Rostock

Begrüßungstafel am Rostocker Hauptbahnhof: „Wissen Sie eigentlich, wo Sie sind?“ – Nein, weiß ich nicht. Hab ich noch nie gewusst, nirgends. Aber danke für die Frage.

Hoch oben im Turmhelm der St. Petri-Kirche erzählt ein alter Herr, geboren 1935, von der Bombardierung Rostocks. Die Stadt als leuchtende Fackel in der Nacht. Das Schlagen im Erdboden bei kilometerweit entfernten Detonationen. Seine greisen Augen sind einwärtsgekehrt, und trotz seines Barts wirkt er wie ein kleiner Junge.

„Rostocker Verse“, fällt mir oben in dem Turm plötzlich wieder ein, sollte 1988 eine meiner ersten Gedichtsammlungen heißen – warum?

Das Ticken der uralten Weltuhr, der Andrang gedämpfter Geräusche und Klänge von drinnen und draußen, fast ein Geklopf, die Bilder, die Musik, der feuchte Stein- und Zeitgeruch. Walter Kempowski nennt die St. Marienkirche den Uterus, aus dem er komme. (Rostock, 7.1.)

Bad Kleinen

Vormittags stehe ich auf dem Bahnsteig des tristen Kleinstadtbahnhofs, ein Ort, an dem ich nie zuvor war, der aber seit Wolfgang Grams‘ Erschießung meine Fantasie, mein Einbildungs-, Einfühlungsvermögen beschäftigt. Es war ein Frühsommertag, der 27. Juni 1993. An den Gleisen erschossen wurde zunächst der GSG-9-Beamte Michael Newrzella, er war 26, so alt wie ich seinerzeit. Nichts erstaunt mich an den Gleisen, herumstehenden Loks und alten Waggons, dem rissig gewordenen Mauerwerk der Unterführung, den Silos dort hinten, wo das Städtchen anfängt oder aufhört. Natürlich, keine Gedenktafel, Plakette, keine Blumen, kein Kreuz, ich habe nichts gesehen. Maßlos verblüfft aber bin ich von dem Ausblick (kein Foto oder Film, kein Fernsehbericht damals gab ihn wieder): Der Bahnhof von Bad Kleinen steht unmittelbar am Ufer des Schweriner Sees, eine riesige silberne Fläche leuchtet auf und blendet in der Sonne, Röhricht, kahle schwarze Birkensilhouetten, ein guter letzter Anblick.

Lübeck

Immer wieder, nach langer Pause, gut – von großer Güte: Härtling zu lesen. So schreibt er in seiner Zeichnernovelle über den Nazarener Carl Philipp Fohr, bisher sei es Fohr noch nicht gelungen, in ein Bild hineinzugehen. „Das Fräulein suchte eine Zeit lang seine Nähe. Und er übte sich in Unsichtbarkeit.“ Das Süße. Das Zaudern. Die Saumseligkeit und das Zaghafte. Bei Peter Härtling kann man davon noch lesen. Wie gut. Von Güte.

An einem Mittwochmorgen tritt aus deinem Dorothea-Schlözer-Zimmer im Altstadthotel auf eine der Gassen, die hinunterführen zur Trave. Stumm und verlangsamt queren vereinzelte Leute auf dem Weg zur Arbeit die Straße. Kopfsteinpflaster. In Lübeck ist man pünktlich. Der frühe Januar wie ein März. Das Herz eine Handelskammer. Warum gibt es keine Pferdefuhrwerke mehr. Kein Mann ist hiergeblieben. Der Himmel mit niedriger Decke. Die backsteinerne Luft. (Lübeck, 7.1.)

Bremen

„Grün wie die Kirschen“, sagt die Taxifahrerin, als sie bei Rot über die Ampel fährt, um mich hinunter zum Osterdeich zu bringen. Im Dunkel der Nacht scheint das Weserstadion in der Flussmitte zu schwimmen. Etwas weiter nördlich Lichter am anderen Ufer, das Café Sand. Vor zehn Jahren setzte ich dort mit den Kindern über den Strom. Wieder so ein heller Sommertag, 25 Jahre nach den Nachmittagen an der Oldenburger Hunte. Die Kinder spielten unter den Obstbäumen. Und werden für mich immer dort spielen. (Bremen, 6.1.)

