Das Gras

Les enfants qui s’aiment

Das Kind in dem Kalender, der kleine blonde Junge, den ich seit 15 Jahren von Blatt zu Blatt, von selbstgebasteltem Kalender zu Kalender, Jahr für Jahr habe heranwachsen sehen, ohne ihm einmal begegnet zu sein – er studiert jetzt Medizin in Budapest, erzählt mir sein Vater, mein lieber Arzt.

„Eistragfläche“, sagt das Kind und zeigt auf eine überfrorene Pfütze.

Die Familie: die Hungernden.

„… something more than mockery / if only I could fill my heart with love …“ The Cure

Das Wirkliche hat ausgedient, noch ehe es wirklich werden konnte.

Im Freien vor der Fensterscheibe ein Kind, das Gesicht schmerzverkrampft. O wie ich ihm ähnle. Es ihm nachfühle!

Ein Kind geht vorbei und sagt: „Trash and treasure.“

Zwei, die sich verlieben im Heer der Verzweifelten, sind sie noch länger verzweifelt? Waren es so lange. Wie da mit einem Mal Paar sein. Nur zum Heer, zum Heer zählen sie nicht mehr. (28.12.)

In einer Nacht versinken

Sebald: Etwas unausgesprochen Eitles haftet allem an, was es von ihm zu lesen und zu sehen gibt.

Sebalds „Micro poems“ … sind keine Gedichte. Aber sind der Versuch, das Gedicht zu retten. Der misslungen ist. Und misslingen muss.

In einer Nacht versinken, in Gespräch und Gelächter, in Gesichtern und der kühlen Luft, gleichgültig, was der Tag bringen wird (nicht viel) – das ist die gute Schattenseite der Lebensüberhitzung. Bin ich ein Motor? Nee, ich bin Wolfgang Borchert. Die Nacht, „in Hamburg ist sie grau / und hält bei denen, die nicht beten, / im Regen Wacht.“ (St. Pauli, 19.12.)

Löwin! Ich sehe dich lächeln.

Das Umherreisen zu Weihnachten zwischen den einzelnen, vereinzelten Familienscherben – auch bloß der Versuch, das Sterben aufzuhalten.

Der Baumkuchenspitzenvergleich!

Die 15 Kritikpunkte von Papst Franziskus an der Kurie (aber doch nicht nur an der):
– sich für unersetzbar zu halten
– zu hart zu arbeiten
– geistig und im Geiste abzustumpfen
– zu viel zu planen
– wie ein lärmendes Orchester zu sein
– an geistlichem Alzheimer erkrankt zu sein
– sich in Rivalitäten zu verlieren
– an existenzieller Schizophrenie zu leiden
– dem Terror des Geschwätzes zu folgen
– die Vorgesetzten zu verehren
– gleichgültig gegenüber anderen zu sein
– eine Trauermiene aufzusetzen
– immer mehr zu wollen
– geschlossene Zirkel zu bilden
– nach Profit zu streben und damit zu prahlen
(24.12.2014)

Je suis Charlie

Nach dem gestrigen Massaker in der Redaktion des Pariser Satire-Magazins „Charlie Hebdo“, bei dem die Attentäter Charlie Hebdo. L. Sécheresse vier der beliebtesten französischen Karikaturisten und acht weitere Menschen getötet haben, denke ich wütend, traurig und bestürzt an den Anschlag im Sommer 2011 auf der norwegischen Insel Utøya zurück. Erinnert sei an ein Wort des damaligen norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, das mich seinerzeit tief bewegt und getröstet hat: „Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

Zeichnung: Loïc Sécheresse

Daneben. Drei Zitate

Daneben – das scheint mein bevorzugter Aufenthaltsort zu sein.

„Liebe, wie eine schreiende Blume, Liebe, die jede Stunde stirbt …“ U2

„Resignieren, das heißt nicht, den Humor zu verlieren.“ Christine Nöstlinger

„Die Poesie ist eine mündliche Form der Prägung der Geschichte in Zeitlupe. Die Poesie ist eine Dichtung. Der Lehrer hat uns in der Schule gelehrt, daß Poesie eine Dichtung ist. Die Poesie ist auch eine Abneigung zur Wirklichkeit die schwerer ist als diese. Die Poesie ist eine Übertragung der Obrigkeit zum Schüler. Der Schüler lernt die Poesie, und das ist die Geschichte im Buche. Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet. Berühmte Geschichteschreiber sind die Gazellen.“ Ernst Herbeck

Bei den Lebenden und bei den Toten

Kauzaugen1 Der CIA-Folterbericht, von Barack Obama unter Druck publik gemacht – und endend wohlweislich mit Beginn seiner Amtszeit – offenbart Grauen und Gräuel des allein auf Gewalt, längst nicht mehr demokratischen Werten der Verfassung basierenden US-Alleinrechts. Menschenverachtung, Selbstherrlichkeit, dumpfeste Intoleranz, nackte Gier, Verlogenheit und Wissensfanatismus. Ein auf Jahrzehnte nicht wieder gut zu machender Schaden. Was die in Guantánamo, in den eigens dafür eingerichteten Lagern in Polen, Rumänien und anderswo, gleichwo auf der Welt rechtlos festgehaltenen, gefolterten und geschundenen Menschen durchgemacht haben – unermesslich, so abscheulich wie unverzeihlich. Kauzaugen2 Es ist jetzt die letzte Gelegenheit, die Verantwortlichen glaubwürdig dingfest zu machen, jetzt die Bush- und Cheney-Bande und ihre Handlanger endlich vor die Gerichte in Washington oder Den Haag zu bringen. Um Verzeihung bitten sollten nicht sie, sondern wir an ihrer Stelle.

