Das Gras

Trost

Programmtitel, wahrhaftig: „Going nowhere“

Nur anhand von Erzählungen, Geschichten von Erlebnissen und Vorstellungen Einzelner, sei es ihr möglich, sich einen Begriff zu machen von etwas so Umfassendem, etwas so Unfassbarem wie dem Klimawandel, sagt im Melbourner Haus der Kunst, dem alten Meat Market, eine junge Wahlaustralierin, eine us-amerikanische Autorin, die an einem Roman über Atlantis schreibt. In Mississippi habe sie vor einiger Zeit eine Taxifahrerin kennengelernt, die ihr erzählte, sie lege alles mögliche Geld beiseite, damit sie mit ihrer Familie nach Florida ziehen könne. Ein Haus am Strand würden sie und ihr Mann für sich und die Kinder dort kaufen wollen, damit sie unter den ersten seien, die von der großen Flut hinaus aufs Meer und nach Atlantis gespült würden.

Es ist zwecklos, träumen zu wollen, wenn du nicht schlafen kannst.

Jeder Trost ist einmalig. Immer wieder auf dieselbe Weise trostreich ist es, Gedichte zu lesen.

Aufwachen in Melbourne

Das ist also Melbourne: am Morgen
   getaucht in ein Hellblau, das herab-,
auf die Dächer heruntergefallen scheint.
   Kräne, Blätter hochwirbelnde Straßen-
bahnen. Vorbeirauschen kahle Platanen.
   Und Gottes Atemwolken ziehen nord-
wärts nach Wagga Wagga.
                                             Die längsten
   denkbaren Finger öffnen das Schließ-
fach des Himmels, bis es taghell wird,
   so schnell, dass du erschrickst Ecke-
Swanston-und-Franklin. Rede nicht nur,
   bloß um dich umzudrehen und wegzu-
gehen. Sprich mit ihr.
                                    Sie ist ein Regen,
   die Welt, und liebt die fünf Sinne. Über-
schwemmt dich. Ist zartfühlend, ist schroff
   oder Buschfeuer. Sie kommt durch die-
ses Fenster, in deine Augen, mit allem
   Licht erwartet sie dich an deinem aller-
ersten Aprilherbstmorgen in Melbourne.

Für Emma Lew

Eine Telefonzelle in Abu Dhabi

Flog über Budapest, Bukarest, Ankara, Beirut, Bagdad, Kuwait und Bahrain hinweg bis Abu Dhabi. In der Dunkelheit auf dem Wüstenrollfeld schwamm das Kerosin in der 30 Grad heißen Luft. Fünfzehn Minuten später stand ich zusammengepfercht mit zwanzig Arabern und Australiern in einer Raucherkabine, kaum größer als eine Telefonzelle (die es nicht mehr gibt) oder ein besonders kleines Haltestellenhäuschen (die es wahrscheinlich inzwischen auch nicht mehr gibt).

Das schöne Licht am ersten Morgen über Melbourne: als sollte der ganze Süden der Welt einzig hellblau sein. Ich sah noch keinen Vogel, hörte aber die ganze Nacht lang das Gezwitscher einer Klimaanlage vom Dach des Nachbarwohnturms, ganz so als würde dort ein Wellensittichschwarm ausruhen. Ein laut anschwellendes Windmühlflügelschlagen war plötzlich zu hören, vielleicht ein Traum, dann aber kam eine Feuerwehrsirene durch die Straßenschluchten gerauscht. Anderthalb Tage lang flog ich um die halbe Welt, von Abu Dhabi weiter über Sri Lanka und den Indischen Ozean hinweg, vorbei an Perth und Adelaide. Aufzuwachen in solchem Licht … aus der Unwirklichkeit in deinem Leben einmal so erwachen. Aus dem Frühling flog ich in den Herbst. Unterwegs, wo war da Sommer? (Melbourne, Therry Street, 23. April 2014)

Die kurze Zeit der Unterschiede

Morgen werde ich über Abu Dhabi nach Melbourne fliegen, in den südaustralischen Frühherbst. Ein zu allem bereites Grün auf den Wiesen, im Hamburger Gras. Die Leute im Freien – freie Leute. In der Luft hängt der Holzrauchgeruch der Osterfeuer, und die Farbe der Nacht schwankt zwischen Tiefblau und Lila, beinahe Purpur. „Kein Kind mehr wach. Kein Vogel im Himmel“, schreibt Peter Handke in „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“. „Dafür war dort eine Wolke, eine grauweiße große Haufenwolke, am oberen Rand vielfach gebuckelt, die langsam nach Osten zog, wie auf Wallfahrt; als wallfahrtete sie. Es hätte auch nach Westen sein können, und es hätte auch am Morgen sein können.“ Was das Wetter in der Poesie ist, vollzieht sich ab diesem „Dafür“. Auf, nach Australien, meinetwegen!

Auf, nach Australien, meinetwegen – was für einen Unterschied macht es? Die kurze Zeit der Unterschiede ist vorbei. Auf Unterschiede kommt es nicht mehr an. (20.4.)

