Hinaus zum Anderen

Das Verwerfliche an allem Verletzenden, besteht es nicht viel eher darin, dass du, der übergreift auf einen Anderen, den Übergriff, die Verwundung der fremden Würde, nicht als solche anerkennst, sondern die Sache abtust, kleinredest vor dir und anderen, ja dich hinstellst als der oder die im Recht ist? Die Gewalt ist verzeihlich, solange sie anerkannt wird als Verletzen, als Verletzung. Reue, Buße, Sühne sind hier fehl am Platz. Gefordert ist Verantwortung – eine Antwort, die nur du geben kannst – als erste Wiedergutmachung. (Volx, 26.12.2019)

Einen vom Winterregen aufgequollenen Fensterladen abgehobelt.

Feist – Let it die

Du musst deine Überlegungen zur „Musik der Bedeutungen“ konkretisieren.

„Die Schule gehört ins Gefängnis!“, ruft das Kind, als wir am frühen Morgen gegen Viertel vor acht in den stockfinsteren Weg einbiegen, an dessen Ende hell erleuchtet das Schulgebäude steht und wartet. (7.1.)

Daran, dass sie keine Beine hat, erkennt der Hund, der dir entgegenkommt, die Tragetasche.

Bei Céline heißt es, die Erfahrung sei eine Blendlaterne, in deren Licht nur derjenige sehen könne, der sie trägt. Bullshit. Auf Célines Werk mag das zutreffen. Die menschliche Erfahrung aber, dort wo sie menschlich ist, knüpft sich an Mitgefühl, Mitteilung, Austausch und Überlieferung. Sie ist – um in dem manipulativen Bild zu bleiben – keine Laterne, sondern ein Rufen, zugewandt, suchend, aus dem eigenen Inneren hinaus zum Anderen. (11.1.)

Mark Kozelek with Petra Haden – Joey always smiled
Henry Purcell – King Arthur

Im Sturm wiegt sich die große Innenhoftanne hin und her – und mit ihr, auf dem höchsten, allerhöchsten Ast, die Taube, hin und her, wobei der Vogel bei jeder Bö neu das Gleichgewicht austarieren muss. Waraum tut sie das, die Taube? Ihr Spiel wirkt wie ein Zwiegespräch mit dem Wind.

Während es schüttet, zwitschert in einem Gesträuch minutenlang ein Schwarm Spatzen – und das vielstimmige Getschilp klingt EXAKT wie der Regen, sodass du das Eine eine ganze Weile für das Andere hältst. Der Spatzengesang – ein Jubel? Oder Imitation?

Gerät und Wolke

Durchs Dorf schallt das Singen des Kirchenchors. Der Küster muss die Türen zum Gotteshaus weit aufgemacht haben, um die Wärme hineinzulassen – es ist Ende Oktober in Volx.

Auf dem Nachbarbalkon trocknen die Monteursanzüge in der Sonne.

Bei Volker Sielaff lese ich von einer Eidechse, die sich auf einer Bootsplanke sonnt, ein Freund zitiert Joachim Sartorius’ Buch über Eidechsen, wo es zu Beginn heiße, die Kindheit des Autors in Tunis sei eine voller Eidechsen gewesen, eine Eidechsenkindheit, und als wir hier, in unserem Süden in das Gerätehaus auf der Terrasse blicken, sitzt dort an der Wand eine ganz und gar weiße Eidechse. Ich spreche nicht von Realität. Wirklich, gleich wirklich sind alle Eidechsen, von denen hier die Rede ist. (Moustiers-Ste. Marie, 29.10.)

In den Buchhandlungen von Aix stehen keine Bücher von Peter Handke, nicht eines. Neben dem Plakat von der Mit-Preisträgerin Olga Tokarczuk fehlt eines von Peter Handke – ein Peter-Handke-Boykott.

Lies Malapartes „Kaputt“ noch einmal!

Supertramp – Crime of the century

Die am frühen Morgen in der Kastanienkrone palavernden Finken – verstummen, als ich vorüberkomme – plaudern weiter über ihre Tagespläne, als ich zehn Schritte weit weg bin.

Nach mehr als 40 Jahren, die mein Herz den Bitterfels nun entlangfährt – La roche amère –, nie kletterten an seinen Hängen Bergziegen herum. Jetzt aber klettern dort welche.

Der beste Ausguck über dem Parkplatz ist ein von der Sonne erwärmtes Klimaanlagengehäuse – dorthin springt von der Terrasse aus die Katze und streckt sich aus.

Hinter den Grabsteinen die Geräte, die Behälter, der Müll, die wiederverwendbaren Dinge, die Altlasten, die Erinnerungen, das Verborgene, das Abgetrennte, das Verlorengegangene. (Volx, 1.11.)

Jean-Jacques Goldmann – Singulier

Im Gegensatz zu dir, Pfeife, bin ich eine Orgel.

Roxy Music – Avalon

Der einzige Gegenstand in der Praxis meiner Zahnärztin, den ich würde besitzen wollen, ist keines ihrer Zigtausende wertvollen Geräte, um es zu verscherbeln – sondern die wie eine rote Wolke leichte Imitation eines Mobiles von Alexander Calder, die sich an der Wartezimmerdecke sachte im unmerklichen Luftzug um sich selber dreht. (18.11.)

Der Mann, Patient seit Jahren, der nichts mehr unternimmt, alles Absehbare vermeidet, der Folgen, der möglichen Folgen wegen. Schenken Sie sich lieber keine Tasse ein! Werfen Sie diesen Kisel lieber nicht! Geben Sie ihm nicht die Hand! (Dresden, 23.11.)

Gedichtanfang: „In einem Garten, nachts in Dresden, / von Sternenbildern Flecken im Gesicht, / ging ich umher und rauchte, / in Gedanken …“

Erinnere dich – an die Flamingos von Ibiza, die eines Vormittags unvermittelt in den Salinenbecken am Meer landeten. Den ganzen Tag lang konntest du sie vom Balkon aus dabei beobachten, wie sie herumstaksten in dem flachen Salzwasser. Aber auch, als ihr dann zu ihnen hingingt, blieben sie, flogen nicht auf, lösten sich nicht auf, waren wirklich, waren wirklich Flamingos.

Roxy Music – Siren
Supertramp – Even in the quietest moments …

„Ich kann Türkis sprechen“, sagt das Kind. Und nach einem Blick ins Licht: „Und manchmal spreche ich Lampe.“

Anleitung der MAGIC-Fernbedienung.

Das Jahrhundert der Plüschtiere ist vorbei.

Plüschtiere im Französischen: peluches. „Gib mir mein Plüsch zurück!“ – „Maman, wo ist mein Plüsch?“ – „Kauf mir ein Plüsch, bitte, ein Plüsch!“

The Blue Nile – Walk across the rooftops

„Ich singe, singe, singe, weil ich ein Lied hab – und keiner wird von mir verschont.“ Konstantin Wecker

Im Augenwinkel sah ich – sah nicht – die Bergziege vorbeispringen über den Weg und weiter bergab – hörte sie vorbeirauschen, den Tierblitz, sah den Schatten, spürte das leise Beben des Lehmgrunds – sah sie aber nicht, Bergziege unsichtbar, aber sah dann umso deutlicher den Hund, der sie hetzte, ratlos, nur noch Wittern, Erlegenwollen, Sehen-, Schmecken-, Töten-, Fressenwollen. Ich war zugleich die unsichtbare Ziege und der ohnmächtig berauschte Hund. (Volx, 23.12.)

In der Ferne die Sainte-Victoire – die Erinnerung (und somit Verheißung) als Bergrücken. Cézannes Farben, Cézannes unverändert erregender Strich. Handke auf dem Weg zu sich selbst (wo er nie angekommen ist, weil das Selbst kein Ort ist, sondern das Unterwegssein), vor allem aber aber auf dem Weg zu seinem Ton. In „Die Lehre der Sainte-Victoire“ findet Peter Handke den Ton, der Poesie und Sachlichkeit auf atemberaubende, nein -stiftende Weise miteinander verknüpft, ja in eins setzt, auf eins setzt. In der Ferne die Sainte-Victoire: als wüsste der Berg, was er bedeutet. (25.12.2019)

Fantastyka

Die wilde Gemeinde jubelt, alles tanzt im Kreis um die Altstadt, wieder und wieder, und gepanzert und bewaffnet, hirschkäferartig flankiert sie die Staatsmacht, Polizei, Einsatztruppen, Zivilfahnder und Späher vor Wasserwerfern, schwarz, vermummt, während die ausgelassenen jungen Leute Perücken tragen, halb nackt lachen, tanzen, jubeln, johlen, Regenbogenfähnchen schwenken und schenken, auch uns, mir, hinter Glas, hinter unsichtbarem Glas laufen wir, marschiere ich mit im Kreis durchs unheimliche Tal, von einem Geschäft zum nächsten, zu Boutiquen, Shops, Ständen, wir stehen an die Scheiben gepresst, staunen wieder und wieder, aber bestaunen nichts auf der Welt und nichts im Innern, laufen, kaufen bunt, vermummt im Kreis. (Wrocław, 9.10.19)

Vor dem Café Literatka die so bewegend singenden Hare-Krishna-Anhänger, wie Spiegel zu einem besseren Menschentum, durch die man hindurchgehen könnte.

