War

Beim tagelangen Wiederhören der frühen Alben von U2 mit einem Mal der Gedanke, als Frage an dich selber: WAR es ganz anders? Sind dieser seltsame Josua und die biblischen Erzählungsschnipsel deiner Gedichte seinerzeit (in den „Traklpark“ aufgenommen „Klee“, „Trinitatis“ und „Die Erlöserkirche von Lohbrügge“) etwa aus den Songs von damals genommen, hat dich „The Joshua Tree“ so tief bewegt? Die Gedichte entstanden alle in der Zeit, als du „War“, „The Unforgettable Fire“ und „The Joshua Tree“ (1983 – 87) hörtest, als U2 Landschaft, Überlieferung, Erzählen noch einmal zum Klingen zu bringen versuchten, ehe mit „Achtung Baby“ Zeitgeist und akute Politik Einzug in Songs und ihre Strukturen hielten. Ist dein Gedicht viel mehr Antwort, ja, Reaktion, als du es wahrhaben wolltest und wahrgenommen hast?

Foto © U2 „War“, Island Records 1983, Coverfoto von Ian Finlay

Angstmüll

China, das sei ein einziger großer Müllhaufen, ein Reich, das zerbrechen müsse, sagt über sein Heimatland der Exildichter Liao Yiwu. Seltsam respektvoller Hass, nacheilend schimpfender Gehorsam, der aus solcher Drastik spricht. Ist sie von Albträumen genährt? Beinahe nur Albträume sind es, was mir bleibt von den Wochen, nicht Jahren, nicht Jahrzehnten, in China – in Shanghai, in Hangzhou. Müllhalde meiner Eindrücke, ja. Kanalisation einer verfallenden Wasserstadt, durch deren von Krabben und Spinnen bewohnte Kloake ich krieche, um am Ende kopfüber in ein Erdloch gerammt zu werden, bis mir mein Blut den Schädel sprengt. Was kann das bedeuten? Es ist Angstmüll, herausgeschmuggelt aus einem Reich der Ordnung, an dem wir alle bauen (18.10.).

Dort nicht, nicht da

Trockene Herbstkälte der Nacht – früher Oktober. Lautlos blinkend kommen die letzten Maschinen herein. Laub, das am Morgen in den Pfützen schwamm, bricht knisternd, wie Krebskrusten an einem Strand, unter deinen Schritten in Stücke.

Dort nicht, nicht da und nicht unterwegs, hin, her, – hier noch am ehesten kannst du leben.

Ein Rätsel

Ein kleiner Junge mit langen blonden Haaren sitzt allein am Tisch im Großraumwaggon, alleinreisendes Kind, unterwegs zwischen Städten, in denen, einer hier, einer dort, seine Eltern leben. Abwechselnd blickt er aus dem Fenster in die Nacht, in die Leere der Beschäftigungslosigkeit, die Gesichter der Erwachsenen (auch meines). Sie geben ihm das immer gleiche Rätsel der Gewissheit auf (14.10.).

Ruhebereiche

Ruhebereich: Zwei ältere Paare sitzen einander im Zug gegenüber, ein Mann und seine Frau erzählen vier Stunden lang ohne Unterlass Erlebnisse, Gedanken, Gefühle, von Bekanntschaften, Plänen, Versäumnissen, Kindern, Haustieren, Zimmerpflanzen. Die anderen Zwei hören zu, hören hin, schweigen duldsam, mit durchlöchertem Gesicht. Richtet Erzählbereiche ein! Lasst sie aufeinander los, die Erzähler, sollen sie quasseln.

