Die Schönheit der Ruhr vor Hagen

The Twilight Sad – No One Can Ever Know

Hamburger Frühlingswind, ein Westwind, der die Meeresfeuchte mit sich führt und anreichert mit den Gerüchen des Erdbodens. Algen und Tulpen. Durch die aufgewühlten Lüfte wirbeln rosa die fingernagelgroßen Kirschblüten. Es gibt in diesen wenigen Tagen des Jahres eine staunende Stille auf den Gesichtern, ein Einverständnis mit dem aufs Neue Verheißenem. (30.4.)

Die Schönheit der Ruhr vor Hagen. Der Herdecker Harkortsee. Das satte Grün, das ich immer schon geliebt habe an Bochum.

Am Vormittag, im hellen Licht, die Verkehrsinseln übersät von gelb aufgeblühtem Löwenzahn. Am Abend die letzten Blütenblätter der Wintergerbera auf den Intarsien. Flaum im Handteller. Zweiter Mai. Pusteblume.

Das Kind hat an diesem Tag seine Leidenschaft für Atome entdeckt.

„Halte gegenüber den Anderen, was du allein dir versprochen hast. Da liegt dein Vertrag.“ René Char

Behaustheiten

Lauter als der lauteste Punk, der lärmigste Death Metal, der sich aus der Nachbarwohnung durch die Wände drillt: das Singen der Vögel im Innenhof.

Bau ein Haus, aber lass die Haustür offen.

Das Kind hat einen Ast im Park gefunden und mitgenommen nach Haus, in sein Zimmer, wo es den Ast, an dem ein paar letzte Zweige sind und sogar halb vertrocknete Blätter, neben das Bett legt. Dort liegt der Ast in der Nacht. Fragt man das Kind, was der Ast soll, bekommt man zur Antwort: „Nichts, der Ast soll nichts. Außerdem ist er kein Ast.“

OMD – Dazzle Ships

Vor dem Haus wird eine grün bemooste, fast braune Straßenlaterne ausgetauscht gegen eine neue, noch ganz blanke, beinahe wie verchromte. Frag den Baustellenleiter, ob er weiß, wie lange die Laterne hier gestanden hat, an ihrem Laternenlichtort, und er, der dickbäuchige Mensch in dem Unterhemd und der Latzhose, antwortet ohne zu zögern – doch, er zögert, aber unmerklich oder kaum merklich, denn er ist auch bloß ein Mensch – bloß? –: „49 Jahre, seit 1969, deshalb wechseln wir sie, Laternenvorschrift. Laternen 49, Ampeln 29 Jahre, die sind schwerer.“ Frag ihn, ob er weiß, wieviele Ausfälle diese eine, diese besondere, weil deine, vor deinem Fenster stehende, nein nicht mehr stehende Laterne gehabt hat in 49 Jahren, und er antwortet nach einem Blick in seine Laternenliste: „Keine. Hat anscheinend immer gebrannt. Geschienen. Zuverlässig, die alte Herzogin.“ 9,50 m sei sie hoch, sagt der Baustellenleiter, desgleichen die baugleiche neue. Der Austausch ist nach anderthalb Stunden erledigt und vollendet. Die Laterne, die keine mehr ist, wird auf der kurzfristig abgesperrten Wohnstraße zersägt und verladen. Licht aus, Frau Herzogin. (Barmbek, 19. April)

Umspannwerk im grünen Gras voller Butterblumen. (Ulm, 20.4.)

Erinnere dich an Wittfeitzen, Wendland 1979, das kirchliche Feriencamp, die stillen, sonnendurchpulsten Wälder rings um den weitläufigen Zeltplatz. Es war kein Idyll, mit Romantik – Nullbegriff – hatten die Wochen nichts zu tun. Alles brach auf und wurde Neues, Ungeahntes. Abscheu und Abenteuer waren beinahe eins. Auf einmal liefst du allein durch die Welt, ungesehen, unbeobachtet, bereit, verloren zu gehen und wurdest ich. Hinzu kam das Erzählen, das Phantastische der Phantasie – denn da erzählte jeden Abend der Küster seine Geschichten, seine aus dem Stegreif erfundene, weitergesponnene Erzählung, und wir lauschten und blickten einander in die Gesichter, du und ich.

Architektur und Moral

„Störlesung“ im Bauernhaus, im Oberdorf von Rauris im Salzburger Land. Ein strahlend blauer Nachmittag. In dem Drei-Generationen-Haus – der Sohn und dessen Sohn holen mich mit dem Pick-up vom Hotel ab – erwarten den Autor 40 Gäste, ländliches Literaturpublikum. Wir sprechen über Heine, Trakl, Morgenstern, Fried. Die Bachmann. Gedichte also. Ich lese also aus den neuen Gedichten. Es gibt eine große Einfühlsamkeit. Das Marienantlitz an der Stubenwand hat die Tochter gemalt, die Enkelin, die Maria ähnelt. Es ist auch ein Selbstbildnis. Nach meiner Lesung setzt sie sich zu mir, offenherzig und zugleich verlegen – oder bescheiden – fragt sie nach meiner Arbeitsweise. Unser Gespräch dreht sich um Wirklichkeitsschau. Kann ich in einem Gedichtentwurf bannen, was mir wirklich erscheint – oder verfälsche ich das Erlebte, das Geschaute, indem ich meinen Entwurf nachträglich zu verbessern versuche? Sie ist 21. Sie hat drei Kinder. Die Kleinen toben durch die Stube voller Leute, die längst allen Kuchen verzehrt haben und sich über Gott und die Welt unterhalten. „Auf der Stör“ waren hier die Handwerker einst, so wie im Norddeutschen „auf der Walz“ – also ist meine Lesung eine Wanderlesung. (Singen, 7.4.)

OMD – Architecture and Morality

Wie es sich anfühlen mag, das Leben verbracht, ohne existiert zu haben, fragt Oswald Egger in seinen poetischen Aufzeichnungen vom Leben auf dem Land „Val di Non“. Die Frage erscheint mir absurd, irrig angesichts der Fülle aus Beobachtungen und Empfindungen, die Eggers Text ab- und durchaus hervorruft bei einem wie mir, mit einer im Ländlichen verbrachten Kindheit. Aber ich kann das Geschwafel von einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit nicht mehr ertragen. Wie soll ich denn existieren, wenn diese höhere Existenzform mein Leben – mein Empfinden, mein Denken, mein Leben – zu übersteigen hat? Ist damit eine unausgesprochene, eine unaussprechbare Transzendenz gemeint? Warum die auf Kosten eines Lebens und als unmöglich postulieren? Colm Tóibíns Schilderung Minny Temples, der jung verstorbenen Cousine Henry James’, die dem Romancier zeitlebens als menschlicher Maßstab gegenwärtig blieb, lese ich im Roman „The Master“ („Porträt des Meisters in mittleren Jahren“, übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini) als eine poetische Antwort: „Henry fragte sich außerdem, was das Leben für sie bereitgehalten hätte und wie ihre erlesene Fähigkeit zum Widerstand mit einer Welt hätte fertig werden können, die unweigerlich versucht hätte, sie in ihre Schranken zu weisen. Es war ihm zumindest ein Trost, daß er sie so gekannt hatte, wie es der Welt nicht vergönnt gewesen war, und daß der Schmerz, ohne sie leben zu müssen, nicht mehr als ein Bußgeld war, das er für das Privileg zahlte, zusammen mit ihr jung gewesen zu sein. Was einmal Leben war, dachte er, ist immer Leben, und er wußte, daß ihr Bild fortan über seinem Geist walten würde als eine Art Maßstab und Norm von Klarheit und Gelassenheit.“

Mit der Dunkelheit kam der schwere, erdige Geruch des frischen Frühlings. Er stieg aus den wenigen unbebauten Flächen in der Innenstadt und strömte einem in die Nase wie die Erdbeerdünste einer Erdbeerkonfitürefabrik. Am Tag tschilpten die Vögel, die Singvögel von Singen sangen, doch sobald über dem Fußballplatz das Flutlicht leuchtete, verstummten sie und stieg aus dem auf einmal wieder grünen Boden der Duft. (Singen, 9.4.)

