Fünf Stimmen

„It’s never over (Hey Orpheus)“ Arcade Fire

„In welcher Welt lebst du eigentlich?“ – „Ich?“ – „Ja. Wer denn sonst?“ – „In der Ich-ich-ich-Welt?“

Jeder Text, den du geschrieben hast, und zum Glück noch jeder, den du schreibst, hat eine eigene Stimme. Jeder ein Lied, unverwechselbar, das zuerst (zunächst!) nur du hörst. Du lauschst ihm nach. Versuchst, es hörbar werden zu lassen auch für andere. Und in der Entscheidung, ob das gelingt, ob es ankommt, liegt schon eine Begegnung, denn der Text, sein Lied und du, ihr entscheidet gemeinsam (31.10.).

„Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf.“ Lars Gustafsson

Eine Hineinforderung

Herbstorkan, ein merkwürdig warmer Sturm. Oben im Dorf hat eine umgestürzte große Pappel einen Opel unter sich begraben. Rasselndes Licht auf dem quer über die Straße gebreiteten Laub, ein rotierendes Blinken, als nähme der sterbende Baum das Blaulicht vorweg. Teenager fotografieren das Unglück mit ihren Smartphones. Hin und her peitschende Rispen im Lichtgeflirr. Und auf dem Balkon setzt das Tier den riesigen braunen und gelben Faltern nach, die von den Bäumen stürzen und so flink sind, dass sie nie und nimmer Blätter sein können (28.10.).

Eine Herausforderung: Heißt das, mich fordert etwas heraus, oder fordere ich etwas heraus? Woraus denn? Fordert etwas mich nicht viel eher hinaus? Eine Hinausforderung. Komm raus und stell dich! Stell dich, wenn du kannst, mir entgegen. „Fodern“, wie Schiller unbeirrbar schreibt, als hätte er einen blinden r-Fleck. Bleib, wo du bist. Wo du bist, dort bleib. Eine Hineinforderung.

Wo sind alle hin?

Im Herbstlicht liegt die geleckte Industriestadt am Mittellandkanal verlassen da. Die vier Schlote, ratlos ragen sie in den blauen Himmel. Wo sind alle hin? Leere Straßen Hitlers. Leere Bahnsteige. Leeres Museum. Alle in der Schule, alle in der Fabrik, Autobau lernen, Autos bauen. Eine gelbe Ahornbaumkrone rauscht im Wind, und ich scheine der Einzige, der ihr zuhört und sich wundert (Wolfsburg, 24.10.).

Das hübsche Mädchen, das vorbeigeht und nicht sieht, was rings geschieht (ich) – denn sie liest im Gehen, ja im Gehen (ein Buch), das Gehen ist nämlich ein Buch.

Der Bienenzüchter und sein Blindenhund

„Ehe, Berufsleben, ach Gott! All das versinkt, als wäre es eine Lappalie, eine kurze Episode, alles, was eben noch die ganze Welt erfüllte und mich in den Nächten manchmal mit Grübeleien wachhielt. All das wird nur zu einer Episode in einer viel wichtigeren Erzählung, in der die Kindheit bisher das einzig wirklich starke Kapitel ist.“ (Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters)

Der Blindenhund, der während der Chorprobe von Tasche zu Tasche und Rucksack zu Rucksack tappt, um alles Essbare daraus verschwinden zu lassen: einen Apfel, eine Karotte, Kekse. Der Blindenhund, der alles wehrlos Essbare unsichtbar werden lässt.

Von Plauen nach Nauen, von Guben nach Nuben

Wie oft fahre ich diese Strecke, im Schreckenszug von Hamburg nach Berlin und retour, dreißig, vierzig Mal im Jahr? Und das zwangsweise. Die öde Weite Mecklenburgs, darin die halb weggerissenen braungrauen Ortschaften, nicht Orte, alle mit erfundenen Namen, Plauen, Nauen, Guben, Nuben, Dassow, Sassow. Und immer wieder sehe ich aus dem Fenster wie hinein in einen rasend ablaufenden Traum und rauscht das Ungeheuer der Bahn mit seinen darin herumspukenden Mitarbeitern soeben durch einen zur Hälfte abgetragenen Weiler, wo Wracks von Wartburgs und Ladas in Vorgärten verrotten, die ich noch nie gesehen habe. Ganze Felderebenen unter Wasser. Oder, was hier dasselbe ist, voller Mais. Und das Ich dreht sich verschämt ins Man. Man denkt, man kennt hier jeden Busch, jedes vom Ostfrost halbblinde Schaf. Nichts da. Paulinenaue. War das gestern noch Plauen? Und plötzlich bricht der Zug durchs gläserne Schrebergärtenportal von Spandau, und wieder sind zwei absurde Stunden Leben dahingebracht.