In Frankfurt an einem Buchmessenabend erwähnt der niederländische Autor Otto de Kat, dass schon am 11. Juli Rutger Kopland gestorben ist – der Tag, als ich durch stundenlangen Regen nach Karlsruhe fuhr und dort allein in dem verwaisten Bahnhof stand. Mit Kopland, dem Dichter und Schlafforscher, standen Hendrik Rost und ich vor fünf Jahren in seinem Garten in Glimmen bei Groningen, sprachen über unsere Übertragungen seiner Gedichte, auch über „Boomgaard“, „Obstgarten“, mein liebstes von ihm. „Sehen Sie, dort drüben“, sagte er einmal in seinem wundervollen Deutsch zu mir, obwohl er deutsch zu sprechen nicht mochte, „die Bäume jenseits des alten Zauns – das ist er, mein Freund der Obstgarten.“ (13. Oktober)

Fluchten

Vergiss nicht, morgens kurz nach sechs, den rosigen, manchmal gar goldenen Schimmer über den noch leeren Straßen und Gehwegen zwischen den Türmen, wo schon die Spritzwagen fuhren. Eine Vogelluft und Vogelstille – doch selbst Spatzen und Tauben wussten, was bevorstand, und waren lange geflohen, um Atem zu schöpfen in umzäunten Parks (Erinnerung an Changning, 10.10.).

Mit einem Korb vorm Bauch geht eine dunkle junge Frau, vielleicht Türkin, durch den Waggon und ruft, nein singt herzerweichend: „Brezel! Frische Brezel! Wer möchte eine Brezel?“ (Göttingen, im Zug nach Frankfurt)

Von der Messe geflohen, über die Brücke, am Main lang, zu den Bildern (im Kummermuseum), den Bildern im Städel: Mit zweifelndem Blick folgte mir Franz Pforr durch die Säle. Und mit unseren 220 Jahre alten Augen sah ich drüben am anderen Ufer im Regendunst den Wolkenkratzer der Europäischen Zentralbank in die Höhe wachsen und zugleich schon dastehen als Ruine (Frankfurt, 11. Oktober).

Bild: Franz Pforr (1788 – 1812), Selbstbildnis (1810); Städel-Museum Frankfurt am Main

Drei Zimmer im Haus des Gedichts

Richte dich ein in der Vergeblichkeit (– ihre Zimmer sind die des Gedichts).

Der Nachthimmel über den Wohntürmen und Wolkenkratzern von Changning war ein einziger Lichterdunst, blaugrau und milchig. Sterne – keine, oder, sehr selten, ein einzelner, sehr starker (welcher?), wie ein still über Shanghai stehender Satellit. Im dunklen Garten brauchen die Augen Minuten, um die Plejaden zu unterscheiden. Orion ist nah, er wird aus Nordosten kommen (9.10.).

Der greise Nachbar streicht mit dem Handteller zärtlich über die Hecke: ein Tasten, um zu erfühlen, wann der nächste Schnitt fällig ist.

Tulpe und Taschenlampe

Da ist es wieder – zum Glück! –, das Ächzen, Knispeln, Rasseln und Surren eines durch die Dämmerung rollenden Fahrrads, das noch Fahrrad ist.

„Ich bin eine Tulpe“, sagt meine Tochter, als sie einen Poncho überzieht. – Ja, das bist du, Tulpe, ein Mädchen, ein wildes Kind.

Ein alter Bekannter: Taschenlampenlicht streicht im Dunkeln über die tropfnassen Brombeerhecken.

Verlorener Tag

Verlorener Tag: acht Stunden lang im Auto zwischen Asphalt, Blech, Beton und Zement. Ein Feld voller in der Sonne blinkender Regentropfen auf Kamilleblütenblättern; der Flickenteppich der Maisebene zwischen Bremen und Diepholz; und die im Oktober absaufenden Auen der Weser – wiedergefundener Tag (Lemförde, 6.10.).

Ein Schiff, zwei Züge, ein Besen

Vergiss nicht, wie du zu erklären versuchtest, Hände ringend, was das ist: die „Neige“, das „Verdrängen“. Zu verdrängen – vergessen zu wollen. Auch ein Schiff verdränge, es verdränge Wasser. Ein Schiff, fragten sie, wolle das Wasser vergessen?

