Venceremos

Auf dem Parkplatz drüben, der Mitte
des grauen Morgens, lehnt eine Frau
mit Wintersonnenbrille an ihrem Auto.
Sie raucht hastig. Sie scheint zu warten.

Nur kommt keiner. Und es wird nicht hell.
Leichter Sprühregen, in dem sie ausharrt,
in die kahlen Wipfel zu den Krähen blickt,
auf ihre Uhr aus Gekrächz und Gekrächz.

Der Augenblick, vorbei. Der Paketdienst
liefert Pakete. Aus einem roten Reisebus
mit spanischem Schlachtruf an der Flanke
steigt ein Blasorchester. Worauf warten?

Such keinen Ausgang, such den Eingang.
Jeden erwartet viel Besseres als Träume!

Bär und Slogans

Auf Futtersuche, wie es heißt, sei im östlichen Sibirien ein ausgewachsener Braunbär in ein Einkaufszentrum eingebrochen und habe sich dort verirrt. Das große Tier. Das Gefährliche. Im Einkaufszentrum. Der Einkauf des Tiers. Im Zentrum. Das Tier, ausgewachsen, eingedrungen ins Zentrum: Bär, der Mensch sein will. Der Bär soll schließlich durch eine Wand gebrochen und so ins Freie zurückgelangt sein (er hat es uns gezeigt), und ich bin mir sicher: Er war erleichtert. Ein Polizist (Putins Onkel vielleicht, oder Putins Sohn, wenn er einen hätte), hat das Tier auf dem Parkplatz abgeknallt.

Das Agentenzentrum!

Slogan: „Fenster machen Häuser.“

Wandspruch an einem Haus mit der Nummer 37: „Merde 37.“

Der Nebel morgens über den Bankentürmen steigt aus den Schluchten des Bahnhofsviertels. (Frankfurt am Main, 19.10.)

Und wieder kommt die Kälte. Du fühlst sie, spürst sie, oder?

Slogan: „PEGIDA nach Aleppo!“

Und die Antwort lautet … nein. Es kommt keine Antwort.

„Ich spende mein Gesicht“, sagt das Kind.

Die drei wichtigsten Wörter: Nein. Doch. Wieso.

Am Morgen blickt das Kind aus dem Fenster und ruft, empört: „Es ist immer noch Herbst!“

Der hässlichste Buchtitel des Monats Oktober wurde gewählt: „Herzrasen kann man nicht mähen.“

Das Kind streichelt die Katze: „Genauso riecht das Pinguingehege im Tierpark.“

Die Poesie wird niemals sterben, aber du.

Ein selektives Gedächtnis

„ … Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön, / Liebend unterzugehen, / In die Fluten der Zeit sich wirft.“ Hölderlin, „Heidelberg“

„Nee, nee, nee!“ – ewiger Gesang derer in den nördlichen Regengebieten. (Zurück bei di, old Hamborch, 7.10.)

„Ich denke, ich habe ein selektives Gedächtnis“, sagt das Kind.

Erstaunlich, wie viele Leute in der Zwischenzeit so einfach in der Gegend herumstehen, an Kreuzungen, an denen der nichtsnutzige Verkehr vorüberbrandet, an Waldstücken, in denen nur die Bäume noch wachsen, in den Flughafenterminals, wo die Sicherheit ihr Reich hat und gegen die Verunsicherung verteidigt, vor den Schulen, wo wir alle einmal wussten, was wir nicht wollten. Da stehen sie und sehen in die Weltgeschichte hinein. „Hallo.“ – „Hallo.“ — „Hallo?“ — „Hallo!“

Wie doch jedes Buch, das neu erscheint – von dir, von einem anderen geschrieben – immer und für immer die Spuren des Manuskripts, das es einmal sehr lange war, und Erinnerungen daran trägt. Ich lese meine in diesen Tagen erschienene Übersetzung von Stevensons „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ und finde darin allenthalben meinen Alltag von vor anderthalb Jahren.

Stari Grad

Im Hafenbecken spüren die Fische, dass der Sommertrubel vorbei ist. Die Münder aus dem grünen Wasser gereckt, schnappen sie in große Gruppen zusammengedrängt zwischen den Booten nach Luft – immer in unsere Richtung. Oder wollen sie uns etwas verraten, uns warnen? (Stari Grad, 1.10.)

Im Museum des Dominikanerordens von Stari Grad eine Reisegruppe us-amerikanischer Senioren, allesamt auf Krücken oder am Stock. Als sie hinausgehumpelt sind, bin ich allein mit Tintorettos Pietà, gehe hinein in das Gemälde und empfinde die ganze Ergriffenheit und Rührung.

Der letzte Geruch jedes Landes: Kerosin.

Die Flugbegleiterin geht durch die Sitzreihen und singt: „Abfall! Abfall! Noch jemand Abfall? Dankesehr! Abfall! Abfall …“

Der Erste Geruch jedes Landes, jeder Stadt: Kerosin.

„Jetzt waren wir wenigstens etwas: wenigstens unglücklich.“ Peter Handke, „Die Abwesenheit“

Hvar

Die Kinder spielen vor dem zugesperrten, klinkenlosen Kirchenportal. Die Katzen schlafen im Park des Dichtersommerhauses, in dem verrostete weiße Gartenstühle stehen für eine Lesung vor Gespenstern. Auf den Steinstufen vor den leeren Altstadtboutiquen sitzen die Verkäuferinnen mit den Glitzerfingernägeln und lachen, weil niemand kommt. Der Wind bläst durch die Gassen seine drei Namen: „Die Bora!“, „Die Bura!“, „Der Boreas!“ Die Sprachen werden durch die Gassen getragen. (Hvar, 29.9.)

