Tot. Tot. Tot. Am Leben

Da ist er wieder: der auf Zehenspitzen, mit durchgestrecktem Rücken, erhobenem Kopf und oft ausgebreiteten Armen und sehr geradeaus blickendem Gesicht vor dem Haus vorübergehende Mann – der so erstaunlich unwirsch ist, wenn du ihm zu nahe kommst. Der unfreundliche Engel. (18.8.)

„Sie sind ein KA28B-Fall, ich verstehe“, sagt die Dame vom Telekom-Störungsdienst am Telefon.

„Alle tot“, sagt der alte Dichter, während er in seinem Telefonverzeichnis blättert. „Tot. Tot. Tot. Tot. Tot. Aber der S., wo ist der? Der ist doch noch nicht tot … Aber die hier: tot. Tot. Tot. Tot …“

„Ach, Elend. Nicht mein Tag …“ – was soll das bedeuten? Gerade die elenden Tage sind und waren ja schon immer deine. Und haben dich zwar nicht weitergebracht, nein, wohin auch, aber doch spüren lassen, was du bist: am Leben. (21.8.)

Keinen Trinker darfst du verdammen. Die Trinker ertrinken – und sie zeigen dir den Weg, der ins Ertrunkensein führt.

Trakl hatte recht, nicht absolut, sondern wirklich: Alle Menschen sind der Liebe wert. Jeden könntest du lieben. Die Frage ist nur: Warum tust du’s nicht?

Die Frau mit den schönen Wimpern: In der S-Bahn steht einer auf und sagt zu ihr: „Entschuldigen Sie, Ihre Wimpern … sind wunderschön“ – und geht und steigt aus. Erst da fällt dir auf, wie recht er hat.

Eine Zeitlang war ich in einem Baumklub. Aber irgendwann wurde ich hinuntergeworfen.

Lauter Lügen

Freunden ist ihr Hund gestorben. Seither sprechen sie nur noch das Nötigste miteinander.

Schuldenerlass für Griechenland? Nicht mit uns raffgierigen Angestellten des Konzerns Deutschland. Ausgeklügelte Finanzjochs der Noch-und-Nöcher-Macher: Dafür, dass die Griechen weitere Milliarden geliehen bekommen, erwirbt der Frankfurter Flughafen das Recht, griechische Flughäfen aufzukaufen.

„Wohin versinkt unaufhörlich, was wir erleben?“ Angela Krauß

Es gibt keine Verbesserung deiner selbst, die du eigenmächtig herbeiführen könntest. Das einzig Förderliche am Glauben an eine Selbstoptimierung ist, dass er deine Mängel offenbart, dein Mangelempfinden! Setze auf die Selbstmarginalisierung. Am Rand, da ist noch Luft, wenn auch nicht nach oben.

Im Regen geht eine Weinende vorbei.

Peter Waterhouse macht darauf aufmerksam, dass die Dichtung der Wiederholung und des Gesangs, des Repetierens und Memorierens in Paul Celans Sammlung „Die Niemandsrose“ bereits mit dem Titel und der Widmung einsetzt, nämlich im dreifachen Nennen der Silbe „mand“: „Die Niemandsrose – Dem Andenken Ossip Mandelstamms“. Die NieMANDsrose – DeM ANDenken Ossip MANDelstamms.

Lauter Lügen. Lüg lauter!

Der liebe Freund schenkt mir ein schmales dunkelgrünes Buch, das seit seiner Herstellung vor 30 Jahren in seine Folie eingeschweißt ist – ein unberührtes, wie verwunschenes Büchlein. Und nur zehn Wörter muss ich lesen, und ich weiß wieder, warum das alles: „… unvermittelt betrat man eine Zone gespitzt lauschender Stille, die, Freundin des Wassers wie der Nebel, lediglich das flache, schnelle Abtropfen der gehobenen Ruderblätter brach“, schreibt Julien Gracq in seinen Kindheitserinnerungen an das Loire-Nebenflüsschen Evre „Die engen Wasser“.

Die letzte Möglichkeit zur Bereinigung der Bilder

Mit demselben Stoß Jungs, den der Wind durchs Städele getrieben hatte (erinnerst Du Dich, mein Leser?), fuhr ich im Bus durch den Schwarzwald, von Elzach nach Haslach, von Haslach nach Hausach. Ihr Anführer war Südamerikaner, er trug einen verwegenen Schlapphut und wurde von den anderen „Gilette“ genannt.

Manchmal habe ich ein Wespenherz.

Die Trauer ist der eigentliche Abschied, nicht mehr oder nicht nur von dem Menschen, den man verlor. Sie ist die letzte Möglichkeit zur Bereinigung der Bilder, die man sich von dem Verlorengegangenen gemacht hat. Die Trauer ist das letzte wirkliche Gespräch, und ich glaube , mag irren, jeder sollte dafür allein mit sich sein, auch wenn er es nicht ist.

Ich las „Götter-“ statt „Güter-“: Götterabfertigung.