Der Schriftsteller Martin Walser hat im Zug sein Tagebuch verloren, sein Verlag bietet 3000 Euro Finderlohn dafür. Dem Dichter Robert Walser kam einmal im Zug ein Koffer abhanden, in dem sich auch die Manuskripte zweier Romane befanden, und klagte nicht.

Übers Haus hinwegfegender Besen aus Staren

Immer vor der Nacht her

Gestern irgendwann, irgendwo zwischen Jekaterinburg und Minsk, sah ich aus dem Flugzeugfenster die grauen Felsenweiten, die Pisten entlang der Flussschleifen im Ural. Dreißigstündiger Tag! Ich flog immer vor der Nacht her, vom Sommer in den Herbst. Drei Säuglinge im Jet, die keine Minute lang schliefen. Der Regen, das gelbe Hamburger Laub, Stille und wenige Leute allein unter den tropfenden Bäumen dahingehend (4.10.).

Morgen der Herbst

Noch einmal kehrt der Sommer zurück nach Shanghai. Und auch ich kehre zurück, morgen in den Herbst.

Säuberung eines Brunnens, groß wie die Sonne-und-Mond-Turmuhr an der Hamburger Jakobikirche. Zwei Männer und drei Frauen (mit Strohhüten) brauchen fünf Minuten dazu. Einer am Rand überwacht sie, zupft gelbe Blätter von der Heckenumfriedung. Die Frauen gehen davon, die Männer jeder einmal im Kreis um den Brunnen, wie Zeiger (Changning, 2. Oktober).

Noch bin ich zehn Kilometer entfernt, aber sehe schon die schwarzen Schwaden. Dann rast der Bus hinein in die Säule aus davonschwärendem Qualm. Unter der durchs weite Küstenflachland strebenden Huaxia-Autobahnhochbrücke brennt eine Lebensmittelfabrik. Die überrußten, im schwarzen Rauch verschwindenden roten Leuchtstoffschriftzeichen auf dem glühenden Dach sind das Letzte, was ich von Shanghai sehe (3.10.).

Langsam gleiten Frachtschiffe über die Rollbahnen des Pudong-Flughafens. Habe ich dich doch noch gesehen, Jangtsekiang.

Baisha

Ich stand vorn an der Scheibe neben dem Fahrer. Der Nachtbus nach Changning war voller Leute, ein rollender Platz des Volkes. Dass er ein Trolleybus war, bemerkte ich nicht deshalb, weil es keinen Schaltknüppel gab, ich sah es an dem kleinen dünnen Mann mit der Packung Baisha-Zigaretten in der Brusttasche über dem riesigen Lenkrad: Nicht er fuhr den Bus, sondern der Bus fuhr auch ihn.

„Die Liebe“, sagt eine Chinesin zu mir, „Liebe gibt es in China erst seit ungefähr vierzig Jahren.“ 1972 – das Jahr der Erfindung der Liebe in China? „Jahrtausende lang“, sagt sie stolz, „spielte so etwas wie Liebe beim Heiraten und Kinderkriegen in China keine Rolle.“ Das Mittelalter. Die Romantik. Die Zeit! Der Taumel (1.10.).

Dann los!

„Wo ist mein Zuhause?“, fragt die Taiwanesin mit dem schönen Hut, die jahrelang in Berlin lebte, ehe ihr Mann nach Shanghai versetzt wurde. „Was ist das, Heimat, können Sie das sagen?“ – „Mein Zuhause, fürchte ich, ist das Gedicht.“ – „Die Poesie, meinen Sie?“ – „Nein, ich meine das Gedicht.“ Und hätte sagen können: „… einen Raum wie Ihren Hut.“ (Xujiahui, 30.9.)