Nachtöffnung

Regen, ein Gefühl,
und die mageren Nebelpferde
knapp überm Erdboden.
Da sind wir aufgehoben, alle
traurigen Gestalten eines Lebens,
unter einem Baum, der bleibt,
und über den gelben Wassern.

Durch uns segeln
die Mauern hindurch
in die Nachtöffnung,
mit einem Mund, der aufgeht
und der uns sagt, die Brücke,
hier ist sie zu Ende. Und ins Moos
auf dem Handrücken kratzt der Wind
lesbare Regungen.

*
1990 – 91 – 95 / 2018

Auf dem Gesicht der Blinden die Sonne

„The Lady of Shalott“ heißt eine Ballade Tennysons, nach der John William Waterhouse 1888 ein Gemälde vollendete. Es zeigt die unglückliche Jungfrau Elaine, die durch einen Zauberbann auf einer Insel im Fluss gefangen ist, der zu König Artus’ Hof Camelot führt. Dort webt sie, was sie in ihren Träumen und Gesichten sieht, in einen endlosen Teppich ein, bis sie sich eines Tages in den am anderen Flussufer vorbeikommenden Ritter Lancelot verliebt. Um zu ihm nach Camelot zu gelangen, steigt sie in ein Boot, auf dessen Bug sie ihren Namen malt, und lässt sich darin flussabwärts treiben in ihr Verderben, denn sie setzt mit ihrer Flucht einen todbringenden Fluch in Gang. In Camelot findet man nur den Leichnam der vielbestaunten Schönen in dem Boot und auch den Teppich, den sie aus ihrem Gemüt gewoben und Wirklichkeit hat werden lassen. Auf ihrer Brust liegt ein Pergament, auf das sie schrieb: „The web was woven curiously, / The charm is broken utterly, / Draw near and fear not, – this is I, / The Lady of Shalott.“ Waterhouse’ Bild zeigt die Verstörte in ihrem Boot, wie sie ablegt vom Ufer ihrer Banninsel (sie weiß bis zu ihrem Tod weder, weshalb sie verbannt wurde noch welche Strafe sie erwartet) und auf den Fluss zuhält, der ebenso der Styx sein könnte. Immer verblüfft an dem mit einem Grauschleier überzogenen kräftigen Farben hat mich, dass auch das Boot des moribunden jungen Edelfräuleins „Lady of Shalott“ heißt, der Namenszug steht deutlich zu lesen am Bug, wenn man in der Londoner Tate Gallery vor dem nicht auffällig großen Bild steht. Auf dem bunt und detailliert bestickten Wandteppich, dem „web“, der „Webe“, den die in den Tod Fahrende mitnimmt, ist die Geschichte ihrer vertanen Liebe zu Sir Lancelot nachgebildet, auch die Stickereien und Webereien auf dem Textil lassen sich also zusammenfassen unter dem Titel „Lady of Shalott“. Viermal der Name: Bildtitel, Frauenname, Bootsname, gestickte Geschichte. Jede Strophe von Alfred Lord Tennysons Ballade endet mit dem Namen Shalott – bis auf eine in der Mitte (um die das Gedicht sich dreht), die mit Lancelots Namen schließt. Für die Liebende schließt sich die Welt, die nur mehr aus ihrem Unglück besteht, und die Welt schließt ja auch sie aus: Im Fluss kann sie die Türme Camelots gespiegelt sehen. Aber das Schloss selbst ist für Elaine unerreichbar.

Das Kind bremst. „Mein Fahrrad rülpst“, sagt es und steigt ab.

Die unbändige Freude der Blinden, die im Innern, im Saal, oder im Partyraum ihrer Vorstellung, einen Tanz zu üben scheint. Seit Jahren habe ich auf einem Gesicht nicht mehr eine solche freie Mimik gesehen, ein Glänzen im Blick, ein strahlendes Lächeln. Am Morgen im Gasthof unter den verschneiten Berggipfeln ist es im Zimmer so dunkel, dass ich zwei Sekunden lang glaube (ohne Angst zu haben), erblindet zu sein und mir die Blinde aus dem Zug wieder einfällt. Doch vor dem Fenster scheint die Sonne. Und so schien auch auf dem Gesicht der Blinden die Sonne. (Rauris, 6.4.)

Gute Nacht, Turnhalle

Das Tier hat eine Maus getötet und den leblosen Körper vor die Terrassentür gelegt – offenbar ein Geschenk. Das Schönste, was es töten und mir bringen konnte. Von da an kümmert die tote Maus das Tier nicht länger. Es frisst sie nicht auf, würdigt den Kadaver mit den schönen, jetzt stumpfen Augen keines Blickes. Das Tier scheint selber verwundert zu sein von der Leblosigkeit des kleinen Tiers dort auf der Terrasse. Ab und zu blickt es doch hin. Als ich den Körper in einen Kräuterbusch gelegt habe, ist das Tier verwundert – so scheint es –, weil ihr Geschenk entfernt wurde. War es nicht willkommen? Das Blut der Maus steigt ihm in die Nase, noch als ich es mit kochend heißem Wasser von den Terrassenholzbohlen gespült habe. Es hatte geschneit in der Nacht. Die Maus lag die ganze Nacht lang im Schneefall. Ihre Sprungbeine. Ihre Barthaare. Die wundervollen Ohren. O Barmherzigkeit.

Ich höre The Clash, höre „Combat Rock“ und „Sandinista!“ – und in den Pausen zwischen den Songs (und den Erinnerungen, an Zimmer, an Gelächter, Frauen, Freunde) das Rieseln des Schnees. (22.3.)

„Alle sind wir früher oder später Schatten, werden nur nicht überwältigt.“ John Cheever

Sonne fällt in den Gefängnishof, und alles riecht nach Abschied.

„Gute Nacht, Turnhalle“, sagt das Kind – und meint damit dich. Ja, stimmt, manchmal bist du eine Turnhalle. (Eppendorf, 29.3.)

Die Erinnerungen kommen einem mit fortschreitendem Alter immer zweifelhafter vor. Ihnen ist nicht zu trauen – zumindest ihrem sogenannten Wahrheitsgehalt nicht. Vielmehr erscheinen sie zu einem bestimmten Zweck eingerichtet: das Leben kurz erscheinen zu lassen, zu kurz. Der Sinn des Erinnerns wäre demnach die Wehmut. Doch auch das ist vorgegaukelt, der Gedanken und Gefühle Spuk. Nur damit du weiterlebst, älter wirst, weiter schaffst und leistest, kommt dir dein vergangenes Leben mit der Zeit immer kürzer vor, als es in Wirklichkeit war und ist. (1.4.)

„We fall, but so does everyone else“ – so John Cheever, der passionierter Schlittschuhläufer war und der zeitlebens unter einer Brückenphobie litt.