„Wer sich allerdings näher mit Hyde befasst, wird feststellen, dass entsetzt und dennoch beherrschend ein Rest Jekyll über ihm schwebt, eine Art Rauchring oder Glorienschein, als wäre dieses schwarze konzentrierte Böse aus dem übrigen Ring des Guten herausgefallen, wobei dieser Ring des Guten jedoch bestehen blieb: Hyde möchte wieder Jekyll werden. Das ist der springende Punkt.“ Vladimir Nabokov über Robert Louis Stevensons Novelle

Oldenburg

In Oldenburg in Oldenburg, wo ich heute las, und zwar aus einem Roman, in dem meinem im Juni 1944 mit 19 Jahren getöteten Großonkel, dem Lieblingsbruder meiner Großmutter, eine wichtige Rolle zukommt, in Oldenburg in Oldenburg, das stand mir heute seit langer Zeit wieder deutlich vor Augen, war ich Ende der Siebzigerjahre einige Male mit meiner Großmutter bei ihrem ältesten Bruder zu Gast. Schon damals sehr alt, bewohnte er ein Haus mit großem Garten, der sich bis hinunter zum Ufer der Hunte erstreckte. Sommererinnerungen. Das goldene Flimmern auf dem Gras, das hellbraune Wasser des durch die Wiesen schießenden Flusses. Ein Ruderboot an einem zum Grundstück gehörenden Steg. Und mein Bruder und ich, dreizehn, vierzehn Jahre alte Hemden, wie wir in die Hunte sprangen, ganz und gar furchtlos vermeintlich, gemeinsam mit anderen Kindern, Jungs und Mädchen, aus Oldenburg in Oldenburg, von denen mir nichts in Erinnerung blieb als ihre Gegenwart und ihr Jubeln. Schwimmen in der Hunte, sagte man heute zu mir, das müsse sehr, sehr lang her sein – verloren wie alle Tage und doch absolut wahr, besinnungslos machend und Furcht einflößend war die Kraft des Flusses, der mich davonzog, sodass ich minutenlang durch die Wiesen schoss und wie im Rausch der Angst standzuhalten versuchte. (Oldenburg, 5.1.2014)

Die Geschichte des lebendigen Menschen

Warum du deinem Gedicht nun kaum noch traust, beschreibt Lars Gustafsson schon Anfang der Siebziger Jahre in seinem Essayroman „Herr Gustafsson persönlich“, aus dem Schwedischen übersetzt von Verena Reichel: „… als könnte die Lyrik nicht mehr selbstverständlich einen Platz in der Welt beanspruchen“, nennt Gustafsson einen Zustand, in dem er sich mit fast physischem Schmerz an alles erinnert, was ihn die eigene Lyrik einmal gekostet hatte, „wie ich langsam, langsam versucht hatte, sie das Sprechen zu lehren, wie ich sie zu lehren versucht hatte, einen Zustand festzuhalten, eine Unruhe, ein Glück, eine Trauer, weil diese festgehaltenen Zustände auf eine erschreckende Weise das letzte waren, was mich mit mir selbst und mich selbst mit der Geschichte verband, mit der Geschichte des lebendigen Menschen, des kommenden Menschen. – Und wie zuletzt, als sie sprechen konnte, niemand zugehört hatte. Und hatte ich ihr etwa selbst zugehört?“

Ein schwarzer Zug donnert vorbei. Spürst du das Feuer?

Wo wir es finden.

