Das Gras

Das Tageslicht ist nicht das wahre Licht

Der Erste, der mich in der neuen Bleibe begrüßt: eine Amsel. (Barmbek, 16.10.)

Wenn Reformation heißt, vermeintlich Wahres und scheinbar Wirkliches zu hinterfragen, ist Poesie die beständige Reformation.

Jeder Strauch und jeder Busch war freundlich.

Zwischen den Mietblocks der überwucherte frühere Rasen, aus dem die Wäschestangen meiner Kindheit ragen. Seit Jahren ist dort niemand mehr gegangen, hat dort keine Wäsche gehangen außer der schwarzen der Krähen.

Heute vor 29 Jahren: Ich fuhr mit dem Bus hinaus nach Othmarschen und kaufte mir eine schwarze zuschanden gefahrene Giulietta: „der Satan“, Baujahr ’78.

Kurz hinter der belgischen Grenze steht in einem grasbewachsenen Tal zwischen Bahndämmen ein ganzer Güterzug und verrostet und verrottet im Regen. (18.10., bei Walhorn)

In der Dunkelheit die Seine-Mündung. Und das tausendfache Licht von Le Havre!

Rote, gelbe, vielfach grüne verwilderte Hecken: Die Normandie verblüfft. Bei St. Lô ist sie weit wie die Erinnerung – die mir nicht meine zu sein scheint.

Zwei Stunden später bist du nach 34 Jahren zum ersten Mal wieder in Caen. Mit 17 nachts am Strand, und das Licht im Dunst. Und der Wind kam über den Atlantik. Und der Wind kommt über den Atlantik.

In den Kellerräumen das ausgeräumte Leben, die Leere, die Spuren an den Tapeten von namenlosen unbekannten Augenblicken. Die Dinge, die wir weggeben, wegnehmen und wegwerfen, bleiben in der Erinnerung. Sie sind widerständig: Sie sind, was sie sind: gegenständig! (Plouzané, 19.10.)

Verzweifelt nicht jede Frage an ihrer Antwort?

„Der Baum steht vor dem Wohnzimmerfenster. Ich frage ihn jeden Morgen: ,Irgendwas Neues heute?’ Die Antwort kommt auf der Stelle, hunderte Blätter geben sie: ,Alles.’” Christian Bobin

Und noch einmal Bobin: „La lumière du jour n’est pas la vraie lumière.” — „Il y a des îles de lumière dans le plein jour. Des îles pures, fraîches, silencieuses. Immédiates.” – „L’amour seul sait les trouver.“

Fluss aus Sirup

Die Frau fährt mit dem „SUV“ von der Größe eines Räumpanzers von Laterne zu Laterne und klebt an eine jede ein selbstgestaltetes Suchplakat: Wo bist du? Darunter ein Foto, die Größe, die Farbe, der Name, die Besonderheiten. Ich bleibe vor einer Laterne stehen und erkenne das Gesicht nicht wieder, aber ich sehe den Kummer darin. (Sasel, 10.10.)

Im Fernsehen psalmodiert der Psychologe von der Psyche, und die Psychotherapeutin, seine Tochter, seine Frau, bekennt, so habe sie das Problem noch nie betrachtet, er sei ein Meister, sie habe noch einen weiten Weg vor sich, bis sie die Psyche verstehen werde.

„Frankentrump“ nennt die französische Presse den us-amerikanischen Präsidentschaftskandidaten der sogenannten Republikaner – und benennt damit das Problem Donald Trump. Keiner will für dessen Demagogie und Sexismus, dessen Dumpfheit und Brandstiftung verantwortlich sein. Ein Monster, aus der Art geschlagen, muss dieser Milliardär sein. Nur ein Mensch, mit Abgründen und Fehlern, darf Donald Trump nicht sein. „Wenn ich nur an Bücher denke, muss ich gähnen“, sagt Trump. Er ist ein ungebildeter Idiot, ein Lügner, ein Widerling, ein Frauen- und Kinderverächter, ein hässlicher Drecksack und Hanswurst, und das ist nur der Beginn. Doch er ist kein Ungeheuer, dem man mit Argumenten und Kritik nicht beikommen kann. Er ist ein Mensch, und ich fürchte, er ist das getreueste Inbild unserer so gottlosen wie lachhaften Zeit.

Sie schwimme jeden Tag durch einen Fluss aus Sirup, sagt die Klavierlehrerin.

„He worships God with ashes.“ This Mortal Coil

Nobelpreis für Bob Dylan. „It’s not dark yet, but it’s gettin’ there.“ Ein gutes Zeichen in dieser furchtbar klanglosen Leere.

Sander Tannen

Zwischen den Plattenbauten von Nettelnburg
umhergaloppieren, und weiter durch den Frost
des frühen Morgens am S-Bahndamm entlang.
Die klirrende Luft. Ich könnte nachsehen, wann
ein Bus zur Schule abfährt, aber zockele lieber
vorbei am Billwerder Billdeich. Dort steht blass,
rot im Dunst, der Giebel eines Vierländer Hofs,
wo vor vierzig Jahren ein Schulfreund wohnte.
Wo bist du, Hakan Akalin! Kahle Äste; Elstern;
grauer Laubschlamm in Grünanlagen. Sander
Tannen — so hieß die Schule meiner Freundin
in der Zeit, als ich mir tags den Kopf zerbrach
über Schreiben, Musik, mich. Tender sun. Adri.
Am Telefon eine mir unbekannte Welt, hoffe ich
Dich zu finden, heißt es bei Sun Kil Moon. Früh
am Abend kachelte ich dann mit der Guilietta
zu Alten in Boberg und Lohbrügge. Eine Blinde
sah immer noch vor sich, wie hell es 1921 war,
und in einer Mansarde lebte eine, die hatte ich
lieb, die konnte nur liegen und rief mich: „Pony!“
Ich rede an der Schule, die längst anders heißt,
mit Schülern, jünger als mein Sohn, über Trakl,
Trakls Schwester, Tabus. Und ich trabe zurück,
durchs Laub, zum Bahnhof. Die Elstern lachen;
und der Nachmittag, so war er immer, ist grau.

Für Mark Kozelek

Morgen ein Kellertag

„Of course I’m a horse.“ Sioux-Wort, vielleicht.