„Die Abwesenheit“ als eine von Peter Handkes zentralen Aussagen, eine Art heimliche Poetologie, ein „anschauliches Heim“: „Das Wahrnehmen blieb nie bloß äußerlich, sondern war jedesmal zugleich ein Innewerden, womit sich die Dinge als Farben, Formen und gegenseitige Beziehungen unvergeßbar in uns einschrieben und uns stärkten; die Sachen für sich, ohne dabei einen Gedanken ans Sammeln aufkommen zu lassen, erschienen uns als ein Wert: angesichts ihrer war es, als würden wir von etwas genesen. Wir waren voller Lust, sie zu umgreifen, zu betasten, zu messen und zu überliefern; verdiente nicht selbst ein unscheinbarer Grashalm bemerkt und wenigstens mit einem kleinen Ausruf weitergegeben zu werden? An unserem Entdeckertag war von ihm eine Neuigkeit abzulesen, welche uns, zusammen mit den ergänzenden anderen, jede nur denkbare Zeitung ersetzte.“ Und kurz darauf: „… an diesem Tag geschah mit dem Gehen und Immer-weiter-Gehen zugleich auch ein beständiges, unablässiges Ankommen.“

Hier haben die Todesanzeigen alle noch Gesichter: Hier sterben die Leute noch nicht einfach weg. Hier werden sie noch festgehalten, fest gehalten. Hier nimmt man den Tod noch nicht einfach hin.

Im Gras zu unseren Füßen

Die alten Frauen ganz in Schwarz, langsam wie die Hundertfüßler die Hauswände herabsteigen, gehen sie durch die engen Wohnstraßen. Sind sie denn wirklich alle in Trauer? Ja. Sie scheinen um das Leben zu trauern, das verstrichen ist, um die Kraft, die sie noch, aber bald schon nicht mehr haben, sie wissen, auf ihren Schultern ruht die Welt, und es ist ihnen egal, ob sie sich irren.

Schwalbe müsste man sein.

Am Notausgang schläft eine Nonne.

„Unten im Gras zu unseren Füßen ein fortwährendes Grünen, im Himmel zu unseren Köpfen ein pulsendes Blauen, und dazwischen, in Augenhöhe, das immer neu ansetzende Durch-die-Ebene-Ziehen und Die-Hänge-Emporsteigen der Wälder, die einzelnen Bäume, auch sie taten, wie in Betrieb, laternenhaft, in langen Reihen einer dem andern vorangehend, die Zweige sich tatkräftig kurvend – was war, ereignete sich, mit dem Takt des Schreibwerkzeugs, wieder und wieder, und wurde in einem fort, was es war.“ Peter Handke, „Die Abwesenheit“

Ein dunkelgrüner Streifen, ein gestreiftes Band läuft durchs türkise Wasser des Hafens – ein Zug sehr schmaler und ruhiger Hornhechte schwimmt dort vor deinen Augen in die besonnten Bereiche.

Die Moreška

Spätabends im gelben Laternenlicht vor der Hafenkirche proben junge Frauen und Männer aus dem Dorf ein mittelalterliches Ritterspiel mit Schwertkampf und pavanenartigem Tanz, die Moreška. Zeitlose Schönheit. Seltsam schwingende Tanzbewegungen, die den Kampf auflösen. Jede Regung ist Geschichte, Erzählung Symbol. T-Shirt, Jogginghosen und Turnschuhe tun dem keinen Abbruch, im Gegenteil, im Gegenteil. Im Reigen stampfen alle Jungs nacheinander ein Mal kräftig auf, und das Mädchen, dem der Junge den Arm hebt, dreht sich daraufhin. Und auf den gekreuzten zwölf Schwertern stehend wird der Dudelsackpfeifer in die Nachtluft gehoben – dem Musiker gebührt die höchste Ehre, er steht über allen Waffen. (Vela Luka, 26.9.)

Vela Luka

In den hohen Oliventerrassen,
wo Lavendel wächst, Fenchel, Majoran,
wenn du zwischen den Steinzäunen hindurch
dort in den Mittag wanderst, achte
auf den hornissengroßen Vogel
oder Fastvogel, Schwärmer,
sein Schwirren
von Blüte zu Blume,
Blume zu Blüte. Im Flug
taucht sein Schnabel in alles
bunte Offene, in jeden Lichtmund,
und es gibt für ihn keine Sonne, keine,
die zu schwach wäre. Lass Falter gaukeln!
Schwarze Raupe steigt vom Dach
des Trafostanicahäuschens
ins leuchtende Gras,
wartet auf nichts,
erwartet nichts,
geht und ergeht sich
mit einem Schwarm Luft
trinkender Fische als Beine. So
solltest du vielleicht auch gehen? Ja.
Komm und bleib eine Weile, bevor du
unten am Hafen verschwindest,
wo die Lastwagenfähre
lautlos die Bucht zerteilt und
im Schatten die Kräutergärten schlafen.

Der Regen in Vela Luka

Im Überlandbus von Vela Luka nach Korčula – voller Schüler, vielleicht, wahrscheinlich Gymnasiasten – beißen ein Mädchen und ein Junge im Wechsel von einer Tafel Schokolade ab. Und als die aufgegessen ist – man kann es ja nicht mitansehen –, fangen sie an mit Küssen. (Zwischen Blato und Žrnovo, 23.9.)