Zwei Wörter, die eine Welt öffnen, wenn auch, ja, eine kindliche, wunderbare, wundersame, als das Kind fragt: „Träumen Schnecken?“ Und du lachst. Die einzige Antwort, die du noch hast und die angemessen ist.

Der Gesang in den Hecken

Unten im Garten steht einer der Fensterbauer und telefoniert. Die Sonne scheint, die Vögel singen, durchs Haus hallt das Gehämmer, und er sagt: „Heute Morgen habe ich ihnen mein Blut gegeben, das muss reichen für sie, mehr kriegen sie nicht von mir. Mein Blut, das sagt ja alles von mir, und was es nicht sagt, das geht sie nichts an.“

Berlioz‘ Symphonie phantastique in der Hamburger Laeiszhalle, dirigiert von dem erst blassen, dann leidenschaftlich steuernden, korrigierenden, die Traurigkeit tanzenden Ion Marin: Hundert Musiker auf der Bühne, Harfenisten, Pauker, Fagottbläser, Beckenschläger, der reinste Bienenstock, Bienen ohnehin die Cellisten, Kontrabassisten, Bratschisten und Geiger. Aber das Erstaunlichste an der ganzen ungestüm(-traurig)en Maschinerie ist doch der Eindruck, dass diese Vielfalt einen Einzelnen, sein Fühlen und Denken, sein Grübeln, Sichgehenlassen, neue Kraft Schöpfen und erneutes Versinken im Gram, die Nuancierungen seines Gemüts darstellt – die zeitlose Kraft des Kummers. (15.4.)

Am Morgen, sagt das Kind, habe es nicht mehr schlafen können, denn das Fenster sei ja offen gewesen. „Alle Vögel sind zurückgekommen und haben in den Hecken, die am Haus hochwachsen, miteinander geredet und laut Musik gemacht.“

Die Blumento-Pferde

Vom Bahnhof Glattfelden aus lief ich anderthalb Stunden lang an der Glatt entlang bis hinein ins Dorf des Grünen Heinrich, las Kellers Verse und Sätze auf den Tafeln am Wegrand, hörte dem Bäumerauschen zu, sah im Fluss die Wasserpest, fand alles schön, ging, lief, sank durch die Zeit und zurück in meine. Wo ist der Ausweg aus dem Augenblick? Vielleicht wirklich im Maß – hinzugehen durch lauter schöne Sonne, unterm Grün, in einer geliebten Geschichte, und dann heimzukehren in dein Leben wie von einer Reise in die Fremde. Aber sicher ist das nicht. Und darf es auch nicht sein. (Singen, 11.4.)

„Die Blumento-Pferde“, sagt das Kind ernst, „hast du die schon mal gesehen?“, und wie es da lacht, das Kind, und ich mit, weil ich sie sehe, in diesem Augenblick sehe ich sie vor mir, die Pferde, die Blumento-Pferde.

Das Wunderbare an Lars Gustafsson: dass er das Entscheidende unterzuheben versteht. So schreibt er über den verwirrenden Eindruck von Unwirklichkeit, den eine Lesung sowohl beim Autor wie beim Zuhörer hinterlassen kann: „Natürlich entsteht eine interessante Spannung, wenn wir zum ersten Mal eine authentische Lesung eines Dichters hören, den wir nur von unserer eigenen Interpretation her kennen.“ Das Entscheidende: „Die Lesung besitzt die Autorität des Dichters, aber in unserer eigenen Lesung verbirgt sich eine andere Autorität, die nicht unerheblich ist.“ (Lars Gustafsson und Agneta Blomquist, „Alles was man braucht. Ein Handbuch für das Leben“, deutsch von Verena Reichel)

Manchmal fliegst du weit weg – mitten aus dem Tag.

Applaus für den Nachtwind

„Höchste Zeit, die Sterne neu anzuzünden.“ Appolinaire

„Es ist heiß hier“, schreibt das Kind, „jeden Tag schwitze ich mir einen Ast.“

„Sie sind also der Autor.“ – „Bin ich. Und Sie sind der Leser.“

„Sie sind also der Autor.“ – „Bin ich. Aber nicht der Ihres Lebens.“

„Sie sind also der Autor.“ – „Jedenfalls bin ich einer. Ich bin ein Autor.“

„Sie sind also der Autor.“ – „Nein, der Wind, der schwarze Nachtwind bin ich.“

Vor der Lesung im Theatersaal der Schule klettern Schüler durchs Fenster herein und wieder hinaus in den sonnigen Vormittag. Während der Lesung gebannte Aufmerksamkeit, zweifelndes Staunen, Lauschen. Nach der Lesung Jubel, freies Lachen, der schönste Applaus. (Grimmelshausen-Gymnasium, Offenburg, 9.4.)

Zwischen Untereinöden und Überruh

Vorsicht! Dachlawinen! Zwischen Untereinöden und Überruh, kann auch sein bei Oberholzleute, kurz nach dem Spitalhof: Schnee auf einem Oberallgäuer Talhang. Und wie Zahnstocher stecken in den Hangauffahrten hinauf zu den aufgeräumten Höfen noch immer die Schneestangen. Hier sind wir auf alles Mögliche vorbereitet. (Isny, 6.4.)

