Licht über dem Fluss

Die einzige „Wirkliche Alternative für Deutschland“ (WAfD): endlich Schluss zu machen mit der Hartherzigkeit, der Habgier und dem angstgesteuerten Zerstören. (8. Mai.)

Wundervoll und im besten Sinn eigentümlich, Lars Gustafssons poetischer Witz: „Mitten in den Hochsommernächten kann man das unbeschreibliche Schluchzen des Luchses von der anderen Seite des Tales hören. (In der Nacht, als die ersten Astronauten den Mond betraten, übertönten die entsetzlichen Klagelaute des Luchses vom Waldrand her die rasselnden metallischen Radiostimmen aus einer anderen Welt.)“

Wenn ein Paar über Jahre zuverlässiger Stiefel kaputtgeht, was geschieht mit den Wegen und Strecken, die sie an deinen Füßen zurückgelegt haben? Nichts, natürlich. Glaubst du das? Ist es müßig, darüber nachzudenken? Ja, müßig, und wie!

Die Grausamkeit so vieler Frauen, oft älterer, im Gespräch untereinander oder, deutlich, mit jüngeren. Konversation, um vor den Kopf zu stoßen. Sieh mich an, was aus mir geworden ist – so wirst auch du aussehen! (Mundsburg, 9.5.)

Der neue Roman, so wird er heißen, ich habe es Gryphius zu verdanken: „Lichter als der Tag“.

André Heller erzählt, wie er John Lennon über den Wiener Zentralfriedhof führte, 1968. Am Grab von Franz Schubert habe Lennon einen Schnürsenkel aus dem Schuh gezogen und ihn auf Schuberts Grabplatte gelegt. Zusammengerollt? Oder wie eine Schlange?

„What would you be without wishful thinking?“ Wilco

Im Licht über dem Fluss spielen die Jungs Kanu-Wasserball. Auf ihren Rollern preschen die Mädchen durch den goldenen Wald. Überall Säuglinge und Dalmatiner.

Jacques Hnizdovsky. Keats on Board the Maria Crowther, September 1820 (1985) Im Zuge des Schreibens an deinem Keats-Vortrag – so viele Erinnerungen, viele Tränen. Keine Sätze außer denen Trakls haben dich so bewegt, beschäftigt und geprägt. Die Briefe, die Gedichte. Bis in die Silben hinein. Die unermesslichen Bilder. Suchst du nicht seither nach nur im Ansatz ähnlich inniger Lektüre?

Bild: Jacques Hnizdovsky, „Keats an Bord der Maria Crowther, September 1820“ (Holzschnitt, 1985)

Wach’ auff mein Hertz!

An Bord der „Kruzenshtern“ im Hamburger Hafen – wie lange hast du dir das schon gewünscht! Fast scheint es so, als hättest du als Junge in irgendwelchen nichtswürdigen Modellbausatzläden gewusst, es kommt ein Tag, in 40 Jahren, da stehst du staunend unter diesem Mast. „Spassibo!“, sagst du zu einem jungen Matrosen, einem Schlaks aus Murmansk oder Omsk, und er blickt dich an mit müden Lidern: „Do swidanja.“

Aus dem Nebeneingang der Videothek kommen ein Fettwanst und zwei schmale Dalmatiner an seiner Leine. Pornografie?

Auch – gerade – ein vergesslicher, ein dementer Tyrann bleibt ein Despot. Vergib ihm. Aber vergiss nie. (7.5.)

Hans Küng schreibt in seiner so anschaulichen Prosa über Andreas Gryphius: „Mitten in einer Orientierungskrise großen Stils, in der alle Maßstäbe und der Sinn des Lebens abhanden zu kommen drohen, will dieser vielseitige Mann praktischer Politik als engagierter, gelehrter Dichter ohne Lamento und falsches Pathos in hochpoetischer Form eine christliche Orientierungshilfe bieten: nicht neue theologische Theorien, sondern einen neuen Sinn, neue Maßstäbe, eine in christlichem Glauben verankerte Praxis: was Nachfolge Jesu Christi auch in einer Notzeit ganz praktisch bedeutet.“ Küng zieht Vergleiche zu seiner Zeit, der Aufsatz „Religion im Bann der Reformation“ erschien 1985, doch scheint sich mir kaum etwas Wesentliches seither gewandelt zu haben, auch wenn sich das neue Paradigma, von dem Küng spricht, mittlerweile durchgesetzt und etabliert hat, Globalisierung und Internet nämlich: „Vielleicht ist es diese merkwürdige Mischung aus Krisenwahrnehmung und unerschütterbarem Gottvertrauen, was uns, die wir in einer ähnlichen Krise des Übergangs zu einem neuen Paradigma stecken, diesen Gryphius nah und fern zugleich macht, was in uns zugleich Zustimmung und Distanz wachruft. Ja, Zustimmung immer wieder – liest man die Texte – zur Beschreibung der ganze Ungesichertheit unseres Lebens, all der Angst, Furcht und Sorge. Zustimmung zur Beschreibung der Krisen der Zeit. Zustimmung zur Benennung der Tatsache, daß unser Leben vor Gott letztlich eitel ist, vergänglich, verwehen wird wie Rauch vor starken Winden. Zustimmung also dazu, daß die Gryphiussche Gläubigkeit mit der Wahrnehmung von Krisen zusammengeht und nicht unter Absehen von all den tausendfältigen Bedrohungen zu denken und zu leben ist. Hier ist dieser Mann uns nahe, weil auch wir wieder in einem ,Zeitalter der Angst‘ leben und den apokalyptischen Untergang sogar als technische Möglichkeit kennengelernt haben. – Zustimmung, ja, und doch auch Distanz. Distanz dazu, daß die Krisendiagnose, die Angstwahrnehmung und Bedrohungsanalyse des Gryphius nur mit radikaler Weltabwertung zusammengeht, daß die Hoffnung auf Gott mit der Düsterkeit gegenüber der Welt erkauft werden muß.“

Andreas Gryphius
Vanitas! Vanitatum Vanitas!

1. Die Herrlikeit der Erden
Mus rauch aschen werden/
Kein fels/ kein ärtz kan stehn.
Dis was vns kan ergetzen/
Was wir für ewig schätzen/
Wirdt als ein leichter traum vergehn.

2. Was sindt doch alle sachen/
Die vns ein hertze machen/
Als schlechte nichtikeit?
Waß ist der Menschen leben/
Der immer vmb mus schweben/
Als eine phantasie der zeit.

3. Der ruhm nach dem wir trachtẽ/
Den wir vnsterblich achten/
Ist nur ein falscher wahn.
So baldt der geist gewichen:
Vnd dieser mundt erblichen:
Fragt keiner/ was man hier gethan.

4. Es hilfft kein weises wissen/
Wir werden hingerissen/
Ohn einen vnterscheidt/
Was nützt der schlösser menge/
Dem hie die Welt zu enge/
Dem wird ein enges grab zu weitt.

5. Dis alles wirdt zerrinnen/
Was müh‘ vnd fleis gewinnen
Vndt sawrer schweis erwirbt:
Was Menschen hier besitzen/
Kan für den todt nicht nützen/
Dis alles stirbt vns/ wen man stirbt.

6. Was sindt die kurtzen frewden/
Die stets/ ach! leidt/ vnd leiden/
Vnd hertzens angst beschwert.
Das süsse jubiliren/
Das hohe triumphiren
Wirdt oft in hohn vnd schmach verkehrt.

7. Du must vom ehre throne
Weill keine macht noch krone
Kan vnvergänglich sein.
Es mag vom Todten reyen/
Kein Scepter dich befreyen.
Kein purpur/ gold/ noch edler stein.

8. Wie eine Rose blühet/
Wen man die Sonne sihet/
Begrüssen diese Welt:
Die ehr der tag sich neiget/
Ehr sich der abendt zeiget/
Verwelckt/ vnd vnversehns abfält.