Die Dinge, die sich nicht sagen lassen, gehen in der Stille der Überlegung durch die Wehmut hindurch und verwandeln sich. Das Allermeiste wird zu etwas Regenähnlichem, einem Niederschlag, der im Gemüt versickert. Aber es gibt auch Erkenntnisse, die bleiben, wie Erinnerungen an immense Wolkenschatten an einem lichten Tag. Der Zufall treibt dir Schatten zu, und mit einem Mal kannst du sagen, wie du weiterleben möchtest, weil vom Alten nur ein Unglück übrigblieb. Cheever sagt es in zwei Zeilen: „Am Morgen sage ich also: Springt, mein Herz, mein Geist. Es geht nicht anders. Sie müssen springen.“ (Grindel, 3.10.)

Zu jedem Zeitpunkt stehst du am Ende des Lebens und fängst, wenn möglich, neu an.

Ich ging, das Telefon am Ohr, durch die Siedlung, in den Wald hinein, wir sprachen, über das Glück, über die Gewalt, über das Unglück, über Auswege, und auf einmal lag vor mir, wie ich so lauschend und sprechend ging, ein grünes Tal, Bäume rings an seinen Rändern, die auf mich zukamen, und Leute, entfernte, Spaziergänger, man hörte jedes Wort, ohne es verstehen zu müssen. Wir sprachen über die Liebe, über das Ende der Liebe, über die Kinder, über die Klugheit der Kinder. Das grüne Tal. Die Bäume. Die Weite. Die Enge. Das Ende, die Öffnung der Enge. (6.10.)

Kreuzworträtsellöser im Bus. „Weltmacht mit drei Buchstaben?“ — „Ich.“

Denk an Torberg. Friedrich Torberg und seinen „Schüler Gerber“, den du in der Oberstufe last. Benda hieß der gegen seinen selbstherrlichen Lehrer „Gott Kupfer“ aufbegehrende Schüler, nach dem du dein einziges Pseudonym benannt hast. Vergiss den Namen nicht! … Keiner kennt ihn mehr, nur du. Vergiss Friedrich Torberg nicht!

Morgen ein Kellertag.

Der Staub auf den Gegenständen – der Staub auf den Geschehnissen. Deshalb wird allenthalben Staub gewischt, vorgeblich.

„Ich werde so störrisch sein wie ein Rotkehlchen – in einem Käfig werde ich nicht singen.“ John Keats

Freiräume und Gärten

Den besten Empfang hatte ich unter der roten Krone der Zierkirsche.

Mein Tagebuch – jetzt ausklappbar für eine erweiterte Pumpen-Dokumentation!

„Behandle einen Gast zwei Tage lang als Gast, aber am dritten gib ihm eine Hacke“, lautet eine Swahili-Weisheit, und ich las statt „Hacke“ „Hecke“. Beim Freund zu Gast. Und wirklich, es war, als schenkte er mir eine prächtige Hecke. (Sülldorf, 28.9.)

Im Nachtwind das Rauschen der Bäume, und in einem Vorgarten fünf Wicken, groß wie du, schwankend wie du.

„Darlegen, was ich weiß, ebenso wie was ich zu wissen hoffe. Meinen Alkoholdurst beschreiben, wie er um neun in der Frühe beginnt und manchmal unbeherrschbar wird um halb zwölf. Die Schmach beschreiben, in der Speisekammer einen Drink abzuzweigen – und den aufreibenden Geschmack des Gin; über das Gewicht aus Entmutigung und Verzweiflung schreiben; über ein namenloses Grauen schreiben; über die zermürbenden Krämpfe haltloser Angst schreiben; über den Horror des Scheiterns schreiben. Das Ringen, eine Schärfe an Gefühl zurückzuerlangen, des Gefühls, dass ein Rand dessen, was Hoffnung versprach, weggebrochen ist.“ John Cheever

Ein Lieferwagen fährt langsam vorbei, in dem sechs – 6 – Arbeiter sitzen und rauchen, unrasiert, lachend, guter Dinge aufgrund der Schönheit des Lebens auf dieser Welt. Ihre Firma: FREIRÄUME UND GÄRTEN (Barmbek, 30.9.)

Was ist das Wissen der Welt schon? Das Kind ist fest überzeugt: Meerrettich ist der Name eines Fischs.

Die Alte, die in den Bus steigt mit einem umfunktionierten Einkaufswagen, an dem lauter Tüten, Beutel, und Taschen befestigt sind, voller was? Ein Rad ihres Gefährts ist kaputt, aber auch mit dreien tut es noch seinen Dienst. Die Alte, die am Morgen freundlich lächelnd im Bahnhof das Stadtmagazin anbietet – und acht Stunden später unverändert dort steht. Die Alte, die vor dem Supermarkt vorbeigeht und laut flucht auf die Kinder, die mit ihren Rollern vorüberbrettern – und der junge Kerl, der sie zurechtweist: „Asozial sind Sie! Asozial!“ Die Alte, an der du vorbeirennst mit Deinem ganzen Gepäck und die dir nachruft: „Gibt’s das? Gibt’s das?“ (Ohlsdorf, Winterhude, Sülldorf, September 2016)

Das Kind Kalifornien

An den Wänden die Bilder von dem Kind,
das größer geworden ist als Kalifornien.
Du siehst sein Gesicht wachsen auf
blassen Fotografien und erkennst
das Kind an seinen Ohren, dem Blick,
der Sehnsucht nach dem Ende der Enge.
Das Kind Kalifornien schrieb nie einen Brief.
Es rief keinen an. Es ging fort und blieb
in der Ferne. Von den Wänden dort,
wo du schläfst, manchmal träumst,
blickt es dich an und doch nicht dich.
Rätsel, Zweifel, wildes Wollen, wonach
sucht so ein Kind, und wonach sucht es
nicht? In jeder Regung, jeder Bewegung,
jeder Entgegnung hat das Kind ein Gesicht,
das mahnt: Trau der Festigkeit der Dinge.
Da, die Gelächterschönheit. Glaub mir,
sagt das Kind an der Wand des Hauses,
das dir Asyl gewährt. Im Zweifel Zweifelnder.
Sei selber dein Sehnen. Wenn nötig ein Land.
Wenn nötig ein fernes. Wenn nötig Kalifornien.