Kauzaugen3 Diese Notizbücher, selbstgeschrieben, selbstgestaltet, selbstbeklebt und -verziert, damit sie selbst erzählen – wie Emily Dickinsons selbstgemachte Gedichtbände, die sie in ihrer Schlafzimmerkommode verwahrte, wo (damit) niemand sie entdeckte. Im Ernst: Sie sind dasselbe. Sie bedeuten das Schreiben (das Überleben).

Kauz Seit zwei Wochen ist es winterlich kalt, und seither ist der Kauz zurück. In der Dunkelheit hört man ihn deutlich vom Friedhof herüber rufen. Woher ist er (zurück-)gekommen, wo warst du, Kauz? Im Westen, im Norden, im Süden, im Osten, bei den Lebenden oder doch schon bei den Toten?

Fotos: Augen von Eulen und Augen von Toten und der Kauz drüben am Friedhof von Owlsdorf

Gendarmenmarkt

Pink Floyds nach zwanzig Jahren erstes Album „The Endless River“ – der endlose Fluss? Oder doch der uferlose, der Fluss ohne Ufer? David Gilmour, der nicht mehr dabei ist, nennt das Album das letzte der Band: „It’s a shame … but this is the end.“

Opel – tot. (5.12.14)

Der rote Kadett

Berlin: Da sitzt du über dem Gendarmenmarkt, frühstückst hinter Glas wie in einem Aquarium, und vorüber in Richtung Unter den Linden fährt langsam ein hellgrüner Doppeldeckerbus mit seinem Obergeschoss genau auf deiner Höhe. Ein vorbeifahrender junger Mann mit fettigem Haar und Parka sieht dir auf den Teller.

Alle Filme von Güte, jeder gute Film lebt vom kindlichen Blick.

PEGIDA – „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“. Der Mob marschiert wieder, begreift noch immer nichts, aber will noch mehr, noch mehr, noch mehr! Habgier und Auslöschung der Anderen, ein und dasselbe. „Prä-intelligente Egomanen grölen im Dunkeln: Adolf! Aldi! Adidas!“ Viva Las Vegas!

Foto: Mein roter Kadett, 1984

Größer und glänzender und weißer

Ende November, ein eisiger Wind kommt aus Russland und Polen zu mir rüber, Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, ich gehe im Morgenfrost auf dem Bahnsteig an drei jungen Typen vorbei, die da rumstehen und rauchen. „You were bigger and brighter and whiter than the snow“, singt Robert Smith von The Cure in irgendeiner Frittenbude, und der eine Junge fragt in dem Moment: „Warum will sie mich nicht mehr sehen, was meint ihr?“ So ein kalter, grauer, sehnsuchtsvoller Morgen. „Wird eben für einen Monat deine miese Visage nicht mehr sehen wollen“, sagt ein anderer, ehe die Drei laut loslachen.

Es ist tatsächlich so, wie Rutger Kopland meinte – ich spüre es jeden Tag –: „Das Verlangen nach einer Zigarette ist das Verlangen selbst“.

Ein wohltuender Ausblick aufs Alter: die Frauenmüdigkeit. Müde der Frauen milde zu altern. Schön wär’s! (Schön war’s.)

Es ist soweit: Wir werden unsere eigenen Puppen. Bei „Saturn“ bieten sie jetzt dreidimensionale Plastikfiguren an, die jeder von sich selbst erstellen kann. 76 Kameras und ein 3-D-Drucker reichen, 300 Euro, und du hältst dich selber in der Hand. „Lass dich drucken!“ Viva Las Vegas!

Er war nicht nur hart im Nehmen, er war auch hart im Geben.

In Keuschheit und Demut

Einmal, erinnere ich mich, ging ich schon sehr früh am Abend in die Musikkneipe, in der ich seinerzeit, vor fast 35 Jahren, mein Leben beschließen wollte und die bezeichnenderweise „In Keuschheit und Demut“ hieß, und um nicht haltlos der an mir nagenden Langeweile ausgesetzt zu sein, nahm ich Hemingways Storys „Männer ohne Frauen“ mit und las darin an einem Tisch, an dem gegenüber zwei ältere, da noch immer junge, heute bestimmt sehr alte Mädchen saßen und, wie mir lange nicht auffallen wollte, mich aufgrund meiner Lektüre schallend auslachten und mit gespielt traurigem Winken, wenn nicht obszönem Tanzen vertrieben. Morawazweifel Ich bin dann am Abend darauf wieder dorthin gegangen, setzte mich, keusch und demütig, wie ich war, an denselben Tisch und las auch wieder, diesmal Hemingways Storys „Der Sieger geht leer aus“, weil mir der Titel zugleich unschuldig, melancholisch, wehrhaft und doppelbödig erschien, und auch die Frauen waren da, aber das Lachen war ihnen vergangen. Und ich? Mir war mindestens ebenso viel vergangen.

Selten durch einen so dichten Nebel gefahren wie vorgestern durch die Suppe bei Hagenow. Eine weiße Weite. Die tiefstehende Sonne eine zerzauste Corona im Dunst. Kräne, Brücken, die ins Nichts zu führen schienen. Überhaupt alles ringsum Schein. (21.11.)

Das Bundesministerium des Erinnerns?