Heute ist Helga M. Novak gestorben. (24.12.2013)

„Looking out a window that isn’t there
Looking at the carpet and the chairs“
Bill Callahan

„Ich sehe was, das du nicht siehst, und das sehe ich eigentlich genauso wenig.“

Auf Madeira (5)

Das afrikanische Licht, das jede Nacht über die See bis nach Madeira leuchtet: Durchs Fernglas betrachtet ist es ein achtzig Seemeilen entfernter Häuserblock irgendwo an der Küste, vielleicht Marokko, oder auch Lanzarote. Mitunter löscht die Dünung das Licht. Mitunter stelle ich mir Kinder vor, die da in der linden Seeluft am Strand spielen. Oder ein Hund steht in der Dunkelheit auf dem Sand und wittert die Leere.

Über zweihundert Meter fährt der Klippenlift hinunter zu Mango-, Papaya- und Avocadobäumen, zu Bananen, Strelitzien, Surinamkirschen, auf die die Gischt der Brandung Salzwasser sprüht. „Insel auf der Insel“ nennt sich das von Jesuiten angelegte Fajá dos Padres, ein Obstgarten am Meer. (22.12.)

Mein Wein kommt aus dem Dão; dem Tag.

Auf Madeira (4)

Esskastanien- und Eukalyptusbäume. Mit dem Wind von Norden wehen Wolken heran und spülen die Hänge hinauf, wälzen sich hinüber, ziehen hinaus auf See. Dunkelblau in der Ferne ein schmaler Streifen: Land in Sicht.

Die Alte im Obergeschoss vertreibt den Betrunkenen auf der Straße – in der Linken hat er eine Flasche, in der Rechten eine Sichel – mit zwei Eimern Wasser, unter deren herabrauschenden Ladungen er sich krümmt und fluchend davonmacht. (Fontes, 19.12.)

Im Laub der Árvores do fogo, der Flammenbäume über dem Mercado dos Lavradores, sitzen die Trichterspinnen und warten auf Kundschaft.

Als würden zu jeder Zeit hunderte Türen auf- und wieder zugehen, so knarren und quietschen die sich im Wind aneinander reibenden Stämme der Eukalyptuswälder oberhalb von São Vicente. Und sie gehen ja auf, die Eukalyptustüren, in jedem Augenblick, und im nächsten schließen sie sich wieder. (Encumeada, 21.12.)

Levada: die Bewässerin.

Auf Madeira (3)

Noch am dritten Tag auf der Insel den Film der Unwirklichkeit auf den Pupillen.

Am Horizont ragen die Ilhas desertas, die Verlassenen Inseln, aus dem Meer – wie überall.

Heute gingst du einmal durch die Wolken. Und der Regendunst im Lorbeerwald sammelte sich und sprudelte herab durch die Levada. (Ribeiro Frio, 18.12.)

In Ponta Delgada die lärmenden Kirchturmglocken im Rauschen und Brechen der Atlantikwogen.

Am Morgen das Licht als hellblaues Meer.

Vor der Telefonzelle mit Blick auf den Ozean schläft ein Hund in der Sonne. (Campañiero, 19.12.)

Auf Madeira (2)

Wasser will überall Wasser.

Im Mercado dos Lavradores von Funchal liegen in der Fischhalle wie seit Jahrhunderten und wie die blauen Wandfliesen es zeigen die tiefschwarzen Degenfische auf den steinernen Tischen aus, das Maul voller Nadeln totenstarr offen, die lange wie gefiederte Schwanzflosse zu Boden hängend. Ein alter Brite fragt mich, ob ich wisse, wie der Fisch heißt, „Espada, scabbard“, antworte ich, und er sagt, indem er nicht mich ansieht, nur die übereinander gestapelten, beinlangen, gespenstischen Raubfische: „Mit so großen Augen müssen sie in sehr großer Tiefe leben. Dunkel ist es da“, sagt der alte Herr, „dunkel wie sie selber sind“, und er zeigt in einen niedrigen Raum unter der Treppe. Darin steht ein Arbeiter mit schwarz gesprenkelter Schürze und enthäutet die Degenfische. Weiß leuchtet ihr Fleisch.

Ein abgebrochener und in der Sonne auf dem Basalt liegen gebliebener Silberdistelzweig: Eidechse. Regt sich nicht. Hält die Luft an. Spürt deinen Blick. Wartet. Flieht durch ein Loch im Licht. Während du zwinkerst. (Ponta de São Lourenço, 17.12.)