Warme Schlange

Fleetwood Mac in concert. Lindsey Buckingham allein auf der Bühne spielt auf der Akkustikgitarre „Looking out for love“, als wäre er nicht 60, sondern 20, und ist nicht 60, sondern 20. Und Stevie Nicks braucht lange, bis ihre Stimme zu ihr findet, warme Schlange, dann aber ist sie jung und alt zugleich, mitten ins Leben gezaubert als Musik, zeitloses, atmendes Instrument (Berlin, 16.10.13).

Mit der Stiftlampe

Nach dem wochenlangen Rummel: plötzlich der Eingang, und ihn genutzt und verschwunden ins Schreiben einer Erzählung. Wie wunderbar, das ruhige Hinwachsen der Sätze, das langsame Gestaltannehmen des Ziels, das Gespräch der Figuren, die aus dem vermeintlichen Nichts auftauchen – wie aus dem Schneetreiben (15.10.).

Das Mädchen in der U-Bahn mit der am Kopfhörer befestigten Stiftlampe: Möchte es ein Roboter sein? Hat so schöne Augen.

Der Grund, in einen See zu springen

Auf dem kalten Bahnsteig steht abseits ein einzelner Mann, bärtig, Moslem anscheinend, und brüllt zum Himmel. Unmöglich zu entscheiden, ob er krank ist, verzweifelt oder bei sich, „sane enough“, wie Pound es nennt. Warum das überhaupt entscheiden wollen (Düren, 13.10.).

„Ich weiß nicht, wo ich morgen bin“, sagt die Nachbarin ins Telefon, und ich frage mich, ob ich weiß, wo ich morgen bin.

„Der Grund, in einen See zu springen, ist nicht, dass man so schnell wie möglich ans andere Ufer gelangen will“, sagt John Keats. Man möchte schwimmen. In einem See schwimmen möchte man.

Schatten und Kostüm

„Luftschatten“ gehören Ende der 1930er Jahre zu Ernst Ludwig Kirchners letzten Entdeckungen: Die Bewegungsräume der dargestellten Figuren setzen sich fort in der Luft. Doch die Luft wird zugleich, wie vorausgeahnt, dunkel. Das Schweizer Exil, das Leben in der Fremde als Schatten.

Die Besuchertage der Messe: Hunderte Jugendliche strömen in Manga-Kostümen auf das Gelände und lichten einander ab in den Posen ihrer Lieblingsfiguren, die sie selber darstellen – lebendig gewordene Fantasie, Ich-Gestalten (Frankfurt am Main, 12.10.).

Gravity

Wie weltfern, wie schwerelos: die literarische Gesellschaft im Römer. Ich bin dort ein Fremder, ein Randfreund, Bewohner schwerer, hartnäckiger, nicht aufzulösender katachretischer Zweifel. Nicht der einzige! Zweifler erkennen einander, zweifeln auch aneinander. Am folgenden Nachmittag: Einkauf in einem „Netto“-Supermarkt in der Taunusstraße. Gravity. An der Kasse verlangt ein Abgerissener in meinem Alter einen höheren Pfanderlös für seine eingesammelten Mehrwegflaschen. Mit respektvollen Flüchen schlägt ihn die Kassiererin in die Flucht. Alte in Hauseingängen. Mädchen mit Plateauturnschuhstiefeln hocken auf Stufen. Die verzweifelten Polizistinnenaugen. Schwere Welt, aus der ich komme, aus der ich fliehe, in die ich immer lieber zurückkehr (Frankfurt am Main, 8.10.).

SOS, SMS

„Seltsam, dass an den Straßen die Bäume in gerader Linie wachsen“, sagt das Kind. Und als die Anderen lachen, sagt das Kind weiter: „Seltsam, dass der Wind, der die Baumsamen trägt, am Straßenrand anhält.“

Um aus dem zerknitterten Wintermantel die Falten zu entfernen, lässt sie ein heißes Vollbad ein, hängt den Mantel an die Kacheln über der Wanne und wartet ab. Nach einer Stunde: keine Falte mehr da.