Heute wieder der Tag: „Ich habe am 23. September Geburtstag“, sagte zu mir im Sommer 1980, irgendwo im Harz, ein junges Mädchen, „mongoloid“, wie es noch hieß, als es uns gleich war, was wir den Mongolen oder denen, die uns an Mongolen erinnerten, mit einem solchen Wort antaten. Seit 35 Jahren denke ich an jedem 23. September – und nicht nur dann – an die Freundin aus der Mongolei meiner Vorstellung.

Keine Seltenheit und nichts Verwunderliches, dass man in Vela Luka sagen hört: „Ich wohne in den Olivengärten.“

Die zweite Nacht Starkregen, und ich höre das Prosagedicht von Francis Ponge, das die Geräusche der Regenmaschine abzubilden versucht: Zischen, Zischeln und Trommeln und Getrommel, Klopfen und Klöppeln, Rascheln, Rasseln, Rauschen, Rinnen, Klingeln, alle feinen Klänge. Aus sämtlichen Öffnungen der Geschäfte, Häuser, Schuppen, Baracken, Läden und Buden fließt das Wasser der Wolken heraus. Noch Stunden später tropft es in meinem Schlummer. Ponges Maschine ist eine lebendige, sein Gedicht eines, das lebt und unvergessen für mich bleibt.

Trogir

Eine ältere, sehr schmale und braungebrannte Frau geht baden im türkisblauen Wasser des Hafens von Trogir. Am Ufer unter den Pinien wartet ihr Hund, und sie ruft vom Wasser aus alle halbe Minute hinüber zu ihm, sodass er (damit er) weiter wartet.

Die Toten von Trogir – ihre Konterfeis werden in den Wochen vor der Bestattung an die Bäume im Uferpark geheftet.

Die Nächte in Split, Splitternächte. Zerstoßen, zerschunden, zermürbt vom Lärm in den Marmorgassen. Und immer die heulende, plötzliche Bora, die hier Bura heißt – ein feiner, aber sprechender Unterschied.

An Bord einer Auto- und Lastwagenfähre wie der „Kitty“ Überfahrt von Split nach Vela Luka auf Korčula. Immer wieder – viel zu selten – eine der schönsten und merkwürdigsten Empfindungen deiner Tätigkeit: etwas nachzuerleben, was du erfunden, dir ausgemalt und vorgestellt hast. Wo ist Lilith? „Ah, ich weiß …“

Wenn du an jeder Ecke, an jedem Felsenstrand denkst, gleich kommt Peter Handke hier lang, mit weißem Hemd und Cargohose – dann bist du auf dem Balkan, vielleicht nicht in Serbien, nicht in Bosnien, aber in Kroatien, in Dalmatien, immerhin!

Ich frage die Wirtin, wann es zuletzt geregnet hat in Vela Luka, und sie antwortet: „Kann mich nicht erinnern.“

Split

Ein bleibendes Bild: Bora Ćosić erzählt, immer wenn er nach Dalmatien fahre, kehre er heim mit einem Koffer voller Kartoffeln. (19.9., vor dem Abflug nach Split)

„Armes Deutschland“, sagt der deutsche Zollbeamte am Flughafen angesichts der endlos scheinenden Schlange aus Leuten, die nach Priština fliegen wollen.

Flughafen Split: „Bus Problem.“

Nachts in Split bricht über der Stadt ein solches Gewitter entzwei, dass du dir wie sein schwarzes Herz vorkommst. Dann der Starkregen, und das Getrommel und Geklopf aus allen offenen Rohren und in allen Mauernischen, stundenlang.

Dreibeinige Katze, die sich in eine Nische krümmt, Schutz suchend vor den Schuhkäuferhorden, meine Freundin.

Um den Wasserplaneten Split der breite Gürtel der „Trabantensiedlungen“.

„Wir mochten die Flüchtlinge, wir hätten sie gern hierbehalten, sie haben sogar ihren Müll eingesammelt und mitgenommen“, sagt die junge Kroatin. „Aber sie wollten nicht hierbleiben, sie wollten alle nach Deutschland.“

An der Riva von Split die Restaurantpromenade im ewigen Gestank der Kanalizacija, der Kloake Diokletians. (Split, 22.9.)

Meine Sonnenlichtgeschichte

Im Bambuswäldchen das Rascheln und Klacken der hellgrünen Blätter und dunkelgrünen Stämme, wenn der Wind das ganze Gebilde bewegt. (Arboretum Ellerhoop, 5.9.)

Ich habe drei Bücher mit ihm geschrieben und vier übersetzt: Mein Laptop ist gestorben.

Es riefen auch mal Krähen an. „Bist du“, fragten sie, „der Entkryptisierer?“

Der Gesang der Gelbbauchunke.

Liebeserklärung zu Zeiten Corneilles: „Im Übrigen hasse ich euch nicht.“

Aus der Ferne lese ich die Schlagzeile DER ROBOTER ALS OVID, doch da steht bloß … ALS CHEF. (Berlin, 13.9.)

Die Einwohner der südlich von Myanmar gelegenen Andamanen-Insel North Sentinel, vor über 5000 Jahren wahrscheinlich aus Afrika gekommen, verwahren sich seit Menschengedenken gegen jedweden Übergriff durch Fremde, gleichgültig, ob Angreifer, Zufallsgäste, auf das Eiland Versprengte oder Besucher. Neugier scheinen sie nie gekannt zu haben, Toleranz – ein Fremdwort. Oder? Niemand weiß es – weil es niemanden etwas angeht. 1981 strandete der Frachter „Primrose“ mit 33 Mann Besatzung auf einem North Sentinel vorgelagerten Riff und musste evakuiert werden. North Sentinel Island Die mit Pfeil und Bogen bewaffneten Insulaner verweigerten jeden Zugang zum Strand und beschossen noch den Helikopter, der die Männer nach elf Tagen schließlich von Bord des Schiffes, das aufgegeben werden musste, rettete. Zuletzt wurden lebende Sentinelesen vor neun Jahren gesichtet, aus der Luft. Aber auch nach dem verheerenden Tsunami von Weihnachten 2004 verweigerten sie den Kontakt mit der Außenwelt und blieben – Innenwelt. Ja, haben sie denn etwa kein Recht auf das Eigene? Ihnen vermutlich egal. Ich vermute, da prallen wir und ebenso sie zurück vor dem bewaffnet jeweils Anderen. Na und? Bewehrtes Hau-ab.