Wie ich die ein halbes Jahrhundert alte Strickjacke ansehe, fällt mir ein, was ich als Junge manchmal dachte, wenn mein Großvater vor mir stand und ich die Leiste seiner Metallknöpfe sah: „Kein Mensch außer ihm hat Markstücke an die Jacke genäht.“

Große Morawa

Wer Handke liest, der weiß: Es gibt ein situatives Lesen, das sich frei von allem, allem theoretischen Eingezwungen-, Zurechtgezwungensein macht – und so auch von Peter Handke, dem Unglücksritter, dem Befreiungsfabulierer, dem Prinzen von Nirgendwo. Hier, mitten in der „Morawischen Nacht“, die ich seit einem Jahr lese: „Jeder ist, wie er ist. Und alle die Schuhbänder, die nicht aufgehen. O Gerumpel der Morgengedanken. Das Singen meiner Mutter hat verhindert, daß ich Sänger wurde. Ich störe, aber ich möchte nicht stören. Den verlegenen Geber liebt Gott noch mehr als den fröhlichen, und den aufgeregten Geber liebt er am meisten. Wie man herumirrt im Universum. Ich liebe zu wenig. Es ist keine Schande, zu atmen. Grün war schon lang nicht mehr. Vor lauter Schauen sehe ich nichts mehr. Eigentlich sollte man öfter sterben. Niemand beherrscht die Welt. Die Sorge, sie ist nicht episch. Wenigstens bin ich allein. Es ist entsetzlich, wie man sich aus den Augen verliert. Alles ist Irrtum. Wörter nehmen, nicht Farben! Nichts ist gesund! Kauf nichts! All die Zeit! Und morgen geht’s weiter …“

Fotos: Westliche und südliche Morawa fließen ineinander: Morawazweifel (1); Die Große Morawa, nicht schiffbar (2)

Wirklich vereinigte Staaten

Schnitzler schreibt: „Ich freute mich, daß ich lebte …“, Kafka schreibt: „Traum an einem nächtlichen Tag.“

Da gibt es Leute, die drehen mit ihren Telefonen Filmchen von ihren Haustieren, die senden sie an eine Radiostation, die eine Sendung produziert, in der ein handysüchtiger Zehnjähriger unablässig Haustier-Videoclips auf sein Smartphone gesendet bekommt. – Das hören sich die Leute an und warten, dass sie selber an die Reihe kommen. Viva Las Vegas!

Die Neuigkeitenrepublik!

In der Zentralbibliothek gebe ich einen Band Gryphius zurück – lege das Buch in ein Lesegerät, das es einsaugt – es rollt auf einem Fließband hinter eine Glaswand – es rollt weg nach links, reiht sich ein in die Stafette der Bücher aus den anderen sechs Lesegeräten – wird nach Kennziffer geordnet auf ein Seitenfließband gesaugt – rollt nach oben auf das Hauptrollband – verschwindet. „Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten / Als schlechte nichtikeitt / als schaten staub und windt. Als eine wiesen blum / die man nicht wiederfindt.“

19. November, noch immer Mücken und Wespen.

Wo ich leben könnte: les états-unis de toi et moi

Versagistan

Das Beste, was du nach dem Ende einer 29 Jahre währenden Freundschaft erwarten kannst, ist nicht Aufrichtigkeit, sondern Abwesenheit. Jedes kolportierte Wort zeugt von Lüge und Missgunst, Vorurteil und Dünkel. Hör nicht hin! Bleib deinem Glauben treu, dass was so lange andauerte wirklich Freundschaft war und nicht einseitig.

Nach meiner Lesung aus „Wie wir verschwinden“ kommt eine sehr alte Dame am Arm ihrer Tochter zu mir und erzählt vom 5. Januar 1960 – als sie morgens im Klassenzimmer saß und ein Mitschüler hereinplatzte und rief: „Camus ist tot!“ (Darmstadt, 12.11.)

Die obere Donau bei Sigmaringen, von unbegreiflichem Dunkelgrün.

Meine Jugend – ein Witz. Die Liebe in den Zeiten der Kohl-Ära.

Am Mittag über Sonnenbühl gefahren, Sonne und Nebel, blassgrün, blassbraun und blassrötlich die Herbstfarben auf der Wacholderheide. Ein großer Dunst.

Der Ort Killer, dessen Ortsschilder alle drei, vier Monate in der Nacht abgeschraubt und weggetragen werden von „Sammlern“.

Von wem er gelernt habe, die Welt zu hinterfragen, wird der Regisseur gefragt, und er antwortet ohne Zögern: „Sicherlich von meinem Vater!“ Von wem also hast du das Welthinterfragen gelernt? Gar nicht? Ist es deshalb, weil keiner da war, eher ein Zweifeln, sogar eine Verleugnung, wie bei Gryphius, der Welt? (17.11.)

„Versagistan“, sagt das Kind und zitiert damit seine Mutter. „Dein Vater, weißt du, der arbeitet in Versagistan.“

Lima

Die Überschwemmung von Passau,
da sie unabwendbar ist, was bringt sie
auf dem Weltklimagipfel, was trägt
sie ein? Schneller als die Alpen-
gletscher schmelzen, werden Dürren
in Australien, kalifornische Buschbrände,
Bangladeshs Überflutungen und der Untergang
des Inselreiches Tuvalu verschachert
und zu Profitmasse. Klimawandel,
Klimahandel. Ein grüner Himmel
steht über Lima am Abschlusstag
der Konferenz, so leuchtet das Meer,
und Wolken aus Staren durchrauschen
den Hafen Ancon, bei deren Anblick einer
wie Auden dächte, ein jeder sollte gleichgültig
wen lieben, oder wir alle sterben, was allerdings
Auden etwas drastisch erschien, weshalb er schrieb:
Lieben müssen wir einander und dann sterben.

Für Uli Schreiber

Die Manchfaltigkeit

Hinterm Haus liegt ein torloses Fußballfeld, und über den Rasen staken stundenlang zwei Störche in einem unerklärlich langsamen Spiel.

Der Weg, auf dem ich gehe, ist ein „vom Winterdienst nicht betreuter“! Also ein nicht bestreuter? Indem ich hier gehe, hinein in die Stadt, betreue ich den Weg, und er betreut mich. (Greifswald, 6.11.)

„Die Schwalben fliegen und fliegen und fliegen, sie sammeln Beiträge zur Geschichte der Freude.“ Radka Denemarková

Hut ab. Haut ab.