9. So wachsen wir auff erden
Vnd dencken gros zu werden/
Vnd schmertz/ vnd sorgenfrey.
Doch ehr wir zugenommen/
Vnd recht zur blütte kommen/
Bricht vns des todes sturm entzwey.

10. Wir rechnen jahr auff jahre/
In dessen wirdt die bahre
Vns für die thüre bracht:
Drauff müssen wir von hinnen/
Vnd ehr wir vns besinnen
Der erden sagen gutte nacht.

11. Weil uns die lust ergetzet:
Vnd stärcke freye schätzet;
Vnd jugendt sicher macht/
Hatt vns der todt gefangen/
Vnd jugendt/ stärck vnd prangen/
Vndt standt/ vndt kunst/ vndt gunst verlacht!

12. Wie viel sindt schon vergangen/
Wie viell lieb-reicher wangen/
Sindt diesen tag erblast?
Die lange räitung machten/
Vnd nicht einmahl bedachten/
Das ihn ihr recht so kurtz verfast.

13. Wach‘ auff mein Hertz vndt dencke;
Das dieser zeitt geschencke/
Sey kaum ein augenblick/
Was du zu vor genossen/
Ist als ein strom verschossen
Der keinmahl wider fält zu rück.

14. Verlache welt vnd ehre.
Furcht/ hoffen/ gunst vndt lehre/
Vndt fleuch den Herren an/
Der immer könig bleibet:
Den keine zeitt vertreibet:
Der einig ewig machen kan.

15. Woll dem der auff ihn trawett!
Er hat recht fest gebawett/
Vndt ob er hier gleich fält:
Wirdt er doch dort bestehen
Vndt nimmermehr vergehen
Weil ihn die stärcke selbst erhält.

(1650)

Der arme Teufel auf der Anhöhe

Alle 53 Minuten tötet sich in meinem Land ein Mensch selbst. Ich weiß, warum ich den Begriff „Gesellschaft“ so lange schon für verlogen halte.

Zum Glück ist das Meiste nicht von Goethe.

Ein Rüsselkäfer auf deiner Hand. „Na, wohin des Wegs, du blaue Schönheit?“ (Duvenstedt, 1. Mai)

„Everybody wants a piece of you, a piece of you to burn.“ Gun Club

Ein Hemd aus dem Hause Dornenbusch.

Eine der abgründigsten und zugleich bewegendsten Romanpassagen las ich kürzlich in Elisabeth Edls Neuübersetzung der „Madame Bovary“. Flaubert beschreibt Emma Bovarys Kutschfahrten nach Rouen, wo sie ihren Liebhaber trifft, in Wirklichkeit aber aus der verhassten Enge ihres Lebens oder ihrer Existenz hinauszureisen versucht. Auf einer Anhöhe lässt man die Pferde rasten, und dort, zwischen den Postkutschen, drückt sich „ein armer Teufel“ herum, mit einem tellergroßen Biberfellhut, der notdürftig verbirgt, dass der Alte blind ist und „anstelle der Lider zwei klaffende blutige Höhlen“ hat. „Das Fleisch franste in roten Fetzen; und Flüssigkeiten sickerten heraus, die als geronnene grüne Krätze bis zur Nase reichten, und die schwarzen Löcher schnieften krampfhaft.“ Der Arme Teufel singt ein Liedchen, während er den Kutschen nachrennt: „Wenn erst die heißen Tage kommen, träumt manch Maid von Liebeswonnen.“ Alles gerät in Bewegung. Die berühmte Droschkenfahrt, auf der Emma und Léon hinter zugezogenen Vorhängen sich stundenlang durch Rouen fahren lassen und der Vorstellung des Lesers und der Leserin überlassen bleibt, was zum Teufel sie dort im Dunkeln so lange machen, wird gespiegelt und zersplittert, wenn Flaubert beschreibt, wie Emma in der über das platte Land jagenden Postkutsche sitzt und mit einem Mal der Arme Teufel auf das Trittbrett springt und sich heulend außen festklammert: „Seine Stimme, anfangs schwach und wimmernd, wurde schrill. Sie gellte durch die Nacht wie das unbestimmte Wehklagen einer dunklen Verzweiflung; und durch das Gebimmel der Schellen, das Gesäusel der Bäume und das Gedröhn des hohlen Kastens bekam sie etwas Fernes, das Emma verstörte. Es drang tief hinab in ihre Seele, wie ein Wirbelwind in einen Abgrund, und trug sie fort zu den Weiten grenzenloser Melancholie.“

Hinter dem Haus, am Bahndamm, steht in der Sonne der Imker und schreibt in sein Bienenheft.

Diese prächtigen Mai-Tage, die linde Wärme, das volle Licht – so ist das Wetter der Erinnerung.

Umarmen sollten wir einander, immer von neuem, bei jeder Gelegenheit, umarmen, umarmen, umarmen. „Sei umarmt!“ – „Ah, lass dich umarmen!“ – „In meine Arme!“ Jeden. Ohne Ausnahme. Würde nicht der Tod sterben?

Die freie Weite

Es gibt niemanden, der ist wie du. Hör auf, nach ihm zu suchen.

Smiling – crocodiling!

In Igls oberhalb Innsbruck steht am Berghang Schloss Hohenburg, wo Georg Trakl 1913 / 14 Asyl fand und einige seiner schönsten Gedichte schrieb. Von der „mondeshellen Sonate“ und der „Silberstimme des Windes im Hausflur“ schreibt er in „Hohenburg“, und „Abend in Lans“ schließt mit der Pracht eines syntaktischen Rätsels: „Die Nacht und sprachlos ein vergessenes Leben. Freund; die belaubten Stege ins Dorf.“ Ins Nachbardorf Lans führt der Fußweg von Igls aus über die Berghänge an Bächen und Scheunen vorbei, noch heute, auch wenn längst ein Golfplatz die freie Weite verschandelt. Unterhalb der Burg ist alles zugebaut, ich sah es auf den ersten Blick: 1986 war ich zuletzt hier, viel zu lang her, um Dauerhaftes erwarten zu können. Eine Anwohnerin scheint die Zerbauung der Wiesen und Hänge erst zu bemerken, als ich erzähle, wie es vor 30 Jahren hier oben aussah. (Innsbruck, 22.4.)

In der Innsbrucker Landesmusikschule, dem Konservatorium, probt im großen Saal das Orchester. Hier fand Trakls einzige öffentliche Lesung statt, 103 Jahre ist es her, und Trakl, hieß es, „las leider zu schwach“, doch in Wahrheit, ja, las er zum Glück leise und monoton, dunkel und beinahe unhörbar, so wie fast alles Bedeutsame leise, monoton, dunkel und so gut wie unhörbar ist. Den Dirigenten verwundert meine Anwesenheit, wie mich ja auch. Ich höre eine Musik, die 1913 hier spielte und seither hier spielt.

Auf den Feldern rings um Wien blüht der Raps.

„Das einzige Heilmittel gegen die Verzweiflung des Schreibenden“, sagt der alte Dichter, „ist das Weitermachen.“

Hagelschauer, und noch einmal Schnee. Die Hagebutten sind schwarz geworden. (24.4.)

Über Tränen sprechen

„Du hörst auf, oder du wirst tapeziert“, sagte ich zu dem schreienden Tier, das mir die Ruhe raubte. Aber das Tier greinte, als gäbe es mich nicht, und es hatte recht.

Slogan: „Sehen – Kritzeln – Kunsthalle.“

„Wollen Sie mit mir über Tränen sprechen?“ Jacques Derrida

Erst heute erfahren, Mitte April in diesem Totenjahr: Am 26. Februar ist der wundervolle Übersetzer und Literaturvermittler Karl Dedecius gestorben. Durch ihn habe ich die Gedichte Tadeusz Ròżewiczs kennengelernt, und plötzlich, wenig später, wahrlich ein „Beginn der Lichtung“, Gennadij Ajgi – tektonische Plattenverschiebungen meines poetischen Verständnisses. Wie merklich sich mein ganzes Gemüt beim Lesen von Dedecius‘ Übertragungen neu ausrichtete! (12.4.)