Die Schuhe in Genf

Eine brennende Lampe im Fenster heißt immer, immer: „Rette mich!“

Sie brach die Brücken ab, die noch Bestand hatten, nur um dadurch behaupten zu können, am anderen Ufer zurückgelassen, verlassen worden zu sein.

Erinnere dich an die Schuhe in Genf: Zwischen zwei Frauen entbrennt vor einem Stundenhotel im Bahnhofsviertel ein lautstarker Streit. Die eine bewirft die andere mit ihren Schuhen, und die Beworfene wirft die Schuhe nicht zurück, sondern auf die Straße, dorthin, wo sie plattgefahren werden sollen. Der Mann, ein Brustkorb mit Beinen, der Anlass für die Querele, tritt mit großer Geste auf die Fahrbahn und sammelt die Schuhe der Liebsten (welcher?) vom warmen Asphalt.

Das Kind schreibt eine Klassenarbeit über Platon, Aristoteles, Sokrates und die vier kantischen Fragen. Die drei ersten, sagt das Kind, seien berechtigt; die vierte allerdings redundant. (21.9.)

Ein Leben lang hast du sie am Leib und warten sie darauf, dich zu zerreißen – deine Furien.

Schütte den Rotwein in die Sträucher.

„Gestorben am Tod“, sagt das Kind.

nussbaum-gru%cc%88ner-hut Das „Selbstbildnis (mit grünem Hut)“ von Felix Nussbaum – du siehst das Gesicht und du siehst den Hut über die Jahre, in denen seine Gemälde entstehen, wie sich beide zugleich verändern und doch dieselben bleiben; bis zum Schluss. Noch im Angesicht der Verfolger und Deportierer malt er sein Gesicht, den Blick, sich selber zugewandt, malt die grüne Kopfbedeckung fahler, immer fahler. Malt Bäume, einzeln, immer kahler. Nie schwindet die Hoffnung – der Glaube – ganz aus seinen Bildern. Noch „Sieg des Todes“ von 1943 wird konterkariert durch die Leben und seiner vergangenen Freuden zugewandte Weise von Nussbaums Malen. Er verschwand nicht einfach in Auschwitz. Die bis zum Ende aufrecht erhaltene Schönheit seiner Gemälde zeigt die Vernichtung und ihre gewaltige Absurdität. (Osnabrück, 24.9.)

Sehr sonderbar, die Vertrautheit von Felix Nussbaums Gemälde „Selbstbildnis mit Judenpass“ – das mich seit Jahrzehnten begleitet, wie ein wiederkehrender Traum. Da spricht die Sprache meiner Vorstellung: Mauer, Gesicht, Pass, Identität, zerstörte Natur, doch ebenso: Trost des Blicks, Suche nach Trost – Flug der Vögel.

Die Vögel von Flims

Sooft ich an dem Telefonladen vorbeigehe, -fahre, sooft ich davor stehe oder warte, immer telefoniert darin der Angestellte.

Im St. Petrus-Dom tief bewegt von den Kalvarienreliefs im Kreuzgang, Jesus von Nazareth, wie er das Kreuz aufgeladen bekommt, wie er es schultert, wie er stürzt, es weiterschleppt, stürzt, es von Neuem aufnimmt, stürzt und auf der Erde kauert, verhöhnt, beweint, verlacht, atemlos, am Ende. Wie er es weiterträgt. Die Reliefs erlauben den Blick in die Gesichter aller Beteiligten. Ich ging nochmals zurück, um die Chronologie zu verstehen. Die Körperlichkeit. Das Erdulden. Das Wissen um die Ungerechtigkeit. Die augenfällige Gleichzeitigkeit. (Osnabrück, 16.9.)

Im stillen Dom ein Pulk Flüchtlinge, die von zwei Damen erklärt bekommen, woran die Deutschen glauben. Einer fragt, was der Löwe bedeute, und erhält zur Antwort, dass der Löwe für Kraft stehe, die Kraft des Glaubens. Im überfüllten Zug heim sitzt auf dem reservierten Platz neben mir ein junger Syrer, der bald vertrieben wird von einer Gruppe Kegelbrüder. Er kauert sich ins Gepäckfach zwischen Sitzen und Tür, übermüdet und wortlos. Ich lese Cheever: „Bevor es hell wird, wache ich auf in einem Rausch der Heiterkeit. Ich glaube, dass ich es alles zurückbekommen werde: die grünen Wogen des Nordatlantik, den Witz und die Hochstimmungen eines geilen Lebens, den Blauen-Himmel-Mut, einen natürlichen Zugriff auf die Dinge. Ich glaube, dass ich es alles zurückbekommen werde. Ich träume einen angenehmen Traum mit angenehmen und unangenehmen Gestalten. Der Allerwiderwärtigste lässt die Hosen runter, aber, guter Gott, warum sollte ich mir darüber noch länger den Kopf zerbrechen? Ich treffe alte Freunde aus meiner Kindheit. Mit dem Guten an der Liebe ist es ähnlich wie mit langen Stoffen, ruhigen, unaufgeregten, einem feinen, welken Schatten. Und ich werde auswandern aus diesem schrecklichen Land, in dem ich schwitzend im Bett liege, darauf warte, dass der Ölbrenner dem Haus mit Feuer den Rachen stopft, darauf warte, dass meine Schulden mich zugrunde richten, während mir die Leiste schmerzt wie eine Wunde. Ich werde es alles zurückbekommen.“

Erinnere dich: Wie du Ausschau hieltest nach den Güterwaggons, auf denen ihr Name stand, bloß um … ja, was? Aber es gibt keine Verbindung zwischen den Gegenständen und den Empfindungen, es sei denn im Wünschen, im Wunsch, es möge diese Verbindung geben.

Auf dem Spielplatz, der umgeben ist von lauter eingesperrten Tieren, sagt die Frau zu ihrer Tochter, während die sich die Turnschuhe bindet, „damit es endlich losgehen kann“ (was denn?): „Würdest du bitte nicht auch daraus jetzt so einen Spielfilm machen?“ (Harburg, 17.9.)

