Das Gespräch

Sonntagnachmittag, es wird und wird nicht Abend: Die Welt hat Zeit, und sie fragt und erzählt sich. Unterwegs zu den schon wieder unruhigen Müttern sind die Wochenendväter mit den Kleinen: „Warum eigentlich sagt die Stimme der U-Bahn das von der Sperrung immer wieder? Es wissen doch schon alle.“ – „Damit du es auswendig lernen kannst.“

„Unfüßig“, sagt meine Jüngste, unfüßig habe sie sich heute den ganzen Tag lang gefühlt. Ja – unfüßig, so fühle ich mich oft – wie du! (6. August, einen Monat vor dem Abflug nach China)

Du musst das Gespräch suchen – daran tust du gut. Such das Gespräch: auf der Straße, in der Bahn, in der Schlange vor dem Kontoauszugsdrucker. Wo immer wenigstens Zwei miteinander reden, da hör wenigstens zu. Vor allem (allen) such das Gespräch bei dir: Es ist da, fast immer, und will sich kundtun. Wem?

Dahinschlüpfender

Gestern, im strömenden Regen, der Fährmann auf seinem Boot über die Schlei. Zum morgigen Wetter befragt, blickt er in den grauen Himmel, der Regen prasselt ihm ins Gesicht, und er sagt fragend: „Wie soll es sein?“ (3. August, Missunde)

Im Schleswiger Ortsteil Holm die runde Siedlung, die aber keinen Marktplatz umschließt, sondern den Friedhof. Die Holmer Toten werden nicht vergessen. Fenster blicken auf Gräber, das Gras der Vorgärten ist das Gras der Grabumfriedungen. Nachbarn rufen von Tür zu Tür über den Friedhof, und manchmal antwortet ein Toter.

Ein wundersamer Fleck am silbernen, unwirklich glattgestrichenen Fjord: Haithabu im Dauerregen. Hugin und Munin, die beiden Raben auf Odins Schultern: Gedanke und Erinnerung, die dem Gott jeden Morgen die Neuigkeiten über die Welt in die Ohren krächzen. Ein seltsamer Gott, dieser tierverständige, so menschlich anmutende Odin mit seinen ihm um die Beine schnürenden zwei Wölfen Geri und Freki, Gierig und Gefräßig. Märchenhaft, zum Weinen schön, sein achtbeiniges Ross Sleipner, der Dahinschlüpfende, auf dem Odin durch den Himmel, durchs Meer und zu den Toten reitet. Vier Beine scheinen zu galoppieren und vier zu bremsen. Oder zeigen Abbildungen Sleipners nur, was das ist: Galopp, schnelle Bewegung, Tempo?

Drei Totenreiche kennt Sleipner und malten die Wikinger sich aus: Hel für die von Krankheit Dahingerafften, Ran auf dem Grund des Meeres für die Ertrunkenen, Walhall für die Erschlagenen – keine dieser Unterwelten ist ein Inferno, eine Hölle oder ein Straflager. Welche Musik sie wohl hörten in Haithabu, in Heddeby? (4.8.12)

Foto: Bildstein von Lärbro, Tjängvide, Gotland (Ausschnitt) © Museum Haithabu

Auf der Lichtschwelle

Zwischen den Häusern, den Villen am Elbhang, der schmale silberne Abschnitt des meerwärts fließenden Stroms – seine unfassliche Ruhe. Niemals mein „Nur weg, nur weg!“, immer bloß sein gleichmütiges „Weiter, weiter“ – im Hintergrund das Gebelfer der chinesischen Generalkonsulatsangestellten, Abteilung Visumsangelegenheiten (31. Juli, fünf Wochen bis zum Flug nach Shanghai).