Am Rand des Waldhangs entlang fliegt ein alter Habicht in Wipfelhöhe, landet in einem Apfelbaum, kackt und fliegt dann erleichtert weiter und um die Ecke.

„In den Brachfeldern“ – Name einer Straße, an der zwei Supermärkte, sieben Lagerhallen und eine Neubausiedlung liegen.

Geh über den Narrensteg, so oft wie möglich.

Am Wegrand ein riesiger Birnbaum, mit so kleinen gelben quittenartigen Früchten, dass sie wie seine Blätter anmuten. Schöner Gefährte!

„Außerhalb unser gibt es kein Feuer.“ André du Bouchet (übertragen von Paul Celan)

Das Kieselereignis

Beleuchtete Platane, nachts im Regen: Jedes einzelne Blatt streckt sich, und der ganze Baum zittert und klingt vor Wasser und Licht. (Freiburg, 9. August 2015)

Traum in der stickig heißen Regennacht: Ich hatte ein Zimmer am Meer, doch diese See war ganz aus Sand. Überall: die Dünung und Brandung versandet, überall Sandburgen, aber alle halb zerfallen und verweht. Ich fragte meine Wirtin, wo denn das Wasser sei, und sie führte mich ums Haus. Dort brauste blau und schwarz die wilde See. Es wurde Abend, und die alte Frau sagte zu mir: „So wie mein Haus, so ist Ihr Leben.“

Die Kindheit hat nie aufgehört. In Elzach im Schwarzwald gestrandet, kann ich zwei Stunden lang einen Pulk Jungs beobachten, die sich in dem vor Ödnis krachenden Städtchen, dem Städele, herumtreiben und von einem geschlossenen Geschäft zum nächsten und wieder zurück und so immer fort hin und her geweht werden. Wie viele solcher Sommernachmittage verbrachte ich in Waakirchen, als ich neun oder zehn war! Jeder Kieselstein war ein Ereignis, jeder Fremde ein Raubritter, jede nackte Achsel einer Frau verfolgte mich wochenlang im Schlaf. (Elzach, 10.8.)

Aus einer E-Mail: „Bei der Sonne habe ich angerufen und das Zimmer abbestellt. Ich wohne jetzt für zwei Nächte in der Blume.“

Die Wien

Am Wiener Stadtpark entlang fließt der Fluss, der der Stadt den Namen gibt, die Wien, einbetoniert, schnurgerade, durch Röhren und Tunnel, ein nach drei Hitzewochen beinahe ausgetrocknetes Rinnsal. (Wien, an der Wien, 3.8.)

Seltsames Wien: Durch Graben und Kärntner Straße, vorbei an der Pestsäule, strömen wie durch die venezianischen Hauptadern die Touristen in unfassbarer Menge, zehn, zwanzig Schritt abseits in den Nebenstraßen und -gassen aber ist es still, streunen die Vereinzelten und Vereinsamten und sitzen sie, die Sitzengebliebenen, in den Cafés und den Kaffeehäusern. Der Stumpfsinn der Leute, die zu reisen glauben und vielleicht sogar von Herzen gern reisen würden (was weißt du von ihnen – nichts) – am deutlichsten wird er wohl in den Innenstädten der Touri-Hochburgen. Natürlich sind wir alle Flüchtlinge, oder nenn es Geflüchtete. Flüchtig sind wir eh. Unendlich viel zu entdecken gäbe es, auf Abwegen, in Steinwurfnähe.

Mark Kozelek, Wien, 3. Aug. 2015 Der wundervoll übellaunige Mark Kozelek („Hello, Australia – I’ve never been to Melbourne!“) mit seinen Sun Kil Moon: spielte, wenn er trank, einhändig Gitarre, sang minutenlang ohne Mikro, erzählte von seiner Kindheit in Ohio und war dabei ganz da und unverwechselbar, unverbesserlich. Hochkomplex und diffizilst, zugleich aus Dekonstruktion und Rock’n’Roll zu kommen, vom Alltag zu spielen und zu singen („Yesterday morning I woke up to so many 330 area code calls / I called my mom back and she was in tears and asked had I spoke to my father / Carissa burned to death last night in a freak accident fire / In her yard in Brewster her daughter came home from a party and found her“ – „Carissa“, 2014) und dabei lebendig zu wirken, indem du es bist. (Arena Wien, 3.8.)

Dreibeiner

In der Schule des Frauengefängnisses verboten: Küsse.

„I care for the animals / that gather round my house / for my sister’s children / and I care for my garden“ Mark Kozelek

Und wieder heißt es: „… in den Tod gerissen …“, von einem Terroristen, einem Selbstmordattentäter. In den Tod gerissen, wie muss ich mir, soll ich mir das vorstellen? In-den-Tod-Reißen heißt doch wohl eigentlich In-den-Tod-Mitreißen oder -Mithineinreißen. Jemanden in etwas hineinreißen kann ich aber doch nur, wenn ich selbst darin bin, selbst darin fest stehe und Stand habe, oder? In den Tod reißen kann ich jemanden nur, wenn ich selbst tot bin! Diese Menschen leben also nicht?