Jetzt, mit Aufkommen der Androiden, beginnt zugleich die Androidenliebe. Es gibt keine Zeit ohne sie – die Liebe gehört zum Dasein wie die Bewegung.

Alles muss ins Schaufenster – alles scheint ins Schaufenster (passen) zu müssen.

Auch in Kopenhagen finde ich nichts wieder von den Erinnerungen in meinem Gemüt. Ab und an ein Straßenzug in Kongens Nytorv, der mich seltsam anrührt, ein Grenzwall im Rosengarten. Die Stadt stülpt sich nach außen, platzt vor Moderne und Akkuratesse, als hätte sie Angst, vergessen zu werden. Wo bist du, Reza Hosainzadeh, und du, Saed Hodapanah? Es ist Jahrzehnte her, dass wir uns auf einem Eiland im Kattegat begegnet sind und im Sommer darauf durch København liefen, über Strøget zum Runden Turm, durch Christiania hinaus nach Amager. Ich fahre nach Amager hinaus – zeige Dir, mein Herz, Christiania und die Erlöserkirche: Vor Frelsers Kirke.

Plötzlich laufen Töne einer Flöte durchs Haus – Flötentöne.

Jeden einzelnen Fahrgast der letzten 35 Jahre meint man dem alten, abgekämpften, wie ein Schäferhund schiefen Mercedes-Bus anzusehen, der altehrwürdig – die einzige Ehre, die mir statthaft erscheint –, vorbeirollt.

Der alte Mann auf dem Bürgersteig, mit einem Mal setzt er sich in Bewegung, hebt ab, schwebt und eilt im Laufschritt an dir vorbei.

Zwei junge Russinnen, beide hochschwanger, die Bäuche ballonartig, lachen und schwatzen, haben einander gefunden, und sind darüber glücklich – zu viert. Du meinst, die Ungeborenen in ihrem Lachen zu sehen. (25.10.)

Allein, allein der Reim, der Reim, / mit seinem schlechterdings abscheulich schönen Schleim, / kann es ja wohl nicht sein – was Sie, was wir, was ich hier meinen, mein, / Herr Rühmkorf, denn alle Dichtung wäre irgendwie Verpflichtung (und Vernichtung), / finden Sie nicht, Herr von Reimgedicht, / ein bloßes Reiten heim, in den Klang / vom Untergang, vom Abgesang, Herr ungestüm Parfümschorf?

Der Traumvogel

Wespe wütet: Wespe donnert gegen das Fenster, fängt sich, schwirrt ab, aber nicht etwa davon, o nein! Wespe kommt zurück und wütet gegen das Fenster, donnert dagegen.

Letztes Wespenbild für diesen Sommer: Du sitzt bei Tisch in Berlin, als vogelgroß für einen Augenblick (ja!) eines dieser Wespentiere vor deinem Auge hält, geradezu rüttelt, wie ein Bussard, ein Menschenaugenbussard. Als würde die Wespe in dich hineinsehen. (15.9.)

Das Kind schwimmt wie ein Hund. „Stimmt gar nicht“, sagt es empört. „Ich bin ein Pferd!“ (Burg auf Fehmarn, 21.9.)

Gekränktsein peinigt zugleich durch die erfahrene Ungerechtigkeit und die eigene Scham – du fühlst dich wortlos, wertlos, weil du so wenig vor dir bestehst wie vor irgendetwas oder irgendwem sonst.

David Bowie – Heroes
Pete Townshend – White City

Kleines Zwiegespräch auf dem Bahnsteig: „Er so – ich so – er so – und sie da so – er also so – und ich wieder so –“ – „Echt?“ – „Echt. Einfach so. Er so. Und ich?“ – „Du so, oder wie?“ – „Echt.“

Alles muss Bild werden. Selbst die Wörter und ihr Sinn: müssen Bilder werden. Und in die entstehenden Lücken strömen Vorstellungen ein.

Conrad kommt 1914 mit dem Schiff nach Hamburg. Fährt er oder läuft er durch die Stadt, bevor seine Frau Jessie und er in den Zug steigen und weiterreisen nach Berlin? Fahren sie durch Nettelnburg, Bergedorf, Reinbek? Als im Herbst der Krieg ausbricht, fliehen die beiden aus Krakau vorbei an den Orten im südlichen Polen, an denen wenig später furchtbare Schlachten toben. Conrads reisen Trakl entgegen, der im Viehwaggon, als Medikamentenakzessist, an die galizische Ostfront verbracht wird und einige wenige – drei? – Tage nach der Einschiffung des polnisch-englischen Erzählers und dessen Frau in Triest im Rakowiczer Garnisonsspital stirbt. An Bord des Schiffes, das Conrad durchs Mittelmeer und die Biskaya bringt, bemerkt er an einem Seetag im Ärmelkanal ein Zittern der Bordwand – Beben von den Druckwellen der schweren Geschütze an der belgischen Front.

Laut Walter Benjamin ist die Langeweile der Traumvogel, der die Erfahrung ausbrütet – so zitiert ihn Uwe Timm in seinem Buch über Benno Ohnesorg „Der Freund und der Fremde“.

Prêt-à-mourir

Kein Lied

Wohin du unterwegs warst,
unbekannt. Ich kenne
deinen Tagesbefehl
nicht, nur den Tag,
kein Lied, das
du sangst,
vielleicht
aus vollem Hals,
heller Heiterkeit. Ich weiß
von keinem Schimmer Licht,
in dem du lagst, froh. War da
ein Duft? Stiller Augenblick so.
Licht. Ferne Geräusche, fremd.
Hat dich jemand geliebt? Wer
war das? Ehe die Geschosse
kamen, und immer näher,
bevor es die Granate
zerriss, die Stille
zersplitterte
und du
mit.

Vor dem Regen her eile ich die Straße entlang. Ich eile die Straße entlang, und hinter mir her kommt der Regen, und er ruft. (Barmbek, 4.9.)

Ein junger Nachbar scheint sich einen Laubbläser zulegt zu haben. Er manövriert mit dem Gerät vor dem Haus und bläst jedes feindliche Blatt einzeln davon.

Auf der Straße heult ein Kind wie der Wind.

„Un jour il y a autre chose que le jour.“ Boris Vian

Eine Handvoll Notizen an einem Sommerabend mit Liedern nach Gedichten von Apollinaire:
„Dass du mich liebst, macht mich mir wert.“
„Prêt-à-mourir.“
„Amourir.“
„Zénith – jardin sans limite.“

Im Orchideenpalast der Aal, der wie eine Zunge im Mund durch das Aquarium züngelt – bis du entdeckst, da sind zwei Aale, zwei Zungen.

Du bist kein Kind mehr, zum Glück, leider, und bist doch noch immer, im Innern Kind. Das innere Kind. Kind-Hyde. Willst geliebt werden (endlich) wie ein Kind (bestenfalls) und lieben wie ein Kind (wie jedes Kind liebt).

Ganagobie

Wir müssen den Blaudisteln folgen.
Falls Blaudisteln ihr richtiger Name ist.
Immer die sonnenverbrannte Mauer lang.
In das Wäldchen hinein dann. Von dort
ist der Blick ins Tal ein Traum. Nein,
kein Traum. Wirklich, ein Tal-
see ohne einen See.

Hier pfiff mal der Wind
meinen Namen. Hier lagen sie,
meine Eltern, als sie noch studierten,
Licht, die Pinien, die Linien. Hier bin ich
bei dir. Hier können wir zusammen
hinuntersehen auf den Sommer,
hören Zikaden, ihre Rhapsodie.

Hier diese Rillen in den Steinen,
meine Mutter erzählte, hier
fuhr ein Klostereselgespann. Hier
schoss mein Vater Fotos von Bussarden,
meinem ausflippenden Bruder, mir als ich schlief.

Alles erzählte sie mir von dem wundersamen Ort.
Wäldchen, Vogelbrunnen, Blick in die Weite.
Und alles fand ich wieder in Ganagobie.
Falls das sein richtiger Name ist.

Mit freiem Atem

„Und du mein Herz weswegen schlägst du // Wie ein schwermutsvoller Wächter / beobachte ich die Nacht und den Tod“ Apollinaire

Hochsommernektarinen!

Die Wespen und Hornissen bleiben aus, sobald es kaum mehr reife Feigen gibt – weil der Baum zwei Sommer lang braucht, um die letztjährige Stutzung zu verwinden (Verwinden? Ja.) – das heißt? Dass sie anderswo nach dem süßen Fruchtfleisch jagen. Oder dass sie warten. (Volx, 21.8.)