Mit welcher Behändigkeit – es ist eine Zärtlichkeit – die großen Krähen den Turm umflattern, um im richtigen Augenblick in die leere Schießscharte zu tauchen, in der sie wohnen, nisten, schlafen, sich wohlfühlen, sich wohl fühlen: Sie schackern weder noch krächzen sie, sondern singen.

In dem gelben Bus durch die von Löwenzahn und Butterblumenschwemme gelben Wiesen das Allgäu zwischen Isny und Röthenbach. Innigkeit wird zu Erinnerung, und umgekehrt. So fuhr ich im Postbus von der Schule in Tölz heim nach Waakirchen vor beinahe vierzig Jahren. Wie seinerzeit mich und uns kennt auch hier der Busfahrer jedes Kind, hat einen besonderen Satz, ein Sesam-öffne-dich für jedes und verteilt beim Aussteigen Süßigkeiten nach Wahl. Ein kleines Mädchen stolpert über den hellblauen Plastikeimer zu Füßen des Fahrers. „Du bist auch so eine Randaliererin, Annamaria!“ (Röthenbach, 7.4.)

Versteinern und Bestaunen

Ist das Gedicht vielleicht wirklich unerheblich? Ja – solange das Dichterische anderweitig, in anderer Weite, Weise und Form fortlebt, zu leben neu anhebt.

Pension Himmel Fremden Zimmer (5.4., Kassel)

Unter dem Tisch liegen zwei dicke Bände Born: Nicolas Born Gedichte, Nicolas Born Briefe 1959 – 1979. Je ein schönes Foto von Born, wie er spazierengeht, auf den Buchumschlägen. Meine Briefe, denke ich, wird niemand sammeln können, irgendwann drückt irgendwer in Kuala Lumpur eine Taste, und sie sind gelöscht. Ich nehme Borns Gedichte zur Hand und schlage das geliebte letzte auf, „Ein paar Notizen aus dem Elbholz“, und lese mitten in den Kasseler Bergen: „Die Ruhe auf dem Lande ist oft stille Wut“ … „Wenn Sie die beiden Bände haben möchten, nehmen Sie sie mit“, sagt der freundliche Veranstalter, „die kauft hier eh keiner.“ Sie sind signiert, sehe ich, von Borns Tochter Katharina, der Herausgeberin, die sie hier vorstellte, vor fünf Jahren. „So übermütig will ich versteinern und / bestaunt werden“. (Schauenburg, 6.4.)

Some Notes Before Going To Wagga Wagga

„Wir haben unsere freien Tage“, sagt ein junger Mann im Bus zu einem Freund. Er erzählt von seinem ersten Lehrjahr. „Aber manchmal muss man halt auch Sklave sein.“

Den Buchtitel „Abschied“ habe sie ablehnen müssen, erzählt die junge Lektorin. Verlagsleitung und Verlagsvertreter würden den Begriff als wenig verkaufsfördernd einschätzen, und so habe sie Abschied davon genommen.

Hotel Sonne, Hauptstraße. Endlich wohnst du in der Sonne. Die Sonne, wusstest du das nicht schon immer, die Sonne ist ein Hotel.

Jetzt geht es sehr schnell – Australien, Van Diemens Land. Bald, in drei Wochen, fliegst du über Wagga Wagga.

„… damals waren die Bilder stumm in ihn gesunken, die Fühllosigkeit hatte schon unmerklich begonnen. Wie anders, bei aller Ähnlichkeit, war es jetzt. Jedes Bild belebte ihn. So wie er durch die nächtliche Stadt ging, ging er durch seine eigene Verwandlung.“ Reinhard Kaiser-Mühlecker, „Schwarzer Flieder“

Vor lauter Lärmschutzwänden hörte man die Stille nicht.

Die Trennung

„My mother, she is seventy-five, she’s the closest friend I have in my life.“ Mark Kozelek

Der Reiher kam aus dem blauen Spätmärzhimmel, streckte die Beine, spreizte die Schwingen, blickte um sich und flog einen Sinkflugkreis, ehe er auf einem Felsen im Teich vor dem japanischen Pavillon landete. Von so sonntäglichen Spaziergängern wie mir ließ er sich nicht stören. Sein Auge äugte. Er hielt Ausschau, was da schwamm. Stakste durch den Teich, hielt inne, reckte den Hals, hielt inne, schnellte vor, schnappte im Wasser nach dem Fisch und schluckte ihn hinunter. Zurück auf dem Felsen, gereckter Hals, das äugende Auge, das Himmelsblau. Reiher, unter Leuten, als wären wir Reiher und er der einzige Mensch. Und das größte Wunder dann die Zunge. Reiherzunge, schleckte sich den Schnabel, genoss das Schlecken und unsere Blicke. Ah! Ein köstlicher Fisch. Ein zarter kleiner Märzfisch. (Planten un Blomen, 30.3.)