Gestern, der abgestorbene Baum, knorrige vertrocknete Eiche, eine Handvoll gelber Vorjahresblätter hoch droben im ansonsten kahlen Geäst: der vorübergehende Tod! „Diesen Sommer“, dachte ich, „lässt sie vorbeigehen. Sie macht eine Pause, setzt ein Jahr lang aus. In ihrem Alter eine leichte Übung, die Weisheit, die Besonnenheit.“ (Augustbeginn im Hamburger Jenischpark, wieder der Blick, diesmal zwischen den alten Bäumen hindurch, aufs silberne Band der Elbe)

Durch die Gänge und Flure, vorbei an den Warte- und den Schwesternzimmern zu eilen, hinaus ins Freie, ans Licht und in die Luft – wie herrlich und zugleich schauderhaft. Jedes Krankenhaus, ja jede Arztpraxis ist eine Abteilung der Unterwelt. Selten im Alltag fühlst du das Orphische so deutlich wie auf der Lichtschwelle, dem Siechen vorübergehend entronnen (St. Georg, am 2. August, die rasselnden Zitterpappeln zwischen Haus A und Haus M).

Regale

Am Grab seiner Urgroßmutter fragt mein Sohn, ob er demnach auch zum Teil Sachse sei. Im Nachbargrab liegt ein in Smyrna geborener Toter, und ein Großvater meines Sohnes lebt heute wieder in einem Städtchen bei Izmir, dem alten Smyrna. Auf dem Weg zum Ausgang dauert es keine Minute, bis wir an einem Grabstein mit hugenottischem Namen vorbeikommen. Vor der Kirche, schlafend, mit seinen schönen wachen Ohren, ein Totenhund (Aumühle, 28. Juli 2012).

Öffne das einzige Fenster. Die Sonne scheint. Sobald du beginnst, die Gedichtbände aus den Regalen zu räumen, fängt es an zu regnen. Es regnet von rechts oben nach links unten am Fenster vorbei, dann von links oben nach rechts unten, weiter von gerade oben nach gerade unten, und schließlich regnet es von links und rechts unten aufwärts und kreuz und quer vorbei an dem einzigen Fenster, während draußen die Sonne scheint und du die Zeit vergisst und den Rest des Tages (29. Juli) in den Gedichten von Li Bai liest.

„In welchem Käfig man auch sitzt, man muss ihn verlassen“, sagt John Cage, dessen Name Sie dabei nicht außer Acht lassen sollten, geneigter Übersetzer.

Im Nu

Überall überraschend, immer wieder, taucht von einem zum anderen Augenblick, im Nu, ein Gesicht vor dir auf, und in das fällst du dann wie hinein. Warum, ausgerechnet, absichtslos, gerade in dieses? Das Geschlecht – gleichgültig. Es sind immer die Augen. Es ist immer Geschichte: Es geschieht, weil du darauf hoffst, weil es allein das ist, worauf du setzt: Durchbruch. Wohin: woher hinaus? Du fällst durch das fremde Gesicht aus der Unwirklichkeit (Redaktion, Hamburg, im Dreitagesommer, 26. Juli).

Kindheitsgeruch: Nagellackentferner. Die Fingerbewegungen meiner Mutter. Die Nägel, wie zehn rote Augen, die mich fragen, ob sie wohlgeraten sind. Die Watte, die Bäusche auf dem Tisch. Der Glastisch, der heute, hier, genauso wie dort, vor vierzig Jahren, im durch die Fenster hereinfallenden Licht des Wohnzimmers steht, neunhundert Kilometer entfernt.

Abend eines Hitzetags: Der schwitzende Bestattungsunternehmer steht vor dem Kellereingang. Für einen Augenblick hält er in der Tür inne und denkt nach, stirbt in Gedanken und schiebt dann rasch, ehe das Gewitter kommt, sein Fahrrad hinein.

„Wenn alles nichts hilft“, sagte gestern (28. Juli) der Arzt zu mir, „lasse ich meinen Zertrümmerer auf Sie los“ – und er meinte es gut, sogar gütig, und so verstand ich es auch, und doch ganz anders.

Weiter, weiter, leben, leben

Der verspätete Sommer, so spät dies Jahr, dass selbst der irr(ig)e Anspruch auf den Gesichtern: Wo bleibt er, mein Sommer? Ich hab mir die Wärme, die Sonne verdient! – vom Regen weggewaschen scheint … und jeder will wieder leben, lebt auf (Hamburg, Elbe, endlich, unterm rosig hellblauen Abendhimmel des 23. Juli).