Vergessen, oder halb vergessen, Leonard Cohens Vers von dem dreibeinigen Hund im Nebel (pseudoromantischer Schmu) – aber, seltsam: Da sehe ich doch in letzter Zeit immer wieder dreibeinige Hunde (wenn auch nicht im Nebel), sogenannte Dreibeiner.

Lancelot und sein Ozelot.

Zusammen Pferde sein

Meer und Fjorde, die weiten Felder, der schmale, niedrige Wald, und beinah beständiger Wind, eine große Leere, die aber völlig erfüllt ist, als ein See voller Schwäne und endlich der Mohn. (Thy, 22.7.)

„Irgendwann sah die Welt so aus“, sagt das Kind und zeigt es dir: „Es gab nichts, nichts als Gras.“

Slogan: „Die Schweiz wird schuppenfrei.“

Goddammit.

„Wollen wir zusammen Pferde sein?“, fragt das Kind.

Noch einmal zu dem, was du gestern sahst im Thy, zu den blassen, aber vollen Farben, den Weiten: „Eine Landschaft, ,in extremis‘ gesehen (ohne dass man irgendeine Melancholie empfände, weil man sie auf diese Art überrascht, ganz im Gegenteil). Etwas, das sich auszehrt, sich klärt, ehe es schwindet; sich verklärt, wenn man so will, jedoch bescheiden, fast unbemerkt vorübergehend, sich verbergend. Etwas letztes auch, oder besser: vorletztes; fast schon Dunkelheit, und in gewisser Weise unüberwindlich; man sagt sich, darin könnte man nicht spazierengehen, auch Wolken, Nacht wenn man es wollte, oder es wäre so wie jene Trugbilder, die sich auflösen, sobald man näherkommt oder sich ihrer zu vergewissern sucht. Ein kurzer Augenblick vor der Nacht, eine Erhellung? Keineswegs: ein anderer Zustand der Farben, etwas wie ihre eigene Erinnerung, ihr Abschied, enthalten in ihrer Gegenwart.“ Philippe Jacottet (deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz)

Der Freund, das Glück in den Augen, hoffnungsvolles Glück sein ganzer Körper, als er in die kühle See taucht – die lesbare Freude am Wasser. (Klitmøller, 22.7.)

„… Freude regte sich in seiner Brust; er wünschte plötzlich, eine Mauer möge aus dem Boden herauswachsen und ihn nicht weiterlassen, und er bliebe dann allein mit der Vergangenheit zurück.“ Tschechow, „In der Schlucht“

Hvide Sande

Hvide Sande, AbendIn den Grasdünen eine ganz eigene Landschaft – die nur sich selbst gehört, d. h. dem Meeresstrand, d. h. der See. Die grünen Wellen, das wogende Gras, die Sandbrandung. (Søndervig, 18.7.)

Ein Regentag in Jütland. Alles scheint langsamer in einem warmen Wind, sogar die großen Seemöwen über den halb in den Strand gesunkenenen Geschützbunkern.

Die unaufdringliche Akkuratesse und schlichte Schönheit der dänischen Häuser – so stelle ich mir Inneneinrichtungen im antiken Griechenland vor. Europa und seine Zimmer.Das Klatschmohnhaus

Auch das mal so stille, schöne, beschauliche, dabei stets eigene, bedächtige und achtsame Dänemark – nur mehr Einkaufszentrum, Gewerbemischgebiet, der quasi-amerikanische Schatten seiner selbst. Farvel, Danmark.

Ja, das bist du: in den Dünen der Eisverkäufer im Dauerregen. Der mit dem glückselig hoffnungsfrohen Lächeln – das ihm aus dem Gesicht rutscht.

Baum und WolkenDie Wege auf Hvide Sande, die vom Strand landeinwärts durch die Dünen führen, heißen nach an der Landzunge gestrandeten Schiffen – ganz so, als könnten die Namen den Schiffbrüchigen, die Flüchtlinge geworden waren, Wegweiser sein. (Lyngvig Fyr, 21.7.)

Jeden Morgen und jeden Abend suchen sie ihre Sträucher auf, ihr Gras und ihre Wege durch die Luft: zwei Feldhasen und ein Schwarm Stare. Dünenhasen, Dünenvögel, hier zu Haus.Schleierwolke

Wie weit die Weite, wie blass und alt und voller Kraft die Farben, je weiter du nach Norden kommst! Das flache Land allein kann das nicht erklären. Das Erklären scheint abzunehmen, es hört im Norden ebenso auf wie im Süden.

Wirst du besessen?