Auf Madeira (1)

Der glatte Atlantik ganz silbern, ein leeres Blatt. Und die einzige dunkle Zeile darauf am Horizont die afrikanische Küste. (Funchal, Madeira, 16.12.)

Vor 99 Jahren lag Shackletons „Endurance“ ein paar Tage lang vor Funchal, um für die Überfahrt nach Buenos Aires verproviantiert zu werden. Im heutigen Hafen gibt es keinerlei Spuren mehr vom Leben vor einem Jahrhundert. Beton, Zement, Stahl und Glas allenthalben. Zwei Kreuzfahrtschiffe an der Mole. Nur die Gesichter und Laute der Männer, die auf der Pier stehen und im Hafenbecken angeln, erzählen.

In Monte der Pulk der Korbschlittenlenker. In Ermangelung von Touristen schlagen die wie Gondolieri gekleideten jungen Männer, sie haben Schuhsohlen aus Autoreifenstücken, mit Kartenspielen die Zeit tot. Auf einer Mauer, die zur Basilika hinaufführt, in der der letzte österreichische Kaiser begraben liegt, schläft ein Hund. Blasse Dezembersonne, Langsamkeit, Warten.

Am Abend das Meer aus hellblauem Licht.

Der Äquator

Ein nachkoloriertes Foto aus dem Jahr 1889 zeigt Robert Louis Stevenson an Bord des Handelsschoners „Equator“, mit dem er von Hawaii zu den Gilbert-Inseln fuhr. Gemeinsam mit fünf Seeleuten steht Stevenson auf dem Klüverbaum am Bug des unter vollen Segeln übers Meer preschenden Schiffs. Es ist ein Bild mitten aus dem Leben des schon schwer tuberkulosekranken Dichters, keinerlei Zeichen von Gestelltheit sind darauf zu erkennen. Ein Matrose zeigt mit ausgestrecktem Arm über den Ozean, und alle Blicke folgen ihm. Stevenson wirkt glücklich, er hat den Augenblick in sich und ist Teil der Welt, die ihn umgibt. Er ist 39. Fünf Jahre lang wird er noch leben. Er ist barfuß. (Lissabon, 15.12.13)

Unverzagt

In Schlangenformation, in sich schlängelnd, zieht ein Schwarm aus achtzig, hundert Wildgänsen übers Haus nach Südwesten. Ein milder Dezembertag, der erste seit Wochen ohne Regen. Ein Fenster.

Poetische Aktion, die den Lügner entlarvt und bloßstellt: Während der Trauerfeier für Nelson Mandela im Fußballstadion von St. Johannesburg übersetzt ein Gebärdendolmetscher Barack Obamas Rede – doch seine Gesten sind erfunden, scheinen sinnlos und erweisen sich als absurd. Und noch zwei Tage nach dem Eklat weiß niemand, wer der Mann war. (Am dritten will man einen Kriminellen aus ihm machen.) Hab keine Angst!

„Sei dennoch unverzagt“ nennt Jana Simon ihre Erinnerungen an die Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Gibt es denn einen Grund, überhaupt einen Grund, zu verzagen? Ich glaube es mit jedem Tag weniger. Jedenfalls will ich nicht mehr Angst haben müssen. Schluss damit!

„Sei dennoch unverzagt“ – Auftakt von Paul Flemings 380 Jahre altem Sonett „An sich“:

Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Laß alles unbereut.
Tu, was getan muß sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Laß deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

*

Keine Angst!

Der Hahn und das Pferd

Im Kreuzgang des Rigaer Doms stand ich vor dem Gerippe des alten Wetterhahns. Es ist ganz aus verwittertem Kupfer, beschichtet mit Goldlack nur noch dort, wo die Krähen ihn übrigließen. Groß wie ein Fohlen, mit stumpfen und doch wie lebendigen Augen und einem Dutzend Schwanzfedern, die dreihundert Jahre lang im Wind sangen. Herder hörte sie. Und Wagner hörte sie, während er die ersten Noten von „Rienzi“ schrieb. Ich sah eine vergilbte Schwarzweißfotografie vom Turm des Doms, auf seiner Spitze, vor dem milchigweißen Himmel an einem Dezembertag 1923, den Wetterhahn.