„S.O.S.“, sagt das Kind, „wenn das Save Our Souls heißt, dann heißt also SMS Save My Soul?“ Ja, mein Kind!

Jeden Morgen bringt mir der Apportierhund ein anderes Sofakissen … (Lemkenhafen, 5.10.).

Woran

Der Freund am Telefon … ringt um jedes Wort Poesie: Schnee bis in die Niederungen … Immer weiter … Vertrau dem Text … vertrau auf ihn: den einzelnen Satz … vertrau den Sätzen, nicht nur ihrer elenden Struktur.

„Woran bin ich mit mir?“ und „Woran sind wir mit uns?“, fragt, in einem Nebensatz, im Radio der Philosoph Martin Seel – und stellt damit die entscheidenden, notwendig aufeinander folgenden zwei Fragen, endlich!

Voll roter Beeren: die Ebereschenallee. Sommer für Sommer wachsender Windpark. Ein Pulk aus hundert Wildgänsen, der sich sammelt an der Südküste, um den Flug nach Süden einzuüben. Die volle Pracht der Sternbilder, wie Beeren am Baum des Himmels über Fehmarn (3. Oktober).

Haec scripsi

Der schreckliche Begriff Erfahrung: Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit verschlägt es mir die Sprache. Aber auch das, selbst das – ist ein Erlebnis (1.10.).

„Haec scripsi non otii abundantia,
sed amoris erga te.“
Dies schrieb ich nicht aus zuviel Muße,
sondern aus Liebe zu dir.
(Cicero an seine Tochter Tullia)

So weit entfernt von deiner Sprache – dem Gedicht, den Sätzen, allen Figuren – warst du zuletzt, ehe der Ernst begann. Sieh dir zu! Und das wolltest du aufgeben?

„Im Zweifel für den Zweifel.“ (Tocotronic)

Gelenkige Geschöpfe

Die alte Gutskapelle. Durch die Stille dringt Klaviermusik heraus. Durch den Türspalt sehe ich ein Mädchen mit langen blonden Haaren am Flügel sitzen und ins hereinfallende Licht blicken. Musik und Licht, Wind und Muße: Schon steht die Zeit still. Und wirklich ist das Mädchen, das uns lachend durch die Kapelle führt, die Nichte des Gutsherrn, geboren vielleicht 1995, sechshundert Jahre jünger als ihre Kapelle und zugleich ebenso alt (Barnstedt, 23.9.).

Was du an den Bäumen liebst: ihre grüne, bewegliche Vielgestaltigkeit? Und doch verwurzelt sein. Jeder ein gelenkiges Geschöpf.

Irgendwann muss ich es aufgegeben haben, von einem Ort, wo ich gern war (gern bei mir), einen Stein mitzubringen. Immer den Ort vergessen. Und selbst die Erinnerungsstütze, den Ortsnamen, den Tag, an dem ich dort war, hat der Stein ausradiert: unleserlich verblasste Schrift. Als würde der Stein helfen, den Ort vergessen zu machen. Gedächtnisversteinerung. Lebendig bleibt die Erinnerung nur in der Schwebe, unbeschwert, angereichert mit Erfindungen (26. September).

Die Gruppe

Als vor den Hotelfenstern die elektrischen Jalousien hinunterfahren — automatisch, es war Punkt 17 Uhr –, erlosch im Zimmer das Herbstlicht, die goldene Sonne, und kam nicht wieder (Frankfurt am Main, 21.9.).

Wie Giorgio Manganelli den italienischen „Gruppo 63“ charakterisierte: „Die Gruppe hat kein Manifest, keine Theorie, keine Orthodoxie, sie ist ein Club verärgerter Personen“, die obendrein unehrlich seien, was aber von großem Vorzug sei – genau so eine Gruppe bin ich.

In der Lüneburger Altstadt: Auf dem Dach eines geparkten Wagens sitzt eine rote Katze, und im Innern des Autos rätselt ein großer, verstört um sich blickender Hund, wohin sie verschwunden ist.