Unter den Tieren fiel mir besonders der Luchs auf, der war, wie ich gern wäre, wenn auch nicht eingesperrt: Der Luchs schlief auf einer hölzernen Plattform in einer Baumkrone. Aber auch das Schwirren der Luft in dem Fledermaushaus war ergreifend, die Fledermäuse, die mich für einen nennbaren Widerstand zu halten schienen. Und in einem Sonnenfleck, der zwischen zwei Büschen auf einem Stein lag, döste eine schwarzweiße Schlange. The sounds of the birds! The sounds of the birds of Flims.

Atmen beraubend und lichtvoll

„Mein Vater hatte so viele Pseudonyme, dass ich ihn nirgends finden kann.“ Jeanine Osborne

„Eine dunkelgrüne, grasgrüne Heuschrecke kroch Linda über die Hand“ – wundervoll lebendige Prosa: Leta Semadenis „Tamangur“.

Mitte September: Im Rhein schwimmen die Leute, und in den Parks der Stadt sitzen sie, müde, matt, verlangsamt. Immer ist die Witterung auch Ausdrucksform. Immer sucht die Natur das Gespräch. (Basel, 11.9.)

Die Vorsitzende der AfD (Ausgrenzung ferlangt Demütigung) fordert eine Rückbesinnung auf die positiven Aspekte des Völkischen. Die völkische Frauke (DvF) beobachtet das Volk und sieht das Völkische als ihm zugehöriges Attribut: „Das Volk“ sei „völkisch“. Demnach muss „der Hund“ „hündisch“ sein und „die Dame“ „dämlich“ und „der Herr“ „herrlich“. Die rechtsradikale Menschenverachtung gründete stets auf Vertumbung und Dumpfheit – und hat übrigens zu keiner Zeit, schon vor zweitausend Jahren nicht, zu irgendetwas Nennenswertem geführt außer zu Hass, Gewalt und Zerstörung. Die Sprache bewahrt das Gedächtnis auch an die Verheerungen. Der braune Mob, nie hat er gelernt, die der Sprache innewohnende Geschichtlichkeit, ihre Jahresringe, als Argument der Einzelnen zu akzeptieren oder gar wertzuschätzen. Glaub du unbeirrbar an die Verantwortung der Wörter und Worte!

cy-twombly-rom-1970twombly-returning-from-tonnicoda
I m K u n s t mus eu m Ba sel se he ic h noc h ei nma l die Schrift / muster / bilder von Cy Tw omb ly, die mir seit sieben Monaten durchs Gemüt gehen, das Weiß, Hellblau, Blau der Schraffuren, Linien, grasartigen Strukturen, die Skizzenartigkeit, das Flüchtige im Bleibenden, den Malerei gewordenen Moment, Bewegung und Bewegtheit, Regung und Erregtheit: „Nini’s Painting“. – „I have my pace and way of living, and I’m not looking for something.“ (C.T.)

Als „Atmen beraubend“ und „lichtvoll“ bezeichnet Pierre-Laurent Aimard seinen Mentor Pierre Boulez in einem morgendlichen Interview.

Bild: Cy Twombly, „Returning from Tonnicoda“ (1973); Foto: Cy Twombly in Rom, 1972

Das Übergangscafé

Auf einer schmalen Landzunge im Sund jagt ein großer Hund übers sonnenbeschienene Gras, und Augenblicke später flattert ein Schwarm Wildgänse auf und fliegt über das blaue Wasser davon. Ein Glücksmoment, nicht nur für den Hund.

Im Wartezimmer des Stadtteilarztes – das Krankenhaus im Zentrum hielt die Beschwerden für nicht relevant genug –: Kinder und Familien und Freundespaare und trist durch den Raum blickende Männer und Frauen aller erdenklichen Sprachen. Vibrierende Lebendigkeit, Erleichterungen, Tröstungen, Verzweiflungen. Das Profil einer alten Spanierin, bewundert von ihrer jungen Nichte oder was immer. Die beklommene Schönheit der Araberin mit drei kleinen Kindern und pragmatisch organisiertem Gatten. Das Bürschchen aus dem Kosovo. Zwei französische Lesben. Dazwischen sitzt du mit deinen Tagebüchern von Cheever, ein Buchleser im Trenchcoat. The poetry of earth is never dead. Und keiner muss hinausgetragen werden. Und jedem, der sich verabschiedet, gilt die Bewunderung aller, die ebenso zu überleben versuchen und festhalten an der Freundlichkeit. (Farmsen, 3.9.)

Café de Passage. Das Übergangscafé.

Geh so nah an die Geschehnisse wie möglich. Beobachte die vor sich gehenden Möglichkeiten: die Wörter, die Berührungen. Du bist der Poesiekorrespondent. (8.9.)

Der alte, schlohweiße Nachbar sieht aus wie ein weiser Grass, der lebenskluge Bruder von Günter Grass. Er schiebt sein altes Sportrad durch die Sonne, würdevoller Rollator.

Du musst jetzt in eine andere Pracht gehen – und ihr Teil sein. (9.9.)

Ein Dampfer im Platzregen

Lange Bänder und Bögen ziehen die Seeschwalbenschwärme über die Dünen, am hellblauen Himmel, bevor sie sich zu achthundert, tausend Tieren zusammenfinden in einer flexiblen, schnellen Wolke, die inseleinwärts rollt. (Bojendorf, 31.8.)

Ein Bau, in Trümmern am Strand des Campingplatzes Fehmarnbelt – ich erinnere mich oder will mich erinnern an die Regentage zu Pfingsten 1983, als O. und ich dort drei Tage mit meinem Dobermann im Zweimannzelt verbrachten. Die Trümmer müssen auch da schon da gewesen sein. Die Dinge überdauern Vergängliches, Freundschaft, Liebe, Erinnerungen. Der Trost ist allgegenwärtig. Die See. An diesem Strand bin ich heute älter, als mein Vater es seinerzeit war. Meine Cousine ist dick geworden, aber ihr Lachen noch das des Mädchens, das ich liebte. Es gibt kein Ende. Ein Imbiss für Gespenster. Ein Container, auf den die Toten sprühen, wenn sie sich treffen zur Demonstration gegen das ganze elende Lebendigsein. „Ich wusste gar nicht, dass Sie auch Schatten verkaufen“, rief ich heute am Meer dem profitgierigen Strandkorbbesitzer nach.

„Tut ein Platzregen weh?“, fragt das Kind.