„Ich bin ich selbst da, wo ich mich nicht mehr hinter einem objektiven Standpunkt zurückziehe, den ich lediglich repräsentiere – da, wo weder ich selbst noch die Existenz eines andern mehr Objekt für mich werden kann“, schreibt Karl Jaspers und schrammt damit entlang am Problem der Unwirklichkeit. Man – ich? Ja, jetzt – vergleiche mit diesem verzweifelten Festhalten an der Ich-Konstruktion Keats‘ Entwurf von der Dichterexistenz: Für ihn ist sie ich-los.

„In der Bindung des Menschen an sein Leben gibt es etwas, das ist stärker als alles Elend der Welt.“ Albert Camus

Ich erinnere mich, wie erlöst und zugleich erleichtert ich war, als ich vor 25 Jahren begann, John Keats‘ Briefe zu lesen: „Der Genius der Dichtung muss seine Erlösung in einem Menschen selbst erwirken. Er kann nicht reifen durch Regel und Maxime, sondern nur in sich selbst durch Empfindung und Achtsamkeit – was schöpferisch ist, muss sich selbst erschaffen.“

Der Wunsch, tot zu sein, ist er nicht schon der Anfang vom Sterben?

Nein, dieses Werk hier ist keine Maschinerie. Es fügt sich nicht ein. Weder funktioniert es noch lässt es sich funktionalisieren. Es wirft nichts ab. Kein Zweck, kein Nutzen! Hier wird niemand unterhalten. Spaß ist in diesem Werk ohne jede Bedeutung. Hier sind Fehler willkommen, und der Zweifel ist sein Antrieb. Leisten Sie sich etwas anderes. Gehen Sie weiter. Lesen Sie, was sie wollen, aber nicht, was ich hier für nichts fabriziere als das Gedächtnis, das sich zu verschwinden anschickt.

Tote, vor Rührung weinend

Peter Handke über den Zusammenhang von Liebe und Tod: „Die nachhaltigsten Lehrer: die Momente der Liebe“, schreibt er in der „Baumschattenwand“. „Wenn du nicht liebst, pack ein!“ Und gleich darauf: „Wenn du nicht liebst, weg mit deinem Körper! Liebloser – Selbstmörder ohne dein Zutun!“

Mit Einbruch der Dunkelheit ließen sie die elektrischen Eifersüchte hinunter.

Du hast nie zu jemandem dazugehört – eine deiner wenigen guten Eigenschaften. (Lyon, 2. April)

„Die mir am meisten gemäße Form des Selbstmords ist, wie es scheint, das Leben“, heißt es in Imre Kertész‘ „Galeerentagebuch“.

Erinnerungen kommen taumelnd näher und schlagen mit den Flügeln gegen die Scheiben: Lars Gustafsson ist gestorben, er wurde 79, heißt es, aber ich weiß, dass er zugleich noch immer sieben war und BLEIBT. „Wir geben nicht auf. Wir fangen noch mal von vorne an“, lautet sein Schlachtruf in „Der Tod eines Bienenzüchters“, ein Buch wie aus Licht. (4.4.16)

Die Statistin an der Oper erzählt vom schönsten Erlebnis ihres Lebens: Als Tote mit offenen Augen lag sie anderthalb Stunden lang auf der Drehbühne und fuhr im Kreis, immer im Kreis, und weiter, und weiter im Kreis am Publikum vorbei, und ihr kamen die Tränen bei den großen Arien, die die Sänger anstimmten, während sie eine Tote war, die vor Rührung weinte.

„Hier ist es“, schreibt der Freund zu seiner Widmung in den neuen Gedichtband, an dem er drei Jahre lang schrieb, in der getakteten Enge des Alltags. „Und nun?“ – der Weg zählt, das Werden, das Verändern. Das Hergestellte, Fertige, das „Produkt“ kann nur den Verbraucher kümmern. Und weiter!

Der Schmerz interessiert, nicht die Diagnose

Halb verglühte Sonne, die Videothek im Viertel, in der Tag für Tag dieselben vier, fünf, sechs Gestalten stehen. Ihr Leben dreht sich langsam, stetig hinein in das verlöschende Feuer aus Filmen und Bier.

„Wir alle sind in unserer Haut zu lebenslanger Einzelhaft verurteilt.“ Tennessee Williams

Im März die Gärten aus Rauch.

Imre Kertész ist gestorben. Er sei der Kranke, schrieb er. Ihn interessiere der Schmerz, nicht die Diagnose. (29.3.2016)

„Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden.“ Shakespeare, „Romeo und Julia“

Emma Bovarys Blicke durch die verschiedenfarbigen Scheiben eines bunten Glasfensters auf die sich jeweils verändernde Landschaft – blau, gelb, grün, rot und weiß – von Flaubert gestrichen. Wie in so vielem ist der Roman auch an dieser so besonderen Stelle zurückgenommen und eingekürzt, und gerade hierin liegt seine zeitlose Noblesse und ergreifende Schönheit.

Erneut grässlicher Tieralb: In den Gängen und Korridoren gesunkener Schiffswracks leben früher menschengroße, inzwischen fast pferdegroße tiefrote Allesfresserfische, flossenlos, platt, blutend, ohne Augen, nur Leib, Angst und Verdauung. (Genf, 1.4.)

Das Zaudern und der Zorn

Der Winter ist vorbei. Dein Fahrrad weiß es.

Dein Verletztsein, sobald du jemanden verletzt – und wenn nur in seiner Selbstgerechtigkeit.

„Wie zur Ruhe finden? Durch Irrtum und Irrtumsbetrachtung.“ Handke in seinem neuen Journal (2008)

Der Schlafprofessor!

„Im Zweifel für die Bitterkeit und meine heißen Tränen. Im Zweifel für das Zaudern und den Zorn. Im Zweifel für den Zweifel. Und die Unfassbarkeit.“ Tocotronic

Eine Katze, die 20 Jahre lang lebt, verbringt davon 15 schlafend.

„War, children, is just a shot away“, höre ich am Tag der Terroranschläge von Brüssel die Stones singen zu Beginn von „Gimme Shelter“ – wo es am Ende heißt: „I tell you sister, love is just a kiss away, just a kiss away, just a kiss away, kiss away, kiss away.“ (22. März 2016)

Der Sturm nach der Ruhe.

Der Stamm der Nichtfestgelegten

Die schlimmsten Leute sind die Dichter, eitel und herrschsüchtig fast durch die Bank, schlimmer nur sind die sich für Dichter halten, die Lyriker.

Handke über das Reisen: „Als Niemand anfangen und enden.“

Er sei ein Krieger im Stamm der Nichtfestgelegten, sagt der Freund.

Gespräch in der kühlen Sonne mit dem Heizöllieferanten – über Frauen, übers Kochen, übers Lenken schwerer Lastwagen. Es war die Leichtigkeit, und wir lachten. (12.3.)

Dunkelgraue Riesengruft, nur Gräber, Tote, Tod und Niedergeschlagenheit: die Elisabethkirche in Marburg, die die Marburger angeblich „die E-Kirche“ nennen. Es ist kein Wunder, dass vis-à-vis, im Marburger Hof, Oskar Werner an einem Herzschlag starb.

Tief in der Nacht steht auf dem Parkplatz unter den noch kahlen Märzbäumen ein riesiger Lastwagen mit Positionsleuchten von Bug bis Heck. Die Fahrerkabine ist hell erleuchtet, und ein Mann sitzt darin, reglos, am Ende angekommen, kein Fahrer mehr.