„Chronischer Lichtschaden“, sagt die Hautärztin und betrachtet sehr ernst durch ihre riesige Lichtlupe deine Haut. „Ihre Sonnenlichtgeschichte bereitet mir Sorgen.“

„Einbaumstraße“, sagt das Kind.

Der milde Herbstwind, wie er in die noch vollen Wipfel fährt – mich macht das Wogen der schon nicht mehr sommerlichen Äste sprachlos. Vielleicht weil es selbst so schöne Sprachlosigkeit ist. (Klein Borstel, 17.9.)

Bevor wir vergessen zu träumen – was dann?

Atlantic City

Seine Bedeutung lässt sich ermessen an vier Zeilen: „Everything dies, baby, that’s a fact, / but maybe everything that dies someday comes back, / put your make-up on, fix your hair real pretty / and meet me tonight in Atlantic City.“ Bruce Springsteen

Gespräch im Zug: „Nur noch 37% Akku.“ – „Ich 41.“ – „Und, gestern, die Family-Guy-Folge?“ – „Gut. Zu lang.“ – „Wie Dragonball wieder, so übertrieben?“ – „Fast. 36.“ – „Ich 41.“

Dem meisterhaften Rezitator zittert während des Vorlesens beständig die rechte Hand. Seine Gelassenheit kehrt zurück im Lokal nach einem Bier und zwei Glas Wein. Jedoch: Ist es nicht die Intensität des Vorgelesenen, was ihn derart erschütterte?“ (Bad Oeynhausen, 28.8.)

Morgens, die wilden Augen, die durcheinandergeratenen Brauen, als wärst du in der Nacht durch eine Bucht geschwommen.

„Durst ist schlimmer als Heimweh“, sagte zu mir gestern der Wirt und wirkte traurig.

In der Luft über dem Waldrand, der das Amphitheater säumt – früher ein Baggersee –, taucht ein Fischreiher auf – und dreht ab, als er die Menschenmenge in dem Rund gewahrt, um sie in weitem Bogen zu umfliegen.

„Hilfe!“, ruft das Kind. „In meiner Klasse sehen alle gleich aus.“

Im Treppenhaus an den Wänden entdeckt, im Gegenlicht: übertünchte alte Wandsprüche, Liebesbekenntnisse, Flüche und Segen, Dinge, die nur die Wände verstehen: „A + B, 10.3.55“

Wer oder was ist es, der oder das da ruft im Hintergrund von Springsteens „Atlantic City“? Eine bestimmte Stimme? Stimme des Lebens? Der Erinnerung? Die Stimme dessen, was immer da ist?

Sehnsucht nach einer Senfsemmel

„You can’t stop growing old.“ Placebo

Die Leere, wenn die Kinder wieder weg sind, ist nie nur die nach dem mit Trubel und Leben erfüllten Wochenendtagen. Es ist immer auch die Leere von vor zehn, elf Jahren, immer auch die des Trauerschmerzes seither.

Ist es nicht auch schön, dass dir deine Augen immer schlechter werden?

Ah, bese(e)ligende Wehmut – Mut zur Traurigkeit –, spätabends durch die Innenstadt des Kindheitsvororts zu fahren. Musik läuft, die ist erst halb so alt: Without you I’m nothing. Und vorbeifliegen Orte, die es nicht mehr gibt, nur noch in mir (aber wer will das sagen), Einkaufszentrum, Busbahnhof – alles sah ganz anders aus, viel kleiner, viel schmächtiger, viel einfacher, so wie du selbst. Wo jetzt eine Glaswand ist, stand ich als Junge, mampfte die ritualisierte Senfsemmel und staunte wütend in die Welt. Und keinen hat es gekümmert. Wenigstens das ist unverändert geblieben.

Das Kind fährt nicht mehr Fahrrad – wegen des Helms, wegen der Helmfrisur.

Da ich nicht weiß, wie ich mit der Smartphone-Tastatur den Akzent auf meinen Nachnamen bekomme, tippe ich seit Monaten „José“ ein, weil das Programm den Namen vorgibt, und ändere dann das „Jos“ in „Bonn“. Langsam, merke ich, werde ich ein anderer. Wer bist du, Mirko José?

Hier ist kein Fenster zu irgendeiner Seele. Die Fenster zur Seele, wenn die Seele denn Fenster hat, sind mit Matratzen verbarrikadiert und dunkel hinter zugezogenen Vorhängen.

Das Gras ist ein rätselhafter Lichtspalt.

Tot. Tot. Tot. Am Leben

Da ist er wieder: der auf Zehenspitzen, mit durchgestrecktem Rücken, erhobenem Kopf und oft ausgebreiteten Armen und sehr geradeaus blickendem Gesicht vor dem Haus vorübergehende Mann – der so erstaunlich unwirsch ist, wenn du ihm zu nahe kommst. Der unfreundliche Engel. (18.8.)

„Sie sind ein KA28B-Fall, ich verstehe“, sagt die Dame vom Telekom-Störungsdienst am Telefon.

