Das Gras

Das Sklett

Denk zurück an den Tunnel von Vereina. 22 Kilometer lang Dunkelheit, zusammen auf dem Rücksitz des Autos mit einem Dichterfreund, dem die Angst durch den Leib steigt. Der Autozug donnerte durch den Berg, und ich dachte, glücklich, das erleben zu können, an Peter Handkes „Die Wiederholung“, wo Filip Kobal durch genau so einen, nur etwas weiter östlichen Tunnel läuft, von Kärnten nach Slowenien, nicht Südtirol in Richtung Liechtenstein, und sich müde in eine Nische zum Schlafen niederlegt. Jedes Ding in der Nische erzählt ihm von sich. Krachend braust ein Zug an ihm vorbei, keinen Meter entfernt der Lärm des Lebens. Handke überträgt die unvergessliche Szene – oder hat sie deshalb überhaupt erdacht, vielleicht erträumt – auf sein Schreiben, den eigenen Tunnelblick dessen, der erzählt: „mein einziger Weg zu einer Menschheit ist es, den Dingen des stummen Planeten, dessen Häftling ich, Erzähler sein wollend – selber schuld! –, bin, die Augen eines mich begnadigenden Worts einzusetzen.“

Auf dem Bahnsteig sitzt in sich versunken ein Einarmiger und wirkt verzweifelt. In seiner Hand ein Beutel Tabak, „Samson“. Während es zu nieseln beginnt, dreht er sich unter dem Bahnsteigdach einhändig eine Zigarette. Nur ein einziges Mal in 33 Jahren Rauchen ist dir das gelungen.

Cos-Player: Versuch, die eigene Lieblingsfigur (die in ihrer Unwirklichkeit gefangen ist) nicht nur selber darzustellen, sondern mit Leben zu erfüllen. (4.7.)

Tiersinn – an der Dicke des Bluts dessen Süße zu erkennen.

Morgen die Abiturfeier deines Sohnes. Weißt du noch, seine bange Frage irgendwann, an deiner Hand: „Hat eigentlich jeder, ich meine wirklich jeder, in sich drin ein Sklett?“

„Jedes Arschloch ist anders“, sagt die fette Frau im Zug zu ihren Freunden, alle vier offenbar Mediziner. Sie erzählt von ihren ganz erstaunlichen Erlebnissen mit Paketkurieren und beim Einkauf. Ja, jedes Arschloch ist anders, schon anatomisch, Frau Doktor, aber auch jedes Antlitz. (Wittenberge, 9. Juli)

Wenn du künftig schwimmen gehst in der Ostsee, wirst du da nicht auch in der Asche deines Vaters baden?

Am Morgen nach dem Streit, bevor du das so elende wie triumphale Streitross deines Körpers aus dem Bett hievst, bringen sich die Worthülsen und Redewendungen in Stellung, die dir seit Jahrzehnten jedes Sprechen, jeden wirklichen Austausch verunmöglichen. Erbärmlicher Knecht.

„And I am so sensitive that I seem to be insane; even the stars in heaven discountenance me.“ John Cheever

Hatsune Miku

Drei Lebensbeschreibungen gelesen – Schande, wie erbarmungswürdig mir seither die Gestalt des Andreas Gryphius erscheint! Aber hilflos, ohnmächtig ist doch in Wirklichkeit nur die wissenschaftliche, verwissenschaftlichte Biografieschreibung, die kein bisschen Leben, nichts Zweifelhaftes, kein Spucken, kein Äugen zulässt von dem vor 400 Jahren begonnenen Leben zwischen Glogau, Leiden, Glogau, Danzig, Glogau, Breslau, Glogau. Kein Bild von Andreas Greif – vom „Gryph“, wie der zackige Walter Jens ihn ewigbeflissen von oben herab nennt. Dennoch spricht gerade aus den frühen Sonetten deutlich der Jugendliche, der gestenreich ungestüme, zweifelnde und neugierige junge Mann. (27.6.)

„Magensäure“, sagt das Kind, „könnte in sieben Sekunden ein Fahrrad auflösen.“

Heute wieder Keats. Da in der Publikation von „Die Poesie der Erde ist nie tot“ neun leere Seiten zu bestücken sind, suche ich alte, bisher unveröffentlichte Sonettübertragungen heraus – vor 25 Jahren entstanden, so alt, wie Keats nur wurde. Ich muss schon da wie ein Bekloppter geschrieben haben, auch wenn es sich leichter anfühlte als heute (Trugschluss). Wer ist der, der das alles zusammenstückelte, tausende und abertausende Seiten? Ich fühle mich nicht identisch mit diesem „Mirko“. „That what I want I know not where to seek“, las ich heute in meiner fremden Handschrift von 1991. Und in einem Notizheft von 1988: „Der König ist entthront. Er hat immer nur gelogen.“ Damit konnte nicht Herr Erdogan gemeint sein, denn der war da gerade 34 und dabei, als die türkische Wohlfahrtspartei zur Tugendpartei wurde. Ich erinnere mich, dass der, der das damals notierte, an meinen oder seinen Vater dachte. Auch der hatte allerdings mit Wohlfahrt oder Tugend nichts am Hut.

Das Kind sagt, es freue sich auf die Vollnarkose. „Ich werde herausfinden, wie lange ich widerstehen kann gegen die Ohnmacht.“ (1. Juli)

Hatsune Miku Hatsune Miku hat Millionen Anhänger, es gibt Devotionalien jeder Art von ihr, sogar Ganzkörperkissen, die der verliebte Fan ins Bett mitnehmen kann. Hunderte haben Hatsune Miku bereits geheiratet, und jedem war und ist dies möglich, denn Hatsune Miku ist kein lebendiger Mensch, aber auch tot ist sie nicht, sie ist eine virtuelle Figur eines japanischen Software-Konzerns, die allerdings im Laufe von zehn Jahren eine Art künstlerisches Eigenleben entwickelt hat. Hatsune Miku singt, ihre Gestalt tanzt und schreitet über den Bildschirm, der in Bühnengröße über der Bühne aufgespannt ist, und tausende ihrer Anhänger hören ihr im Saal zu, schwenken ihre Smartphones und singen Hatsune Mikus Songs mit: „Tell your world“, „World’s end dancehall“ und „World’s end umbrella“.