Kraftwerk – The Man Machine

Zum Tod von Günter Herburger

Saurüssele

Das Wichtigste,
was man von Schweinen
lernen kann: kein Mensch zu sein.

Sie sind sehr sauber,
sehr gefühlvoll, ein wenig zänkisch,
kämpferisch, aber dann lieben
sie einander wieder,
und wenn sie weinen,
was sie gerne tun, schreien
sie kaum und lächeln dabei.

Einen Tag, bevor sie
geschlachtet werden sollen,
sind sie nervös und konfus,
rennen umher und beschmutzen sich.
Dann beginnen sie zu singen,
sehr tief und sehr hoch,
wir vermögen es nicht zu hören.

Kein einziges Schwein ist bekannt,
das alt, krank und mager
noch auf der Weide lebte,
ganz und gar nicht allein,
weil umgeben von Igeln,
sodass, wenn es stirbt,
es auch ein Häufchen wäre,
bedeckt von Blättern und Geschmeiß,
deren Konzerte
wir niemals vernehmen.

Günter Herburger
6. April 1932 – 3. Mai 2018

Eine im Wasser zerschlagene Vase

Ein Funke genügte, und das kleine Mädchen stand in Flammen. Es brannte innerlich lichterloh, ohne das etwas das Gemütsfeuer hätte löschen können. Das kleine Mädchen weinte und schluchzte und jammerte, es wälzte sich auf dem Boden, bis es spürte, dass das Lodern in seinem Innern alles heruntergebrannt und verzehrt hatte, was ihm so zusetzte. Das Lachen, nach dem ihm dann zumute war, musste noch zu dem Feuer gehören, denn eine Zeitlang fühlte es sich ähnlich tröstlich an. Bis sich das Lachen verwandelte und laut wurde und das Vergessen war.

„Nirgends ein Fuchs, der über die Lichtung schnürt. / Nirgends ein menschliches Wort.“ Christian Saalberg

Dass ein Tier domestiziert ist, dass es erfolgreich zum Haustier gemacht wurde, erkennst du an seiner Gier.

„Es liegt etwas Ekelhaftes im Gedanken an Belohnung.“ Joseph Conrad

Maison. Mais sans toi … ein Wortspiel, aber ein ernstes. Ohne sie schien alles nur ein trauriger Witz.

Der Bodensee bei Windstille: silberne Ebene, am Horizont die Schneegipfel. Dieses ganze Herumgereise, schärft es tatsächlich – wie dir lange schien – die Aufmerksamkeit? Doch nur für immer kürzere Zeit. Allmählich verlierst du dich im Unterwegssein. Und verlierst auch das Gesehene – was zuerst: dich oder das kaum mehr Bestaunte? (Singen, 9.3.)

Eine Notiz aus dem Jahr 1800: „Wenn im Wasser eine Vase zerschlagen wird, die eine Flüssigkeit enthält, behält diese Flüssigkeit, die sich mit dem Wasser vermischen und zerfließen wird, eine Zeitlang die Gestalt der Vase, die sie enthielt.“ Joseph Joubert

Verbunden mit dem Licht der Sterne

„In der gewöhnlichen Rede dienen die Wörter dazu, an die Gegenstände zu erinnern – wenn aber die Sprache wirklich poetisch ist, dienen die Gegenstände immer dazu, an die Wörter zu erinnern.“ Joseph Joubert

Canetti über Joubert: „Er nimmt Geistiges auf, als wäre es eine Bewegung der Luft. Gedanken und Worte empfindet er als Atem oder als das Auf- und Niederschweben von Vögeln.“

„Wenn du etwas sehen willst, das dir gehört, mach die Augen zu“, hieß es in meiner Familie den Kindern gegenüber. Genau das ist es, was sie, was wir den Eltern, den Alten noch immer viel zu selten sagen: „Wenn ihr wissen wollt, was wir euch schulden, macht die Augen zu.“

Weshalb ich hier immer wieder auch von dir schreibe, von mir, aber dann wieder auch von dir: damit hier gelüftet wird. Damit hier gar nicht erst der Mief der Ichsucht wabert. Und damit auch du dich gemeint fühlen kannst. Okay?

Den ganzen Tag lang hat es geschneit, hat die Wirklichkeit sich erholt.

Wir gingen spazieren, mein Herz und ich. An einem grauen Fluss – die Dämmerung – sah ich einen Alten ins Wasser springen, mir sicher, dass er sich das Leben nehmen wollte. Ich sprang ihm also hinterher, der Jüngere dem Alten, dachte im Sprung an meine Liebste und daran, dass es womöglich besser gewesen wäre, zuerst die Schuhe auszuziehen … als ich eintauchte, tief in das auf einmal hell flaschengrüne Wasser. Auf der Stelle sah ich unter Wasser dutzende großer, mit riesigen Zähnen ausgestatteter Fische, die mich nicht entkommen lassen würden. Ich weinte innerlich, weil kein Abschied möglich war. (2.3.)

Eines der ergreifendsten Lieder der Welt, Pete Townshends I am secure von seinem Album „White City: A Novel“ von 1985. Darin singt er: „This is my cell. But it is connected to starlight.“

Drei Flüsse an einem winterlichen Tag

Als Heinrich Voß Hölderlins „Antigone“-Nachdichtung gelesen hatte, trompetete er los – wahrscheinlich stand Goethe aufgeblasen irgendwo im Mittelpunkt eines Saals: „Ja, ist der rasend? Oder tut er bloß so?“ Und alle lachten, weil sie Vossens Tröten in ihrer Dumpfheit für einen Witz hielten. Goethe nickte dem Paladin zu. Nur Voß selber wusste – oder ahnte, er wusste nicht so recht, wo der Unterschied war –, dass seine Frage bitterem Ernst entsprang. Er selbst musste tot sein, ohne es gemerkt zu haben. Dieser Verdacht erhärtete sich ihm, als er den feisten Gecken von Goethe da mitten im Raum stehen sah, wie er den jungen Dingern in den Ausschnitt stierte. Ja, tot, alle waren sie längst tot.

Bei starkem Frost kracht das Haus in der Nacht – so laut, als krachte die Nacht.

Es gibt auch leuchtende Beleidigungen und Verunglimpfungen. „Was sind denn Sie für einer?“, sagt eine Frau im Supermarkt zu einem fremden Herrn. „Sie Notizblock. Sie karierter. Gehen Sie mir aus dem Weg, oder ich schreibe Sie voll.“

„Die üble Nachrede erleichtert die Boshaftigkeit.“ Joseph Joubert

Drei Flüsse an einem winterlichen Tag, der kein Ende nehmen wollte: die Eisenbahnhochbrücke bei Eglisau über den schweizerischen Rhein – dunkelgrün in der Sonne der Fluss dort unten. Der Neckar dort, wo er noch schmal ist, wo Hölderlin wanderte. Brauner, durchsichtiger Neckar, die Ufer schneebeladen. In der späten Nacht höre ich das Rauschen der Regnitz, im Winter klingt es anders, aber es ist derselbe Ort, an dem ich im Sommer mit meinem Herzen im Fluss schwamm. (Bamberg, 28.2.)