„Alle tot“, sagt der alte Dichter, während er in seinem Telefonverzeichnis blättert. „Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Aber der S., wo ist der? Der ist doch noch nicht tot … Aber die hier: tot. Tot. Tot. Tot …“

„Ach, Elend. Nicht mein Tag …“ – was soll das bedeuten? Gerade die elenden Tage sind und waren ja schon immer deine. Und haben dich zwar nicht weitergebracht, nein, wohin auch, aber doch spüren lassen, was du bist: am Leben. (21.8.)

Keinen Trinker darfst du verdammen. Die Trinker ertrinken – und sie zeigen dir den Weg, der ins Ertrunkensein führt.

Trakl hatte recht, nicht absolut, sondern wirklich: Alle Menschen sind der Liebe wert. Jeden könntest du lieben. Die Frage ist nur: Warum tust du’s nicht?

Die Frau mit den schönen Wimpern: In der S-Bahn steht einer auf und sagt zu ihr: „Entschuldigen Sie, Ihre Wimpern … sind wunderschön“ – und geht und steigt aus. Erst da fällt dir auf, wie recht er hat.

Eine Zeitlang war ich in einem Baumklub. Aber irgendwann wurde ich hinuntergeworfen.

Lauter Lügen

Freunden ist ihr Hund gestorben. Seither sprechen sie nur noch das Nötigste miteinander.

Schuldenerlass für Griechenland? Nicht mit uns raffgierigen Angestellten des Konzerns Deutschland. Ausgeklügelte Finanzjochs der Noch-und-Nöcher-Macher: Dafür, dass die Griechen weitere Milliarden geliehen bekommen, erwirbt der Frankfurter Flughafen das Recht, griechische Flughäfen aufzukaufen.

„Wohin versinkt unaufhörlich, was wir erleben?“ Angela Krauß

Es gibt keine Verbesserung deiner selbst, die du eigenmächtig herbeiführen könntest. Das einzig Förderliche am Glauben an eine Selbstoptimierung ist, dass er deine Mängel offenbart, dein Mangelempfinden! Setze auf die Selbstmarginalisierung. Am Rand, da ist noch Luft, wenn auch nicht nach oben.

Im Regen geht eine Weinende vorbei.

Peter Waterhouse macht darauf aufmerksam, dass die Dichtung der Wiederholung und des Gesangs, des Repetierens und Memorierens in Paul Celans Sammlung „Die Niemandsrose“ bereits mit dem Titel und der Widmung einsetzt, nämlich im dreifachen Nennen der Silbe „mand“: „Die Niemandsrose – Dem Andenken Ossip Mandelstamms“. Die NieMANDsrose – DeM ANDenken Ossip MANDelstamms.

Lauter Lügen. Lüg lauter!

Der liebe Freund schenkt mir ein schmales dunkelgrünes Buch, das seit seiner Herstellung vor 30 Jahren in seine Folie eingeschweißt ist – ein unberührtes, wie verwunschenes Büchlein. Und nur zehn Wörter muss ich lesen, und ich weiß wieder, warum das alles: „… unvermittelt betrat man eine Zone gespitzt lauschender Stille, die, Freundin des Wassers wie der Nebel, lediglich das flache, schnelle Abtropfen der gehobenen Ruderblätter brach“, schreibt Julien Gracq in seinen Kindheitserinnerungen an das Loire-Nebenflüsschen Evre „Die engen Wasser“.

Die letzte Möglichkeit zur Bereinigung der Bilder

Mit demselben Stoß Jungs, den der Wind durchs Städele getrieben hatte (erinnerst Du Dich, mein Leser?), fuhr ich im Bus durch den Schwarzwald, von Elzach nach Haslach, von Haslach nach Hausach. Ihr Anführer war Südamerikaner, er trug einen verwegenen Schlapphut und wurde von den anderen „Gilette“ genannt.

Manchmal habe ich ein Wespenherz.

Die Trauer ist der eigentliche Abschied, nicht mehr oder nicht nur von dem Menschen, den man verlor. Sie ist die letzte Möglichkeit zur Bereinigung der Bilder, die man sich von dem Verlorengegangenen gemacht hat. Die Trauer ist das letzte wirkliche Gespräch, und ich glaube , mag irren, jeder sollte dafür allein mit sich sein, auch wenn er es nicht ist.

Ich las „Götter-“ statt „Güter-“: Götterabfertigung.

Am Rand des Waldhangs entlang fliegt ein alter Habicht in Wipfelhöhe, landet in einem Apfelbaum, kackt und fliegt dann erleichtert weiter und um die Ecke.

„In den Brachfeldern“ – Name einer Straße, an der zwei Supermärkte, sieben Lagerhallen und eine Neubausiedlung liegen.

Geh über den Narrensteg, so oft wie möglich.

Am Wegrand ein riesiger Birnbaum, mit so kleinen gelben quittenartigen Früchten, dass sie wie seine Blätter anmuten. Schöner Gefährte!