Achte auf die, die zögern, „ich“ zu sich zu sagen. Sie suchen das Gespräch.

Ein gutes Projekt: sieben Jahre Gras.

Ein Schein, ein Scheinen, ein Schreien

„Ich hasse Tabletten!“, ruft das Kind. „Sie machen es nur schlimmer! Sie schmecken nicht! Sie sind nicht mal bunt!“

Das Licht, wie es durch das vielfältige Grün fällt – und die Vielfalt erst erzeugt? Das Licht ist der Sommer, nur ein Schein, ein Scheinen.

Seit drei Wochen brütet eine Ringeltaube in dem Jelängerjelieber-Busch, der bis zum Balkon emporgewuchert ist – und allmählich, fast, fasst sie Zutrauen. Es steht in ihren Augen, und sie zeigt sie dir, beide.

Schlagzeile am Morgen des britischen Referendums für den Austritt aus der EU: „Auf und davon in die Drachensaison!“

„Thank you for entertaining us“, sagt die Amerikanerin zu dem jungen Mann, der ihrem Gatten und ihr zwei Stunden lang im Zug Fragen stellte und aus seinem Leben erzählte, dann steigt sie aus. (Zürich, 24.6.)

Grillfest unter Kirschbäumen im Garten des Bürgermeisters. Über die Berge kommt mit Blitzen und Donnern ein Sommerunwetter, und einer am Tisch sagt: „Die Schwalben fliegen tief und wollen uns das wissen lassen.“ Du hörst das Hochwasser der Etsch vorüberbrausen. Die Kinder des Bürgermeisters räumen die Tische ab. Wir trinken Lagrein. Die Frauen sind alle schön in dem späten Sommerabendlicht, erst recht die über siebzigjährigen Damen mit dem Schmuck der ganzen bereisten Welt. (Glurns, 24.6.)

„Pündericher Bahndammschatten“, sagt der alte Dichter bei Tisch, „Fusel.“ Später, inzwischen gibt es guten Wein, erzählt er: „Als Österreich merkte, die Lombardei geht verloren …“ In seinen weißen Augenbrauen könnten Vögel nisten.

Der Rhein führt schmutziges Hochwasser. Gestern der Platzregen am Bahnhof, vor dem du in einen Imbiss voller Bauern und Busfahrer geflohen bist. Immer wieder die großen Blitze überm Vinschgau. Und am Abend, in der linden Sonne, kamen in zerfetzten Scharen Dohlen aus den Bergen herabgesegelt nach Glurns. (Basel, 26.6.)

Die alte Dame, ein greises Mädchen. Sie ist großzügig, warmherzig, neugierig. Sie erzählt, wie es war, Klaus Kinski zum Freund zu haben. „Ein schwieriger Mensch! Aber er war stets zur Stelle. Er war aufrichtig und zuverlässig.“ Kannst du das glauben? Tu’s.

Der Höhepunkt des deutschsprachigen Biografiegedichts, Günter Eichs „Dauthendey in Java“:

Die kahlen Rebhänge: Randersacker!
Oder der tropische Wald im Regengetropf?
Das Heimweh verwirrte sein kindliches Herz,
der Whisky den Kopf.

Ein williger Leib, javanisch braun.
Und er sann über Muschel und Stein.
Tagelang mochte er nichts essen
und wachte nachts auf und begann zu schrein.

Oboe

Schließ den Mund über der Oboe,
die weißen Töne strahlen
die Luftröhre hinunter
auf dein nacktes Herz.
Frühmorgens, am Tisch
die Milchjahre, eingetauscht
gegen die Angst der Hand vorm Papier,
Einen im Rücken, nah, dass er jede
Silbe zwischen den Zeilen errät.
Wortmulm, Eroberungen des Maulwurfs.
Wo denn ein Land finden, wie zwei Schritt weit
folgen einem Gedanken, da zurückmündet
in die Schuhspitzen der Meridian.
Schließ sie über der Oboe,
deine Lippen. Milch
fließt durch die Röhre, und
wir bilden einen Gesangkreis. Ich
tausche die Bissstellen
im Tisch gegen eine
geheime Musik ein, und du
komm, du komm einmal um die Welt.

Die Welt retten

Kleists Kohlhaas noch einmal. Wie damals die Verstörung, wie nah das Ganze in den Bildern Kafka ist. Diese furchtbaren Rappen. Ob nun Opfer, Streitgegenstand, verwahrlost oder durchgefüttert – die Abgründe des Gemüts als Pferde. Und diese ganzen abscheulichen Zufälligkeiten! Am schlimmsten aber ist Heinrich von Kleists erbarmungsloser Satzbau. Wer sonst hat das Übel des jedem Deutschen aufgepfropften Beamtentums so knallhart hingeschrieben? Das, Kleist, ist’s, ha!, woran, ja, Sie, ich, wir, wohl, ha!, noch alle stets zerbrechen.

Nach den Starkregenwochen stehen die Leute in kleinen Gruppen auf den Brücken und starren fassungslos auf die gewaltig unter ihnen hindurch brausende Isar. Braun, grün, schlammig, böse, gemein fließt der Fluss sonstwohin. Ah, trüge er uns mit sich fort in die lebendige Gegenwart! (München, 16.6.)

Nein, nein, nein!

Fast.