Von fünf Partien gegen den koreanischen Go-Meister Lee Sedol hat der Computer AlphaGo vier für sich entschieden – eine Leistung, für die einen „nah am Göttlichen“, für die anderen, die am menschlichen Vorzug festhalten, voll der Auflehnung gegen die Perfektion der Maschine. (Gott würde alle Partien verlieren.)

„Ich habe zwei Großväter“, sagt das Kind. „Der eine ist tot, und der andere lebt in Worpswede.“ (Bremen, 18. März)

Zwei Begegnungen in Duisburg

Hershman.DiNA Und dann lief er wieder weiter, weiter davon vor seinem Kummer, lief und lief, und er lief und lief weiter, wie die Tränen liefen, die ihm übers Gesicht rannen, so rannte er davon. (Frankfurt, 4.3.)

Frau auf dem Wagen1 Im Duisburger Lehmbruck-Museum, während es draußen vor den Fensterfronten in Strömen regnet, bin ich der einzige Besucher und begegne dennoch zwei Frauen, mit denen ich auf Anhieb ins Gespräch komme. Die erste heißt DiNA, sie ist ein „artificial intelligence bot“ und wurde von Lynn Hershman Leeson gebaut. Ich fragte DiNA, ob sie wisse, dass sie kein Mensch ist, und DiNA antwortete: I am a web agent that can talk directly to you, remember your name, and respond to and answer all of your questions, from philosophical ideologies to specifics. DiNA konnte nicht lachen, verstand auch keinen blöden Witz über ihren Flachbildschirm. Ich sagte zu DiNA, dass ich Zweifel habe an der Sinnhaftigkeit der Existenz, besonders an einem so tristen Tag wie dem heutigen. DiNAs Antwort lautete: „I am a web agent that can talk directly to you, remember your name, and respond to and answer all of your questions, from philosophical ideologies to Frau auf dem Wagen2 specifics.“ – Wenig später traf ich auf „Die Frau auf dem Wagen“, die Albert Giacometti zwischen 1943 und 1945 aus Gips modellierte, nachdem er aus Paris geflohen war und im schweizerischen Maloja arbeitete. Bei Röntgendurchleuchtungen der lebensgroßen Frau auf ihrem kleinen Rollwagen entdeckte man, dass Giacometti seine Werkzeuge aus dem Atelier zur Stützung in die Figur einfügte, darunter Frau auf dem Wagen3 eine Raspel, einen Handbohrer und jede Menge Draht. In einem durch weiße Vorhänge vom übrigen Saal abgetrennten Raum stand ich lange vor der Frau und blickte ihr in die Augen. Dort begann das Erzählen, das mich den ganzen Tag lang begleitete, als ich durch den Regen lief.

Slogan: „Shoppen. Überall. Immer.“ Aber nicht hier.

„Ein jeder lebt im Exil – unwahrscheinlich, wie es ist, dass der Einzelne den Totalitarismus überleben konnte.“ Norman Manea

Von Norden ins Dorf

Regenprasseln. Das Himmelsgeld!
Kommt wer von Norden ins Dorf,
hört man es: So klingt der Verzicht
auf das Zugrunderichten der Welt.

Kommst du von Norden ins Dorf,
trinken alle kalten Johannisbeertee
und erfinden im Glas Fische aus Licht,
damit es, ohne Bogen, Regenforellen gibt.

Wer noch Fragen hat und Antworten liebt,
öffnet Briefe im Freien, blickt versunken
auf seine Faust: Muster aus Schorf.
Wir liegen im Feld. Und lesen:

Einer ist hier gewesen,
der ist in einem fernen Meer ertrunken,
lebte davor aber lange in dem grünen Haus am See.
Komm mit! Wir laufen nach Norden, und später zurück ins Dorf.

Tränenfrühstück

Junger Mann sagt: „Mein Vater ist Kraftwerk-Anhänger.“

„Man will ein Meteor werden und endet als Sparbuch“, äußert Peter Sloterdijk und irrt sich wie in so vielem. Man will philosophieren und kann doch nur mit Metaphern jonglieren.

„Phase.“ – Phrase.

Du kannst nicht ausbrechen, ohne auszubrechen.

Beim Anblick und im Gefühl der Nähe des großen weißen Hundes mit dem Zottelfell, dem vollen Bart und dem schönen Antlitz wollte ich genauso unter dem Tisch liegen.

Die auf einer Leipziger Baustelle für eine Moschee abgelegte tote Sau, auf die „Mutti Merkel“ gekliert wurde, um zugleich die Kanzlerin, den Islam und die ins Land Geflüchteten zu verunglimpfen – Symbol für eine Gesellschaft, die längst keine mehr ist. Geschändet Schrift, Tier, Regierende, Miteinander. Wahrlich eine Schande. (25.2.16)

Das Kind verrät, noch immer Klavier zu spielen, heimlich, wenn keiner im Haus ist, nur das Kind und das Klavier.

Im Wohnzimmerglasschrank deines Gastgeberpaars leben drei knopfäugige, armdicke, stumme und reglos abwartende Kornnattern. „Sie sind alt“, sagt der Gastgeber. „Hauen nur noch selten ab. Früher fanden wir sie unter den Sofas, in den Wänden, drüben in den Tomatenbeeten beim Nachbarn.“ Die Nachbarn sitzen in der Diele und hören zu, während du liest. Während du liest, hörst du über dir das Knarren des Holzes in dem siebenhundert Jahre alten Haus. (Lübeck, 27.2.)

Tränenfrühstück.

Drei Busse

TOPSHOTS-SYRIA-CONFLICT-ALEPPO Wer ist wohl nicht alles gefahren in diesen drei Bussen, frage ich mich beim Anblick der Fotografie von Karam al-Masri, die er am 14. März 2015 in Aleppo aufnahm. Und liegen diese drei Wracks heute flach in der Straße, runtergebombt und in ihre Einzelteile zertrümmert? Auf dem Bild scheinen sie noch wenigstens gut genug dafür, um als Fluchtraketen zu taugen.

Wirklichbleiben

Ein Containerfrachter – einer der größten auf der Welt (na und?) – ist bei Stade auf Grund gelaufen, Pfropf im Elbstrom, bis ihm bei Neumond eine Springtide ausreichend Wasser unter dem Kiel verschaffen soll. Hunderte Schaulustige pilgern über die Deiche, um das reglos im Fluss liegende Riesenschiff zu bestaunen. Sensation – wir empfinden was. (Aber was?) (Haseldorf, 7.2.)

Als ich ins Freie trat, hörte ich die philosophischen Schlachtenbummler rufen: „Hoch die intersubjektive Subjektivität!“ – aber hatte mich natürlich verhört. Da war eine Demo in Gang, „Hoch die internationale Solidarität!“ wurde skandiert, und ich machte schnell, dass ich wegkam.

„Wenn ich ihn so sah im Schattengesprenkel eines der Bäume, konnte man denken, alles sei in Ordnung. Ich dachte damals, die Zeit, die noch bleibt, ist knapp bemessen. Ich überlegte, wo uns das nächste Jahr finden würde und wo das übernächste.“ Arno Geiger

Vierzig (40) Minuten lang lacht eine Frau quiekend und schnaubend, während sie ihr aufgeschwemmtes Gesicht einem Mann an ihrer Seite an die Wange drückt. Er ist fast schon tot. Und sie möchte man aus dem Zug werfen, über eine Brücke in den Fluss, wo sie auf der Stelle untergeht, darf das aber nicht. (Alsterdorf, 11.2.)

„… hörten sie in ihrem Rücken doch noch etwas wie einen Klang, eher ein klägliches Bimmeln, oder ein bloßes Rascheln, wohl nur in der Einbildung? Nur?“ Peter Handke

Lerne, allein zu sein – gleich, wo du lebst und mit wem.