Asservatenkammerkonzert

Mit deiner Ernsthaftigkeit, Leidenschaft, Liebe, deinen Zweifeln und deiner Kritik – woran, wozu, wofür? – bist du allein. Shanghait in einem Trolleybus voller Leute zwischen dem Platz des Volkes und dem Zhongshan-Park, dem Park der endlosen Stille.

Stinktofu

Ich fragte die Pappeln, ob sie mitkämen in die Kindheit, und sie antworteten: „Ja!“ – „Dann los!“, rief ich, und sie rauschten, und die Blätter im Wind zeigten ihre silbernen Knie (1. Oktober).

Das Periskop

Es wird immer gespenstischer: Der Mars-Rover „Curiosity“ hat auf dem Roten Planeten Bachkieselsteine fotografiert. Abwarten, bis er den ersten Autoreifen findet.

Ein Hochhaus voller kaltem Rauch. Jeden Morgen die leeren Bierdosen im Badezimmermülleimer.

Tagtäglich stehe ich an dieser Kreuzung, umgeben von Tausenden, umtost vom wogenden Verkehr und doch allein auf hoher See: ein Periskop (28.9.).

Die Schnittwunden der Diskurse

Am Vorabend des Nationalfeiertags und der „Goldenen Woche“ warten die Ausflugsziele vergeblich auf Besucher. Für die Straßenverkäufer und greisen Einwohner der alten Wasserstadt bin ich das Erstaunlichste. Nicht mal an Touristen wie mich zu verscherbelnde Ming-Dynastie. Ein kleiner Hund schläft in seinem Käfig, einen Sprung entfernt von einer jahrhundertealten Pflasterplatte, die einen jagenden Hund aus Stein zeigt, Land, das es nicht mehr gibt, den Fluss, heute eine Kloake (Fengjing, 29.9.).

Foto: Huichuan Lu, Changning, Shanghai

Drei Drachen

Jeder Abschied ein Beginn. Die Abschiede beginnen (27.9.).

In der Dämmerungsstunde stehen am Himmel über Changning drei grün wie die Taxis der Stadt blinkende Lichter. Wohin verschwinden sie, sobald es dunkel wird? Tags scheinen dort oben, doppelt so hoch wie die Wolkenkratzer, drei Drachen zu schweben. Doch Drachen sind es keine.

„,Amnestie‘ geht das Flüstern im Gras: ,Amnestie‘.“ (Tomas Tranströmer)

In den Stunden, ehe die Nacht kommt, spielt seit drei Wochen unter dem Fenster der CD-Verkäufer auf seiner Rikscha dasselbe, immer nur dieses Lied. Wie seltsam, dass sie nicht schal wird, die Endlosmelodie! Wie seltsam, dass ich, vor genau zwei Jahren, dort war, auf dem „Scarborough Fair“, von dem die alte englische Weise handelt: Zwei Liebende geben einander nicht endende Rätsel auf um „parsley, sage, rosemary, and thyme“.

Chauffeure

Der Dichter Z. ist Gentleman und Galan in Vollendung. Noch wenn er ein Buch signiert, kalligrafiert er. Er besitzt einen schwarzen Buick, in dem im Nieselregen ein Chauffeur auf ihn wartet, mit dem er nicht spricht. Kennt der Chauffeur die Gedichte von Z.? Der Dichter erzählt von dem Exildichter Y., seinem Freund. Kennt der Chauffeur die Gedichte von Y.? Ich denke an den Fahrer mit der 07 auf dem Rücken: Der Zufall wollte es, dass er mich zweimal mit seiner Elektrorikscha durch Zhujiajiao chauffierte. Wo war er am 4. Juni 1989 während des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens? Liest er Gedichte? Die Gedichte von Y., von Z.?