Wenn sich dein Vater kurz vor seinem Tod die Sterbeversicherung hat ausbezahlen lassen – wodurch alle (etwaigen) Kosten seiner (eventuellen) Bestattung auf seine Kinder übergingen –, was glaubst du da: dass er womöglich dachte, er würde ewig leben?

„Die Vielzahl der Formen bringt dich durcheinander und macht dich glücklich.“ John Cheever

Am Schluss eines Absatzes über Tennessee Williams, dessen Werken er nachsagt, sie hätten „eine Form, die wenige Hemmungen kennt und ihren eigenen Gesetzen folgt“, schreibt Cheever weder an sich selbst gerichtet noch an jemanden sonst: „Gut zu schreiben, leidenschaftlich zu schreiben, weniger gehemmt zu sein, wärmer zu sein, selbstkritischer zu sein, anzuerkennen sowohl die Macht als auch die Kraft der Lust, zu schreiben, zu lieben.“ (20.6.)

Die Illusion, die Welt, die ganze Welt retten zu können mit ein paar Handgriffen, tausend, hunderttausend wiederholten, den Anderen aufoktroyierten Handgriffen. Nichts als Eitelkeit. Die Welt – die es gar nicht gibt – braucht nicht gerettet zu werden, sie rettet sich selbst, eher als du dich versiehst. (23.6.)

Tiefe und Bewegtheit

Der junge Freund, noch keine 35, schreibt mir lang von seinem Leben an diesem Tag und weiß nicht oder hat vergessen – es ist auch egal –, dass ich Geburtstag habe. Eine große Freude! Später schreibt er, den ganzen Tag schon trinke er. (9.6.)

Goethe: Wer mit Kindern lebe, werde nicht älter. Pfff. Das Gegenteil trifft zu. Es sind die Kinder, die einen altern lassen – sobald das innere Kind gestorben ist. Auch davon, wie von einem Kindesmissbrauch, erzählt der Erlkönig.

Laut seinem Sohn Ben sagte John Cheever einmal, eine gute Seite Prosa könne nicht nur eine Depression heilen, sondern ebenso die Kopfschmerzen aufgrund einer Nasennebenhöhlenvereiterung – der Dichter als Heiler, natürlich, natürlich und verflucht!

Tiefe und Bewegtheit im Begriff „erhalten“: Du erhältst etwas, hältst es am Leben oder in Bewegung, und erhältst etwas auf der Stelle dafür zurück, bekommst etwas anderes – oder das Erhaltene!

„Wir äschern hier noch persönlich und einzeln ein“, sagt der Bestatter. Und er blickt zum Fenster hinaus, wo fleißig gestorben wird, und fährt fort: „Lassen Sie im Internet bestatten, und Ihr Toter wird mit zwanzig anderen nach Polen gefahren und dort kremiert. Wissen Sie dann, wen Sie zurückerhalten in Ihrer Urne?“

Wenn zutrifft, was Solschenizyn sagt, dass nämlich Gewalt nur durch Lüge verborgen werden kann – so wie die Lüge nur aufrechterhalten werden kann von Gewalt –, dann ist vieles, was wir Lüge nennen, keine Lüge. Die meisten sogenannten Lügen sind und machen gewaltlos, ja gewaltfrei und sogar friedfertig.

Endlich eine kräftige, wahrhaftige, ja philosophische Schlagzeile: WIE VIELE IDIOTEN SOLL DIESE WELT NOCH AUSHALTEN? Auf der Stelle fühle ich mich angesprochen.

Aus einem Kochbuch: „Möhren lieben Koriander!“

Es gibt Menschen, die sind nur auf der Welt, um zu vermissen. So einer bist du.

Was mir das Leben rettet, seit ich denken kann – oder denken muss –: Musik. Also ebenso Dichtung.

In Alis Schatten

In einem Gespräch, das Byron aufzeichnet und das sich um die Frage der Notwendigkeit von Liebesgedichten drehte, soll Shelley gesagt haben, er befürworte Hassgedichte, Hassgedichte müsse es ebenso geben, und gleich jetzt werde er beginnen, welche zu schreiben!

„Das Gras wächst, die Vögel singen, die Wellen spülen den Sand weg, ich verprügele Leute“ – Muhammad Ali ist gestern gestorben, 74 Jahre alt, wovon er sich 32 mit der Parkinson-Krankheit herumschlug. Ich erinnere mich an Nächte in meiner Kindheit und Jugend, in denen wir vorm Fernseher saßen, hundemüde, aber mit großen staunenden Augen, wenn im Ring Ali tanzte und das Aufbegehren sichtbar und fühlbar wurde.

Angesichts des Todes eines Despoten kannst du nur Traurigkeit empfinden – die der Erleichterung, dass schlussendlich jeder ein Mensch ist und jetzt ein Gespräch möglich sein wird: Tod meines Vaters. (4. Juni 2016)

„We have all of us one human heart“, schreibt William Wordsworth. Die Minzeblätter sind alle verrottet – braun, purpurn, schrumpelig, zerknittert, wie alte Haut, altes Leder, alte Taschen, in denen nichts mehr ist, wenn keiner sich erinnert an die Ausflüge, die Lokale, die Tische voller Gläser und Flaschen, das Gelächter, die Gärten. Die Minzeblätter sind auf den ersten Blick allesamt verdorben, erst gepflückt, gestorben, dann verdorben. Doch es ist anders – denn es gibt frischegrüne Triebe, fast Knospen, Minzeknospen, die mitten unter den Gammelblättern wachsen. Wie? Wozu? Da staunst du. Und sie staunen dir entgegen.

Denke: an das schöne flaschengrüne Fahrrad der Großmutter, mit weißen Reifen. Auf dem ich fliehen wollte aus der verhagelten Kindheit. Das dann jahrelang im Garten des Schulkameraden stand, zwischen zwei Häusern, immer sah man es, wenn der Bus an dem Häuserspalt vorbeifuhr, – bis der Freund, der keiner war, sagte, sie hätten es zum Sperrmüll gegeben. Denke: an die Großmutter, die einmal fragte: Mein Rad, wo ist das? In einem Spalt in meinem Gedächtnis.