Die Fotografin geht um den Tisch und knipst die Männer und Frauen, jede und jeden einzeln und mehrmals, nur die in die Jahre gekommene Dichterin mit der auffälligen Oberweite ignoriert sie, als wäre die Frau aus Luft. Gefragt, warum, antwortet die Fotografin verächtlich, zornig und hässlich: „Bei ihr platzt mir die Linse!“

Manchmal bin ich mir fast sicher: Das schönste Wort, das ich kenne, ist dieses „manch“, „mancher“, „manche“, und weiß manchmal, es stammt ab von „mannig“ (das englische „many“ ist seine Schwester), ist gesprochene Verkürzung, vielfältiger Dialekt, und von so manch anderem will es mir an manchen Tagen erzählen (aus der Tiefe der Zeit): vom Vielfältigen, Mannigfachen, der Manchfaltigkeit. (9.11.)

„Und die Literatur ist noch unentdeckt und nicht geboren.“ Auch das: Radka Denemarková

Beton, konkret

An der Salzach ein so warmer Novembertag, wie ich keinen erinnere: novemberwarmer Wind, die Vorstadt im Föhn, die Berghänge gelb, grün, golden und braun im milden Pulsen der Luft. Auf flattern die Vögel überm Fluss, und am Ufer sitzen die Frauen und essen aus hellen Tüten das Licht. (Salzburg, 4.11.)

Die Mauerseglerhitze?

Sobald sie mit ihm telefoniert, fällt ihr sein Geld ein und sucht sie nach Lücken, um es ihm aus der Tasche zu ziehen.

„Die schönen Puppen aus Maiskolben mit den hellen Haaren aus Maiskolbenfäden!“, sagt die alte Dame im Radio, die jahrzehntelang Kinder in Favelas von Rio betreute.

Es muss alles, jeder Fleck, jedes taschentuchgroße Stück Rasen, jedes ERDREICH, solange es nur braun oder grün ist, zuasphaltiert werden, damit wir Beton draufsetzen können. Concrete. Während jede Begegnung, ob die der Liebe, der Freundschaft oder einer anderen Zugewandtheit, ein interstellares Ereignis ist.

Gespenster beim Baden

„Ich weiß nicht, wie oft ich schon gestorben bin“, sagt das Kind zu sich selbst, und zu seiner Spielfreundin: „Und du, bist du auch gestorben?“ – „Ich hab aus Versehen meine ganze Welt gelöscht, ausgerechnet meine Lieblingswelt.“ – „Echt?“

Nicht mehr lange, und die Mädchen stehen Schlange.

Schlagzeile: „Eingang zu Unterwelt entdeckt“ – noch besser wäre gewesen: „Ausgang aus Unterwelt entdeckt!“

„Krass, wie vorbei der Sommer ist“, sagt das Mädchen auf der Straße.

Die See so glatt, ein Spiegel. Und der goldene Wald und der grüne Wald bis an den Küstensaum gewachsen. Am Herbststrand Alte und Kinder. Und Gespenster, die im Spiegel baden. (Hohwacht, 31. Oktober)

In dem alten Garten saßen wir vor fünfzehn Jahren als junge Fremde. Heute sind wir alte Freunde und sitzen jeder anderswo. (Rendsburg, 2.11.)

Im Licht unter den Herbstbäumen stehen rotbefrackt die Flötisten und üben. Du gehst vorbei, und du kannst von Glück reden. Denn du kannst aufbrechen, wohin du willst.

Sei der Regen

Du machst die Tür auf, und es ist Herbst. (Du schließt die Augen, und da ist Sommer.)

Der Briefkasten, voll von den Büchern der Freunde.

Nicht die Welt ist undankbar, ich bin es.

Apropos Welt: „Der letzte Mensch auf der Welt wird aussehen wie ein Pfannkuchen“, sagt das Kind.

Apropos Kind: „Am unglücklichsten machen mich die Tränen“, sagt das Kind.

Deutliches Zeichen: In der U-Bahnstation klemmt eine halbe Brotstange unter dem Telefonhörer. (Klosterstern, 28.10.)

„HoGeSa“ – ja da hat aber mal einer eine Abkürzungsidee gehabt! Ihr lachhaften Idioten. „Hooligans gegen Salafisten“. Viva Las Vegas!

„Be the Rain.“ Neil Young

Herbst auf Rhodos (6): Der Feigenbaum

Plastikmeer Überall der Müll des Sommers, auf jeder Böschung eine Plastikpracht. Weggeschmissen, plattgetreten, liegengelassen und vergessen die Verpackung des mal Dagewesenen, nur nie Zurückgekehrten, Flaschen in allen Farben, rostzerfressene Dosen, verwaschen eine Tasche oder zerrissen ein Koffer. Am Straßenrand seit Jahren abgestellte Autos, Wracks, halb ausgeschlachtet, halb verfallen, eingekackt, beschmiert, verölt. Du gehst in die Hocke, als dir auf dem Asphalt etwas Helles ins Auge fällt, und blickst ein Götterpüppchen an, das nur einen halben Kopf und keinen Körper mehr hat, aber auf den Lippen Aphrodites Lächeln. Im vertrockneten Gras liegen in Schichten übereinander die Überreste dessen, was nicht hineinzustopfen war in die Felsspalten und Nischen der Mauern und Wände aus wieder und wieder, wieder und wieder verbauten Steinen. In Bäumen gekappte Leitungen, Kabelgezweig. Am Strand eine Zahnbürstenflut, Schaum aus Verschlüssen und Beuteln, Kappen und Stiften, Senkeln, Knöpfen und verblassten, erblindeten Stofftieraugen. Feige auf Symi Auf der kleinen Insel Symi steht ein Haus in der Oberstadt des Fischerhafens, dessen Dachgebälk, Zimmerwände und Fußböden wurden von einem das Gemäuer nach und nach für sich einnehmenden Baum gesprengt. Die schöne, tief dunkelgrüne Feige wächst auf dem Müll, der zu den Fensterlöchern hineingeworfen wird – wie in einen Schacht, in dem Verfallenmüssen und Leere zusammenfinden und Zeit und Tod vor lauter Leben vergehen.

