Ich will schwimmen gehen! Die Erntesaison für die Große Wollhandkrabbe ist eröffnet.
Seit über dreißig Jahren denke ich an diesem Tag an ein Mädchen mit rotem Anorak, ein behindertes, wir sagten damals: mongoloides Mädchen, mit dem ich während eines Schulausflugs in den Harz nur ein paar Minuten lang sprach … helles Vormittagslicht unter Bäumen, irgendwo an einem Sportplatz, und sie erzählte strahlend, ohne zu ahnen, wie unvergesslich es war, am 23. September sei ihr Geburtstag.
Wie zerfahren, wie zerrüttet du dir hier mitunter vorkommst, nichts davon gibt die Folge dieser Aufzeichnungen, ihre Versuchsanordnung, wieder. Warum? Weil es so mit dem ganzen Taumel, etwas zu schreiben, ist?
Vom „choc du divers“ schreibt Victor Segalen in China. Was den Schock der Unterschiedlichkeit auslöst,
das sei „alles Fremdartige, Ungewöhnliche, Unerwartete, Geheim- nisvolle“, aber, seltsam, auch alles „Verliebte, Übermenschliche, kurz all das, was anders ist“. Beinahe hundert Jahre alt ist Segalens „Essai sur l’Exotisme“. Wie das Schockierende fruchtbar machen für dich? Durch die Versuchsanordnung: „Die Welt sehen, und dann sagen, wie man die Welt sieht.“
Foto: Ein Teeverkäufer putzt seinen Drachen, Hangzhou




„Das Gemälde Out of Beichuan stellt die gebrochene Erde, das Überleben der Menschen und die Ungewissheit der Zukunft dar. Der zerstörte Boden bildet den Hintergrund. Zwar ist die Natur zerbrochen, doch sie ist mit ganzem Herzen gemalt. Die tote Natur ist der eigentliche Hintergrund. In Beichuan sehen wir am Kampf von Mensch und Natur, dass die Menschen und die von ihnen errichtete Welt besiegt wurden. Was macht die Darstellung einer solchen Niederlage sinnvoll? Wenn man den Boden betrachtet, gibt es dort noch Wege. Aber da ist kein Weg in die Berge mehr, nur noch ein Weg nach außen. Die Menschen sind Dämonen in einer Ecke des Bildes, eine Gruppe kranker Zombies. Der Künstler quetscht uns aus: Wo ist der Ausweg? Bereits vor dem Nahen des Lebensendes sollte man nachdenken, dazu gibt ein Erdbeben die Gelegenheit. Was die Künstler heute machen sollen, ist nicht, wie Hexen, religiöse Rituale für uns durchführen oder Feng-Shui betreiben, um uns zu helfen, der großen Katastrophe zu entgehen. Sondern sie sollen das unausbleibliche Endergebnis solcher Katastrophen in die Länge ziehen, glattbügeln und lebensecht vor die Zuschauer stellen, vielleicht sogar noch heftiger machen, sodass wir gezwungen werden, es deutlich zu sehen, damit uns die Hilflosigkeit irgendwann tapferer macht.“
„Straßen in Shanghai // … Ich bin umgeben von Schriftzeichen, die ich nicht deuten kann, ich bin durch und durch Analphabet. / Doch ich habe bezahlt, was ich mußte, und habe für alles eine Quittung. / Ich habe viele unleserliche Quittungen gesammelt. / Ich bin ein alter Baum mit welkem Laub, das noch dranhängt und nicht zu Boden fallen kann. // Und ein Hauch von der See bringt all diese Quittungen zum Rascheln …“ (Alsterdorf, ein paar Tage vor dem Flug nach China, 1. – 3.9.)