Das sorglose Leben kehrt nicht zurück. Du musst lernen, musst lernen, mit den Sorgen zu leben, dein Auskommen haben mit den Sorgen, Keats würde vielleicht sagen: deine Sorgen willkommen zu heißen als eine Hälfte deines schönen Lebens. (7.6.)

Nie, sagt Joe Frazier, habe er sich größer gefühlt als in Muhammad Alis Schatten.

Musper

Die vielen bunten Blüten auf den Grasfeldern kurz vor Berlin – warum rühren sie dich? Ist diese Rührung oberflächlich, manirierte Emotion, oder reicht sie tiefer, ist Erinnerung? Ein Gegensatz? Jede Suche nach Wahrhaftigkeit oder Schönheit ist gefährlich, schreibt John Cheever. Und ich schreibe: Die Schönheit braucht keine Erklärung, und ich bin nicht der Archäologe meines Lebens, sondern der, der es zu leben hat. (Berlin, 29.5.)

Heute, mit einem Mal – unvermittelt? – nein –, die großen gelben Fußnägel des Vaters vor dir gesehen, der im Sterben liegt. Und das: manirierte Erinnerung, wohliger Schmerz?

„Musper“, sagte mein Sohn, als er klein war, Musper statt Muster.

Die Sprache seiner Mutter, die Staubsaugerspuren auf den Teppichen der Kindheit, der Jugend. Das Ordnungsmuster.

Jetzt, jetzt, jetzt!

Fast.

„Das Tier ist mein Versteck und die Buchstaben versuchen, mich wiederzufinden.“ Yoko Tawada

Schwimmendes Messer

In Greifswald ist ein freilebender Wolf fotografiert worden, der kein Wolf ist, weil er ein Goldschakal ist, der nur hunderte Kilometer weiter südlich noch „vorkommt“ – ein unmöglicher Goldschakal in einer Greifswalder Fotofalle. Viva Las Vegas!

In Österreich keine Goldschakale in Sicht. Aber man hat – oder glaubt, man habe! – den rechtspopulistischen Bundespräsidenten Hofer verhindert, mit 50,3 gegen 49,7 %. Immerhin. Ein kräftiges Vivat, Austria! Austria felix. (Fünf Wochen später werden „Unregelmäßigkeiten“ festgestellt, weshalb die Wahl wird wiederholt werden müssen.)

Ein Messer, das schwimmt. „Gebt mir ein schwimmendes Messer!“

Gegen das Kinderzimmerfenster gebrettert: zwei junge Meisen, seit gestern flügge. Taumelten das Glas runter und hockten dann schwer keuchend, im Glasscheibenschock, auf dem Sims, bis die Mutter aus der Douglasie trötete. Erleichtertes, zu Luft gekommenes Zurückflöten. Ja, wir leben. Ja, wir sind noch da! (25.5.)

Aufgabe, sagt Papst Franziskus: „den Mitmenschen zu geben, was ihnen wirklich fehlt.“

Die Allgegenwärtigkeit des Unsichtbaren!

Das Stofftier in der Erde. „Ich musste mein Stofftier begraben!“

Ein Bewegen und Verschieben

Jede Stunde untersucht jetzt einer die Container auf dem Parkplatz, sucht wonach, Verwertbarem? Ist das die Grenze der Poesie? Nein. Im Grunde ist es der Beginn. Einer hängt sich hinein in den Altkleidercontainer, bis nur noch seine Unterschenkel und beschuhten Füße herausRAGEN. Seine Familie steht derweil im Halbkreis vor dem Container und beobachtet Papi bei der Arbeit. Ihr Lächeln, ihr Lachen, ihr Klopfen auf den Hintern des in der Tonne hängenden Vaters. Und ihre Anerkennung, wenn er Dinge hervorfischt, die keiner von uns für möglich hielt. Ein anderer fischt Blätter aus dem Altpapiercontainer, die er lesend davonträgt – ein Leser. (19.5.)

„Wir sind alle verletzt“, sagt Peter Handke im Radio, in einem Feature über Hermann Lenz, dessen Vergessenwerden er nicht verhindern konnte.

„Everyone is a burning sun.“ Wilco

Wandspruch, mitten im Einkaufsdorf: „Lebenswert – geheuchelt“.

Schluss des Auftakts von Hermann Lenz’ Roman „Verlassene Zimmer“, mit dem er 1966 seine Eugen-Rapp-Saga beginnt: „Dies geschah in einem Weingärtnerdorfe gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts und war nicht mehr als ein Bewegen und Verschieben weniger Minuten, in das die Weite hineinreicht, die unermeßlich bleibt.“

Kleines Mädchen mit Plastikblüte im Haar fragt dich: „Wen suchst du?“ Dass du dein Kind suchst, antwortest du, und das Mädchen fragt, wie dein Kind aussehe und warum du es verloren hast. „Ich kenne dein Kind“, sagt das Mädchen. „Es ist eins von denen, die mich behandeln wie Luft.“ – „Wie Luft?“ – „Dein Kind hat zu mir gesagt, ich habe Augen aus Glassplittern.“ Du sagst dem Mädchen, dass dein Kind soetwas nie sagen würde. Aber es glaubt dir nicht. „Ich habe es gesehen!“ (Stellingen, 22.5.)