Seltsam, seltsam bewegend, heute (heller heißer Sommertag am Alsterlauf) der junge Kerl vor dem Supermarkt, sein schwarzes Shirt mit dem Aufdruck: Weiter, weiter / Ins Verderben, / Leben, leben, / Bis wir sterben – seltsam der auf dem Rücken durch die Welt getragene Fatalismus Büchners, seltsam das Wir (um des Reimes willen?), seltsam das freiwillig Moribunde, das Morituri te salutant. Ich ging durchs Licht, ich ging vorbei und dachte (summte stumm): Weiter, weiter / Trotz Verderben, / Leben, leben, / Nur nicht sterben!

Was heißt „über seine Verhältnisse leben“? Und was „die Ruhe bewahren“? Die Stille bewahren kannst du nicht, aber die Ruhe, die Muße (selbst, gerade, im Lärmen des Fuhlsbütteler Sommerabendverkehrs). Verlier die Muße, und du fällst aus den Bezügen, den Beziehungen. Ruhelos, lebst du über deine Verhältnisse, ruhig wirst du darin.

Rätsel, Rosette

Ein Traum von Peter Handke: Ich sollte eine Nacht lang im Heuschober mit ihm übernachten und, in ein altes Tonbandgerät, flüsternd meine Beobachtungen sprechen (Obernai, Hotel „Le Gouverneur“, 21. Juli, der Innenhof, in dem früher die Pferde standen).

Auf dem Mont St. Odile die Heidenmauer, eine auf und ab laufende, kilometerlange Vergeblichkeit – und die Männer, die Pferde, Esel, die sich hier im Hochwald zu Tode geschuftet haben müssen, wofür? Um aufzufahren in ein abgeschmacktes Bild von Himmel? Wann war das, und wer waren sie? Rätsel, die keine Rolle spielen vor der in die Mauern des Odilienbergs geritzten Schrift: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn was früher war, das ist vergangen.

Wieder der alte Gedanke beim Anblick der leuchtenden Rosette im Straßburger Münster: Nimm alles ernst, ausgenommen nicht das Geringste, nur dich selbst. Dich achte, immer, gerade weil du nicht immer alles Andere achten kannst (die Rosette, la rosace, ihre farbigen Strahlen, Blüten, Blätter, die pupillengleich ausgesparte Mitte: ein BILD für das schöne Auge (des) Gottes?).

Jahrhunderte lang muss es im Münster den Beruf des Namenssteinmetzes gegeben haben: In teils kunstvoller Schrift sind in die roten Mauersteine der Wände hoch oben über der Aussichtsplattform die (Nach-)Namen derer gemeißelt, die im 17., 18. und 19. Jahrhundert den Turm der Kathedrale bestiegen und die Nachwelt das wissen lassen wollten. Goethes Name steht unter der Jahreszahl 1780, Schillers schmucklos und allein, Lavaters ist zu zwei Dritteln („Lav“) herausgebrochen. Darunter, dünn und falsch: LENTZ – (elbwärts, 22.7.).

Foto © Sabine Bonné

Ohne zuzustoßen

Ein Traum von Jakob Lenz. Oberlin fertigt in seinem Arbeitszimmer einen Scherenschnitt von ihm an, den Lenz bestaunt und bewundert. „Ja, das bin ich!“ Insgeheim aber denkt er über das Bildnis, dass es völlig missraten sei, es ähnelt ihm kein Stück, zu plump, zu unförmig ist er unter Oberlins Hand geraten. Fortan aber, seltsam, hält er sich auch selber für unförmig, plump: Er ähnelt sich nicht mehr. (In Obernai, am Tag nach der Wanderung durchs Steintal)

Der Mirabellenbaum voller reifer Früchte gestern, mitten in einem Weinberg am Stadtkernrand. Als ich einige der gelben Früchte pflückte und aß, empörten sich nur die Drosseln (20. Juli).

Abends das Chorkonzert in der Église St. Michel von Wisches: Eine junge Blinde stand in der Mitte, und ihre Freude beim Singen von Ravel und Poulenc war nicht allein hörbar und fühlbar, sondern auch sichtbar (– der riesenhafte Erzengel über dem Altar, der dem Satansboten den harpunenartigen Pfeil an die schwarze Gurgel hält … ohne zuzustoßen).