Ein innerer Wellengang

Schockierende Begegnung mit dem Gesicht des früheren Freundes, der einst so laut, so überzeugt von sich, so über alle Maßen demonstrativ und widerständig schien. Aufgedunsen, still, verharrend im Abwarten auf das, was ihn ereilen mag. Man hat nie mit ihm sprechen, immer nur reden können. Sprechen mit ihm hieß stets, nach Bedeutungen zu suchen in seiner demonstrativen Sprache, dem Sich-kund-und-groß-Tun über Frauen, Musik, Bücher, Leute, Politik, Autos, seine vor sich her getragenen Ansichten. Alles hat dich geprägt. Alles konntest du verwerfen – oder umformen und dir anverwandeln. Sein hilfloses, nein ratloses Gesicht. Das vertraute Antlitz. Selbst einigen deiner Gedichte ist es eingeschrieben, und endlich – sagst du dir erleichtert – zeitigt es die ihn von Anfang an aufzehrende Verlassenheit. Für deine Zuwendung aber ist es lange schon zu spät, zu spät, zu spät. Zu spät! (Uhlenhorst, 18.2.)

Ein innerer Wellengang, der Blutzuckerspiegel.

Oh du schönes, anschauliches Beispiel für die Zermürbungsmechanik meines Gedächtnisses (dieses angebliche „Sich-erinnern“): Nie vergessen habe ich Robert Kellys auf Deutsch nur in einem Rowohlt-Literaturmagazin erschienenen Gedichtzyklus „Postkarten aus der Unterwelt“ – woran genau aber ich mich entsinne, ist, abgesehen von dem spröde-erstaunten Ton der Gedichte, lediglich eine einzige Metapher: „In der Unterwelt ist es so eng wie in einem Toaster.“ Wo habe ich das seinerzeit, Mitte der Neunziger wohl, gehört oder gelesen? Wiedergefunden über das Internet (verzeichnet auf einer kalifornischen Uni-Seite) und das Buch endlich (wieder?) selbst in Händen (Rowohlt „Literaturmagazin“ 34, „Über das Darstellbare“, Reinbek bei Hamburg, September 1994), liegen vor mir die Scherben eines Textes, den es nie gegeben hat. Bei Kelly (in der Übersetzung von „Frederic C. Hosenkeel“ aka Schuldt) heißt es zu Beginn des 24. und abschließenden Teils von „Postkarten aus der Unterwelt“: „In jenem Land gibt es eine Entfernung / die zwischen zwei Menschen paßt wie Brot in einen Toaster.“

Retzlaff & Stoffregen

Hier ist nichts. Keine Seele. Die Leute, allesamt freundlich, scheinen zu warten, die Zeit totzuschlagen mit dem Warten darauf, wieder arbeiten zu können. Morgens weckt dich das Branden des Verkehrs. Die Wagen brausen heran und hinein in den Tunnel unter der Stadt, um rascher in die Großstadt zu gelangen. Endlich wieder aus dem Haus! Zur Arbeit! Du gehst durch graue Siedlungen, alles ist friedlich, alles geordnet und ordentlich, pragmatische Paläste mit Vorgärten und Müllhäuschengassen. Das Altglas fällt metertief in unterirdische Behälter. Roboter auf den Straßen, die Hunde(roboter) ausführen, würden nicht verstören, kaum auffallen. Vom Zug aus siehst du einen Schriftzug auf einem Bürogebäude: ANGST & PFISTER. Es ist alles gut so. (11.2.)

Und war sie unzufrieden mit ihrem Äußeren, ihrem Gesicht, ihrem Augenglanz, dann schnitt sie sich den Pony kurz, radikal kurz, so kurz, dass sie vor dem Spiegel erschrak.

Die erschrockenen Gesichter Giacomettis und Walsers auf den 100- und 200-Franken-Banknoten.

Der Schnee bleibt liegen im Schatten der Waldungen oben auf den Hängen und Hügelkuppen. Der weiße Schatten. (Lenzburg, Goffersberg, dem „Gofi“, 13.2.)

Drôle de mère.

Bin ich etwa selbst der Retzlaff?

Im Schwimmbad hörst du den Beginn, den allerersten Satz eines Gesprächs zwischen zwei einander fremden Jungs: „Wollen wir Freunde sein?“ Dann beginnt das Spielen.

Mein Exemplar von Simenons „Die Phantome des Hutmachers“ hat auf dem Schmutzblatt ein Exlibris: „Dr. Stoffregen 28.10.82“. Der Roman – er beschäftigt meine Fantasie seit Jahrzehnten (und immerzu regnet es), beginnt, nein es ist der zweite Absatz, in dem es heißt: „Und es regnete seit dem 13. November. Ja, man konnte behaupten, es regnete ohne Unterlass seit zwanzig Tagen.“

Flämmchen

Die Wörter sind undankbare Begleiter. Man muss sie liegenlassen und, statt sie im Kopf herumzuwälzen – unter der Schädeldecke, in der Mundhöhle, am Gaumensegel –, den Leuten ins Gesicht blicken: „Ich gebe nicht auf. Ich fange noch mal von vorne an“, wie Lars Gustafsson schrieb.

Das 122. Fragment Heraklits aus „Über die Natur“ besteht aus einem einzigen Wort: „Annäherung“.

Jedes Zündholz, das abbrennt, waagerecht gehalten, zeigt in seinem Flämmchen deinen Namen.

Die Namen der Kornblume: Blaufruchtblust, Blaumütze, Bloch Kühreblome, Chorenpluem, Flessän-Durt, Hunger, Hungerblom, Karenbloimeken, Karnblume, Kleinblume, Korenblum, Kooreblome, blau Kornnägelein, Kürnbleamen, Kwast, Rockenblum, Roggeblöme, Roggenblom, Roggenblume, Rogghebloem, Ruschelinc, Schanelke, Schneider, blaue Schneider, Sechel, Sichelblume, Strämpsen, Thremse, Trämpst, Trehms, Trembsen, Tremisse, Trempen, blagen Trems, Tremse, Weydblum, Weitblum, Zachariasblume, Ziegebock, Ziegenbein, Zyane.

„Denken Krabben, dass Fische fliegen?“, fragt das Kind.

Wo keiner liebt, wohnt niemand.

Wenn sie einsam war, redete sie mit ihrem Lieblingspullover: „Heute nimmst du mal ein Bad. Keine Widerrede!“

Die Birnenkonferenz!

Avignon

Das Blau der Seen von Estarron und Ste. Croix ist dunkelgrün, ihr Wasser so kalt wie Schnee. Terrassenstufen die Ufer. Niemand ist dort im Winter, wo in den heißen Sommermonaten der ganze Luberon zu baden und zu lachen scheint.

Die Dohlen von Volx! Jetzt, da die Feigenbäume kahl sind, schwirren sie spottend um den Kirchturm.