Das Schicksalspferd, an das die alten Letten glaubten, ein schöner Schimmel: Trat er auf den über den Weg gelegten Ast und zerbrach ihn, so war ein schweres Jahr zu erwarten. Die Kinder am Wegrand feuerten das Pferd an, die Hufe zu heben, höher, höher, die Augen aufzumachen, schau, Pferd, schau, aber wussten, nur der Schimmel entschied. Den Zufall gab es nicht. Alles erzählte, wusste, war Zeichen, gab Antwort.

Erlösung

Wenn Michail Eisenstein nachmittags in die Alberta iela ging, um in der Rigaer Neustadt den Bau eines neuen Jugendstilhauses zu beaufsichtigen, schickte er seinen Sohn währenddessen ins Kino Splendid Palace. Schnell ging Sergei davon und heftete die Augen auf die Erker, die Arkaden, die Gesichter, die Eulen, die Greife, die Sphinxe und die Frauen mit den großen Augen und nackten Brüsten, die sein Vater gezeichnet hatte und die in der Alberta iela zu Stein geworden waren.

„Remember: No one questions a snow-leopard.“ Paddy McAloon

Eine riesige hölzerne Lunge, die pumpt und saugt, klingt und singt – die große Orgel im Dom zu Riga. Lize Reine spielt die Toccata aus Charles-Marie Widors fünfter Sinfonie. Spielt unsichtbar. Hunderte Menschen sind aus dem Schneetreiben in die Kathedrale geströmt und sitzen, viele mit geschlossenen Augen, in den Bankreihen. Die Musik. Als äußerte sie Empfindung. Als spendete sie unmittelbar Trost. Mehr noch, als wäre sie selbst der Glaube, sichtbar auf den Gesichtern, die wieder Antlitze sind. Als nähme sie die Sorgen, schluckte sie, um sie Musik werden zu lassen, so spürbar erlöst bin auch ich. (7.12., Rigas Doms)

Im Restaurans

Während die leeren Straßenbahnen durch den Abend surren, lese ich in einem Restaurans am Zigfrīda Annas Meierovica Bulvāris achtzig Seiten von Bruno Schulz‘ „Zimtläden“: „Die Dämmerung auf dem Marktplatz hatte die Farbe goldenen Rauches angenommen. Einen Moment lang konnte dieser rauchige Honig, dieser milchige Bernstein die allerschönsten Nachmittagsfarben hervorbringen. Doch der glückliche Moment verging, das Amalgam des Morgenlichts war verblüht, das quellende Tagesferment, beinahe schon ganz aufgegangen, fiel wieder in sich zusammen, zurück in kraftloses Grau.“

Feuerländer.

Barack Obama, diese bislang größte Enttäuschung des neuen Jahrhunderts, trauert um Nelson Mandela. Ein unverfrorener Zynismus. Das Einzige, was Obama mit Mandela gemein hat, ist das A am Ende des Nachnamens. Wo Nelson Mandela für die Freiheit in Gefangenschaft war, ist es bei Barack Obama genau umgekehrt: Unter seiner Administration sind Sicherheit und Freiheit einzig Vorwände für Kontrolle und Überwachung. Wo Mandela sagte: Habt keine Angst! – sagt Obama aus eigener Furcht heraus das Gegenteil.

No, you cannot!

Katze mit Mütze

Das Tier ist ein Phänomen. Das Tier ist eindeutig mehr als eine Katze.

Weißer Nebeldunst morgens und abends, dazwischen drei Stunden Licht, sonst Taggrauen. In drei taggrauen Tagen bin ich in Riga, wo es schon schneit, und in vierzehn auf Madeira, wo noch vieles blüht. (2.12.)