Auf dem Parkplatz der Bürostadt war Markt, eine blaue Krähe stocherte in altem Laub nach Kirschen. (Hammerbrook, im Juli vor neun Jahren)

„Sterben ist wie ein Biß, der endlich sitzt.“ Nicolas Born

Alles an dem Polsterer, der den alten Sessel begutachten kommt, sieht gepolstert aus: Schuhe, Nase, Bauch, die Augen. Was er sagt, klingt gepolstert, Wörter wie Sofas und Sätze wie Sofaecken. „Wird er besessen?“, fragt der Polsterer und deutet auf den Sessel, so, als würde er nicht wagen, den Sessel selbst zu fragen.

Als ich in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs die Neonreklame in einem Schmuckgeschäft las – Beju –, dachte ich augenblicklich an Paul Celan. In dessen letztem Gedichtband „Lichtzwang“ von 1970 heißt das vorletzte Gedicht „Du sei wie du“, und Celan lässt die Titelzeile ausklingen mit einem „immer“: Du sei wie du, immer. Die Angst, die Profanisierung der Poesie könnte mittlerweile viel weiter fortgeschritten sein, als ich glauben mag. Doch ist „Beju“, so fiel mir nach stunden- – stunden-! – langem Grübeln endlich auf, natürlich ein Wortspiel mit dem französischen Ausdruck für Schmuck: bijoux. Aber doch nicht nur. Be you. Eigentlich ja: be yourself. Und Celan rückt wohlweislich ein schmales, aber so bedeutsames „wie“ zwischen dich und dein Du. Denn dein Bild von dir, das wirst du nie erreichen. Immernie. Sosehr du dich damit schmückst. (St. Georg, 16.7.)

Schon mal mit einem geliebten Gedichtband in der Gesäßtasche in einem hochsommerlich aufgeheizten Dachboden gestanden, im Wespenlicht? Ein echtes Erlebnis.

Der Kummer in der Milch

Gegen Ende fällt in seinem Roman „Der See“ selbst einer wie Gerhard Roth auf die blutrünstige Lockung von Spannungs- und Verstörungsramsch herein. Splatter pose. Doch immer wieder wühlt sich schöne Poesie ins Freie: „Er faltete die Hände vor dem Bauch zusammen, bewegte die Lippen, ging zwischen den Bäumen herum und riß Äste und Blätter herunter. Er war anfangs vor den Bäumen gestanden wie vor großen Problemen.“ Oder der Schluss, der nach viel Hanswursterei versöhnt. Wundervoll, die ganz unprätentiöse Syntax, die so blass daherkommt und doch so lebendig macht, weil sie dich in deiner Freiheit fordert: „Ein Schwarm Stare erhob sich aus den Weingärten. Eck hatte plötzlich das Gefühl, selbst ein Vogel zu sein, der schwerelos auf das Blau des Himmels zuflog, während vor ihnen die Stare begannen, ihre rätselhaften Zeichen in die Luft zu malen.“

Griechenland – die so genannte Finanz- oder Schuldenkrise ist in Wahrheit eine Politik- und Demokratiekrise. Die Habgier verhindert das Teilen, mithin das behutsame Regieren und Regiertwerden. Das Teilen aber ist immer notwendig, d. h. nötig, um eine Wende herbeizuführen. Das Teilen ist dasjenige, an dem es uns Europäern gebricht, weswegen ein vereintes Europa auch nicht der Wirklichkeit entspricht. Wir sollten jedem Flüchtling, der zu uns kommt, allein schon deshalb dankbar sein, weil er uns die Augen öffnet für unsere eigene Ich-Angst und Ich-Sucht. (6. Juli 2015)

Sommerhitze. Die Leute sitzen auf den Stufen vor ihren Läden und erwarten den Regen. Und wenn er dann einsetzt, gleichgültig, wie stark sein Prasseln und Pladdern, bleiben sie noch eine ganze Weile sitzen. So, viel öfter, leben. (Fuhlsbüttel, 7.7.)

Die blauen Mädchen gehen langsam durch den Sommerregen nach Hause, sind ja Pfadfinderinnen.

„I live in a city sorrow built, / it’s in my honey, it’s in my milk.“ The National

Erzähl noch mal, von dem jungen Mann, der in die Bank kommt, um eine Überweisung zu tätigen, und nur einen Stiefel anhat. Der andere Fuß ist nackt, und so steht er vor dem Schalter. Wo war das noch? Überall! So steht jeder, immer, in einer Bank vor einem Schalter, um eine Überweisung zu tätigen.

Vor dem Supermarkt an eine Laterne geleint wartet ein großer schwarzer Hund, der ich sein könnte.

Im Schatten des Waldrands stehen zwei gesattelte Pferde. Ihre Reiter, ein Wankender, eine Kichernde, trinken an der Waldschenke im strömenden Regen Weißwein und Bier, Bier und Weißwein, ehe sie aufsitzen und davontraben in die graugrüne Brandung. (Rissen, 12.7.)

Das Holz der toten Jahre

Berliner Tratsch: Futter für vertrocknete, verhungerte Herzen. Herzfraß.

