen Gedicht „Saalberger Sommer“ beschreibt Saalberg den Ort, lädt ihn sinnlich auf, verpuppt ihn in den Fäden seiner Erinnerung. Die vierte (und in der überarbeiteten Fassung letzte) Strophe des Gedichts schließt:

Hinter Wall und Staketen nistet
Unberührbar der Sommer, meine Geliebte,
Hütet mein Wort das Schweigen ein.
Weiß und immergrün steht das Haus,
Gesäumt von der strömenden Zeit,
Gelassen auf blättrigem Grund.
Saalberg. Das soll dein Name sein.

Wohlgemerkt, es ist nicht der Dichter, der sich selbst hier anspricht und seinem poetischen Ich den Namen des geliebten Ortes zuweist – vielmehr erhält der Ort den Namen, ganz so, als hätte er zuvor anders geheißen oder irgendwie heißen können. Dennoch – und hierin besteht Saalbergs hohe Kunst, die er über die folgenden Jahrzehnte immer weiter verfeinert – rücken Ort und Kind, Erinnertes und Dichter hier merklich zusammen. Die poetische Parabel biegt sich der Welt zu. – Benannt nach dem Lieblingsort in der Kindheit, wie würde dann ich heißen?

„Die Anerkennung meines Tuns, ein erstarrter See“, sagt der Freund.

Tel.nr. v. Saturn: 0221-22243123.

Wulin

Von den binnen Wochen erbauten Wolken-
    kratzern hängt das Grün aus dem Himmel
in die Straßen hinunter. Alte mit einem Eisberg
    aus Styropor fahren vorbei, und in den Augen
der Kinder liegt die Tiefe der konfuzianischen
    Zeit. Kummer ist eine Art schwerer Zweifel.

Eine Reklame, groß wie eine Schule, bunter als
    die Nacht unter Vögeln: Betrink dich im Bezirk
Wulin! Spür den Wind dort! Die schlaflose Stadt
    ist das Paradies! Im selbstfahrenden Bus nach
Wulin. Der eingeschlafene Fahrer, dem ich den
    Anorak über die schlotternden Beine breite.

Kanalbaumuseum, Schiffbaumuseum, Vögel-
    museum, Scherenmuseum, Messermuseum,
Wundenmuseum, Schießpulvermuseum, Katzen-
    museum, Tannenbaummuseum, Regenschirm-
museum, Regentropfenmuseum, Tränenmuseum.
    Komm nach Wulin! Bleib in Wulin! Für immer!