Der Junge, der Kritiker, der Alte

Der Junge ruft über die Straße einem anderen etwas zu, der aber fährt ungerührt mit dem Rad weiter. „Er hat dasselbe Rad, denselben Helm, dieselben Schuhe“, sagt der rufende Junge zu einem Freund, „und trotzdem ist er es nicht.“

Der Kritiker neben mir auf dem Podium hat die Frisur und Haarfarbe meines Großvaters. Ich kann ihm gar nicht zuhören, ohne ihm ins Haar greifen und es streicheln zu wollen, wie ich es zuletzt vor 39 Jahren, im Sommer 1974, als ich neun war, bei meinem Opa gemacht habe.

Der Alte öffnet mit einer Münze die Zentralverriegelung der viergeteilten Müllbehälterbox und entnimmt ihr so viermal schneller (ohne aufgegriffen, ohne des Bahnsteigs und des Hauptbahnhofs verwiesen zu werden) die gesuchten Pfandflaschen.

The entertainment of tears

Gegen den Kummer verwahren wir uns, wehren uns mit Händen und Füßen – richtig so! Mit Händen und Füßen, das heißt treten, boxen, aufspringen, rennen, zetern, Schreie. Weiterleben! Doch mich verschließen vor der Traurigkeit will ich nicht. „Welcome joy, and welcome sorrow“, sagt Keats. Der Kummer ist die Kehrseite. Die Traurigkeit lässt uns ausruhen: im Ernst. Unterhaltsame Tränen? Vergnügliche Verzweiflung? Der Tag ist nur die halbe Wahrheit (Neustadt in Holstein, 18.9.).

Im Schlepp

Hafen, Herbstsonne. Auf der Elbe stromabwärts stampft die „MT Rob“, ein in Valetta auf Malta beheimateter Schlepper, feuerrot, bullig, ein Ungetüm an Kraft und Sorglosigkeit. Und der „Rob“ hinterdrein stürzen hunderte Möwen, angelockt vom aus der Tiefe aufgewirbelten Wasser. Fisch! Krabben! Muscheln! Alles hat die „Rob“ im Schlepp, und, wie herrlich, mein Hamburch, deshalb ist sie ja ein Schlepper (Övelgönne, 16.9.).

„Dark Folk“ – düstere Folklore. Als wäre nicht alle Folklore düster. „Bright Folk“!

In der vergangenen Nacht wurde das Wrack der vor Giglio gekenterten „Costa Concordia“ aufgerichtet. 600 Tage lang lag die Steuerbordseite dutzende Meter tief unter Wasser. Verheert, farblos, schlicküberzogen ragt sie in den blauen Morgen. Hunderte zerstörte Kabinen. Die irgendwo im Kolossinnern verschollenen Toten. Das Wrack soll wintersturmfest gemacht werden, ehe man es im kommenden Frühjahr zur Verschrottung schleppt. Abringen dem hässlichen Tod sollte man die „Costa Concordia“, wirklich eine Küste, eine wirkliche Küste erobern. Aufmöbeln würde ich sie, koste es, was es wolle.

Zähl sie weg

Du mit deiner Shortlist-Nominierung. Und das heißt? What of that? Ecke Bundesallee / Augsburger Straße die Gestalten auf den Betonpollern, mit Bier, mit dem trüben Funkeln im Blick – bleib bei ihnen. Mit dem, was du kannst. Zähl sie weg, und du zählst dich weg. Lass dich ruhig auslachen von zwei im Kaufhauseingang sitzenden Mädchen, wenn du in deinem Trenchcoat vorbeieilst, irgendwo hin – sie haben recht (Berlin, 13.9.).

„Lächeln Sie“, sagt der Fotograf, „nicht mit dem Mund, den Lippen – lächeln Sie nur mit den Augen.“

Die Leserin erzählt von ihrem Vater, der im Sommer 1944 in Frankreich von Partisanen festgenommen wurde und mit drei Wehrmachtkameraden am Straßenrand erschossen werden sollte, zwischen einem Kübelwagen und seinem Motorrad. Er war Motorradmechaniker. Einer der jungen Partisanen aber weigerte sich, die Hinrichtung durchzuführen – und überzeugte seine Mitstreiter, die Deutschen stattdessen zu verhaften. Zwei Jahre lang, erzählt die Leserin, lebte ihr Vater daraufhin als Mechaniker in dem Dorf. Er starb vor zehn Jahren. Vor zwei Jahren habe sie einen Brief von dem früheren Partisanen bekommen. Der alte Mann schrieb, er wolle vor seinem Tod noch einmal bekräftigen, es sei die einzig richtige Entscheidung gewesen.