Die Nandus in Törpt

Sie wissen, alles Ferne hat Augen.
Stumm folgen ihnen große Wagen, und
da sind immer Hunde in den Schatten, die
hinter Hagebuttenhecken flach im Gras liegen
und nach Sterben und roten Tränen riechen.
Sie sind Muldenvögel, lieben Laubkrater,
sind schlehenbeerenversessen, einer
auf einem Bein ist gleich Baum.

Nachts weite Pampa. Träume, blau.
Keiner wird je vergessen, was war, nur
die dreizehn Alten, die an dem Tag
durch den Zaun brachen, runter
zum Ufer rannten und hinüber
über die Wakenitz kamen,
sehen das Leuchten nicht mehr,
das ihnen da hell vor Augen stand.

Die Nandus sammeln im Maiswald
Beiträge zur Geschichte der Freude,
ein unerklärlich langsames Schreiten.
Goldene Sterne funkeln den Jüngeren
in den Augen, die im Dunkeln in Törpt
an die Maurine laufen zum Saufen
und erschöpft zitternd ausruhen
unter zwei verrosteten Tankwagen.

Sie rupfen sich Gras, das Nachtgras
im Knickschatten, und sie wärmen
einander, beinahe hundert, auch
wenn keiner von ihnen noch ein Bild
für den Nanduweg weiß, namenloses
freies Hinfliegen knapp über dem Laub,
hinter der Stirn nur die Wärme der Liebe
zum Rennen durchs dunkelgrüne Licht.

Für Tom Schulz

Herbst auf Rhodos (5)

Ins Tränencafé! (Dort gibt es „Continental Breakdown“.)

Das Geräusch des ins ausgetrocknete Platanenlaub fahrenden Winds, papierenes Rascheln, nein Rasseln, nein Knistern. Rhodos-Stadt Fast ein Feuer, ein Feuer aus Luft. (Akra Ladiko, 19.10.)

In dem rekonstruierten (römischen) Stadion von Rhodos blickt der Junge in die Tiefe des langen Ovals (hinein in die Zeit): „Dort hinten sitzen, und ein Streitwagen mit zwei Gespannen kommt zweihundert Meter weit auf dich zugerast, und erst kurz vor der Kurve bremsen die Pferde ab.“

Komm in den totgesagten Park und sieh dir an, wie wir alles, aber auch alles kaputt bekommen. (Rodini-Park, Rhodos-Stadt, 20.10.)

So lächerlich wie der Pomp der Paläste, so lachhaft die blöde Größe der Burgen. Sollen sie doch mächtig sein (wollen)! Pracht gibt es nur außerhalb von Mauern.

Ein lauter Streit zwischen dem Bootsmann der Fähre – ein schöner Dieselkatamaran, der mit seiner Abgaswolke den halben Hafen verpestet – und einem zahnlosen, schlohweißen Alten unter den Kiosk-Arkaden des Klosters. Während die Sperlinge grün schimmernd hineintauchen in die Baumkronen und wieder hervorstieben, reden die Beiden lauthals aufeinander ein und lachen sich gegenseitig aus, scheinbar ohne den anderen zu beachten. Einmal verstehe ich das Wort „Olympiakos“, betont auf dem „pja“, und kurz darauf lacht bloß noch der Bootsmann und erklärt in die Runde: Darum sei er Grieche. Nur hier streite man und lache zugleich, und sei es über Fußball – falls Olympiakos überhaupt Fußball spiele. Gelächter! (Symi, Panormitis, 21.10.)

Herbst auf Rhodos (4)

Auf der ganzen Insel nur ausgetrocknete Flussbetten – oder sind die Flüsse sogar vertrocknet und verlandet? Mitten in der Kieselmulde des Loutan sah ich ein halb zerfallenes rotes Ruderboot. (17.10.)

Kamiros Erinnerung an Ephesus, vor 19 Jahren: In den Ruinen von Kamiros stehst du auf der Jahrtausende alten Hauptstraße und siehst Agamen und Eidechsen über das in der Sonne blendende Mauerwerk huschen. Da ist ein Muschelrelief in eine nur noch hüfthohe Hauswand gehauen. Du hörst vielleicht ein unsichtbares Windrad. Das Lachen von toten Kindern und wie sie vorbei und um die Ecke toben in einen überdachten Garten. Stell dir in der sengenden Hitze das Weinlaub über den Schattengassen vor. Das Geplätscher des Wassers, das herabsprudelte aus der großen Zisterne oben am Stadtrand, unterhalb des Pallas Athene-Tempels. Und überall und nirgendwo Ziegen.

Die schönen Ziegen auf den wilden Müllkippen im karstigen Bergwald von Profitis Ilias – himmelblau die Fahrerkabine des dort seit Jahrzehnten verrottenden Ford Transit-Pickups.

An eine Hauswand in Rhodos-Stadt gesprüht: 100 years of freedom 1912 – 2012

„XAIRE“ – „Frohgemut!“ – steht als abschließendes Wort, als Gruß und zugleich Aufforderung, auf vielen antiken Grabstelen. Und noch immer sagen sie manchmal: „Chaire!“ Und wir verstehen einander, denn auch ich sage hier oft: „XAIRE!“ – und denke dabei an Cummings‘ 71 Gedichte mit diesem Titel, besonders an den Auftakt von Gedicht 65: „ich dank Dir Gott für meist den wundervollen / tag“.

Bei Schirokko verdunkelt sich das Meer. Das helle Türkis wird zu Aquamarinblau und das Dunkelblau zu Violett.

Bei Schirokko stürzen die weißschwarzen Tauben über den Strand hin, und Tag für Tag deutlicher steht im Meer Anatolien, dessen Binnenlandgebirge wir nun sogar schon sehen. (18.10.)