Gasflaschenspuren – auf der Rampe der Supermarkttankstelle Hunderte unterschiedlicher Einkerbungen im Beton. Alle erzählen oder wollen erzählen, sobald du bereit bist, sie zu lesen, von unwiederbringlichen Augenblicken, so verschieden wie identisch. (Manosque, 23.8.)

Das Gewitter rauscht heran mit krachendem Gedonner. Die Blitze haben Siebenmeilenstiefel, und ich höre den Regen herabrasseln, hunderte Meter, ehe er die Terrasse unter Wasser setzt.

Im Nationalpark der Toten ist Sommerpause.

The Cure – The top
Talk Talk – Laughing stock

Komm immer wieder – freiwillig, d. h. mit freiem Atem – zurück zu den Büchern, die dir ein eigenes Leben ermöglicht haben. So kommst du auch immer wieder zu dir selbst zurück, kehrst heim in deine Wirklichkeit, liest in der Geschichte deines Wirklichgewordenseins. (1.9.19)

Eines der Bücher: Peter Handkes Journal „Die Geschichte des Bleistifts“ von 1982, als du 17 warst. Darin heißt es – es? das Leben? das Denken? das Fühlen? die Vergangenheit? das Wesen? –: „Für mich bin ich ja oft alles. Aber vor anderen muß ich darüber hinwegtäuschen, daß ich nichts bin.“

Mark Hollis, der Sänger von Talk Talk, über Musik und über das Schweigen, die Stille: „The silence is above everything, and I would rather hear one note than I would two, and I would rather hear silence than I would one note.“

Hitze

Die Kellertür steht offen, über dem Treppenniedergang brennt eine Lampe auf gleicher Höhe wie in der Küche jene vor der Tür zum Keller. Die Tür steht offen, und das Kind blickt lange gedankenvoll hinunter in den Kellerniedergang, bevor es sagt: „Die Tür ist ein Spiegel, durch den wir hindurchgehen können.“

Und Grenoble ist ein in den Bergen gestrandeter Ozeandampfer.

Das Gleichgewicht von Licht und Schatten, mit dem du aufgewachsen bist und immer gelebt hast, existiert hier nicht, es ist verrückt in die beinahe absolute Helligkeit, die die Wüste erahnen lässt und gegen die nur noch die Nacht aufbegehrt. Jeder Baum wird attackiert vom Licht, von der Hitze, denn er hat Wasser in seinem Innern und spendet unerlaubterweise Schatten. Die Baumschatten hier sind dünn, alt und erschöpft, aber auch klug, bescheiden und unbestechlich. Die Sonne lastet auf dem Freien, der Gegend, dem verdursteten Skelett des Flusses. Die Mittagshitze zwischen 10 und 17 Uhr ist eine unaufgeklärte Gewalttat. Die Schatten zittern. In den zitternden Schatten hältst du inne, unmerklich, ehe dir die Hitze auf den Rücken springt. Schreiender Oleander. Unsterbliche Pflanzen harren im gleißenden Licht aus. Sie spenden keinen Schatten, niemandem, keiner Ameise, nur sich selbst, ihrem Innern, das sie verhüllen, damit es nicht verbrennt. Fass sie an mit heißen Fingern, und die weiße Pflanze zerbricht, weil du voller Wasser bist. (Volx, 11.8.)

Depeche Mode – 101

Unvermutet, unvermittelt Regen, ein heavy summer rain – die Tropfen schwer wie die Gerüche nach Erdreich, Heu, Feuer, „nach Terpentin“, würde Pasternak vielleicht sagen.

Im Schlamm die Spuren von Tieren und uns, die Spuren von Menschen und Tieren.

Am Brunnen in Oraison. Bienen sitzen auf dem steinernen Rand und trinken von dem übersprudelnden Wasser.

Sie sammelt Samenkapseln der Belle de nuit vom Boden auf – einer alten Treppe in Montfort – und lässt vielleicht ein dutzend schwarzer Kügelchen in ihr Portemonnaie rieseln: „weil sie da sicher sind.“

„Das Echo ist mein Nachbar. Der Nebel ist mein Nachfolger.“ René Char

Rien n’est jamais allé

Gewitternacht in Rolle am Genfersee. Das Silbertablett, auf dem Évian-les-bains herübergezittert kommt auf die Schweizer Seite. Dort, in Évian, versuchte ich 1983 reich zu werden, indem ich, kaum achtzehn, in die Spielbank ging und drei Mal 50 Mark auf Rouge setzte, ohne Erfolg. Ein alter Rezeptionist gab mir damals einen Lederschlips, da er mich ohne Krawatte nicht einlassen könne. Die Nacht seinerzeit, wo verbrachte ich die? Am Seeufer, unter den Sternen? Rien ne va plus. Rien n’est jamais allé. Nichts ist jemals gegangen.
In Rolle warte ich am Seeufer auf Godard. Aber er kommt nicht an diesem Vormittag.

Mit großen runden dunklen Augen glotzt die Dorfjugend in die Welt hinein. Von ihnen war einer auch ich. Der Semmelgeruch. Die Süßigkeiten in der Bäckerei. Die Bäckerei als Herz des Dorfs. Die Hirnwurst in der Auslage des Metzgers, des Schlachters, dessen Sohn zu meinen besten Freunden zählte. Die Buben verstecken sich in den Johannisbeerbüschen. (Irsee, 30.7.)

An der alten Klostermauer entlang hinunter zum Brunnen vor der Kirche. Ein Kieselweg. Der Kieselweg voller Nacktschnecken, zu denen wir früher Pferdeschnecken sagten. Wir?

Drei Sonnenblumen in der Vase im Treppenhaus verlieren ihre Pollen – wie die Birnen eines Birnbaums liegen die gelben Körnchen kreisförmig unter den Blumen, den Bäumen, den Sonnen (31.7.)

Das Leopardenmuster aus Regenflecken auf dem gewachsten Terrassengeländer.

Die Verhändikäppierung!

Am frühen Morgen trittst du aus dem Haus im Oberdorf (wie in deiner ferngerückten Kindheit) und erblickst auf der ersten Hauswand das Schattenspiel des Baums davor: Blätter und Zweige als Fische und Wellengekräusel. Dann im Bach hinunter ins untere Dorf (wie in deiner unvergessenen Kindheit) – die stillstehenden Forellen. Flitzen weg mit rotem Bauch, bachauf, biegen ab, in den Nebenbach. Das Licht spielt auf dem Wasser. (Irsee, 1.8.)

Der Bestattungspomp

Die Totenglocke läutet. Im Rhythmus der letzten Herzschläge? Der letzten Atemzüge? Sie läutet minutenlang, ewig, wie es scheint, dann bricht sie ab, und es herrscht Schweigen im Dorf: der Wind, die Vögel, das Flirren, die Zikaden und die fernen Stimmen in ihrem beständigen Unmut. Aber eine Viertelstunde später, wie reanimiert, ertönt die Glocke erneut, im selben, so langsamen Taktschlag. Das Herz schlägt weiter, der Tote wird Atem holen, sich aufsetzen, aufstehen, auferstanden sein. (Volx, 13.7.)

Sun Kil Moon – I also want to die in New Orleans

Der Bestattungspomp!

Jeden Morgen blickst du in den Baum, in die Krone, zu den dunklen Flecken – den zu pflückenden Feigen.

„… gens du Midi, gens du soleil …“ Apollinaire

Die Schwalbe in meinen Händen war mit einem Mal so kräftig wie die Katze, von der sie gefangen und verletzt worden war, bevor ich sie fand, hineingeduckt in eine Türnische. Sie dehnte ihre Brust. Sie spreizte die Flügel gegen meine Handteller, und als ich sie in die nächtliche Hecke setzte, tauchte sie darin unter wie ein freigelassener Fisch ins Wasser. Die Katze folgte mir, denn es war ihre Schwalbe – ich aber der glückliche Prinz.

VIVE LE VANDALISME! – ein Graffito an der Autobahn zwischen Aix und Marseille. Ich lese vom Leben in dem wütenden Aufruf, nicht von der Verwüstung.

Unter den Bäumen hindurch – in deren durchsonnten Kronen Zikaden knarren – schwirren handtellergroß schwarze Falter. Hunde schreiten gähnend durch die Abendwärme. An den Tischen im Freien zeichnen die Kinder. Das freundliche Dorf, 600 m überm Meeresspiegel. Die Freundlichkeit ist ein Dorf in sechshundert Metern Höhe. (Montfuron, 21. Juli)

Der Lieferwagen des Schornsteinfegers – voller Asche.