Zwei Tauben aus Sibirien

Déjà l’automne. Schon wieder Herbst. Gelbe Zweigspitzen an plötzlich ratlosen Bäumen. Werft die Äpfel ins Gras. Unter dem Wolkenmeer. Im strömenden Regen geht ein kleiner Junge vorbei, im Arm einen Geigenkasten, um den er seine Sommerjacke gewickelt hat. Die Liebe. Die sprechenden Bilder. Abschied. Von einem prächtigen Sommer.

In dem tropfnassen Baum vorm Fenster sitzen keine zwei Meter entfernt zwei aufgeplusterte Tauben und lassen sich nicht stören, weder durch die Nähe von mir Menschen noch meinen Zigarettenrauch. Sie blicken mich an, als hätten sie mich erwartet und würden mir erzählen wollen von einer langen Reise, und mir kommt es vor, als wäre ich zwei Stunden lang durch den Regen gefahren, nur um sie hier vorzufinden, zwei Tauben, vielleicht aus Sibirien, in einem Baum, im Regen, im Baum des Regens (Versmold, 10.9.).

Einsam ich

„Gemeinsam erfolgreich“ – Wahlslogan der Christdemokraten, zynisch und verlogen. „Einsam reich“ haben Graffitisprayer auf den Plakaten im Viertel davon übriggelassen. Doch um das verfluchte Geld geht es gar nicht. Die Verheerung greift viel tiefer, sie ist umfassend: „Einsam ich“.

Eine Auseinandersetzung mit dem neuen Roman – seinen Mängeln, Tiefen, Untiefen, seinem Erzählen, Verschweigen, Verschütten, den Figuren, dem Krieg, der Angst – findet kaum statt. Wie viel flexibler das Radio gegenüber den Feuilletons. Und jedes Minutengespräch nach einer Lesung, jedes noch so oberflächliche Interview verrät mehr über verbleibende Möglichkeiten zu Austausch und Vermittlung. Es ist der gute Weg. Wo der Einzelne wartet, da geh hin (5.9.).

Noch ist es nicht dunkel, aber lange dauert’s nicht mehr. (Dylan)

Wandspruch (Berlin): „Wenn ich du wär, wär ich lieber ich“. Ich, ich, ich: Wär ich ich, ich wär lieber du!

Die Zeit davor, die danach und die hindurch

Zwei Tage lang in der Ruhe – der von Musik erfüllten Ruhe – des Klosters inmitten von Feldern. Stille in der Sonne, Spazieren im Gezirp der Grillen unter Zwetschgenbäumen hin. Noch Tage später, im Hauptstadttrubel, im Festivaltaumel, hast du, wie einen inneren Schutzwall, warm von der darauffallenden Sonne, die Ruhe in dir.

Ein freundlicher Schrank mit zwei traurigen Augen, der Türsteher des Klubs, in dem ich am Abend lese. Am nächsten Morgen ist er tot, niedergeschossen, verblutet. Zu mir sagte er zuletzt: „Sie werden den Weg finden.“

„Es gibt eine Zeit. Und eine danach“, schreibt Horst Bienek. Aber es gibt auch eine Zeit davor, eine daneben, und ja, sogar eine Zeit durch alle Zeit hindurch gibt es.

Das Lesefest

Gestrandet in Würzburg – am Bahnhofsquader aus Glas und Zement die große Uhr, ohne Zeiger. Eine Straßenbahn rumpelt über den Vorplatz, an ihrer Seitenwand lese ich: „Energie. Verkehr. Umwelt.“ Plakate, vor denen und auf denen Jugendliche mit Smarthones die Zeit totschlagen, Werbung für ein „Freiwilliges Jahr“ – wo? Energie. Verkehr. Unterwelt.

Das Lesefest unter den Bäumen im Schlossgarten – eine Tautologie. Statt über Mikrofon die Stille zu vertreiben, hätten wir in den Kastanien lesen, lieber zuhören sollen, wie der Wind durch den Park geht. Fünfhundert, die zuhören, nichts Besonderem lauschen: Event der Eschen (Erlangen, 2.9.).