„Außerhalb unser gibt es kein Feuer.“ André du Bouchet (übertragen von Paul Celan)

Das Kieselereignis

Beleuchtete Platane, nachts im Regen: Jedes einzelne Blatt streckt sich, und der ganze Baum zittert und klingt vor Wasser und Licht. (Freiburg, 9. August 2015)

Traum in der stickig heißen Regennacht: Ich hatte ein Zimmer am Meer, doch diese See war ganz aus Sand. Überall: die Dünung und Brandung versandet, überall Sandburgen, aber alle halb zerfallen und verweht. Ich fragte meine Wirtin, wo denn das Wasser sei, und sie führte mich ums Haus. Dort brauste blau und schwarz die wilde See. Es wurde Abend, und die alte Frau sagte zu mir: „So wie mein Haus, so ist Ihr Leben.“

Die Kindheit hat nie aufgehört. In Elzach im Schwarzwald gestrandet, kann ich zwei Stunden lang einen Pulk Jungs beobachten, die sich in dem vor Ödnis krachenden Städtchen, dem Städele, herumtreiben und von einem geschlossenen Geschäft zum nächsten und wieder zurück und so immer fort hin und her geweht werden. Wie viele solcher Sommernachmittage verbrachte ich in Waakirchen, als ich neun oder zehn war! Jeder Kieselstein war ein Ereignis, jeder Fremde ein Raubritter, jede nackte Achsel einer Frau verfolgte mich wochenlang im Schlaf. (Elzach, 10.8.)

Aus einer E-Mail: „Bei der Sonne habe ich angerufen und das Zimmer abbestellt. Ich wohne jetzt für zwei Nächte in der Blume.“

Die Wien

Am Wiener Stadtpark entlang fließt der Fluss, der der Stadt den Namen gibt, die Wien, einbetoniert, schnurgerade, durch Röhren und Tunnel, ein nach drei Hitzewochen beinahe ausgetrocknetes Rinnsal. (Wien, an der Wien, 3.8.)

Seltsames Wien: Durch Graben und Kärntner Straße, vorbei an der Pestsäule, strömen wie durch die venezianischen Hauptadern die Touristen in unfassbarer Menge, zehn, zwanzig Schritt abseits in den Nebenstraßen und -gassen aber ist es still, streunen die Vereinzelten und Vereinsamten und sitzen sie, die Sitzengebliebenen, in den Cafés und den Kaffeehäusern. Der Stumpfsinn der Leute, die zu reisen glauben und vielleicht sogar von Herzen gern reisen würden (was weißt du von ihnen – nichts) – am deutlichsten wird er wohl in den Innenstädten der Touri-Hochburgen. Natürlich sind wir alle Flüchtlinge, oder nenn es Geflüchtete. Flüchtig sind wir eh. Unendlich viel zu entdecken gäbe es, auf Abwegen, in Steinwurfnähe.

Mark Kozelek, Wien, 3. Aug. 2015 Der wundervoll übellaunige Mark Kozelek („Hello, Australia – I’ve never been to Melbourne!“) mit seinen Sun Kil Moon: spielte, wenn er trank, einhändig Gitarre, sang minutenlang ohne Mikro, erzählte von seiner Kindheit in Ohio und war dabei ganz da und unverwechselbar, unverbesserlich. Hochkomplex und diffizilst, zugleich aus Dekonstruktion und Rock’n’Roll zu kommen, vom Alltag zu spielen und zu singen („Yesterday morning I woke up to so many 330 area code calls / I called my mom back and she was in tears and asked had I spoke to my father / Carissa burned to death last night in a freak accident fire / In her yard in Brewster her daughter came home from a party and found her“ – „Carissa“, 2014) und dabei lebendig zu wirken, indem du es bist. (Arena Wien, 3.8.)

Dreibeiner

In der Schule des Frauengefängnisses verboten: Küsse.

„I care for the animals / that gather round my house / for my sister’s children / and I care for my garden“ Mark Kozelek

Und wieder heißt es: „… in den Tod gerissen …“, von einem Terroristen, einem Selbstmordattentäter. In den Tod gerissen, wie muss ich mir, soll ich mir das vorstellen? In-den-Tod-Reißen heißt doch wohl eigentlich In-den-Tod-Mitreißen oder -Mithineinreißen. Jemanden in etwas hineinreißen kann ich aber doch nur, wenn ich selbst darin bin, selbst darin fest stehe und Stand habe, oder? In den Tod reißen kann ich jemanden nur, wenn ich selbst tot bin! Diese Menschen leben also nicht?

Vergessen, oder halb vergessen, Leonard Cohens Vers von dem dreibeinigen Hund im Nebel (pseudoromantischer Schmu) – aber, seltsam: Da sehe ich doch in letzter Zeit immer wieder dreibeinige Hunde (wenn auch nicht im Nebel), sogenannte Dreibeiner.

Lancelot und sein Ozelot.

Zusammen Pferde sein

Meer und Fjorde, die weiten Felder, der schmale, niedrige Wald, und beinah beständiger Wind, eine große Leere, die aber völlig erfüllt ist, als ein See voller Schwäne und endlich der Mohn. (Thy, 22.7.)

„Irgendwann sah die Welt so aus“, sagt das Kind und zeigt es dir: „Es gab nichts, nichts als Gras.“

Slogan: „Die Schweiz wird schuppenfrei.“

Goddammit.

„Wollen wir zusammen Pferde sein?“, fragt das Kind.

Noch einmal zu dem, was du gestern sahst im Thy, zu den blassen, aber vollen Farben, den Weiten: „Eine Landschaft, ,in extremis‘ gesehen (ohne dass man irgendeine Melancholie empfände, weil man sie auf diese Art überrascht, ganz im Gegenteil). Etwas, das sich auszehrt, sich klärt, ehe es schwindet; sich verklärt, wenn man so will, jedoch bescheiden, fast unbemerkt vorübergehend, sich verbergend. Etwas letztes auch, oder besser: vorletztes; fast schon Dunkelheit, und in gewisser Weise unüberwindlich; man sagt sich, darin könnte man nicht spazierengehen, auch Wolken, Nacht wenn man es wollte, oder es wäre so wie jene Trugbilder, die sich auflösen, sobald man näherkommt oder sich ihrer zu vergewissern sucht. Ein kurzer Augenblick vor der Nacht, eine Erhellung? Keineswegs: ein anderer Zustand der Farben, etwas wie ihre eigene Erinnerung, ihr Abschied, enthalten in ihrer Gegenwart.“ Philippe Jacottet (deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz)

Der Freund, das Glück in den Augen, hoffnungsvolles Glück sein ganzer Körper, als er in die kühle See taucht – die lesbare Freude am Wasser. (Klitmøller, 22.7.)