Einhelligkeit der Dohlen

Fast haben wir es gesehen, das Licht,
Flackern, wie es den Blitzen vorausgeht,
fast war es ein leuchtendes Stocken, oben
am Himmel, über den es da so zuckte,
mit seinem magnetischen Laub
fast ein elektrisches Geäst.
Als die Stille und die Ruhe dann
fast wiedergekehrt waren, haben wir sie
gehört, nahezu alle, die Vögel, die Dohlen,
fast glaubte ich, es werden Krähen sein,
nur wenn, dann wie zersprengte, denn
fast wirkten sie einzelgängerisch,
wie sie in Pulks, so als wäre
oben in kühler Luft ihr Schwarm
fast zerrieben worden, herabtrudelten
ins Tal mit dem Gasthof zum grünen Baum,
fast als hofften sie bei uns Zuflucht zu finden,
ja als meinten sie uns! Wir blickten einander
wie Liebende in die Augen. Ergreifend war,
fast zu schön, die Innigkeit mit den Dohlen,
Einhelligkeit mit ihrem schwarzen Blitzen,
das zerplatzt war jenseits der Blicke,
fast aber war es Reden mit uns,
das Licht, die Stille, der lange Tag.
Fast war er zu Ende, und es war gut,
zum Schluss beinahe glücklich,
fast ein glücklicher Tag.

Für Antje Landshoff-Ellermann

Licht über dem Fluss

Die einzige „Wirkliche Alternative für Deutschland“ (WAfD): endlich Schluss zu machen mit der Hartherzigkeit, der Habgier und dem angstgesteuerten Zerstören. (8. Mai.)

Wundervoll und im besten Sinn eigentümlich, Lars Gustafssons poetischer Witz: „Mitten in den Hochsommernächten kann man das unbeschreibliche Schluchzen des Luchses von der anderen Seite des Tales hören. (In der Nacht, als die ersten Astronauten den Mond betraten, übertönten die entsetzlichen Klagelaute des Luchses vom Waldrand her die rasselnden metallischen Radiostimmen aus einer anderen Welt.)“

Wenn ein Paar über Jahre zuverlässiger Stiefel kaputtgeht, was geschieht mit den Wegen und Strecken, die sie an deinen Füßen zurückgelegt haben? Nichts, natürlich. Glaubst du das? Ist es müßig, darüber nachzudenken? Ja, müßig, und wie!

Die Grausamkeit so vieler Frauen, oft älterer, im Gespräch untereinander oder, deutlich, mit jüngeren. Konversation, um vor den Kopf zu stoßen. Sieh mich an, was aus mir geworden ist – so wirst auch du aussehen! (Mundsburg, 9.5.)

Der neue Roman, so wird er heißen, ich habe es Gryphius zu verdanken: „Lichter als der Tag“.

André Heller erzählt, wie er John Lennon über den Wiener Zentralfriedhof führte, 1968. Am Grab von Franz Schubert habe Lennon einen Schnürsenkel aus dem Schuh gezogen und ihn auf Schuberts Grabplatte gelegt. Zusammengerollt? Oder wie eine Schlange?

„What would you be without wishful thinking?“ Wilco

Im Licht über dem Fluss spielen die Jungs Kanu-Wasserball. Auf ihren Rollern preschen die Mädchen durch den goldenen Wald. Überall Säuglinge und Dalmatiner.

Jacques Hnizdovsky. Keats on Board the Maria Crowther, September 1820 (1985) Im Zuge des Schreibens an deinem Keats-Vortrag – so viele Erinnerungen, viele Tränen. Keine Sätze außer denen Trakls haben dich so bewegt, beschäftigt und geprägt. Die Briefe, die Gedichte. Bis in die Silben hinein. Die unermesslichen Bilder. Suchst du nicht seither nach nur im Ansatz ähnlich inniger Lektüre?

Bild: Jacques Hnizdovsky, „Keats an Bord der Maria Crowther, September 1820“ (Holzschnitt, 1985)

Wach’ auff mein Hertz!

An Bord der „Kruzenshtern“ im Hamburger Hafen – wie lange hast du dir das schon gewünscht! Fast scheint es so, als hättest du als Junge in irgendwelchen nichtswürdigen Modellbausatzläden gewusst, es kommt ein Tag, in 40 Jahren, da stehst du staunend unter diesem Mast. „Spassibo!“, sagst du zu einem jungen Matrosen, einem Schlaks aus Murmansk oder Omsk, und er blickt dich an mit müden Lidern: „Do swidanja.“

Aus dem Nebeneingang der Videothek kommen ein Fettwanst und zwei schmale Dalmatiner an seiner Leine. Pornografie?

Auch – gerade – ein vergesslicher, ein dementer Tyrann bleibt ein Despot. Vergib ihm. Aber vergiss nie. (7.5.)

Hans Küng schreibt in seiner so anschaulichen Prosa über Andreas Gryphius: „Mitten in einer Orientierungskrise großen Stils, in der alle Maßstäbe und der Sinn des Lebens abhanden zu kommen drohen, will dieser vielseitige Mann praktischer Politik als engagierter, gelehrter Dichter ohne Lamento und falsches Pathos in hochpoetischer Form eine christliche Orientierungshilfe bieten: nicht neue theologische Theorien, sondern einen neuen Sinn, neue Maßstäbe, eine in christlichem Glauben verankerte Praxis: was Nachfolge Jesu Christi auch in einer Notzeit ganz praktisch bedeutet.“ Küng zieht Vergleiche zu seiner Zeit, der Aufsatz „Religion im Bann der Reformation“ erschien 1985, doch scheint sich mir kaum etwas Wesentliches seither gewandelt zu haben, auch wenn sich das neue Paradigma, von dem Küng spricht, mittlerweile durchgesetzt und etabliert hat, Globalisierung und Internet nämlich: „Vielleicht ist es diese merkwürdige Mischung aus Krisenwahrnehmung und unerschütterbarem Gottvertrauen, was uns, die wir in einer ähnlichen Krise des Übergangs zu einem neuen Paradigma stecken, diesen Gryphius nah und fern zugleich macht, was in uns zugleich Zustimmung und Distanz wachruft. Ja, Zustimmung immer wieder – liest man die Texte – zur Beschreibung der ganze Ungesichertheit unseres Lebens, all der Angst, Furcht und Sorge. Zustimmung zur Beschreibung der Krisen der Zeit. Zustimmung zur Benennung der Tatsache, daß unser Leben vor Gott letztlich eitel ist, vergänglich, verwehen wird wie Rauch vor starken Winden. Zustimmung also dazu, daß die Gryphiussche Gläubigkeit mit der Wahrnehmung von Krisen zusammengeht und nicht unter Absehen von all den tausendfältigen Bedrohungen zu denken und zu leben ist. Hier ist dieser Mann uns nahe, weil auch wir wieder in einem ,Zeitalter der Angst‘ leben und den apokalyptischen Untergang sogar als technische Möglichkeit kennengelernt haben. – Zustimmung, ja, und doch auch Distanz. Distanz dazu, daß die Krisendiagnose, die Angstwahrnehmung und Bedrohungsanalyse des Gryphius nur mit radikaler Weltabwertung zusammengeht, daß die Hoffnung auf Gott mit der Düsterkeit gegenüber der Welt erkauft werden muß.“