Jean Giono über sein Geburtshaus in Manosque: „Zu dritt: Mein Vater, meine Mutter und ich, wir hatten allen Platz, den wir brauchten – ein riesiges Haus (Grand-Rue Nr. 14) mit mehr als zwanzig Räumen, alle groß genug, um darin auf einem Pferd zu reiten, und mit einer Zimmerdecke höher als die Nacht. Wir waren so frei wie die Luft. Ah! Natürlich, das Haus war völlig heruntergekommen: Der Fußboden schwankte wie die Brücke eines Schiffs … Das Dach hatte Löcher wie ein Sieb. Es regnete auf mein Bett.“

Kein Augenblick, noch nicht mal der schlimmste, dauert länger als ein anderer. In Avignon, im Verlauf eines dreiminütigen Halts des TGV, wird dir aus dem geschlossenen Koffer der Laptop gestohlen – und du verlierst große Teile der unsichtbaren Fundamente deines Werks. Selbst schuld, wenn du die Gedichte und Übertragungen nicht sicherst, wenn du dein Gepäck im Rücken verstaust und wenn du einen schmierigen Kleinkriminellen, der mit dir im Abteil sitzt und es gar nicht für nötig befindet, sein Naturell zu verbergen, nicht im Auge behältst. Ist hier die Grenze der Poesie? Nein. Auch hier, selbst hier, bei diesem Raub eines Stücks deines Lebens, findest du sie nicht. Verloren ist unter anderem das rote Tuch, mit dem du immer die Laptop-Tastatur abgedeckt hast, ein Tuch, das du 1983 gekauft hast – bei „Michelle“ am Hamburger Glockengießerwall, um damit deine Schallplatten staubfrei zu wischen –, blass-schwarz stand ANTI-STATIC darauf. Der Dieb dürfte den richtigen Moment abgepasst haben: In Avignon gingen die Waggontüren auf, da stand er schon in deinem Rücken, er öffnete den Kofferreißverschluss, nahm die Laptop-Tasche heraus, schloss den Kofferreißverschluss wieder (womit er sich als der Besitzer ausgab – clever, mon frère) und stieg aus … indem er die gestohlene Tasche in seinem Rucksack verschwinden ließ. Du vermisst dein australisches Reisejournal „Erzähl es den Bienen“. Du vermisst eine Handvoll Übersetzungen von Gedichten Emily Dickinsons. Du vermisst an die hundertfünfzig Gedichte. Du vermisst Übertragungen von Gedichten von Robert Creeley, E. E. Cummings, Frances Leviston, Walt Whitman … und vieles mehr. Es ist ein tiefgreifender Einschnitt. Aber es ist weit mehr, wenn du das Ganze poetisch betrachtest – als Lebensereignis – und deine Lektion in ihrer existenziellen Tiefe zu begreifen versuchst.

Den ganzen Tag lang Bonnie „Prince“ Billy gehört. „For an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy, for an hour I was happy – and then it all went a-black“. „One of maybe 140 humans alive today“, schreibt auf Youtube „hermeschbird“ über Will Oldham.

Im Jahr 2118

Liebe Linda Jahilo,

im Jahr 2118 wird meine Urururenkelin ein altes Buch aus Papier mit Gedichten ihres Urururgroßvaters zur Hand nehmen und darin lesen. Sie wird Linda heißen, so wie Sie, eigentlich aber, weil ihre Mutter, meine Ururenkelin, ihre Tochter nach einer Romanfigur von mir benannt hat – ein junges Mädchen, das in meinem Roman „Lichter als der Tag“ das Elsternkind genannt wird und das zusammen mit ihrem Vater im Musée des Beaux Arts in Lyon ein Gemälde von Camille Corot stiehlt. Linda hat nicht mehr sehr viele Bücher aus Papier in ihrem unterirdischen Wohnturm. Sie liebt aber die Stimme, die aus der Tiefe der Zeit zu ihr spricht, die Musik der Wörter, die ihr auch eine Musik der Bedeutungen zu sein scheint. Die Gedichte in dem Band, der genau 100 Jahre alt ist und ein leeres rotes Bett vor einer grünen Wand zeigt – er heißt „Wimpern und Asche“ –, bewahren für sie eine seltsame Kraft auf, eine Stärke, die sich auf sie überträgt, weshalb sie immer wieder in den Gedichten liest und sie wie einen Schatz verwahrt. Linda glaubt, den Reichtum der Welt zwischen den Zeilen hindurchleuchten zu sehen, eine Pracht, die unvergänglich ist und keinen Namen benötigt.

Zwischen Rhône und Durance

Die Rhône bei Avignon, so breit und weit das Auge reicht. Hochwasser bis zum Horizont. Über die silbernen Wasserebenen ziehen Vogelschwärme hin, ganz so, als gäbe es die Menschen nicht mehr. Nebelbänke fluten durch die Engpässe des Hügellands. Baumreihen und Wäldchen sind versunken, die Scheunen und Weiden auf den Inseln im überschwemmten Strom verlassen. Dies ist die Landschaft des neuen Romans „Letzte Linie zum Meer“.

Die Felshänge, die das Hochplateau von Valensole, dem „Tal in der Sonne“, begrenzen, sind am Ende des Winters – denn hier ist der Winter so gut wie vergangen – vom genau selben blassen und matten Graugrün wie die endlosen Reihen des Lavendels auf den Felderweiten – abgeblüht, schlafend, wie träumend kurz vor dem neuerlichen Erwachen. (St. Kurs, 28.1.)

Nichts hat Bestand von deinen Kindheitsorten, nur in deiner Erinnerung – weshalb das wohl ihre Aufgabe sein wird. In Bras d’Asse, rechts der heruntergekommenen Brücke (sie ist eine alte Madame, Jahrgang 1881, Victor Hugo lebte noch) über den Asse-Fluss, der Pont d’Asse, stand vor dreißig Jahren eine kleine Bar, ein Imbiss für die Familien, die auf dem Schotter des Flussbetts ihre Sommernachmittage verbrachten. Als hätte es dieses Häuschen nie gegeben, ist an dem Fleck heute alles verwildert, überschwemmt, mit Schutt zugeschoben. Solange dort niemand geht, der als Kind dort spielte, ist alles verschwunden, was einmal anders war … Erst mit der Erinnerung, die lebendig wird mit den Schritten hier, lebt auch der Ort wieder auf und wird Ufer. Die Stille der sich fortwährend verändernden Welt ist zu hören, durch die Erinnerung hört die Stille der Welt auf zu schweigen.

Der Mistral trocknet die Wäsche auf der Terrasse in einer halben Stunde.

Nebenan wohnt die Orthophonistin.

Was wir nicht sind

Zwei weitere kurze Auszüge aus Richard Fords „Memoir“ „Between Them“, „Zwischen ihnen“, übersetzt von Frank Heibert: 1. „Dieser Aspekt der Beziehung zu unseren Eltern wird oft übersehen oder geringgeschätzt: Sie verknüpfen uns in unserem begrenzten Lebensrahmen mit etwas, das wir nicht sind; das sorgt für Nähe und Fremdheit zugleich und schafft ein fruchtbares Geheimnis – sodass wir auch umgeben von ihnen in gewisser Weise allein sind.“ 2. „Diese Lektion [wie andere Leute die eigene Mutter sehen – M.B.] lernt man natürlich am besten früh – niedlich, klein, schwarzhaarig, eins vierundsechzig –, weil das umfassende Kennenlernen unserer Eltern zu den größten Herausforderungen für uns alle gehört – vorausgesetzt, sie leben lang genug und es ist lohnenswert, sie kennenzulernen, und überhaupt physisch möglich. Je umfassender der Blick auf unsere Eltern ist – ein Blick, der letztlich einschließt, wie die Welt unsere Eltern sieht –, desto größer unsere Chancen, auch die Welt so zu sehen, wie sie ist.“

Ausflug in die Nekropole

„Ich betrachte dieses Heft, ich habe nur das Datum geschrieben, ich hebe den Kopf, ein Sperling schlägt am Himmel die Flügel, und voilà: Meine Seite ist geschrieben, der Vogel trägt gerade den ganzen Tag auf seinen Flügeln.“ Christian Bobin

Im Regal – dem „Sideboard“ – stehen sechs Geräte und blinken vor sich hin. Was ist ihre Aufgabe, ich meine: Was bedeuten sie? Was wollen die? Etwas wissen? Etwas mitteilen? Etwas vergessen oder vergessen machen? Etwas vermitteln oder unvermittelbar halten?