Unter freiem Himmel

Gestern (18. Juli), im Steintal, die kleinen, sehr einfachen Dorfkirchen der ehemaligen Pfarrei Oberlins: in Fouday wie in Waldersbach der mächtige gusseiserne Ofen in der Mitte des Kirchenschiffs (Kirchenfloßes), zentral zwischen Altar und Gemeinde, walfängerkapellengleich. Gegabelt, auf Umwegen verläuft das Ofenrohr durch den nach Holz und Holzkohle riechenden Raum, um seine Wärme abzugeben. In Waldersbach erhielt ich den Kirchenschlüssel, stieg auf die Kanzel, von der Lenz vor 234 Jahren predigte … und stand stumm dort oben vor der fleckigen Wand auf Augenhöhe mit der Orgel und der Empore voller leerer Bankreihen mit derselben von den Beinen hebenden Furcht wie vor einer Lesung unter freiem Himmel.

Bilderlose Räume: in Fouday einzig ein Gemälde Jesu auf dem Kreuzweg, das Kreuz unsichtbar, unnötig. In Waldersbach fehlt sogar das – dort hängt, in einer dunklen Nische, nur ein Bildnis Oberlins.

Foto: Dorffriedhof von Belmont, Ban de la Roche. © Sabine Bonné

Der Wald im Schloss

Für Oberlin, den Sammler, den Kartografen, den Mineralogen, Geologen, Lehrer, Reformer, den Gottesmann, Pastor, Zeichner, Beurteiler, Prediger, den Gelehrten, den Universalgelehrten, der von sich doch fragte: „Moi? Qui?“ – zwei Wörter, zu denen Goethe nie in der Lage gewesen wäre –, für „Papa Oberlin“, wie man ihn im Steintal nannte und noch immer nennt, war so einer wie Lenz lediglich Casus, ein Fall, eine Marginalie und absonderliche Randfigur. Was immer der Sucher Oberlin suchte – ein Mensch, Lenz war es nicht (18. Juli, im Musée Oberlin, Waldersbach).

Saugend, zwischen den Lippen, weißt du mit einem Mal wieder, was das ist: ein Strohhalm! – Sommerschönes Steintal, „elsässisches Sibirien“, voller wilder Gräser … da schwirrte ein großer, ganz roter Vogel durch einen Streifen Licht, einen Lichtstreif am Waldrand – „Da! Eine Drossel?“ Ja: eine rote Drossel.

Auch die Wegmarken der Wanderer – Sprache. Hilft weiter, lässt zweifeln, macht reicher: rote Raute, gelber Kreis, blaues Viereck. Dort entlang! „Der Wanderer“ sagte meine Großmutter liebevoll zum Auto ihres Vaters, „unser Wanderer!“

Das Schloss im Wald, es war nicht mehr (und nicht weniger) vorstellbar als der Wald im Schloss.

Karte und Brief

Noch immer in dem Berggasthof von Natzwiller in den Vogesen: Traum von dem Ballon, den ich als Achtjähriger losschickte auf die Reise, versehen mit einer handgeschriebenen Karte – den ich mir vorstellte, wochenlang, auf seinem Flug über die Alpen, das Riesengebirge gen Osten, Rosenheim, Wien, Prag, allein in den Wolken und im blauen Himmel, bestaunt von den ziehenden Vögeln. Eines Tages kam die Nachricht, dass er bis nach Böhmen getrieben war, der weiteste der ganzen Schule (Marienstein) – und ich erhielt als Gewinn ein Kugelschreiberset, mit dem ich nie ein Wort schrieb.