In der Abtei von Silvacane hören mein Herz und ich ein Hammerklavierkonzert – Frescobaldi, Froberger und Couperin. Länger als eine halbe Stunde brauche ich, um dem Geklimper etwas ablauschen zu können, doch als dann die Spatzen im 500 Jahre alten Innenhof des Kreuzgangs lauter zwitschern als das Spinett klöppelt, öffnet sich die Zeitdecke über den Melodien, und der Sommerhimmel voller Töne ist eins mit dem von gestern, heute und morgen. Eine junge Frau in der Stuhlreihe vor mir spielt mit den Fingern auf den Knien alles mit. (24.7.)

Krise

Im Innenhof blüht in der Krise
um Ansteckung, Atemabstände,
Hustentod, Ausgangssperren
Passierscheine und Liefer-
engpässe rosig, rot bis
lila abends bei Dämmern,
luftig aufgefächert ein Baum,
darin scharen sich wild umeinander
die jungen Stare zusammen und erfinden
bis tief in die Nacht hinein ihre unverstanden
wunderherrlichen Lieder. Es ist Zeit. Zeit ist es.
Zeit, Zeit, singen sie grün funkelnd und achten
weder des Lärms von den Balkonen noch
der Stille. Baum. Blüht. Ist Blütenkleid.
Traum. Zeit. Traum immer wieder.

Für Konstantin Ames

Das Mistraumschiff

Das Mistraumschiff dreht bei, kackt seinen Dreck aus über meinem Hof, meinen Feldern und Wäldern, und ich wäre in dem ganzen vom Himmel platternden Schmodder ertrunken und zugleich davon begraben worden, hätte ich nicht listig ein Atemrohr zur Hand gehabt und in meinem Sarg aus Matsch und Morast ewig abwarten können. Würfelförmig war das Mistraumschiff in dem Traum, braunschwarz. (3.7.)

Talk Talk – The colour of spring

An der Tür sitzt ein weißer Falter – mein Vater. Der das nie war, so wenig wie ein Falter.

Van Morrison – Beautiful vision

„Wenn ich nur wahrhaftig und ohne Ablenkung sehen könnte.“ Gerald Murnane

Die alte Großcousine erzählt von ihrer alten Freundin, die sie gelegentlich am Ill-Ufer trifft und die ihr „ein einziges Gebrechen“ scheint. „An ihr ist alles krank und schmerzt.“ Aber wenn die beiden Frauen zum Chor gehen, singen sie am schönsten von allen, besonders die Kranke, Alte, fast Tote, ja „wie schon mehrmals Gestorbene“ – „Sie singt mit der ganzen Kraft ihres Lebens.“ (Strasbourg, 10.7. 19)

Eine halbe Stunde lang halsbrecherische Schwalbenmanöver über dem Haus, dann Dämmerung, und Abflug des Geschwaders. Die Fledermäuse, jetzt können sie kommen.

John Cheever erwartete, nach seinem Tod vor ein Gericht aus Labrador-Retrievern gestellt zu werden.

Von Jiggel nach Bergen

Gegenüber wohnt Käpt’n Ahab.

„Nemo“, sagt das Kind, „das kommt von ,niemand‘. Käpt’n Nemo wollte niemand sein, deshalb lebte er in seinem Unterseeboot unter dem Eis.“ – Ich erwidere, dass Nemo meines Wissens so heißt, weil sein Name nach Mnemosyne klingen sollte, nach Mnemotechnik usf., also nach dem altgriechischen Begriff für Erinnerung. „Es geht um ein wirkliches Erinnern!“ – „Glaub ich nicht“, erwidert das Kind, das immer klüger wird. „Oder um beides: Niemand erinnert sich. Niemand wirklich.“

Ein Löschzug wässert den Rasen des Fußballplatzes. (Bergen an der Dumme, 26.6.)

500 Jahre alt, die Wassermühle von Jiggel, aber nichts von allem Leben, aller Lebendigkeit, die stattgefunden haben muss an dem wendländischen Bach, der bis 1990 deutsch-deutscher Grenzbach war, ist noch zu erkennen. Du musst dir alles vorstellen.

Die uralte Kirschbaumallee, die Bäume voller Süßkirschen, zwischen Jiggel und Bergen. Jahrhunderte lang kamen hier die Landarbeiter herauf, und gegen ein Entgelt konnten sie sich Kirschen pflücken. Leere. Gespensternachmittag. Ein Reh schrickt auf, das Maul noch voller Kirschenmus, und flüchtet sich ins Roggenfeld.

In Meuchefitz das TAGUNGSHAUS DES WIDERSTANDS, daran flattert schlapp die Sonnenfahne der Republik Wendland. Und gegenüber, an der Scheune voller Sonnenkollektoren, das schöne Plakat: LIEBER WÜTEND ALS TRAURIG.

Der kleine Hund zieht gewaltig an seiner (verhassten) Leine – und gerät dabei so sehr in Schieflage, als würde er kentern. Hat er zuviel Kraft, oder macht das der Wind?

Van Morrison – Astral Weeks

Fotos: Kreuz, Clenze (1); Hohlweg bei Jiggel (2); Roggen, Bergen (3)

Die sieben Unwirklichkeitsschichten

Sturm in Clichy. Überall auf den Trottoirs liegen E-Roller herum.

Verregnete Unterkünfte. Etablissements pluvieux. (Paris, 7.6.)

La Défense, das ich nur von den alten Fotos von Peter Handke kannte, wirkt heute wenig Banlieue-artig, beinahe akkurat sogar. Nichts in Paris kann es mit der Rauheit von Marseille aufnehmen.

Der Bus bringt uns von Nanterre über La Défense weiter nach Westen in die Vororte an der sich durch das Land und Richtung Atlantikküste mäandernden Seine. Die vermüllten Ufer. Die von Pragmatisierung und Zergliederung vernichteten Treidlerpfade, die noch einige Jahrzehnte lang dem Laufen und Gehen gedient haben werden. In dieser Zeit malten hier Sisley und Monet, die als „Augenblicksanbeter“ verkannten Impressionisten, die auf ihren Bildern nicht selten in Wirklichkeit Eindrücke von der Einfachheit der Menschen, der Flussschiffer, der kleine Leute in Bougival, Louveciennes, Le Port-Marly und anderen, heute völlig ausgehöhlten und zuschanden gegangenen Orte festhielten. (Le Port-Mary, 9.6.)

Du musst die sieben uns aufoktroyierten Unwirklichkeitsschichten durchbrechen, mit deinen Kopf- und deinen Herzwerkzeugen sie durchdringen, dann erkennst du, wie wichtig alles Zeitliche ist, was für ein Witz es ist, was uns verkauft wird als „Zeitkolorit“.

Über das Erdbeerfeld fliegt blechern summend eine Drohne.

Auf dem ehemaligen Schrebergartengelände, wo eine U-Bahnstation errichtet werden soll, wächst zum letzten Mal wilder Mohn.

The National – Boxer

Der Straßenunterhaltungsdienst!

Als der Zuckerkranke sich eine Insulinspritze in den Bauch sticht, steht die dunkelhäutige Frau auf und entschuldigt sich bei ihm. (Lokstedt, 22.6.)

„Maybe in the morning when I first wake up I am sometimes free.“ Robert Frost

Die Scheunenschwalben

Wer im Jahr darauf aus einem Hotelzimmer in denselben Garten sieht wie vorigen Sommer – der sieht zunächst den Garten kaum, sondern blickt in sich hinein (in den Garten im Innern? Ja.) und versucht, die Jahreszeitenabfolge nachzuholen. Dann aber ist der Garten vor dem Fenster umso wirklicher, ja ist wieder wirklich geworden. (Wilhelmshaven, 20.5.)

Bolzplätze gab es – und es gibt sie noch immer, denn sie sind ewig auf ihre Weise, unverwüstlich –, die waren mir ein innigeres Zuhause als Elternhaus, Schule, Haus von Verwandten oder Freunden. Waldwege, Hohlwege, Wiesen, Heckenwege, ihr ebenso. Die Liebe zu meiner Großmutter ähnelte diesen Empfindungen. Spinozas Geborgensein. (Jever, 22. Mai 2019)

Zwei Tage lang beobachte ich gegenüber den Krankenhausneubau, das Ein- und Ausgehen der Leute. Das Gebäude besteht fast zur Gänze aus Fenstern, und so sehe ich die Männer und Frauen und Kinder, wie sie das Haus betreten, wie sie den Fahrstuhl nehmen, und durch einen der oberen Korridore bis zu einem Zimmer finden, in dem sie verschwinden, als Patient, als Besucher, als Arzt oder Ärztin. Als ich mit dem Kind telefoniere, gehe ich durch die Sonne, die Straße entlang, bis vor den Krankenhaushaupteingang, und durch das Gebäude hindurch kann ich gegenüber mein verwaistes Fenster sehen. (Delmenhorst, 23.5.)

Der Literaturbetrieb ist es, der eine der Zeit, in der wir leben, angemessene Literatur verhindert.

„Überall Honigblumen“, sagt das Kind beim Anblick des ersten Rapsfeldes. (Fehmarn, 30.5.)