Vorgestern noch lief ich an der Kieler Förde entlang durch die kalte Nacht. Ein pechschwarzes Wasser, durchdringende Stille, in der draußen auf See Möwen riefen. Und gehe heute in denselben Stiefeln durch die Altstadt von Riga. In feuchter Dunstkälte ist ein Weihnachtsmarkt vor dem Dom aufgebaut und begeistert keinen Menschen. Bernsteinladen an Bernsteinladen. Mit leeren Blicken die Büste Herders. Niemand wird sich an eines der Souvenirgeschäfte je wieder erinnern. Ihr schönen Pelzmützen, wie wieder lebendig werden? Birkenmoore, Birkenmoore! Und Trabantenstädte mit minoisch-labyrinthischen Einkaufszentren in den Schlamm gebaut. Unter dem riesigen Himmelshellblau. (Riga, 5. Dezember)

Brunnen im Ozean

Seit vier Wochen wandert ein Schmerz durch deine linke Hand. Vor vier Wochen bist du nachts volltrunken über den Basketballkorbständer auf dem Grundstück des Freundes gestürzt. Der Schmerz saß seither im Daumenballen, und so saßt auch du im Dunkeln, im Nieselregen, unter den schwarzen Fenstern von F. Und immer wieder seitdem: Träume von den Sekunden des Sturzes. Der Schmerz in deiner Linken, beweist oder widerlegt er Wittgenstein? Er schrieb, die Dichtung sei wie ein Brunnen im Ozean der Poesie der Erde.

Novemberreste

Der Winter ist wach. Sternenklare Frostnächte. „Ich möchte ein Eisbär sein. Eisbären müssen nie weinen.“ Grauzone. Selbst Orions Schwertgehänge, selbst sein in der uralten Vorstellung winziges Haupt – er ist ja blind! –, deutlich zu sehen.

Durch den Bienenwabendrahtzaun flieht ein Vogel, wie ein Pfeil so schnell. Erst weit überm weißgefrorenen Garten klappt er die Flügel auf und setzt in seinem Schnellen Segel.

In jedem seiner Bücher taucht es auf: Lars Gustafsson vergleicht das Pupillenschwarz (des Tiers) mit dem Schwarz der Galaxis zwischen den Sternen.

Der November ist die Zeit der Dorsche.

Das Bundesverdienstbrot!

„Es ist eine Art Terminmoos, das mir das Leben überwuchert. Und ich habe keine Messer dafür, bin kein Vertikutierer.“ – „Sei Schaf.“

Nach Benjamin Franklin gibt es drei Arten von Menschen: diejenigen, die unbeweglich sind, diejenigen, die beweglich sind, und diejenigen, die sich bewegen. Vergessen hat der kluge Einsortierer diejenigen, die zusehen: die Beobachter. Sie scheinen unbeweglich, bewegen sich ruckartig, stehen scheinbar erneut still. Sie bewegen sich innerlich, sie erinnern sich! Zum Beispiel an dich, Franklin.

Wovon wir nicht sprechen können, darüber müssen wir reden.

Dein Sternenzelt

Wenn du morgens aufwachst und denkst: Wieso hat mich die Rezeption nicht geweckt? Und wenn du in die Küche kommst und das Frühstücksbüffet nicht findest. Und stehst du dann vorm Haus, im Regen, und kein Taxi wartet. Dann bist du zu Hause.

Käsereklame, aus Frankreich, mit Aufklebern: „Jetzt gratis: Dein Sternenzelt!“

Das Kind beginnt Musik zu hören, wie du sie selber hörst: nicht Lieder, sondern „Stellen“ – „jetzt kommt die schönste Stelle“. Ablösung von den wirklich Musik Hörenden: Sie hören Strukturen, die Musik ganz, das Kind und ich hören Stellen. Und während wir die schönsten Stellen hören: stumme, schweigsame, verschwiegene Blicke ins Leere, in die leeren Stellen im Freien (Winterhude, 23.11.).