Das Dorfmädchen, das jeden Spätnachmittag auf der Brücke über die Serva sitzt und so laut jammert, dass jeder in der Nachbarschaft die Fenster schließt – sie hält einen Schreibblock auf den Knien, sie kaut auf dem Stift, sie rauft sich das Haar, um dann erneut ihr markerschütterndes Wimmern hören zu lassen. Was fehlt ihr? Sicher, sie ist, auf ihre Weise, behindert. Aber was hindert mich, zu ihr zu gehen, mich zu ihr auf die Serva zu setzen? Mein grenzenloses Erstaunen, als ich heute Abend begriff, dass sie nicht jammert, sondern singt, verzweifelt, weil ihr das eine Lied nicht gelingt – ehe die Freude sie neu überkommt, da draußen zu sitzen, in der Dorfmitte, auf der Brücke über dem rauschenden Bach, und alles, was ihr durch den Sinn geht, aufzuschreiben – (Natzwiller, 17. Juli). „Sing bitte weiter …“

Nevada

Was machte Lenz, was ging in ihm vor, während er so, vor 234 Wintern, von Waldersbach hinauf nach Bellefosse, von Belmont hinab nach Fouday und vorbei an Le Trouchy dem noch immer halb zugefrorenen Chirgoutte-Bächlein folgend zurück hinauf nach Waldersbach stapfte? Denn zu Fuß, mit verstauchtem Knöchel über die halb verschneiten, halb schlammigen Wege und Eselspfade zwischen den Weilern im Steintal, dauerte es Stunden. „Du bist im Land unterm Schnee“, dachte er vielleicht. „Find Dir dafür einen Namen! Nenn es, wie es ist, schneebedeckt, nenn es Nevada …“

Im Hochwald überm Tal der Hasel irrte ich stundenweit durch Verhaue aus Brennnesseln, schulterhohem Gras, Ginster, Wildem Thymian. Verfolgt von Bremsen, dachte ich mich weg aus dem verfluchten Wald, durch den die Sonne stach, und ein wundervolles Erlebnis, ein Wunder fiel mir wieder ein: wie ich, im Glutsommer vor 22 Jahren, mit den zwei sorglosen schwarzen Hunden durch die Heide rannte wie durch die Wüste von Nevada, verfolgt von Bremsen, atemloser, zorniger mit jeder Minute unter den nichts, nicht mal Schatten spendenden Bäumen. Allein auf den flirrenden Feldern irrte ich dahin, und mit einem Mal segelten Schwalben, ein ganzer Schwarm Schwalben segelte aus dem Himmel und fing die Plagegeister weg mit jubilierendem, mir zujubelndem Zwitschern (17. Juli 1990, nein 2012).

An der Serva

Giftige Wegelagerer – eine Bande aus Fingerhut. Wo über Natzwiller der Wald ansteigt und die Vogesen zum Hochwald werden, warten zu beiden Seiten des Gebirgsbachs die getüpfelt rosa maskierten Banditen. Alle Blütenkelche haben sie zur von den Wasserfällen herabrauschenden Serva hin weit geöffnet. So wie ich scheinen sie zu lauschen auf das Prasseln des klaren, immer klareren Wassers. Doch sie, die Fingerhütlinge, schwanken nur leicht, während ich hinunter zum Bach gehen und von dem Wasser kosten kann: Es schmeckt nach Rost, der roten Erde, dem dunklen Wald, nach Gras.

In einem Garten neben einem Traktorenschuppen stand dunkelgrün im plötzlich sommerschönen Tag eine Staude voller schwarzer Johannisbeeren, und unweit von ihr, in einem kaum mannshohen und kahlgefressenen Birnbaum, das genaue (nicht aber exakte) Abbild der Beerenpracht: ein Schwarm Spatzen schwirrte da auf, nur nicht wind-, sondern flügelbewegt, beschwingt (Natzwiller, Vallée de la Rothaine, 16. Juli).

Die Dummheit, die Gedanken- und Fühllosigkeit, sie ist immer da, tu doch nicht so! Sie ist so nah – immer Teil von dir. „Haslach“, dachte ich, wie seltsam, aus Hausach bei Haslach im Kinzigtal zu kommen, hierher-hinüber in die Vogesen zu fahren und auch an der durch die Berge rauschenden Hasel ein Ober- und Nieder-, schließlich ein Haslach zu finden.
In Haslach an der Kinzig, lese ich, stand eines der berüchtigsten Außenlager des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Tausende Häftlinge wurden im Winter 1944/45 von Natzwiller an der Serva nach Haslach an der Kinzig getrieben, um sich dort zu Tode zu schuften. In Natzwiller hatten sie für Speers geplante Monumentalbauten roten Granit abzubauen, der rötliche Stein, die rotbraune Erde, überall in den Wäldern, 600, 800 m über dem Meer, fielen sie mir ins Auge. Und das leuchtend grüne Gras. An „Le Struthof“ fuhr ich ein dutzend Mal vorbei, fast in Rufweite liegt es von Natzwiller – und hatte keinmal den Impuls, herauszufinden, warum alle die Schilder in den höher gelegenen Nachbarort weisen.