Herbst auf Rhodos (3)

Aphrodite aidoumene Tausende nagelgroßer, nagelschwarzer, nagelstarrer Fische stehen im flaschengrünen Wasser des antiken Mandraki-Hafens. Durrell beschreibt, wie vor der Küste Niochorions eine Venus-Statue gefunden und aus dem Algenschlick ans Licht gehoben wurde: „An einem Nachmittag hatte sie sich in den Netzen der Fischer verfangen. Sie glaubten, einen reichen Fang zu machen, aber es war nur die schwarze Marmorfigur einer Meeresvenus, die, von Schlingpflanzen umwunden, heraufkam, und einige erschrockene Fische, die wie silberne Münzen um das ruhige, reine Gesicht mit den blicklosen Augen hüpften. – Nun bewohnt sie das Museum der Insel und meditiert, ganz dem Brennpunkt ihres eigenen inneren Lebens zugewandt, ernsthaft über das Wesen der Zeit.“

Das schöne Lindos – in den Fels gehauen das Heck eines antiken Kriegsschiffs. Und die Akropolis ein begehbares Palimpsest, umgeben von einem zeitlosen Basar. Auf einem Dach eine Ziege. Esel, die schmerbäuchige Touristen hinauftragen zu von den italienischen Faschisten rekonstruierten gigantomanischen Treppen. Sie scheinen in den Himmel zu führen, tun aber nur so. Vafanculo, Duce. Ein Eselsbahnhof. Und wenn du über die Mauerreste in die Tiefe blickst, sind überall zwischen den Olivenbäumen wilde Müllkippen. (Lindos, 15.10.)

Ich sah in Kalathos einen Olivenbaum durch einen roten Toyota hindurchwachsen.

Wie nennen die Rhodier den Schirokko?

Ob Anthony Quinn je gebadet hat in der Anthony-Quinn-Bay? Vielleicht zusammen mit Gregory Peck, als sie hier „Die Kanonen von Navarone“ drehten. Wann hat ihm die Militärjunta die Bucht geschenkt? Und hat er das Geschenk angenommen?

Wunsch, Hornisse zu sein.

Die englische Redewendung „It is just what it is“ – schön, auch weil darin ein Richtmaß schwingt: Es ist nicht mehr – aber auch nicht weniger! – als das, was es ist. Es ist gerechterweise das, was es ist. Es ist genau das, was es ist! Es ist einfach bloß so, wie es ist. So ist es nun mal!

Herbst auf Rhodos (2)

Hier heißt jeder Haartrockner gleich Elektra.

Im antiken Stadion schläft im Schatten der Bäume auf dem steinernen Tribünenoval eine Katze. In der 2000 Jahre alten Kampfbahn die Stille der applaudierenden Toten. Handtellergroße Echsen drücken sich flach an die Steine, an denen nichts mehr von Vertäfelung erzählt. Und die Katze wacht auf und geht auf Eidechsenjagd.

Wie lang ist es her, dass du zuletzt Lawrence Durrell gelesen hast? Unter Tränen seinerzeit „Das Alexandria-Quartett“ beendet. Von Durrell hast du gelernt (und es bei Camus bestätigt gefunden), dass es ein syntaktisches Licht gibt, luzide Sätze, ein Satzleuchten: „Die fliederfarbene Überflutung durch die Zyklamen hat eingesetzt“, schreibt Durrell im „Kurzen Blumen- und Heiligenkalender von Rhodos“ seines Buches „Leuchtende Orangen“.

Die Akropolis von Lindau?

50 Jahre alt musst du werden, um an einem Abend nach Sonnenuntergang das Meer violett zu sehen – die lilane See. (Rhodos, 14.10.)

Am Platz der jüdischen Märtyrer erinnert eine Stele in sieben Sprachen an den Julitag 1944, den der Deportation von 1602 Kindern, Frauen, Männern und Alten aus Rhodos und Kos in Nazi-KZs hoch oben im Norden: Polen. (Keine der Sprachen ist Deutsch.)

Wenn du über den Wipfeln der Benjaminbäume auf einer Dachterrasse sitzt, erscheint das Laub wie sehr hohes Gras. Denk du nur an Calvino …, während ein Schwarm Sperlinge herangerauscht kommt und, lautlos wie eine Handvoll Kiesel ins Wasser, eintaucht in die grüne Krone.

Herbst auf Rhodos (1)

Überall der übertünchte Verfall.

Der greise Grieche in seinem 40 Jahre alten weinroten Daimler, kriecht durch das Viertel, in dem er jedem Schlagloch einen Namen gegeben hat. Unter einem Riesenfikus parkt er seinen mühsam zusammengehaltenen Schrotthaufen und geht mit Tippelschritten eine Zeitung kaufen. In seiner seit vier Jahrzehnten stillstehenden Bürgermeisterwirklichkeit – wer bin ich da, ich Fremder am Straßenrand? (Rhodos-Stadt, 12.10.)

Schmuckläden mit Marmorfußboden. Zwischen den Geschäften, von genau derselben Größe, dachlose Ruinen, stinkend nach Pisse und Rattengift.

Über die blaue Ägäis kommt langsam eine blaue Autofähre und hält auf den Inselhafen zu – lebendiges Bild aus „Nie mehr Nacht“: Da fährt die „Kitty“!

Ein junger Mann mit langen, langen Gliedern, langem, langem Rumpf und sehr kleinem Kopf. Einer, der nicht lächelt. Ein junger Zentaur.

Im Dunst taucht am Nachmittag ein Gebirge aus dem Meer – die türkische Küste. Dort drüben fängt Asien an.

Drei Straßenhunde: ein großer, zotteliger Grauer, ein flacher, gedrungener Einäugiger und ein kleiner flinker Fleckiger – gemeinsam drehen sie im Park und auf den angrenzenden Plätzen ihre Runde. Reihenfolge immer dieselbe, Wege immer gleich, Trink-, Fress-, Schnüffelordnung die von gestern und allen Tagen. Sie tauschen Blicke. Sie warten aufeinander. Sie verstehen einander so wortlos wie blind. Jeder kennt sie. Sie kennen jeden. Es gab sie immer schon. Sie sind keine Hunde mehr. Sie sind der denkbar größten Freiheit sehr nah. Ihr wundervollen Geschöpfe.