Willkommen im Geisterhotel!

Wie so oft trifft Rilke die Sache auf den Punkt (wenn er auch nicht selten über die Sache, den Punkt nicht hinauskommt), als er über Trakl und dessen Dichtung sagt: „Inzwischen habe ich den ,Sebastian im Traum‘ bekommen und viel darin gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, daß die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzige waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag. Ich denke mir, daß selbst der Nahstehende immer noch wie an Scheiben gepreßt diese Aussichten und Einblicke erfährt, als ein Ausgeschlossener: denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und erfüllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel. (Wer mag er gewesen sein?)“ – Rilke im Februar 1915. Bleib in seinem Bild, und du siehst Trakl allein, abtastend das Glas, hinter der Scheibe, sich mitzuteilen unmöglich. Das ist sie, die Unwirklichkeit, die Entäußerung, von der Trakl immer wieder spricht und die er als einer der ersten und daher für uns alle durchgemacht hat: die Trennung. Das Abgelöstsein von der Welt, die vermeintlich, paradoxerweise, unverändert weiterexistiert. Alle Gleichgültigkeit gründet dort: Es gibt die Welt (noch), und es gibt mich (noch immer), aber eine Verbindung nicht (mehr). Das Wunder Trakl besteht auch darin, mir das vor Augen führen zu können – und zugleich das (letzte) Verbindungsglied gewesen zu sein (was ihn zerriss).

Der Lärm der Zeit und des Gemüts

Das lauteste Konzert meines Lebens: Mogwai in der Großen Freiheit. Schon nach der ersten Minute, die Schlagzeuger, Keyboarder und vier Gitarristen auf der Bühne standen, verstopfte ich mir die Ohren mit Kautschuk. Die Schallwellen des wundervollen Lärms drangen schwermütig durch Mantel, Pullover und Hemd, und die Umhängetasche bebte mir am Leib, als hätte ich darin ein Nagetier, das um sein Leben zitterte. Reglos standen die sechs Schotten im Lichtgeflacker, versuchten ihren Instrumenten Menschliches abzutrotzen und ließen doch nur möglichst melodisch auf meiner Seele einen Jet landen, soul runway. Hardcore will never die, but you will. Von zwanzig Songs, die sie spielten, zwei Gesang, der Rest Landschaft, offene See, Weltraum, Klangbitternis, Lärm der Zeit und des Gemüts. Seit Monaten war ich nicht so ruhig. Als Trakl einmal las, vor hundert Jahren in Innsbruck, muss es etwa so gewesen sein. Mein lieber Freund sagt, wie es ist: Den Rest denkst du dir und spürst du. (St. Pauli, 26.3.)

Eine so erregende wie desillusionierende Beobachtung über das Gedicht äußert überraschend Christoph Hein in seinem Roman „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ über den ungeklärten Tod des fiktiven Untergrundaktivisten Oliver Zurek. Nach dessen Erschießung (oder Selbsttötung) in dem fiktiven Ort Kleinen (–> Bad Kleinen –> Wolfgang Grams) studiert Zureks Vater, ein pensionierter Schuldirektor, die politische Lektüre seines Sohnes: „Seien wir realistisch, verlangen wir das Unmögliche, las er lächelnd. Und dann murmelte er halblaut den Satz: Man muss das Volk vor sich erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen. / ,Es ist Lyrik, Rike‘, sagte er zu seiner Frau, als sie in das Zimmer kam, da sie seine Stimme gehört hatte, ,reine Lyrik. Oliver hat im Grunde Gedichtbände gelesen, die sich als wissenschaftliche Literatur getarnt haben. Es liest sich wunderbar. Erbaulich und schön wie die Korintherbriefe. Wundervolle Worte über eine prächtige zukünftige Welt. Und eigentlich ersetzen sie das, was sie einfordern, sie nehmen es vorweg. Wer sich diesen Worten hingibt, ist bereits im Stande der Glückseligkeit. Das sind keine Terroristen, es sind Träumer, nichts weiter. Natürlich, diese Autoren stürzen die Welt um, stellen alles vom Kopf auf die Füße, Expropriation der Expropriateure, die Ersten werden die Letzten sein, die geschundene Kreatur wird gekrönt werden, die Tränen der Welt getrocknet. Das ist die Bergpredigt, nichts anderes, Rike, samt einer Wollmaske mit Augenschlitzen. Freilich, einige von ihnen haben nach einer Kalaschnikov gegriffen, das sind die, die nichts davon verstanden haben, denn in diesen Büchern geht es in Wirklichkeit um Liebe.’“ Sehr schön auch die Reaktion der Ehefrau, der Mutter des Erschossenen, aus der zugleich Gleichmut und Gleichgültigkeit sprechen: „Friederike Zurek hörte ihm zu, nickte und sagte dann: ,In zehn Minuten ist das Essen fertig. Holst du bitte vorher noch die Post aus dem Kasten? Und wasch dir die Hände.’“ (Christoph Hein, „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, Frankfurt am Main 2005, S. 137f.)