Ein Raucher war ich so lange und rauchte, aber jetzt bin ich ein Dampfer.

Act with a free heart

Der psychoanalytische Blick sei ein Turmbau wie der zu Babel, sagt Peter Handke 1989, nur in den Menschen hinein. Auch dieser Turm werde abgebrochen werden müssen. Den Abriss, erleben wir ihn nicht eben jetzt?

Die Kinder im Nintendo-Lazarett.

Handkes Wesen, ist es eines der Entlarvung, der investigativen Selbst-ent-Täuschung? Mutwilliges Wundsein; Dahinschrammen am für wirklich Gehaltenen; immer wieder auf Abwegen Nazarener-Allüren. Suche nach der Glücksdauer, nicht augenblicklich, sondern im Augenblick.

„One must act with a free heart – there can be nothing covert – and seek the best ways of expressing ourselves within the conditions under which we live. And waking I think how narrow and anxious my life is. Where are the mountains and green fields, the broad landscapes?“ John Cheever – wie leicht dahingesagt, und doch benennt er hier das vielleicht Schwierigste von allem: „seek the best ways of expressing ourselves WITHIN the conditions under which we live.“

Fehmarn: in den leeren, vom Wind gepeitschten Dünen die wilden Apfelbäume.

Wie so oft schon, wenn jemand gestorben ist, dem dein Herz zugetan war, siehst du ihn oder sie in den Wochen nach dem Ableben wieder, nicht am Leben, aber auch kein Gespenst, unbekannt neben dir auf der Welt. So auch wieder heute mitten auf der Insel zwischen den Stoppelfeldern, unter den südwärts ziehenden Vögeln. Für Karl-Heinz Ströhle

Manche spüren den Regen, andere werden einfach nass.

Es ist ganz einfach anders

„You gave me pale shelter. You don’t give me love, you give me cold hands.“ Tears for fears

Es ist ganz einfach anders.

In der Mitte deines Lebens, ist da nicht die Leere? Nicht an den Rändern, den Wochenenden, und nicht an der Oberfläche, da, wo du glaubst, tätig zu sein – in der Tiefe, in der Mitte, im Kern, ist da nicht die Leere, die Abwesenheit?

Schon vor Jahren bekannte sich der US-Schmunzelpräsident zur Richtigkeit (nicht Rechtmäßigkeit) der Todesstrafe in (vermeintlich) angemessenen Fällen. Zeit, in der Versenkung zu verschwinden, Barack Obama, Inbegriff der Enttäuschung.

Die wilden Wolken dieses Sommers! Der ganze Regen! Die vielen Toten! Die Gespenstigkeit des Abwartens! Die Zeichen! Die Wunder! Wir leben! Glückwunsch!

Tag für Tag mehr ähnelst du einer Echse.

„Haben wir einen Feuerlöscher?“, fragt das Kind.

Still und sehr lange blickt das Kind aus dem Fenster, bevor es fragt, ob ich weiß, dass Marienkäfer rote Beine haben.

Wieder auf Fehmarn. Der Sommer ist weit fortgeschritten, ein blasses Gold auf den Feldern, die fast alle bereits abgeerntet sind, Stoppelfelder: Leichter, warmer Wind. Der Garten ist bugförmig, eine Stockrose, ein alter, verwilderter Birnbaum, Efeu an der Hauswand. Nebenan wohnt eine junge Großmutter mit ihren Enkeln, drei Jungs von 10 bis 15 Jahren, und ihrem Münsterländer Lupo. Kommst du deshalb immer wieder hierher auf die Insel deiner Kindheit und Jugend, um der vermeintlich wiederzufindenden Erinnerungen willen? Oder ist deine Liebe zu Fehmarn, viel sinnlicher, dem Wind, den Farben, der Stille, der Zurückhaltung der Leute geschuldet? Das Rauschen der Bäume. Die Schwalben. Ihr leises Gezwitscher. (Bojendorf, 27.8.)

What a wild night! Mit einem Mal brach über der Insel ein von Osten gekommenes Gewitter los, mit tiefstem Donnern, grellen Blitzen über dem Meer, die überall auch ins Rosige, Bläuliche und sogar Grünliche verliefen. Wildes Rauschen durch die sturmgepeitschten Bäume. Die Nachtvögel kreuzten umher, wie ich es zuletzt am Rand des Regenwaldes von Cairns in Queensland erlebte, nachts, unter den um sich schlagenden Palmen. Am Morgen ist heute der ganze Buggarten zerwühlt, und die Sonne braucht Stunden, um die Herbstkühle wieder zu vertreiben.

Wyoming

Wenn wir über die Wäldergrenze hinausgingen,
in die freien Ebenen, an die Flüsse. Wenn wir die Städte
und das Land hinter uns ließen. Wenn wir nicht darauf achteten,
wer mit uns käme. Wenn da ein Licht wäre, und wäre es nur
ein vorgestelltes. Nur? Wenn die Geschichte einfach
endete. Wenn endlich Geschichten anfingen!
Eine Betriebsanleitung, ein Evangelium,
eine Dichtung, eine Scheidungsvereinbarung,
ein Verschweigen, ein Gesetzesentwurf, wenn alles das
eins wäre. Wenn wir Wyoming befreiten. Wenn die Unwirklichkeit
in Wyoming aufhörte. Wenn die Zuneigung zurückkehrte.
Wenn die Zuneigung zurückkehrte mit den Fischen.
Wenn alle die Fragen wohin, wodurch, wonach, welche,
weshalb und wann die Antworten ersetzten. Und wenn alles
mit einem Mal bliebe. Hier, dort. In Wyoming, überall. Ohne Ursache.

Für Wolfgang Denkel

Kind of waking up where you are

Dir wird eine Lesung angeboten vor einem Gemälde von Kirchner, du und das Bild – und ein Security-Angestellter, der das Bild schützt, auch vor dir.

Platzregen – weil die Wolken bersten und zerplatzen? Oder weil ein Platzregen auf einen ganzen Platz prasselt? Beides.