„… Freude regte sich in seiner Brust; er wünschte plötzlich, eine Mauer möge aus dem Boden herauswachsen und ihn nicht weiterlassen, und er bliebe dann allein mit der Vergangenheit zurück.“ Tschechow, „In der Schlucht“

Hvide Sande

Hvide Sande, AbendIn den Grasdünen eine ganz eigene Landschaft – die nur sich selbst gehört, d. h. dem Meeresstrand, d. h. der See. Die grünen Wellen, das wogende Gras, die Sandbrandung. (Søndervig, 18.7.)

Ein Regentag in Jütland. Alles scheint langsamer in einem warmen Wind, sogar die großen Seemöwen über den halb in den Strand gesunkenenen Geschützbunkern.

Die unaufdringliche Akkuratesse und schlichte Schönheit der dänischen Häuser – so stelle ich mir Inneneinrichtungen im antiken Griechenland vor. Europa und seine Zimmer.Das Klatschmohnhaus

Auch das mal so stille, schöne, beschauliche, dabei stets eigene, bedächtige und achtsame Dänemark – nur mehr Einkaufszentrum, Gewerbemischgebiet, der quasi-amerikanische Schatten seiner selbst. Farvel, Danmark.

Ja, das bist du: in den Dünen der Eisverkäufer im Dauerregen. Der mit dem glückselig hoffnungsfrohen Lächeln – das ihm aus dem Gesicht rutscht.

Baum und WolkenDie Wege auf Hvide Sande, die vom Strand landeinwärts durch die Dünen führen, heißen nach an der Landzunge gestrandeten Schiffen – ganz so, als könnten die Namen den Schiffbrüchigen, die Flüchtlinge geworden waren, Wegweiser sein. (Lyngvig Fyr, 21.7.)

Jeden Morgen und jeden Abend suchen sie ihre Sträucher auf, ihr Gras und ihre Wege durch die Luft: zwei Feldhasen und ein Schwarm Stare. Dünenhasen, Dünenvögel, hier zu Haus.Schleierwolke

Wie weit die Weite, wie blass und alt und voller Kraft die Farben, je weiter du nach Norden kommst! Das flache Land allein kann das nicht erklären. Das Erklären scheint abzunehmen, es hört im Norden ebenso auf wie im Süden.

Wirst du besessen?

Auf dem Parkplatz der Bürostadt war Markt, eine blaue Krähe stocherte in altem Laub nach Kirschen. (Hammerbrook, im Juli vor neun Jahren)

„Sterben ist wie ein Biß, der endlich sitzt.“ Nicolas Born

Alles an dem Polsterer, der den alten Sessel begutachten kommt, sieht gepolstert aus: Schuhe, Nase, Bauch, die Augen. Was er sagt, klingt gepolstert, Wörter wie Sofas und Sätze wie Sofaecken. „Wird er besessen?“, fragt der Polsterer und deutet auf den Sessel, so, als würde er nicht wagen, den Sessel selbst zu fragen.

Als ich in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs die Neonreklame in einem Schmuckgeschäft las – Beju –, dachte ich augenblicklich an Paul Celan. In dessen letztem Gedichtband „Lichtzwang“ von 1970 heißt das vorletzte Gedicht „Du sei wie du“, und Celan lässt die Titelzeile ausklingen mit einem „immer“: Du sei wie du, immer. Die Angst, die Profanisierung der Poesie könnte mittlerweile viel weiter fortgeschritten sein, als ich glauben mag. Doch ist „Beju“, so fiel mir nach stunden- – stunden-! – langem Grübeln endlich auf, natürlich ein Wortspiel mit dem französischen Ausdruck für Schmuck: bijoux. Aber doch nicht nur. Be you. Eigentlich ja: be yourself. Und Celan rückt wohlweislich ein schmales, aber so bedeutsames „wie“ zwischen dich und dein Du. Denn dein Bild von dir, das wirst du nie erreichen. Immernie. Sosehr du dich damit schmückst. (St. Georg, 16.7.)

Schon mal mit einem geliebten Gedichtband in der Gesäßtasche in einem hochsommerlich aufgeheizten Dachboden gestanden, im Wespenlicht? Ein echtes Erlebnis.

Der Kummer in der Milch

Gegen Ende fällt in seinem Roman „Der See“ selbst einer wie Gerhard Roth auf die blutrünstige Lockung von Spannungs- und Verstörungsramsch herein. Splatter pose. Doch immer wieder wühlt sich schöne Poesie ins Freie: „Er faltete die Hände vor dem Bauch zusammen, bewegte die Lippen, ging zwischen den Bäumen herum und riß Äste und Blätter herunter. Er war anfangs vor den Bäumen gestanden wie vor großen Problemen.“ Oder der Schluss, der nach viel Hanswursterei versöhnt. Wundervoll, die ganz unprätentiöse Syntax, die so blass daherkommt und doch so lebendig macht, weil sie dich in deiner Freiheit fordert: „Ein Schwarm Stare erhob sich aus den Weingärten. Eck hatte plötzlich das Gefühl, selbst ein Vogel zu sein, der schwerelos auf das Blau des Himmels zuflog, während vor ihnen die Stare begannen, ihre rätselhaften Zeichen in die Luft zu malen.“