Gespräch in der vollgerammelten Metro über Nietzsche, Wittgenstein, Fukuyama, Rorty, den chinesisch-japanisch-taiwanesischen Inselkonflikt, über Obama, Biotechnologie und Jesus Christus. „Are you a believer?“, fragt mich der junge Doktorand der Tongji-Uni Herr Xu, als wir eingequetscht am Platz des Volkes eine Rolltreppe hinauffahren. Er ähnelt einem dickens’schen Bestattergehilfen und trägt ein schwarzes Pink-Panther-T-Shirt (Hongkou, 25.9.)

Der dreißig Geschosse hohe Turm der philosophischen Fakultät. „Wie heißt das Gebäude?“ – „We call it in general building.“ Wir nennen es im Allgemeinen einfach nur Gebäude. Es klingt, als sagte Herr Xu: „We call it the general beauty – Wir nennen es die allgemeine Schönheit.“

Pappbecher und Fischköpfe

Die elfte, die Atemschutz-, die Ansteckungsangstmaske

Die ganze Familie, drei Generationen, säubert auf der Gasse kleine silberne Fische zum Verkauf. Ihr Fischköpfe verschlingender Hund sieht aus wie ein Fisch (Dongtai Lu, 24.9.).

Auf der Madang Lu in Xintiandi, Shanghais Straßenschickeria wie in Rio, New York, Berlin oder St. Petersburg, hohler als ein leerer Pappbecher. Fassadenverbraucher in ihrer Beschaulichkeitskulisse, wo nichts ein Drama ist.

Aus dem Loch gedrückt, um die Ecke geschnellt, die Rampe herabgerollt, wie die Bälle im Flipperautomaten kommt nachts ein grün beleuchtetes Taxi nach dem anderen die Huichuan Lu nach Changning heruntergefahren (25. September).

Die Versuchsanordnung

Ich will schwimmen gehen! Die Erntesaison für die Große Wollhandkrabbe ist eröffnet.

Seit über dreißig Jahren denke ich an diesem Tag an ein Mädchen mit rotem Anorak, ein behindertes, wir sagten damals: mongoloides Mädchen, mit dem ich während eines Schulausflugs in den Harz nur ein paar Minuten lang sprach … helles Vormittagslicht unter Bäumen, irgendwo an einem Sportplatz, und sie erzählte strahlend, ohne zu ahnen, wie unvergesslich es war, am 23. September sei ihr Geburtstag.

Wie zerfahren, wie zerrüttet du dir hier mitunter vorkommst, nichts davon gibt die Folge dieser Aufzeichnungen, ihre Versuchsanordnung, wieder. Warum? Weil es so mit dem ganzen Taumel, etwas zu schreiben, ist?

Vom „choc du divers“ schreibt Victor Segalen in China. Was den Schock der Unterschiedlichkeit auslöst, das sei „alles Fremdartige, Ungewöhnliche, Unerwartete, Geheim- nisvolle“, aber, seltsam, auch alles „Verliebte, Übermenschliche, kurz all das, was anders ist“. Beinahe hundert Jahre alt ist Segalens „Essai sur l’Exotisme“. Wie das Schockierende fruchtbar machen für dich? Durch die Versuchsanordnung: „Die Welt sehen, und dann sagen, wie man die Welt sieht.“

Foto: Ein Teeverkäufer putzt seinen Drachen, Hangzhou

Was dann?

Shi Ren – der Dichter: der aus dem Volk der Gedichte
Shian Sheng – jemand, der vor dir geboren wurde und von dem du lernen kannst
Wen – fragen, küssen
Yuan – die Währung, das Ferne

„Was würden Sie gern tun anstatt zu schreiben?“ – „Nichts.“ – Gelächter – „Besser wäre, durch die Gegend zu laufen, und die Vögel und die Bäume anzusehen.“ – Ausgelassenes Gelächter.

Mittagessen in Mao Tsetungs Shanghaier Lieblingsrestaurant „Jin Mei“. Überall hinter Glas tote Schmetterlinge an den Wänden.

Und nach dem ganzen Geglitzer – was dann?

Auf Wunder folgt Wunde. Der Abschied als Einschnitt, wenn du dir sicher sein kannst, jemanden nie wiederzusehen (22.9.)