Wäre ich denn, entscheidende Frage, hingefahren, wenn ich von der Gedenkstätte gewusst hätte? Ich hätte geschwankt – und es dabei wohl bewenden lassen. Dabei hätte ich mir doch auch dort das Gras ansehen können, das leuchtend grüne Gras von Natzweiler-Struthof, von dem ich lese: „Ein Häftling grub während der Arbeit im Steinbruch unbemerkt ein Loch in die Erde und bedeckte sich mit Gras, um nicht gesehen zu werden. Nachdem die anderen Häftlinge am Abend ins Lager zurück mussten, blieb er die ganze Nacht über in seinem Versteck. Tatsächlich war er der Flucht sehr nahe, denn am nächsten Morgen war noch nichts aufgefallen. Beim Morgenappell aber fehlte der Mann und wurden Suchhunde eingesetzt“ …

Es handele sich, sagt W.G. Sebald in einem seiner letzten Gespräche, „um eine dieser Koinzidenzen, an denen einem schlagartig aufgeht, daß alles mit allem zusammenhängt und daß man sich deshalb um die Dinge kümmern muß.“ Es sei, so Sebald, „ein riesiges Netzwerk des Schmerzes, das nach wie vor seine Auswirkungen hat.“

Schwarze Petunien

Schwarze Petunien, schwarz im strömenden Regen und schwarz im durch die Wolken brechenden Licht, in dem die Hecken als überschirmt, überdacht von Spinnennetzen dastehen (Klingenthal, am Fuß des Champs du Feu in den Vogesen, 15. Juli, auf dem Gipfel die verwahrloste Turmruine im Nebeldunst)

Zeilen, Pferde, Flöße, Namen

Eingeritzt ins Gebälk des Aussichtsturms weit droben überm Tal: JUPITERIAN (neben dem üblichen, dem irdischen Gekritzel vom Hiergewesensein)

Ein fliegender Zweispänner, nur Rappen, stakst durch das Gras: vier Raben.

Imaginationen transportieren Sätze (und umgekehrt), Verse auf dem Kinds-Ich – so wie seinerzeit, flussabwärts, die Flößer Baumstämme (und umgekehrt) auf der Kinzig?

„Am Turm“, „Am Hang“, „Am Bach“, „Im Gras“ – Straßen (noch immer im Kinds-Ich-Tal: am Wir, am Du, am Ich, am Werk; Hausach, 14. Juli)

Brel in Hausach

Glocken (Schallen), Kinder (Rufen), Hunde (Bellen), Bäume (Rauschen) – das Tal Kindheit! Brel sagt richtig (über Belgien), die Kindheit sei kein Zeitabschnitt, sondern ein Ort (Burg Husen – wie Hausach einmal hieß -, unterm Farrenkopf, mit Blick auf das Städtchen, junge Rotmilane kletternd im Gemäuer, Bilder von Belgien kletternd durch die Gedanken, 13.7.12).

An der Kinzig

Über dem Gras an der durch das Nieseln brausenden Kinzig die schwirrend rüttelnde Bachstelze, badischer Kolibri – und in einer offenstehenden Garage voller der Größe nach an der Wand aufgehängter Schraubenschlüssel eine Perserkatze schlafend auf dem Estrich, Badenpuma (Hausach, 13. Juli).