Schwarze Fische

Die Welt löst sich ab, und die Leute
verschwinden. Was sie umgab, findet statt
genauso ohne sie. Dafür such du dir ein Bild.
Meer schwarz, Rumpf schwarz, aus dem Hellen
stürzen entsetzt in die Sitzreihen geschnallt
Schatten in die Schatten, Wälder, Wellen.

Und du lebst. Da, das getigerte Tier,
blasser Katzenscherenschnitt zwischen
Vorhang und Fenster, durch das Licht fällt.
Der warme Märznachmittag auf den Tischen,
alle Worte auf und davon auf einem Wind
und du dir selber ferner als Malaysia.

Verbinde die Bilder. Verbind sie innig.
Keine Angst umgibt dich wie ein Stein,
nichts schließt dich ein. Nur du dich aus.
Halt fest. Halt fester, heiter. Solche Schwärze,
die gibt es noch nicht mal bei den Fischen.
Sie staunen, stehen still. Und entwischen.

Eine Hypothese

„Auf deinem T-Shirt steht PERLENMARMELADE. Wieso?“, fragt das Kind.

Wenn er trinkt, Wein, schwillt sein Gesicht an und wird zum Mond. Blaues Tier tritt aus seiner Höhle. Die Augen kommen rund heraus und zeigen dem schmerzlichen Antlitz, was Bewegung heißt. Flehentliche Blicke, gedankenprall. Angst um seine Adern erfüllt mich, Verwunderung über das Rot seiner Ohren, das Zurücktreten der Lippen. Sie scheinen wie aufgegessen vom immer stummeren Mund. (25.3.)

Seit fünfzehn Jahren dieselbe Verängstigung nach der ärztlichen Augenhintergrunduntersuchung. Jedes Licht ein Stern, jeder Schritt neben dir bedrohlich. Wie nah einander die Sinne sind, wie nah, was du siehst, dem, was du hörst, überdeutlich plötzlich. Die weit gestellten Pupillen: schwarze Löcher. Alles saugen sie auf, Angstaugen – Angst, durch die Welt hindurchzufallen.

Generation y – why? Warum nicht w, Generation w? Was soll nach ihnen schon noch kommen (jede Menge). Umkehr. Schubumkehr!

„Der Einbeinige“, sagt das Kind, „er hatte eine Hypothese – ein künstliches Bein.“

Schreiben ist gut

Das schöne Wort „notwendig“, kein Synonym, eher die Adverbialform, die handelnde Fortentwicklung von „nötig“: Nötig ist etwas der Not, dem Mangel Geschuldetes, notwendig das, was die Not, das Fehlende umdeutet, es vielleicht um- und zum Guten wendet. Auswendig weiß ich das nach außen gekehrte Verinnerlichte.

Als der Kaufmann Kamaswami in Hesses „Siddharta“ dessen Schreibkünste prüfen will, schreibt der junge Brahmanensohn für ihn: „Schreiben ist gut, Denken ist besser. Klugheit ist gut, Geduld ist besser.“

Was das Gedicht ausmacht, ist nicht das Gedicht, sondern das Schreiben des Gedichts, das Erlebnis des Schreibens dieses Gedichts. Das Miterleben dieses Erlebnisses macht das Gedicht wahrhaftig auch für den Leser. Klopstock, Hölderlin, Trakl, Bobrowski, Bachmann, Celan, Brinkmann, Kling – ihre besten Gedichte erlebst du mit, erlebst du nach, während sie entstanden, während sie entstehen. Sie sind lebendige Überlieferung.

In München, in Schwabing, in der Seidlvilla am Nikolaiplatz, fiel mir, während ich von meinem Roman erzählte, plötzlich wieder ein, wie ich als Fünfjähriger, als Bub, Lesen lernte am Stachus: Die Leuchtreklamen auf den Häuserdächern konnte ich mit einem Mal entziffern, und ich verstand: Magirus! Mercedes! Süddeutsche! Zeitung! Erwachen in der Fremde. (München, 19.3.)

Und das Übersetzen, dachte ich dann: Kommt es bei dir nicht vielleicht doch von deiner seltsamen Zweisprachigkeit? Daheim hatte ich hochdeutsch zu sprechen, in der Schule und auf der Straße, im Dorf, im Wald, auf den Feldern und in den Gärten und den Gefährten hinter den Tankstellen aber redeten wir breit und leidenschaftlich bayrisch. Schee issas. Schee da Woid, schee des Gros. Ich erinnere mich an einen Lageplan unserer Banden, den ich zeichnete und der den Wald zwischen Waakirchen und Schaftlach kennzeichnete mit dem Namen „Woid“. Das klang genauso wie das englische „void“, die Leere. Ich muss, vorm Münchener Hauptbahnhof stehend, nur ein paar Brocken Bayrisch hören – „Mongdratzer“ –, und ich merke, wie in mir die ältesten Übersetzungsübungen meines uralten Kindergemüts wach werden und wieder lebendig.