Das Lächeln

Pack ein Elektro-Transportfahrrad, eine Recyclinggüterrikscha: in das Ladegestell zwischen den Hinterreifen Leergutkästen, Metall, Holz. Darüber geschichtet Pappen, verschnürt mit Bast, anderthalbmannhoch, darauf und dazwischen, verschnürt, Altpapier, daran festgezurrt, gestopft in jede Lücke, Dosen, Pfandplastik, und drumherum, fleckig, vorn überm Lenker und überall hinten, ein weißer, lautloser Elefant auf drei Rädern, Styropor.

Expressrolltreppen – sie führen in nur jedes zweite Stockwerk. In den übersprungenen Etagen stehen Verkäuferinnen am Geländer, blicken in die Tiefe, haben Zeit („Cloud Nine“-Mall, Changning, 20.9.)

Tischtennis mit Shanghaiern. Jeder könnte ein Busfahrer sein, ist aber ein Romancier. Besuch zweier Vorzeigeschulen, Leuchtschrift: „Welcome for the authors“. Alle Schüler tragen amerikanische Zweitnamen. Ein kleines Mädchen erzählt, sie möchte Kunstlehrerin werden, ihr Mandarinname bedeutet „das Lächeln“ (21.9.).

Ein Archipel sein

„Sei doch nicht so negativ!“ – „Bin ich das?“ – „Was bist du sonst?“ – „Ich bin hier nicht.“

„Schreiben und Musik“ – ein Symposium. Als sie ein Kind war, erzählt die bulgarische Schriftstellerin Zdravka Evtimova, spielte nachts in ihrem Dorf der alte Nachbar Klarinette. Das waren für sie der Mond und die Sterne. Als der Alte verschwand, keiner wusste, wohin, zog sein Enkel in das Haus nebenan, und auch er spielte Klarinette. Ihn heiratete sie.

Seit Monaten erster freier Schreibtag: 20. September. Wie hinterm Smog sinken Changning, Shanghai, Gelber Fluss und China zurück. Der Streit mit Japan und Taiwan, der drohende Krieg um eine unbewohnte Inselgruppe … ich bin selbst ein Archipel, unbewohnt, uneinnehmbar.

Am Fluss mit gelbem Ufer

An der „Brücke, wo die Fische freigelassen werden“ verkaufen alte Frauen für je fünf Yuan mit Flusswasser gefüllte Plastiktüten, in denen zwei Goldfische, zwei Heringe schwimmen. Haben die in Holzbooten ablegenden Männer der Alten die Fische gefangen? Fangen sie die freigelassenen im Huangpu wieder ein? (Es gibt kein Entrinnen.)

Im Stadtgottestempel von Zhujiajiao: Beim Gebet der Mutter vor dem Buddha bleibt der Sohn neben der Knieenden stehen – reicht ihr dann Münzen für den Schlitz vor der Gebetbank. Ein Helikopter kreist überm „Venedig Chinas“. In der Tempelpagode sind in der zweiten Etage die hölzernen Wände voller Regalfächer für immer den gleichen Buddha, dem man eine Münze zwischen die Finger schieben kann. Allein unterm Dach, lass den Stock gegen die Glocke schwingen – ein stockdunkler Klang, der dich zu denen trägt, die du liebst (19. September).

An jeder Haltestelle ruft die Fahrkartenverkäuferin zum Seitenfenster des Busses die Endstation hinaus: „Platz des Volkes! Platz des Volkes!“

Foto: An der „Brücke, wo die Fische freigelassen werden“, Zhujiajiao

Als sprächen die Dinge

In Leshuan in der Provinz Sezuan ließen Lokalpolitiker gezielt künstlichen Regen erzeugen, als sie ein Technologiegelände besuchten. Solcher „bloße Anschein von Engagement selbst bei schlechtem Wetter“ müsse von höherer Stelle als verwerflich gebrandmarkt werden („Shanghai Daily“, 18.9.).