Geträumt?

Die Applausordnung!

„Der Stiefvogel“, ruft das Kind, „da sitzt der Stiefvogel!“

„Sie hat dich verlassen“, erklärt die Regisseurin dem Sänger dessen Rolle. „Du stehst da und singst – wie bestellt und nicht abgeholt.“ – „Ich werde singen“, sagt der Sänger, „singen wie nicht bestellt und nicht abgeholt.“

Zeitungsmeldung (geträumt?): „Heute in Berlin: Agonie.“

Die Erdungsstange?

Zwitschern, Segeln, Pausieren

Gestern Nacht ist Wolfgang Herrndorf gestorben, 48-jährig, drei Tage jünger als ich. Die Medien berichten, er habe sich aufgrund seines unheilbaren Hirntumors das Leben genommen, habe sich erschossen am Berliner Hohenzollernkanal. Seinen „Tschick“ haben unsere halbstarken Kinder gelesen – „krass“, „cool“, „derbe“, „korrekt“ – Dein Lob, Wolfgang Herrndorf, aus berufenem Mund. Hab’s gut! (Hamburg, 27. August 2013)

Während der Ensemble-Probe im Klosterpavillon, das Raunen der Musiker und Sänger, die Geräusche ihrer pausierenden Instrumente. Während der Ensemble-Probe das Raunen der Elektriker und Beleuchter, die Töne und Klangfolgen ihrer Werkzeuge. Während der Probe, der wilde Schwarm aus Mauerseglern und Schwalben, flitzt hin und her überm Klosterpavillon. Zwitschern, Segeln, Pausieren. Sie sehen alles, nehmen an allem teil.

„Wer nicht hört, fühlt“, sagt die Großmutter zu dem kleinen Jungen, nimmt ihm den Stock weg und führt ihn auf das Kiesbett unter einen Baum, wo sie das Kind stehenlässt. Der Junge versteckt sich hinter dem Stamm (mächtig gewordener Stock), „Du bist böse“, ruft er der alten Frau zu. Er hört, er fühlt. Er lacht (Volkenroda, 30.8.).

Flips und Fuchs

„Wie wäre es wohl“, fragt das Kind, „wenn die ganze Luft überall nach Erdnussflips riechen würde?“

Hinter einem Zaun an der Ausfallstraße versteckt sich ein Junge mit einem rotbraunen jungen Schäferhundmischling, der aussieht wie ein großer zahmer Fuchs. Wovor verstecken sich die beiden? Was für ein seltsames Spiel mit so wachen Augen (26.8.).

Ein feuchter Duft

Das Meckel-Divertikel-Dilemma?

„Ein feuchter Duft lag in der Luft, ein Duft von moderndem Laub, von dem trägen, gelben Fluß, der nicht weit entfernt dahinfloß, ein Duft, der ihm fast vorkam wie der feuchte Duft der Zeit selbst, wenn sie durch die Welt zog. Oder war es die Welt, die durch die Zeit zog?“ (Gustafsson)

Der Freund im dunklen Krankenbett, als ich das Licht lösche, lernt Hölderlins „In lieblicher Bläue“ auswendig.

Fliesen

„Er hätte es durchaus vorgezogen, nicht zu existieren, als zu existieren. Wenn ihn jemand nach seiner Meinung gefragt hätte.“ (Lars Gustafsson, „Nachmittag eines Fliesenlegers“)

„Umarmung!“ – „Sei du auch umarmt!“ – „Also umarmen wir einander!“ – „Fortwährend!“ – „Immer!“ – „Ja.“ – „Ja!“

„Alles war Welt, und nichts in dieser Welt war wirklich das Seine.“ (Gustafsson)

Ein tönendes Licht

„Ich habe immer das Meer an den Stränden geliebt. Und dann hat der Kramladen an den menschenleeren Stränden meiner Jugend zu blühen begonnen. Jetzt liebe ich nur noch die Mitte der Meere, dort, wo das Vorhandensein von Ufern unwahrscheinlich erscheint. Aber eines Tages, an den Stränden Brasiliens, habe ich von neuem erkannt, daß es für mich keine größere Freude gibt, als über einen unberührten Strand zu gehen, auf der Suche nach einem tönenden, vom Zischen der Wogen erfüllten Licht.“ (Camus, Tagebuch, 1953)