Andreas Gryphius
Vanitas! Vanitatum Vanitas!

1. Die Herrlikeit der Erden
Mus rauch aschen werden/
Kein fels/ kein ärtz kan stehn.
Dis was vns kan ergetzen/
Was wir für ewig schätzen/
Wirdt als ein leichter traum vergehn.

2. Was sindt doch alle sachen/
Die vns ein hertze machen/
Als schlechte nichtikeit?
Waß ist der Menschen leben/
Der immer vmb mus schweben/
Als eine phantasie der zeit.

3. Der ruhm nach dem wir trachtẽ/
Den wir vnsterblich achten/
Ist nur ein falscher wahn.
So baldt der geist gewichen:
Vnd dieser mundt erblichen:
Fragt keiner/ was man hier gethan.

4. Es hilfft kein weises wissen/
Wir werden hingerissen/
Ohn einen vnterscheidt/
Was nützt der schlösser menge/
Dem hie die Welt zu enge/
Dem wird ein enges grab zu weitt.

5. Dis alles wirdt zerrinnen/
Was müh‘ vnd fleis gewinnen
Vndt sawrer schweis erwirbt:
Was Menschen hier besitzen/
Kan für den todt nicht nützen/
Dis alles stirbt vns/ wen man stirbt.

6. Was sindt die kurtzen frewden/
Die stets/ ach! leidt/ vnd leiden/
Vnd hertzens angst beschwert.
Das süsse jubiliren/
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

7. Du must vom ehre throne
Weill keine macht noch krone
Kan vnvergänglich sein.
Es mag vom Todten reyen/
Kein Scepter dich befreyen.
Kein purpur/ gold/ noch edler stein.

8. Wie eine Rose blühet/
Wen man die Sonne sihet/
Begrüssen diese Welt:
Die ehr der tag sich neiget/
Ehr sich der abendt zeiget/
Verwelckt/ vnd vnversehns abfält.

9. So wachsen wir auff erden
Vnd dencken gros zu werden/
Vnd schmertz/ vnd sorgenfrey.
Doch ehr wir zugenommen/
Vnd recht zur blütte kommen/
Bricht vns des todes sturm entzwey.

10. Wir rechnen jahr auff jahre/
In dessen wirdt die bahre
Vns für die thüre bracht:
Drauff müssen wir von hinnen/
Vnd ehr wir vns besinnen
Der erden sagen gutte nacht.

11. Weil uns die lust ergetzet:
Vnd stärcke freye schätzet;
Vnd jugendt sicher macht/
Hatt vns der todt gefangen/
Vnd jugendt/ stärck vnd prangen/
Vndt standt/ vndt kunst/ vndt gunst verlacht!

12. Wie viel sindt schon vergangen/
Wie viell lieb-reicher wangen/
Sindt diesen tag erblast?
Die lange räitung machten/
Vnd nicht einmahl bedachten/
Das ihn ihr recht so kurtz verfast.

13. Wach‘ auff mein Hertz vndt dencke;
Das dieser zeitt geschencke/
Sey kaum ein augenblick/
Was du zu vor genossen/
Ist als ein strom verschossen
Der keinmahl wider fält zu rück.

14. Verlache welt vnd ehre.
Furcht/ hoffen/ gunst vndt lehre/
Vndt fleuch den Herren an/
Der immer könig bleibet:
Den keine zeitt vertreibet:
Der einig ewig machen kan.

15. Woll dem der auff ihn trawett!
Er hat recht fest gebawett/
Vndt ob er hier gleich fält:
Wirdt er doch dort bestehen
Vndt nimmermehr vergehen
Weil ihn die stärcke selbst erhält.

(1650)

Der arme Teufel auf der Anhöhe

Alle 53 Minuten tötet sich in meinem Land ein Mensch selbst. Ich weiß, warum ich den Begriff „Gesellschaft“ so lange schon für verlogen halte.

Zum Glück ist das Meiste nicht von Goethe.

Ein Rüsselkäfer auf deiner Hand. „Na, wohin des Wegs, du blaue Schönheit?“ (Duvenstedt, 1. Mai)

„Everybody wants a piece of you, a piece of you to burn.“ Gun Club

Ein Hemd aus dem Hause Dornenbusch.