Seit vier Tagen schüttet es. Auf den Straßen keine Seele. Nur die Katze kommt frühmorgens, mittags und abends zu dir. Liegt auf deinem Schreibtisch vor dem grauen Garten, als würde sie sagen: „Schreib nicht, okay? Was soll das Ganze?“

Wunder geschehen – ich weiß es –, und mitunter sind sie elektrisch. Der Elektro-Installateur ist ein Amateur im besten Wortsinn: Er liebt, was er da tut. Für die Reparatur des Geschirrspülers will er kein Geld, auf keinen Fall. „Ich mache das für Sie“, sagt er, „ich mache das aber auch für mich, aus Neugier, als Herausforderung.“

In Marseille erkenne ich an den Hauswänden die alten Graffiti und Wandsprüche wieder, nicht die gleichen von vor 20 Jahren – Januar 1998 –, sondern dieselben. Auch in diese Stadt bin ich immer wieder zurückgekehrt – zufällig? Wohl kaum. Wie Frankfurt und Innsbruck ist Marseille eine der Hauptstädte in meinem poetischen Kosmos. Einige der besten Passagen aus „Ein langsamer Sturz“ nehmen in Marseille ihren Ausgang. In Marseille, im C.I.P.M., dem internationalen Poesiezentrum, einer der bedeutendsten Lyrikbibliotheken Europas, las ich im Sommer 1997 zum ersten Mal Gedichte von Ghérasim Luca und fing an, ihn zu übertragen. „Die verzweiflung hat drei paar beine …“ Die kürzeste Erzählung in meinem Band „Feuerland“ heißt „Tauchen“ und spielt in Marseille – sie ist ursprünglich ein ausgegliedertes Kapitel aus „Ein langsamer Sturz“, doch ich habe die Geschichte 15, 17 Jahre lang immer wieder bearbeitet und umgeschrieben. Ich war dafür immer wieder in Marseille, zumindest in meiner Vorstellung. Hier nahm mein Leben eine Wendung, die nicht abgefälscht werden konnte durch Geldverdienenmüssen und das Unheil der sogenannten Sachzwänge. In Marseille erfuhr ich im Januar 1998 vom Tod meiner Großmutter. Im Januar 2011 reiste ich mit einer Delegation des PEN nach Sanary-sur-Mer, um eine Plakette zur Erinnerung an deutschsprachige Exilautoren zu enthüllen, eine Reise, die auch nach Marseille führte, zu einer Lesung in einem Café am Alten Hafen. Ich sah im Panier, dem alten Korbmacherviertel, wo heute größtenteils Nordafrikaner leben und Künstler ihre Ateliers haben, die Straße wieder, in der meine Wohnung seinerzeit war. Marseille ist meine Nekropole. Fast alle Freunde, mit denen ich je dort war, sind keine Freunde mehr. (27.1.)

Fotos: Treppe zum Bahnhof Marseille-St. Charles (1), Bibliothek des Centre international de poésie Marseille (2), Rue du refuge, Marseille (3)

A so chli gsi

„Dass wir das Leben unserer Eltern nur unzureichend erfassen, sagt nichts über ihr Leben aus. Nur über unser eigenes. Es ist höchstens ein Ausdruck von Respekt, wenn man anerkennt, dass man nicht alles weiss, Kinder haben ohnehin einen verengten Blickwinkel auf alles, was sie umgibt. Das Nichtwissen hingegen, das blosse Spekulieren über das Leben eines anderen lässt diesem Leben die Freiheit, mehr zu sein, als es wirklich war“, so Richard Ford in seinem „Memoir“ vom Leben seiner Eltern, „Between Them“, „Zwischen ihnen“, übersetzt – immer wieder sehr glücklos – von Frank Heibert.

In der Nacht scharrt das Bergland ans Fenster, und du wachst auf und bist wieder Kind, verwandelt vom Regen. Am Morgen überall der Schnee auf den Feldern und in den Wäldern. (Looren, Zürcher Oberland, 17.1.)

„Drr Chella Gotfritt!“, ruft eine so kleine wie breite Schweizerin, als sie im Kunsthaus Zürich in den Saal platzt und ein Bildnis Gottfried Kellers erblickt. „Drr isch a so chli gsi!“ So klein sei der gewesen! Und die Beule von Frau zeigt auf ihren sich in den Raum stülpenden Bauchnabel.

Jacottets Gedichte gelesen, eingeschlafen über dem silbernen Leuchten des Zürichsees.

Noch einmal Ford, in seiner Vorbemerkung zu „Between Them“ notiert er: „Das Eindringen in die Vergangenheit aber ist in jedem Fall eine heikle Sache, weil die Erinnerung uns zu den Menschen machen will, die wir sind, und immer wieder halb daran scheitert.“

Am Leben, d. h. zu zweit

Große Begeisterung, und man umringt mich und strahlt mich an, als ich nach meinem allerersten Supermarkteinkauf fünf Bonuspunkte an dem vor sich hin bimmelnden Apparat am Ausgang gewinne. „Es funktioniert! Sie sind ein Glückspilz!“, ruft eine Frau guttural aus, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten hier einkauft. (Lenzburg, 9.1.)

„Sie berücksichtigen besser das dialektische Prinzip so einer Neonröhre“, sagt der Elektriker und schaltet das Licht an, aus, an, aus.

„Alles rückt näher zusammen. / Alles will miteinander sprechen.“ Christian Saalberg

Jeder weiß, hier ist nirgendwo.

Wie leben, ohne ab und zu dich zu versichern bei Neil Young, dass du noch am Leben bist, d.h. zu zweit? I’ve been first and last / looking how the time goes past / but I’m all alone at last / rolling home to you.

„Wenn ihr mich zu Gesicht bekommt, lasst es gut sein. Das bin nicht ich.“ Henri Michaux

Im Haus nebenan, bei Müllers, im Müllerhaus, ging Hermann Hesse ein und aus. Sehr großes, sehr gediegenes und feines Haus, fein im besten Sinn. Haus fast ganz aus Fenstern. Ich stelle mir Hesse vor, wie er hinaussieht, aufs Schloss oben am Hang. „Mal bissi gehen“, sagt er.

Drei Besichtigungen

Eigentlich, im Grunde genommen, ja in der Tat – en faite –, hast du nie zu denken gelernt. Du kannst nur lesen und schreiben – nur? Du liest – vergeblich – in den Gedanken anderer, du schreibst, um nicht denken zu müssen. Die Wörter, die Sätze, die Silben und ihre Klänge setzen sich, wie Sternbilder vor den leeren Raum, vor deine Gedanken – so scheint es, so scheinen sie. Und womöglich ist das – alles – ein Merkmal, ein Denkmal des Dichterischen. Hier würde das Denken beginnen, beginnen können.

Bleib eigen. Gestalte den Rand, das Ufer. Denn mit dem Strom schwimmen nur die toten Fische. (6.1.)