Griechenland – die so genannte Finanz- oder Schuldenkrise ist in Wahrheit eine Politik- und Demokratiekrise. Die Habgier verhindert das Teilen, mithin das behutsame Regieren und Regiertwerden. Das Teilen aber ist immer notwendig, d. h. nötig, um eine Wende herbeizuführen. Das Teilen ist dasjenige, an dem es uns Europäern gebricht, weswegen ein vereintes Europa auch nicht der Wirklichkeit entspricht. Wir sollten jedem Flüchtling, der zu uns kommt, allein schon deshalb dankbar sein, weil er uns die Augen öffnet für unsere eigene Ich-Angst und Ich-Sucht. (6. Juli 2015)

Sommerhitze. Die Leute sitzen auf den Stufen vor ihren Läden und erwarten den Regen. Und wenn er dann einsetzt, gleichgültig, wie stark sein Prasseln und Pladdern, bleiben sie noch eine ganze Weile sitzen. So, viel öfter, leben. (Fuhlsbüttel, 7.7.)

Die blauen Mädchen gehen langsam durch den Sommerregen nach Hause, sind ja Pfadfinderinnen.

„I live in a city sorrow built, / it’s in my honey, it’s in my milk.“ The National

Erzähl noch mal, von dem jungen Mann, der in die Bank kommt, um eine Überweisung zu tätigen, und nur einen Stiefel anhat. Der andere Fuß ist nackt, und so steht er vor dem Schalter. Wo war das noch? Überall! So steht jeder, immer, in einer Bank vor einem Schalter, um eine Überweisung zu tätigen.

Vor dem Supermarkt an eine Laterne geleint wartet ein großer schwarzer Hund, der ich sein könnte.

Im Schatten des Waldrands stehen zwei gesattelte Pferde. Ihre Reiter, ein Wankender, eine Kichernde, trinken an der Waldschenke im strömenden Regen Weißwein und Bier, Bier und Weißwein, ehe sie aufsitzen und davontraben in die graugrüne Brandung. (Rissen, 12.7.)

Das Holz der toten Jahre

Berliner Tratsch: Futter für vertrocknete, verhungerte Herzen. Herzfraß.

Selbst bei den sogenannten Inklusionsklassen spricht man von Förderung der Stärken und vom Ausgleich der Schwächen von Schülerinnen und Schülern. Warum nicht Schwächen fördern und Stärken ausgleichen? Wieso nicht Schwächen stärken? Und Stärken schwächen! Peter Handke forderte schon vor 30 Jahren einen mongoloiden Bundespräsidenten für die Republik Österreich, von dem dann so manches zu lernen wäre. Ein starkes Stück! (1.7.)

„Jetzt ist Pizza angesagt!“ – „Morgen erst mal Schwimmen angesagt.“ – „Zuerst bin jetzt ich angesagt …“ – wie viele Leute heutzutage Bahnhöfe sind. Oder Bahnsteige? Aber noch mehr scheinen mir aufgegebene und lange verlassene Regionalbahnhaltestellen zu sein, an denen nur noch der Wind aus den Lautsprechern kommt: „Jetzt ist erst mal Wind angesagt …“

Hitzetage, nah an 40 Grad. Im Treppenhaus kracht das Holz jeder Stufe. Es scheint lauthals erzählen zu wollen von vergangenen heißen Sommertagen, Hitzefrei-Tagen, Kindern, die im kühlen Treppenhausschatten saßen. Aber das Holz der toten Jahre kracht bloß.

Graspause

Das Gras scheint in seinem Wachstum wider Erwarten eine Pause einlegen zu können! Was Mut macht, dass auch ein Grasende möglich ist.

Das Tier in der Tasche

„Immer wenn ich einem wirklichen Menschen begegne, vergesse ich alles, was ich gekannt habe.“ Angela Krauß

1852 malte Eugène Delacroix eine Studie aus der Erinnerung und schrieb darüber, jetzt atme die Landschaft auch ohne seine Lunge.

Im Flughafen Wien-Schwechat wird ein Passagier Franziskus ausgerufen, und die Leute blicken einander lächelnd an, um nicht nach dem Papst Ausschau zu halten.

Das Tier in der Stofftasche, das der Flugpassagier neben mir mit sich führt – es scheint wechselweise Angst zu haben und neugierig zu sein. Irgendwann, schon in der Luft, wechseln beide Empfindungen so schnell, dass das Tier einschläft.

Eugène Delacroix

„Das Bier kühlte seinen Körper, er spürte es unter der Bauchdecke fließen wie eine Infusion. Ein Segelschiff tauchte gravitätisch im schmalen Kanal zwischen dem Schilf auf. Eck war glücklich, aber er wußte nicht warum. Er bekam nasse Augen. Schwalben flogen zwitschernd über dem Wasser.“ Gerhard Roth, „Der See“

Eigentlich das wichtigste Wort meiner Zeit: „eigentlich“.

Die Beschreibung des katastrophalen Einzelnen, der Vereinzelung – ein nicht großartiges, ein wundervolles Buch ist Gerhard Roths „Der See“.

Weder bin ich Nutzer noch Verbraucher. Ich bin ein Braucher und ein Verschwender. Es ist mir das Glück, gebraucht zu werden, und mein Unglück ist oft, dass ich mich an vieles und so manchen bloß verschwende. (26.6.)

Foto: Eugène Delacroix, Daguerreotypie, 1842, aufgenommen in Frépillon von Léon Riesener