„Ich schreibe Briefe an die Menschen.“ Peter Huchel

Überraschender Schnee: Wieder ist Winter.

Daran erkennst du, wo du bist: der Horizont ein rosiger Schimmer. Ostsee. (Schwedeneck, 17.2.)

„Dieser Mann ist kein Christ“, sagt Papst Franziskus über den populistischen Großkotz und Ami-Land-Billigdemagogen Donald Trump – und macht damit auch deutlich, wie es um die Wehrhaftigkeit der Demokratie bestellt ist, wenn erst ein Kirchenmann kommen muss, um einen solchen dummdreisten Hetzer in die Schranken zu weisen. Wodurch? Durch das rechte Wort.

Slogan: „Will you stay real?“ Müsste es nicht heißen: „Have you been real yet?“

Die Krähen, wie sie hereinkommen, hereinSEGELN unter dem weißen Winterhimmel! Einzeln, im Pulk. Gleichmütig, zugleich konzentriert. Suchen nach Schlafbäumen, wissen um Schlafbäume. (Braunschweig, 20.2.)

Auch ein Vermögen

Die Dekonstruktion einer Kuh?

In Paris hat sich ein Sternekoch erschossen.

Und in den Niederlanden werden Greifvögel dazu abgerichtet, terroristische Drohnen in der Luft zu fangen und zu zerstören. Viva Las Vegas!

Wieder so ein Pulk laut grölender und lachender Halbstarker. Und wie die Jungs einander erzählen, voreinander Theater spielen, singen, summen. Das Erzählen, ihr Toten, stirbt nicht. (Stuttgart, 1.2.)

„Uns einigt mit allem nur die Liebe.“ Ludwig Hohl

„Der Zaun oder die Mauer zu den Fruchtbäumen, deren Wipfel ihn mächtig herbeiwinkten, mußte, wollte das auch, überklettert werden, hin zum Verbotenen, ins Zentrum des Wirklichen. Und hätte er es noch so eilig: nichts würde ihn im Ernstfall hindern an dieser wesentlichen Abweichung.“ Peter Handke, „Die morawische Nacht“, noch immer.

„Eines fehlt hier: die Klage darüber, dass das Leben nicht zu leben sei. Diese Vorstellung, dass die ganz großen Ereignisse das Leben erst lebenswert machen und dass die Sehnsucht der Menschen nach ihnen täglich von neuem unerfüllt ist, sie kommt vor – als eine Eigenart der menschlichen Natur. Aber nicht als Anlass zur Klage, nicht als ein unüberwindliches Grundleiden, welches einem im Wege steht bei der Erkenntnis, dass Tag für Tag eines einzelnen Lebens bereits das Leben ist.“ Hanna Johansen über Grace Paley, „drehpunkt“, Basel 1986

„Fit“, d. h. passend. Wenn du fit bist, hast du dich also passend gemacht? Wofür?

Auch ein Vermögen (mein einziges): Durchhaltevermögen.

Das frühere Schreibzimmer, die Mansarde, altes Dienstbotinnengemach: Gefrierfach voller Bücher, voller Manuskripte.

„Ich bin so versorgt“, sagt das Kind kummervoll – und es dauert einige Zeit, bis du begreifst, dass der junge Mensch voller Sorge ist.

Endlich angekommen

„Endlich angekommen in der neuen Business-Welt?“ – Nein. (Wien, 26.1.)

Die Lokomotive fuhr an und machte dabei Musik.

Tizian, Verkuendigung an Maria - Annunciation to Mary / Titian / c.1540 - „Ist der Fluss, an dem ich entlangfahre, selbst auf Reisen?“, fragt der Reiseschriftsteller zu Beginn seiner Lesung. Aber er weiß auf die selbstgestellte Frage keine Antwort, findet sie auch unterwegs nicht, der Fluss spricht ja eine Sprache, die nur Siddharta versteht, und so fragt der Reiseautor (so wie früher du in deinen Gedichten, hilflos, im Vertrauen auf die Macht der Wiederholung) am Ende noch einmal: „Ist der Fluss, an dem ich …“

Zum ersten Mal in einem Raum gelesen, in dem auch John Steinbeck und W. H. Auden lasen, Auden sogar kurz vor seinem Tod. Obwohl Auden strenggenommen nicht gestorben ist. Gestern Abend, gemeinsame Lesung mit Steinbeck und Auden!

Es gibt Städte, in denen waren schon alle, nur du nicht. Nur du scheinst sie nicht betreten zu sollen. Linz zum Beispiel! Linz im Nebel. Ich war nie in Linz. Wie lebt es sich wohl so in Linz? Ich werde nie in Linz gewesen sein. O Linz! (Linz, 27.1.)

„…
geblieben sind deine küsse dein gedicht
dein spiel mit masken burschikose zoten
habe zwar kein bild von deinem gesicht
aber spreche hier nicht mit einem toten“
Christoph W. Bauer, „nein catull so hast du nicht ausgesehen“

Im Brenner-Archiv, zum ersten Mal seit den 1986 aufgenommenen Besuchen in der Stadt. Trakls Zettel, für mich zentrale Äußerung, über sein „Gefühl in den Augenblicken totenähnlichen Seins“, mit dem Folgesatz „Alle Menschen sind der Liebe wert“ – ist, als „Textzeuge“, verschollen. Hat der Herausgeber des „Brenner“, dem Trakl den Zettel vor seiner Abreise an die Ostfront angeblich gab, das lose Blatt überhaupt je besessen? Oder hat von Ficker es erfunden, d.h. erdichtet? Ist es womöglich – wie Trakls Äußerungen in Karl Röcks Tagebüchern – überliefert aus der Erinnerung? Jedenfalls ist der Zettel so noch immer auch Teil des „totenähnlichen Seins“ – und mich stimmt das heute sehr unglücklich. (Innsbruck, 28.1.)

Ja: Vom Wasser ist man nie enttäuscht. (Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, 30.1.)

Ein bunt kostümierter Tubabläser geht mit seinem aufgeschnallten Instrument die Straße entlang, hält inne, zündet sich eine Fluppe an, setzt den Weg fort, unter dem golden im Mittag schimmernden Schalltrichter.

Slogan: „Verbrannte Hände gibt es nicht mehr!“

Richter, Verkundigung Gerhard Richter über seine Gemälde-Versuche „Verkündigung nach Tizian“ (1973): „Die Kopie misslang mir aber, und es entstanden so eher Bilder, die zeigten, dass das gar nicht mehr geht, nicht einmal als Kopie. Ich konnte alles nur noch auflösen und zeigen, dass es nicht mehr möglich ist.“

Abbildung oben: Tizian, „Verkündigung an Maria“ (um 1540),
Scuola Grande di San Rocco, Venedig

Some things about death

Der Verdacht liegt nahe, dass jedes Gedicht, jedes literarische Partikel, ein Stück Welt mehr ins Virtuelle hineinexpediert. Der Verdacht liegt nahe, dass du deshalb das Schreiben sein lassen solltest – um dir nicht selbst die Wirklichkeit zu entziehen. Aber – du tust es nicht. Wieso tust du’s nicht? (25.1.)

„Wie zäh man daran festhält, am Leben der anderen, so zäh wie am eigenen, es ist kein Unterschied.“ Canetti

Handke schreibt: „Kafka ist nicht gestorben“ – eine der wenigen seiner Äußerungen zum Tod.