Überraschender Halt

Die Bahnhofshalle aus Stahl und Glas stand im Nebel. Rings sah ich nichts als Gras, graugrüne Ebenen, die sich im Dunst verloren und in denen sich ebenso die Gleise verloren. Rief die Lautsprecherstimme „Karlsruhe Hauptbahnhof!”, so klang es verhallend, als riefe sie „Grasruhe glaubt man noch!”, und immer wieder hieß es, für mich irritierend, war ich doch fast der Einzige in dem ganzen Grasbahnhof: „Überraschende Abfahrt nach Stuttgart!”, „Überraschende Umsteigemöglichkeit in Offenburg!” (Karlsruhe, 11. Juli, nach 500 Kilometern Fahrt durch Regen)

Noch ein Paar, und wieder die Ruhe

Beide sind sie über achtzig, sie gleichen einander, mit weißem Haar, dem weißen Hemd, der weißen Bluse, wie Zwillinge sitzen sie neben-, beieinander („beinander”) und blicken stumm, stundenlang in dieselbe Richtung – auf das Selbe? – aus dem einen Zugfenster. Draußen die Felder, die Ränder, die Wälder, die Raine, das Gras, der Nebeldunst und prasselnder Regen. Kein Wort, alles Geste. Alles Antwort, alles Frage (Berlin –> Hamburg, 8. Juli).

Lilith

Da stand ich wieder in dem Kleegras wie der Junge, der ich einmal gewesen sein muss.
Rugedigu … Rugedigu … zwischen zwei gegurrten Taubentonfolgen lagen siebenunddreißig Jahre, siebenunddreißig Inselsommer, ein unendlich gedehnter, endlos sich weiterdehnender Moment.
Nein … eher, dachte ich da im Gras unter den Bäumen, ist es ein Nu, wie man früher sagte, eine Lidschlaglänge, nur dass sie nicht aufhörte, sondern fortbestand und fort und fort und fort, ein zeitloser Augenblick.

Und so trat ich unter ein großes Holundergesträuch und sah mit einem Mal knapp über mir durch die Zweige leuchtend tatsächlich wie in die Augen der Zeit.
Da saß eine weißlich-bräunlich gesprenkelte Eule und blickte mich an mit zwei goldenen Augen, eine junge Waldohreule, die nachts mit ihren Geschwistern über dem Inselgarten kreiste und ihr helles Signalrufen hören ließ, „Lilith! … Lilith!”, ehe sie sich in der Dämmerung vor Menschen wie mir in den Holundersträuchern verbarg. Das Gras darunter bot eine Hinhockgelegenheit. Doch die nutzte ich nicht, ließ sie lieber leichten Herzens verstreichen.

© Foto Augen: Ulrich Wasem, www.waldwissen.net
© Foto Eule: Remo Schulze, www.natur-portrait.de

Eine Levitation

Die jubelnde Frau
auf der Ehrentribüne,
in dem grasgrünen Kostüm
die Kanzlerin springt,
schwebt und hebt ab
hoch in die Luft,
ein Ball, Ballon,
ein Kohlkopfluft-
schiff über Toren,
dem Anstosspunkt,
Mittelkreis, Rasen
und dem Stadiondach
ins finstere Nichts
der Nacht und ist
in Sternbildern
und Starwolken
unbezahlbar
nirgendwo funkelnd,
nirgends mehr zu finden.

Ruhe

Unter der größten Birke im Garten sitzt auf einer Bank ein altes Paar und schweigt. In den Wipfeln der größten Birke im Garten sitzt ein Krähenpaar und krächzt. „Ruhe!”, ruft eine Stimme, keine männliche, keine weibliche, weder von unten kommt sie noch von oben. Es ruft wie mitten heraus aus dem Tag, und die Vögel sind ruhig.

Als Belgien furchtbar war

Als es darum ging, etwas
zu sagen. Als wir hineinstarrten
in das Himbeergebüsch. Als keine,
keine Antwort kam. Als die Nacht
nicht aufhören wollte. Als sie
aufhörte ohne Klagen. Als
die Schmerzen nachließen,
als keiner mehr etwas wusste
gegen Schmerz. Als ich wieder nur
dich liebte. Als du mich fast vergaßt.
Als die Kirchen einstürzten. Als er starb,
der Elefant, der Angst hatte vor der Umsiedlung
nach Belgien. Als wir endlich verstanden,
warum. Als einer das Gras mähte.
Als das Gras weiterwuchs.

Among the Leaves

Ein freundlicher Zeitgenosse, nein, ist er nicht.