Das Uferwäldchen

Der Winter ist erwacht. Déjà l’hiver. Weißgefroren das Gras, die noch nicht kahlen Bäume, die liegen gebliebenen Äpfel. Das beschwichtigende Glitzern des Frosts. Der Winter räumt das Jahr aus, unbarmherzig Inventur haltend lässt er sterben, Meisen, Schnecken, Libellen, damit sie landen kann: die Schneearmee. Drei aneinandergekoppelte Dieselloks rasen führerlos durch den weißen Dunst und verschwinden darin. Bauarbeiter lachen in der gedämpften Stille, weil sie die Kunst der Gleichgültigkeit beherrschen. Die Kate, die sie abreißen, stand 347 Winter lang am Rand des Uferwäldchens (21.11.).

Eine andere Wirklichkeit zieht vorüber: U eines Wildgänseschwarms am wolkenverhangenen Novembernachthimmel.

Die Na-ja-Böschung

Ein britischer Junge erklärt seinem Bruder den Unterschied von Ritter und Nacht: „At nighttime the knight went for a walk.“ Und der kleine Bruder antwortet: „And so the night became knighttime.“ (Hameln, 15.11.)

Ich erinnere mich deutlich an lang zurückliegende Gedanken über die Unwirklichkeit.

Die Na-ja-Böschung. Zwei Mädchen kommen mir auf Fahrrädern entgegen, Ranzen auf dem Rücken, das Zippelhaar flatternd im Regendunst, vertieft in ein Gespräch über … die Zeit … den Körper … Bedeutungen … Erzählen. An einer schlammigen Grasböschung trennen sie sich, ein Mädchen biegt ab, eines fährt weiter: „Na ja, bis morgen!“ Diese Böschung im Regen, das graue Gras und den Morastgeruch erkenne ich wieder: Das Gespräch pausiert an der Na-ja-Böschung, es regnet weiter, und morgen der Tag wird ein neuer sein (19.11.).

Warten auf die Welt

Scheinbar vertieft in eine Botschaft, vielleicht bloß eine Neuigkeit, stehen oder sitzen die jungen Leute da und blicken auf den Bildschirm in ihrer Hand. Und nicht selten entlarvt ein heimliches Aufblicken das vermeintliche Vertieftsein als vorgegeben oder gespielt. Das Handy in der Hand, es schirmt wohl ab, es zerstreut, auch die Angst, und scheint zu schützen. Wie war das früher? Als Junge oder junger Mann hatte ich nichts in der Hand, erst später das tarnende Buch als Schutz, als Schirm. So stand ich am Busbahnhof, saß im Bus und in den Wartezimmern der Welt. Ich muss gezwungen gewesen sein, in die Welt hineinzusehen, und habe nichts tun können als zu warten. Worauf? Warten sie auch, die Handygucker? Das Warten also ist gleich geblieben? Ich habe auf die Welt gewartet, und ich warte noch immer.

Tod und Teufel

Auf dem Küchenfußboden liegt rücklings, die schillernde Flügelunterseite nach oben gekehrt, eine türbisblaue Libelle. Sie stellt sich tot. Denn vor ihr sitzt das Tier, das sie gefangen und hier hineingetragen hat. Das Tier betrachtet die Libelle, die grünlichen Flügel, die schimmern, sich sonst aber nicht bewegen, und hält den Tod offenbar für unglaubwürdig.

Vergiss nicht: Beim Schreiben, von Sätzen, von Versen, geht es (dir) nicht darum, was am Ende auf dem Papier (diesem Bildschirm) steht. Geht es dir nicht um das Schreiben selbst? Lange dein Irrtum. Wenn es (dich) nicht lebendiger macht, lass es sein. Pull down, I say, pull down. Verhilft es Anderen nicht dazu, sich lebendiger zu fühlen, scher (du) dich mit deiner „Lyrik“, deiner „Literatur“ zum Teufel und unterhalte lieber den (13.11.).