Besichtigung der Wohnung eines Verstorbenen – als schrittest du eine Viertelstunde lang durch dreieinhalb Zimmer im Jenseits. Alle Gegenstände sind nicht mehr ganz anwesend, wirken, als wollten sie unbedingt erzählen – nicht von ihnen, sondern ihrer Geschichte mit dem Menschen, der hier lebte und sie täglich in die Hand nahm –, ehe sie verschwinden müssen. Im Aufstellrahmen Fotografien von einer schönen Frau in einem schönen Licht, einer für immer anziehenden Toten, vorausgeschritten in die norddeutsche Unterwelt. Und in den Bücherregalen die wirklichen Landkarten, die Romane eines Lebens, Proust, Lawrence, Lowry, Fontane, Hemingway, Hammett. Der Sohn des Toten ist der eigentlich, der einzig Leblose: „Nehmen Sie alles mit“, sagt er tonlos, ohne Herz, mit kalter Visage. „Ich habe nicht vor, noch einmal herzukommen.“ Und mag der Tote auch ein Scheusal gewesen sein. Seine Habseligkeiten haben es mit ihm ausgehalten.

Wer hier liest

„Sind Augen Organe?“, fragt das Kind.

Um Totgeräusche auszuschließen, schneide er sehr leises, kaum hörbares Rauschen in die leeren Räume zwischen Sprechaufnahmen, sagt der Toningenieur. Todgeräusche. Der Todingenieur. (Winterhude, 20.12.)

„I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist
I’ve been working on the new Oliver Twist“ Destroyer, „Sky’s grey“

Zum Zwiebelschneiden setzt sie die Sonnenbrille auf.

Seit Monaten auf dem Nachbarbalkon die achtlos bei Wind und Regen liegengelassenen Pflanzen, die umgestürzten Kübel, die Erde, der schwarze Mulm. Manchmal treten sie heraus unter den Nachthimmel, die Mieter (die keine Bewohner sind), stoßen an mit Sekt (oder, uh, Prosecco), lachen, feixen, glotzen herüber (und ich strecke den Zeigefinger aus, hebe den Daumen und krümme den Zeigefinger), bevor sie wieder hineingehen zu ihrer nichtswürdigen Abendserie, ihrem schwarzen Mulm.

„Warum sich abgeben mit Leuten, die dich immer bloß traurig machen?“, fragt das Kind.

Wer hier liest, begibt sich auf Grasgebiet. Hier herrscht nichts und niemand, d. h. das grüne Gras. Hier mäht keiner den Rasen. Hier werden Rasenmäher in die Luft gesprengt. Wir wachsen, das Gras und ich, und liest wer hier herum, so muss er mit, so muss er mitwachsen. Lass, Grasleser, Deinen Dünkel, der bloß Angst vor dem Nichtverstehen, d. h. vor dem Unbekannten, d. h. vor dem Sterben ist. Hier trabt das Gras. Hier ist der Hass zu Ende. You are leaving the prejudice sector. Alles wird grün, allem wird grün vor Augen. Wir wehen im Wind, und der ist Atem, wessen auch immer. (3.1.2018)

Meine Saturn-Anrufe

„Code Is Poetry“ – der Slogan eines der wichtigsten Web-Providers (oder so) macht deutlich, wie vereinnahmt (die) Poesie bereits ist. Gibt es poetische Strukturen, die dem Zugriff durch die massenabhängigen Medien standhalten?

Dein eigentlicher Job: Beobachtung der Gerechtigkeitsgrenze. Im Ernst?

Nein. Aber „redundant“ ist eine prachtvolle Berufsbezeichnung! „Und Sie, was machen Sie so?“ – „Ich bin redundant.“ Oder für die Schnittigeren unter uns, die ja eher häufiger denn seltener werden: „Ich bin Redundant, versteht sich, Oberredundant!“

Der Freund sagt am Telefon, es gebe einen Hund dort in diesem Haus, der sei wie er.

Christian Saalberg nannte sich so nach seinem Lieblingsort in der Kindheit, dem niederschlesischen Saalberg, heute Zachełmie im westpolnischen Jelenia Góra. In seinem frühen Gedicht „Saalberger Sommer“ beschreibt Saalberg den Ort, lädt ihn sinnlich auf, verpuppt ihn in den Fäden seiner Erinnerung. Die vierte (und in der überarbeiteten Fassung letzte) Strophe des Gedichts schließt:

Hinter Wall und Staketen nistet
Unberührbar der Sommer, meine Geliebte,
Hütet mein Wort das Schweigen ein.
Weiß und immergrün steht das Haus,
Gesäumt von der strömenden Zeit,
Gelassen auf blättrigem Grund.
Saalberg. Das soll dein Name sein.

Wohlgemerkt, es ist nicht der Dichter, der sich selbst hier anspricht und seinem poetischen Ich den Namen des geliebten Ortes zuweist – vielmehr erhält der Ort den Namen, ganz so, als hätte er zuvor anders geheißen oder irgendwie heißen können. Dennoch – und hierin besteht Saalbergs hohe Kunst, die er über die folgenden Jahrzehnte immer weiter verfeinert – rücken Ort und Kind, Erinnertes und Dichter hier merklich zusammen. Die poetische Parabel biegt sich der Welt zu. – Benannt nach dem Lieblingsort in der Kindheit, wie würde dann ich heißen?

„Die Anerkennung meines Tuns, ein erstarrter See“, sagt der Freund.

Tel.nr. v. Saturn: 0221-22243123.

Reste von Licht

Nach 37 Jahren wurden heute die stillstehenden Triebwerke der in die Weite des Alls hineinfliegenden Raumsonde Voyager 1 erstmals wieder gezündet. 1980. Ich war 15. Zwei Wochen zuvor hatte ich meinem Vater ins Gesicht gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Im Jahr darauf verließ der Tyrann mein Leben und überließ mich den Scherben meines Gemüts. Ich fing an zu schreiben. Ich fing an zu lieben. Ich fing an zu rauchen. Die 37 Jahre alte Software an Bord der Voyager soll tadellos funktioniert haben. Die Dunkelheit, die Stille, in die man hineinfliegt. So ist die Zeit. So bin ich. So bist du. (4.12.2017)

Eine neue Steuernummer. Im Brief des Finanzamts wird mir auch die Bezeichnung meines Betriebs mitgeteilt: Selbst. Journal. Pressefot. Richtig muss sie lauten: Selbst. Gras. Irrt.

Morgen in Kiel. Mit dem Blick auf die Förde aufgewacht, und da kam tatsächlich gerade der große Dampfer des Lichts hereingefahren.

„Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte deiner Seele.“ Franz Kafka

Und noch mal Kafka: „Nichts davon, quer durch die Worte kommen Reste von Licht.“

Manche, ja viele Erwachsene, Männer und Frauen, schaukeln, rollen, wackeln dahin wie kleine Kinder, die erst vor vielleicht Wochen oder wenigen Monaten laufen gelernt haben. Manche, nein viele Kinder gehen, schreiten dagegen vermeintlichen Erwachsenen ähnlich, hoch erhoben, den Rücken durchgedrückt, gravitätisch, Kraniche, Mischlinge aus Kran und Ich. Alle sind wir immer Kinder. Bleiben es immer. Tun alles, damit es unbemerkt bleibt, und scheitern darin minütlich. (8.12.)