Selbst bei den sogenannten Inklusionsklassen spricht man von Förderung der Stärken und vom Ausgleich der Schwächen von Schülerinnen und Schülern. Warum nicht Schwächen fördern und Stärken ausgleichen? Wieso nicht Schwächen stärken? Und Stärken schwächen! Peter Handke forderte schon vor 30 Jahren einen mongoloiden Bundespräsidenten für die Republik Österreich, von dem dann so manches zu lernen wäre. Ein starkes Stück! (1.7.)

„Jetzt ist Pizza angesagt!“ – „Morgen erst mal Schwimmen angesagt.“ – „Zuerst bin jetzt ich angesagt …“ – wie viele Leute heutzutage Bahnhöfe sind. Oder Bahnsteige? Aber noch mehr scheinen mir aufgegebene und lange verlassene Regionalbahnhaltestellen zu sein, an denen nur noch der Wind aus den Lautsprechern kommt: „Jetzt ist erst mal Wind angesagt …“

Hitzetage, nah an 40 Grad. Im Treppenhaus kracht das Holz jeder Stufe. Es scheint lauthals erzählen zu wollen von vergangenen heißen Sommertagen, Hitzefrei-Tagen, Kindern, die im kühlen Treppenhausschatten saßen. Aber das Holz der toten Jahre kracht bloß.

Graspause

Das Gras scheint in seinem Wachstum wider Erwarten eine Pause einlegen zu können! Was Mut macht, dass auch ein Grasende möglich ist.

Das Tier in der Tasche

„Immer wenn ich einem wirklichen Menschen begegne, vergesse ich alles, was ich gekannt habe.“ Angela Krauß

1852 malte Eugène Delacroix eine Studie aus der Erinnerung und schrieb darüber, jetzt atme die Landschaft auch ohne seine Lunge.

Im Flughafen Wien-Schwechat wird ein Passagier Franziskus ausgerufen, und die Leute blicken einander lächelnd an, um nicht nach dem Papst Ausschau zu halten.

Das Tier in der Stofftasche, das der Flugpassagier neben mir mit sich führt – es scheint wechselweise Angst zu haben und neugierig zu sein. Irgendwann, schon in der Luft, wechseln beide Empfindungen so schnell, dass das Tier einschläft.

Eugène Delacroix

„Das Bier kühlte seinen Körper, er spürte es unter der Bauchdecke fließen wie eine Infusion. Ein Segelschiff tauchte gravitätisch im schmalen Kanal zwischen dem Schilf auf. Eck war glücklich, aber er wußte nicht warum. Er bekam nasse Augen. Schwalben flogen zwitschernd über dem Wasser.“ Gerhard Roth, „Der See“

Eigentlich das wichtigste Wort meiner Zeit: „eigentlich“.

Die Beschreibung des katastrophalen Einzelnen, der Vereinzelung – ein nicht großartiges, ein wundervolles Buch ist Gerhard Roths „Der See“.

Weder bin ich Nutzer noch Verbraucher. Ich bin ein Braucher und ein Verschwender. Es ist mir das Glück, gebraucht zu werden, und mein Unglück ist oft, dass ich mich an vieles und so manchen bloß verschwende. (26.6.)

Foto: Eugène Delacroix, Daguerreotypie, 1842, aufgenommen in Frépillon von Léon Riesener

Hoffnungssüchtig, hoffnungsblind

Die daumendicke, daumenlange Hornisse, die sich ins Zimmer verirrt hat und versucht, das Fensterglas zu durchbohren – wie panisch sie zu fliehen versucht! Wovor? Dem Unbekannten, mir, dem noch größeren, noch gefräßigeren Tier? Was wäre es anderes als Angst, was die Hornisse am Wohnzimmerfenster verspürt? Und Angst soll die einzige Empfindung sein, die eine Hornisse hat? Niemals glaube ich das, und alles andere, das nicht von Angst und Liebe spricht, ist mir gleichgültig.

Die schöne ruhige Oker in Wolfenbüttel – die meiste Zeit versteckt unter Feldrandwipfeln, so rieselt sie eher dahin, als dass sie fließt. Unterhalb einer Brücke, als uns ihr schon vergessener Name wieder einfiel – die Oker! –, lehnte ein halbes Fahrrad an einem Brückenpfeiler, als könnte es sein früherer Besitzer vielleicht vermissen und würde es demnächst abholen. Oder ist er ertrunken?

„Die Menschen waren nach Hoffnung süchtig und vor Hoffnung blind, das war ihr Verhängnis.“ Gerhard Roth

„My friend, don’t confront me with my failures, / I have not forgotten them.“ Jackson Browne, „These Days“

In Innsbruck an einer Kirche: „Universitatis morbuis“ – die Universität der Toten?

Ein Mann und seine greise Mutter sitzen auf einer Bank am Ufer des Inn und blicken wortlos auf den gespenstisch schnell vorüberbrausenden Fluss. Was sie (sich und einander) sagen müssten, brauchen die beiden nicht zu äußern, weil der Fluss es schon sagt. (Innsbruck, auf dem Weg zum Traklpark, 19.6.)