Eine der abgründigsten und zugleich bewegendsten Romanpassagen las ich kürzlich in Elisabeth Edls Neuübersetzung der „Madame Bovary“. Flaubert beschreibt Emma Bovarys Kutschfahrten nach Rouen, wo sie ihren Liebhaber trifft, in Wirklichkeit aber aus der verhassten Enge ihres Lebens oder ihrer Existenz hinauszureisen versucht. Auf einer Anhöhe lässt man die Pferde rasten, und dort, zwischen den Postkutschen, drückt sich „ein armer Teufel“ herum, mit einem tellergroßen Biberfellhut, der notdürftig verbirgt, dass der Alte blind ist und „anstelle der Lider zwei klaffende blutige Höhlen“ hat. „Das Fleisch franste in roten Fetzen; und Flüssigkeiten sickerten heraus, die als geronnene grüne Krätze bis zur Nase reichten, und die schwarzen Löcher schnieften krampfhaft.“ Der Arme Teufel singt ein Liedchen, während er den Kutschen nachrennt: „Wenn erst die heißen Tage kommen, träumt manch Maid von Liebeswonnen.“ Alles gerät in Bewegung. Die berühmte Droschkenfahrt, auf der Emma und Léon hinter zugezogenen Vorhängen sich stundenlang durch Rouen fahren lassen und der Vorstellung des Lesers und der Leserin überlassen bleibt, was zum Teufel sie dort im Dunkeln so lange machen, wird gespiegelt und zersplittert, wenn Flaubert beschreibt, wie Emma in der über das platte Land jagenden Postkutsche sitzt und mit einem Mal der Arme Teufel auf das Trittbrett springt und sich heulend außen festklammert: „Seine Stimme, anfangs schwach und wimmernd, wurde schrill. Sie gellte durch die Nacht wie das unbestimmte Wehklagen einer dunklen Verzweiflung; und durch das Gebimmel der Schellen, das Gesäusel der Bäume und das Gedröhn des hohlen Kastens bekam sie etwas Fernes, das Emma verstörte. Es drang tief hinab in ihre Seele, wie ein Wirbelwind in einen Abgrund, und trug sie fort zu den Weiten grenzenloser Melancholie.“

Hinter dem Haus, am Bahndamm, steht in der Sonne der Imker und schreibt in sein Bienenheft.

Diese prächtigen Mai-Tage, die linde Wärme, das volle Licht – so ist das Wetter der Erinnerung.

Umarmen sollten wir einander, immer von neuem, bei jeder Gelegenheit, umarmen, umarmen, umarmen. „Sei umarmt!“ – „Ah, lass dich umarmen!“ – „In meine Arme!“ Jeden. Ohne Ausnahme. Würde nicht der Tod sterben?

Die freie Weite

Es gibt niemanden, der ist wie du. Hör auf, nach ihm zu suchen.

Smiling – crocodiling!

In Igls oberhalb Innsbruck steht am Berghang Schloss Hohenburg, wo Georg Trakl 1913 / 14 Asyl fand und einige seiner schönsten Gedichte schrieb. Von der „mondeshellen Sonate“ und der „Silberstimme des Windes im Hausflur“ schreibt er in „Hohenburg“, und „Abend in Lans“ schließt mit der Pracht eines syntaktischen Rätsels: „Die Nacht und sprachlos ein vergessenes Leben. Freund; die belaubten Stege ins Dorf.“ Ins Nachbardorf Lans führt der Fußweg von Igls aus über die Berghänge an Bächen und Scheunen vorbei, noch heute, auch wenn längst ein Golfplatz die freie Weite verschandelt. Unterhalb der Burg ist alles zugebaut, ich sah es auf den ersten Blick: 1986 war ich zuletzt hier, viel zu lang her, um Dauerhaftes erwarten zu können. Eine Anwohnerin scheint die Zerbauung der Wiesen und Hänge erst zu bemerken, als ich erzähle, wie es vor 30 Jahren hier oben aussah. (Innsbruck, 22.4.)

In der Innsbrucker Landesmusikschule, dem Konservatorium, probt im großen Saal das Orchester. Hier fand Trakls einzige öffentliche Lesung statt, 103 Jahre ist es her, und Trakl, hieß es, „las leider zu schwach“, doch in Wahrheit, ja, las er zum Glück leise und monoton, dunkel und beinahe unhörbar, so wie fast alles Bedeutsame leise, monoton, dunkel und so gut wie unhörbar ist. Den Dirigenten verwundert meine Anwesenheit, wie mich ja auch. Ich höre eine Musik, die 1913 hier spielte und seither hier spielt.

Auf den Feldern rings um Wien blüht der Raps.

„Das einzige Heilmittel gegen die Verzweiflung des Schreibenden“, sagt der alte Dichter, „ist das Weitermachen.“

Hagelschauer, und noch einmal Schnee. Die Hagebutten sind schwarz geworden. (24.4.)

Über Tränen sprechen

„Du hörst auf, oder du wirst tapeziert“, sagte ich zu dem schreienden Tier, das mir die Ruhe raubte. Aber das Tier greinte, als gäbe es mich nicht, und es hatte recht.

Slogan: „Sehen – Kritzeln – Kunsthalle.“

„Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen?“ Jacques Derrida

Erst heute erfahren, Mitte April in diesem Totenjahr: Am 26. Februar ist der wundervolle Übersetzer und Literaturvermittler Karl Dedecius gestorben. Durch ihn habe ich die Gedichte Tadeusz Ròżewiczs kennengelernt, und plötzlich, wenig später, wahrlich ein „Beginn der Lichtung“, Gennadij Ajgi – tektonische Plattenverschiebungen meines poetischen Verständnisses. Wie merklich sich mein ganzes Gemüt beim Lesen von Dedecius‘ Übertragungen neu ausrichtete! (12.4.)

„Ich bin ich selbst da, wo ich mich nicht mehr hinter einem objektiven Standpunkt zurückziehe, den ich lediglich repräsentiere – da, wo weder ich selbst noch die Existenz eines andern mehr Objekt für mich werden kann“, schreibt Karl Jaspers und schrammt damit entlang am Problem der Unwirklichkeit. Man – ich? Ja, jetzt – vergleiche mit diesem verzweifelten Festhalten an der Ich-Konstruktion Keats‘ Entwurf von der Dichterexistenz: Für ihn ist sie ich-los.