Kellner, Reisender, Kind

Sprach länger mit dem älteren Speisewagenkellner einer Zeitarbeitfirma für Reisen mit einer historischen Eisenbahn. Von Berlin fährt er einen Tag lang an die Prignitz, steigt dort in seine König-Ludwig-Uniform, bedient einen Tag lang betuchte Dampflokomotivenzugfreunde und fährt dann heim, um auf den nächsten Einsatz zu warten. „Eisenbahnen“, sagt er, „interessieren mich nicht, aber die Landschaften, durch die ich fahre, sind schön.“

„Would you support my eurotrip?“, fragt ein junger Mann mit Rasta-Locken und Bart jeden auf dem Platz, aber niemand, auch ich nicht, unterstützt ihn bei seiner Reise durch Europa. „Verhindert sie!“, scheinen wir zu denken. Verhindern müssen wir die Gleichgültigkeit, wo wir gehen und stehen.

Als das Kind hinunter zum Flussufer geht, wo auf dem Spielplatz die Turngeräte warten, sagt es: „Ich weiß, wo rechts und links ist, seit ich mir den Arm gebrochen habe. Aber du weißt immer, wo Norden ist, Süden, Westen und Osten – woher?“ Ja, woher? „Vielleicht“, sage ich, „weil ich den ganzen Tag darauf achte.“

Die Stille in dir

John Cage wies während der Begutachtung eines angeblich absolut schalltoten Raums darauf hin, dass er zwei Töne höre. Der Tontechniker fragte Cage, ob es ein tiefer und ein hoher Ton seien, und Cage lauschte und bejahte. „Der tiefe ist das Rauschen Ihres Bluts“, sagte der Techniker, „und der hohe ist das Zirkulieren Ihres Nervensystems. Sie hören die Stille in Ihnen.“

Früher war ich noch irgendwo – lief über ein Feld, einen Waldrand entlang, durch den Wald, saß in einem Café, saß da in der Zeit. Heute bin ich nirgends – immer unterwegs von A nach B, und in meinem Fall ist das buchstäblich so. (Leipzig, 15.3.)

Sommersachen

Im vergangenen Sommer, erzählt mir ein Junge, sei ein Marder an der Costa Brava in den Motorblock des VW-Busses gestiegen, mit dem er durch Spanien, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Niedersachsen heim nach Hamburg fuhr, und der Marder sei dort, im Morgengrauen, in einer verschlafenen Winterhuder Straße, hervorgekrochen und davongelaufen, ohne sich umzublicken. (2.3.)

Im März ein Sommer. Der Sommermärz, ein Märzsommer: „Wenn die Forsythien blühen, kommt der Winter nicht wieder.“

Man muss die Sachen lieben.

Auf den größeren freien Wiesen liegt schon das erste Holz für die Osterfeuer. Als ich heute an so einem Haufen aus Wacholder, Ilex, Birke und Kirsche vorbeiging, dachte ich: Wenn ihr nur noch Asche seid, steige ich in den Flieger nach Melbourne.

Psychogeografie

In einem Zeitungsartikel über David Bowies Berliner Jahre spricht der Autor von „Psychogeografie, also Erinnerung“, und mir fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Sehr erstaunlich. Seelenerdkunde? Wäre die Rede von Psychohistorie gewesen, hätte ich weniger gestutzt. Das Gemüt in seiner Geschichte: Gedächtnis. Das Gemüt beim Versuch, sein Gedächtnis zu erkunden: Erinnerung. Auch der Begriff „Psychogeografie“ scheint mir ein Hinweis zu sein für die um sich greifenden Versuche, dem Äußerlichkeitszwang nachzukommen: dein Gemüt als Navigationsgerät, Erinnerungs-Navi für dein „Life on Mars“.

Die Fußsohlengesellschaft.
Die Schienbeingesellschaft.
Die Kniescheibengesellschaft.
Die Schambeingesellschaft.
Die Bauchnabelgesellschaft.
Die Lungenflügelgesellschaft.
Die Herzklappengesellschaft.
Die Ellenbogengesellschaft.
Die Gaumensegelgesellschaft.
Die Augenlidergesellschaft.
Die Haarwurzelgesellschaft.
Die Ohrläppchengesellschaft.
Die Oberarmgesellschaft.
Die Fingerkuppengesellschaft.

Hundert Jahre, ein Tag

Ist nicht jeder so eine alte Pracht – und deshalb so verlassen in seiner Geschichte und heruntergekommen, versunken in sich selbst wie das schöne alte einsame Nancy? Nachts auf der leeren und funkelnd erleuchteten Place Stanislas toben ein blondes Mädchen und ein Junge mit langen schwarzen Haaren durchs Dunkel und sind kleine Fürsten in diesen Augenblicken. Eine Frau erzählt, nachdem ihr Mann sie verlassen habe für eine Jüngere, wolle sie endlich ein Buch über ihre Familie schreiben, seit vier Generationen Konditoren. Ich erkenne vieles wieder hier, auch wenn ich niemanden hier kenne. Aber wo kennst du schon jemanden. Alain-Fournier wird oft durch die Straßen gegangen sein, hindurch unter den Wasserspeiern des Palais du Duc. Hundert Jahre, ein Tag. Ich grüße Dich von Herzen, lieber Freund, liebe Freundin im Jahr 2114: Er war schön, der heutige Tag. Im Café Excelsior schienen alle noch zu sitzen und zu plaudern, die je hier waren. Unsere Unterhaltung ein Raunen – es gibt Räume, in denen sind nicht die Toten die Gespenster, sondern du und ich. (Nancy, 25.2.)