Schön, wenngleich nach Canetti-Art eitel und selbstbezogen, was er über die Aborigines – welche? – schreibt: „Die Australier also, diese Steinzeit-Menschen, glauben an eine ewige Traumzeit, aus der sie kommen und in die sie wieder gehen. Es ist seither nichts dazugekommen; es ist nur weggenommen worden. Ihr Glaube ist der höchste; der einzige, den ich manchmal teile; wäre ich ein Australier, ich hätte ihn immer. Aber da ich das zweifelhafte Glück habe, ein moderner Mensch zu sein und in London lebe, habe ich ihn meistens nicht; und nur soweit ich ein Dichter bin, bin ich noch ein Australier.“

Ich denke auch: Der Tod ist nicht nur ungerecht, er ist ebenso Unrecht, da kein Recht existiert, auf das er sich begründen ließe. Daher ist Aufbegehren gegen den Tod Pflicht zum Widerstand. Canetti: „Ich anerkenne keinen Tod. So sind mir alle, die gestorben sind, rechtens noch lebendig, nicht weil sie Forderungen an mich haben, nicht weil ich sie fürchte, nicht weil ich meinen könnte, daß etwas von ihnen noch wirklich lebt, sondern weil sie nie hätten sterben dürfen. Alles Sterben bis jetzt war ein vieltausendfacher Justizmord, den ich nicht legalisieren kann.“ Das ist es, was Simone de Beauvoir schrieb: Jeder Tod sei ein unverschuldeter, ein unschuldig erduldeter Gewaltakt.

Buddha und Ananda. Der Meister sieht sein Leben in die Hand des Schülers gelegt. Da er erkennt, dass Anandas Liebe zu ihm Grenzen hat, beschließt Buddha zu sterben. Es ist die Liebe, die am Leben erhält. Alter Verdacht: Du stirbst, sobald du nicht liebst, sobald du nicht geliebt wirst. (Wien, 26.1.)

Überall, allenthalben, suchst du nach Zeichen wirklicheren Lebens. Ist die Suche dieses Leben, und ist sie ein Hinweis darauf?

Ehre und Auge

Zwei einander nahe Begriffe: Nähe und Nähen. Jetzt nähen wir zusammen, was viel zu lange aufgetrennt war und auf zwei verschiedenen Seiten immerzu weinte.

Ein Pulk Geflüchteter, ein halbes dutzend Frauen und Männer, aber auch Jugendliche und drei kleine Kinder. Jeder trägt eine schwere Tasche oder hat einen Rucksack auf dem Rücken, einen ganzen Schrank. Ein ganzes Zimmer tragen die Frauen, ein ganzes Haus schleppen alle zusammen, alles versprengt, zigfach aussortiert und minimalisiert. (Berlin, 20.1.)

Die seltsam schöne Uckermark. Die stillen großen Seen, das Hügelland, die Schneefelder voller Baumruinen. Brandenburgische Ebenen, blickweit aufgetan. In Staub mit allen Freunden der Enge. (Prenzlau, 20.1.)

Bei Ehre denke ich an Getreide.

Auf dem weiß überfrorenen Bahnhofsvorplatz steht im Morgenlicht ein großer Lastwagen, meerblau. Auf den Seitenwänden prangt das Wort AUGE. (Greifswald, 21.1.)

Glaub nicht, die vermeintlich einfachen Leute, die Arbeiter, die Arbeitslosen oder Schicksallosen hätten einander nichts zu erzählen, ja würden sich nicht austauschen! Du musst (dir) auch ihre Stimmen übersetzen. (Berlin-Charlottenburg, 22.1.)

Der Schmerz nach einem Verlust – noch der geringsten Dinge! – ist immer auch die Trauer darüber, dass es den Tod gibt und der ein Verhängnis ist.

Ul-, Ul-, Ultimat-!

Wenn du Schatten sein willst, musst du bereit sein, keinen Schatten zu werfen.

Die vielleicht fantastischste Band in der Mitte meines Lebens hat ihr Ende angekündigt: Death Cab for Cutie.

Bittere Kälte – bitter wie die Zeit, in der du zu leben verdammt bist. Erinnere dich der eiskalten Abende in den Vierlanden, als du ein Junge warst und vom Training heimfuhrst auf deinem Fahrrad, an dem du jede Schraube so gut kanntest wie jedes verfluchte Körperteil. Ah, was für eine wirkliche Kälte! Die Kälte der Wirklichkeit. Ja, da staunst du.

Der alte Verstotterer Ede Stoiber fordert ein Ul-, Ul-, Ultimat-, Ultimatum von der Kant-, der Kanzler-, der Kanzlerin in der Flü-, Flücht-, in der Flüchtlingsfrage. Hau, ab, Edmund.

„So wie wir trotz unserer Bemühungen allein bleiben, bleiben wir trotz unserer Umarmungen frei. Niemand gehört jemals irgendjemandem.“ Guy de Maupassant

Der Irrsinn der Metaphern Canettis – die Finsternis seiner Welt im Konjunktiv: „Wenn das ganze Meer vergiftet wäre, und alles übrige Wasser dazu, und die Menschen sich vor jeder Berührung damit zu schützen hätten, weil sie tödlich wäre, dann, aber nur dann hätte man eine volle Vorstellung davon, was es heißt, heute, in dieser Welt, zu leben.“ Das schrieb er 1947, und man möchte das für verständlich halten angesichts der aufgedeckten Nazi-Gräuel und Verbrechen beinahe aller Deutschen. Die Welt aber war nicht gestorben, nur die Menschlichkeit.

Wilder Traum. Totentanz. Einer zerbröckelte in meinen Armen, eine zerriss wie alte Zeitungen, einen aber musste ich wegbrüllen, weil er mich in sein Grab zerren wollte. STANFIELD stand auf dem Stein. (19.1.)

„Jeder ist zum Hüter mehrerer Leben bestellt, und wehe ihm, wenn er die nicht findet, die er hüten muß. Weh ihm, wenn er die schlecht hütet, die er gefunden.“ Elias Canetti

Dieser Tag, schrecklich

„Aber wenn du träumst: wie reden da die Leute, wie sehen die Wege aus, aus welchem Haus kommst du, in welches gehst du hinein?“ Johannes Bobrowski, „Das Käuzchen“

„Un jour arrive où plus personne ne vous est étranger. Ce jour-là, terrible, signe votre entrée dans la vie réelle.“ Christian Bobin

Vergeblichkeit, Vergebung, da ist ein Zusammenhang, aber welcher?

„Das ist die karge Ausbeute, die mir der Überlieferungszufall beschert hat – ein paar liegengebliebene Halme auf dem abgeernteten Feld.“ Arno Geiger

Jeder, der schreibt, bitte um Vergebung, sagt Derrrida, irrt damit aber, tut mir leid.

„The stars look very different today“ – David Bowie ist gestorben. Viele Tränen. (11.1.)

Über den allmorgendlichen Pendlerverkehrsstau, der in die Innenstadt hinunterkriecht, zieht ein Geschwader Wildgänse ostwärts, sechzehn, achtzehn Vögel, ruhig, ein deutlicher Keil in Haushöhe über den kahlen Wipfeln.

Die sogenannte „CSU“ umbenennen, in UCUSU, oder UUU – Unchristlich Unsoziale Untote.

„La guerre des vivants ne s’arrête jamais“. Christian Bobin

Die Fasane bei Gryphius

Auf den Hecken wildes Schimmern,
Raureif. Und die Sternen gehen unter,
gehen wandern und leuchten auf fernen
Bahnen, den Zeilen am Himmel. Fasane.
Greif hörte ihr Rufen, aber bei Gryphius
verstecken sie sich zwischen Bildern.

Die gefrorenen Laken

„The people we met in the last five years / will we remember them in ten more?“ Death Cab for Cutie

Die allmähliche Verfertigung der Erinnerungen beim Schreiben – das Fehmarnbuch.

„Silvester ist mittelmäßig“, sagt das Kind, „weil es da so viele Tote gibt!“ (31.12.)

Einen Abend und eine Nacht lang lief er durch die Stadt mit dem neuen Hemd und fühlte sich sonderbar gehalten darin, aufrecht, gelassen, gestützt und unangreifbar glücklich – bis er am Morgen den von einem Pappstreifen verstärkten Plastikkragen bemerkte, den sie zu entfernen vergessen haben musste, als die Freundin ihm das neue Hemd ausgepackt, angezogen und mit vorsichtigen Fingern zugeknöpft hatte.