Zwei Eichhörnchen – absolut identisch wirken sie – jagen hintereinanderweg um einen Baum herum in die Höhe, in die Krone hinein, durch die Wipfel, wie zwei Windstöße mit braunem Fell hinaus auf die Brückenäste, die zur Nachbarkastanie führen, dort dasselbe Spiel, dieselbe Jagd, bis der Gejagte innehält im Blickschatten des anderen, der gleichfalls innehält, bis der Gejagte sich regt und das Jagen weitergeht, um den Baum herum, weiter aufwärts. (14.8., Eilbek)

Der Vorteil der Handwerker besteht darin, dass sie stets Nutzbringendes, Zweckdienliches, Sinnergebendes schaffen, selbst dort, wo sie schludern. Denn sie bewahren die im Bau befindliche Welt, den fortwährenden Weltumbau. Sie sind wirklich.

cheeverJohn Cheever berichtet in seinem Tagebuch von dem Traum, sein Konterfei würde eine Briefmarke zieren. Man kann das als Eitelkeit verstehen (Psychologie), auch Größenwahn (Psychologie), oder Ruhmsucht (Psychologie). Poetisch betrachtet kündet Cheevers Traum von der Vorstellung, auf jedem möglichen Brief in alle möglichen Hände zu gelangen.

„Wie können wir uns hier innovativ aufstellen?“ Gar nicht.

Jeff Tweedy„You know, the idea of like getting out of denial was kind of waking up where you are in your life, you know.“ Jeff Tweedy

Ein immenses, wie ein riesiger Karpfen geformtes Wolkenfeld treibt von Norden nach Süden über Haus und Garten und Bahndamm und Friedhof, in zugleich unendlich langsamer und rasender Geschwindigkeit. Zwischen den einzelnen Wolken einzelne Sterne und Sternbilder. Und der Hintergrund der dunkelblaue Nachthimmel, seine leere Tiefe, die Stille, fühlbare Stille. (20.8.)

Ein Modemagazin herausbringen mit dem Namen BOSHAFTIGKEIT.

Niemandshimmel

Der Leuchtturm blinzelt. Alpakas im Regen.

Das Unlicht!

„Ich habe mich nie erholt von dem Anruf Gottes.“ Marie Noël

Erdbeeren als Erinnerung an Erdbeeren. Süße als Erinnerung an das, was süß war. Liebe als Erinnerung an die Liebe. (Gammendorf auf Fehmarn, 5.8.)

Am Nachbarfrühstückstisch ein Streit zwischen Eheleuten, und an der Wand hinter ihnen kriecht hin und her eine dicke schwarze Spinne eine ganze Stunde lang. Der Streit. Die Spinne. Kriecht hin und her. Das Gespräch. Das Gewebe. Das Spinnennetz. Als der Streit endet und das Paar ermüdet geht, ist die Spinne verschwunden.

In der Abendsonne kam mir der vor sechs Wochen verstorbene Vermieter entgegen. Ich nickte ihm zu, als ich mit dem Rad vorbeifuhr, und er grüßte zurück und ging weiter Richtung Friedhof, im Arm eine Fremde. (Ohlsdorf, 6.8.)

„Kein Mensch war glücklicher. Seine geringen Ansprüche konnte er mehr als in ausreichendem Maße befriedigen. Freunde besaß er mehr als große Fürsten, Feinde hat er kaum gehabt. Warum sollte er nicht fromm sein?“ Julius Meier-Graefe über Camille Corot, und kurz darauf: „Gibt es noch Kinder in der Welt? Darf es sie geben?“

45 Tage lang hat das Kind gewartet und heruntergezählt, bis es heute so weit war und das Computerspiel in die Läden kam, das „Niemandshimmel“ heißt.

Ein grüner Abschleppwagen jagt vorbei, und vom oberen Fensterrand fällt im selben Augenblick ein Tropfen hinunter in den regennassen Garten. Unsere Gedanken suchen einander. Sie sind wie die Hände. Aber die meisten Leute stehen in den Hauseingängen oder im Schutz der Bushaltestellenhäuschen und können die Tristesse nicht fassen.

Zwei Schneewittchensärge an einem Abend.

Himmel

Jeden Abend, pünktlich wie die Heimkunft der Krähen zu ihren Schlafbäumen, schüttet es. Der verregnete Juli. Die monströsen Hecken. Die Bäume hypertroph. Verstummte Vögel. Jedes Haus wird zum Dampfer im Orkan. Es ist ein Herabstürzen von zuviel Wasser, ein Meer, das dem Himmel zuviel ist. (27.7.)

Um den Erdball kreisen rund 900.000 von Menschenhand gefertigte Objekte. Kritische Annäherungen des Orbitschrotts kommen für Satelliten im Durchschnitt zweimal die Woche vor.

Im Verlauf eines Gottesdienstes im polnischen Tschenstochau ist Papst Franziskus gestolpert und gestürzt, blieb aber unverletzt und konnte die Messe leicht humpelnd beenden.

Der Vorbeiflugabstand!

„Nie den ersten Eindruck vergessen, der uns bewegt hat.“ Camille Corot

Der liebe Freund – Aloha! – schwingt sich im Park an einem Baum empor. „Er braucht das zu seinem Glück“, sagt seine Frau und sieht ihm bei einem Dutzend Klimmzügen zu, lächelnd wie er. Bei Edgar Rice Burroughs, dem oft kleingeredeten Tarzan-Erfinder, lese ich den schönen Satz: „Nie hat ein Mensch mit weniger begonnen.“ (Wilhelmsburg, 31.7.)

Wieder auf Fehmarn. Wie oft noch willst du hierhin, hm? Große einzelne Wolken fluten über die Insel, die sind wie du. Und hunderte tieffliegende Schwalben über den Stoppelfeldern, die sind auch wie du.

Die Bäume sind schuld

Jahrelang dachte ich, es müsse doch eine Verbindung, und noch so winzige, zwischen Muhammad Ali und Ali MacGraw geben – und ich denke das noch immer, und schlage hier deshalb jetzt die unsichtbare Brücke.

Das Kind mit dem Gesicht eines Erwachsenen fragt dich nach dem Weg. Es hat eine tiefe Stimme. Es ist ausgesucht höflich. Aber es hat den Körper und die Gestalt eines Kindes. Es fragt für die ganze Familie. Vater, Mutter, die Großeltern und Geschwister, alle sprechen nicht deine Sprache, aber das erwachsene Kind tut es. Ist es ein Kind? (Frankfurt-Süd, 21. Juli)

„Die Bäume sind schuld“, sagt der zahnlose Alte auf dem Bürgersteig, nachdem die Nachmittagsgewitter durchgezogen sind. „Sie speichern den Regen. Es ist schon wieder sonnig, aber unter den Bäumen regnet es weiter! Sie sind hinterlistig und erfinderisch.“ (Alsterdorf, 22.7.)