Nordbahnhof, Ostbahnhof

So zugewandt und gegenüber allem offen die Pariser, auch die Deutschen in Paris sind, so vergeblich und zu nichts nutze muss das erscheinen, was du ihnen zeigst, was du dich darzustellen erdreistest. (Trocadéro, 24.2.)

Im Sommer 1982, der Nachtzug, den ich in Köln nahm und der über Mons bis Paris fuhr, endete er wirklich, wie ich im Roman schrieb, weil das mein Glaube war, am Gare de l’Est? Glaubhaft versicherten mir jetzt schon einige, auch seinerzeit endete der Nachtzug aus Köln am Gare du Nord. Gab es dort damals vielleicht Bauarbeiten? Heute in und vor beiden keinen Kilometer voneinander entfernten Bahnhöfen gewesen – erinnerte mich weder an den einen noch den anderen. Die Eiffelturmbesichtigung, ein Café an der Seine, eine Métrotreppe, dann die Satellitenstadthochhäuser von Plaisir – c’est tout. Nordbahnhof, Ostbahnhof, an einem von beiden kam ich vor 32 Jahren frühmorgens in Paris an. Die Erinnerung muss sich gabeln, zwei Möglichkeiten muss sie wachhalten und damit sich selber lebendig. (Montmartre, 26.2.)

Ein Kind

„Heute ist der erste Tag der Tage, die dir zu leben bleiben.“ Jörg Steiner, „Schnee bis in die Niederungen“

Drüben im Nachbarhaus klingt eine Bohrmaschine wie ein kreischendes Kind. Ist es eine Bohrmaschine? Ein Kind wird durch die Wand gedrillt.

Wegweiser und Verheerung

Gib dich nicht (länger) dem Irrglauben hin, Schreiben, Lesen, Erzählen und Erzähltbekommen würden den Leuten nichts (mehr) bedeuten. In den hintersten Winkeln, auf dem plattesten Land, wo das Meer lauert, ob das aus Wasser oder das aus Schnee – sie kommen doch zusammen, hören zu, besinnen sich und fangen selber an zu schildern. Es gibt die Verheerungen des Stumpfsinns, allenthalben, manifest werden sie aber erst durch die Unfähigkeit, die anderen für fähig zu halten: fähig zu allem Möglichen. (Wilster, 18.2.)

Wegweiser, mitten in der Stadt: Landesamt für Landwirtschaft und ländliche Räume. (Flensburg, 19.2.)

Inbild, Sinnbild

„… sich das Leben genommen“ – zum ersten Mal geht dir auf, dass hiermit gar nicht der mutwillige oder freiwillige Abbruch der eigenen Lebendigkeit gemeint ist. Der sich das Leben nimmt, beendet nicht, was war, sondern beschließt den Austritt aus aller bestehenden und künftigen Möglichkeit. Sich das Leben zu nehmen heißt (soll heißen), sich aller Erdenklichkeit zu berauben. Sich umbringen: sich um alles Mögliche bringen. (14.2.)

Autowracks auf freiem Feld: Inbild, Sinnbild für deine Erinnerungen

Sah gestern und sah heute je einem Eichhörnchen zu, in zwei weit voneinander entfernten Baumgärten. Beide Tiere auf der Suche, beide braun, das eine, heute, jedoch mit grauer Brust, grauem Bauch. Das gestrige breitbeinig davonhoppelnd, Kaninchen mit Schweif, das heute flinker, vogelverwandt vielleicht, springend von Busch zu Baum. Ihre Klopf-, ihre Nagegeräusche! Die wachen, zugleich versonnen scheinenden Blicke-in-die-Runde. Das jähe Auftauchen, wie aus dem Nichts materialisiertes Eichhörnchen, dann verblüffend langes Bleiben, jähes Verschwinden, wie Eichhörnchen, plötzlich weg. Das schöne Rotbraun: Bäume, auf die Abendsonne fällt. (17.2.)

Lautsprecher

Müsste ich mich entscheiden zwischen Weiterschreiben und Weiterstaunen, ich würde nicht zögern. Oder doch: Zögern ist ja Staunen, wenn auch nach innen. (7.2.)

„Die Erdfortziehungskraft“ Martin Piekar

„Hast du Lust, dir meine ferngesteuerte Schlange anzusehen?“, fragt ein kleiner Junge aus der dritten Klasse. Ein junger Student an der Technischen Universität ist dabei, als dort ein Roboter von der Größe eines Kindes getestet wird. Der junge Mann erzählt, er habe das nicht zu unterdrückende Bedürfnis verspürt, den Roboter zu begrüßen, als er vor ihm stand, ihm die Hand zu geben oder wenigstens zuzunicken. (10.2.)