Das Ameisenauto

Die polnische Dichterin, keine 25 Jahre alt, recherchiert für ihr Studium in Schottland und lebt dort davon, Fisch zu entgräten – eine Fabrikarbeit, schreibt sie, noch härter als das Rhabarberstechen in ihrer Jugend.

Auf der kleinen Elbinsel erschien dir jedes Gestrüpp einzigartig in seiner Gestalt, mit unverwechselbarem Schatten, besonderem Rauschen im Flusswind, seltsamen Amseln im Gezweig. Erstaunlicher Strauch – als wäre er selber Insel. (Lühesand, 7.6.)

Die schönen Zuckungen so vieler Leute im Gesicht, das sogleich wieder Antlitz wird, sobald sich einer unbeobachtet wähnt. Alles Kinder.

Setz dich irgendwo – gleich, wo! – hin, und sie kommen, scharen sich um dich und machen dich zum Teil und Mitglied, zum Mitmenschen! „Mit“, eines der bedeutsamsten Wörter, das Mitwort. (Braunschweig, 11.6.)

Das Kind hält ein Schulreferat über den blauen Anteil des Lichts, „das, was ich Himmel nenne“. Das Kind erzählt, Mitschülerinnen würden Tipp-ex als Nagellack benutzen. Und du erinnerst dich an deine ersten Typoskripte, die du nicht bloß geschrieben, sondern auch gemalt hast. (13.6.)

Slogan: „Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klasse.“ (Barmbek, 14.6.)

Dem Kind auf Krücken kommt im Gewimmel des Hauptbahnhofs ein Kind auf Krücken entgegen – das stumme Lächeln auf beiden Gesichtern: Sind die Zukunft.

Das Auto des Nachbarn – voller Ameisen. Er sagt: „Das Ameisenauto.“

Die zwölf Jahreszeiten

Ein schöner und guter Versprecher der Literaturhausleiterin, als sie von kreativem Schreiben erzählt und stattdessen sagt „kreatives Sterben“.

„Im Großen und im Ganzen / haben wir allen Grund zum Tanzen.“ Jan Delay

Der Kopfschmerzpapst!

Merkwürdig – wert, gemerkt zu werden –, ja, und seltsam – wesenhaft selten –: der trockene, nicht warme und nicht kalte Wind, der durch die Straßen bläst. Mich erinnert er an so manchen Kindheitssommer in Oberbayern, wenn ich dort an einem Nachmittag im Gras lag, in die Wolken sah, keine Ahnung hatte von irgendwas, auch nicht davon, dass ich schon da ein Dichter war und John Keats mir näher als die meisten Spielkameraden. Der Föhnwind, der mir ins Gemüt drang. Die Sehnsucht nach etwas nicht Ausdrückbarem. Hat sich daran etwas geändert? Vielleicht, dass ich keine Zeit, keine Muße mehr habe und somit stehengeblieben bin, statt im Gras zu liegen und ein bayerischer Buddha zu werden. Hier ist der Kern der ganzen Geschichte. (Hannover, 3.6.)

Der Busfahrer, der drüben auf dem Parkplatz am Flussufer sein Gefährt abstellt und dann im Schatten der Bäume davongeht, vornübergebeugt, fast mit Tippelschritten, er hat auf jedem Fußweg, auf allen Bürgersteigen der Republik seinen Bus im Nacken.

Zwillinge. So bin ich auch, doch bin bloß einer, nein beide, bin Einzelzwilling. (8.6.)

„Ich kenne alle Jahreszeiten auswendig“, sagt das Kind. – „Alle?“ – „Ja, alle!“ – „Sind nicht so viele, oder?“ – „Es geht“, sagt das Kind. „Januar, Februar, März, April …“

„Wir leben“, sagt der Dalai Lama, „in einem Haus, in dem wir an einem überfüllten Fenster sitzen, während hinter uns das Zimmer leer ist.“

Vor dem Fenster geht der Dalai Lama vorbei.

Taifunika

Gestern, im Süden, der erste sonnige Sommernachmittag. Da war sie wieder: meine Stille. Die Stille der Wärme, in der die Vögel nicht mehr hineilen, sondern gaukeln. Und allenthalben, halb hier, halb da, überall bloß halb, die wundervollen Insekten, die Ameisen Zentauren in ihrer Drachenwelt. Dann war es mit einem Mal da und zu sehen: das Flimmern, drüben auf dem Feld, auf halbem Weg zwischen uns und den Bäumen. Duft überall. Die Sonne im Gras. Das schöne Gesicht der Sonne. (28.5.)

Im Ernst: die vier Töpfe mit Spanischem Gras, die seit Jahren unverändert auf demselben Fleck hinter den Sichtschutzgardinen im Treppenhaus so vor sich hinleben – sind sie nicht wie ich? Zum Weinen. Zum Schreien! Zum Lachen. Sind mehr da, als dass sie leben. Aber bedeuten doch in jedem Augenblick: Nein. Wir leben. Was denn, bitte, sonst.