In Abwesenheit

Einer, der allein über ein Feld geht, weiß,
solang in der Luft der Schnee liegen bleibt,
gibt es die Schwarzpappeln dort, er meint,
im Innern genauso zu schneien und dass
es daher auch Innenpappeln gibt, immerzu,
in jedem Moment ab jetzt ist er vorbereitet.
Und genauso weiß auch ich mit einem Mal:
Pappelreihe! Das ist ein Ufer aus Bäumen,
und weiß auf einmal auch: mein Notizbuch!
Das sind Momente wie Jacken im Schrank,
im fremden Mundwinkel ein Funkeln, oder
jemand im Bus, der ihn in eine Geschichte
davonfährt. Während die Eisblumen blühen
an den Fenstern und immer was in Händen
zu halten ist, nimmt das Aufhören ein Ende.
Es schneit, als wartete der Morgen darauf,
nach einer so endlos erscheinenden Nacht
das Verlorengegangene sich wiederzuholen.
Schnee ist das, was ich nicht anhalten kann,
so als wäre jeder hier, auch in Abwesenheit.

Geräusche der Heimlichkeit

Nachdem das Tier am frühen Morgen einen jungen Zaunkönig gefangen und getötet hat, verkriecht es sich für sechs Stunden niedergeschlagen in einen dunklen stillen Winkel. Dann kommt es heraus, untersucht den Tatort und blickt lange aus dem Fenster, dorthin, wo der Vogel auftauchte und vielleicht wieder auftaucht. Das Tier ist bereit zu vergessen, bereit zur Wiederholung. Das Leben geht weiter, das Töten geht weiter, das Sterben geht weiter.

Sage und Schreibe

Im Zug herrscht der alte Mann seine Frau an, weil die vor Nervosität nicht stillsitzen kann. „Ach, halt die Backen“, sagt sie schließlich, nimmt ihren Koffer und stellt sich die letzte halbe Stunde vor Berlin an die Tür.

„In der Schale des Löwen“, sagt das Kind und zeigt auf die Milch für das Tier.

„… der Lärm frisst mir die Liebe auf … Ah, alle die Geräusche der Heimlichkeit, wo sind sie geblieben?“ Peter Handke

Die Starautorin, die bekannt ist als Rebellin und Rädelsführerin, hat ihren Verlag verlassen, weil der ihr nicht mehr genug zahlen kann für ihre Widerstandskunst. Viva Las Vegas!

Keiner will bleiben, aber genauso wenig will irgendjemand von hier verschwinden.

Gestern am Hamburger Hauptbahnhof: Kurden und „Salafisten“ droschen aufeinander ein. Und eine Machete, gut zum Kopfabschlagen, wurde sichergestellt. Und die Polizei setzte Wasserwerfer ein und drosch ordentlich mit. Ich wäre gern dabeigewesen und hätte mich totgelacht.

Oz

Aus dem Gedicht „Schnee“ von Ales Rasanau aus Weißrussland, übersetzt von Thomas Weiler:

(…)

Schnee, bist du aus der Unendlichkeit?
Aus der Vollkommenheit?
Aus dem Tod?

Alles, was wuchs, blühte und gedieh, alles,
was vergangen, was Erinnerung geworden war,
alles, was nicht wiederkehren kann, kehrte wieder
im weißen Schnee.

Die Umwelt hat eine weitere Umwelt,
die Dämmerung hat eine weitere Dämmerung,
das Schicksal hat ein weiteres Schicksal:

Schnee.

(…)

Der seltsame Chinese (des Schmerzes) mit langem silbernen Haar und langem schwarzen Stoffmantel, der mit winzigen Bewegungen um den Tisch seiner Landsleute herumtanzt, traurig lächelnd – Yang Lian.

Das dickliche Mädchen, das auf seinen Turnschuhtanzschuhen die Treppe hinabtänzelt, hat eine Zwillingsschwester mit Mongolinnengesicht, die in der U-Bahn zu den Fenstern hinausstaunt. (Alsterdorf, 1.10.)

Oz. Hamburg Letzte Woche ist der große alte Graffitisprayer Oz nachts von einer S-Bahn totgefahren worden wie eine Straßenkatze. Überall in der Stadt sind seine Smileys und Kürzel zu sehen, aber auch große Gemälde und Tag-Tableaus in fantastischen Farben – sie stehen nicht nur für sich und beileibe nicht für irgendeinen kruden Vandalismus, sondern bewahren auch Oz‘ Bewegungen durch Hamburg auf, sind ein Koordinaten-, ein Speichersystem und ein künstlerisches Kataster. Eine Anwesenheitskunst, die Freude am Vertrauten, das er sich in der Nacht erobert haben muss.

Wessen Bücher kann ich zwei Monate lang liegen lassen, und lese ich eines dann weiter, ist es so wie vor zwei Minuten unterbrochen? Merkwürdiger Peter Handke.

Vom Reden und vom Erzählen

Wenn du nicht von dir erzählst, was willst du erfahren, hm? Du erfährst doch nur dann von dir (und mir), wenn du erzählst!

„Kann ein Vergleich ,erscheinen‘? Ja doch: Nur so, kommt mir vor, ist er am Platz und es ist zumindest was dran an ihm.“ Peter Handke

Denk an Berlin: Nachts auf einem Dach sitzen, mit lauter jungen Leuten, die rauchen und trinken und klagen, dass sie schon 34 sind … „Hilfe, der Anfang vom Ende!“ – Nein, viel schlimmer: die Mitte der Mitte. (Und da hilft dir keiner.)