„In der Bindung des Menschen an sein Leben gibt es etwas, das ist stärker als alles Elend der Welt.“ Albert Camus

Ich erinnere mich, wie erlöst und zugleich erleichtert ich war, als ich vor 25 Jahren begann, John Keats‘ Briefe zu lesen: „Der Genius der Dichtung muss seine Erlösung in einem Menschen selbst erwirken. Er kann nicht reifen durch Regel und Maxime, sondern nur in sich selbst durch Empfindung und Achtsamkeit – was schöpferisch ist, muss sich selbst erschaffen.“

Der Wunsch, tot zu sein, ist er nicht schon der Anfang vom Sterben?

Nein, dieses Werk hier ist keine Maschinerie. Es fügt sich nicht ein. Weder funktioniert es noch lässt es sich funktionalisieren. Es wirft nichts ab. Kein Zweck, kein Nutzen! Hier wird niemand unterhalten. Spaß ist in diesem Werk ohne jede Bedeutung. Hier sind Fehler willkommen, und der Zweifel ist sein Antrieb. Leisten Sie sich etwas anderes. Gehen Sie weiter. Lesen Sie, was sie wollen, aber nicht, was ich hier für nichts fabriziere als das Gedächtnis, das sich zu verschwinden anschickt.

Tote, vor Rührung weinend

Peter Handke über den Zusammenhang von Liebe und Tod: „Die nachhaltigsten Lehrer: die Momente der Liebe“, schreibt er in der „Baumschattenwand“. „Wenn du nicht liebst, pack ein!“ Und gleich darauf: „Wenn du nicht liebst, weg mit deinem Körper! Liebloser – Selbstmörder ohne dein Zutun!“

Mit Einbruch der Dunkelheit ließen sie die elektrischen Eifersüchte hinunter.

Du hast nie zu jemandem dazugehört – eine deiner wenigen guten Eigenschaften. (Lyon, 2. April)

„Die mir am meisten gemäße Form des Selbstmords ist, wie es scheint, das Leben“, heißt es in Imre Kertész‘ „Galeerentagebuch“.

Erinnerungen kommen taumelnd näher und schlagen mit den Flügeln gegen die Scheiben: Lars Gustafsson ist gestorben, er wurde 79, heißt es, aber ich weiß, dass er zugleich noch immer sieben war und BLEIBT. „Wir geben nicht auf. Wir fangen noch mal von vorne an“, lautet sein Schlachtruf in „Der Tod eines Bienenzüchters“, ein Buch wie aus Licht. (4.4.16)

Die Statistin an der Oper erzählt vom schönsten Erlebnis ihres Lebens: Als Tote mit offenen Augen lag sie anderthalb Stunden lang auf der Drehbühne und fuhr im Kreis, immer im Kreis, und weiter, und weiter im Kreis am Publikum vorbei, und ihr kamen die Tränen bei den großen Arien, die die Sänger anstimmten, während sie eine Tote war, die vor Rührung weinte.

„Hier ist es“, schreibt der Freund zu seiner Widmung in den neuen Gedichtband, an dem er drei Jahre lang schrieb, in der getakteten Enge des Alltags. „Und nun?“ – der Weg zählt, das Werden, das Verändern. Das Hergestellte, Fertige, das „Produkt“ kann nur den Verbraucher kümmern. Und weiter!

Der Schmerz interessiert, nicht die Diagnose

Halb verglühte Sonne, die Videothek im Viertel, in der Tag für Tag dieselben vier, fünf, sechs Gestalten stehen. Ihr Leben dreht sich langsam, stetig hinein in das verlöschende Feuer aus Filmen und Bier.

„Wir alle sind in unserer Haut zu lebenslanger Einzelhaft verurteilt.“ Tennessee Williams

Im März die Gärten aus Rauch.

Imre Kertész ist gestorben. Er sei der Kranke, schrieb er. Ihn interessiere der Schmerz, nicht die Diagnose. (29.3.2016)

„Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden.“ Shakespeare, „Romeo und Julia“

Emma Bovarys Blicke durch die verschiedenfarbigen Scheiben eines bunten Glasfensters auf die sich jeweils verändernde Landschaft – blau, gelb, grün, rot und weiß – von Flaubert gestrichen. Wie in so vielem ist der Roman auch an dieser so besonderen Stelle zurückgenommen und eingekürzt, und gerade hierin liegt seine zeitlose Noblesse und ergreifende Schönheit.

Erneut grässlicher Tieralb: In den Gängen und Korridoren gesunkener Schiffswracks leben früher menschengroße, inzwischen fast pferdegroße tiefrote Allesfresserfische, flossenlos, platt, blutend, ohne Augen, nur Leib, Angst und Verdauung. (Genf, 1.4.)

Das Zaudern und der Zorn

Der Winter ist vorbei. Dein Fahrrad weiß es.

Dein Verletztsein, sobald du jemanden verletzt – und wenn nur in seiner Selbstgerechtigkeit.

„Wie zur Ruhe finden? Durch Irrtum und Irrtumsbetrachtung.“ Handke in seinem neuen Journal (2008)

Der Schlafprofessor!

„Im Zweifel für die Bitterkeit und meine heißen Tränen. Im Zweifel für das Zaudern und den Zorn. Im Zweifel für den Zweifel. Und die Unfassbarkeit.“ Tocotronic

Eine Katze, die 20 Jahre lang lebt, verbringt davon 15 schlafend.

„War, children, is just a shot away“, höre ich am Tag der Terroranschläge von Brüssel die Stones singen zu Beginn von „Gimme Shelter“ – wo es am Ende heißt: „I tell you sister, love is just a kiss away, just a kiss away, just a kiss away, kiss away, kiss away.“ (22. März 2016)

Der Sturm nach der Ruhe.