Die gestohlenen Stunden

„Gestohlene Stunden“, sagt ein junger Maler (Handwerker) zu einem älteren in der U-Bahn. „Sie vergessen, dir deine Stunden aufzuschreiben, manchmal absichtlich.“ Die Poesie zieht sich zurück in die Gespräche der sogenannten einfachen Leute. Gespräche finden in sogenannten Intelektuellenkreisen gar nicht mehr statt. Schriftstellerunterhaltung heißt: Unmittelbarer Austausch Fehlanzeige. Wie das Telefonieren verlorengeht nach dem Briefeschrieben, indem wir einander (eigentlich aber uns selbst) Sprachnachrichten schicken (vorsprechen), geht der innige Austausch kaputt und verliert sich. „Gestern bin ich wieder allein rauchen gewesen“, sagt der junge Maler. „Ich stand an der Hecke. Kennst du ja.“ – „Allein, an der Hecke?“, fragt der ältere nach. Er schüttelt den Kopf. „Ja. War ein guter Moment. Aber mich ärgern die gestohlenen Stunden.“ (Berlin-Zehlendorf, 24.11.)

Der überall sein Rad mit hinnimmt – er hat Angst, nicht schnell genug wegkommen zu können. Er hat Angst vor dem Feuer, dem Lebensfeuer.

Auf dem Bahnsteig kommt dir der frühere Großstadtbürgermeister entgegen – an dessen Frau du gerade dachtest. Er wirkt wie ein weißer, alter, ein welker Schatten. So wie sie auf dem Podium, das greise Mädchen, die Erfolgsdichterin.

Reiß dir alle Wimpern aus. Wünsch dir, was zu wünschen ist. Es ändert nichts, es ändert nichts. Nur deine Augen werden frieren.

Auf der Straße zwischen den Mietblöcken streiten sich lautstark – und schubsen und rempeln einander – ein Paketkurier und ein Mieter, beide auf Arabisch.

Im Laden an der Ecke, erster Frostmorgen. Ein alter Herr, offenbar Witwer, erzählt mir vom Winter ’46, zwischen den „stockwerkhohen Trümmerhügeln“. (Eppendorf, 2.12.)

Traum, ich wäre ein wilder Hund und lebe in den Hügeln über einer Metropole. Wie der Lärm am frühen Morgen in die Bäume heraufzieht, gefolgt vom Qualm des Smog. Gestalte deinen Tag. Nie vergessen, welche Freiheit diese Freiheit bedeutet.

Foto: Alec Soth, „Dog Days Bogotá“, 2007

Grüne Kräne

Fenster auf Dunkles, die Stadt dort,
weihnachtlich beleuchtete Kräne – Zimmer
mit Ausblick aufs Jenseits. Im Park sieben
Stockwerke tiefer liegt der alte Stutt-
garter Friedhof, aber du fliegst da
nicht hinunter, gehst noch nicht
durch die Luft, und pfeift auch noch
so lockend ein tödlicher Adventwind. Du bist
noch ganz von der Welt umgeben. Die Kräne schwenken
grün durchs Dunkel, sie sind Wolkenkuckucke, sie
kokettieren wie Lilith mit dem Teufel. Last-
brennnesseln, die du fassen zu können
glaubst, indem man sie beherzt
packt, ohne Furcht.

Anmerkungen zur Ungerechtigkeit

Jonquillen kamen verhältnismäßig früh in die Gartenkultur, lese ich. Als Gartenflüchtling ist die Jonquille verwildert und bildet in Südfrankreich, Italien und Dalmatien – wer kann ihr das verdenken – wilde Populationen. Jonquillen, eine südeuropäische Narzissenart. Helmut Scheffel übersetzt ein schönes Wort in Claude Simons Roman „Die Schlacht bei Pharsalos“ so: „… jonquillengelb färbt sich der Dunst des Himmels.“

Welches Befremden in dem morgendlichen U-Bahnwagen, als das Mädchen am Fenster (vor dem Licht steht) lauthals singt. Ja, welches, welches Befremden, deines, unser, euer? Bist du überhaupt imstande, überhaupt befugt, so etwas zu mutmaßen? Vertrau(st) du deinem Gespür (?)! (Barmbek, 6.11.)

Ausgebootet. Die Hawkins-Bande meutert und übernimmt deinen Segler. Sie setzen dich in die alte Schaluppe. Und jetzt, was tun? Rudere ihr nach, solange du kannst, bleib ansprechbar, bleib in Rufweite. Viva, Hispaniola!

Erstes weißes Licht. There he goes again. Wilder Winter. Wieder Winter. Widerwinter.

Zwei Krebsleiden muss jede Liebe überleben: Ironie und Antizipieren.

Der Dichter, der mit seiner Familie auf dem Land wohnt und in der Stadt ein kleines Pflegedienstunternehmen leitet, das er selbst gegründet hat und von dem sie alle leben, er ist am Abend, bevor er wie üblich den Zug nahm, in dem er für gewöhnlich weiterschreibt an einem Gedicht, in seinem Büro überfallen und verletzt worden, sodass er operiert werden muss. Was sagt das aus, sagt es etwas aus über die Ungerechtigkeit? Oder die Barmherzigkeit? Gar nichts? Was würde dann überhaupt etwas aussagen? (Barmbek, 16.11.)

„,Mit jemand wie dir ist kein Staat zu machen.’ – ,Das will ich auch hoffen.’“ Peter Handke

„Das Erinnerungsvermögen des Eises“, sagt der Glaziologe. (Innsbruck, 20.11.)

Wenn ein jeder dir ungerecht gegen dich erscheint, zieh in Erwägung, dass dein Gerechtigkeitssinn dich trügt. Immerhin gut möglich, dass in Wahrheit du es bist, der gegen dich ungerecht ist. (Nein.) (Doch.) (Nein!) (Doch.)

Unterwegs unter den Bäumen

Berlin, im Sargzimmer. Nur erfolglose Vertreter und mediokre Autoren werden so untergebracht, zumindest in Berlin. Hauptstadt? Nicht die meine. Meine Hauptstadt ist eine unsichtbare, umso hörbarere dafür. Dort rauschen die Bäume, braust der Regen, sind die Tiere freie Bürger, ist der verkappte Selbsthass unbekannt. In dem Sargzimmer der deutschen Hauptstadt weißt du, dass du nicht besser bist als ein ausrangierter Güterwaggon, abgestellt an einem grauen Feldrand an der polnischen Grenze oder tief in Belgien irgendwo. Niemandszüge rattern vorüber, und einer wird kommen, dich anzukoppeln, in zwei, drei Jahren. Horch! Du lauschst. Von Wand zu Wand sind es anderthalb Meter. (Charlottenburg, 19.10.)

„Jedes Tagebuch“, sagt das Kind, „besteht aus Briefen, die unbeantwortet bleiben.“

Bitte achten Sie darauf, dass sich auf Ihrer Kleidung keine Schmetterlinge befinden.

„Wirr sind das Volk! Wir sinnt das Volk!“

Das Problem des Fränkischen ist das Fränkische. Eine außerfränkische Welt scheint es von Franken aus betrachtet lediglich in Form von etwaig zu beliefernden Betrieben zu geben. Mirr sinn mirr. Über die außerhalb Frankens bestimmt irgendwo liegende Außenwelt wird das fränkische, das frängische Schweigen gebreitet. (Nürremberg, 25.10.)

Jede Nacht zwischen halb vier und halb fünf wachte er auf und trat ans Fenster, und stets war er da auch dort draußen auf der Straße unterwegs, als Hund vielleicht, oder er schwankte als welkende Stockrose an einem Zaun durch das Dunkel. Er lag im Bett. Er schlief und war zugleich unterwegs unter den Bäumen. Er stand im Zimmer am Fenster, war ruhelos und lief so müde wie unermüdlich zugleich durch die Straßen, ob in seiner Stadt oder einer anderen.