Im „Pavillon am Ententeich der Mandarins“ schläft ein dicker halbnackter Alter auf dem angewinkelten Ellbogen, lächelnd, vor sich sein auf ihn wartendes Elektrofahrrad.
Im Zhongshan-Park dringt ein ohrenbetäubend schrilles Knarren aus den Platanengeästen, das von Vögeln, Vogeljungen, herzurühren scheint, aber von tausenden unsichtbaren Zikaden stammt. Ihr Geknarre schrillt an gegen den nicht zur Ruhe kommenden Lärm der Stadt, der den Park umtost – und es führt eine seltsame, durch und durch gehende Stille mit sich, in der unter den Bäumen die Leute auf Bänken sitzen und lesen, sich unterhalten oder ihre Qigong-Übungen machen. Zikadenwogen – ein meerlautes Branden zieht in der Dämmerung stadteinwärts durch die platanenbestandenen Straßen (8. September).
Querfeldeinwandern – umdrehen – querfeldauswandern
Die betörend schöne Sopranstimme, die durch den Park schallt – vor einem Fernseher stehend, in dem zu Kriegsbildern Karaoke-Untertitel laufen, singt nach Feierabend ein Beamter.
„Straßen in Shanghai // … Ich bin umgeben von Schriftzeichen, die ich nicht deuten kann, ich bin durch und durch Analphabet. / Doch ich habe bezahlt, was ich mußte, und habe für alles eine Quittung. / Ich habe viele unleserliche Quittungen gesammelt. / Ich bin ein alter Baum mit welkem Laub, das noch dranhängt und nicht zu Boden fallen kann. // Und ein Hauch von der See bringt all diese Quittungen zum Rascheln …“ (Alsterdorf, ein paar Tage vor dem Flug nach China, 1. – 3.9.)