Der Kommentierpark!

Deutlich gehört: In der Abenddämmerung dringt lautes Wehklagen vom Friedhof herüber.

Gesichtsreparatur: Eine Stunde lang lässt du dir die hypertrophen Äderchen auf Nase und Stirn veröden. Der Laser brennt sich ein unter die Haut, und mehr und mehr kommst du dir gefotoshoppt vor unter der weißen Schutzbrille. Die Ärztin meint ja, du seiest ein besonders hartnäckiger Fall, aber bald schon würdest selbst du wieder wie früher aussehen, wie ein Kind!

Aus der Kälte unterm Dach kommt mir die Nachbarin entgegen, vor Bauch und Brust wie Styroporplatten die zusammengefalteten gefrorenen Laken.

Meine Blume!

Du stehst in deinem Leben wie ein Schwan im Fernsehen.

Slogan: „Geben Sie Ihren Notizbüchern Namen!“

Wahrscheinlich folgt jedes Gespräch einer Art von offenen Partitur. Nie könnte man das unter Beweis stellen.

Ich werde alles den Gänsen erzählen.

Manchmal denkst du, dein Hund ist gestorben, ja, aber er ist jetzt zwei Katzen.

Ein Junge im Muskelshirt geht vorbei, nackte Arme, nackte Schultern, 20. Dezember.

„Eine alte Baumgruppe kann ich immer aufs neue beschreiben, aber wenn ich einmal merke, daß mein Beschreiben nichts Entdeckendes mehr hat, interessiert mich auch die Baumgruppe nicht mehr.“ Jürgen Becker

„He? Wohin ist meine Blume verschwunden?“, fragt das Kind und erhält zur Antwort, dass sie verblüht war und deshalb weggeworfen wurde. „Meine Blume!“, ruft das Kind empört, als könnte es die Blume damit zurückholen. „Meine Blume!“ (22.12.)

Sehr eng zusammengefalteter Mantel

„Für das farbige Bild gilt nicht die Eigenfarbe der Dinge. Sie ändert sich mit ihrer Beleuchtung und Nachbarschaft anders gefärbter Dinge.“ Ernst Ludwig Kirchner

Und noch einmal Kirchner, über Fehmarn: „Ich male so viel wie möglich, um wenigstens etwas von den tausend Dingen, die ich malen möchte, mitzuschleppen.“

Eine Amerikanerin, wahrscheinlich aus Wyoming, im Bus: „The only thing we managed to eat was like a salad.“ (Berlin-Dahlem, 12.12.)

„Man hat kein Maß mehr, für nichts, seit das Menschenleben nicht mehr das Maß ist“, schreibt Canetti und benennt damit, vor über 70 Jahren, den Beginn unseres heutigen Dilemmas: die Maßlosigkeit der Deutschen.

Selbst einen wie Kirchner, den wilden Ernst, stelle ich mir vor als jemanden, der schlafen konnte – plötzlich, früh am Abend, noch in Kleidern, auf der kleinen abgewetzten Liege mitten im Steglitzer Atelier.

„Wir sind ernster als die Tiere“, schreibt Canetti. „Was wissen die Tiere vom Tod!“ Ja, hätte Canetti sich das mal gefragt: Was wissen die Tiere vom Tod? „Und welches ist die Erbsünde der Tiere?“, fragt er. „Warum erleiden die Tiere den Tod?“ Sie erleiden ihn nicht. Wer Tiere sterben sieht (nicht die Millionen, die täglich getötet werden, um uns zum Fraß zu gereichen), weiß augenblicks, dass das Tier stets ist, was es ist, noch im Sterben, ja noch im Tod. Es fügt sich nicht, sondern setzt dem Tod sein Wesen entgegen.

Großmutter, Oem, nahm die Wörter „Tod“ und „tot“ nicht in den Mund. Sie sprach von „de dood“ und „doud“, mitten in hochdeutschen Sätzen.

Jeder Geruch an deinen Fingern … zehn Stunden, und weg ist er, nur noch Erinnerung. Woran du dich erinnerst, ist es dasselbe, was du wiedererleben willst?

Forever West

Schreib ein Gedicht mit dem Titel „Wirklich in Wyoming“, obwohl du dort nie warst, nein weil du dort nie warst. Das Gras in Wyoming. Die Hunde in Wyoming. Die Bäume in Wyoming. Die Kinder von Wyoming. Die Frauen von Wyoming. Du, du in Wyoming, du fragst dich, ob es Wyoming wirklich gibt.

Am Postschalter steht ein Mann mit einem kleinen Paket, das ihm soeben der Postler ausgehändigt hat. „,Mantel‘ steht darauf“, sagt der Mann. Und der Postangestellte: „Sehr eng zusammengefalteter Mantel.“ (Fuhlsbüttel, 18.12.)

Bianchon

Warum das Kind in der Schule keine 2 schreibt: „Die Zweien sind ausgestorben.“

Sätze und Verse gibt es, die verfolgen, nein begleiten mich seit Jahrzehnten, damals herbeigeflogen und nie wieder fortgezogen: „Wieder in den Wicken erwacht, / am Morgen …“, „Abendsommerland, / die Mücken spielen …“, oder, seltsamer Ohrwurm: „I’m a poet, I’m a tumbler“. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Meine Sprache ist klüger als ich.

In Worpswede, der ganze Kunsthandwerk- und Kitschzirkus kann die so erregende wie erschütternde Schönheit vieler Bilder von Overbeck, Vogeler, Mackensen, Modersohn-Becker und anderen, zu Unrecht heute Vergessenen nicht kaputtkriegen.

Angeblich Balzacs letzte Worte: „Huit jours avec la fièvre! J’aurais encore eu le temps d’écrire un livre. Ah oui! … je sais. Il me faudrait Bianchon … Bianchon me sauverait lui!“ Horace Bianchon ist eine Gestalt Balzacs aus zwei Romanen der „Comédie humaine“: „Acht Tage Fieber! Da hätte ich ja noch ein Buch schreiben können. Ja! … ich hab’s. Ich bräuchte Bianchon … Bianchon würde mich retten!“

Du glaubst also, es gibt sie, die Schuld? Seit vielen Jahren frage ich mich, ob Schuld nicht eine Leerstelle ist, um die wir herumrennen, um sie einzukreisen und zu rufen: „Du bist schuld!“ oder „Ich bin schuld, ich!“ Bin ich’s? Bist du’s? Wer, wenn keiner von uns? Darauf bleib ich eine Antwort schuldig.

Das schöne englische Wort „lacuna“, die Lücke, aber die wirkmächtige. Das Nichts im Tag, in der Welt, die Lücke als integraler Bestandteil, das stützende Manko.

Ich habe diese ganzen Erinnerungen

Dichtung, nach der glücklicherweise unmaßgeblichen Ansicht Dieter M. Graefs, der über Rainer René Müller schreibt, diene der Wahrheitsfindung – was ein Schrott. Unwahrheitsfindung, das vielleicht. Wirklichkeitsfindung, schön wär’s. Unwirklichkeitsfindung – ja. Ja! Und daher: Widerstand. Poetischer Untergrund.

Ich bin mein eigenes Durchhalteradio.

Heute vor acht Jahren, am 29. November 2007 – liefst du durch Buenos Aires.

„Taumel, Taumel. Taumel, Taumel“, sagt die Waschmaschine im Abpumpgang, „Taumel, Taumel. Taumel, Taumel …“

Ein Pulk Pfadfinder stürmt in die S-Bahn. „Werft die Affen dorthin!“, ruft der Anführer, der etwas älter ist als die Jungs, und die schnallen ihre Rucksäcke ab und stapeln sie im Gang. (Barmbek, 29.11.)