Als Mark Kozeleks Band noch Red House Painters hieß, sah ich ihn im inzwischen längst abgerissenen und zu Staub zerfallenen Hamburger KIR. Im Publikum klingelte ein damals noch riesiges Handy, weshalb Kozelek das Konzert unwirsch unterbrach: „This is no fun. Stop it you fool“, sagte er.
Mit Sun Kil Moon ist er über die Jahre milder geworden, auch gegen sich selbst, selbstironischer, dabei unverändert in den Kampf mit dem Wehmutsengel verstrickt, und ich erschrak heute, als ich las, Mark Kozelek ist anderthalb Jahre jünger, als ich es bin.
Im Januar 1967 wurde er in Massillon, Ohio, geboren. Seine Stimme begleitet mich seit zwanzig Jahren, nein, Mitte, Ende zwanzig kann er im KIR nicht gewesen sein, demzufolge auch ich es nicht mehr gewesen bin, und doch fand ich schon damals vor siebzehn, achtzehn Jahren, dass falls es eine Band gibt, die immer weiter an dem einen einzigen Album, vielleicht sogar dem einen einzigen Lied schreibt, so ist es wohl Mark Kozeleks Band, ganz gleich, wie sie heißt, ganz gleich, was sie einspielt.
Kozelek sang Rockschlager von AC/DC zurück in die Stille und Niedergeschlagenheit, aus der sie kommen. „Tiny Cities“, Sun Kil Moons Album von 2005, versammelt Cover-Versionen von Modest Mouse-Songs.
Hier lässt sich für mit Glück etwa zehn Tage „Among the Leaves“ hören, das neue Album von Sun Kil Moon: http://3voor12.vpro.nl/luisterpaal/albums/Sun-Kil-Moon.html

© Foto: rockcellarmagazine.com

Wachsende Notizen

„Und fragst du nach der Heimat,
so sagen alle, die blieben:
Das Gras ist gewachsen.”
Ilse Aichinger

Das grüne Haar der Welt?
Wächst durch die Gedichte.

Die Welt aus grünem Haar,
dichtet seitenlang Bewuchs.

Und frag nach der Ferne,
was sagen, die gingen?

Ich weiß noch das Gras,
das lebendige Glas.

Schilder

Lass uns langsam die Tage zählen,
die zu zählen bleiben.
Du deine bei den Tieren,
den Schildern,
die du ihren Namen gemalt hast,
Glanzstare, ich
zähle die Tage der Namen,
von allen Robinien herausgerufen
und flüsternd im Gras.
Die Bücher und ich,
wir haben sie übersetzt
für dich bei deinen Schildern.

Folegandros

Komm mit mir nach Folegandros,
am Strand dort in den ewigen Wind.
Ich will deine Haut rot werden sehen
unterm billigen alten Himmelsblau.

Die Griechen und Geld, von mir aus.
Geld wird überbewertet. Wir mieten
ein einfaches Zimmer im Zweifel,
wir trösten uns mit Kargem, komm.

Von Milos geht ein Fährschiff.
Brandseeschwalben – ihnen nach.
Und haben wir abgelegt, dann
ist der Ägäis das völlig egal.

Lass uns nach Folegandros fahren,
an den warmen Steiß von Europa.
Ich übersetze Keats‘ Endymion,
du liest in den Augen der Esel.

*

Veröffentlicht in der heutigen Ausgabe der ZEIT
im Rahmen der poetischen Aktion „Dichten für die Griechen”

Wachsende Notizen

„ … und mit einem Mal ist da
Gras auf dem Feld vor dem Fenster …”
– zwanzig Jahre alter Vers.

Stare, die Funken, die aus dem Gras sprühn.
Brinkmann schrieb Gras.
Claude Simon Das Gras.
Paul Celan „Gras, auseinandergeschrieben”, wobei ich an „Sarg” denke, Gras rückwärtsgelesen.

Lass Gras über die Sache wachsen!
Welche Sache?

Das schönste Gras wächst in England, und John Keats hat seine Pracht so beschrieben, dass es damit leben kann.

Lass Gras über den Toaster wachsen!
Für Grass ein s zu wenig.