„Einen Haushalt mit Kindern zu führen“, sagt sie, „das ist wie mit Nutella sich die Zähne zu putzen“, und sie lacht.

Und das Kind sagt: „In unserer Klasse geben wir uns allen Spitznamen nach Naturextremen.“ – „Ach ja? Und wie heißt du?“ – „Taifunika.“

Hast du die Hände der jungen Frau gesehen, heute Abend, in der U-Bahn? Sie waren zerschunden, rotfleckig, zerkratzt, schorfig, wund. Und sie erzählte, lachte, strich nur ab und an darüber.

Und auf der durchgehenden Sitzbank im selben Waggon, da schlief einer, lang ausgestreckt über vier Plätze. Im Anzug. Mit Turnschuhen an den Füßen, die waren voller Schlamm.

Die Augen, die man Himmel nennt

Das schöne Wort Versandkatalog. Was ist nicht alles am Versanden! Und ich lasse ja alles Mögliche versanden, Küsse, Umarmungen, Gedichte, Lieder und tausende Grüße. Und alles geht an die Sandadressen. Versandet!

Es muss auch weniger gute Tage geben! Nur so kannst du überhaupt erkennen, wie schön die Welt ist, zumal wenn du liebst und geliebt wirst, von wem immer. Wobei … ist zu lieben vielleicht stärker als geliebt zu werden? Probier’s aus! „Aimer est plus fort que d’être aimé“ singen Christine and the Queens.

Vom U-Bahnsteig herauf kommt durch den Rolltreppentunnel eine dunkle Taube geflogen – wie selbstverständlich. Sie ist das einzig Wirkliche in der funktionalisierten Unterwelt und weiß davon nichts. (Stephansplatz, 22.5.)

„Du musst dich umstellen!“ – „Ich bin keine Uhr.“

„Der eiskalte Himmel.“ – „The ice-cold heaven.“ – „Die Augen, die man Himmel nennt?“ – „Ja. The eyes called heaven.“

„De heven“ – plattdeutsch für den Himmel, an dem die Wolken fluten. Und der Himmel, der uns erwartet (wie uns gesagt wird: wo der uns erwartet, der uns endlich liebt) – ist er auf Platt auch „de hemmel“?

Das Schattenwort

Eine Viertelstunde lang in der Lärmröhre. Die lauernde Angst im Schatten. Ich hielt die Augen geschlossen und dachte an Liebes, an weiche Haut, ans Gehen durch sommerliche Felder. Kernspintomografie. Ein Wort für unsere Welt, Nullwort, das Angst einflößen soll und es tut. Ich versuchte, eine Art Techno-Beat in dem Lärm zu hören, ganz vergeblich. Ich stellte mir Foltermethoden vor. Ich dachte an Gedichte, weil nichts mich mehr tröstet. Ich wurde mehr und mehr nur mehr Körper. Dann, als ich fast resignierte und deshalb nah am Losbrüllen war, herausgezogen wie aus dem für mich bestimmten elektronischen Ofen. (Speersort, 18.5.)

Trost? Du.

Das Schattenwort wuchs.

Mit jeder Amsel auf einer Baumspitze kannst du dich unterhalten – so du den Sinn dafür hast, Lust und Zeit und etwas Amselgeduld.

Der ganze Klatsch und Tratsch – über die vermeintlichen Konkurrenten, Rivalen, die Frauen, die, statt dich, andere begehren und in ihr Bett lassen – wozu? Um deiner Angst wenigstens Gesichter zu geben, wo du ihr schon keinen Namen geben kannst? Sehr schade. Um dich, lieber Freund.

Das Schattenwort wuchs.

Brot und Lauch!

Nach einer so schweren Unterzuckerung wie seit Jahren nicht liegst du da in der kühlen Sonne auf dem Bett und schlummerst. Dein Körper – wer ist er? – gibt dir noch immer unmissverständlich zu verstehen – zu begreifen –, wann es genug ist und du ruhen musst. So wird es sein. Und nicht mehr aufhören …

Das Schattenwort wuchs.

Hygiene der Hyäne

Im gelben Licht der Nacht: Gras, das Gras zwischen den Straßenbahnschienen und der Straße. Wenn du darauftrittst, der Widerstand. (Magdeburg, 8.5.)

„Ob meine Bilder nach der Natur gemalt sind, spielt keine Rolle und ist ohne Bedeutung.“ Claude Monet

„Auf dem Keller“ sagen sie in Bamberg, wenn sie im Biergarten sitzen. Da zeigt sich wieder das Erzählerische – nix da Zeitkolorit, Lokalkolorit – des Dialekts und der regionalen Rede: Zur Kühlung lagerte das Bier der alten Brauereistadt früher in Bierkellern. Und über denen waren Gärten. Und nahe lag, oben, auf dem Keller, auszuschenken, was unten im Dunkeln kühlte.

Von Wolmirstedt nach Woldirstedt!