Der Amoklauf von München. Der neunfache Todesschütze war 18, zwei Jahre jünger als mein Sohn, erschoss sich vor den Augen der Polizisten, nachdem er seine Opfer via Facebook in eine McDonald’s-Filiale gelockt hatte. Er beschaffte sich die Tatwaffe im Darknet, den Substrukturen des Internet, eine aufgesägte Theaterpistole. Wenn dem allen so ist – was hat es zu tun mit dem, was wir Wirklichkeit nennen? Es ist – in aller Deutlichkeit – die todbringende Unwirklichkeit.

Mit deinem kleinen Neffen allein nach draußen in den Garten geflohen vor der Enge der Familienzerrüttung. A figure in the sky, a figure in the sky! Die Kastanie zeigen bereits die Verwundung durch die Minierraupe – halb vergibtes Laub im Juli. „Schau die Flecken auf den Blättern!“, sagst du zu dem kleinen Mann, der dich anstaunt mit seinen fünf Jahren, seinem eigenen Blick, seinem Glück von Downsyndrom. Er zeigt auf seine Wunden am Unterarm – Flecken, kleine Kratzer. Das Kind und die Bäume, seine Freunde in diesem einen Augenblick.

the-chameleons

Wer ihre Musik nie hörte, der wird kaum verstehen, wie es zum zersplitterten Gemüt der nachmodernen Jahre kam: The Chameleons aus Middleton bei Manchester, die es von 1981 bis 1987 und 2000 bis 2002 gab. Das Akustikalbum „Strip“ von 2000 zählt zu den eindringlichsten musikalischen Darstellungen der um sich greifenden Verunsicherung und Zerrüttung, die ich kenne – wobei Sänger Mark Burgess und Gitarrist Dave Fielding immer wieder Klangräume schaffen, die von ganz anderen Möglichkeiten erzählen, von kristallener Wehmut, nächtlicher Klarheit. Das Aufbegehren der Chamäleons ist ein unbedingtes. „Oh, when you think of it, when you think of it / Try here / A word in your ear / You can’t go back to the trees“, heißt es in „Soul in Isolation“ von 1986.

Die alten Gesichter – von früher – die Visagen – Antlitze dennoch, fürwahr. Ist hier die Grenze der Poesie? Nein.

Woher der Glaube an die Macht der Vorbeugung?

Bojendorf

Das Dreieck Garten,
Bug im knisternden Laub,
ein Erlenschoner vorm Wind.
Halt Kurs, auf die Inselränder!
Dein Schiff, die alte Trübsal,
hat fünfzig Birnenkanonen,
Mauersegler folgen ihr,
Seemöwen melden: Herz!
Land! Schwalben schießen
durch die Scheune aus Bläue,
in der nachts die Fehmarner
die Sonne wegsperren.

Ein blasser Klüver
wächst aus dem Rasen:
die Stockrose. Wer meutert?
Lass die Korsarenerinnerungen.
Wieso will keiner tanzen?
Es gibt Wogen, die
sind tiefer und wilder
als alles zu Beweinende.
Vorm Gartenbug eine Stoppeldünung,
Füchse und einundfünfzig Sommer. Schau,
die Pracht, das Silber, das Schäumen
auf dem himmelgrünen Gras.

Für Hendrik Rost

Der Schädel am Brückenturm

„Die Welt besteht aus Licht.“ Camille Corot

Unter meinen Papieren die erste Sterbeurkunde.

Die wichtigsten Entscheidungen stellen keine Probleme dar, weil sie sehr einfache Lösungen verlangen: atmen oder ersticken, springen oder verbrennen, lesen oder dumm sein. Schwierig wird es im Entscheidungsdickicht, und ebenso, wenn du mit Lösungswerkzeugen behängt bist und keinen Freiraum hast, um nur eines zu benutzen. Beinahe jede Lösung ist genau das: eine Lösung – ein Loslassen oder Sich-Lösen oder Etwas-Herauslösen. Und so auch die meisten Entscheidungen: Sie sind ein Trennen, Voneinanderscheiden, Heraussuchen, -sammeln und -nehmen. Das oft so grausame Aussortieren, die Selektion. (Kassel, 19.7.)

cheever Der immer aufs Neue, von einem Satz zum nächsten verblüffende John Cheever: „Ich muss mich selber davon überzeugen, dass für mich, einen Mann mit meiner Veranlagung, das Schreiben keine selbstzerstörerische Berufung ist.“ Doch es geht Cheever nicht um das Breittreten des altbekannten Verhängnisses etwa Fitzgeralds, dass zu schreiben und dabei – oder deswegen – zu trinken nur kurz etwas von Güte zeitigt, dann aber rasch, tief, unaufhaltsam – und gähnend! – der Abgrund auf einen wartet. Cheever verfolgt in seinen Tagebüchern eine viel grundsätzlichere Analyse der eigenen Rauschhaftigkeit: „Ich hoffe und glaube, es ist nicht so, aber wirklich sicher bin ich mir nicht. Es (das Schreiben) hat mir Geld und Ansehen eingebracht, und doch habe ich den Verdacht, es hat etwas mit meinen Trinkgewohnheiten zu tun. Die Begeisterung für den Alkohol und die Begeisterung für die Phantasie sind sich sehr ähnlich.“

Fettmilch, Gernegroß und Schopp hießen die Räselsführer des sogenannten Fettmilchaufstands 1612 bis 1614 in Frankfurt am Main, in dem nackte Geldgier und unverhohlener Hass auf die Juden der Stadt sich miteinander paarten. Vinzenz Fettmilch wurde am 28. Februar 1616 in Aschaffenburg öffentlich hingerichtet, ihm wurden die beiden fettmilchSchwurfinger der Rechten abgetrennt, der Kopf abgeschlagen und sein Körper gevierteilt, bevor man ihn an den Galgen hängte. Das Haus Fettmilchs in der Frankfurter Töngesgasse wurde geschleift und eine Schandsäule an seinem Platz errichtet. Fettmilchs Kopf pflanzte man auf eine Eisenstange am rechtsmainischen Brückenturm, dort steckte er 185 Jahre lang, von 1616 bis 1801, als man den Frankfurter Brückenturm abriss. Goethe erinnert sich an den Anblick in „Dichtung und Wahrheit“, und durch seine Zeilen zittert der Schauder: „Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte. So oft man von Sachsenhausen nach Frankfurt zurückkehrte, hatte man den Turm vor sich, und der Schädel fiel ins Auge.“

„Niemand kann sich verstecken, wenn er kein Kind ist.“ Alissa Walser

Woran wir uns nicht erinnern

Der schöne Juli-Wind: Nach tage- und wochenlangem Regen und dem grauen Himmel scheint verhalten die Sonne, und es weht ein Wind, ah, frischer Westwind.