Während sie dir die Haare schneidet, erzählt die Friseurin von Key West, wo sie im Urlaub war. Sie erzählt von den Hunderten von Brücken, eine flacher als die vorige. Von dem Wasser zu beiden Seiten der Straße. Von der Farbe des Wassers in Key West erzählt sie, während sie in den Spiegel blickt.

Gefragt, ob er etwas über seine Inspirationsquellen sagen könne, antwortete Leonard Cohen – es war auf seiner „Bird On A Wire“-Welttournee, es ist 40, 42 Jahre her –, nein, dazu könne er absolut nichts sagen. Der Reporter (war er Deutscher?) fragte Cohen daraufhin, worüber er denn gern reden würde. Cohen sagte: Am liebsten würde er überhaupt nicht reden.

Das Brennstoffzellenpostauto

Die tiefschwarze Tätowierung auf dem Unterarm des australischen Dichters entstand, erzählt er, über einen ganzen Tag hinweg. Ein Maori-Hüne aus Neuseeland fragte ihn nach seinem Leben, Alltag, seinen Kindern, Frauen, seinem Scheitern, seinen Verletzungen und Freunden – alles findet sich wieder in den Mustern aus Tieren und Schatten auf dem Arm. (Berlin-Wilmersdorf, 18.9.)

Der Taxifahrer, der mich zum Haus des Rundfunks fährt, erzählt, eigentlich sei er Buchhändler – und legt mir Fontanes „Unwiederbringlich“ ans Herz.

Suppenwetter!

Alles, was du sagst, ist wahr, nur dir nie passiert.

Auf dem gepflasterten, wie spätmittelalterlichen Platz vor dem Salzhaus steht ein mächtiger Brunnen, ohne Figur, nur das Becken. Ein Junge planscht in dem seltsam hellblauen Wasser (wie in einem Traum), und auf die Frage, ob der Brunnen tief sei, springt er vom Rand, taucht und bleibt lange verschwunden (wie in einer Zeit aus Wasser). (Brugg, Aargau, 19.9.)

„Immer“, sagte sie, „immer sagst du immerhin!“ – „Immerhin“, dachte er. „Immerhin sage ich nicht ständig immer.“

Ein Mann steht auf dem Weg und hat den Kopf in einen hohe Hecke gesteckt, er raunt und murmelt, als ich vorbeigehe, er blickt mich an aus einem tropfnassen Gesicht, dann steckt er den Kopf zurück in die Hecke, und ich, voller Neid, gehe weiter, hinunter zum Fluss.

Egal ist bald vorbei.

„Das Brennstoffzellenpostauto?“ – „Ja, genau, und das Kind des Fahrers.“ – „Die Brennstoffzellenpostautofahrertochter?“ – „Sieht so aus.“

Dahintreiben im Eigenen

Im hinteren Teil des Hauses steht die Tür offen, darin zerschneidet der Schlachter ein großes Tier. Der Bus fährt um das Haus herum, und vorne stehen die Frauen im Laden und fressen. (Frankfurt-Seckbach, 12.9.)

Vor einem Laden, in dem sich der Preis der gewünschten Bücher nach dem Umfang bemisst, bleibt das Kind stehen, deutet auf das Geschäft und sagt: „Da! Ein Vater mit Papageigesicht …“

Tatsache, d. h. Oberfläche.

Im Reich des Erbes aus Rauch: im Raucherbereich!

„Immer hat sie Hunger, immer“, sagt ein Junge über ein Mädchen, das neben ihm steht und auf den Fluss blickt. (Fuhlsbüttel, 15. September)

Er möge die Ruhe, schreibt mir der Freund, der in Schweden lebt. Und dass er immer noch nichts verstehe. „So kann man noch einmal anders im Eigenen dahintreiben.“

Nanas Minze

In der Abendsonne treiben unter den Bäumen lauter gelbe Blätter auf dem Wasser – als hätte der alte Sommer die Haut abgeworfen und triebe davon. Es ist das Spätsommergefühl, das sich einstellt und deutlich von dem im Frühherbst unterscheidet – Wehmut (Sommerabschied), Demut (Herbsteinverständnis). Die Zeit zeigt sich. Das schreckliche Wunder Vergänglichkeit. (Fuhlsbüttel, 8.9.)

Der Wind in den Baumkronen erzählt, ja, aber nicht von sich. Dir erzählt er von dir.

Zurückgeschenkte Erinnerung: „Nanas Minze“ – schmeckender Name. So hieß das Kraut, der getrocknete Kräutertee, mit dem wir auf dem Schulhof den Tabak bestreuten, damit unsere Zigaretten rochen und schmeckten wie das unerreichbare Gras, das wir „Marie-Johanna“ nannten.

Das pummelige Mädchen, das traurig aus dem Zugfenster blickt, hat auf dem Busen seinen Namen stehen: Blume 2000.

Vergiss nicht die Schönheit der Absurdität.

Im Grunde eine Liebe wie zum Schreiben und Lesen, meine Liebe zu Hamburg.

Jede Straßensperrung ist ein Fest

Was wir alle am längsten beherrschen und am besten können: das Verbieten – ihr, ihm, ihnen, uns. Daher sind wir alle – du auch! – am schlauesten im Umgehen von Verboten.

Das Kind im Sand baut Berge, Wüsten, Türme, Vulkane, Schluchten, Straßen, Wolkenkratzer. Das Kind im Sand sagt: Ich baue Amerika. (Planten un Blomen, 3.9.)

„Please keep in mind to avoid foul language“ heißt es mit Hinweis auf jugendliche Leserinnen und Leser (die sich darüber schief lachen) von den Political Correctness-Heinis aus der europäischen Sicherheitshauptstadt London.

„Da, eine Blühbirne“, sagt das Kind.

Jede Straßensperrung ist ein Fest, der Leere und der Stille, und jede Sperrung einer Kreuzung eine neue Straßengattung.

„Haben Sie eine Nasenatmungsbehinderung?“

„Jetzt geht’s los!“ – „Let’s get lost!“