Immer wieder auch Kinder auf den Motor- und Elektrorollern. Sie stehen zwischen Lenker und Vater oder Mutter, unbehelmt, im Haar den Abgaswind, die Augen zu Schlitzen verengt. Auf ihren Gesichtern ist kein Ausdruck von Freude erkennbar, nur die feste Bestimmung.

Die Schlange an der Kasse: „der Drachenschwanz“ – wo ist der Leib, wo der Kopf?

„Ich habe so getan, als sprächen die Dinge.“ (Victor Segalen)

Elektrofahrrad: Heuschrecke

Die gekappten Platanen unter den Stadtautobahnbrücken sehen aus wie versteinerte Rieseninsekten, Gottesanbeterinnen.

Die Feuernationuniform

Viele Gesichter, männliche, weibliche, sind verborgen hinter Masken: der der Indifferenz, der Ignoranz, der der Intoleranz, die dich spüren lässt (und lassen will), du gehörst nicht dazu. Gebelfer, Schleimhochziehen, Ausrotzen, in deiner Gegenwart gern. Die Ausschlussmaske ist die zehnte vieler Shanghaier, so denn acht sichtbare und dieses eine unsichtbare Gesicht, die Tomas Tranströmer zählt, ausreichen: „Da füllt sich der Park mit Menschen. An jedem acht Gesichter, poliert wie Jade, für alle Situationen, um Irrtümer zu vermeiden. / An jedem auch das unsichtbare Gesicht: es spiegelt ,etwas, worüber man nicht spricht.‘ / Etwas, das in müden Stunden auftaucht und herb ist wie ein Schluck Kreuzotterschnaps mit dem lange schuppigen Nachgeschmack.“

Vor jeder Straßengarküche acht, immer acht Alu-Fässer mit gläsernem Deckel. Bis zum Rand gefüllt sind sie mit großen grünen zuckenden Seespinnen (Anhua Lu, 17.9.).

Sie sei gerade auf der Suche nach einer Feuernationuniform, schreibt mir meine Jüngste.

Foto: Tuschbilder von Schülern der World Foreign Language Primary School Shanghai, 2012

Uhren, Uhren, Uhren

Neben der Reinigung im Keller des Appartementhauses: ein grauer, neonerhellter Raum voller Rechner, Bildschirme, Uhren. An den Tischen sitzen vier junge Männer und überwachen die Überwachungskameras. Die Tür steht offen.

Taifun über Changning. Der Sturm fährt durch die Häuserschluchten, die Sonne scheint, es ist wie am Meer, nur ist kein Meer da.

Auch im alten französischen Viertel überall Boutiquen, Shops, Stores, Takeaways, Leute über Leute, die nichts Besseres zu tun zu haben scheinen als ihre Zeit zu vereinkaufen. Straßenhändler warten, sie in die Hinterhöfe zu locken, alle die gleichen in Plastik eingeschweißten Abbildungen in der Hand: Uhren, Uhren, Uhren, während die wahren Uhren, die prächtigen Platanen an den Straßenrändern, in den Abgasen verkommen (Julu Lu, Französische Konzession, 16. September).

Einer schläft, und einer stiehlt

Was immer wieder ihr Staunen erregt: Er dreht sich eine Zigarette! Das Blättchen, der Tabak in der Faust, die rasche Folge der Fingerbewegungen. Dann huscht über ihre Lippen ein Lächeln, schmal und dünn, wie deine Zunge über die Klebefläche.

Ein Tag, an dem keiner mit dir spricht außer im Keller ein Mann, der dort bügelt – ausgesprochen reicher Tag.