Jeden, jede, ein jedes wertschätzen, das ist die Lösung. Oder wäre es – denn Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit, ist Einvernehmen.

„Ich liebe Ekel!“, ruft das Kind im Watt.

Die Scheunenschwalben – sie segeln herein durch das offene Tor, flattern umher, „rütteln“ vor der einen Spaltbreit offenstehenden Stalltür – und stürzen durch den Spalt hinein, mit für einen Sekundenbruchteil im Flug angelegten Flügeln.

Abends eine Viertelstunde lang um die Häuser ziehen, Kippen sammeln, sie zu Haus prüfen und sortieren, die Aschenkruste wegschneiden – und die guten drei auf dem Balkon rauchen, dabei den Vögeln im nächtlichen Innenhof lauschen – gute alte Barmbeker Sitte.

An der Ampelkreuzung steht der Pastor des Viertels mit seinem Fahrrad und spricht mit einer Alten, hört ihr aufmerksam zu. Selten geworden, womöglich schon immer selten gewesen: das Innehalten, das Zuhören, die Zugewandtheit.

Heckenweg

Ein verregneter, kühler Mai, das Relikt eines endlos anmutenden Winters. In den Titisee und Schluchsee prasselt der Regen, und am Ufer stehen nur einige versprengte Wohnmobile, in denen du trübselig dreinblickende Seniorenpaare siehst, die nicht glauben können, dass dies die Welt ist, die im Alter auf sie gewartet hat. Aber so ist es. Der Ruin ist offenkundig.

Werner Heisenbergs erster Eindruck von seinem Mentor und Lehrer Niels Bohr: „Bohr sprach ziemlich leise, mit weichem dänischem Akzent, und wenn er die einzelnen Annahmen seiner Theorie erklärte, so setzte er die Worte behutsam, sehr viel vorsichtiger, als wir es sonst von Sommerfeld gewohnt waren, und fast hinter jedem der sorgfältig formulierten Sätze wurden lange Gedankenreihen sichtbar, von denen nur der Anfang ausgesprochen wurde und deren Ende sich im Halbdunkel einer für mich sehr erregenden, philosophischen Haltung verlor (…) Es war ganz unmittelbar zu spüren, daß Bohr seine Resultate nicht durch Berechnungen und Beweise, sondern durch Einfühlen und Erraten gewonnen hatte und daß es ihm jetzt schwerfiel, sie vor der hohen Schule der Mathematik in Göttingen zu verteidigen.“

Lesen, Übersetzen, Miteinandersprechen – andere Formen der Bildung fallen mir nicht ein. Da die meisten Leute nicht übersetzen und die meisten Leute auch nicht mehr lesen, zumindest kaum noch Bücher, wirkliche Bücher, sind sie aufs Sprechen angewiesen, um die Welt kennenzulernen und etwas zu erfahren von Weite und Tiefe der Zeit. Aber auch das Sprechen ist dabei, verloren zu gehen.

Talk Talk – It’s my life

Seine Zunge blutete mit einem Mal. „Heckenweg“, sagte er. Als er das Wort einmal in den Mund genommen habe, da habe seine Zunge angefangen zu bluten. „Und seither“, sagte er, „blutet sie immer, sobald ich es sage.“ – „Das Wort ,Heckenweg‘?“ – „Ja.“ Die Zunge hatte aufgehört zu bluten. „Sag es“, sagte ich. Und er sagte: „Heckenweg“ – und ich sah, seine Zunge blutete wieder.

Die Hotelinhaberin deckt den Frühstückstisch im Garten, wo du dich niederlässt und dir die erste Sommermorgensonne des Jahres auf die Haut scheinen lassen kannst. „Setzen Sie sich, setzen Sie sich“, sagt die ältere Berlinerin. „Bleiben Sie, solange Sie mögen. Einzige Bedingung: Bewundern Sie meine Rosen.“ (Berlin-Friedenau, 18.5.)

Responsibilty

Kalter Wind weht durchs Val Durance, das Durance-Tal. Die Schnecken des Frühjahrs wissen, dass sie sterben müssen (sie haben es mir gesagt) und verkriechen sich (um es hinauszuzögern, denn sie lieben es zu leben) bei gleißendem Licht im Schatten der alten Mauern, die ihnen mütterlich erscheinen.

Der Handwerker schmirgelt die Haustür ab, zum ersten Mal seit bestimmt 150 Jahren. Morgen soll die Tür gestrichen werden – Midouze-blau, so blau wie (nur) der Fluss Midouze in den Landes im Südwesten Frankreichs.

Der tanzende Vogel aus Moustiers, Wappentier zahlloser Abbildungen aus Moustiers-Sainte-Marie, er scheint um sein Leben zu tanzen, gelb-weiß-blassblau scheint er zu lächeln, scheint lächelnd aufzuflattern, lächelnd dahinzuschreiten, kranichartig, storchähnlich, scheint um die Dinge zu schreiten und zu tanzen – wie um sie unter allen Umständen zu bewahren.

Zwitschernd, flötend, trillernd, schreiend und kreischend am Vormittagshimmel die ersten Schwalben über dem Ort. (Volx, 1. Mai)

„Sonnenmilch ist für die Leute aus dem Norden, les gens du Nord, die Pariser.“

„Ich liebe dieses Insulin“, sagt mein Diabetologe.

Mohnblüte bei Mistral. Millionen Maiglöckchen.

Arbouretum – Coming out of the fog

46 Millionen US-50-Dollar-Banknoten wurden gedruckt und in Umlauf gebracht, auf denen im Wort RESPONSIBILITY das dritte i fehlt: RESPONSIBILTY. Verantwortlichkeit. Verantworlichkeit. Wer trägt dafür die Verantwortung? Ein Mitabeiter der Notebank wahrscheilich. Glücklicheweise ist ja so viele fehlehaft. (11.5.)

Chez Ollier – der Kellner, der Garçon des Lokals in Lourmarin, in dem Albert Camus seinen Apéritif zu trinken pflegte, nannte den Nobelpreisträger „Monsieur Terrace“, um ihn vor anderen Gästen nicht bloßzustellen. Camus’ Terrasse ist eine halbrunde und blickt auf das grüne, hügelige Hinterland in die Weite des Val Durance. Riesige lichtdurchflutete Linden stehen vor den Fenstern des von der schmalen Eingangsfront aus gesehen bescheiden wirkenden Hauses in einer Nebenstraße. Es mutet wie eine Festung im Idyll an, bewehrt von Zypressen links und rechts der Terrasse.

In Russland, in Moskau, ist ein notgelandetes Passagierflugzeug in Flammen aufgegangen, wobei 41 Menschen starben – weil „betuchtere Fluggäste“, wie es heißt, ihr Handgepäck retten wollten und dadurch die Fluchtwege versperrten.

Ob es wohl unter den Schwalben, die am Abend über den Häusern ihre Kreise ziehen in einem unauflösbar scheinenden Schwarm, einzelne Vögel gibt, die sich langweilen dabei, am liebsten ausbrechen, abseits für sich allein fliegen würden?

In jeder Favela halte ich mich lieber auf als in irgendeinem Flughafen.

Vom Aussterben bedroht: eine Million Tierarten.

Auf dem Weg zum Geldautomaten geht man noch am Friedhof vorbei.

Hinein in mein Forsythiengebüsch

Scott Walker ist gestorben. Jede Woche brechen von meiner Antarktis Eisberge ab, groß wie Städte, die ins Jenseits treiben. Vor 24 Jahren stellte Walkers Album „Tilt“ für mich alles auf den Kopf, was ich bis dahin für Musik hielt.

„Propaganda“, sagt das Kind. „Accessoires.“ Und „Edward-Mango.“

Gleisarbeiter an der Strecke sehen immer wie Matrosen an Deck aus.

Tears for Fears – The hurting

Wie die Elster sich am Morgen in das Forsythiengebüsch stürzt, Füße mit kleinen spitzen Krallen daran voran, die Flügel aufgespreizt – so stürzt du dich am Morgen auf die Arbeit an der Übersetzung von Joseph Conrads „Narzissmus“-Roman. Kann das der Sinn des ganzen Aufhebens sein? Nein. Aber es ist immerhin ein Teil davon. Und es ist besser so, als es nicht zu machen. (3.4.)

Im exakten – oder natürlichen – Gleichschritt überqueren zwei junge Mädchen die Straße, ganz in Schwarz, mit langen Beinen, wie ein Rappe.

„You can always come back, / but you can’t come back all the way.“ Bob Dylan

Arbouretum – The gathering

Mogwai – Rave tapes

Hast du einen Schatten?

Zieh das Hemd an, an das du denkst, wenn du nackt bist.

Rufus Wainwright – Poses

Was man Hundebesitzern (und -innen oder *innen) nachsagt, nämlich dass sie ihrem Tier mit den Jahren immer ähnlicher würden – oder umgekehrt? –, das gilt auch für Bratschistinnen und Bratschisten und deren Instrument.