„I trust no emotion, I believe in locomotion.“ Wilco

Kind, das eine Fahrradpanne hat vor deinem Fenster. Gehst du hinaus zu ihm? Nein. Die Ruhe selbst, steigt es ab, überprüft, repariert, überprüft, steigt auf, steigt ab, überprüft, steigt auf, fährt, fährt weiter und davon. So warst du auch!

Wohin du auch gehst, nimmst du dich mit. Bleib stehen, und du lädst ab, was dir – an dir – zu schwer wurde. Freiheit, Freiheit, Freiheit! Aber der erste Schritt weiter lädt dich dir erneut auf deine Schulter.

Vorm Supermarkt wieder er, der mit den Bäumen spricht („He! Du Kastanie!“), den Briefkästen, Autos, Einkaufswagen, Gehwegplatten und Mülltonnenhäuschen und den Geldautomaten („Ha, da lacht er, der Automat! Ja, lach nur!“). Was willst du ihm sagen, hm? Viele Grüße!

Der Anschlag von Nizza – Ausverkauf der Barmherzigkeit. (14. Juli 2016)

Vereitelt, der angebliche Militärputsch in der Türkei, und der angebliche Präsident schwadroniert weiter, vermeintlich bestätigt, lässt er weiter verhaften und niederkartätschen.

Am Morgen die Amsel unter den Dotterblumen im Vorgarten – ihr Schnabel als Blüte.

Das Kind bringt einen Zettel nach Haus, auf dem als Gedächtnisstütze notiert ist: Streichquartett 15, op. 132. Eindeutig, das Kind hört Beethoven, den späten.

Und jeden Tag Regen: Juli 2016.

Der Klavierrestaurator zeigt mir hinter seiner Werkstatt seine kleine Wohnung und erzählt von den Bildern an den Wänden, von seiner Schwester und deren Gemälden, von seinem Vater und dessen Malerei, von Keramiken und Kindheitssommern auf Rügen. Eine Wohnungsführung, die kaum drei Minuten dauert, doch die ein wirklicher Rundgang ist, wie durch ein Klavier, voller verborgener Klänge, Holz und Bewegtheit. (Ottensen, 16.7.)

„Woran wir uns nicht erinnern, das hat nicht stattgefunden.“ Christoph Bangert

Foto: „Steps to nowhere“, Christoph Bangert, 2013, Naraha bei Fukishima

Das Sklett

Denk zurück an den Tunnel von Vereina. 22 Kilometer lang Dunkelheit, zusammen auf dem Rücksitz des Autos mit einem Dichterfreund, dem die Angst durch den Leib steigt. Der Autozug donnerte durch den Berg, und ich dachte, glücklich, das erleben zu können, an Peter Handkes „Die Wiederholung“, wo Filip Kobal durch genau so einen, nur etwas weiter östlichen Tunnel läuft, von Kärnten nach Slowenien, nicht Südtirol in Richtung Liechtenstein, und sich müde in eine Nische zum Schlafen niederlegt. Jedes Ding in der Nische erzählt ihm von sich. Krachend braust ein Zug an ihm vorbei, keinen Meter entfernt der Lärm des Lebens. Handke überträgt die unvergessliche Szene – oder hat sie deshalb überhaupt erdacht, vielleicht erträumt – auf sein Schreiben, den eigenen Tunnelblick dessen, der erzählt: „mein einziger Weg zu einer Menschheit ist es, den Dingen des stummen Planeten, dessen Häftling ich, Erzähler sein wollend – selber schuld! –, bin, die Augen eines mich begnadigenden Worts einzusetzen.“

Auf dem Bahnsteig sitzt in sich versunken ein Einarmiger und wirkt verzweifelt. In seiner Hand ein Beutel Tabak, „Samson“. Während es zu nieseln beginnt, dreht er sich unter dem Bahnsteigdach einhändig eine Zigarette. Nur ein einziges Mal in 33 Jahren Rauchen ist dir das gelungen.

Cos-Player: Versuch, die eigene Lieblingsfigur (die in ihrer Unwirklichkeit gefangen ist) nicht nur selber darzustellen, sondern mit Leben zu erfüllen. (4.7.)

Tiersinn – an der Dicke des Bluts dessen Süße zu erkennen.

Morgen die Abiturfeier deines Sohnes. Weißt du noch, seine bange Frage irgendwann, an deiner Hand: „Hat eigentlich jeder, ich meine wirklich jeder, in sich drin ein Sklett?“

„Jedes Arschloch ist anders“, sagt die fette Frau im Zug zu ihren Freunden, alle vier offenbar Mediziner. Sie erzählt von ihren ganz erstaunlichen Erlebnissen mit Paketkurieren und beim Einkauf. Ja, jedes Arschloch ist anders, schon anatomisch, Frau Doktor, aber auch jedes Antlitz. (Wittenberge, 9. Juli)

Wenn du künftig schwimmen gehst in der Ostsee, wirst du da nicht auch in der Asche deines Vaters baden?

Am Morgen nach dem Streit, bevor du das so elende wie triumphale Streitross deines Körpers aus dem Bett hievst, bringen sich die Worthülsen und Redewendungen in Stellung, die dir seit Jahrzehnten jedes Sprechen, jeden wirklichen Austausch verunmöglichen. Erbärmlicher Knecht.

„And I am so sensitive that I seem to be insane; even the stars in heaven discountenance me.“ John Cheever