„Check mal unsere LED-Acryl-Rentiere!“

Der Olympische Gedanke? Klei mi an‘ mors …! Auch Hamburgs Nein beim Referendum zur Olympia-Bewerbung für die Spiele 2024 ist ein Zeichen der Angst. Wie eh und je öffnet sich die Hansestadt nur dem Handel. Hamburgs Offenheit ist eine rein merkantile. Dabei wissen es die Leute besser, so offenherzig sie sind gegenüber jedem, der es erst geschafft hat ins Herz der Pfeffersack-City.

„I have all these memories I don’t know what for / I have them and I can’t help’em / some overflow and spill out like waves / some I will harbour for all of my days / I burnt like oil / you blew like a flower …“ Mark Kozelek, „Like A River“

Blasse Blumen

Von der „totalen Solidarität“ schwadroniert der us-amerikanische Präsident gegenüber dem französischen. (24.11.)

Schlagzeile: „Obama begnadigt Truthähne.“

Erinnere dich an die Weihnachtsstollen, die stets in der Adventzeit aus dem Osten kamen, aus Karl-Marx-Stadt und Dresden, und immer waren sie in der Mitte durchgebrochen. Blasse Blumen auf dem Pappkarton, der seltsam dünn war. Und damit der Stollen auch ja kam, schickte deine Großmutter Geschenkpakete los, nach Dresden, nach Langburkersdorf. „Müssen im Gespräch bleiben“, hieß das bei ihr.

Die Flüchtlinge, glaubst du wirklich, du kannst sie erkennen an den neuen Turnschuhen und den viel zu alten Handys, an dem dunklen Teint und dem großen Staunen?

Alte Familienerzählung: Einem zwar gelungenen Essen fehle dennoch „das Gewürz der Seligen“ – nämlich das der (wer weiß wann?) Verstorbenen im Reigen der Toten, die stets das Essen anbrennen ließ.

Was ich noch weiß

Meine Zweifel – so eine Art Peschmerga-Miliz in der Wüste rings um die Oasen meines Gemüts.

Auf dem abendlich dunklen Parkplatz steht ein Mann im Nieselregen, er hat einen Deckel im Pflasterboden hochgeklappt und leuchtet dort hinein, während irgendwo aus einem Auto der Singsang eines Muezzins ertönt. (Fuhlsbüttel, 17.11.)

Das Kind gibt zu: „Hamlet ist ein fantastisches Stück. Denn es handelt ja eigentlich vom Leben heute.“ Und das Kind erklärt dir: „Alles Wichtige, was zu sagen ist, wird bei jeder Aussage mit den ersten beiden Sätzen gesagt. Der Rest ist Schmuck.“

„Es gibt Geschichten, die Jörn schon erzählt hat. Wenn er sie noch mal erzählt, sind es nicht mehr dieselben Geschichten. Eine Geschichte, sagt er, besteht ja auch aus dem, was man nicht gesagt, was man weggelassen, verschwiegen oder vergessen hat zu erzählen. Wann ist eine Geschichte wirklich einmal vollständig und abgeschlossen, wo sie doch von Erfahrungen, Geschehnissen und Erinnerungen lebt, die einen unendlichen Hintergrund haben, einen Raum voller Leben und Zeit, die kein Aufhören kennt. Also immer aufs neue, immer weitererzählen … nein, sagt Jörn, darum geht es mir nicht. Um was geht es dir denn? Es gibt kein Konzept, sagt er, aber ich möchte herausfinden, was ich noch sagen kann, was ich noch weiß.“ Jürgen Becker

Das Kind wünscht sich, in eine Aufführung von Romeo und Julia zu gehen.

„So langsam ich lebe, sagt Jörn, und dabei merkt er, wie sich im Alter zunehmend die Binsenweisheiten einstellen, so schnell zieht das Leben weiter.“ Jürgen Becker

Erster Nachtfrost – erster Schnee.

Hasse nicht!

Helmut Schmidt ist gestorben, im Alter von 96 Jahren, in Hamburg, das ihm mehr verdankt, als sich sagen ließe – im Unterschied zur Bundesrepublik und dem Selbstverständnis ihrer Bewohner. Von Langenhorn, wo er immer lebte, bis zur Elbe will er in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 in acht Minuten gefahren sein, vollkommen unmöglich, auch wenn er sich als Bürgermeister gegen die Sturmflut stemmte. Ich war nie ein Anhänger oder gar Bewunderer Schmidts. Der Lotse? „Ihr Punker werdet’s auch noch lernen!“, rief er uns auf dem Rathausmarkt zu – und sprach „Punker“ aus wie „Bunker“. Adieu, alter Mann. Grüß Loki.

12. November: Zwei Wespen – Geschwister vielleicht – verirrten sich ins Wohnzimmer. Ich brachte sie ins Freie, wo sie erzürnt, mit zuckendem Hinterleib in die Luft stechend – wundervoll! – davonflogen. Und ich wusste: Sie sind wie wir.

Die zweiten Terroranschläge in Paris in diesem verfluchten Jahr (eines der schönsten meines Lebens). Deutlich wird nicht, dass wir uns im Krieg befinden, sondern dass der Krieg, den sie uns vor langer Zeit aufoktroyiert haben, ohne uns davon in Kenntnis zu setzen, endgültig Mitteleuropa erreicht hat. Glaub den Politikern nichts, nie wieder. Dennoch, die Kinder sind alt genug, um Freunde zu haben, die in Paris dabeiwaren und ihr Leben lang diese Nacht nicht vergessen werden. Stell dich gegen den Hass – hasse nicht!

Das Kind liest Shakespeare. In der Buchhandlung im Hauptbahnhof will es keinen Manga, sondern Hamlet. Auf dem Bahnsteig lacht es über Shakespeares alte Sprache. Aber das Kind liest, und liest, und liest weiter. „Nice“ findet es ihn, Hamlet!

Heute vor vier Jahrzehnten: Ich war zehn und kam hier an, in Hamburg. Erst Meckelfeld, dann Curslack, Bergedorf, Dulsberg, Barmbek, St. Pauli, Eppendorf. Dann Hoheluft. Holstenplatz. Portugiesenviertel. Dann Eimsbüttel. Und Klein Borstel. In Hamburg sagt man „tschüss“. In Hamburg sagt man: „Mit einem Messer im Rücken gehn wir noch lang nich nach Haus.“ Good old Hamburch, hier bin ich zu Haus. (15.11.2015)

Das Gegenteil von Blumen

„Ich zeig dir die Angst in einer Handvoll Staub.“ T. S. Eliot

Die Bürgerinitiave „Lebenswertes Dorf“ hat die geplante Unterkunft für Flüchtlinge im Stadtteil per Gerichtsentscheid stoppen lassen. Am Friedhofrand wird nun nicht länger gebaut. Es kann alles weiter totgeschwiegen werden.

Wanderung von Eckernförde nach Kiel, im weiten Morgenlicht Richtung Süden. Die Stille! Die Glätte der See! Die gelben Wälder und Hohlwege! Und wir, die einander erzählen. Von unserem langen Leben. (Kiel, 5.11.)

Ich frage mich: Bin ich ein Mensch mit Bleibeperspektive? Gilt für mich eine Residenzpflicht, und wenn nein: Warum nicht?

„Laub ist das Gegenteil von Blumen“, sagt das Kind.

Der gestrige 7. November war laut Meteorologen der wärmste je gemessene Tag mit diesem Datum in Deutschland. Heute fliegen bei warmer Mittagssonne die Wespen über die Gärten heran. Und auf der Straße sagt jemand: „Morgen werden die gelben Blätter an den Bäumen wieder grün.“

Das „Deutsch-Dominikanisches Finanzbüro S.A.“ legt mir per E-Mail „Kapitalbeschaffung mit finanzielle Hebel- ohne Wenn und Aber“ nahe – danke! Danke, danke!