Einer schläft neben einem Drachen. Einer reißt Aufkleber, grüne Halme, als wären sie Gras, von einem Kleinbus. Zwei, junge Frau, junger Mann, vielleicht Geschwister, ziehen auf dem Pflaster sitzend das Plastik von Kupferdrähten, und wieder einer kalligrafiert auf das Pflaster, mit Pinsel und Regenwasser. Einer liest Yang Lian: „Es bleibt nur die Luft, die zeitlos auf dem Papier existiert in Form eines Gedichts.“ Einer trottet heim und stiehlt Beobachtungen (Dingxi Lu – Anhua Lu – Kaixuan Lu, 15.9.).

An die Mondkuchenhersteller

Angekommen am Ende der Beschaulichkeit, keinem gingen die Augen auf.

Du biegst um eine Straßenecke und gehst einen Steinwurf entfernt zur Post. Vor deinem Gesicht fuchtelt ein Uniformierter und herrscht junge Angestellte an, bis alle lächeln. Du füllst Formulare aus, als wolltest du eine Tierart, einen Fluss kaufen. Dein Brief verschwindet in einem anderen Umschlag. Zurück im Freien, ist die Straßenecke nicht mehr da, die Erde aufgegraben, und du bist verlassen und verloren (Shanghai, Kaixuan Lu, 14.9.)

Forderungen nach Verringerung ihrer verschwenderischen Verpackungen fallen bei den Mondkuchenherstellern auf taube Ohren. Zeitgleich mit dem Aufgang des Merkur wird für Sonntag ein Taifun erwartet („Shanghai Daily“).

Kleine Reise von den neunzehn Millionen zu den sechs Millionen (3)

Ein Lastwagen voller Weintrauben, vor einer Wand mit einer Zeichnung von einem Kleinkind, das einen Wolf mit Beeren füttert

„Hang Zhou“ – „Ort, den du nur mit dem Boot erreichst“

„Kaiserlicher Garten mit den singenden Pirolen in der Trauerweide“, ich sah dort wirklich einen Pirol: Gelber Pfeil, der schimpfend aus der Baumkrone floh, als ein neuer Pulk mit Plastiktrillerpfeifen bestückter Ausflügler anrückte – „Look the lotus!“

Iss Ginkgoherzen, und du erinnerst dich der Bäume im „Brisendurchwehten Zickzackhof des Lotus“.

Kleine Wolke, knapp überm Boden, woher? Weihrauchwölkchen, woher kommst du? Da steht ein winziger Blechkormoran, Hals und Schnabel dir entgegengereckt, und hält ein Stäbchen. Fisch wird Wolke, Wolke wird Vogel, alles zieht davon.

Zufall, Sprache der Welt!
Der Bettler mit den großen Zähnen und lächelnden Augen, von dem ich träumte, weil ich ihm gestern am See fünfmal nichts gab, – im Steingarten des reichen Mannes steht er wieder vor mir und nimmt lächelnd, endlich, seinen Schein (Garten von Hu Xueyan, Hangzhou, 13. September).

Fotos: Residenz von Hu Xueyan, Hangzhou,
junger Apotheker, Museum für Traditionelle Chinesische Medizin, Hangzhou

Kleine Reise von den neunzehn Millionen zu den sechs Millionen (2)

Alte Legende: Von der Bogenbrücke über den Großen Kanal sackt im Winter auf beiden Seiten der Schnee ab. Sie wirkt entzweigebrochen, wie ein getrenntes Liebespaar. Ein Kranich lässt sich auf ihr nieder, und seine Schwingen verbinden sie wieder.

Reklame: „Betrink dich im Wulin-Bezirk. Spür den Wind! Die schlaflose Stadt ist das Paradies.“

Kanalbaumuseum, Schiffbaumuseum, Abschiedsmuseum
Scherenmuseum, Messermuseum, Wundenmuseum
Schießpulvermuseum, Waffenmuseum, Erschießungsmuseum
Regenschirmmuseum, Regentropfenmuseum, Tränenmuseum

Wenn die Vögel anfangen zu sprechen, sprechen sie Mandarin.