Der Versuch vieler Maler des Impressionismus, schon im Titel ihrer Bilder das Bild vorwegzunehmen (oder es auch darin zu malen). Georg Bernhard Müller vom Siel (1865 – 1939), geboren in Nordenham, Begründer der Künstlerkolonie Dötlingen in der Wildeshauser Geest, heute vergessen, damals schon vergessen, gestrandet in einer Irrenanstalt, nachdem er nur mehr comicstrip-artige Bilder voller Penissen malte, nannte eins seiner kräftigsten Gemälde „Blick zur Hunte im Gegenlicht“.

Umweltschutz kann nur der Anfang sein eines umfassenden Weltschutzes – zu dem auch der Unterweltschutz gehört.

Das lauteste und unbequemste Kind auf dem Osterfest auf Finkenwerder setzte sich, als es erschöpft war vom Toben und Schreien draußen im halb zertrümmerten Garten, in dem dunklen Hinterzimmer ans Klavier und spielte voller Zartgefühl ausgedachte Melodien. (19.4.)

„I’m crying like a window-pane / in the pouring rain.“ Wilco

Destroyer – Ken

Die sieben Mädchen, alle sechs, sieben Jahre alt, rennen kreischend und johlend das Treppenhaus hinunter und klingen dabei – wissen sie es? – wie ein Schwarm Schwalben.

Ein Slogan der Kirche, den ich nicht nur nachvollziehen, sondern unterstützen kann: TRAUERNDEN MEHR ZEIT, TOTEN MEHR RAUM!

Erinnerungen an Jugoslawien 2/5

Das erste und einzige Mal war ich in Jugoslawien im Sommer 1991. Ich war 26. Ich hatte mich anderthalb Jahre zuvor entschieden, nicht zu studieren – es wäre nur ein Scheinstudium gewesen –, sondern stattdessen, angespornt von einem kleinen Literaturpreis, John Keats zu übersetzen, was ich dann von 1989 bis 1994 tagtäglich auch tat. Am Abend fuhr ich zu Patientinnen und Patienten, die ich als Altenpflegehelfer betreute, fuhr durch den Osten Hamburgs mit meinem alten Alfa Romeo, hörte in diesen Stunden Joy Division und New Order, Echo and the Bunnymen, Prefab Sprout, die Cocteau Twins und die unvergessenen Go-Betweens. Seit einigen Jahren hatte ich eine feste Freundin, die einen jugoslawischen Pass hatte, sich aber als Ungarin verstand, ihre Wurzeln lagen in der Vojvodina, den weiten Flächen der Batschka zwischen Novi Sad und Subotica, dort, wo Jugoslawien Richtung Ungarn strebte und wohl deshalb viele Menschen Ungarisch sprachen, ja sich als Ungarn verstanden – wenngleich ich – und hier rede ich von mir allein – gar nicht weiß, was das sein soll: ich als Deutscher. Als Deutscher habe ich mich nie verstanden. Ich dachte und denke von mir, dass ich Deutsch spreche. Das ist Bürde genug. Von allem anderen Deutschen habe ich mich sehr früh schon abgetrennt, in den Zweifel zurückgezogen – was nicht heißt, dass ich die Verantwortung von mir wiese, die in meinen Augen jedem und jeder einzelnen Deutschen mit auf den Weg gegeben ist. Der Begriff „Volk“ – ob nun „deutsches Volk“ oder ungarisches oder das von Peter Handke in seinen bei näherem Hinsehen und eingehenderer Lektüre bloß unsäglichen Büchern über Jugoslawien so oft beschworene „Serben-Volk“ (ein Begriff, den er heute wohl am liebsten ausradiert wüsste) ist seit meiner Lektüre der Bücher von Sebastian Haffner ein historisches Kuriosum, eine grausame Verbrämtheit.
Im Sommer 1991, am 25. Juni, erklärten sich Slowenien und Kroatien unabhängig. Die zehn Jahre anhaltenden Jugoslawienkriege begannen am Tag darauf, als von Serben geführte Truppen des staatlichen Militärs die Abspaltungsbestrebungen mit Gewalt zu verhindern versuchten. Ich muss unmittelbar in dieser Zeit mit dem Zug durch Slowenien in die von Serben kontrollierte Vojvodina gefahren sein, denn dort, nördlich von Novi Sad, in Temerin, lebte die Familie meiner Freundin, die sie und ich in diesem Sommer, ausgerechnet diesem, besuchten.
Es war allerorten eine immense Anspannung zu spüren. Viele Ungarn-Serben, die wir sprachen, zeigten offen ihre Verachtung für die Serben und äußerten ihre Enttäuschung angesichts eines im Vergleich ärmlichen Lebensstandards. In Temerin hatte es eine große jugoslawische Schuhfabrik gegeben, die aber seit geraumer Zeit keine Löhne mehr auszahlte. In dem Städtchen galt seither die Schuhwährung: Alles wurde in Schuhen bezahlt, Brot, Gemüse, Fleisch, Zigaretten, selbst Schuhe zahlte man in Schuhen. Ich erinnere mich an Alte mit Körben voller Schuhen. Ich erinnere mich an einen Nachmittag in Novi Sad, wo die wenige Jahre später von alliierten Kampfflugzeugen zerbombten Brücken über die Donau noch unversehrt waren. Feindseligkeit schlug mir entgegen, sobald klar war, woher ich stammte. Die Menschen in der vorwiegend serbischen Großstadt wirkten eingeschüchtert, verkniffen, wie beobachtet. Dasselbe in Belgrad, wenngleich dort, in der Hauptstadt, der Einfluss des Westens, der westeuropäischen und us-amerikanischen Kultur und Werte, unverkennbar war und viel an uns entgegengebrachter Abscheu milderte. Ich weiß noch, dass ich mir in einem Plattenladen am Zentralen Busbahnhof ein REM-Album kaufte, aber auch eine Aufnahme mit serbischen Gesängen, die mich entfernt an This Mortal Coil erinnerten. Hip zu dieser Zeit waren ja die bulgarischen Gesänge. Wir fielen auf alles rein, und das hatte sein Gutes.
Ich erinnere mich an den fürchterlich starken, in Regentonnen selbstgebrannten Schnaps Pálinka, ein Maulbeerschnaps, dessen fruchtige Schärfe mein Körper schmeckt und im Magen brennen spürt, sobald ich nur an den Namen denke. Ich erinnere mich an die größten frei laufenden Spinnen, die ich je mit eigenen Augen gesehen habe: Sie hingen unter dem Vordach des großmütterlichen Hauses in Temerin. Und ich weiß noch, dass wir in einem Nachbarort die Familie einer Tante besuchten, die mit einem serbischen Militär verheiratet war. Sie Ungarin, er Serbe, im Tarnanzug, beide Jugoslawen, zumindest bis auf Weiteres. Er gab sich staatstragend, hatte kaum Zeit für das Beisammensein, behandelte mich wie Luft. Ich dachte: Den als Vater zu haben, muss die Hölle auf Erde sein. Nichts als Strenge, Unabweisbarkeit, Rang, „Kampf“, „Ehre“, „Stolz“, „Treue“ zum „Vaterland“ und der ganze andere Dreck von ganz unten im Misthaufen der Menschheitsgeschichte.
Aber das waren nur Begegnungen mit Einzelnen. Von der Abspaltung Sloweniens kein Wort, und Kroatien schien es nicht zu geben. Ich habe die Freundlichkeit im engeren Kreis in Erinnerung. Die große Neugier und Aufgeschlossenheit der Kinder auf der Straße. Überhaupt schien das Leben zum Großteil im Freien stattzufinden, im Garten, auf den Plätzen, in den Straßen. Man sprach viel miteinander. Das beseelte mich. Das Köstliche der Speisen! Die vom Sommer ausgedörrten Früchte. Die Ironie für alles Westliche, die Hochachtung vor allem Deutschen, solange das den Fleiß meinte. Ich weiß noch, wie mich der Hang zur Beglaubigung von allem Alten verstörte.
Später, unter dem Eindruck der um sich greifenden Serben-Aversion, schrieb ich einige wenige Gedichte, denen ich heute eine gute Skepsis entgegenbringe, aber schon 1994 habe ich in meinem kleinen Erstlingsband „Langrenus“ ein Gedicht veröffentlicht, das mir noch immer authentisch erscheint, persönlich, aus dem eigenen Ansehen der Sachen erwachsen, nach dem Gehör geschrieben. Es heißt „Temerin“:

Die Gärten sind noch immer
von Laub entkörpert,
Jahrhundertunrat häuft sich
an den Mauern zum Asyl,

und im Eisentorschatten
kühlt der Maulbeerwein aus, brodelt
in großen Bottichen unter dem Efeu

und um Herd, Tisch und Bett
in der niedrigen Küche –
an allem berauschender Spiritus.

Wortlos spielten wir Russisch,
mit geneigten Köpfen,
nah am Kalkofen,
stundenlang nachdenklich
über den kantigen Zeichen der Springer.