Kaputt

„Die Blumen schlafen, aber nicht das Gras.“ Jean Paul

Der zahnlose Bettler steht von morgens bis abends am Eingang der Fußgängerzone. Am Fuß des Cityweinbergs. Er ist in deinem Alter. Seit zwanzig Jahren prozessiert er. Dreimal, erzählt er, sei er vergiftet worden. Auch in Madras. Entmannt von seiner früheren Frau. Geschieden von sich selbst. Kaputt. Den funkelnden Zorn im Auge. Ganz Zweifel (Freiburg, 9.11.).

Schwan: kennt den Schwankenden.

Die eigene Sinnesdeutung

„Der Verfasser ist von dem Gefühl ausgegangen, daß die tiefsten Gründe einer Biographie, die letzte Form eines Schicksals gar nicht durch die Schilderung eines äüsseren Lebenslaufes, noch durch eine noch so tief geführte psychologische Analyse erschöpft werden könne. Diese letzten Gegebenheiten des menschlichen Lebens lägen vielmehr in ganz anderer geistigen Dimension, nicht in der Kategorie des Faktischen, sondern in der des geistigen Sinnes. Ein Lebenslauf aber, der auf seine eigene Sinnesdeutung hinaus will, der auf seine eigene geistige Bedeutung zugespitzt ist, ist nichts anderes als Mythus. Jene dunkle, ahnungsvolle Atmosphäre, jene Aura, die sich um jede Familiengeschichte zusammendrängt und in der es gleichsam mythisch wetterleuchtet, als ob in ihr das letzte Geheimnis des Blutes und des Geschlechtes enthalten wäre – erschliesst dem Dichter den Zugang zu diesem zweiten Gesicht, zu dieser Alternative, dieser tieferen Version der Geschichte.“ (Bruno Schulz, Exposé zu seinen Erzählungen „Die Zimtläden“, 1937)

Zum Mut, zur Seelengröße

„In all diesen Narrativen werden das Zukünftige und das Vergangene bewusst nicht mehr als Phantasiereservoire von der Gegenwart abgetrennt, sondern kontextualisierend auf sie bezogen“, schreibt Dietmar Dath in einer Buchbesprechung. Auf diese Weise ließen sich Antikörper erfinden gegen die Kolonisierung durch Bilder und Metaphern utopischer Spekulation in technokapitalistischen Lösungsversprechen für soziale Großprojekte. Ich lese Daths güterzugartige Rechthabergerattere in der Frankfurter S-Bahn. Am Darmstädter Hauptbahnhof steht ein Satz von Georg Büchner über dem Portal, der ebenso von dem spricht, was war und was sein könnte, vor allem aber spricht er vom Erleben des Einzelnen als einem Mangel, den ein jeder teilt: „Wir alle haben etwas Mut und Seelengröße nötig.“ (Im Darmstädter Herrengarten, 7.11.)

Überall Federn

Die Verfassungsschutzlosigkeit!

Der Unbehaustheit des Schriftstellers auf Lesereisen, dem Hotel Ich, setz die Ordnung des Staunens entgegen! Da steht am Dorfrand, dreimal so hoch wie die Kirche, ein Wohnturm. Im Vormittagslicht klingt vom Schulhof Kindergeschrei herüber und macht dich ruhig. Die Freundlichkeit des lachenden Gesichts im grau-in-grauen Regenwind auf der Domplatte. Vorüberwirbelnde. Ein jeder. Mit seinen unverwechselbaren Augen (Köln, 5.11.).

„Forgotten anything?“ Alles.

„Wer Engel sucht“ … sieht überall Federn.

Das schweigende Auge

Ein wiederkehrendes Bild: Du öffnest am Morgen die Vorhänge, und draußen vorm Fenster liegt ein Park mit einem Weiher, darauf Enten und auf dem Rasen Krähen. Es ist grau, es regnet, und du bist hier nie gewesen. Was erkennst du daran also wieder? Den Park, die Tristesse, das Nieselwetter? Die Vorhänge? Das Öffnen? Die letzten Vorbereitungen, ehe du gehst? (Braunschweig, 2.11.)

Werbeslogan: UNS DOCH EGAL

Aus dem Krimi des Sitznachbarn: „Das Auge blinzelte, sagte aber nichts.“