Laut Peter Handke gibt es im Deutschen keinerlei Synonyme. Auch zwischen Leiblichem und Körperlichem besteht demnach ein Unterschied. Gibt es also den leiblichen Körper, den körperlichen Leib? Und lassen sie sich vereinigen? (Stendal, 10.5.)

B. B. King, der King of Blues, ist gestorben. Sogar der us-amerikanische Präsident schmunzelt nicht länger, sondern trauert, heißt es. Und im Radio, das weniger lügt, heißt es dazu, schließlich sei ja auch B. Obama Teil der Popkultur. (15.5.)

Jenseits der Hecke flitzen bunte Flecken entlang – die Mützen der Kinder, die hinunterspurten zum Spielplatz am Fluss.

Da ist der zerrupfte Vogel wieder, scheinbare Amsel, die aussieht wie Emily Dickinson und seit Wochen im Vorgarten herumhüpft. Sie blickt dich an mit erwartungsvollen Augen. Sie wartet. Auf dich? Jedenfalls wartest du auf sie.

Der Schmunzelpräsident der Popkultur regt sich nicht, als am Tag, nachdem B. B. King starb, das Todesurteil für den „Boston-Marathon-Attentäter“ verkündet wird. Pop war stets nichts als Verharmlosung.

Das Kind, elf Jahre alt, erklärt mir an einem Regenvormittag den Dreisatz der anti-proportionalen Zuordnung.

„Die Konstruktion (das Konstrukt?) des Körpers gleicht der Erfindung des Einhorns (der Erfindung Einhorn?)“, schreibt Michel Serres.

Zu Hause die Hygiene der Hyäne.

Der Lockvogelstreik

„Stars, hide your fires; / Let not light see my black and deep desires.“ Shakespeare, „Macbeth“

Das Kind fragt, als es vom erneuten Streik der Gewerkschaft der Lokführer hört: „Die Lockvögel wollen nicht arbeiten.“

„Was du gesehen hast, verrate nicht – bleib in dem Bild.“ Orakel von Dodona

Lies nicht nur die Neuerscheinungen. Lies auch, was früher schon erschien, lies das Erschienene und die Erscheinungen! Und lies nicht nur in Büchern. Sondern auch in Gesichtern und Gesichten. Lies nicht bloß Zeitung, sondern lies lieber in der Welt.

Noch immer beschäftigt der Lokführerstreik viele, auch das Kind. „Nimm doch einfach ein Pferd“, sagt es ernst.

Weißt du noch? Das eine Gemälde von Camille Corot, entstanden (in deiner Erinnerung) um 1864, betitelt (in deiner Erinnerung) „Sommerlandschaft“ (bei Pontoise?). Doch in keinem Archiv, in keinem Katalog findet sich das Bild. Auf einer lichten Baumgruppe, die den Eingang eines Waldes markiert, liegt schräg und stufig ein auffälliger Schatten, der dem Ganzen ungeheure Tiefe verleiht. Du warst, als du den Schatten lange betrachtet hast, in dem Bild, leibhaftig ein Teil davon. Und spürtest Wärme und Leuchten eines seit anderthalb Jahrhunderten vergangenen Sommertags.

It Takes An Ocean Not To Break

Das Hochhaus, in dessen Penthouse im 18. oder 20. Stock ich vor zwanzig Jahren Gedichte von John Keats und meine Übersetzungen las, wurde abgerissen. Links und rechts die beiden Türme der Dreierstaffette stehen noch, doch wo an der Esplanade der Glaxo-Turm stand, klafft nun ein Loch, groß genug für das Bett Hyperions.

Nie aufgefallen bis heute: „Dynamik“ und „Dynamit“.

Nachts in Berlin, die stille blaue Kälte.

Bäume wie wir Das Geheimnis, ist es ein Heim – ein Zuhause –, gar die Heimat? Es ist jedenfalls vom Heimlichen so weit entfernt wie vom Offenen, dem offen zu Tage Liegenden. Wie das, was man Top Secret nennt, immer auch mit Sekreten zu tun hat. Verzeihung, Herr Geheimrat, aber ich bin mein eigener geheimer Sekretär. Das Geheimnis ist das Eigene, das Heimliche erwächst aus der Angst – und ist damit immer schon im Besitz aller.

„Die abhandene Welt“ heißt Margarethe von Trottas neuer Film – ein Titel, der keinerlei Sinn ergibt. Was soll denn da fehlen … die Welt ist ja da, nur mein Sensorium für sie stumpft ab, stumpft immer weiter ab. Ganz zu schweigen davon, dass es aus diesem Grund auch gar nichts gibt, was abhanden wäre. Alles ist da. Erst wenn es verloren geht, kommt es abhanden. (1.5.)

„Ein Meer ist nötig, um sich nicht zu trennen“, singt Matt Berninger von The National. „Wasser in einem Glas ist das Glas, Wasser in einem See ist der See“, sagt Bruce Lee. „Wasser ist so hart, wie es weich ist.“ Und zu einem Reporter, der ihn interviewte, sagte Lee: „Be water, my friend.“

Foto: Bäume wie wir