Und hinter den Umfriedungen die geräumigen Höfe
waren aufgehobene Kindheiten,

und die Spielkameradin begrüßt dich und ruft
deinen Namen noch immer auswendig rückwärts,

und der Großvater, der dich mitnimmt abends
durchs Maisfeld zum Friedhof, wo er arbeitet,
spielt noch immer Schattenspiele für dich
mit den Geräten, die seine Hände richten
im Licht der Taschenlampe Ariels.

Er warte, sagt Peter Handke, auf seinen Sokrates, auf den, der ihm nach der fundierten Lektüre seiner Bücher über Jugoslawien aufzeige, worin er falsch oder richtig gelegen habe. Das Ganze aber ist keine Frage von Diskurs, von Wahrheit oder Wahrhaftigkeit, die beide bloß Spiele, Wortspiele sind. Ein Dichter und Erzähler wie Handke muss seinen Sokrates in sich selber haben, ihn mit sich tragen und befragen nach jedem Absatz.
Man kann Sokrates auch Gewissen nennen. Hermann Hesse prägt in seinem „Peter Camenzind“ das Wort Selbstverehrung und setzt es ab gegen Selbstherrlichkeit und Eigensucht.
Ich frage mich, ob wir seinerzeit nach Jugoslawien reisten, weil meine Freundin angesichts des drohenden Zerbrechens ihres Landes bei den Ihren sein wollte.
Ich erinnere mich an ihre verärgerte Trauer, als sie gezwungen wurde, im serbischen Konsulat den obsoleten Pass einzutauschen. Sie war froh gewesen, Jugoslawin zu sein, aber Serbin sein, nein das wollte sie nicht.

Erinnerungen an Jugoslawien 1/5

Du musst beginnen, deine Erinnerungen an das frühere Jugoslawien aufzuschreiben, erstens damit du sie nicht zur Gänze vergisst – nur ein paar Gedichte und zwei, drei Handvoll Notate hast du geschrieben bisher über die Reisen in die Vojvodina, durch Slowenien nach Kroatien, nach Istrien, auf die Insel Krk, über Split, über die Überfahrt von Split nach Vela Luka auf Korčula. Du warst nie in Bosnien, leider nie in Sarajevo. Du warst einige Male in Novi Sad, ein paar Tage lang in Belgrad, ansonsten vor allem in der Gegend südlich von Subotica, wo man seinerzeit noch viel ungarisch sprach.
Du warst während des Balkankrieges auf dem Balkan. Wann genau war das? Was hast du erlebt?
Zum anderen musst du versuchen, deine Erinnerungen festzuhalten, weil einer der dir allerwichtigsten Erzähler über Jugoslawien einen furchtbaren Schrott zusammenschreibt immer dann, wenn er anfängt, von politischen Zusammenhängen zu schwadronieren. Diese aber sind nie ohne die Menschen zu denken. Denn was, bitte, wäre irgendeine Politik ohne die Menschen, die sie angeht oder ausklammert, die unter ihr zu leiden haben oder von ihr profitieren?
Peter Handkes größtes Versagen in seinen Büchern über Jugoslawien ist das Verschweigen. Keiner, der sich auskennt wie er in den Ländern zwischen Österreich und Griechenland, kann die Augen verschließen vor den Gräueln, die nicht allein, aber vor allem durch Serben und Bosnien-Serben anderen, ihren Nachbarn, zugefügt wurden. Die Ausgewogenheit in dieser Frage ist von immenser Bedeutung. Immer wieder ist Peter Handkes Büchern – „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (1991), „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (1996), „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ (1996) und „Unter Tränen fragend“ (2000) die Absicht anzumerken, auf radikale Weise für Ausgewogenheit zu sorgen – diese Absicht allerdings wird in jedem dieser Bücher immer wieder zernagt vom Dünkel, von Verletztheit und Geltungsgier. Wie kann ein so ernster Schriftsteller mit seit 1966 kultivierten Ansätzen einem skrupellosen Machtmenschen wie Slobodan Milošević die Reverenz erweisen?
In „Die Tablas von Daimiel“ (2006), einem ganz offensichtlich viel zu schnell zusammengeschusterten und am Schluss poetisch aufgepimpten Bericht über seinen Besuch im Gefängnis von Scheveningen in den Niederlanden, wo Milošević während des Haager UN-Kriegsverbrechertribunals einsaß, schreibt Peter Handke: „All die Zeit sprach fast nur Slobodan Milošević, mit beinah der Energie, und Geistesgegenwart, die mir als Zuhörer bei seinem Prozeß vertraut war, mit einem Zusatz vielleicht einer gewissen Ruhe, hier in dem Büro nichts widerlegen und niemandem etwas beweisen zu müssen, trotzdem aber mit so weit ausholenden Argumenten und Hintergrundbezügen, als spräche er zu mir und zugleich zu seinen a priori unwissenden und verständnislosen Richtern. Wie Milošević sich gab (ich, sein Gegenüber, hätte dabei auch gleichwelcher anderer sein können), das war weder privat noch öffentlich, vielmehr eine Kombination, nein, eine Einheit von beidem, so selbstverständlich, geradezu naturgewachsen, wie ich sie noch bei keinem Politiker erlebt habe.“ Der Mangel an Aufrichtigkeit in diesen Sätzen ist eklatant – „a priori unwissende und verständnislose Richter“ –, eine devotere Verblendung kaum vorstellbar: eine geradezu naturgewachsene Einheit aus privatem und öffentlichem Auftreten? Bei einem früheren Staatspräsidenten, dem Anstiftung zu zigtausendfachem Mord vorgeworfen wurde?
Ausgewogenheit kann erst beginnen, indem ein jeder, der ein Mensch ist und menschlich denkt, seinen Respekt erweist vor den Schwächeren und Schwachen, d. h. im Extremfall vor Opfern, Verletzten und Toten, egal auf welcher Seite. Du schätzt und bewunderst, ja liebst Peter Handke als so eigensinnigen wie unbestechlichen Erzähler und Dramatiker, Dichter und Tagebuchschreiber, Zeichner und Reisenden. Du liest Handke seit 1985. Gut. Wer außer Thomas Bernhard und W. G. Sebald hätte es in den vergangenen 30 Jahren wie Handke vermocht, den deutschsprachigen Satz und seine Konstruktionsprinzipien in fruchtbare Zweifel zu ziehen, ohne dabei aufs Erzählen, den „Fahrtwind“, wie Handke sagt, zu verzichten – es ist der Stilist Peter Handke, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.
Der Mensch Peter Handke hat sich aufs Übelste hinreißen lassen, zynisch und verletzend von so furchtbaren Geschehnissen zu schreiben und ansonsten zu schweigen wie jenen im Sommer 1995 in Višegrad und Srebrenica.

Der Fels

Ich kam zur Welt wie
der Fels, mit meinen
Blessuren. Nach einer
lang andauernden Vertrautheit mit
glasklarer Festigkeit
trat ich ein in die Zeit
der Schroffheit.

René Char, Flusskiesel, eigenhändig bemalt, undatiert,
Fontaine de Vaucluse, Musée-Bibliothèque François Pétrarque

Parterre des hommes

Es gibt Äpfel, die dir unbedingt aus der Hand, die unbedingt zu Boden fallen wollen – weil sie am Baum nie die Gelegenheit dazu hatten?

Unter der Dusche beobachte ich einen Tropfenkanal, der von meiner Stirn abwärtsverläuft in die Tiefe. Ich bin für Sekunden Teil des Regens.

Gott, jeden Morgen erschrickst du, wenn du dich im Spiegel siehst und den für alle Zeit jungen Spund deiner Empfindungen darin erwartest.

„Während du liest, werden weitere Sätze und Verse geladen.“

The House of Love – The house of love

Ein Zettelchen, ausgelegt in der Zugtoilette: „So spricht der Herr: Des Herrn großer Tag ist nahe, er ist nahe und eilt sehr. Horch, der bittere Tag des Herrn! Da werden die Starken schreien. Zefanja, 1.14“

Zehn Lieblingswörter:
Gras
O
Gedicht
Linde
Fremdlingin
Lid
Schatten
Wanderer
Ali
Würde

„Zu verschenken: vertikaler Garten.“

Frühlingsbeginn. Im Innenhof unter den kahlen Bäumen hockt phlegmatisch eine einzelne Krähe und scheint dem Winter nachzutrauern. In der Nacht habe ich geträumt von dem alten und bitterlich kranken Dichter K., den ich zu füttern hatte – mit verfaulendem Fleisch aus einer Ludergrube. Ein Kaninchen darin blickte mich an mit großen Augen und hoppelte davon, und eine Krähe, über deren glänzendes Gefieder ich staunte, spreizte die Flügel und flog stumm auf – wodurch K. gesund wurde und weiterlebte.

Parterre des hommes.