„Es ist keine Schande, am Zeitgeist zu scheitern.“ Anna Mitgutsch

Über den morgendlichen Bahnsteig hallt deutlich die Lautsprecheransage: „Einfährt der Intercity nach Australien.“

Aufkleber

„Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir“ steht auf dem Aufkleber, mit dem ein junger Mann seinen Laptop versehen hat. Ist damit der Computer gemeint? Armer Irrer, wenn nicht.

Als junge Frau habe sich ihre Tochter, eine Konzertpianistin, das Leben genommen, erzählt die Dame, und ihre Augen lächeln, als sie fragt: „Sie kennen Schuberts Streichquintett in C-Dur nicht? Oh, da beneide ich Sie, das noch entdecken zu können. Schuberts Streichquintett in C-Dur, wissen Sie, es gibt nur weniges, das schöner ist auf der Welt.“

„Auch die Hellseher tappen im Dunkeln.“ Volker Schlöndorff

Das Gespenst Verehrung

An einem Ort, in einem Raum zu lesen, wo auch Améry, Celan, Bachmann und viele mehr lasen, deren Bücher und Leben mich schon lange begleiten – Ehrfurcht überfällt mich, ein den Brustkorb einschnürendes Glücksgefühl: das noch immer durch und durch berechtigte Zurückschrecken vor dem Gespenst Verehrung. (Frankfurt-Seckbach, Buchhändlerschule, 3.2.)

Die Schillerparfümerie!

Das verbretterte „Karussell am Schlüsselesee“, der Eiskeller, die Orangerie, das nachgebaute, halb verfallene Aquädukt, nachgebaut in seinem Verfall, die Porzellanmanufaktur, die Großvoliere, in der ein einzelner trauriger Storch umherstakst – das riesige Schloss ist nur eine steinerne Puppenstube. (Ludwigsburg, 4.2.)

Eine Übereinandersetzung

Das Palimpsestartige an einer Neuübersetzung wie der von Stevensons „Jekyll and Hyde“: Ich stehe im ständigen Austausch mit Thesing, Rambach, Mummendey, Draber, Breitkreutz und namenlosen anderen Übersetzern, aber auch mit Nabokov, der die Novelle auf eigene Weise deutet. Weit davon entfernt, das Original tatsächlich zu übersetzen, d. h. in Korrespondenz zu treten allein mit Robert Louis Stevensons Text, wird aus der Übertragung eine Übereinandersetzung. Wie Gespenster geistern die früheren, teils 90 Jahre alte Sätze und Ansätze durch die Zeilen. Und seltsam: Schreibst du nicht immer so? Buuuh! Wer schriebe anders? (30.1.)

Ein Sehfehler

Mitunter möchte ich einfach schreien: Hilfe! Hilfe!! Hilfe!!! Aber wer soll da kommen. Du?

Über den Garten fliegen tausende Schneekristalle, funkelndes Blinken und mitten am Tag, ein Sehfehler, dachte ich erst, eine Irisirritation. Aber es war nur der Tanz eines winzigen Firmaments.

Das schönste Geschenk, das sie von ihrem Sohn je erhalten habe, sagt die Mutter, sei eine Salatschleuder aus durchsichtigem Plastik. „Und du“, fragt die Freundin sie, „was ist das Schönste, das du deinem Sohn geschenkt hast (diesem Nichtsnutz)?“ — „Sein Leben?“

Zug, Zug, Zug, Zug, Zug

Nachts stand ein Schimmel vor dem Rathaus des Städtchens und sah mir zu, wie ich am Hotelzimmerfenster rauchte. Kurz vor Tagesanbruch, als ich das nächste Mal hinausblickte, war das Pferd verschwunden. Man hörte ein fernes Klopfen, aber keinen Menschen. Vom Ziffernblatt des Kirchturms lösten sich die Zeiger und krochen das Mauerwerk hinunter, um am Brunnen auf dem Marktplatz zu saufen. (Rietberg, 23.1.)

Ein Gabelflug?

Wie im Mutterleib, die Behaglichkeit, die gedämpfte Stille, das wie von fern ins Ohr dringende Raunen der dich festhalten wollenden Musik, und alles im Grunde Schiffsinneres, denn draußen ist das Meer, die endlos offene See – auch wenn vis-à-vis nur das Theater steht, wo hinter den Fenstern unterm Dach Sekretärinnen Bühnenverträge aufsetzen. (Grandhotel Duisburger Hof, 24.1.)

Nach Mitternacht bei minus zehn Grad allein auf einem Bahnsteig in Uelzen. Aus dem Dunkel der Frostnacht rast ein Güterzug heran, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, Zug, vierzig oder fünfzig korrodierte Waggons voller Kohle oder Schotter jagen vorüber und verschwinden in der Nacht, und kaum tritt wieder Stille ein, Unbewegtheit, starrst du auf das Gleis und ringst eine grenzenlose Traurigkeit nieder.