Die Nachbarin, die im Herbst wohl einen Ring vor deinem Fenster verloren hat, sucht ein halbes Jahr später noch immer danach, bei jeder Gelegenheit, und immer zeigt ihr Gesicht denselben Ausdruck wie an dem Tag, als sie mit an ihrer Hand herumtastenden Fingern vor deinem Fenster auf und ab lief. (25.3.)

Kein Apfel ohne Aufkleber

Es muss nicht alles gefunden werden, es kann auch mal etwas verloren gehen, das ja darin, im Verlust, auch aufgehoben ist. Menschen hat das vom Packeis zerdrückte Wrack der „Endurance“, nach dem man derzeit im Weddellmeer sucht, nicht mit in die Tiefe gezogen. Im neuen Roman wird auch Shackleton wieder auftauchen, kurz bevor er 1922 auf seine letzte Entdeckerfahrt ging, mit der „Quest“, eine Reise, auf der er in Südgeorgien an Herzversagen starb. Er wurde nur 48 Jahre alt, sah aber immer wieder aus wie 70. Heute hat er Geburtstag. (15.2.2019)

Der Eichelhäher im Innenhof, Wappentier derer, die Familie zu sein glauben. Aber er ist schon ein munterer Geselle, verspielt, eitel, neugierig, provokant – bis die ersten Elstern einschwirren. Der junge Häher hüpft von Ast zu Zweig und zurück. Flattert los, verharrt kurz im Flug, schnellt davon.

Kein Apfel ohne Aufkleber.

The Chameleons – Strip
U2 – The Joshua tree

Januarglöckchen, Februarglöckchen, Märzglöckchen, Aprilglöckchen, Juniglöckchen, Juliglöckchen, Augustglöckchen, Septemberglöckchen, Oktoberglöckchen, Novemberglöckchen, Dezemberglöckchen.

Mark Hollis ist gestorben, der wundervolle Sänger von Talk Talk. It’s a shame. Wer kennt ihn noch und seine Band? The Party’s over. Im Song „Happiness is easy“ singt Hollis laut den Lyrics: „Take good care of what the priests say / After death it’s so much fun“, singt aber, wenn man hinhört, in Wirklichkeit: „Take good care of what the priest says / After death it’s summertime.“ (26.2.)

Mark Hollis – Mark Hollis

„Mein Briefträger muss gestoben sein“, sagt mein Herz.

OMD – The Peel Sessions 1979 – 1983

„I killed the captain, sank the fleet
to liberate the heartbeat,
and it sounds so sweet, sounds so sweet …“
David Sylvian

In der Regenwasserpfütze badet die Amsel – und versinkt darin bis über die Flügel.

Noch mal Sylvian:
„And miracles have just begun,
in which only you and I believe …“

„unmentionable“ … unmenschlich.

Kings of Convenience – Declaration of dependance

Traum. Ich soll einen großen weißen Hund füttern, nachts, aus einem Müllcontainer, in dem mir um die tastenden Hände Lebendiges krabbelt und kriecht. Darauf richtet sich der Hund an meinem Rücken auf und beginnt vorsichtig, mich zu essen – bis ich ihm das verbiete.

David Sylvian – Secrets of the beehive

Nine Horses – Money for all

This Mortal Coil – Filigree & shadow

Bussard über dem Einwohnermeldeamt

Vor dem Fenster sehe ich den verschneiten Sportplatz. Dort ging ich, unterwegs mit meiner Schulklasse, vor 39 Jahren, verpflichtet, durch die zerstörten Wälder des Harzes zu wandern. Der Schneefall erleichtert die Erinnerung an das zurückliegende, zugleich zurückbleibende Haus der Jugendherberge, die Tannen, die jetzt weiß bereift sind und drei Meter hoch, gab es noch nicht, und auch mich gab es nur ansatzweise – auf der einen Seite. Andererseits hatte ich gerade 1979 oder 1980 im Harz begonnen, die Augen zu öffnen. Es gab erste ernste Freundinnen und Freunde, und die Eltern verloren endlich ihre oft grausame Macht. Da ist der Schnee dieses Lebens. Er wirbelt hin. Ein einziges weiches Treiben. Es ist gut, zurückzukehren. Dort drüben, an dem Zaun vor der Straße nach Altenau, sprach ich seinerzeit kurz mit einem Mädchen mit Down-Syndrom, einer Mongoloiden, wie man da hilfesuchend noch sagte. Sie habe, verriet sie mir, am 23. September Geburtstag (warum sprachen wir darüber? Weil mein eigener Geburtstag in Kürze bevorstand und ich dem fremden Mädchen in meiner Euphorie davon erzählte? Oder begann sie unvermittelt von dem ihren zu reden?) – und seither, ich habe es schon des Öfteren geschrieben, denke ich an jedem 23. September an diese unvergessliche Begegnung mit dem Mädchen in der roten Jacke, eine Begegnung, die für mich auf rätselhafte Weise so blieb, wie eine jede es sein sollte. (Torfhaus, 27.1.19)

„Es müsste eine Stunde voller Lösungen geben, den wogenden Rausch einer lebendigen Welt.“ Teofilo Cid

In Elend im Harz begann der an schweren Fußerfrierungen leidende Wolfgang Borchert im März 1943, Prosa zu schreiben. Nach dem Seuchenlazarett Smolensk im Reservelazarett Elend. „Man wird tierisch. / Das macht die eisenhaltige / Luft. Aber das faltige / Herz fühlt manchmal noch lyrisch …“

U2 – The unforgettable fire

„Du bist ein guter Mann“, sagt der Gleisarbeiter zu dem Imbissverkäufer, der antwortet: „Natürlich bin ich ein guter Mann, so wie du! Wo arbeitest du gerade?“ So kommen die beiden Männer ins Gespräch. So kämst vielleicht auch du ins Gespräch mit dem Anglistikprofessor oder dem Literaturhausprogrammleiter, wäre das möglich: „Du bist ein guter Mann …“ (München, 30.1.)

Rodeln im Regen.

Wieder in Bamberg. Das Vertraute wird wieder zur Fremde. So muss es sein. Ich gehe an der Regnitz spazieren. Ich denke an die Freunde, die mich besuchten, als ich hier ein halbes Jahr lang lebte. Nachts trug ich den kalten Weißwein in gestohlenen Gläsern durch die gepflasterten Gassen heim. Im Glockengebälk der Bamberger Morgenluft wachte ich auf. Gewitter kamen über die Hügel gerauscht, furienartig erinnerten sie an meine Mutter in ihrem grünen Morgenmantel. Mit dem dichtenden Publikumsliebling besuche ich den Vogelsaal. Er macht sich Notizen für neue Gedichte über begeisternde Absonderlichkeiten, z. B. die vierbeinige Ente. Ich finde mich selbst als Strauß im Glasschrank.

Slogan: „Tausend Kraniche in deinem Warenkorb!“

Am frühen Morgen kreist seelenruhig – ja, seelenvoll ein Bussard über dem Einwohnermeldeamt. Während die Singvögel im Viertel Alarm schlagen, aber alle nur Musik hören. (Eppendorf, 14.2.)

Suite et fin.

Die dottergelbe Ruine der Tankstelle

„Ich muss froh sein“, sagt das Kind lachend, „und ich muss alle Leute froh machen. Das ist Welt messen.“ – „Welt messen?“ – „Ja! Nicht Fett, sondern Welt messen.“ – „Sehr interessant! Wie kommst du darauf?“ – „Gelesen.“ Das Kind zeigt einen Prospekt: FITNESS UND WELLNESS. Fett messen und Welt messen. „Da! Siehst du? Du musst froh sein!“ – „Ja! Ich bin froh!“

Alter Herr mit Rollator tippelt vorbei, auf seinem Umhängebeutel der Aufdruck: KIND.COM (Barmbek, 18.1.)

Die dottergelbe Ruine der Tankstelle (der Tanke) neben dem Stadtteilbahnhof ist abgerissen worden (weg, nur mehr Erinnerung, meine, bin jetzt Tankstellenbesitzer). Darauf gesprüht stand (steht): BURN, SUN, BURN.

Auch Wochen nach dem Tod ihrer engen Freundin spricht die alte Frau in der Gegenwartsform von ihr: „Sie ist krank. Sie lebt mit Mann und Katze in Bayern. Ihre Kinder alle im Ausland. Zur Beerdigung erwarten wir Schnee.“

Zur Lesung aus dem neuen Gedichtband kommen zwei zahlende Zuhörer. Die einführenden Worte des Veranstalters sind von ausgesuchter Herzlichkeit, und die Lesung bereitet dir besondere Freude. Die Frankfurter Allgemeine, für die du 17 Jahre lang Bücher besprochen hast, kündigt dich an als Bremer Hörspielautor. (Frankfurt, Ostend, 23.1.)

Bis zum Rand voller Tränen. Keinen des Kummers. Seltsamere Tränen. Uralte. Wie fremde. Immer schon unverstandene.